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Arthur Schnitzler: Liebelei - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleReigen / Liebelei
authorArthur Schnitzler
year1999
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-27009-X
titleLiebelei
pages103-161
created20010614
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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Erster Akt

Zimmer Fritzens. Elegant und behaglich.

Fritz, Theodor Theodor tritt zuerst ein, er hat den Überzieher auf dem Arm, nimmt den Hut erst nach dem Eintritt ab, hat auch den Stock noch in der Hand.

Fritz spricht draußen Also es war niemand da?

Stimme des Dieners Nein, gnädiger Herr.

Fritz im Hereintreten Den Wagen könnten wir eigentlich wegschicken?

Theodor Natürlich. Ich dachte, du hättest es schon getan.

Fritz wieder hinausgehend, in der Tür Schicken Sie den Wagen fort. Ja... Sie können übrigens jetzt auch weggehen, ich brauche Sie heute nicht mehr. Er kommt herein. Zu Theodor Was legst du denn nicht ab?

Theodor ist neben dem Schreibtisch Da sind ein paar Briefe. Er wirft Überzieher und Hut auf einen Sessel, behält den Spazierstock in der Hand.

Fritz geht hastig zum Schreibtisch Ah!...

Theodor Na, na!... Du erschrickst ja förmlich.

Fritz Von Papa... Erbricht den anderen von Lensky...

Theodor Laß dich nicht stören.

Fritz durchfliegt die Briefe.

Theodor Was schreibt denn der Papa?

Fritz Nichts Besonderes... Zu Pfingsten soll ich auf acht Tage aufs Gut.

Theodor Wäre sehr vernünftig. Ich möchte dich auf ein halbes Jahr hinschicken.

Fritz der vor dem Schreibtisch steht, wendet sich nach ihm um.

Theodor Gewiß! – Reiten, kutschieren, frische Luft, Sennerinnen –

Fritz Du, Sennhütten gibt's auf Kukuruzfeldern keine!

Theodor Naja also, du weißt schon, was ich meine...

Fritz Willst du mit mir hinkommen?

Theodor Kann ja nicht!

Fritz Warum denn?

Theodor Mensch, ich hab' ja Rigorosum zu machen! Wenn ich mit dir hinginge, wär' es nur, um dich dortzuhalten.

Fritz Geh, mach dir um mich keine Sorgen!

Theodor Du brauchst nämlich – das ist meine Überzeugung – nichts anderes als frische Luft! – Ich hab's heute gesehen. Da draußen, wo der echte grüne Frühling ist, bist du wieder ein sehr lieber und angenehmer Mensch gewesen.

Fritz Danke.

Theodor Und jetzt – jetzt knickst du natürlich zusammen. Wir sind dem gefährlichen Dunstkreis wieder zu nah.

Fritz macht eine ärgerliche Bewegung.

Theodor Du weißt nämlich gar nicht, wie fidel du da draußen gewesen bist – du warst geradezu bei Verstand – es war wie in den guten alten Tagen... – Auch neulich, wie wir mit den zwei herzigen Mäderln zusammen waren, bist du ja sehr nett gewesen, aber jetzt – ist es natürlich wieder aus, und du findest es dringend notwendig Mit ironischem Pathosan jenes Weib zu denken.

Fritz steht auf, ärgerlich.

Theodor Du kennst mich nicht, mein Lieber. Ich habe nicht die Absicht, das länger zu dulden.

Fritz Herrgott, bist du energisch!...

Theodor Ich verlang' ja nicht von dir, daß du Wie oben jenes Weib vergißt... ich möchte nur, Herzlich mein lieber Fritz, daß dir diese unglückselige Geschichte, in der man ja immer für dich zittern muß, nicht mehr bedeutet als ein gewöhnliches Abenteuer... Schau Fritz, wenn du eines Tages »jenes Weib« nicht mehr anbetest, da wirst du dich wundern, wie sympathisch sie dir sein wird. Da wirst du erst drauf kommen, daß sie gar nichts Dämonisches an sich hat, sondern daß sie ein sehr liebes Frauerl ist, mit dem man sich sehr gut amüsieren kann, wie mit allen Weibern, die jung und hübsch sind und ein bißchen Temperament haben.

Fritz Warum sagst du »für mich zittern«?

Theodor Du weißt es... Ich kann dir nicht verhehlen, daß ich eine ewige Angst habe, du gehst eines schönen Tages mit ihr auf und davon.

Fritz Das meintest du?...

Theodor nach einer kurzen Pause Es ist nicht die einzige Gefahr.

Fritz Du hast recht, Theodor – es gibt auch andere.

Theodor Man macht eben keine Dummheiten.

Fritz vor sich hin Es gibt andere...

