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Gutenberg > Friedrich Rückert >

Liebesfrühling

Friedrich Rückert: Liebesfrühling - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorFriedrich Rückert
titleLiebesfrühling
publisherJ. D. Sauerländer's Verlag
printrunAchte Auflage
year1872
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140613
projectid9d729167
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Dritter Strauss. Entfremdet

I.

Die Liebe saß im Mittelpunkt
Und blickte rings in's Ferne;
Und wo von ihr ein Blick hin funkt,
Erblüh'n am Himmel Sterne.

Hier ist ein neuer Strahl ersprüht,
Und dort erlischt ein Schimmer.
Der Kranz der Welt ist unverblüht,
Die Liebe blickt noch immer.

 

II.

Ein Geliebtes leiden lassen,
Stiller Neigung widersteh'n;
Was an's Herz du möchtest fassen,
Dem mit Frost in's Auge seh'n!

O der Qual, die ich empfunden,
Die ich dich empfinden ließ,
Als ich mich dem Band entwunden,
Das den Himmel mir verhieß.

 

III.

Die Liebste hat mit Schweigen
Das Fenster aufgethan,
Sich lächelnd vorzuneigen,
Daß meine Blick' es sah'n.

Wie mit dem wolkenlosen
Blick einen Gruß sie beut,
Da hat sie lauter Rosen
Auf mich herabgestreut.

Sie lächelt mit dem Munde
Und mit den Wangen auch;
Da blüht die Welt zur Stunde
Mir wie ein Rosenstrauch.

Sie lächelt Rosen nieder,
Sie lächelt über mich
Und schließt das Fenster wieder
Und lächelt still in sich.

Sie lächelt in die Kammer
Mit ihrem Rosenschein;
Ich aber darf, o Jammer,
Darin bei ihr nicht sein.

O dürft' ich mit ihr kosen
Im Kämmerchen ein Jahr;
Sie hat es wohl voll Rosen
Gelächelt ganz und gar.

 

IV.

Ach, nach einem Blumenbeet,
Das mit stillem Prangen
Vor der Liebsten Fenster steht,
Blick' ich mit Verlangen.

Wenn der Ost vorübergeht,
Bleibt er schwebend hangen,
Allen Duft vom Blumenbeet
Durstig aufzufangen.

Wenn die Sonn' am Himmel steht,
Schaut sie mit Verlangen
Nach den Blumen, die im Beet
Nicht durch sie entsprangen.

Wenn die Liebst' an's Fenster geht
Mit den Rosenwangen,
Sind die Rosen in dem Beet
Lächelnd aufgegangen.

Wenn sie von dem Fenster geht,
Ist der Tag vergangen,
Und es schließt das Blumenbeet
Jedes Aug' mit Bangen.

Rosen, die ihr nur euch dreht
Nach den Rosenwangen,
Lasset still in eurem Beet
Mitblüh'n mein Verlangen.

Von der Liebsten Hauch umweht,
Und von ihren Wangen
Angestrahlt, ein Rosenbeet
Bin ich aufgegangen.

 

V.

Komm, verhüllte Schöne!
Komm, aus deinem Haus
Locken stille Töne
Dich zur Nacht heraus.

Komm und schlag' den Schleier
Dir vom Angesicht,
Zeige dich nur freier,
Süßes Mondenlicht!

Unter ist die Sonne,
Deren Blick, so scharf,
Deine milde Wonne
Nicht verletzen darf.

Abendgluthumröthet
Starb der Lerche Schall;
Und aus Büschen flötet
Nun die Nachtigall.

Tag mit seinem Tosen
Ist zur Ruhe hier.
Liebchen! alle Rosen
Schlafen außer dir.

Alle kecken Lüfte
Sind zur Ruh' im Laub;
Nachtviolendüfte
Fürchten keinen Raub.

Lüstern keine Biene
Trägt mehr Honig ein;
Und an deiner Miene
Saugt mein Blick allein.

Laß dich's nicht verdrießen,
Küsse mich in Ruh'.
Alle Knospen schließen
Ihre Augen zu.

Und vor'm Abendsterne
Wirst du nicht dich scheu'n,
Dessen Blick sich gerne
Mag an Küssen freu'n.

 

VI.

Dunkel ist die Nacht,
Und die Liebe ferne,
Meine Sehnsucht wacht,
Sucht nach einem Sterne.

Leben ist verstummt
In den öden Straßen,
Drüben schwarz vermummt
Steht das Schloß verlassen.

Ausgestorben ganz
Das Gebäu mir deuchtet,
Eines Fensters Glanz
Ist allein beleuchtet.

Und da ist ein Stern
Schimmernd aufgegangen,
An dem Strahle gern
Täusch' ich mein Verlangen:

Sitzt ein Frauenbild
Hinter hellen Scheiben,
Schaffet ruhig mild,
Was sie hat zu treiben.

Liest sie ein Gedicht?
Wirkt sie zart Gesticke?
Einer Kerze Licht
Spielt mit ihrem Blicke.

Harret sie vielleicht
Eines Freunds und lauschet,
Ob's im Gäßlein schleicht
Und am Pförtchen rauschet?

Doch ich seh' es ja
An den stillen Mienen,
Daß sie nur ist da, –
Mir zum Stern zu dienen.

 

VII.

Wenn die lieben zarten Blätter
Liegen unter meinem Stift,
Der in Liebesmaienwetter
Webt auf ihnen Blumenschrift;

Und der stillen Lampe Schimmer
Auf das Blatt als Sonne scheint,
Wo die Phantasie im Zimmer
Alle Himmel hat vereint:

O wie liegt der wilde Lärmen
Der bewegten Faschingszeit,
O wie liegt das laute Schwärmen
Meinen Sinnen, o wie weit!

Draußen rollen die Karossen,
Und die Masken wogen nach;
Doch mein Ohr, der Welt verschlossen,
Ist dem innern Liede wach.

Hab' ich etwas zu versäumen
Im gedrängten Maskensaal?
Von phantastisch bunten Träumen
Lebt's um mich hier allzumal.

Wenn ich dort ein Liebchen wüßte,
Dem ich fehlt' im vollen Raum,
Ich es freilich suchen müßte
Und hier lassen meinen Traum.

Aber weil ich muß verzichten,
Heut' mein Liebchen dort zu seh'n,
Soll sie vor mir in Gedichten
Wie in tausend Masken steh'n. –

Darf ich einst der Guten zeigen,
Was sie heimlich angefacht;
Was ist fremd und was mein eigen?
Wird sie fragen wohl bedacht. –

Auch von dir für fremd Erkanntes
Ist dein eigen, zweifle nicht,
Dein dem Schatten zugewandtes
Farbenspiel, mein süßes Licht!

Was als Hauptwerk könnte gründen
Eines Liebedichters Ruhm,
Leg' ich, meine Macht zu künden,
Dir als Flitterbeiwerk um.

 

VIII.

Wo ein Härchen deines Hauptes
Unter'm Kämmen niederfiel,
Nimmt's ein Amor auf vom Boden,
Macht ein Schlingchen draus zum Spiel.

Vom Rubin des Mund's ein Lächeln
Dient an rother Beerchen Statt,
Und ein Sprenkelchen ist fertig,
Wie mich eins gefangen hat.

 

IX.

An der Wange meiner Liebsten
Steht ein kleiner Fleck.
Amor hat ihn hingestellet,
Darum steht er da so keck.

Art'gen Schreck um sich verbreitend,
Hier im Garten steht der Mohr,
Daß er vor Beraubung schirme
Amors zarten Lilienflor.

 

X.

Nie in schön'rem Stübchen
Saß gefangen ein hold'rer Dieb,
Als das Lächeln im Grübchen
Auf der Wange von meinem Lieb.

 

XI.

Die Liebste nahm mit Lächeln
Den Fächer in die Hand;
Sie wollte Kühlung fächeln
Auf meiner Wange Brand.

Wie sie mich angelächelt,
Wie sie mich angelacht!
Da ward, so angefächelt,
Der Brand erst angefacht.

 

XII.

Meine Töne, still und heiter,
Zu der Liebsten steigt hinan!
O daß ich auf eurer Leiter
Zu ihr auf nicht steigen kann.

Leget, o ihr süßen Töne,
An die Brust ihr meinen Schmerz,
Weil nicht will die strenge Schöne,
Daß ich ihr mich leg' an's Herz.

 

XIII.

Eine hab' ich singen hören,
Daß ich's nun mir denken kann,
Wie mich einst mit Engelchören
Wird der Himmel sprechen an.

Von den Abendglockenlauten
Sang sie mir ein Lied in's Herz,
Daß die Augen Sehnsucht thauten,
Und mir Wonne ward zum Schmerz.

Und die Abendglockenklänge
Klingen so mir nach im Ohr,
Daß die eigenen Gesänge
Mir wie tonlos kommen vor.

Süß'res wüßt' ich nicht zur Stunde,
Als daß ich, im Klang zerthaut,
Werden dürft' in ihrem Munde
Solch ein Abendglockenlaut.

 

XIV.

Vor deinen hellen Augen
Wird Niemand trüb' erscheinen ohne Grund;
Zu deinen hellen Augen
Komm' ich mit trüben, und du weißt den Grund
Du kannst mir blicken auf der Seele Grund
Mit deinen hellen Augen:
Dort liegt ein Weh, gesogen aus dem Grund
Von deinen hellen Augen.

 

XV.

Der Groll, den alle Leute hassen,
Hat liebenswürdig wollen werden;
Er hat von meiner Liebsten lassen
Sich in ihr schönes Auge fassen,
Und Hold'res giebt's nun nichts auf Erden.

 

XVI.

Sie sprach: ich bin dir nicht mehr gut!
Sie sprach es mit Geberden,
Daß ich es fühlt' in Mark und Blut,
Sie sei mir gut und sei mir gut
Wie Niemand sonst auf Erden.

 

XVII.

