Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Blei >

Liebesgeschichten des Orients

Franz Blei: Liebesgeschichten des Orients - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/blei/liebesor/liebesor.xml
typenarrative
authorFranz Blei
titleLiebesgeschichten des Orients
publisherPaul Steegemann Verlag
printrunViertes bis achtes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121017
projectid2818492a
Schließen

Navigation:

Die vornehme Dame und die vier Liebhaber / Aus dem Arabischen

In Kairo lebte eine junge Dame, welche ihren Gatten über alles liebte und ihr Haus nur dann verließ, wenn sie einen ganz wichtigen Anlaß dazu hatte. Wie sie eines Tages vom Bade heimkehrte, kam sie an dem Tribunal des Kadi vorüber, das gerade geschlossen wurde. Der Kadi sah der Dame schöne Gestalt und leichten Gang und dachte an die Dinge, die er nicht an ihr sehen konnte. So ging er auf sie zu und bat sie leise um eine Zusammenkunft. Die Dame beschloß, die Keckheit des Kadi zu strafen, tat als ob sie darauf einginge und schlug ihm vor, noch am selben Abend zu ihr zu kommen. Er versprach es voller Freude. Während die Dame nun ihren Weg fortsetzte, wurde sie noch von drei andern Männern angesprochen, die ihr alle den gleichen Vorschlag machten wie der Kadi. Sie ging auf alle ein und bestimmte jedem denselben Abend und dieselbe Stunde wie dem Kadi. Der erste der Liebhaber aber war der Steuereinnehmer, der zweite der Präsident der Fleischervereinigung und der dritte ein reicher Kaufmann.

Zu Hause erzählte die Dame ihrem Gemahl, was ihr begegnet war, und bat ihn, ihr zu erlauben, die Frechheit der vier alten Kerle zu bestrafen. »Die Strafe, die ich mir ausdachte, wird uns beide sehr unterhalten und uns zudem noch was einbringen, denn die vier Liebhaber werden nicht mit leeren Händen kommen.« Der Mann wußte, daß er sich auf seine Frau verlassen konnte, und willigte ein. Die Frau bereitete nun gleich ein vortreffliches Essen, zog ein sehr anzügliches Gewand an und erwartete ihre Gäste.

Gerade da man das Gebet ausrief, kam der Kadi und klopfte. Die Frau ließ ihn ein und empfing von ihm einen Kranz frischer Feigen. Darauf lud sie ihn ein, sein Gewand zu wechseln, damit er sich wohler bei ihr fühle, und zog ihm eine lange Weste aus gelbem Musselin an, und auf den Kopf setzte sie ihm eine Mütze aus dem gleichen Stoff. Der Gatte im Nebengemach hielt sich die Seite vor Lachen, als er die Grimassen des verliebten Richters und dessen alberne Verkleidung sah.

Kaum hatte der muntere Liebhaber Platz genommen, um sich an dem Mahle gütlich zu tun, als sich seine Freude in Schrecken verwandelte: es wurde an die Tür geklopft. Die Frau tat sehr erschrocken und rief: »Gott soll schützen, das ist ganz die Art, wie mein Mann klopft! Wenn er uns beide findet, wird er uns sicher töten.«

Der Kadi fühlte sich schon mehr tot als lebendig; die Frau half ihm auf die Füße und schob ihn in ein kleines Seitengemach, indem sie sagte, er solle da nur ganz still bleiben, bis sie ein Mittel zu seiner Rettung gefunden habe. Der Kadi sank in eine Ecke mit dem frommen Vorsatz, der Liebe für immer zu entsagen, wenn er für diesmal mit dem Leben davonkomme.

Nachdem die Frau den Kadi versteckt hatte, lief sie zur Tür und öffnete dem Steuereinnehmer, der vor Ungeduld schier umkam und der Dame eine Kassette mit Juwelen brachte. Sie nahm sie gnädig an und lud ihn ein, doch seine reichen Gewänder abzutun: dafür zog sie ihm eine viel zu kurze rote Jacke an und eine rote Mütze mit schwarzen Tupfen. Kaum saß er bei Tische, als es an die Haustür pochte. Die Frau spielte das selbe Stück wie zuvor mit dem Kadi, der sich etwas getröstet fühlte, als er sich in Gesellschaft einer so respektablen Persönlichkeit fand, die ebenso lächerlich angezogen war wie er. Die beiden Alten machten sich in der Kammer Zeichen gegenseitigen Bedauerns, denn sprechen durften sie nicht, um sich nicht zu verraten.

Der Metzgerpräsident wurde eingelassen und sein Geschenk angenommen. Auch er mußte seine Kleidung gegen eine zu enge blaue Weste wechseln und eine mit Muscheln und allerlei Gehängen verzierte rote Samtmütze aufsetzen. Als sich alsbald wieder ein Klopfen hören ließ, wurde der schreckerstarrte Liebhaber in dieselbe Kammer befördert. Nun erschien der Kaufmann, der schöne Schleier und kostbare Stoffe brachte. Aber es ging ihm auch nicht anders als seinen Vorgängern, die ihn schweigend empfingen, nachdem es neuerlich geklopft hatte und er rasch zu ihnen abgeschoben worden war.