Theodor Was hast du?... Du denkst an was ganz Bestimmtes.

Fritz Ach nein, ich denke nicht an Bestimmtes... Mit einem Blick zum Fenster Sie hat sich ja schon einmal getäuscht.

Theodor Wieso?... Was?... Ich versteh' dich nicht.

Fritz Ach nichts.

Theodor Was ist das? So red doch vernünftig.

Fritz Sie ängstigt sich in der letzten Zeit... zuweilen.

Theodor Warum? – Das muß doch einen Grund haben.

Fritz Durchaus nicht. Nervosität – Ironisch schlechtes Gewissen, wenn du willst.

Theodor Du sagst, sie hat sich schon einmal getäuscht –

Fritz Nun ja – und heute wohl wieder.

Theodor Heute – ja, was heißt denn das alles –?

Fritz nach einer kleinen Pause Sie glaubt... man paßt uns auf.

Theodor Wie?

Fritz Sie hat Schreckbilder, wahrhaftig, förmliche Halluzinationen. Beim Fenster Sie sieht hier durch den Ritz des Vorhanges irgendeinen Menschen, der dort an der Straßenecke steht, und glaubt – Unterbricht sich Ist es überhaupt möglich, ein Gesicht auf diese Entfernung hin zu erkennen?

Theodor Kaum.

Fritz Das sag' ich ja auch. Aber das ist dann schrecklich. Da traut sie sich nicht fort, da bekommt sie alle möglichen Zustände, da hat sie Weinkrämpfe, da möchte sie mit mir sterben –

Theodor Natürlich.

Fritz kleine Pause Heute mußte ich hinunter, nachsehen. So gemütlich, als wenn ich eben allein von Hause wegginge; – es war natürlich weit und breit kein bekanntes Gesicht zu sehn...

Theodor schweigt.

Fritz Das ist doch vollkommen beruhigend, nicht wahr? Man versinkt ja nicht plötzlich in die Erde, was?... So antwort mir doch!

Theodor Was willst du denn darauf für eine Antwort? Natürlich versinkt man nicht in die Erde. Aber in Haustore versteckt man sich zuweilen.

Fritz Ich hab' in jedes hineingesehen.

Theodor Da mußt du einen sehr harmlosen Eindruck gemacht haben.

Fritz Niemand war da. Ich sag's ja, Halluzinationen.

Theodor Gewiß. Aber es sollte dich lehren vorsichtiger sein.

Fritz Ich hätt' es ja auch merken müssen, wenn er einen Verdacht hätte. Gestern habe ich ja nach dem Theater mit ihnen soupiert – mit ihm und ihr – und es war so gemütlich, sag' ich dir!... Lächerlich!

Theodor Ich bitt' dich Fritz – tu mir den Gefallen, sei vernünftig. Gib diese ganze verdammte Geschichte auf – schon meinetwegen. Ich hab' ja auch Nerven... Ich weiß ja, du bist nicht der Mensch, dich aus einem Abenteuer ins Freie zu retten, drum hab' ich dir's ja so bequem gemacht und dir Gelegenheit gegeben, dich in ein anderes hineinzuretten...

Fritz Du?...

Theodor Nun, hab' ich dich nicht vor ein paar Wochen zu meinem Rendezvous mit Fräulein Mizi mitgenommen? Und hab' ich nicht Fräulein Mizi gebeten, ihre schönste Freundin mitzubringen? Und kannst du es leugnen, daß dir die Kleine sehr gut gefällt?...

Fritz Gewiß ist die lieb!... So lieb! Und du hast ja gar keine Ahnung, wie ich mich nach so einer Zärtlichkeit ohne Pathos gesehnt habe, nach so was Süßem, Stillem, das mich umschmeichelt, an dem ich mich von den ewigen Aufregungen und Martern erholen kann.

Theodor Das ist es, ganz richtig! Erholen! Das ist der tiefere Sinn. Zum Erholen sind sie da. Drum bin ich auch immer gegen die sogenannten interessanten Weiber. Die Weiber haben nicht interessant zu sein, sondern angenehm. Du mußt dein Glück suchen, wo ich es bisher gesucht und gefunden habe, dort, wo es keine großen Szenen, keine Gefahren, keine tragischen Verwicklungen gibt, wo der Beginn keine besonderen Schwierigkeiten und das Ende keine Qualen hat, wo man lächelnd den ersten Kuß empfängt und mit sehr sanfter Rührung scheidet.

Fritz Ja, das ist es.

Theodor Die Weiber sind ja so glücklich in ihrer gesunden Menschlichkeit – was zwingt uns denn, sie um jeden Preis zu Dämonen oder zu Engeln zu machen?

Fritz Sie ist wirklich ein Schatz. So anhänglich, so lieb. Manchmal scheint mir fast, zu lieb für mich.

