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Arthur Schnitzler: Liebelei - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleReigen / Liebelei
authorArthur Schnitzler
year1999
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-27009-X
titleLiebelei
pages103-161
created20010614
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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Zweiter Akt

Zimmer Christinens. Bescheiden und nett.

Christine kleidet sich eben zum Weggehen an. Katharina tritt auf, nachdem sie draußen angeklopft hat.

Katharina Guten Abend, Fräulein Christin'.

Christine die vor dem Spiegel steht, wendet sich um Guten Abend.

Katharina Sie wollen grad' weggehn?

Christine Ich hab's nicht so eilig.

Katharina Ich komm' nämlich von meinem Mann, ob Sie mit uns nachtmahlen gehen wollen in' Lehnergarten, weil heut dort Musik ist.

Christine Danke sehr, Frau Binder... Ich kann heut nicht... ein anderes Mal, ja? – Aber Sie sind nicht bös?

Katharina Keine Spur... warum denn? Sie werden sich schon besser unterhalten können als mit uns.

Christine Blick.

Katharina Der Vater ist schon im Theater?...

Christine O nein; er kommt noch früher nach Haus. Jetzt fangt's ja erst um halb acht an!

Katharina Richtig, das vergess' ich alleweil. Da werd' ich gleich auf ihn warten, weil ich ihn schon lang bitten möcht' wegen Freikarten zu dem neuen Stück... Jetzt wird man s' doch schon kriegen?...

Christine Freilich... es geht ja jetzt keiner mehr hinein, wenn einmal die Abende so schön werden.

Katharina Unsereins kommt ja sonst gar nicht dazu... wenn man nicht zufällig Bekannte bei einem Theater hat... Aber halten Sie sich meinetwegen nicht auf, Fräulein Christin', wenn Sie wegmüssen. Meinem Mann wird's freilich sehr leid sein... und noch wem andern auch...

Christine Wem?

Katharina Der Cousin vom Binder ist mit, natürlich... Wissen Sie, Fräulein Christin', daß er jetzt fix angestellt ist?

Christine gleichgültig Ah. –

Katharina Und mit einem ganz schönen Gehalt. Und so ein honetter junger Mensch. Und eine Verehrung hat er für Sie –

Christine Also – auf Wiedersehn, Frau Binder.

Katharina Dem könnt' man von Ihnen erzählen, was man will – der möcht' kein Wort glauben...

Christine Blick.

Katharina Es gibt schon solche Männer...

Christine Adieu, Frau Binder.

Katharina Adieu... Nicht zu boshaft im Ton Daß Sie nur zum Rendezvous nicht zu spät kommen, Fräul'n Christin'!

Christine Was wollen Sie eigentlich von mir?

Katharina Aber nichts, Sie haben ja recht! Man ist ja nur einmal jung.

Christine Adieu.

Katharina Aber einen Rat, Fräulein Christin', möcht' ich Ihnen doch geben: Ein bissel vorsichtiger sollten Sie sein!

Christine Was heißt denn das?

Katharina Schaun Sie – Wien ist ja eine so große Stadt... Müssen Sie sich Ihre Rendezvous grad hundert Schritt weit vom Haus geben?

Christine Das geht wohl niemanden was an.

Katharina Ich hab's gar nicht glauben wollen, wie mir's der Binder erzählt hat. Der hat Sie nämlich gesehn... Geh, hab' ich ihm gesagt, du wirst dich verschaut haben. Das Fräulein Christin', die ist keine Person, die mit eleganten jungen Herren am Abend spazierengeht, und wenn schon, so wird's doch so gescheit sein und nicht grad in unserer Gassen! Na, sagt er, kannst sie ja selber fragen! Und, sagt er, ein Wunder ist's ja nicht – zu uns kommt sie gar nimmermehr; aber dafür läuft sie in einer Tour mit der Schlager Mizi herum, ist das eine Gesellschaft für ein anständiges junges Mädel? – Die Männer sind ja so ordinär, Fräul'n Christin'! – Und dem Franz hat er's natürlich auch gleich erzählen müssen, aber der ist schön bös worden – und für die Fräul'n Christin' legt er die Hand ins Feuer, und wer was über sie sagt, der hat's mit ihm zu tun. Und wie Sie so für's Häusliche sind und wie lieb Sie alleweil mit der alten Fräul'n Tant' gewesen sind – Gott schenk' ihr die ewige Ruh – und wie bescheiden und wie eingezogen als Sie leben und so weiter... Pause Vielleicht kommen S' doch mit zur Musik?

