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Liebe ist ewig

Wilhelm von Polenz: Liebe ist ewig - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm von Polenz
titleLiebe ist ewig
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag
firstpub1901
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid0165d3a1
created20070321
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I

Jutta mußte ihrem Bruder Eberhard wieder einmal bei seinen Experimenten helfen. Das Zimmer glich einem Naturalienkabinett. Auf Schränken standen ausgestopfte Vögel, auf Tischen und Kommoden erblickte man Steine, Erze, Gläser mit Spirituspräparaten, an den Wänden hingen Kästen, hinter deren Glasscheiben Schmetterlinge und Käfer aufgespießt waren. Vom Bücherbrett grinste unheimlich der Totenschädel herab. Der große viereckige Tisch in der Mitte des Zimmers war vollgestellt mit physikalischen Instrumenten; sie waren kostbarer, als man sie für gewöhnlich im Besitze eines siebzehnjährigen Gymnasiasten findet. Es herrschte in dem Raume ein undefinierbarer Geruch, der sich zusammensetzte aus der Ausdünstung ausgestopfter Tiere, kaltem Zigarettenrauch und dem ätzenden Aroma von allerhand Säuren und Essenzen. Eberhard hatte sein Zimmer das »Laboratorium« getauft, und die Hausgenossen waren ihm darin gefolgt, es so zu nennen.

Seine Schwester, um drei Jahre jünger als er, stand dabei, während er an der Induktionsmaschine herumhantierte. Er gab ihr barsche Befehle. Jutta reichte ihm wortlos, was er brauchte. Ihr Auge verfolgte den Fortgang des Experiments mit dem Blicke kühler Gewohnheit; offenbar war ihre Seele nicht dabei.

Eberhard tyrannisierte das Mädchen, ohne Bosheit, aus jenem naiven Selbstbewußtsein des jungen Mannes heraus, das ihm früh schon sagt: du bist auf der Welt, um zu regieren. Zunächst wurde dieses Regiment an der ausgeübt, die sich am wenigsten wehren konnte, an der kleinen Schwester.

Vor einem Jahre noch hatte Eberhard einen über sich gehabt, der ihm seine Faust schwer fühlen ließ: seinen älteren Bruder, Kurt. Aber Kurt war vom Vater nach Südamerika geschickt worden, um die Handelsinteressen, die das Haus Reimers dort hatte, an Ort und Stelle wahrzunehmen.

Seit der ältere Bruder jenseits des großen Wassers war, atmete Eberhard auf. Die fünf Jahre, die Kurt ihm im Alter voraus war, hatten den empfindlichen Knaben schwer gedrückt. Jetzt erst wurde für ihn Raum zur Entfaltung. Bisher war er der Kleine gewesen, der unter dem Schatten eines Größeren heranwuchs; nun endlich war er »junger Herr« geworden, brauchte nicht mehr davor zu zittern, von dem Älteren lächerlich gemacht oder gar bemitleidet zu werden.

Herr Reimers, der Vater dieser Kinder, war viel außer dem Hause. Seine Geschäfte führten ihn von einem Ende Europas zum andern. Er war schon seit einigen Jahren verwitwet.

Wenn er von seinen Reisen nach Haus zurückkehrte, wollte er Behaglichkeit vorfinden und aufgeräumtes Wesen. Jutta und Eberhard wußten das; denn sie waren, wie die meisten Kinder, gute Beobachter. So hatten sie auch gemerkt, daß der Vater den unangenehmen Dingen aus dem Wege ging, und daß man am besten fuhr, wenn man ihm Unerfreuliches nach Möglichkeit verschwieg. Ohne sich verabredet zu haben, richteten die Geschwister ihr Verhalten nach dieser Eigenheit des Vaters ein. Ja, das war eigentlich das einzige, worin sie stillschweigend einig waren.

Wie vielfach in Familien, wo die Mutter fehlt, erschienen die Kinder, was das Äußere anbetraf, ziemlich selbständig und früh gewitzigt. Sie hatten sich mit Fremden einrichten müssen, waren gezwungen gewesen, sich zu verteidigen, ihre Stellung zu behaupten. Sie waren gewohnt, einerseits, sich selbst zu helfen; aber da der Hausstand, in dem sie aufgewachsen, ein großer war, so hatten sie auch die Angewohnheit angenommen, für sich arbeiten zu lassen, die Dienstboten zu befehligen und in Trab zu halten.