Kein Wörtchen geht verloren,
Das deinem leisen Mund entkam,
Und sei's so still geboren,
Daß es sich selber kaum vernahm.
Oft zürnen meine Ohren,
Daß es durch sie den Weg nicht nahm;
Weiß nicht, zu welchen Thoren
Es ein zur Stadt des Herzens kam.

 

XVIII.

Ich steig' in meiner Liebsten Gunst
Und komme dann wieder zu Falle;
Wie weiß sie mit gewandter Kunst
Zu spielen mit ihrem Balle!

Ich bin noch nie so hoch gestiegen,
Ich mußte wieder hernieder,
Doch sah sie auch nie so ferne mich liegen
Aufheben ging sie mich wieder.

 

XIX.

Die Liebste sprach: Du gefällst mir heut'.
Nun denkt ihr, wie mich das Wort gefreut
Ja, wüßt' ich's nicht besser als Alle!
Um morgen zu mißfallen ihr,
Genügt ein Grund von allen ihr:
Daß man ihr heute gefalle.

 

XX.

Gestern sah ich Liebchen sitzen,
Die an Spitzen
Seiner Flügel Amorn hielt,
Der sich, ohne zu entschlupfen,
Gern ließ rupfen,
Bis der Fittig war entkielt.

Armer Vogel! wie betrogen!
Einst geflogen
Bist du frei durch Hain und Flur,
Und nun wirst du künftig flattern
Zwischen Gattern
Dieses Rosengartens nur.

 

XXI.

Bist eine Göttin,
Von Himmelshöh'n
Herabgestiegen,
Wie bist du schön!

Doch hegen Götter
Im Busen Groll?
Wie blickst du, Göttin,
So unhuldvoll!

Anbeten lassen
Sich Götter gern;
Was hältst du deinen
Anbeter fern?

 

XXII.

Geh', mein Herz, zum Liebchen heute!
Weißt du, ob du's morgen kannst?
Nimm der Liebe Glück zur Beute
Rasch und stirb, wann du's gewannst.

Warum willst du fern ihr säumen
Einen einz'gen Augenblick?
Laß dich nicht in leeren Träumen
Ueberraschen vom Geschick.

Sondern wann es ohn' Erbarmen
Führen will auf dich den Streich,
Treff' es dich in ihren Armen,
Ihr am Busen stirbt sich's weich.

Zähle nicht die künft'gen Stunden,
Die du weihen willst der Lust!
Eine, traurig hingeschwunden,
Ist ein sicherer Verlust.

Ob dir tausend Tage blieben,
Gieb umsonst nicht einen Tag.
Warum willst auf morgen schieben,
Was dir heute werden mag?

Unerschöpflich ist der Becher,
Den die Liebe dar dir beut;
Nie ihn enden wirst du, Zecher,
Doch beginnen mußt du heut'.

 

XXIII.

Sie lächle oder erbose,
Mein Lieb ist immer die Rose:
Wenn sie lächelt voll Zier,
Die hundertblätt'rige mir;
Wenn sie grollet, die Zornige,
Ist sie die hundertdornige:
Mein Lieb ist immer die Rose,
Sie lächle oder erbose.

 

XXIV.

Dichterlieb' hat eig'nes Unglück stets betroffen,
Hohe Götter, lasset mich das Beste hoffen!

Anders nicht gewinnen könnt' Apoll die Daphne,
Bis ihn kränzte die in Lorbeer umgeschaff'ne.

Syrinx auch, eh' sie dem Waldgott Lieb' entböte,
Mußte werden erst zur siebentön'gen Flöte.

Götter! wandelt die mir nicht, die mir erklärt,
Daß sie Liebe unverwandelt mir gewährt.

 

XXV.

Zweie gegen Einen
Ist unritterlich.
Amor! vor den Steinen
Schämen solltest dich.

Hast aus Ritterzeiten
Bess'res nicht gelernt?
Wo sich Zweie streiten,
Steht der Dritt' entfernt.

Wie denn meiner Dame
Stehst du also bei?
Amor! ich erlahme,
Ein Mann gegen zwei.

Lächelnd sprach der Kleine:
Schäme dich! es sind
Ja zwei Mann nicht eine
Dame und ein Kind.

 

XXVI.

Deinen Namen hab' ich, wie in meine Brust,
Eingegraben in des Baumes Rinden,
Daß ein Theil von meinen Schmerzen mitbewußt
Würde dem fühllosen Stamm der Linden.

Liebe! wenn du mich mit Stürmen brechen mußt,
Wiege jeden Stamm mit sanften Winden,
Daß der Name blühe dort noch lang' in Lust,
Wenn er mit dem Herzen hier muß schwinden.

 

XXVII.

Ach, ein Nam', ein neuer,
Ohne Klang sonst meinem Ohr,
Ist mir worden theuer,
Kommt mir wie ein Zauber vor.

Wo ein Mund ihn raunet,
O wie laut mein Herz erschrickt!
Und mein Auge staunet,
Wo's geschrieben ihn erblickt.

 

XXVIII.

Ein Schmetterling umtanzte meine Kerze
Und taumelte versengt in's Tintenfaß.
Was Wunder nun, wenn bunte Liebesscherze
Bei Kerzenschein hier blüh'n aus dunklem Naß!

 

XXIX.

Sie gab mir Feder und Papier,
Daß ich ihr Lieder schriebe;
Und auf die Blätter hab' ich hier
Geschrieben ihre Liebe.
So ist der ganze Stoff von ihr,
Die Liebe wie das Schreibpapier;
Was bliebe mein, wenn nicht die Form es bliebe?

 

XXX.

Die drei Göttinnen kamen zu mir,
Um den goldnen Apfel zu streiten;
Ein trojanischer Krieg steht hier
Uns bevor wie in alten Zeiten.

Doch so lehrte mich Gott Merkur
Vorzubeugen dem greuelhaften:
Gehet, sprach ich, ihr seid ja nur
Von der Liebsten drei Eigenschaften.

Juno, du bist ihr stolzer Gang,
Pallas, du bist ihr Geistesfeuer,
Venus, du bist ein Lächeln der Wang',
Und der Apfel ist ihr, nicht euer.

 

XXXI.

Meine Liebste will mit steter
Treue mein sein ewiglich,
Wann einmal die Barometer
Steh'n auf unveränderlich.

 

XXXII.

Das Verlangen saß in seiner
Gluth auf meiner Lippe,
Und die Weig'rung saß auf deiner
Wie auf einer Klippe.

Sich hervor Verlangen wagte,
Weigerung entflöhe
Lippenein, Verlangen jagte
Nach mit süßer Drohe.

Und wie lang' auch dem Verlangen
Weigerung sich sträubte,
Endlich mußte sich gefangen
Geben die Betäubte.

 

XXXIII.

Es wacht der stille Mond am Himmel,
Zum Wächter ist er dir bestellt,
Wo er ein glänzendes Gewimmel
In deinem Dienste munter hält.

Du hast vor deines Auges Schließen
Zum Lohn ihm einmal noch gelacht;
Wie dürft' es seines nun verdrießen,
Sich nicht zu schließen diese Nacht?

Als pflichtvergessen sollt' ihn strafen
Dies Aug' auf meinem Angesicht;
Dies Aug', es darf gleich ihm nicht schlafen,
Doch lohnst du so sein Wachen nicht!

 

XXXIV.

Warum sind deine Augen so naß?
Ich habe der Liebsten in's Auge geschaut,
So lange, bis mir die meinen sind übergegangen.

Warum sind denn deine Wangen so blaß?
Es sind die Rosen, die ich gebaut,
Vor Sehnsucht hinüber gewandert auf ihre Wangen.

 

XXXV.

Du, o Lippe, von dem Kusse
Der Geliebten eingeweiht,
Nun vom Paradiesesflusse
Eingenetzt auf Ewigkeit!

Von den reinen Himmelsfluthen
Sind die Sünden weggespült,
Und die trüben Sinnesgluthen
Leicht in Aetherhauch gekühlt.

Nicht mehr träge Erdenspeise
Komme deinem Kelche nah',
Sondern nach der Götter Weise
Nektar und Ambrosia!

Nicht mehr über deine Schwelle
Wandle dumpfes ird'sches Wort,
Sondern des Gesanges helle
Opferlohe fort und fort!

 

XXXVI.

Wo ich mit dir weilen soll, ich bin bereit!
Und bereit, wo ich mit dir soll wandern.
Mit dir leben hier ist eine Seligkeit,
Und der Tod ein Uebergang zur andern.

 

XXXVII.

An meiner Liebsten goldenen Nadel
Ritzt' ich mich jüngst auf's Blut;
Es war von gutem Freund ein scharfer Tadel,
Der Einem doch nicht wehe thut.

 

XXXVIII.

Liebste! wer mit einem Blick
Gießt in Herzen Wonne,
Hat der nicht ein schönes Glück
Wie des Himmels Sonne?

Die du kannst mit einem Gruß
Heben tausend Leiden;
Wahrlich, um dies Vorrecht muß
Dich der König neiden.

 

XXXIX.

Mein Liebster ist ein sprudelnder Quell,
Ich bin die sinnige Blum' am Rande.
O Sonne, die du uns scheinest so hell,
Thu' uns nicht Schaden mit deinem Brande!

Mein Quell sagt, daß er vor Leid versiege,
Wenn mich, die Blume, versehrt dein Strahl;
Und wenn du den Quell vertrocknest im Thal,
So weiß ich, daß ich in Staub zerfliege.

 

XL.

Ich sah mit dem Blick der Liebe sie an,
So schön da ist sie mir vorgekommen,
Das Herz hat die Augen mir aufgethan,
Ich hatt' es so lange nicht wahrgenommen.

Wie wenn der Freund mit wankender Hand,
Mit irrenden Zügen ein Blatt mir schriebe,
Mein Herz doch hätte darin erkannt
Den himmlischen Sinn, die Seele, die Liebe;

So hat dies Angesicht die Natur
Beschrieben mit unvollkommenen Zügen,
Doch Liebe les' ich in jedem nur,
Wie sollt' die schöne Schrift nicht genügen

 

XLI.