Christine Nein...

 
Katharina, Christine; Weiring tritt auf. Er hat einen Fliederzweig in der Hand.

Weiring Guten Abend... Ah, die Frau Binder. Wie geht's Ihnen denn?

Katharina Dank' schön.

Weiring Und das Linerl? – Und der Herr Gemahl?...

Katharina Alles gesund, Gott sei Dank.

Weiring Na, das ist schön. – Zu Christine Du bist noch zu Haus bei dem schönen Wetter –?

Christine Grad hab' ich fortgehn wollen.

Weiring Das ist gescheit! – Eine Luft ist heut draußen, was, Frau Binder, das ist was Wunderbar's. Ich bin jetzt durch den Garten bei der Linie gegangen – da blüht der Flieder – es ist eine Pracht! Ich hab' mich auch einer Übertretung schuldig gemacht! Gibt den Fliederzweig der Christine.

Christine Dank' dir, Vater.

Katharina Sein S' froh, daß Sie der Wächter nicht erwischt hat.

Weiring Gehn S' einmal hin, Frau Binder – es riecht noch genau so gut dort, als wenn ich das Zweigerl nicht abgepflückt hätt'.

Katharina Wenn sich das aber alle dächten –

Weiring Das wär' freilich g'fehlt!

Christine Adieu, Vater!

Weiring Wenn du ein paar Minuten warten möchtest, so könntest du mich zum Theater hinbegleiten.

Christine Ich... ich hab' der Mizi versprochen, daß ich sie abhol'...

Weiring Ah so. – Ist auch gescheiter. Jugend gehört zur Jugend. Adieu, Christin'...

Christine küßt ihn. Dann Adieu, Frau Binder! – Ab; Weiring sieht ihr zärtlich nach.

 
Katharina, Weiring

Katharina Das ist ja jetzt eine sehr intime Freundschaft mit der Fräul'n Mizi.

Weiring Ja. – Ich bin wirklich froh, daß die Tini eine Ansprach' hat und nicht in einem fort zu Hause sitzt. Was hat denn das Mädel eigentlich von ihrem Leben!...

Katharina Ja freilich.

Weiring Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Frau Binder, wie weh mir's manchmal tut, wenn ich so nach Haus komm', von der Prob' – und sie sitzt da und näht – und nachmittags kaum stehn wir vom Tisch auf, so setzt sie sich schon wieder hin und schreibt ihre Noten...

Katharina Naja, die Millionäre haben's freilich besser wie unsereins. Aber was ist denn eigentlich mit ihrem Singen?

Weiring Das heißt nicht viel. Fürs Zimmer reicht die Stimme ja aus, und für ihren Vater singt sie schön genug – aber leben kann man davon nicht.

Katharina Das ist aber schad'.

Weiring Ich bin froh, daß sie's selber einsieht. Werden ihr wenigstens die Enttäuschungen erspart bleiben. – Zum Chor von unserm Theater könnt' ich sie natürlich bringen –

Katharina Freilich, mit der Figur!

Weiring Aber da sind ja gar keine Aussichten.

Katharina Man hat wirklich Sorgen mit einem Mädel! Wenn ich denk', daß meine Linerl in fünf, sechs Jahren auch eine große Fräul'n ist –

Weiring Aber was setzen Sie sich denn nicht, Frau Binder?

Katharina Oh, ich dank' schön, mein Mann holt mich gleich ab – ich bin ja nur heraufgekommen, die Christin' einladen!...

Weiring Einladen –?

Katharina Ja, zur Musik im Lehnergarten. Ich hab' mir auch gedacht, daß sie das ein bissel aufheitern wird – sie braucht's ja wirklich.

Weiring Könnt' ihr wahrhaftig nicht schaden – besonders nach dem traurigen Winter. Warum geht sie denn nicht mit Ihnen –?

Katharina Ich weiß nicht... Vielleicht weil der Cousin vom Binder mit ist.

Weiring Ah, schon möglich. Den kann s' nämlich nicht ausstehn. Das hat sie mir selber erzählt.

Katharina Ja warum denn nicht? Der Franz ist ein sehr anständiger Mensch – jetzt ist er sogar fix angestellt, das ist doch heutzutag ein Glück für ein...

Weiring Für ein... armes Mädel –

Katharina Für ein jedes Mädel ist das ein Glück.