Theodor Du bist unverbesserlich; scheint es. Wenn du die Absicht hast, auch die Sache wieder ernst zu nehmen –

Fritz Aber ich denke nicht daran. Wir sind ja einig; Erholung.

Theodor Ich würde auch meine Hände von dir abziehen. Ich hab' deine Liebestragödien satt. Du langweilst mich damit. Und wenn du Lust hast, mir mit dem berühmten Gewissen zu kommen, so will ich dir mein einfaches Prinzip für solche Fälle verraten: Besser ich als ein anderer. Denn der andere ist unausbleiblich wie das Schicksal.

Es klingelt.

Fritz Was ist denn das?...

Theodor Sieh nur nach. – Du bist ja schon wieder blaß! Also beruhige dich sofort. Es sind die zwei süßen Mäderln.

Fritz angenehm überrascht Was?...

Theodor Ich habe mir die Freiheit genommen, sie für heute zu dir einzuladen. –

Fritz im Hinausgehen Geh – warum hast du mir's denn nicht gesagt! Jetzt hab' ich den Diener weggeschickt.

Theodor Um so gemütlicher.

Fritzens Stimme draußen Grüß Sie Gott, Mizi!

Theodor, Fritz, Mizi tritt ein, trägt ein Paket in der Hand.

Fritz Und wo ist denn die Christin'? –

Mizi Kommt bald nach. Grüß dich Gott, Dori.

Theodor küßt ihr die Hand.

Mizi Sie müssen schon entschuldigen, Herr Fritz; aber der Theodor hat uns einmal eingeladen –

Fritz Aber das ist ja eine famose Idee gewesen. Nur hat er eines vergessen, der Theodor –

Theodor Nichts hat er vergessen, der Theodor. Nimmt der Mizi das Paket aus der Hand Hast du alles mitgebracht, was ich dir aufgeschrieben habe? –

Mizi Freilich! Zu Fritz Wo darf ich's denn hinlegen?

Fritz Geben Sie mir's nur, Mizi, wir legen's indessen da auf die Kredenz.

Mizi Ich hab' noch extra was gekauft, was du nicht aufgeschrieben hast, Dori.

Fritz Geben Sie mir Ihren Hut, Mizi, so – Legt ihn aufs Klavier, ebenso ihre Boa.

Theodor Mißtrauisch Was denn?

Mizi Eine Mokkacremetorte.

Theodor Naschkatz'!

Fritz Ja, aber sagen Sie, warum ist denn die Christin' nicht gleich mitgekommen? –

Mizi Die Christin' begleitet ihren Vater zum Theater hin. Sie fährt dann mit der Tramway her.

Theodor Das ist eine zärtliche Tochter...

Mizi Na, und gar in der letzten Zeit, seit der Trauer.

Theodor Wer ist ihnen denn eigentlich gestorben?

Mizi Die Schwester vom alten Herrn.

Theodor Ah, die Frau Tant'!

Mizi Nein, das war eine alte Fräul'n, die schon immer bei ihnen gewohnt hat – Na, und da fühlt er sich halt so vereinsamt.

Theodor Nicht wahr, der Vater von der Christin', das ist so ein kleiner Herr mit kurzem grauen Haar –

Mizi schüttelt den Kopf Nein, er hat ja lange Haar'.

Fritz Woher kennst du ihn denn?

Theodor Neulich war ich mit dem Lensky in der Josefstadt und da hab' ich mir die Leut' mit den Baßgeigen angeschaut.

Mizi Er spielt ja nicht Baßgeige, Violin' spielt er.

Theodor Ach so – ich hab' gemeint, er spielt Baßgeige. Zu Mizi, die lacht Das ist ja nicht komisch; das kann ich ja nicht wissen, du Kind.

Mizi Schön haben Sie's, Herr Fritz – wunderschön! Wohin haben Sie denn die Aussicht?

Fritz Das Fenster da geht in die Strohgasse, und im Zimmer daneben –

Theodor rasch Sagt mir nur, warum seid ihr denn so gespreizt miteinander? Ihr könntet euch wirklich du sagen.

Mizi Beim Nachtmahl trinken wir Bruderschaft.

Theodor Solide Grundsätze! Immerhin beruhigend. Wie geht's denn der Frau Mutter?

Mizi wendet sich zu ihm, plötzlich mit besorgter Miene Denk dir, sie hat –

Theodor Zahnweh – ich weiß, ich weiß. Deine Mutter hat immer Zahnweh. Sie soll endlich einmal zu einem Zahnarzt gehen.

Mizi Aber der Doktor sagt, es ist nur rheumatisch.