Ich sah das Paradies mir offen,
Doch nur im Traume;
Denn wachend ist das nicht zu hoffen
Im Erdenraume.
Das Paradies wird nicht erworben,
Eh' man gestorben.
O Herz, wenn du es willst erwerben,
So laß uns sterben.

 

XLII.

Sie ist schön wie der Frühlingstag,
In Liebestrahlen zerflossen.
Sie ist schön wie der Rosenhag,
In Düfte der Lieb' ergossen.

Sie ist schön, wie in Eden mag
Der Baum des Lebens ersprossen.
Sie ist schön, wie die Schöpfung lag
Im Geist des Schöpfers beschlossen.

Sie ist schön wie die Liebesklag',
Aus Freimunds Lippen geflossen.
Schöner als Alles, was ich sag',
Ist, was ich im Herzen verschlossen.

 

XLIII.

Laß die Erde unter dir,
Dein Gemüth zum Himmel hebend!
Sprach die Lilie zu mir,
Auf dem schlanken Stengel schwebend.

Durch der Wünsche Dornenland
Wandle leicht geschürzten Saumes
Und vom flatternden Gewand
Schüttle dir den Staub des Raumes.

Unter den aus Himmelsschein
In des Lebens Nacht Gesunk'nen
Sind die Glücklichen allein
Die von ew'ger Liebe Trunk'nen.

 

XLIV.

Die mich hat am Fädchen,
Stehet auf der Grenze still
Zwischen Kind und Mädchen
Und ist Beides, was sie will.

Wie es eben dienen
Mag am besten ihrem Plan,
Legt sie sich die Mienen
Von dem ein' und andern an.

Aus dem einen immer
Leis in's andere Gebiet
Spielt sie, wie ein Schimmer
Durch bewegte Zweige flieht.

Mädchenhaft und kindlich,
Wie sie mir sich zeigen mag,
Mir unüberwindlich
Blieb sie bis auf diesen Tag.

Kindischer Geberde
Dich zu necken scheint sie dort;
Dann den Muth zur Erde
Schlägt sie mit erwachs'nem Wort.

Wenn du sie willst nehmen
Für ein Kind, wie sie sich giebt,
Wird sie dich beschämen,
Wenn's ihr klug zu sein beliebt.

Wenn du sie zu fassen
Nun beim Ernste denkst mit Glück,
Zieht sie sich gelassen
In den kind'schen Scherz zurück.

 

XLV.

Wie sind deine Töne,
Menschenbrust, so dumpf!
Wie für's Geistig-Schöne,
Worte, seid ihr stumpf!

Wie sind eure Glieder
Ungeschmeidig streng,
Eure Formen, Lieder,
Dem Gefühl zu eng'.

Was ich hatt' empfunden
In der Brust so warm,
Wie sich's losgewunden,
Steht es da so arm.

Vor dem Klang der Flöten
Schämt sich Dichters Wort,
Vor der Ros' erröthen
Muß es fort und fort.

Kannst du wohl dich messen,
Lied, mit Nachtigall,
Flüsternden Cypressen,
Silberwogenfall?

Daß die Rede flösse
Wie des Quelles Fluth
Oder sich ergösse
Wie des Feuers Gluth!

Daß die Worte sproßten
Wie die Ros' im Thau,
Wie die Röth' im Osten
Aus dem feuchten Blau!

Meine Lieder schienen
Immer herb' mir nur,
Wenn ich ab von ihnen
Sah in die Natur.

Lieblich will mir scheinen
Nur das Liebeslied,
Liebste, das aus deinen
Augen an mich sieht.

 

XLVI.

Seufzend sprach ich zu der Liebe,
Als ich sie entschleiert sah:
Ach, daß so dein Antlitz bliebe
Meinen Blicken ewig nah'!

Doch wie dich die Sehnsucht freier
Schauet einen Augenblick,
Senket wieder sich der Schleier
Und verdüstert mein Geschick.

Liebe sprach: in ewig reinem
Lichte strahl' ich, o du Thor;
Nicht vor meinem, sondern deinem
Angesichte hängt der Flor.

 

h>XLVII.

Vor dem Angesicht der Braut
Hing der dunkle Schleier;
An den Falten lieb und traut
Tändelte der Freier.

Von der Sehnsucht Odemzug
Ward die Hüll' enthoben;
Als der Liebe Glanz ihn schlug,
War sein Spiel zerstoben.

Laß vor deinem Angesicht
Nur die Decke nieder!
Dir am Schleier, Himmelslicht,
Will ich tändeln wieder.

 

XLVIII.

Ich seh's an allen Zeichen,
Daß meine Sonne kommt.
Die lichten Stern' erbleichen,
Weil nur die Demuth frommt
Den Dienern, wo erschienen
Der Herr ist, dem sie dienen.

Ich seh's an allen Zeichen,
Daß meine Sonne naht.
Der Mond muß scheu entweichen,
Der ihren Platz vertrat,
Nun sie will sein im Aether
Ihr eigner Stellvertreter.

Ich seh's an allen Zeichen,
Daß meine Sonn' erwacht.
Die Schatten furchtsam streichen
Durch die erregte Nacht;
Sie faßt des Lichtes Schauern,
Vor dem nicht Schatten dauern.

Ich seh's an allen Zeichen,
Daß meine Sonn' erblüht.
Die Wolken sind mit reichen
Duftröthen angesprüht;
Sie wollen's noch umfloren
Das Licht, das schon geboren.

Ich seh's an allen Zeichen,
Daß meine Sonn' erscheint.
Der Morgen hat die weichen
Thauperlen schon geweint,
Sein schmelzendes Entzücken
Den Fluren auszudrücken.

Ich seh's an allen Zeichen,
Du bist die Sonne mein.
Die Morgenlüfte schleichen
Sich mir in's Herz hinein,
Und Ahnungslichter schweben,
Der Seele Flor zu heben.

Ich seh's an allen Zeichen,
Du bist die Sonne mir.
Des Herzens Triebe reichen
Wie Blumen auf zu dir,
Und wie ein Baum in Blüthe
Aufgeht dir das Gemüthe.

Ich seh's an allen Zeichen,
Du bist die Sonn' allein;
Denn du bist ohne Gleichen,
Und du bist einzig mein;
Mir unter ging die ganze
Natur in deinem Glanze.

 

XLIX.

Komm, meine jüngste Sonne,
Betritt dein strahlend Feld!
Rasch sei von Deiner Wonne
Mein kurzer Tag erhellt.

Gegangen sind der Sonnen
Hin über mich wie viel,
Seit ich zu blüh'n begonnen
In ihrer Strahlen Spiel.

Als aus der Kindheit Träumen
Zuerst mein Herz erwacht,
Sah ich ein Frühroth säumen
Den Horizont der Nacht.

Es war der Himmelsbogen
Entbrannt von Ungeduld,
Von Ahnung überflogen
Annah'nder Sonnenhuld.

Da stieg die erste Sonne,
Da schwoll mein erster Trieb;
Das war die erste Wonne,
Das war mein erstes Sieb.

Da kam die erste Klage,
Als mir die Sonn' erblich,
Nach Einem Frühlingstage
Mir in die Nacht entwich.

Da kamen, Licht-erneuend,
Wohl andre schön und klar,
Doch keine so erfreuend,
Wie nur die erste war.

Da wuchs ich im Gefilde
Und richtete mit Lust
Je nach dem Sonnenbilde
Den stillen Trieb der Brust.

Ich wuchs und blühte weiter
In Sonnenlieb' allein,
Ob trüber mich, ob heiter
Berühren mocht' ihr Schein.

Von Morgenthau besprenget,
Von Frühroth angehaucht,
Von Mittagsgluth versenget,
In Abendroth getaucht.

Der Frühling ist geschwunden,
Und auch der Sommer schwand,
Und immer kürz're Stunden
Das Licht am Himmel stand.

Die Liebe blickte streifend
Von schiefer Sonnenbahn,
Mit Gluthen nicht ergreifend,
Mich matten Auges an.

Wie ist mir denn geworden,
Was ich noch hoffte kaum,
Im herbstumwölkten Norden
Ein neuer Frühlingstraum!

Daß sich zum Licht erheben
Der Trieb noch einmal mag!
Das hast du mir gegeben,
Du letzter Sonnentag.

Du letzter Gruß der Wonne,
Du letzter Blick der Qual,
Du jüngste Liebessonne,
Du schöner Todesstrahl.

O neige schönheitstrunken
Dein Haupt am Himmel schief
Und schleud're Blitzesfunken
Mir in die Seele tief.

Die blaue Luft des Auges
Erheit're mit dem Schein
Des Lächelns, und ich saug' es
Mit dürft'gen Fasern ein.

Laß alle Schleier fallen
Von deinem Angesicht
Und es allein umwallen
Der Locken goldnes Licht.

Laß deinen Blick mir kosen,
Laß deinen Hauch mir weh'n,
Bis alle Sehnsuchtrosen
An mir in Blüthe steh'n.

Du sollst mich heiß nicht küssen
Wie Sommersonnenbrand,
Nur leise niedergrüßen
Von deinem Himmelsrand.

In deinen Strahlen färben
Will ich mein letztes Grün
Und, Sonnenopfer, sterben
An deiner Blicke Sprüh'n.

 

L.

Die Welt ist kalt und rauh,
Ihr Anhauch schnürt zusammen,
Der Liebe Athem lau
Schmelzt Seel' und Leib in Flammen.

Das Leben ist ein Krampf,
Ein feindlich Widerstreben,
Die Lieb' ist ohne Kampf,
Ein sich auf Gnad' Ergeben.

So herb' ist Widersteh'n,
So lieblich ist Erliegen;
Ich will an dir vergeh'n
Und mit der Welt nicht kriegen.