Weiring Ja, sagen Sie mir, Frau Binder, ist denn so ein blühendes Geschöpf wirklich zu nichts anderem da als für so einen anständigen Menschen, der zufällig eine fixe Anstellung hat?

Katharina Ist doch das Gescheiteste! Auf einen Grafen kann man ja doch nicht warten, und wenn einmal einer kommt, so empfiehlt er sich dann gewöhnlich, ohne daß er einen geheiratet hat... Weiring ist beim Fenster. Pause Na ja... Deswegen sag' ich auch immer, man kann bei einem jungen Mädel nicht vorsichtig genug sein – besonders mit dem Umgang –

Weiring Ob's nun dafür steht, seine jungen Jahre so einfach zum Fenster hinauszuwerfen? – Und was hat denn so ein armes Geschöpf schließlich von ihrer ganzen Bravheit, wenn schon – nach jahrelangem Warten – richtig der Strumpfwirker kommt!

Katharina Herr Weiring, wenn mein Mann auch ein Strumpfwirker ist, er ist ein honetter und ein braver Mann, über den ich mich nie zu beklagen gehabt hab'...

Weiring begütigend Aber, Frau Binder – geht denn das auf Sie!... Sie haben ja auch Ihre Jugend nicht zum Fenster hinausgeworfen.

Katharina Ich weiß von der Zeit nichts mehr.

Weiring Sagen S' das nicht – Sie können mir jetzt erzählen, was Sie wollen – die Erinnerungen sind doch das Beste, was Sie von Ihrem Leben haben.

Katharina Ich hab' gar keine Erinnerungen.

Weiring Na, na...

Katharina Und was bleibt denn übrig, wenn eine schon solche Erinnerungen hat, wie Sie meinen?... Die Reu.

Weiring Na, und was bleibt denn übrig – wenn sie – nicht einmal was zum Erinnern hat –? Wenn das ganze Leben nur so vorbeigegangen ist Sehr einfach, nicht pathetisch ein Tag wie der andere, ohne Glück und ohne Liebe – dann ist's vielleicht besser?

Katharina Aber, Herr Weiring, denken Sie doch nur an das alte Fräul'n – an Ihre Schwester!... Aber es tut Ihnen noch weh, wenn man von ihr red't, Herr Weiring...

Weiring Es tut mir noch weh, ja...

Katharina Freilich... wenn zwei Leut' so aneinander gehängt haben... ich hab's immer gesagt, so einen Bruder wie Sie find't man nicht bald.

Weiring abwehrende Bewegung.

Katharina Es ist ja wahr. Sie haben ihr doch als ein ganz junger Mensch Vater und Mutter ersetzen müssen.

Weiring Ja, ja –

Katharina Das muß ja doch wieder eine Art Trost sein. Wenn man so weiß, daß man immer der Wohltäter und Beschützer von so einem armen Geschöpf gewesen ist –

Weiring Ja, das hab' ich mir früher auch eingebildet – wie sie noch ein schönes junges Mädel war – und bin mir selber weiß Gott wie gescheit und edel vorgekommen. Aber dann, später, wie so langsam die grauen Haar' gekommen sind und die Runzeln, und es ist ein Tag um den andern hingegangen – und die ganze Jugend – und das junge Mädel ist so allmählich – man merkt ja so was kaum – das alte Fräulein geworden, – da hab' ich erst zu spüren angefangen, was ich eigentlich getan hab'!

Katharina Aber, Herr Weiring –

Weiring Ich seh' sie ja noch vor mir, wie sie mir oft gegenübergesessen ist am Abend, bei der Lampe, in dem Zimmer da, und hat mich so angeschaut mit ihrem stillen Lächeln, mit dem gewissen gottergebenen, – als wollt' sie mir noch für was danken; – und ich – ich hätt' mich ja am liebsten vor ihr auf die Knie hingeworfen, sie um Verzeihung bitten, daß ich sie so gut behütet hab' vor allen Gefahren – und vor allem Glück! Pause.

Katharina Und es wär' doch manche froh, wenn sie immer so einen Bruder an der Seite gehabt hätt'... und nichts zu bereuen...

 
Katharina, Weiring; Mizi tritt ein.

Mizi Guten Abend!... Da ist aber schon ganz dunkel... man sieht ja gar nichts mehr. – Ah, die Frau Binder. Ihr Mann ist unten, Frau Binder, und wart' auf Sie... Ist die Christin' nicht zu Haus?...