Theodor lachend Ja, wenn's nur rheumatisch ist –

Mizi ein Album in der Hand Lauter so schöne Sachen haben Sie da!... Im Blättern Wer ist denn das?... Das sind ja Sie, Herr Fritz... In Uniform!? Sie sind beim Militär?

Fritz Ja.

Mizi Dragoner! – Sind Sie bei den gelben oder bei den schwarzen?

Fritz lächelnd Bei den gelben.

Mizi wie in Träume versunken Bei den gelben.

Theodor Da wird sie ganz träumerisch! Mizi, wach auf!

Mizi Aber jetzt sind Sie Leutnant der Reserve?

Fritz Allerdings.

Mizi Sehr gut müssen Sie ausschaun mit dem Pelz.

Theodor Umfassend ist dieses Wissen! – Du, Mizi, ich bin nämlich auch beim Militär.

Mizi Bist du auch bei den Dragonern?

Theodor Ja. –

Mizi Ja, warum sagt ihr einem denn das nicht?...

Theodor Ich will um meiner selbst willen geliebt werden.

Mizi Geh, Dori, da mußt du dir nächstens, wenn wir zusammen wohin gehen, die Uniform anziehn.

Theodor Im August hab' ich sowieso Waffenübung.

Mizi Gott, bis zum August –

Theodor Ja, richtig – so lange währt die ewige Liebe nicht.

Mizi Wer wird denn im Mai an den August denken. Ist's nicht wahr, Herr Fritz? – Sie, Herr Fritz, warum sind denn Sie uns gestern durchgegangen?

Fritz Wieso...

Mizi Na ja – nach dem Theater.

Fritz Hat mich denn der Theodor nicht bei euch entschuldigt?

Theodor Freilich hab' ich dich entschuldigt.

Mizi Was hab' denn ich – oder vielmehr die Christin' von Ihrer Entschuldigung! Wenn man was verspricht, so halt man's.

Fritz Ich wär' wahrhaftig lieber mit euch gewesen...

Mizi Is' wahr?...

Fritz Aber, ich konnt' nicht. Sie haben ja gesehen, ich war mit Bekannten in der Loge, und da hab' ich mich nachher nicht losmachen können.

Mizi Ja, von den schönen Damen haben Sie sich nicht losmachen können. Glauben Sie, wir haben Sie nicht gesehen von der Galerie aus?

Fritz Ich hab' euch ja auch gesehn...

Mizi Sie sind rückwärts in der Loge gesessen.

Fritz Nicht immer.

Mizi Aber meistens. Hinter einer Dame mit einem schwarzen Samtkleid sind Sie gesessen und haben immer Parodierende Bewegung so hervorgeguckt.

Fritz Sie haben mich aber genau beobachtet.

Mizi Mich geht's ja nichts an! Aber wenn ich die Christin' wär'... Warum hat denn der Theodor nach dem Theater Zeit? Warum muß der nicht mit Bekannten soupieren gehn?

Theodor stolz Warum muß ich nicht mit Bekannten soupieren gehn?...

Es klingelt.

Mizi Das ist die Christin'.

Fritz eilt hinaus.

Theodor Mizi, du könntest mir einen Gefallen tun.

Mizi fragende Miene.

Theodor Vergiß – auf einige Zeit wenigstens – deine militärischen Erinnerungen.

Mizi Ich hab' ja gar keine.

Theodor Na du, aus dem Schematismus hast du die Sachen nicht gelernt, das merkt man.

 
Theodor, Mizi, Fritz, Christine mit Blumen in der Hand.

Christine grüßt mit ganz leichter Befangenheit Guten Abend. Begrüßung. Zu Fritz Freut's dich, daß wir gekommen sind? Bist nicht bös?

Fritz Aber Kind! – Manchmal ist ja der Theodor gescheiter als ich. –

Theodor Na, geigt er schon, der Herr Papa?

Christine Freilich; ich hab' ihn zum Theater hinbegleitet.

Fritz Die Mizi hat's uns erzählt. –

Christine zu Mizi Und die Kathrin' hat mich noch aufgehalten.

Mizi O je, die falsche Person.

Christine Oh, die ist gewiß nicht falsch, die ist sehr gut zu mir.

Mizi Du glaubst auch einer jeden.

Christine Warum soll die denn gegen mich falsch sein?

Fritz Wer ist denn die Kathrin'?

Mizi Die Frau von einem Strumpfwirker und ärgert sich alleweil, wenn wer jünger ist wie sie.

Christine Sie ist ja selbst noch eine junge Person.

Fritz Lassen wir die Kathrin'. – Was hast du denn da?

Christine Ein paar Blumen hab' ich dir mitgebracht.

Fritz nimmt sie ihr ab und küßt ihr die Hand Du bist ein Engerl. Wart, die wollen wir da in die Vase...