 

LI.

Tausend Nachtigallen
Sind in meiner Brust,
Durcheinander schallen
Hör' ich sie mit Lust.

Tausend Frühlingsrosen
Blüh'n in meinem Thau,
Und mit jeder kosen
Will ein Ostwind schlau.

Tausend Liebessterne
Steh'n in meiner Luft,
Und ich lauschte gerne,
Wie mir jeder ruft.

Tausend Edelsteine
Sprüh'n in meinem Schacht,
Hell vom bunten Scheine
Flimmt des Herzens Nacht.

Und das Sprüh'n und Flimmen
Hält den Blick umflirrt,
Im Gewühl der Stimmen
Ist das Ohr verirrt.

Traumgefühle schweifen
Um im Meer von Glanz,
Können nicht ergreifen
Der Gestalten Tanz.

Aus den Einzelheiten
Keiner Einheit Chor,
Aus den Farben schreiten
Will kein Bild hervor.

Komm mit leisem Tritte,
Liebe, Schöpfungsgeist,
In des Herzens Mitte,
Wo die Schöpfung kreist!

Wie du vorgetreten,
Sonne, sichtbarlich,
Müssen die Planeten
Alle dreh'n um dich.

Wie du stehst alleine,
Fürstin im Harem,
Reih'n sich Edelsteine
Dir zum Diadem.

Alle Frühlingsrosen
Werden dir ein Kranz,
Buntes Farbentosen
Schmilzt in deinen Glanz.

Aller Lieder Schallen
Untergeht in dir,
Und die Nachtigallen
Freimunds schweigen hier.

 

LII.

Eine deutsche Stadt möcht' ich erbauen
Unter Himmel einem ewig blauen,
Rings von einem Frühlingshain umschlossen,
Und von einem stillen Strom beflossen!
Mittelpunkt von einem weiten Reiche,
Nabe eines Rads von mancher Speiche,
Sonnenbrennpunkt, welcher seiner Strahle
Lebensregung strömt in alle Thale.
Alles Leben seinen Kreislauf haltend,
Planetarisch ruhig sich entfaltend,
Aus der Mitte nach dem Umkreis fließend,
Aus dem Umkreis sich zur Mitt' ergießend.
Rings im Lande müßte Friede wohnen,
In der Hauptstadt Fürst, der höchste, thronen.
In sich dar des Volkes Spitze stellend,
Sich die Besten seines Volks gesellend,
Wachend, daß vom Großen bis zum Kleinen
Jedes leb' im großen Allgemeinen,
Jedes Glied sich freudig schließ' an's Ganze,
Jedes stolz sich fühl' ein Blatt im Kranze.
Von dem Thron' ausströmend Lust und Segen,
Wie vom Himmel Sonnenschein und Regen,
Daß die Fluren jauchzen und die Hürden,
Arbeit singend trüge ihre Bürden,
Wie die Bienen ihren Fleiß zur Zelle,
Jeder Jedem fördernder Geselle.
Gleich dem Strome lächelnd helle Mienen,
Heiter wie der Himmel über ihnen,
Spiegel der Zufriedenheit die Züge,
Freiheit, Ordnung, Wohlbehagen, G'nüge.
Daß der Pflüger nicht bei seinen Garben,
Hirt bei seinen Heerden müßte darben,
Winzer dursten nicht bei seinen Reben,
Sondern Jeder lebte sich ein Leben.
Kommen würden dann die frommen Künste
Und auf's Leben wenden ihre Brünste,
Nicht unmuthig ihren Strahl verschließen,
Blumen gleich, die es verdrießt zu sprießen.
Nahen würden sie den städt'schen Schwellen,
Auf den Markt und um den Thron sich stellen,
Jeden Einzelnen mit Lust entzückend
Und zumeist das Allgemeine schmückend.
Nicht die Weisheit, die in Schulen brütet,
Nicht Gelahrtheit, die den Moder hütet,
Eines frohen Volkes klare Augen
Würden ihnen nur zu Richtern taugen.
Fühlend sich von ihrem Volk gehoben,
Heben würden sie ihr Volk nach oben.
Neue Tempel würden auferstehen,
Die Musik drin auf zum Himmel gehen.
Im Palaste brennend Farbenfeuer
Machte himmlisch irdisches Gemäuer.
Und die Dichter, wie die Nachtigallen,
Würden nicht in Wäldern sich gefallen,
Würden kommen zu der Stadt und wohnen
In den Gärten, in den Laubeskronen.
Nicht in's Reich der Phantasien verschlagen,
Sondern von der Wirklichkeit getragen,
Nicht in alle Himmelstriche schwärmend,
Sich an vaterländ'scher Sonn' erwärmend,
Nicht im Bücherlabyrinth verirret,
Vom Geschrei der Theorie verwirret,
Setzend ihre Kunst an Hirngespinnste,
Lesender Zerstreuung zum Gewinnste,
Ueberreizte Nerven überreizend,
Nach dem Lächeln stumpfer Sinne geizend,
Der Entmannung schlaffe Muskeln kitzelnd,
Heil'gen- oder Ritterbilder schnitzelnd:
Nicht ein ekles Spiel für Müßiggänger,
Singen würden ihrem Volk die Sänger.
Einer würd' herab von trag'schen Bühnen
Weltgeschick und Heldentod versühnen,
Einer leicht den kom'schen Spiegel heben,
Drin zu seh'n das Volk dem Volke geben.
Einer möchte seines Liedes Aeste
Wölben über des Palastes Feste.
Und ich wollte durch die Straßen schreiten,
Trunken, unter Rebenlaub die Saiten,
Stehen bleiben, da wo Becher klängen,
Und mich in des Festes Mitte drängen,
Singey, wie Hafisens Geist mich triebe,
Frühling, Jugend, Rosen, Wein und Liebe.
Wie die Sonne kreiste rings der Becher,
Und wie Monde leuchteten die Zecher.
Vor die Thore kommt die Stadt, zu lauschen,
Sich am Lied, am Weinduft, zu berauschen.
Und ein Lied, das Freimund so gesungen,
Geht durch's Reich und lebt auf allen Zungen.
Jetzo, solchen Liedersporn vermissend,
Wo das Reich liegt und die Stadt, nicht wissend.
Hab' ich einsam, was ich schrieb, geschrieben,
Für mich selbst und Wen'ge, die mich lieben.

 

LIII.

Gieb den Kuß mir nur heute;
Ob du morgen es kannst, wer weiß?
O wie manche der Bräute
Hat gefreiet der Tod, der Greis.

Laß, o laß mich nur trinken,
Ob ich taumle, den Becher noch!
Laß zu Boden mich sinken;
Einmal sinken, ich muß es doch.

Laß uns leben und lieben!
Lieben, Leben, wie schnell verweht's!
Was der Dichter geschrieben
Auf die Blätter, wie lang' besteht's!

Enkel lesen mit Beben
Freimunds Lieder und sprechen dann
Laßt uns lieben und leben,
Wie uns Dieser es vorgethan!

 

LIV.

Der Frühling fährt hernieder
Vom Himmel, um auf Triften
Neu aufzuschlagen wieder
Des Korans heil'ge Schriften.

O kommet anzubeten,
Ihr frommen Muselmanen,
Und laßt von dem Propheten
Zum rechten Dienst euch mahnen.

O sehet, wie er leise
Thut Wunder, unbemühet!
Er spricht zum dürren Reise:
Erblüh'! und es erblühet.

Andächtiges Gemüthe,
O komm', und lies die Suren
Von Gottes Mild' und Güte
Im grünen Buch der Fluren.

Da ist kein Blatt so kleines,
Es spricht ein Wort vom Lichte.
Komm, Herz, und lies hier eines
Von Liebchens Angesichte.

Im Wangenmorgenrothe
Steht das Gebot zu lieben,
Und von des Weins Verbote
Steht nichts dabei geschrieben.

 

LV.

Wann wirst du dich enthüllen
Vor meinen Blicken ganz,
Ergießen deine Füllen,
Daß ich vergeh' im Glanz?

Gesuchte, mir Gesund'ne
In tausendfacher Spur,
Und wieder mir Entschwund'ne,
Wo birgst du mir dich nur?

Ich hab' im Sternenlichte
Nach deinem Blick gefragt,
Von Morgens Angesichte
Hast du mich angetagt.

Ich hab' auf Rosenwangen
Von dir geseh'n den Strahl,
Dein Lächeln aufgegangen
Sah ich im Rosenthal.

Im schlanken Wuchs, im Gange
Hab' ich dich dort geahnt;
Hier hat mich mit dem Klange
Die Stimm' an dich gemahnt.

Ich dachte, daß du zeigen,
Ein lichtgewob'ner Leib,
Dich müssest mir, und eigen
Mir sein als liebend Weib.

Doch immer, eh' die Glieder
Des Duftes zur Gestalt
Geworden, bist du wieder
Mir in den Duft zerwallt.

Und immer, eh' die Schimmer
Zum festen Strahlenbild
Geronnen, bist du immer
Zerflossen im Gefild.

Des Lenzes Morgenröthen
Verkünden dich mir nah',
Und Nachtigallenflöten
Dich mir unsichtbar da.

Es lächeln's alle Rosen,
Daß du den Freund geneckt,
Und alle Lüfte kosen,
Daß du dich ihm versteckt.

In welcher dieser Lauben,
Wodurch die Ahnung rauscht,
Verrathet's, o ihr Tauben,
Wo sie verborgen lauscht.

Sie will aus den Tapeten,
Die ihr der Lenz gelieh'n,
Sie will hervor nicht treten
Und mich hinein nicht ziehn'.

 

LVI.

Ich fuhr auf schwankem Kahne,
Mit ungewissem Sinn,
Im Lebensozeane
Geworfen her und hin.

Als wie Odysseus weiland,
Doch nicht mit seinem Muth, –
Da war vor mir ein Eiland
Gestiegen aus der Fluth.