Weiring Sie ist vor einer Viertelstunde weggegangen.

Katharina Haben Sie sie denn nicht getroffen? Sie hat ja mit Ihnen ein Rendezvous gehabt?

Mizi Nein... wir haben uns jedenfalls verfehlt... Sie gehn mit Ihrem Mann zur Musik, hat er mir gesagt –?

Katharina Ja, er schwärmt so viel dafür. Aber hören Sie, Fräulein Mizi, Sie haben ein reizendes Hüterl auf. Neu, was?

Mizi Aber keine Spur. – Kennen Sie denn die Form nimmer? Vom vorigen Frühjahr; nur aufgeputzt ist er neu.

Katharina Selber haben Sie sich ihn neu aufgeputzt?

Mizi Na, freilich.

Weiring So geschickt!

Katharina Natürlich – ich vergess' immer, daß Sie ein Jahr lang in einem Modistengeschäft waren.

Mizi Ich werd' wahrscheinlich wieder in eins gehn. Die Mutter will's haben – da kann man nichts machen.

Katharina Wie geht's denn der Mutter?

Mizi Na gut – ein bissel Zahnweh hat s' – aber der Doktor sagt, es ist nur rheumatisch...

Weiring Ja, jetzt ist es aber für mich die höchste Zeit...

Katharina Ich geh' gleich mit Ihnen hinunter, Herr Weiring...

Mizi Ich geh' auch mit... Aber nehmen Sie sich doch den Überzieher, Herr Weiring, es wird später noch recht kühl.

Weiring Glauben Sie?

Katharina Freilich... Wie kann man denn so unvorsichtig sein.

 
VorigeChristine

Mizi Da ist sie ja...

Katharina Schon zurück vom Spaziergang?

Christine Ja. Grüß dich Gott, Mizi... Ich hab' so Kopfweh... Setzt sich.

Weiring Wie?...

Katharina Das ist wahrscheinlich von der Luft...

Weiring Geh, was hast denn, Christin'!... Bitt' Sie, Fräulein Mizi, zünden S' die Lampe an.

Mizi macht sich bereit.

Christine Aber das kann ich ja selber.

Weiring Ich möcht' dein Gesicht sehn, Christin'!...

Christine Aber Vater, es ist ja gar nichts, es ist gewiß von der Luft draußen.

Katharina Manche Leut' können grad das Frühjahr nicht vertragen.

Weiring Nicht wahr, Fräulein Mizi, Sie bleiben noch bei der Christin'?

Mizi Freilich bleib' ich da...

Christine Aber es ist ja gar nichts, Vater.

Mizi Meine Mutter macht nicht so viel Geschichten mit mir, wenn ich Kopfweh hab'...

Weiring zu Christine, die noch sitzt Bist du so müd?...

Christine vom Sessel aufstehend Ich steh' schon wieder auf. Lächelt.

Weiring So – jetzt schaust du schon wieder ganz anders aus. – Zu Katharina Ganz anders schaut sie aus, wenn sie lacht, was...? Also Adieu, Christin'... Küßt sie. Und daß der Kopf nimmer weh tut, wenn ich nach Haus komm'!... Ist bei der Tür.

Katharina leise zu Christine Habt's ihr euch gezankt?

Unwillige Bewegung Christinens.

Weiring bei der Tür Frau Binder...

Mizi Adieu!...

Weiring und Katharina ab.

 
Mizi, Christine

Mizi Weißt, woher die Kopfweh kommen? Von dem süßen Wein gestern. Ich wunder' mich so, daß ich gar nichts davon gespürt hab'... Aber lustig ist's gewesen, was...?

Christine nickt.

Mizi Sind sehr fesche Leut', beide – kann man gar nichts sagen, was? – Und schön eingerichtet ist der Fritz, wirklich prachtvoll! Beim Dori... Unterbricht sich Ah nichts... – Geh, hast noch immer so starke Kopfschmerzen? Warum red'st denn nichts?... Was hast denn?...

Christine Denk dir – er ist nicht gekommen.

Mizi Er hat dich aufsitzen lassen? Das geschieht dir recht!

Christine Ja, was heißt denn das? Was hab' ich denn getan? –

Mizi Verwöhnen tust du ihn, zu gut bist du zu ihm. Da muß ja ein Mann arrogant werden.

Christine Aber du weißt ja nicht, was du sprichst.