Theodor Oh nein! Du hast gar kein Talent zum Festarrangeur. Die Blumen werden zwanglos auf den Tisch gestreut... Nachher übrigens, wenn aufgedeckt ist. Eigentlich sollte man das so arrangieren, daß sie von der Decke herunterfallen. Das wird aber wieder nicht gehen.

Fritz lachend Kaum

Theodor Unterdessen wollen wir sie doch da hineinstecken. Gibt sie in die Vase.

Mizi Kinder, dunkel wird's!

Fritz hat der Christine geholfen, die Überjacke auszuziehen, sie hat auch ihren Hut abgelegt, er gibt die Dinge auf einen Stuhl im Hintergrund Gleich wollen wir die Lampe anzünden.

Theodor Lampe! Keine Idee! Lichter werden wir anzünden. Das macht sich viel hübscher. Komm, Mizi, kannst mir helfen.

Er und Mizi zünden die Lichter an; die Kerzen in den zwei Armleuchtern auf dem Trumeau, eine Kerze auf dem Schreibtisch, dann zwei Kerzen auf der Kredenz.
Unterdessen sprechen Fritz und Christine miteinander.

Fritz Wie geht's dir denn, mein Schatz?

Christine Jetzt geht's mir gut.

Fritz Na, und sonst?

Christine Ich hab' mich so nach dir gesehnt.

Fritz Wir haben uns ja gestern erst gesehen.

Christine Gesehn... von weitem... Schüchtern Du, das war nicht schön, daß du...

Fritz Ja, ich weiß schon; die Mizi hat's mir schon gesagt. Aber du bist ein Kind wie gewöhnlich. Ich hab' nicht los können. So was mußt du ja begreifen.

Christine Ja... du, Fritz... wer waren denn die Leute in der Loge?

Fritz Bekannte – das ist doch ganz gleichgültig, wie sie heißen.

Christine Wer war denn die Dame im schwarzen Samtkleid?

Fritz Kind, ich hab' gar kein Gedächtnis für Toiletten.

Christine schmeichelnd Na!

Fritz Das heißt... ich hab' dafür auch schon ein Gedächtnis – in gewissen Fällen. Zum Beispiel an die dunkelgraue Bluse erinner' ich mich sehr gut, die du angehabt hast, wie wir uns das erste Mal gesehen haben. Und die weiß-schwarze Taille, gestern... im Theater –

Christine Die hab' ich ja heut auch an!

Fritz Richtig... von weitem sieht die nämlich ganz anders aus – im Ernst! Oh, und das Medaillon, das kenn' ich auch!

Christine lächelnd Wann hab' ich's umgehabt?

Fritz Vor – na, damals, wie wir in dem Garten bei der Linie spazierengegangen sind, wo die vielen Kinder gespielt haben... nicht wahr...?

Christine Ja... Du denkst doch manchmal an mich.

Fritz Ziemlich häufig, mein Kind...

Christine Nicht so oft, wie ich an dich. Ich denke immer an dich... den ganzen Tag... und froh kann ich doch nur sein, wenn ich dich seh'!

Fritz Sehn wir uns denn nicht oft genug? –

Christine Oft...

Fritz Freilich. Im Sommer werden wir uns weniger sehn... Denk dir, wenn ich zum Beispiel einmal auf ein paar Wochen verreiste, was möchtest du da sagen?

Christine ängstlich Wie? Du willst verreisen?

Fritz Nein... Immerhin wär' es aber möglich, daß ich einmal die Laune hätte, acht Tage ganz allein zu sein...

Christine Ja, warum denn?

Fritz Ich spreche ja nur von der Möglichkeit. Ich kenne mich, ich hab' solche Launen. Und du könntest ja auch einmal Lust haben, mich ein paar Tage nicht zu sehn... das werd' ich immer verstehn.

Christine Die Laune werd' ich nie haben, Fritz.

Fritz Das kann man nie wissen.

Christine Ich weiß es... Ich hab' dich lieb.

Fritz Ich hab' dich ja auch sehr lieb.

Christine Du bist aber mein Alles, Fritz, für dich könnt' ich... Sie unterbricht sich Nein, ich kann mir nicht denken, daß je eine Stunde käm', wo ich dich nicht sehen wollte. Solang ich leb', Fritz – –

Fritz unterbricht Kind, ich bitt' dich... so was sag lieber nicht... die großen Worte, die hab' ich nicht gern. Von der Ewigkeit reden wir nicht...

Christine traurig lächelnd Hab keine Angst, Fritz... ich weiß ja, daß es nicht für immer ist...

Fritz Du verstehst mich falsch, Kind. Es ist ja möglich, Lachend daß wir einmal überhaupt nicht ohne einander leben können, aber wissen können wir's ja nicht, nicht wahr? Wir sind ja nur Menschen.