Das Eiland der Sirenen
Erkannt' ich am Gesang,
Der so mit süßem Sehnen
Zu mir herüber klang:

O Schiffer, komm und lege
Den müden Nachen bei!
Komm, und in stiller Pflege
Werd' eitler Arbeit frei.

Wie lange willst du steuern
Durch Müh und Noth dein Schiff,
Im Meer, dem ungeheuer«,
Befahren Klipp' und Riff?

Wie lange willst du schweifen
Die Wogen auf und ab,
Bis dich wird ein' ergreifen
Und zieh'n in's kalte Grab?

O gieb des Lebens Kürze
Nicht allen Winden preis!
Komm und den Becher würze
Des Daseins dir mit Fleiß.

Hier winkt, dem lauten Tosen
Entrückt der Menschenfluth,
Das Eiland, wo auf Rosen
Der ew'ge Friede ruht.

Hier brechen sich die Wogen
Am sanften Borde kaum
Und haben nie betrogen
Den Schläfer um den Traum.

Hier sind die kühlen Schatten,
Wo leise Lüfte weh'n;
Hier sind die grünen Matten,
Wo süße Quellen geh'n.

Hier sind die Blüthenlauben,
Hier ist der Baum mit Frucht,
Des Herbstes reife Trauben,
Des Frühlings Rosenzucht.

Der Frühling, den kein kalter
Hauch eines Winters neckt;
Die Jugend, die kein Alter
Aus ihren Spielen schreckt.

Was wohnen strenge Musen
Am steilen Helikon?
Am weichen Meeresbusen
Ist unser Liebesthron.

Wo Amor ist der Schenke,
Und Grazien Huris,
Schlürft Seligkeitsgetränke
Anakreon-Hafis.

 

LVII.

Nur ein einz'ger Schleier noch
Hüllt der Liebsten Schönheitslicht.
Könnt' ich heben diesen doch,
Und ich säh' ihr Angesicht!

Von dem Himmel trennet mich
Eine morsche Schrank' allein.
Höbe diese Schranke sich,
Und ich würde selig sein!

Nur ein bunter Vorhang schwebt
Vor dem Harem, wo sie ruht;
Wie der Lüfte Spiel ihn hebt,
Weht mich an die Rosengluth.

Auf der Liebsten Augen drin
Liegt ein Zauberschlummerduft,
Und es hört mein leiser Sinn,
Wie sie mich im Traume ruft.

Komm! so tönt der Liebeslaut,
Komm und brich den Zauberstab,
Weck' in's Leben deine Braut
Oder sink' zu ihr in's Grab.

Ja, ich muß, nicht läßt es mich,
Liebend mir am Busen warm
Mußt du werden, oder ich,
Liebste, kalt in deinem Arm.

 

LVIII.

Sieh', Herz! wie sich die Menge
Treibt ohne Ruh' und Rast,
Sag', ob du in's Gedränge
Dich Lust zu stürzen hast?

Nein! gehe du beiseiten
Und trinke deinen Wein;
Es muß in tollen Zeiten
Auch Einer weise sein.

Verlaß des Marktes Lärmen,
Geh' mit dem Lenz in's Feld;
Und willst du, Herz, dich härmen,
So sei's nicht um die Welt.

O klage, daß sich neige
Die Liebe deinem Fleh'n,
So lang' im Saft die Zweige
Der flücht'gen Neigung steh'n.

 

LIX.

Steig' hernieder, Frühlingsregen,
Löse die Gefangenschaft
Der Natur, die still entgegen
Dir sich sehnt aus ihrer Haft.

Brich die starken Eisesketten,
Die um uns der Winter schlug,
Schwelle Ström' in ihren Betten
Und der Nymphe füll' den Krug.

Säus'le milder, rausche stärker,
Goldner! brich das eh'rne Schloß.
Danae ist hier im Kerker;
Steig' herab in ihren Schooß!

 

LX.

Das Entzücken, der Freude Schauer
Erschüttern wie Schmerz die kranke Brust.
Fern von Jauchzen, wie von der Trauer,
Ist der Seligen stille Lust.

 

LXI.

Die Liebste steht mir vor den Gedanken, wie schön, o wie schön!
Daß mir betäubt die Sinne wanken, wie schön, o wie schön!
Sie hat mit Mienen mich angelächelt, wie hold, o wie hold,
Daß durch das Herz mir die Strahlen schwanken, wie schön, o wie schön!
Die hellen Fluren der Rosenwange, sie winken zur Lust,
Und dunkel flattern die Lockenranken, wie schön, o wie schön!
Des Aug's Narzissen, wie lieblich, wann sie erwachen im Thau,
Und wann sie trunken in Schlummer sanken, wie schön, o wie schön!
Die Palm' aus Eden, die ich in Träumen wie lange gesucht,
Hab' ich gefunden im Wuchs, dem schlanken, wie schön, o wie schön!
Der Quell des Lebens, dem ich gedurstet, er hat mich gelabt,
Als meine Lippen aus deinen tranken, wie schön, o wie schön!
Des Geistes Hoffen, der Seele Wähnen, dein Traum, Phantasie,
Ist hier getreten in Körperschranken, wie schön, o wie schön!
Des Frühlings Blumen, des Himmels Sterne, du bringst sie im Kranz
Mir dar vereinigt; wie soll ich danken? wie schön, o wie schön!
Die höchste Schönheit halt' ich in deiner gedrückt an mein Herz;
Es muß erliegen, es muß erkranken, wie schön, o tote schön!
Du stirbst, o Freimund, und dich zu Grabe zutragen, o sieh',
Wie sich die Rosen mit Lilien zanken, wie schön, o wie schön!

 

LXII.

Wie aus Frühlingshimmeln reiner
Regen sprüht, und Sonne scheint,
Lächelt mild ein Auge meiner
Liebsten, und das and're weint.

Ros' und Lilien in Verbindung
Auf der Wang' und auf der Flur.
Von den Quellen der Empfindung
Schwillt das Herz und die Natur.

Schönes Glück von kurzer Dauer,
Flücht'ger Lenz der Menschenbrust,
Sonnenblicke, Thränenschauer,
Frühlingswehmuth, Liebeslust.

 

LXIII.

Komm' in deiner Gluthgewalt,
Komm' zu Semelen,
Die in eigenster Gestalt
Dich verlangt zu seh'n.

Donnerer! nur duftumhüllt
Hast du sie umarmt;
Mild von deiner Lieb' erfüllt,
Ist die Braut erwärmt.

Nicht erwarmen, brennen nun
Will sie und vergeh'n,
Komm, den Willen ihr zu thun,
Komm zu Semelen!

 

LXIV.

Weil, mich wohlfeil wegzugeben,
Hätte meinen Stolz gekränkt,
Lieber, drum mit Leib und Leben
Hab' der Lieb' ich mich geschenkt.

Der Liebe bracht' ich dar mein Herz;
Sie nahm's und nahm heraus den Schmerz,
Goß drein die Füllen ihrer Lust
Und gab's zurück in meine Brust.

Es ist nicht meins, das Herz in dieser Brust,
Die Liebe schuf es um in das der Welten.
Ich fühl' in mir der Menschheit Weh und Lust;
Was könnten mir die kleinen eig'nen gelten?

Ich wünscht', ein Lied zu singen heute,
Das Jeden auf der Welt erfreute,
Und daß man mir die Freude gönnte,
Daß ich die Welt erfreuen könnte.

Und sollt' es Einen nur erfreu'n,
So sollte nicht das Lied mich reu'n.
Gott nehme Jedem seinen Schmerz,
Wer hier erfreut ein einzig Herz.

 

LXV.

Wiegen-Wiegen-Wiegenlieder!
Wiegenlieder meinem Schmerz!
Alle Qualen wachen wieder
Und zerfleischen mir das Herz.

Was du gestern mir gesungen,
Lied! was nützt es heute mir?
Heut', von neuem Weh durchdrungen,
Fordr' ich neuen Trost von dir.

Zwar mich trösten meine Stimmen,
Doch nur einen Augenblick,
Wie sie in die Welt verschwimmen,
Faßt mich neu mein Mißgeschick.

Wie dem unmuthvollen Kön'ge
Saul die Wolk' in's Antlitz stieg,
Alsobald die wundertön'ge
Harfe Davids vor ihm schwieg;

Wie der letzte Klang verstummet.
Wacht vom Schlummer auf die Qual.
Tausendmal mir eingesummet,
Mir erwacht sie tausendmal.

Ach, was frommen diese Lieder,
Die so kurz und flüchtig sind?
Immer, daß es ende wieder,
Fürcht' ich schon, wie eins beginnt.

Laßt ein Großes mich beginnen,
Einen ew'gen Zauberbann,
Der mir nicht dürf' eh'r zerrinnen,
Bis mein Leben drin zerrann.

 

LXVI.

Flügel! Flügel! um zu fliegen
Ueber Berg und Thal.
Flügel, um mein Herz zu wiegen
Auf des Morgens Strahl.

Flügel, über's Meer zu schweben
Mit dem Morgenroth,
Flügel, Flügel über's Leben,
Ueber Grab und Tod.

Flügel, wie die Jugend hatte,
Da sie mir entflog,
Flügel, tote des Glückes Schatte,
Der mein Herz betrog.

Flügel, nachzuflieh'n den Tagen,
Die vorüber sind,
Flügel, Freuden einzujagen,
Die entfloh'n im Wind.

Flügel, gleich den Nachtigallen,
Wann die Rosen flieh'n,
Aus dem Land, wo Nebel wallen,
Ihnen nachzuzieh'n.

Ach! von dem Verbannungsstrande,
Wo kein Nachen winkt,
Flügel nach dem Heimathlande,
Wo die Krone blinkt.

Freiheit, wie zum Schmetterlinge
Raupenleben reift,
Wann sich dehnt des Geistes Schwinge
Und die Hüll' entstreift.