Mizi Ich weiß ganz gut, was ich red'. – Schon die ganze Zeit ärger' ich mich über dich. Er kommt zu spät zu den Rendezvous, er begleit' dich nicht nach Haus, er setzt sich zu fremden Leuten in die Log' hinein, er laßt dich einfach aufsitzen – das laßt du dir alles ruhig gefallen und schaust ihn noch dazu Sie parodierend mit so verliebten Augen an. –

Christine Geh, sprich nicht so, stell dich doch nicht schlechter als du bist. Du hast ja den Theodor auch gern.

Mizi Gern – freilich hab' ich ihn gern. Aber das erlebt der Dori nicht, und das erlebt überhaupt kein Mann mehr, daß ich mich um ihn kränken tät' – das sind sie alle zusamm' nicht wert, die Männer.

Christine Nie hab' ich dich so reden gehört, nie! –

Mizi Ja, Tinerl – früher haben wir doch überhaupt nicht so miteinander gered't. – Ich hab' mich ja gar nicht getraut. Was glaubst denn, was ich für einen Respekt vor dir gehabt hab'!... Aber siehst, das hab' ich mir immer gedacht: Wenn's einmal über dich kommt, wird's dich ordentlich haben. Das erste Mal beutelt's einen schon zusammen! – Aber dafür kannst du auch froh sein, daß du bei deiner ersten Liebe gleich eine so gute Freundin zum Beistand hast.

Christine Mizi!

Mizi Glaubst mir's nicht, daß ich dir eine gute Freundin bin? Wenn ich nicht da bin und dir sag': Kind, er ist ein Mann wie die andern und alle zusammen sind's nicht eine böse Stund' wert, so setzt du dir weiß Gott was für Sachen in den Kopf. Ich sag's aber immer: Den Männern soll man überhaupt kein Wort glauben.

Christine Was red'st du denn – die Männer – was gehn mich denn die Männer an! – Ich frag' ja nicht nach den anderen. – In meinem ganzen Leben werd' ich nach keinem andern fragen!

Mizi ... Ja, was glaubst du denn eigentlich... hat er dir denn...? Freilich – es ist schon alles vorgekommen; aber da hättest du die Geschichte anders anfangen müssen...

Christine Schweig endlich!

Mizi Na, was willst denn von mir? Ich kann ja nichts dafür – das muß man sich früher überlegen. Da muß man halt warten, bis einer kommt, dem man die ernsten Absichten gleich am Gesicht ankennt...

Christine Mizi, ich kann solche Worte heute nicht vertragen, sie tun mir weh.

Mizi gutmütig Na, geh –

Christine Laß mich lieber... sei nicht bös... laß mich lieber allein!

Mizi Warum soll ich denn bös sein? Ich geh' schon. Ich hab' dich nicht kränken wollen, Christin', wirklich... Wie sie sich zum Gehen wendet Ah, der Herr Fritz.

 
VorigeFritz ist eingetreten.

Fritz Guten Abend!

Christine aufjubelnd Fritz, Fritz! Ihm entgegen, in seine Arme.

Mizi schleicht sich hinaus, mit einer Miene, die ausdrückt: Da bin ich überflüssig.

Fritz sich losmachend Aber –

Christine Alle sagen, daß du mich verlassen wirst! Nicht wahr, du tust es nicht – jetzt noch nicht – jetzt noch nicht...

Fritz Wer sagt denn das?... Was hast du denn... Sie streichelnd Aber Schatz... Ich hab' mir eigentlich gedacht, daß du recht erschrecken wirst, wenn ich plötzlich da hereinkomme.

Christine Oh – daß du nur da bist!

Fritz Geh, so beruhig' dich doch – hast du lang auf mich gewartet?

Christine Warum bist du denn nicht gekommen?

Fritz Ich bin aufgehalten worden, hab' mich verspätet. Jetzt bin ich im Garten gewesen und hab' dich nicht gefunden – und hab' wieder nach Haus gehen wollen. Aber plötzlich hat mich eine solche Sehnsucht gepackt, eine solche Sehnsucht nach diesem lieben süßen Gesichtel...

Christine glücklich Is' wahr?

Fritz Und dann hab' ich auch plötzlich eine so unbeschreibliche Lust bekommen zu sehen, wo du eigentlich wohnst – ja im Ernst – ich hab' das einmal sehen müssen – und da hab' ich's nicht ausgehalten und bin da herauf... es ist dir also nicht unangenehm?