Theodor auf die Lichter weisend Bitte sich das gefälligst anzusehen... Sieht das nicht anders aus, als wenn da eine dumme Lampe stünde?

Fritz Du bist wirklich der geborene Festarrangeur.

Theodor Kinder, wie wär's übrigens, wenn wir an das Souper dächten?...

Mizi Ja!... Komm, Christin'!...

Fritz Wartet, ich will euch zeigen, wo ihr alles Notwendige findet.

Mizi Vor allem brauchen wir ein Tischtuch.

Theodor mit englischem Akzent, wie ihn die Clowns zu haben pflegen »Eine Tischentuch.«

Fritz Was?...

Theodor Erinnerst dich nicht an den Clown im Orpheum? »Das ist eine Tischentuch«... »Das ist eine Blech.« »Das ist eine kleine piccolo.«

Mizi Du, Dori, wann gehst denn mit mir ins Orpheum? Neulich hast du mir's ja versprochen. Da kommt die Christin' aber auch mit, und der Herr Fritz auch. Sie nimmt eben Fritz das Tischtuch aus der Hand, das dieser aus der Kredenz genommen Da sind aber dann wir die Bekannten in der Loge...

Fritz Ja, ja...

Mizi Da kann dann die Dame mit dem schwarzen Samtkleid allein nach Haus gehn.

Fritz Was ihr immer mit der Dame in Schwarz habt, das ist wirklich zu dumm.

Mizi Oh, wir haben nichts mit ihr... So... Und das Eßzeug?... Fritz zeigt ihr alles in der geöffneten Kredenz Ja... Und die Teller?... Ja, danke... So, jetzt machen wir's schon allein... Gehn Sie, gehn Sie, jetzt stören Sie uns nur.

Theodor hat sich unterdessen auf den Diwan der Länge nach hingelegt; wie Fritz zu ihm nach vorne kommt Du entschuldigst...

Mizi und Christine decken auf.

Mizi Hast du schon das Bild von Fritz in der Uniform gesehn?

Christine Nein.

Mizi Das mußt du dir anschaun. Fesch!... Sie reden weiter.

Theodor auf dem Diwan Siehst du, Fritz, solche Abende sind meine Schwärmerei.

Fritz Sind auch nett.

Theodor Da fühl' ich mich behaglich... Du nicht?...

Fritz Oh, ich wollte, es wär' mir immer so wohl.

Mizi Sagen Sie, Herr Fritz, ist Kaffee in der Maschin' drin?

Fritz Ja... Ihr könnt auch gleich den Spiritus anzünden – auf der Maschin' dauert's sowieso eine Stund', bis der Kaffee fertig ist...

Theodor zu Fritz Für so ein süßes Mäderl geb' ich zehn dämonische Weiber her.

Fritz Das kann man nicht vergleichen.

Theodor Wir hassen nämlich die Frauen, die wir lieben – und lieben nur die Frauen, die uns gleichgültig sind.

Fritz lacht.

Mizi Was ist denn? Wir möchten auch was hören!

Theodor Nichts für euch, Kinder. Wir philosophieren. Zu Fritz Wenn wir heut mit denen das letzte Mal zusammen wären, wir wären doch nicht weniger fidel, was?

Fritz Das letzte Mal... Na, darin liegt jedenfalls etwas Melancholisches. Ein Abschied schmerzt immer, auch wenn man sich schon lange darauf freut!

Christine Du, Fritz, wo ist denn das kleine Eßzeug?

Fritz geht nach hinten, zur Kredenz. Da ist es, mein Schatz.

Mizi ist nach vom gekommen, fährt dem Theodor, der auf dem Diwan liegt, durch die Haare.

Theodor Du Katz', du!

Fritz öffnet das Paket, das Mizi gebracht Großartig...

Christine zu Fritz Wie du alles hübsch in Ordnung hast!

Fritz Ja... Ordnet die Sachen, die Mizi mitgebracht – Sardinenbüchse, kaltes Fleisch, Butter, Käse.

Christine Fritz... willst du mir's nicht sagen?

Fritz Was denn?

Christine sehr schüchtern Wer die Dame war?

Fritz Nein; ärger mich nicht. Milder Schau, das haben wir ja so ausdrücklich miteinander ausgemacht: Gefragt wird nichts. Das ist ja gerade das Schöne. Wenn ich mit dir zusammen bin, versinkt die Welt – punktum. Ich frag' dich auch um nichts.

Christine Mich kannst du um alles fragen.

Fritz Aber ich tu's nicht. Ich will ja nichts wissen.

Mizi kommt wieder hin Herrgott, machen Sie da eine Unordnung – übernimmt die Speisen, legt sie auf die Teller So...