Oft in stillen Mitternächten
Fühl' ich mich empor
Flüglen von des Traumes Mächten
Zu dem Sternenthor.

Doch gewachsenes Gefieder
In der Nächte Duft,
Mir entträufeln seh' ich's wieder
An des Morgens Luft.

Sonnenbrand den Fittig schmelzet,
Ikar stürzt in's Meer,
Und der Sinne Brausen wälzet
Ueber'n Geist sich her.

 

LXVII.

Ich wünsche, daß der Frühling komme
Mit seinem Kranz;
Gar nicht, als hoff' ich, daß mir fromme
Sein Blüthenglanz.
Ich will an seiner Lust nur weiden
Mein eig'nes Leiden;
Seh'n will ich, wie die Rose glüht,
Die mir nicht blüht.

 

LXVIII.

In der Welt der Körper wird gezogen
Eines, und das And're zieht;
Doch zwei Herzen fühlen, gegenseits gewogen,
Nicht des Thuns und Leidens Unterschied.

Ich bin deine Erde
Und bin auch deine Sonne;
Ich strahle dich an, und werde
Von dir bestrahlt mit Wonne.

Du bist mein Ich, ich bin dein Du,
Du bist mein Du, ich bin dein Ich geworden;
Und Jedes kehrt sich seinem Andern zu
Als wie die Nadel ihrem Norden.

 

LXIX.

Warum ich, Liebste, mich von dir geschieden?
O frag' mich nicht!
Warum mein Aug' hat dich zu seh'n vermieden?
O frag' mich nicht!

Wer fragt, warum ohn' Heimath, Gut und Habe
Ein Bettler geht?
Warum von dir ich ging am Wanderstabe,
O frag' mich nicht!

Geliebte! ob in dieses Busens Räumen
Dein Blick noch lebt,
Ob ich dich reden hör' in allen Träumen,
O frag' mich nicht!

Der Morgensonne hab' ich vom Geschicke
Und dir erzählt?
Was ich dem Mond vertraut mit feuchtem Blicke,
O frag' mich nicht!

Die Sterne alle sprechen vom Entsagen:
So laß mich denn
Entsagen, und wie ich es werd' ertragen,
O frag' mich nicht!

Geliebte! Wann wir wiederseh'n uns werden?
Mein äuß'res Aug',
Es hofft nicht wieder dich zu seh'n auf Erden,
O frag' mich nicht!

Wann dieser Erdentrauer dunkle Stoffe
Der Tod gelöst,
Ob droben ich im Licht zu seh'n dich hoffe,
O frag' mich nicht!

Ja, hoff' ich dort die Augen aufzuschlagen
Frei gegen dich,
Zu geben Antwort allen deinen Fragen,
O frag' mich nicht!

 

LXX.

Ich will die Fluren meiden
Mit meinem trüben Gram,
Daß nicht der Lenz muß scheiden,
Wo ich zu nahe kam;
Daß nicht der Quell zu springen,
Zu blüh'n der Blume Herz,
Die Nachtigall zu singen
Vergißt ob meinem Schmerz.

 

LXXI.

So freudelos, so wonnebloß
Ward ich geboren zur Erden;
So freudelos, so wonnebloß
Werd' ich begraben werden.

So freudelos, so wonnebloß
Ging betteln ich bei der Liebe,
So freudelos, so wonnebloß
Abwies sie meine Triebe.

So freudelos, so wonnebloß
Ist mir der Lenz erblichen,
So freudelos, so wonnebloß
Herbst ohne Fruch entwichen.

So freudelos, so wonnebloß
Hab' ich den Leuten gesungen,
So freudelos, so wonnebloß,
Kein Dank ist mir entsprungen.

So freudelos, so wonnebloß
Werd' ich begraben werden,
So freudelos, so wonnebloß,
O deckt mich zu mit Erden!

 

LXXII.

Den Inbegriff der Schönheit hab' ich
Geseh'n in einer Blume.
Mein Leben und mein Lieben gab ich
Ihr still zum Eigenthume.

Die Phantasien aller Himmel
Hab' ich auf sie geträufet
Und der Empfindungen Gewimmel
Als Duft um sie gehäufet.

Sie scherzte mit den Frühlingswinden
In unbewußtem Triebe,
Ohn' ihre Schönheit zu empfinden
Und ohne meine Liebe.

 

LXXIII.

Mit der Guten wollt' ich schmollen,
Mich den Banden zu entzieh'n,
Die mich so umstricken wollen,
Daß es mir bedenklich schien.

Als ich rüttelt' an den Banden,
Merkt' ich erst, wie fest sie sind.
O wie ward der Trotz zu Schanden,
Und der Groll verflog im Wind.

Lange liebe Angewöhnung
Löst kein rascher Zank im Nu!
Und am Ende die Versöhnung
Schnürt den Knoten fester zu.

 

LXXIV.

Das Band ich riß, die Kett' ich brach.
Ich floh und war schon über Berg und Hügel;
Da kam von dir ein Blick mir nach,
Und um den Nacken warf er mir den Zügel.
Er brachte mich zurück zu dir;
Du sprachest: Was entflohst du mir?
Und weißt doch, meine Boten haben Flügel.

 

LXXV.

Da zur Ruhe Himmel, Erd' und Fluthen gingen,
Ungestüm, was pochst du nur?
Schämest du dich nicht, die Störung, Herz, zu bringen
In den Frieden der Natur!

 

LXXVI.

Die Lieb' ist höher, als was du liebst;
Und wie sie dir irdisch erscheine,
Und was du ihr da für Namen giebst,
Sie selbst ist himmlisch nur Eine.

Wie wenn, in wechselnder Maske versteckt,
Im Saal, wo die Kerzen brennen,
Ein Liebchen in mancher Gestalt dich neckt
Und endlich sich giebt zu erkennen:

So liebt' ich wohl die nun und jene jetzt,
Sie wechselten mit und ich ihnen;
Und alle waren nur Masken zuletzt,
Worunter die Lieb' erschienen.

 

LXXVII.

Ein Paradies, ein verlorenes,
Liegt rückwärts in der Vergangenheit,
Und ein wiedergeborenes
Liegt vorwärts in der Zukunft weit.
Immer rückwärts nach jenem blickt
Und Blicke vorwärts nach diesem schickt
Wehmuth und Sehnsucht, dein Wegegeleit,
O Herz, durch die Spanne der öden Zeit.

 

LXXVIII.

Auf Dauer eines Augenblickes
Hat sich die Himmelsblüth' in ihrem Glanz gezeigt,
Vom Hauch der Welt und des Geschickes
Rauh angerührt, sodann ihr zartes Haupt geneigt.

Der Wind, der sie zum Spiel erlesen,
Hat ihren Staub verweht, vertilget ihre Spur;
Und reizend, wie sie ist gewesen,
Blüht sie im Himmel und in meinen Träumen nur.

 

LXXIX.

Herr! die Schönheit dieser Erde,
Gieb, daß sie die Sehkraft wecke
Meines Auges, nicht ihm werde
Eine Blindheits-Zauberdecke.

Jeden Blumenstrahl der Auen
Laß der Seele dazu dienen,
Neu gekräftigt aufzuschauen
Dorthin, wo die Sonn' erschienen.

 

LXXX.

Du freue dich, daß um die Stirn' der Erde
Noch blüht der Rose Freudenroth.
Daß sie zum Kranz dir selber werde,
Bescheide dich! das ist nicht noth.

 

LXXXI.

Wann mein Herz mit Freudenschauer
Nicht des Frühlings Nah'n erfüllt,
Noch die Seel' in sanfte Trauer
Mir des Herbstes Scheiden hüllt;

Wann ich nicht mehr mich empfinde
Still mit jedem Blatt am Strauch,
Noch um jede Blume linde
Spielet meines Liedes Hauch;

Dann bin ich nicht mehr im Leben,
Sondern ruh' im kühlen Raum;
Und noch dann soll leise weben
Um mein Grab ein Blüthentraum.

Wie im Frühling mein Gemüthe
Soll mein Grab in Rosen steh'n;
Und im Herbste soll die Blüthe
Wie mein Leben einst verweh'n.

Die Natur in steter Dauer,
Was sie selb mir flüchtig gab,
Frühlingswonne, Herbstestrauer,
Gieb sie ewig meinem Grab.

 

LXXXII.

Einst warest du mein Augenlicht,
Und offen dürft' ich lenken
Den Blick nach dir; ich that Verzicht,
In Nacht will ich mich senken.
Dies Auge soll dein Angesicht
Mit seinem Blick mehr kränken;
Doch diesem Herzen kann ich's nicht
Verwehren, dein zu denken.

 

LXXXIII.

Der Sehnsucht Ostwind hob den Schleier
Von meiner Liebe Angesicht,
Und aufgethan in stiller Feier
War mir des Paradieses Licht.

Ich flog hinan auf Lustgefieder,
Sie nahm den Schleier wieder vor,
Und trostlos irrt die Sehnsucht wieder
Nun um's geschloss'ne Himmelsthor.

 

LXXXIV.

Frühling, vollen! vollen
Liebesüberfluß!
Mehr als Herzen wollen,
Strömenden Genuß!

Wonnen mehr, als schwellen
Wünsche meine Brust,
Ungezählte Wellen,
Ungemess'ne Lust!

Mir nicht Sonnenstrahlen,
Sondern Sonnengluth,
Mir nicht Thaues Schalen,
Sondern Meeres Fluth!

Mir nicht ferne Grüße,
Mir nicht leisen Blick,
Sondern heiße Küsse,
Ketten um's Genick!

Nicht die halben Lippen,
Sondern vollen Tausch,
Nicht des Bechers Nippen,
Sondern ganzen Rausch!

Röthlich angeglommen
Sei nicht Luftazur,
Eine Gluth verschwommen
Morgenroth und Flur!

Nicht ein knospend Ringen,
Sondern voller Flor,
Nicht vereinzelt Klingen,
Sondern voller Chor!