Christine O Gott!

Fritz Es hat mich niemand gesehn – und daß dein Vater im Theater ist, hab' ich ja gewußt.

Christine Was liegt mir an den Leuten!

Fritz Also da –? Sieht sich im Zimmer um Das also ist dein Zimmer? Sehr hübsch...

Christine Du siehst ja gar nichts. Will den Schirm von der Lampe nehmen.

Fritz Nein, laß nur, das blendet mich, ist besser so... Also da? Das ist das Fenster, von dem du mir erzählt hast, an dem du immer arbeitest, was? – Und die schöne Aussicht! Lächelnd Über wieviel Dächer man da sieht... Und da drüben – ja, was ist denn das, das Schwarze, das man da drüben sieht?

Christine Das ist der Kahlenberg!

Fritz Richtig! Du hast's eigentlich schöner als ich.

Christine Oh!

Fritz Ich möchte gern so hoch wohnen, über alle Dächer sehn, ich finde das sehr schön. Und auch still muß es in der Gasse sein?

Christine Ach, bei Tag ist Lärm genug.

Fritz Fährt denn da je ein Wagen vorbei?

Christine Selten, aber gleich im Haus drüben ist eine Schlosserei.

Fritz O, das ist sehr unangenehm. Er hat sich niedergesetzt.

Christine Das gewöhnt man! Man hört's gar nicht mehr.

Fritz steht rasch wieder auf Bin ich wirklich zum erstenmal da –? Es kommt mir alles so bekannt vor!... Genau so hab' ich mir's eigentlich vorgestellt. Wie er Miene macht, sich näher im Zimmer umzusehn:

Christine Nein, anschaun darfst du dir da nichts. –

Fritz Was sind denn das für Bilder?...

Christine Geh!...

Fritz Ah, die möcht' ich mir ansehn. Er nimmt die Lampe und beleuchtet die Bilder.

Christine... Abschied – und Heimkehr!

Fritz Richtig – Abschied und Heimkehr!

Christine Ich weiß schon, daß die Bilder nicht schön sind. – Beim Vater drin hängt eins, das ist viel besser.

Fritz Was ist das für ein Bild?

Christine Das ist ein Mädel, die schaut zum Fenster hinaus, und draußen, weißt, ist der Winter – und das heißt »Verlassen«. –

Fritz So... Stellt die Lampe hin Ah, und da ist deine Bibliothek. Setzt sich neben die kleine Bücherstellage.

Christine Die schau' dir lieber nicht an –

Fritz Warum denn? Ah! – Schiller... Hauff... Das Konversationslexikon... Donnerwetter! –

Christine Geht nur bis zum G...

Fritz lächelnd Ach so... Das Buch für Alle... Da schaust du dir die Bilder drin an, was?

Christine Natürlich hab' ich mir die Bilder angeschaut.

Fritz noch sitzend – Wer ist denn der Herr da auf dem Ofen?

Christine belehrend Das ist doch der Schubert.

Fritz aufstehend Richtig –

Christine Weil ihn der Vater so gern hat. Der Vater hat früher auch einmal Lieder komponiert, sehr schöne.

Fritz Jetzt nimmer?

Christine Jetzt nimmer. Pause.

Fritz setzt sich So gemütlich ist es da! –

Christine Gefällt's dir wirklich?

Fritz Sehr... Was ist denn das? Nimmt eine Vase mit Kunstblumen, die auf dem Tisch steht.

Christine Er hat schon wieder was gefunden!...

Fritz Nein, Kind, das gehört nicht da herein... das sieht verstaubt aus.

Christine Die sind aber gewiß nicht verstaubt.

Fritz Künstliche Blumen sehen immer verstaubt aus... In deinem Zimmer müssen wirkliche Blumen stehn, die duften und frisch sind. Von jetzt an werde ich dir... Unterbricht sich, wendet sich ab, um seine Bewegung zu verbergen.

Christine Was denn? Was wolltest du denn sagen?

Fritz Nichts, nichts

Christine steht auf, zärtlich Was? –

Fritz Daß ich dir morgen frische Blumen schicken werde, hab' ich sagen wollen...

Christine Na, und reut's dich schon? – Natürlich! Morgen denkst du ja nicht mehr an mich.

Fritz abwehrende Bewegung.

Christine Gewiß, wenn du mich nicht siehst, denkst du nicht an mich.

Fritz Aber was red'st du denn?