Die angejahrte Witwe, welche der Vater angenommen hatte, um die fehlende Hausfrau in der Wirtschaft zu ersetzen, war auch nicht die Person danach, den Kindern Achtung einzuflößen. Frau Hölzl befand sich in steter Sorge, den gutbezahlten Posten bei Herrn Reimers einzubüßen. Ihr vornehmstes Bestreben war, den Hausherrn bei guter Laune zu erhalten. Durch ihr System des Vertuschens aber war sie schnell in Abhängigkeit geraten von den Kindern, die sich die zweifelhafte Lage der Dame zunutze machten.

Da der Vater nur zeitweise zu Hause war und dann allerhand Abhaltung geschäftlicher und geselliger Natur hatte, waren die Kinder viel auf sich selbst angewiesen. Eberhard war Primaner und stand nicht weit von der Abgangsprüfung. Jutta besuchte eine Töchterschule. Sie gingen jedes seinen eigenen Weg, störten einander nicht in ihren Freundschaften, besonderen Liebhabereien und all den Dingen, wo zwischen Knabe und Mädchen von Natur eine Grenze gesetzt ist. Da die Induktionsmaschine aus irgendeinem rätselhaften Grunde heute nicht funktionieren wollte, wurde sie von Eberhard mit einer Verwünschung beiseitegeschoben. Jutta wollte gehen, weil sie glaubte, sie habe nun frei, als er ihr zurief: sie solle ihm helfen beim Mikroskop. Schon hatte er den Kasten mit den Präparaten herbeigeholt und begann, das Instrument einzustellen, als auf der Stiege Schritte ertönten und ein Klopfen an der Tür vernommen wurde.

Ohne das »Herein« abzuwarten, trat ein junger Mann ein, von großer Gestalt, mit rötlichem Haar und unreiner Gesichtsfarbe. Seine Erscheinung wurde nicht gehoben durch den lückenhaften Bartwuchs, der an eine schlecht aufgegangene Saat erinnerte.

Bruno Knorrig schien sich hier zu Haus zu fühlen. Er sprach laut und lachte ohne ersichtlichen Grund schon auf der Schwelle. Seinen Überzieher riß er herunter und warf ihn über die nächste Stuhllehne. Dabei fiel aus der Tasche ein Buch zur Erde. Eberhard hob es auf, wohl mehr aus Neugier, als aus Höflichkeit.

»Ach, laß doch!« rief Bruno und wollte es ihm wegnehmen. »Ich sah's ausliegen, und da's mit drei Mark fünfzig statt für sechs angezeigt war, kaufte ich's. Ich dachte, daß es was für dich wäre. Naturwissenschaftlich, du verstehst!« – – Dabei ein Blick auf das Mädchen.

Jutta runzelte die Stirn, sie verstand die Andeutung.

»Hm, du!« machte Eberhard, in dem Buche blätternd, »für kleine Mädchen allerdings nichts!«

»Wir können's uns auch ein andermal ansehen, dächte ich«, fiel ihm Bruno ins Wort, der um keinen Preis die niedliche Jutta vertreiben wollte.

Aber bei Eberhard hatte die halbe Seite, die er gelesen, bereits gezündet. Er bedeutete die Schwester, daß die Herren allein gelassen zu sein wünschten. Mit einem Blicke des Bedauerns sah Bruno das Mädchen leichtfüßig entschwinden.

Die jungen Männer ahnten nicht, wie gern Jutta von ihnen ging. Aus Bruno Knorrig machte sie sich nichts, sie fand ihn langweilig und lächerlich. Mit früh entwickeltem Blick für dergleichen kritisierte sie seinen Aufzug, seinen Bart, seinen schlechten Teint.

Viel bessere Unterhaltung als in dem verräucherten Laboratorium wußte sie an einer andern Stätte ihrer warten, der ihre kleinen Füße sie jetzt im ungeduldigen Laufe entgegentrugen.

Im Rückhause, durch einen schmalen Hof vom Vordergebäude getrennt, drei Treppen hoch, hatte ein Kunstmaler sein Atelier aufgeschlagen. Herr von Weischach hieß er. Mit ihm war Jutta Reimers befreundet; es verging kaum ein Tag, wo sie ihn nicht auf eine Viertelstunde wenigstens aufgesucht hätte.