Diesesmal hatte aber der Gatte geklopft. Er trat ein, küßte seine Frau und setzte sich zu ihr. Das Paar machte sich über das Abendessen her, das für die vier Galans bereitet war, und nachdem man gegessen hatte, gaben sich die Beiden tausend verliebten Zärtlichkeiten hin, die den armen eingesperrten und vor Angst zitternden Teufeln nicht entgingen. Der Gatte war jung, schön und stark und der Liebe seiner Frau gar wohl gewachsen. Die heiteren Umstände versetzten die Beiden rasch in einen solchen Zustand, daß sie bald auf dem Sofa beieinander lagen. Das glückliche Paar nahm absichtlich eine Stellung ein, die es den Vieren in der Kammer möglich machte, alles das zu sehen, was sie hergebracht hatte. Nachdem sich die beiden so allen Freuden der Liebe überlassen hatten, fingen sie nach einiger Zeit der ruhigen Erschöpfung ein Gespräch an, so laut, daß die in der Kammer es gut hören konnten und kein Wort verloren. »Licht meiner Augen,« begann der Mann, »hast du nichts auf deinem Wege vom Bade zurück Lustiges erlebt, das du mir erzählst?« – »Vier alte Kerle fand ich,« sagte die Frau, »die ich gerne mit nach Hause genommen hätte, damit wir an ihren komischen Gesichtern Spaß haben. Aber ich fürchtete, es würde dich langweilen. Wenn du aber willst, so bestelle ich sie auf morgen.«

Die vier Liebhaber, die vor Angst halbtot waren, bekamen wieder etwas Hoffnung, denn sie hielten, was die Frau da sagte, für irgendeine Erfindung, daß sie von ihrem Manne loskäme, aber die Hoffnung wurde bald zunichte.

»Das ist schade,« sagte der Mann, »daß du sie nicht gleich mitgenommen hast. Gerade morgen bin ich mit Geschäften mehr in Anspruch genommen.« Darauf antwortete die Frau: »So will ich dir gestehen, daß ich sie hergebracht habe und mich gerade mit ihnen amüsieren wollte, als du kamst. Ich fürchtete, du könntest es übelnehmen, und deshalb hieß ich sie in diese Kammer gehen und warten, bis ich wüßte, ob du zum Lachen aufgelegt seiest.«

Man kann sich die Angst der Viere vorstellen und wie sie zum Schrecken wurde, als der Gatte zu seiner Frau sagte, sie möge sie einen nach dem andern hereinführen. »Jeder muß uns mit einem Tanz und mit einer Geschichte unterhalten. Und dem, der das nicht will, schlag ich mit meinem Säbel den Kopf ab.« – »Gott steh uns bei,« sagte der Kadi, »wie sollen so ernste und würdige Leute wie wir tanzen? Aber es gibt keinen andern Ausweg, daß wir dieser verdammten Hexe und ihrem schrecklichen Genossen entrinnen, und wir müssen unser Möglichstes tun.« Seine Leidensgefährten waren derselben Meinung und harrten still ihres Loses.

Da trat die Frau in die Kammer, hängte dem Kadi eine Trommel um und führte ihn vor ihren Gemahl; hierauf nahm sie eine Gitarre und begann darauf eine lustige Tanzweise zu spielen. Sofort fing der würdige Beamte zu tanzen an und schnitt dabei solche Grimassen und machte so unsinnige Bewegungen, daß er völlig wie ein gefoppter Affe aussah.

»Bei meiner Seele,« sagte der Mann zu seiner Frau, »wüßte ich nicht, daß er ein Tänzer und Springer von Beruf ist, ich würde ihn für den Kadi halten. Aber, Gott soll mir verzeihen, ich weiß ja, daß unser ehrwürdiger Richter jetzt Urteile spricht oder über den Gesetzbüchern brütet oder die morgigen Verhandlungen studiert.«

Bei diesen Worten verdoppelte der Kadi seine Sprünge und Grimassen, um ja nicht erkannt zu werden; aber schließlich war er so erschöpft, daß er auf den Teppich hinfiel. Der Hausherr aber war erbarmungslos und drohte ihn zu erschlagen, wenn er nicht weitertanze. Was der Arme auch tat, bis er schwitzend und prustend umfiel. Hierauf gab man ihm ein Glas Wein zu trinken, schenkte ihm das Geschichtenerzählen und jagte ihn hinaus.

So kam einer nach dem andern, mußte tanzen, bis er nicht mehr konnte, und wurde dann hinausbefördert. Die Vier gaben sich einen Eid, künftighin klüger und weniger vertrauensselig zu sein.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.