Christine O ja, ich weiß es. Ich spür's ja.

Fritz Wie kannst du dir das nur einbilden.

Christine Du selbst bist schuld daran. Weil du immer Geheimnisse vor mir hast!... Weil du mir gar nichts von dir erzählst. – Was tust du so den ganzen Tag?

Fritz Aber Schatz, das ist ja sehr einfach. Ich geh' in Vorlesungen – zuweilen – dann geh' ich ins Kaffeehaus... dann les' ich... manchmal spiel' ich auch Klavier – dann plauder' ich mit dem oder jenem – dann mach' ich Besuche... das ist doch alles ganz belanglos. Es ist ja langweilig, davon zu reden. – Jetzt muß ich übrigens gehn, Kind...

Christine Jetzt schon –

Fritz Dein Vater wird ja bald da sein.

Christine Noch lange nicht, Fritz. – Bleib noch – eine Minute bleib noch –

Fritz Und dann hab' ich... der Theodor erwartet mich... ich hab' mit ihm noch was zu sprechen.

Christine Heut?

Fritz Gewiß heut.

Christine Wirst ihn morgen auch sehn!

Fritz Ich bin morgen vielleicht gar nicht in Wien.

Christine Nicht in Wien? –

Fritz ihre Ängstlichkeit bemerkend, ruhig – heiter Nun ja, das kommt ja vor! Ich fahr' übern Tag weg – oder auch über zwei, du Kind.

Christine Wohin?

Fritz Wohin!... Irgendwohin – Ach Gott, so mach' doch kein solches Gesicht... Aufs Gut fahr' ich zu meinen Eltern... na... ist das auch unheimlich?

Christine Auch von denen, schau, erzählst du mir nie!

Fritz Nein, was du für ein Kind bist... Du verstehst gar nicht, wie schön das ist, daß wir so vollkommen mit uns allein sind. Sag, spürst du denn das nicht?

Christine Nein, es ist gar nicht schön, daß du mir nie was von dir erzählst... Schau, mich interessiert ja alles, was dich angeht, ach ja... alles – ich möcht' mehr von dir haben als die eine Stunde am Abend, die wir manchmal beisammen sind. Dann bist du ja wieder fort, und ich weiß gar nichts... Da geht dann die ganze Nacht vorüber und ein ganzer Tag mit den vielen Stunden – und nichts weiß ich. Darüber bin ich oft so traurig.

Fritz Warum bist du denn da traurig?

Christine Ja, weil ich dann so eine Sehnsucht nach dir hab', als wenn du gar nicht in derselben Stadt, als wenn du ganz woanders wärst! Wie verschwunden bist du da für mich, so weit weg...

Fritz etwas ungeduldig Aber...

Christine Na schau, es ist ja wahr!

Fritz Komm daher, zu mir Sie ist bei ihm Du weißt ja doch nur eins, wie ich – daß du mich in diesem Augenblicke liebst... Wie sie reden will Sprich nicht von Ewigkeit. Mehr für sich Es gibt ja vielleicht Augenblicke, die einen Duft von Ewigkeit um sich sprühen. – ... Das ist die einzige, die wir verstehen können, die einzige, die uns gehört... Er küßt sie. – Pause. – Er steht auf. – Ausbrechend O, wie schön ist es bei dir, wie schön!... Er steht beim Fenster So weltfern ist man da, mitten unter den vielen Häusern... so einsam komm' ich mir vor, so mit dir allein... Leise so geborgen...

Christine Wenn du immer so sprächst... da könnt' ich fast glauben...

Fritz Was denn, Kind?

Christine Daß du mich so lieb hast, wie ich's mir geträumt hab' – an dem Tag, wo du mir den ersten Kuß gegeben hast... erinnerst du dich daran?

Fritz leidenschaftlich Ich hab' dich lieb! – Er umarmt sie; reißt sich los Aber jetzt laß mich fort –

Christine Reut's dich denn schon wieder, daß du mir's gesagt hast? Du bist ja frei, du bist ja frei – du kannst mich ja sitzen lassen, wann du willst... Du hast mir nichts versprochen – und ich hab' nichts von dir verlangt... Was dann aus mir wird – es ist ja ganz einerlei – ich bin doch einmal glücklich gewesen, mehr will ich ja vom Leben nicht. Ich möchte nur, daß du das weißt und mir glaubst: Daß ich keinen lieb gehabt vor dir, und daß ich keinen lieb haben werde – wenn du mich einmal nimmer willst –

Fritz mehr für sich Sag's nicht, sag's nicht – es klingt... zu schön...