Weischach war kein Jüngling mehr. Ehe er sich der Kunst zugewandt hatte, war er Soldat gewesen. Mit dem Titel Oberstleutnant hatte er den Abschied genommen. Die Malerei war von Jugend auf seine Passion gewesen, hatte ihn weit mehr interessiert als der königliche Dienst. Aber Familienrücksichten und das Bewußtsein, daß sein Können nicht ausreiche, um die Existenz darauf zu gründen, hatten ihn abgehalten, den bunten Rock mit dem Malerkittel zu vertauschen. Dann machte er eine kleine Erbschaft, die es ihm ermöglichte, den Traum seines Lebens zu verwirklichen. Eine längere Kunstreise führte ihn nach Italien und Griechenland. Nachdem er sich genügend durch Antike und Renaissance inspiriert glaubte, wählte er München zum Aufenthalt, in dem Glauben, daß, wenn ihm zur Kunstübung noch etwas fehle, es ihm hier durch die Luft gewissermaßen zufliegen müsse. Er hatte sich eine Wohnung mit Atelier gemietet und bemalte eine Leinwand nach der andern. Im Sommer ging er nach Dachau, und im Winter verwandte er die Studien, die er von dort mitbrachte, zu Bildern.

Die Bekanntschaft von Weischach und Jutta war in harmlosester Weise im Hausflur angeknüpft worden. Dem Maler war das Gesicht des Mädchens aufgefallen, und da er für ein Genrebild, welches er plante, einen jugendlichen Kopf brauchte, der gerade diese Mischung von süßer, ahnungsvoller Kindlichkeit und schlummernder Weiblichkeit wiedergäbe, so hatte er Jutta Reimers eines Tages einfach gefragt, ob sie ihm eine Stunde sitzen wolle. Das Mädchen bedachte sich keinen Augenblick, ihm zu folgen.

Mit einer Stunde war es natürlich nicht getan. Jutta fand Gefallen an dem Gemalt-werden. Für sie hatten die Sitzungen, abgesehen von all dem Interessanten, was das Atelier bot, überdies den Reiz des Unerlaubten. Der Vater durfte nicht wissen, wo sie so manche ihrer schulfreien Stunden zubringe. Denn wenn auch Herr Reimers durchaus nicht zu den strengen Vätern gehörte, so lehrte dem jungen Dinge doch eine frühreife Wahrnehmung, daß der Vater, der über manches ein Auge zudrückte, ihren Verkehr im Atelier eines Kunstmalers nicht dulden werde. Da aber Herr Reimers viel von Hause abwesend war, und da er, wenn anwesend, sich auch nicht eingehend darum zu kümmern pflegte, was seine Kinder zu jeder Tagesstunde trieben, so war es Jutta bisher leicht geworden, ihr Geheimnis zu wahren. Eberhard freilich wußte darum; da es aber auch für ihn mancherlei gab, was vor des Vaters Augen versteckt werden mußte, so hatte er allen Grund, die Schwester nicht zu verraten.

Es war heute schon etwas spät geworden. Jutta wußte, daß Weischach auf sie gewartet haben würde. Er war neuerdings wieder mal ganz erfüllt von einem Bilde, zu dem er, wie er sagte, Jutta »die Inspiration« verdanke.

Sie kannte ihn nun schon ziemlich genau in seinen Eigentümlichkeiten. Wenn er einen Einfall hatte, dann war er voll Ungeduld, lief im Atelier auf und ab, zündete sich eine Zigarette an der andern an, dabei heftig sprechend und gestikulierend. »Ich habe einen großartigen Gedanken!« Das wiederholte sich in unzähligen Tonarten. Dann gab er Jutta die zärtlichsten Namen. Sie war seine »Göttin«, seine »gute Fee«, sein »Genius«, seine »Fornarina«. Dann schenkte er ihr Blumen, und sie bekam Pralinés zu essen, soviel sie wollte.