Theodor Du, Fritz, sag, hast du denn irgend was zum Trinken zu Hause?

Fritz Oh ja, es wird sich schon was finden. Er geht ins Vorzimmer.

Theodor erhebt sich und besichtigt den Tisch Gut. –

Mizi So, ich denke, es fehlt nichts mehr!...

Fritz kommt mit einigen Flaschen zurück So, hier wäre auch was zum Trinken.

Theodor Wo sind denn die Rosen, die von der Decke herunterfallen?

Mizi Ja, richtig, die Rosen haben wir vergessen! Sie nimmt die Rosen aus der Vase, steigt auf einen Stuhl und läßt die Rosen auf den Tisch fallen So!

Christine Gott, ist das Mädel ausgelassen.

Theodor Na, nicht in die Teller...

Fritz Wo willst du sitzen, Christin'?

Theodor Wo ist denn der Stoppelzieher?

Fritz holt einen aus der Kredenz Hier ist einer.

Mizi versucht, den Wein aufzumachen.

Fritz Aber geben Sie das doch mir.

Theodor Laßt das mich machen... Nimmt ihm Flasche und Stoppelzieher aus der Hand Du könntest unterdessen ein bißchen... Bewegung des Klavierspiels.

Mizi Ja, ja, das ist fesch!... Sie läuft zum Klavier, öffnet es, nachdem sie die Sachen, die darauf liegen, auf einen Stuhl gelegt hat.

Fritz zu Christine Soll ich?

Christine Ich bitt' dich, ja, so lang schon hab' ich mich danach gesehnt.

Fritz am Klavier Du kannst ja auch ein bissel spielen?

Christine abwehrend Oh Gott.

Mizi Schön kann sie spielen, die Christin'... sie kann auch singen.

Fritz Wirklich? Das hast du mir ja nie gesagt!...

Christine Hast du mich denn je gefragt?

Fritz Wo hast du denn singen gelernt?

Christine Gelernt hab' ich's eigentlich nicht. Der Vater hat mich ein bissel unterrichtet – aber ich hab' nicht viel Stimme. Und weißt du, seit die Tant' gestorben ist, die immer bei uns gewohnt hat, da ist es noch stiller bei uns wie es früher war.

Fritz Was machst du eigentlich so den ganzen Tag?

Christine Oh Gott, ich hab' schon zu tun! –

Fritz So im Haus – wie? –

Christine Ja. Und dann schreib' ich Noten ab, ziemlich viel. –

Theodor Musiknoten? –

Christine Freilich.

Theodor Das muß ja horrend bezahlt werden. Wie die anderen lachen Na, ich würde das horrend bezahlen. Ich glaube, Notenschreiben muß eine fürchterliche Arbeit sein!

Mizi Es ist auch ein Unsinn, daß sie sich so plagt. Zu Christine Wenn ich so viel Stimme hätte wie du, wär' ich längst beim Theater.

Theodor Du brauchtest nicht einmal Stimme... Du tust natürlich den ganzen Tag gar nichts, was?

Mizi Na, sei so gut! Ich hab' ja zwei kleine Brüder, die in die Schul' gehn, die zieh' ich an in der Früh'; und dann mach' ich die Aufgaben mit ihnen –

Theodor Da ist doch kein Wort wahr.

Mizi Na, wennst mir nicht glaubst! – Und bis zum vorigen Herbst bin ich sogar in einem Geschäft gewesen von acht in der Früh bis acht am Abend –

Theodor leicht spottend Wo denn?

Mizi In einem Modistengeschäft. Die Mutter will, daß ich wieder eintrete.

Theodor wie oben Warum bist du denn ausgetreten?

Fritz zu Christine Du mußt uns dann was vorsingen!

Theodor Kinder, essen wir jetzt lieber, und du spielst dann, Ja?...

Fritz aufstehend, zu Christine Komm, Schatz! Führt sie zum Tisch hin.

Mizi Der Kaffee! Jetzt geht der Kaffee über, und wir haben noch nichts gegessen!

Theodor Jetzt ist's schon alles eins!

Mizi Aber er geht ja über! Bläst die Spiritusflamme aus. Man setzt sich zu Tisch.

Theodor Was willst du haben, Mizi? Das sag' ich dir gleich: Die Torte kommt zuletzt!... Zuerst muß du lauter ganz saure Sachen essen.

Fritz schenkt den Wein ein.

Theodor Nicht so: Das macht man jetzt anders. Kennst du nicht die neueste Mode? Steht auf, affektiert Grandezza, die Flasche in der Hand, zu Christine Vöslauer Ausstich achtzehnhundert... Spricht die nächsten Zahlen unverständlich. Schenkt ein, zu Mizzi Vöslauer Ausstich achtzehnhundert... Wie früher. Schenkt ein, zu Fritz Vöslauer Ausstich achtzehnhundert... Wie früher. An seinen eigenen Platz Vöslauer Ausstich... Wie früher. Setzt sich.