Es klopft.

Fritz schrickt zusammen Es wird Theodor sein...

Christine betroffen Er weiß, daß du bei mir bist –?

 
Christine, Fritz; Theodor tritt ein.

Theodor Guten Abend. – Unverschämt, was?

Christine Haben Sie so wichtige Dinge mit ihm zu besprechen? –

Theodor Gewiß – und hab' ihn schon überall gesucht.

Fritz leise Warum hast du nicht unten gewartet?

Christine Was flüsterst du ihm zu?

Theodor absichtlich laut Warum ich nicht unten gewartet habe?... Ja, wenn ich bestimmt gewußt hätte, daß du da bist... Aber da ich das nicht habe riskieren können, unten zwei Stunden auf und ab zu spazieren...

Fritz mit Beziehung Also... du fährst morgen mit mir?

Theodor verstehend Stimmt!...

Fritz Das ist gescheit...

Theodor Ich bin aber so gerannt, daß ich um die Erlaubnis bitten muß, mich auf zehn Sekunden niederzusetzen.

Christine Bitte sehr – macht sich beim Fenster zu schaffen.

Fritz leise Gibt's was Neues? – Hast du etwas über sie erfahren?

Theodor leise zu Fritz Nein. Ich hol' dich nur da herunter, weil du leichtsinnig bist. Wozu noch diese überflüssigen Aufregungen? Schlafen sollst du dich legen... Ruhe brauchst du!... Christine wieder bei ihnen.

Fritz Sag, findest du das Zimmer nicht wunderlieb?

Theodor Ja, es ist sehr nett... Zu Christine Stecken Sie den ganzen Tag da zu Haus? – Es ist übrigens wirklich sehr wohnlich. Ein bißchen hoch für meinen Geschmack.

Fritz Das find' ich grad so hübsch.

Theodor Aber jetzt entführ' ich Ihnen den Fritz, wir müssen morgen früh aufstehn.

Christine Also du fährst wirklich weg?

Theodor Er kommt wieder, Fräulein Christin'!

Christine Wirst du mir schreiben?

Theodor Aber wenn er morgen wieder zurück ist –

Christine Ach, ich weiß, er fährt auf länger fort...

Fritz zuckt zusammen.

Theodor der es bemerkt Muß man denn da gleich schreiben? Ich hätte Sie gar nicht für so sentimental gehalten... Dich will ich sagen – wir sind ja per Du... Also... gebt euch nur den Abschiedskuß, da ihr auf so lang... Unterbricht sich Na, ich bin nicht da.

Fritz und Christine küssen einander.

Theodor nimmt eine Zigarettentasche hervor und steckt eine Zigarette in den Mund, sucht in seiner Überziehertasche nach einem Streichholz. Wie er keines findet Sagen Sie, liebe Christine, haben Sie kein Zündholz?

Christine O ja, da sind welche! Auf ein Feuerzeug auf der Kommode deutend.

Theodor Da ist keins mehr. –

Christine Ich bring' Ihnen eins. Läuft rasch ins Nebenzimmer.

Fritz ihr nachsehend, zu Theodor O Gott, wie lügen solche Stunden!

Theodor Na, was für Stunden denn!

Fritz Jetzt bin ich nahe dran zu glauben, daß hier mein Glück wäre, daß dieses süße Mädel – Er unterbricht sich aber diese Stunde ist eine große Lügnerin...

Theodor Abgeschmacktes Zeug... Wie wirst du darüber lachen. –

Fritz Dazu werd' ich wohl keine Zeit mehr haben.

Christine kommt zurück mit Zündhölzchen Hier haben Sie!

Theodor Danke sehr... Also adieu. – Zu Fritz Na, was willst du denn noch? –

Fritz sieht im Zimmer hin und her, als wollte er noch einmal alles in sich aufnehmen Da kann man sich kaum trennen.

Christine Geh, mach dich nur lustig.

Theodor stark Komm. – Adieu, Christine.

Fritz Leb wohl...

Christine Auf Wiedersehn! – Theodor und Fritz gehen.

Christine bleibt beklommen stehen, dann geht sie bis zur Tür, die offen steht; halblaut Fritz...

Fritz kommt noch einmal zurück und drückt sie an sein Herz Leb wohl!...

 
Vorhang

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