Und ein paar Wochen darauf war all die Herrlichkeit zu Ende. Dann hatte er angefangen zu arbeiten, Sitzung auf Sitzung, hatte mühselig zunächst mit Reißkohle die Umrisse auf die präparierte Leinwand gebracht, die Grundfarbe aufgetragen, sorgfältig die Verhältnisse abgewogen, Lichter aufgesetzt. Hier Licht, dort Schatten verstärkt, durch den Spiegel die Richtigkeit der Zeichnung studiert, radiert, übermalt, das Ganze umgeworfen und von neuem angefangen. Bis er schließlich verzweifelnd die Leinwand wegstellte, mit der bemalten Seite gegen die Wand, um nur nicht sein Machwerk vor Augen zu haben, das er jetzt eine »elende Stümperei« nannte.

Wochenlang konnte Herr von Weischach nach einer solchen Niederlage untätig sitzen, Bücher lesend, die von Kunst handelten, und Zigaretten rauchend. In solchen Zeiten brauchte er Jutta Reimers ganz besonders notwendig; sie sei der »einzige Mensch«, mit dem man ein »vernünftiges Wort« reden könne. Die Unterhaltung war jedoch einseitig. Er hielt weitschweifige Vorträge über Pleinair und Impressionismus, räsonierte auf die Kollegen Kunstmaler und pries seine eigene Malweise als die einzig richtige. Jutta, die nur zum allergeringsten Teile verstand, was er sagte, da er in technischen Ausdrücken schwelgte, vertrieb sich die Zeit, indem sie in Albums blätterte, in Zeitschriften las, Pralinés aß oder mit der großen dreifarbigen Angorakatze spielte, die sich der ehemalige Oberstleutnant als einzige Lebensgefährtin hielt.

Die kleine Jutta hatte heut abend kein gutes Gewissen ihrem Freunde gegenüber. Sie wußte, daß er sie photographieren wolle, und hatte ihm zugesagt, am ersten klaren Tage aufs Atelier zu kommen. Heute nun schien vom frühen Morgen an die Sonne, und da Allerheiligen war, wo die Schule ausfiel, hätte sie auch Zeit gehabt dazu; aber gerade weil sie wußte, daß drüben einer saß, der sehnlichst auf sie wartete, war sie nicht gegangen. Es belustigte sie, sich vorzustellen, wie er herumlief im Atelier, alle zehn Minuten nach der Uhr sah, ärgerlich und nervös.

Ob er ihr wohl Vorwürfe machen würde? Sie mußte sich schnell noch eine Entschuldigung ausdenken: Kirchgang, Besuch einer Freundin, Schularbeiten – damit er nicht allzu böse würde.

Klopfenden Herzens stand das Mädchen vor der Tür, an der man auf einem Messingschild den Namen »von Weischach« las. Sie klingelte nicht, sondern klopfte in verabredeter Weise. Es war eine von Weischachs Eigentümlichkeiten, daß er, wenn er »melancholisch« war, niemanden annehmen wollte, weder Malerkollegen, noch Modelle, noch ehemalige Kameraden. Dann wurde einfach nicht aufgemacht, mochten sie draußen noch so lange klingeln. Nur mit der kleinen Jutta machte er eine Ausnahme; die hatte jederzeit freien Eintritt.

Sie klopfte also in der vorgeschriebenen Weise. Ungesäumt wurde ihr geöffnet. Weischach war's selbst.

»Ich habe so auf dich gewartet, Jutta. Geh' ins Atelier! Ich komme sofort zu dir; will mich nur fertig anziehen.«

Er war – was sie kaum beachtete – ohne Krawatte, hatte den ersten besten Rock über das Frackhemd geworfen.

»Gehst du aus?«

»Ja ja! – Geh' nur ins Atelier!«

Jutta tat, wie ihr geheißen. Im Atelier herrschte bereits Halbdunkel. Sie wußte, wo die Streichhölzer standen und machte Licht. Mucki, die Angorakatze, nahte sich schnurrend, um sich an Jutta zu reiben, falsch-freundlich wie eine Favoritin, die eine andere begrüßt.

Aber Jutta hatte nicht Zeit, sich mit Mucki einzulassen; neugierig sah sie sich um. Hatte er gearbeitet? –

Ein paar Tafeln drehte sie um, es waren Skizzen zu dem Bilde, welches er »Inspiration« nannte, das niemals über den Entwurf herausgekommen war. Dann stieß sie auf ein Selbstporträt. Ganz deutlich war er daraus zu erkennen, seine kahle Stirn, die über den Ohren angegrauten Haare, seine große Nase und der mächtige Bart. Aber das Kostüm war ein anderes; es glich dem eines Eremiten. In der Hand, die vorläufig nur mit Kohle angedeutet war, hielt er eine Harfe.