Nicht verzagte Blätter,
Sondern buntes Grün,
Wechselreich Geschmetter,
Durcheinanderblüh'n.

Rosen an dem Stocke
Meiner Lust so viel,
Daß sich mag die Flocke
Nehmen Oft zum Spiel.

Immer neu beflissen
Knospen aufzugeh'n,
Daß wir nicht vermissen,
Die wir sterben seh'n.

Immer neu Gefieder,
Immer neuen Schall,
Tausendfache Lieder,
Gleich der Nachtigall!

Daß die Rose lauschen
Mag mit halbem Ohr,
Eins sie muß berauschen,
Wenn sie eins verlor.

 

LXXXV.

Auf den Promenaden sang
Heut' die Nachtigall:
Schöne Welt im Müßiggang,
Hörst du meinen Schall?

Von der Stadt, vom Markte her
Dringet ein Gebraus;
Was ich singe, hört sich schwer
Aus dem Lärm heraus.

Rasseln die Karossen nicht
Straßen aus und ein?
Und die Wachtparade bricht
Mit den Wirbeln drein.

Edle Herrn und edle Frau'n,
Die ihr hier so zieht,
Seht ihr auch die Frühlingsau'n,
Hört ihr auch mein Lied?

Denkt ihr noch an einen Ball,
Oder schon daran,
Wo man nicht zu meinem Schall
Polnisch tanzen kann?

Habt die neu'ste Mod' ihr an,
Die ihr zeigt der Welt?
Oder hat's zuvor gethan
Euch ein and'rer Held?

Ließ euch eure Dam' im Stich
An der Farobank?
Ihr seht drein so feierlich!
Ist die Fürstin krank?

Spukt das neuste Stadtgeschwätz
Noch in euerm Hirn?
Oder Frankreichs Wahlgesetz
Kraust es euch die Stirn?

Las't ihr eben, liebe Herrn,
Zeitungen vielleicht?
Das genügt dem Abendstern,
Daß er gleich erbleicht.

Seid ihr etwa gar gelehrt?
Oder halbweg nur?
Hat die Zeitung euch verheert
Der Literatur?

Nagt am Conversations-
Lexikon ihr noch?
Bin ich dieses Lexikons
Kein Artikel doch!

Laset ihr am Morgenblatt
Trocken euch und taub,
Daß für euch am Abend hat
Reiz kein grünes Laub?

Speistet ihr Romane nicht
Diesen Vormittag?
Dieser Zauber macht zunicht
Nachtigallenschlag.

Blanke Ritter, Geisterspuk,
Hexen, zarte Frau'n,
Ach, das ist ein andrer Schmuck,
Als was hier zu schau'n.

Gegen Nordlands Reckenmacht,
Heklas Schwefeldampf,
Kann ein Hauch der Frühlingsnacht
Nicht besteh'n den Kampf.

Und so tragt ihr euern Wust
In dem Haupt herum,
Und es ist die Frühlingslust
Euern Ohren stumm.

Und mich hört die Ros' allein,
Ach, und die ist heut'
Von des Ostwinds Schmeichelei'n
Leider auch zerstreut.

 

LXXXVI.

Ihr Nachtgestirn' am blauen Himmelszelt,
Die ihr wandelt, ohn' euch zu verirren!
Nur dem Menschen ist's gegeben, Gottes Welt
Liebend, hassend, strebend zu verwirren.

 

LXXXVII.

Ein Glück, das du gehabt, es wird dir nicht entrissen,
Im Angedenken hältst du's fest;
Und was du nie gekannt, das wirst du nicht vermissen
So kommt's, daß es sich leben läßt.

 

LXXXVIII.

Die alten Helden kamen zu mir
Und wollten von mir besungen sein.
Ich sprach: es ist kein Platz euch hier,
Genommen hat mich Einer ein:

Der Held von Anbeginn der Welt,
Nur seine Schatten waret ihr;
Der lichte Himmel ist sein Zelt,
Und Sonn' und Mond ist sein Panier.

Was kämpft um seine Spanne Raum
Ein Held in seiner Spanne Zeit?
Der ew'ge König, Liebestraum,
Nennt sein Gebiet Unendlichkeit.

Wie wenig ist, was Blutes floß
Um welke Kränz' im eh'rnen Feld,
Vor Allem, das sich still ergoß
Durch jedes Herz, das Liebe schwellt.

Nichts mag vollbringen Menschenhand,
Das werth zu rühren wär' ein Herz.
Die ernste That ist Kindertand,
Und göttlich nur ist Liebescherz.

Hier schläft Amur in stummer Lust
Und hält im Traum' die Welt im Gang,
Sein Wiegenthron der Liebsten Brust,
Sein Siegeswiegenlied mein Sang.

 

LXXXIX.

Götter! keine frostige
Ewigkeit!
Eine freudenmostige
Jugendzeit,
Eine nie sich trübende,
Liebeswonnen übende
Seligkeit!

Nicht mit Lorbeerblatte mir
Lohn', o Welt!
Bleib', o Myrthenschatte, mir
Still gesellt,
Bis mir auf's vergessene
Grab einst der cypressene
Schatte fällt.

 

XC.

Liebste! Nein, nicht lustberauscht,
Sondern ruhig nüchtern
Hat sich Herz um Herz getauscht,
Innig, stark und schüchtern.

Keine wilde, schwärmende
Sinnesübermeist'rung,
Eine milde, wärmende,
Haltende Begeist'rung.

Wie mein Dichten von Natur,
Liebste! so mein Lieben.
Niemals trunken hab' ich nur
Auch ein Wort geschrieben.

 

XCI.

Ein weißes Blüthenglöckchen,
Unschuld'ger Neubegier,
Am lebensfrohen Stöckchen,
Sah ich dich steh'n vor mir.

Und wieder um ein Weilchen
Verwandelt sah ich dich,
Ein schwermuthvolles Veilchen,
Voll Duft gesenkt in sich.

Und um ein Weilchen wieder
Da blühtest du so voll,
Daß unter'm knappen Mieder
Die Rosenfülle schwoll.

Und Nachtigallgekose
Und Ostwinds-Schmeichelei,
Sie sagten, daß die Rose
In dir erstanden sei.

Wer ist die, der's gelungen,
Die wunderbare Macht,
Die die Verwandelungen
Des Frühlings still vollbracht?

Daß Veilchenschwermuthsbläue
Erst aus Schneeglöckchenmuth,
Und dann aus Veilchenscheue
Wuchs Rosenliebesgluth?

 

XCII.

Der Frühling war im Hauch der Lüfte
Und in der Sonne mildem Schein:
Doch mischten keine Blumendüste
Sich, keine Blumenfarben drein.

Wohl an der heitern Himmelsbühne
Stand lächelnd das verklärte Blau,
Doch wollte nicht das frische Grüne
Hervor sich wagen auf der Au'.

Da wandelte im grünen Schleier
Sie ihren Garten auf und ab;
Was giebt er ihr zur Frühlingsfeier,
Der ihr so oft sein Schönstes gab?

Er hat ihr heute nichts zu geben,
Er ist so arm, es kränkt ihn still,
Er kann den Frühling nicht erstreben,
Den er ihr gerne opfern will.

Und hast du nichts ihr darzubringen,
O schmachte nicht in eitlem Harm!
Versuch', ihr selbst es abzuringen;
Sie ist so reich, als du bist arm.

Da langt als ein verweg'ner Freier
Ein übermüth'ger Rosendorn
Nach der Gebiet'rin grünem Schleier
Und hält ihn fest in süßem Zorn.

Er segnet seines Glückes Loose,
Zu prangen mit geborgtem Grün,
Und sieht erstaunt die Frühlingsrose
Des Angesichts im Grünen blüh'n.

 

XCIII.

Durch des Waldes Frühlingsstille
Mit der Liebsten ging ich heut'.
Anemon' und Pulsatille'
Standen rings am Weg' verstreut.
Pulsatill' und Anemone
Flochten wir zur Blumenkrone.

Anemon' und Pulsatille,
Erster Frühlingstrieb der Trift,
Sind, Natur! so ist's dein Wille,
Auch das erste Blumengift.
Doch wir flochten uns zur Krone
Pulsatill' und Anemone.

O wie schlug mein Herz so stille!
Deine Blumen, o Natur,
Macht zum Gift allein der Wille,
Spiel der Unschuld sind sie nur.
Giftlos bleib' uns eure Krone,
Pulsatill' und Anemone.

Rings der Wald, er war so stille,
Frühlingsmattheit lud zur Ruh',
Anemon' und Pulsatille,
Halfet ihr nicht auch dazu?
Wie betäubt uns eure Krone,
Pulsatill' und Anemone!

Anemon' und Pulsatille,
Ihr seid schuldlos auf der Trift.
Ach, ihr Auge nur, so stille
Und so tief, ist lauter Gift.
Das vergiftet eure Krone,
Pulsatill' und Anemone!

 

XCIV.

Liebster! Auf dem leichten Pfühl
Morgens beim Erwachen
Will ein eigenes Gefühl
Oft mir bange machen.

Sonst so still im Busen hier,
Jetzt so süß beklommen;
Wie verwandelt bin ich mir
Heute vorgekommen!

Schwer mir fiel es auf den Sinn,
Daß ich einst mein eigen
Und nun eines Andern bin;
Kann ich mir's verschweigen?

Vater, Mutter war mir lieb,
Und der Bruder theuer;
O wie drängt ein and'rer Trieb
Sich darein, ein neuer!

Ja, ich fühl' es, Alles kann
Dieser Trieb verdrängen,
Alles geb' ich auf, o Mann,
Um an dir zu hängen.

Wenn du wirst in treue Brust
Stets mein Herz nur schließen,
Kann es weiter kein Verlust
Auf der Welt verdrießen.

Aber wenn du brichst den Eid,
Den du mir geschworen,
Hab' ich meine Heiterkeit
Und mich selbst verloren.

 

XCV.