Mizi lachend Alleweil macht er Dummheiten.

Theodor erhebt das Glas, stoßen an Prosit!

Mizi Sollst leben, Theodor!...

Theodor sich erhebend Meine Damen und Herren...

Fritz Na, nicht gleich!

Theodor setzt sich Ich kann ja warten. Man ißt.

Mizi Das hab' ich so gern, wenn bei Tisch Reden gehalten werden. Also ich hab' einen Vetter, der redt immer in Reimen.

Theodor Bei was für einem Regiment ist er?...

Mizi Geh, hör auf... Auswendig red't er und mit Reimen, aber großartig, sag' ich dir, Christin'. Und ist eigentlich schon ein älterer Herr.

Theodor O, das kommt vor, daß ältere Herren noch in Reimen reden.

Fritz Aber, ihr trinkt ja gar nicht. Christin'! Er stößt mit ihr an.

Theodor stößt mit Mizi an Auf die alten Herren, die in Reimen reden.

Mizi lustig Auf die jungen Herren, auch wenn sie gar nichts reden... zum Beispiel auf den Herrn Fritz... Sie, Herr Fritz, jetzt trinken wir Bruderschaft, wenn Sie wollen – und die Christin' muß auch mit dem Theodor Bruderschaft trinken.

Theodor Aber nicht mit dem Wein, das ist kein Bruderschaftswein. Erhebt sich, nimmt eine andere Flasche – gleiches Spiel wie früher Xeres de la Frontera millehuit cent cinquante – Xeres de la Frontera – Xeres de la Frontera – Xeres de la Frontera.

Mizi nippt Ah –

Theodor Kannst du nicht warten, bis wir alle trinken?... Also, Kinder... bevor wir uns so feierlich verbrüdern, wollen wir auf den glücklichen Zufall trinken, der, der... und so weiter...

Mizi Ja, ist schon gut! Sie trinken.

Fritz nimmt Mizis, Theodor Christinens Arm, die Gläser in der Hand, wie man Bruderschaft zu trinken pflegt.

Fritz küßt Mizi.

Theodor will Christine küssen.

Christine lächelnd Muß das sein?

Theodor Unbedingt, sonst gilt's nichts... Küßt sie So, und jetzt à place!...

Mizi Aber schauerlich heiß wird's in dem Zimmer.

Fritz Das ist von den vielen Lichtern, die der Theodor angezündet hat.

Mizi Und von dem Wein. Sie lehnt sich in das Fauteuil zurück.

Theodor Komm nur daher, jetzt kriegst du ja erst das Beste. Er schneidet ein Stückchen von der Torte ab und steckt's ihr in den Mund Da, du Katz' – gut?

Mizi Sehr!... Er gibt ihr noch eins.

Theodor Geh, Fritz, jetzt ist der Moment! Jetzt könntest du was spielen!

Fritz Willst du, Christin'?

Christine Bitte! –

Mizi Aber was Fesches!

Theodor füllt die Gläser.

Mizi Kann nicht mehr. Trinkt.

Christine nippend Der Wein ist so schwer.

Theodor auf den Wein weisend Fritz!

Fritz leert das Glas, geht zum Klavier.

Christine setzt sich zu ihm.

Mizi Herr Fritz, spielen S' den Doppeladler.

Fritz Den Doppeladler – wie geht der?

Mizi Dori, kannst du nicht den Doppeladler spielen?

Theodor Ich kann überhaupt nicht Klavier spielen.

Fritz Ich kenne ihn ja; er fällt mir nur nicht ein.

Mizi Ich werd' ihn Ihnen vorsingen... La... La... lalalala... la...

Fritz Aha, ich weiß schon. Spielt aber nicht ganz richtig.

Mizi geht zum Klavier Nein, so... Spielt die Melodie mit einem Finger.

Fritz Ja, ja... Er spielt, Mizi singt mit.

Theodor Das sind wieder süße Erinnerungen, was?...

Fritz spielt wieder unrichtig und hält inne Es geht nicht. Ich hab' gar kein Gehör. Er phantasiert.

Mizi gleich nach dem ersten Takt Das ist nichts!

Fritz lacht Schimpfen Sie nicht, das ist von mir!

Mizi Aber zum Tanzen ist es nicht.

Fritz Probieren Sie nur einmal...

Theodor zu Mizi Komm, versuchen wir's. Er nimmt sie um die Taille, sie tanzen.

Christine steht am Klavier und schaut auf die Tasten. Es klingelt.

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