Erstaunt betrachtete Jutta das Bild. Ärgerlich war sie, ja geradezu beleidigt. Davon hatte er ihr doch gar nichts gesagt. Hinter ihrem Rücken war das geschehen. Ihrer Auffassung nach hatte er kein Recht, ohne ihre Genehmigung ein Werk anzufassen.

Mucki war auf einen Hocker gesprungen, dort saß sie mit gekrümmtem Rücken und eingezogenem Kopfe. Würdevoll ernst blickte sie auf das Bild, mit Überlegenheit in der Miene, als habe auch sie ihr Urteil in diesen Dingen.

Gleich darauf trat Weischach ein, hoch und schlank, die Haltung etwas gebückt. Er war im Gesellschaftsanzuge, das Ordensbändchen im Knopfloche. So glich er freilich dem Selbstporträt, das ihn im härenen Gewande zeigte, nur wenig.

»Kind, warum bist du heut mittag nicht gekommen?« fragte er, und ohne die Antwort abzuwarten: »Ich hatte einen Mann hier mit Kleidern; einen Trödler, der Gewänder besitzt aus dem vorigen Jahrhundert. Das hier ist von ihm.« Er hob einen langen braunen Mantel auf, unter dem eine Harfe lag. »Echte Sachen! Ich will uns beide malen. Dich und mich, als Harfner und Mignon. Großer Gedanke! In dem Stoffe liegt unaussprechliche Stimmung. Natürlich nenne ich das Bild nicht so. Keine Unterschrift, kein Unterstreichen überhaupt ist nötig. Ich nehme einfach mein Gesicht, nur schwach für den Zweck umgemodelt, und deine Züge, Jutta, wie sie sind, und das herrlichste, ergreifendste aller Bilder ist fertig. Schlicht, ohne jede Pose, wie ich mir's immer geträumt habe, das wird ein großes, tiefes, ernstes Werk!«

Die Hände auf dem Rücken gekreuzt, mit langen Schritten storchte er durch das Atelier, redete mit gesenktem, zwischen den eckigen Schultern eingezogenem Haupte in seinen langen Bart hinein.

Jutta war an seine Eigentümlichkeiten gewöhnt, er hielt in ihrer Gegenwart oftmals solche Monologe.

»Mir war es wie Offenbarung, als ich an diesen Stoff geriet. Es ist die Lösung eines Problems für mich. Warum nach Stoffen suchen, sie an den Haaren herbeiziehen wollen! Man kann schließlich doch nur sich selbst geben; alle Großen haben das von jeher getan. Keine Illustration zu Goethe, um Gottes willen! Ich gebe in diesem Bilde mein eigenstes Erlebnis. Der Harfner bin ich, und du Mignon. Aber schließlich verlangt die Kunst ein Medium; hier sollen mir die Gestalten der Dichtung dazu dienen. Ich benutze sie gewissermaßen als Symbole, die jedermann geläufig sind. Dadurch stelle ich von vornherein den Kontakt des Interesses und des Verstehens her zwischen mir und dem Beschauer. Niemand wird sich dem Eindruck entziehen können. ›Das ist der Harfner und Mignon! muß der Ausruf sein. So und nicht anders konnten sie aussehen.‹ Jede kleinste Falte, jedes Härchen muß echt wirken. Bei aller Feinheit der Stimmung will ich ein durchaus realistisches Kunstwerk schaffen.«

Was kümmerte sich Jutta um »Stimmung« und »realistisches Kunstwerk«! – Viel interessanter war ihr das, was er vorhin von einem Kleide angedeutet hatte. Sowie er sie zu Worte kommen ließ, fragte sie ihn danach.