Ich, des mütterlichen Stammes Ranke,
Mein Bedürfniß war und meine Lust,
Daß ich oben leis' in Lüften schwanke
Und des festen Stamms mir blieb bewußt.

Flatternd so in lieblichem Behagen,
Kam ich nahe dir, zuerst im Scherz:
Eh' ich dachte, Wurzel da zu schlagen,
Schlug ich meine Wurzel in dein Herz.

Eines nun von beiden muß ich missen,
Meinen Stamm dort, diese Wurzeln hier?
Sieh', vom Stamm hab' ich mich losgerissen,
Und mein Leben wurzelt nun in dir.

Eingefallen ist durch dich die Brücke
Zwischen mir und meinem Kindheitstraum.
Ach, zu neuen Schmerzen, neuem Glücke
Aufgewacht, noch fühl' ich ganz mich kaum.

Nur dies Eine hab' ich ganz empfunden:
Was gewesen, kehrt mir nie zurück.
Liebster! und in dir ist mir gesunden
Leid auf ewig oder ewig Glück.

 

XCVl.

Dieses Saitenspiel der Brust,
Das du hast so reich besaitet,
Fassen lehre mich die Lust,
Himmel! daß du's mir bereitet.

Diese Seele, rein gestimmt,
Himmelsnachhall in den Tiefen;
Jeder leise Ton verschwimmt,
Als ob Engel Engel riefen.

Freilich ist das ein Gesang,
Aber keiner durch die Kehle,
Sondern Liebesüberschwang
Aus dem Himmel, aus der Seele.

Diesem schweigenden Gesang
Müssen Mienen und Geberden,
Blicke, Lächeln, Worte, Gang,
Dienend lauter Töne werden.

Mach', o feuchter Hauch der Welt,
Diese Saiten nie erschlaffen!
Doch die Seele, die sie schwellt,
Hat auch Kraft, sie neu zu straffen.

Ja, du bist so hell gestimmt
Wie des Abendsternes Laute,
Dem vorbei die Wolke schwimmt,
Wie der Gram an dir zerthaute.

Diese Harfe Gottes, die
Dies mein Herz mit sich versöhnet,
Ihm mit ew'ger Melodie
Liebe, Liebe, Liebe tönet!

Dieses Psalter, das allein
Vorbild sei für Freimunds Leier,
Alle Welt zu laden ein
Zu der ew'gen Liebesfeier!

Himmel! gieb mir das zum Lohn,
Daß mein Lieben, daß mein Singen
Nie müss' einen falschen Ton
In die reinen Saiten bringen.

 

XCVII.

Tausendmal für dich zu sterben,
O Geliebter, scheint mir leicht,
Schaud're nicht vor allem Herben,
Das des Schicksals Kelch mir reicht.

Dir zu sterben, dir zu leben,
Bin ich völlig gleich bereit,
Liebster! nur dich auszugeben
Ist mir die Unmöglichkeit.

Wann ich aus dich geben müßte?
O Gedanke, der verzehrt!
Dann, Geliebter, wenn ich wüßte
Dieser Liebe dich nicht Werth. –

Dieser Liebe Werth zu heißen,
O Geliebte, hoff' ich nicht;
Dieses Werths mich zu befleißen,
Das ist meine Zuversicht.

Laß mich das Gefühl nie missen,
Den du liebst, daß ich es bin;
Und mein Herz, der Welt entrissen,
Folgt dir ganz zum Himmel hin.

Ja, ich müßte selbst mich hassen,
Hört' ich auf, zu lieben dich;
Kann ich jemals dich verlassen,
Lasse Gott auf ewig mich.

 

XCVIII.

Was ist es, das mir Bürgschaft giebt,
Dich werd' ich sicher fassen?
Du hast wohl Viele schon geliebt
Und wieder sie verlassen. –

Wohl hab' ich Manche schon geliebt.
Nicht fest könnt' es mich fassen.
Doch das ist, was mir Bürgschaft giebt,
Dich werd' ich nie verlassen:

Das Auge, dessen Glanz zerstiebt,
Die Wangen, die erblassen,
Hab' ich an Andern sonst geliebt;
Wie könnt' es fest mich fassen?

An dir hab' ich das Herz geliebt;
Wie könnt' ich das verlassen,
Was ewig neue Kraft dir giebt,
Mich ewig fest zu fassen?

 

<XCIX.

Herz! nimm dir vor, nur treu zu sein,
Laß jegliches Gefühl zerstieben
Als das: Sie liebet dich allein,
Wie solltest nicht allein sie lieben?
Wer, dem man räumt den Himmel ein,
Verließe wohl ihn unvertrieben?
Und will man dich vertreiben? Nein.
So sei denn ewig drin geblieben!

 

C.

»Wer ist sie denn, von der du singest,
Die du mit solchem Glanz umringest
Und mir, die du die Deine nennest,
Entgegen zur Beschämung bringest?
Ihr Zauberreiz hat dich gefesselt;
Ich dachte, daß an mir du hingest.« –
O du, an der ich liebend hange,
So fest, als du mich selbst umschlingest!
Sie, die dich eifersüchtig machet,
Bist du, tote du aus mir entspringest;
Nein du, tote du im Himmel wärest,
Eh' du zur Erd' hernieder gingest.
Sie ist der Stern, den zum Geleite
Du auf des Lebens Bahn empfingest;
Sie ist das Licht, mit dessen Strahlen
Du liebedurstig dich durchdringest;
Sie ist das Bild, dem gleich zu werden
Du aus dir selber aufwärts ringest;
Die hohe Schönheit, unter deren
Joch du mich sanft durch deine zwingest;
Die Liebe, die in meine Liebe
Zu dir du ewig einbedingest;
Die Krone, die herabzuholen
Von dort, nach dort du mich beschwingest;
Und staunst, wie, durch dich selbst verwandelt,
Du schön des Dichters Mund entklingest.

 

CI.

Sie sprach: O weh! und nimmt dein Leben ab?
Ja, sprach ich, enden muß ein jedes Leben.
Sie sprach: O Gott, und dieses geht zu Grab!
Ja, sprach ich, um zum Himmel sich zu heben.
Sie sprach: O Gott! daß man ein Glück uns gab
Und nimmt es wieder! Was nun ist es eben?
Ich sprach: Es ist das Wasser dort im Borne,
Stets fließt es ab und hebt stets an von vorne.

 

CII.

Wenn du fragst nach jenen Liedern,
Die ich einer Todten sang,
Könnt' ich, Liebste, dir erwiedern:
Macht dir eine Todte bang?

Jene Lieder sind ein Rahmen,
Drein zu fassen einen Schmerz,
Dem ich wußte keinen Namen,
Und den doch gefühlt mein Herz.

Ach, das Glück war nicht gestorben,
Es war ungeboren mir;
Und nun ist's in dir erworben,
Ewig unverloren mir.

 

CIII.

Geliebte, wenn du fremde Klänge
Hast hier in deinem Lied entdeckt;
Sie sollen schildern das Gedränge,
Das mir im Busen war geweckt.

Gedränge gährender Gefühle,
Geweckt von deinem Liebesblick,
Wie ahnende Gewitterschwüle
Vor höchstem, nahendem Geschick.

In dunkle Ferne griff die Ahnung
Nach tief ersehntem Herzbedarf
Und sah nicht, wie mit sich'rer Bahnung
Das Glück dazu den Weg entwarf.

Noch einmal sollte sich die Dichtung
In alles Dichtens Ueberschwang
Erschöpfen, bis zur Selbstvernichtung
Aus ihr die Wirklichkeit entsprang.

Nach Sonnen langt' ich und nach Sternen,
Die ich erschuf in meinem Traum;
Und was ich sucht' in Himmelsfernen,
Stand lächelnd nah' im Erdenraum.

Du hattest tiefer nicht empfunden,
Doch klarer, was ich auch empfand,
Und lächeltest, bis mir geschwunden
Die Täuschung, die dich nie umwand.

Da sanken alle Nebel nieder,
Und deutlich tratest du hervor;
Und nun hör', o Geliebte, wieder
Ganz deiner eig'nen Lieder Chor.

Laß auch das erste mich erneuen,
Das dort im Garten mir entsprang,
Als frühe Werbung nur den scheuen
Flug noch um deinen Schleier schwang.

Derselbe Schleier ist's, der grüne,
Der, längst entwandt dem Angesicht,
Als Vorhang einer andern Bühne
Mir noch gefällt, und minder nicht.

Er flattert dort nun um die Wiege,
Dem neugebornen Rosenblatt
Zu wehren ab die Stubenfliege,
Und wehrt sie nicht, weil Riss' er hat.

 

CIV.

Und hast du nicht, was du mir schworst, vergessen in der Nacht?
Und was ich schwor, vergaßest du nicht dessen in der Nacht?
Nicht ging das Licht der Liebe mir im nächt'gen Dunkel aus;
Die Sonne losch, die Kerze wacht indessen in der Nacht.
Mir ging dein süßes Angesicht verloren mit dem Tag;
Doch hab' ich deiner Blicke Traum besessen in der Nacht.
Mich führt ein Traum an einer Hand, und an der andern du,
Mit euch hab' ich des Himmels Raum durchmessen in der Nacht.
Du lächeltest ein Paradies, es glommen von dem Strahl
Auf meinen Wangen rosig an die Blässen in der Nacht.
Du hauchtest eine Frühlingsluft, sie küßte, wie den Thau
Von Knospen, mir vorn Auge weg die Nässen in der Nacht.
Drum, wann ich einst zu längerm Traum gegangen werde sein
Hinunter in die schweigenden Cypressen in der Nacht;
Wie deine Lieb' im kurzen Traum ich hier an's Herz gepreßt,
Werd' ich an's Herz im längern dort sie pressen in der Nacht;
Und weckst du mich mit Morgenroth und fragst: vergaßest du?
So lächl' ich: Freimund hat dich nicht vergessen in der Nacht.

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