»Ja, wenn du hier gewesen wärest, Jutta, heut mittag, zur Kostümprobe! Levy hatte drei Roben mit. Aber dalassen wollte er keine. Es sind seltene Stücke. Feinstes Nesseltuch, wie es unsere Urgroßmütter getragen haben. Es steckt Stimmung in solchem Fähnchen. – Kannst du mir nicht für morgen eine Stunde fest angeben, Jutta, wo du bestimmt kommst? Es handelt sich ja nur darum, daß Levy dich mal sieht, damit er ungefähr das Maß hat. Die Farbe wähle ich, so wie sie mir ins Bild paßt. Dein Gesicht ist wie ausgesucht für Mignon, besonders Mund und Augen. Eine Nuance älter, wissender, erfahrener muß ich dich halten; mehr Weib gewissermaßen. Im übrigen wird kein Fältchen geändert. Frisieren mußt du dich natürlich auch lassen, dem Stile der Zeit entsprechend. Ich werde eine Person vom Theater bestellen, die das versteht. Du hast ja schönes Haar.«

»Wenn ich es aufmache, geht es mir bis hierher«, sagte Jutta voll Selbstbewußtsein.

Er blickte sie bewundernd an. Es konnte zweifelhaft erscheinen, ob seine Zärtlichkeit allein dem Kinde gelte, das seine Kunst inspirierte. Wie eine Erwachsene behandelte er sie, nicht wie einen Backfisch, der jeden Morgen mit der Büchermappe zur Schule ging. Einer fertigen Dame hätte er nicht achtungsvoller begegnen können.

Jutta saß ihm gegenüber, die Füße kreuzend, die bis zur Wade unter dem halblangen Kleide hervorblickten. Ihre Figur, in der Büste noch kaum angedeutet, hatte jene Herbheit der Form, die man bei schnellwüchsigen Mädchen dieses Alters findet. Das Gesicht schien dem übrigen Körper um mehrere Jahre voraus. Man konnte nicht gut wünschen, daß es sich verändern möchte, so reizend war dieser Kopf mit seiner edlen Schädelform, seiner feingeschnittenen Nase über dem sanften Munde, der freien Stirn, den melancholischen vielsagenden Augen unter langen, dunklen Wimpern.

»Bleib' einen Augenblick so, gerade so, und rühr' dich nicht!« rief er, holte ein Reißbrett herbei, auf das ein Stück rauhes Papier gespannt war. Dann zog er sich einen Hocker heran. Das Brett auf den Knien, suchte er die Umrisse ihres Gesichts, wie sie sich gegen die dunkle Wand hell erleuchtet abhoben, mit wenigen Strichen niederzuzeichnen.

Während sie ihm saß, erwog sie, ob sie morgen, während eines Schultages, es ermöglichen könne, auf längere Zeit zu ihm zu kommen. Erleichtert wurde das Vorhaben dadurch, daß sich der Vater gerade wieder mal auf Geschäftsreisen befand. Vor Frau Hölzl hatte sie keine Angst, und Eberhard würde auch nichts verraten. In der Schule aber mußte man zu einer kleinen Notlüge Zuflucht nehmen: Kopfschmerz oder dergleichen. Es war ja nicht das erstemal! –

Augenzwinkernd, mit schräg gezogener Unterlippe, mühte er sich, die Linien dieses feinen Profils auf das Papier zu bannen. Während er noch darüber war, ging die Vorsaalklingel.

Weischach stieß eine Verwünschung aus. »Gewiß ein Modell. Wenn man sie nicht braucht, überlaufen sie einen.«

Das Klingeln wiederholte sich, dann folgte energisches Klopfen. Seufzend legte Herr von Weischach die Zeichnung weg. Dann ging er hinaus und fragte in scharfem Tone, dem man den alten Offizier anmerkte, wer draußen sei. Jutta hörte durch die offene Tür die Stimme ihres Dienstmädchens.

Resi war da, um »Fräulein Jutta« zu holen. Frau Hölzl lasse sagen, der Herr sei soeben heimgekommen.

Juttas erste Frage war, ob der Vater etwas gemerkt habe. Das Mädchen berichtete: Herr Reimers sei sofort nach seiner Ankunft ins Badezimmer gegangen. Das Essen wäre auf sieben Uhr bestellt: Fräulein Jutta möge um Gottes willen schnell kommen, sonst gehe es nimmer gut aus.

Gott sei Dank, der Vater schien nichts gemerkt zu haben von ihrer Abwesenheit.

Jutta sagte zu Weischach, der peinlich berührt dabeistand, sie könne morgen bestenfalls auf einen kurzen Sprung herüberkommen, um das Weitere mit ihm zu beraten.

Schnell umarmte sie ihren Freund zum Abschied, dann eilte sie mit Resi von dannen.


Weischach begab sich in sein Atelier zurück und betrachtete die eben angefertigte Skizze. Er war nicht zufrieden damit. Zur Entschuldigung konnte ihm dienen, daß er in großer Eile gearbeitet hatte. Seufzend legte er das Blatt zu anderen in eine Mappe.

Sollte er heut abend wirklich noch ausgehen? Er verspürte nicht die geringste Lust dazu. Zwar, er wurde erwartet in einem Hause, das der Sammelpunkt war für Künstler und Gelehrte, wie für Militärs und Staatsmänner. Aber ihm graute, Menschen zu sehen. Sie fragten ihn neuerdings so viel nach seiner Arbeit, ob er nicht mal ausstellen werde, und so weiter. Es kostete ihm solch innere Anstrengung, mit gleichgültiger Miene von der Kunst zu sprechen.

Wie so oft, wenn er in einer Frage sich keinen Rat wußte, rief er Mucki als Orakel an. »Soll ich zu den Riedbergs gehen, Mucki?« fragte er, »wo jeder eine Berühmtheit ist und wo sie so gespreizt schwatzen und sich so ungeheuer klug vorkommen.« Die Katze schnurrte voll Wohlgefühl und schmiegte sich an seine Hand, da er sie im Genick kraulte. Er legte die Katzensprache dahin aus: daß er gebeten werde, zu bleiben.

Die Entscheidung war gefallen. Er beschloß, abzusagen wegen Unwohlseins. Es war nicht mal völlig erlogen, denn er fühlte sich nicht zum besten. Seit Tagen schon machte ihm sein Herz wieder mal zu schaffen.

Weischach drückte auf den Knopf der Leitung, die zu seiner Aufwartefrau führte. Die Person war verheiratet und hatte stets ein oder das andere Kind zur Hand zu einem Botengange. Schnell war die Absage geschrieben und der kleine Bote abgefertigt.

Er warf sich in seinen Sorgenstuhl zurück. Während sein Blick den Rauchwölkchen folgte, die sein Mund formte, suchte der Maler sich ein Bild vor das innere Auge zu stellen von dem Kinde, das eben von ihm gegangen. Daß es so schwer war, festzuhalten und wiederzugeben, was ihn so anzog, wofür er keinen Namen hatte, was viel zu fein und flüchtig war, um sich fassen zu lassen, und das auf die Leinwand zu bringen er sich dennoch unausgesetzt abmühte! Hier hatte er nun mal ein Modell, ein wirkliches echtes, wie es kein Maler vor ihm besessen. Und er stand wie mit gebundenen Händen davor. Nahm ihm vielleicht das Große, was er für das Kind fühlte, die kühle Sicherheit des Künstlers? –

Von jeder sinnlichen Regung konnte er sich in diesem Falle freisprechen. Nie fühlte er sich besser und reiner als in ihrer Gegenwart; wie geweiht kam er sich vor, wenn sie ihm in aller Unschuld die Hand drückte, ihm das Haar vertraulich streichelte, ihm lebhaft um den Hals fiel und ihn herzte. Und er war bemüht, alles, was etwa das Schamgefühl der Vierzehnjährigen hätte verletzen, ihre Arglosigkeit hätte bedrohen können, aus dem Atelier zu entfernen. Jedes Wort, jede seiner Handlungen hätte er Juttas Vater gegenüber verantworten können.

Ganz etwas anderes beunruhigte ihn. Es war das Bewußtsein, daß dieses seltene Glück, dieser einzigartige Verkehr nicht Bestand haben könne. Jeden Tag, den sie älter wurde, verlor er: denn jeder Tag entfernte sie mehr der Kindheit, brachte sie dem Weibe näher. Zitternd sah er, wie sich diese Knospe mehr und mehr zur Blüte erschloß, entzückten Auges und mit Wehmut im Herzen. Einmal mußte der Tag kommen, wo ihre Freundschaft ein Ende finden würde, so oder so. Dann würde sie erkennen, daß er Mann sei. Mußte sie dann nicht vor ihm fliehen? – Eine schwache Hoffnung blieb ihm: vielleicht würde sein Alter ihm ihre Freundschaft wahren. Traurige Alternative! Zum väterlichen Freunde würde er gerade noch taugen; sowie er Größeres verlangte, mußte er lächerlich werden. Mit dem Pessimismus des alternden Mannes, der sich und seine Mängel kennt, sah er den Ausgang voraus, der ihn mit namenloser Bitterkeit erfüllte.

Denn dieses Kind war ihm zum Bedürfnis geworden. Trübe schlichen ihm die einsamen Stunden hin zwischen den kurzen Augenblicken, wo sie bei ihm war. Er lebte auf, wenn er die jugendlich helle Stimme vernahm, wenn er mit ansehen durfte, wie ihre anmutige Gestalt sich frei und sicher zwischen seinen Siebensachen bewegte, als gehöre sie dahin. Dann fühlte er sich wirklich Künstler, wußte, daß seine Augen mehr sähen, seine Nerven feiner empfänden als die anderer Sterblicher.

Solche Anregung war ihm bitter not. Weischachs künstlerische Entwicklung war keine glückliche gewesen. Um zehn Jahre zu spät hatte er sich entschlossen, den königlichen Dienst zu quittieren. Er wußte das selbst ganz gut. Zu gewissen Dingen fehlten ihm Spannkraft und Illusionen. Er war nicht imstande, sich kopfüber in eine Sache zu stürzen, wie es die Jungen taten. An Lebensklugheit und Erfahrung zwar fühlte er sich diesen jungen Stürmern weit überlegen, die jedes Jahr womöglich eine neue Richtung heraufbringen wollten. Aber eines, das mußte er sich sagen, hatten sie vor ihm voraus: Wagemut und Selbstbewußtsein. Sie waren eingebildete Narren, zum Teil sogar Hohlköpfe, er war voll Selbstkritik und kannte seine Grenzen. Gelegentlich konnte auch er aufflammen in Schaffensfreude, sich ganz verlieren an ein Werk. Aber die Stunden solcher gesteigerten Stimmung waren nur kurz; dann kam auch schon als bitterer Nachgeschmack der Zweifel. Weischach besaß nicht das glückliche Temperament vieler seiner Malerkollegen, die alles, was sie schufen, gut fanden. Er genügte sich selbst nie. Wie viele sorgfältig ausgeführte Bilder hatte er schon übermalt! Man lachte bereits über ihn in Bekanntenkreisen. In einem Herrenklub, den er hie und da besuchte, war er in Bild und Versen als männliche Penelope persifliert worden.

Und nun, vor Jahresfrist etwa, als er sich besseren Lichtes wegen ein anderes Atelier mietete, hatte er die kleine Jutta Reimers kennengelernt. Von da ab war in seinem Leben und in seiner Kunst eine neue Epoche angebrochen. War's nicht, als steige die Jugend, die goldene Jugend, noch einmal zu ihm herab in lieblichster Gestalt! Kein Wunder, daß er mit beiden Händen zugriff, sie zu halten! –

Weischach malte sein bestes Bild: Großmutter in der Bibel lesend, daneben die sinnend dreinschauende Enkelin. Für die Greisin hatte er aus Dachau eine gute Studie mitgebracht; Jutta war durch ein buntes Halstuch schnell in ein Bauernkind umgewandelt worden.

Durch diesen Erfolg ermutigt, hatte er sich an ein schwierigeres Problem gewagt. Er wollte den Künstler darstellen in dem Augenblicke, wo sich ihm eine neue Idee beglückend naht. »Inspiration« sollte das Bild heißen. Der Genius war in jugendlicher Gestalt mit Juttas Zügen gedacht. Skizzen dazu waren fertig. Bei der Ausführung jedoch versagte dem Künstler der Mut.

Nun beschäftigte ihn dieses neueste Werk: »Harfner und Mignon«. In den Fingern zuckte es ihm, daran zu arbeiten. Das war sein Stoff, der ihm lag wie kein anderer, der auf ihn gewartet hatte gleichsam.

Und doch zitterte ei bei dem Gedanken, ob er das, was er zum Greifen deutlich vor sich sah, auch in seiner ganzen Größe und Eigenart würde aus sich herausstellen können.

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