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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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Während des ganzen langen, lauen Frühlingstages hatte Axel Kronar durch das Coupéfenster die eintönige Ebene an sich vorüberziehen sehen. Abends traf er endlich an seinem neuen Bestimmungsorte ein. Langsam fuhr der Zug über die große Brücke, die zwei Länder verbindet, und vom hohen jenseitigen Flußufer funkelten ihm die Lichter der Stadt freundlich entgegen.

Ein Kanzleidiener erwartete Axel auf der Station und teilte ihm mit, der Gesandte lasse ihn bitten, nicht ins Hotel zu fahren, sondern vorläufig bei ihm zu wohnen.

So stieg er in eine offene Droschke, auf deren Bock der Kanzleidiener kletterte, während sein eigener Diener mit dem Gepäck folgte.

Der Mond stand am Himmel, spiegelte sich in dem still gleitenden Flusse und beschien die niedrigen weißen Häuschen, die die steilen Abhänge hinaufzuklimmen schienen. Die Droschke holperte bergan auf dem schlechten Pflaster der menschenleeren Straßen, an deren Seiten Reihen junger Bäume standen. Aus nahen Gärten, die Axel nicht genau zu unterscheiden vermochte, strömte der Duft feuchter Erde und blühender Frühlingsbüsche hinaus in die Nacht, Erinnerungen und Heimweh weckend.

Axel aber war weder alt noch jung genug, um sich bei Heimwehgedanken lange aufzuhalten; er stellte Vergleiche an zwischen der kleinen, wie im Zauberschlaf daliegenden Stadt und seinen beiden ersten Posten, Paris und Petersburg, von wo er eben kam, und er fand, daß das Nachtleben hier in bedauerlicher Weise unentwickelt zu sein scheine.

Sein Chef, Baron von Holst, kam ihm in der Eingangshalle der Gesandtschaft mit eiligen Bewegungen entgegen. Er war ein dürrer alter Herr, der so aussah, als habe er sich, trotz aller diplomatischen Diners, an des Lebens Tafel nie recht satt gegessen.

»Salve, salve! Ich freue mich, Sie als lieben jungen Kollaborator hier begrüßen zu können,« sagte er zu Axel. Er sprach hastig und als sei er stets etwas außer Atem. »Kommen Sie nur gleich herein, wie Sie da sind. Der Whistklub, der sich jede Woche ein paarmal vereinigt, ist nämlich heute gerade bei mir, und wir wollen eben etwas soupieren. Herr von Linteloe ist auch dabei, aber Ihre Cousine, die mir übrigens schon viel von Ihnen erzählt hat, war leider nicht wohl genug, um zu kommen.«

Axel folgte seinem Chef in ein kleines Spielzimmer. Seit einigen Stunden angesammelter, dichter Tabakqualm erfüllte den Raum. Von diesem wogenden, gleichmäßigen Gelbgrau hob sich, in langgedehnten, bläulichen Streifen, der Rauch frisch angezündeter Zigaretten ab. Durch den Nebel gewahrte Axel drei ältere Herren, die eben vom Spiele aufgestanden waren.

»Verehrte Kollegen,« sagte Baron Holst, »erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen soeben eingetroffenen jungen Kollaborator, den Grafen Kronar vorstelle.«

Axel verbeugte sich, und zwei der alten Herren, die beide weiße Bärte trugen, schüttelten ihm die Hand.

»Graf van Stratten, unser Doyen – Herr von Wawerling,« sagte Baron Holst; dann, sich zum Dritten wendend, setzte er hinzu: »Ihnen, Herr von Linteloe, brauche ich Graf Kronar wohl nicht erst vorzustellen.«

»Beinahe wär's doch nötig,« antwortete mit dröhnender Stimme der Dritte, der die anderen bei weitem überragte und dessen breites, hochgerötetes Gesicht durch den Tabakqualm hindurch glänzte wie ein roter Lichtschein auf nebliger See. »Hat sich nämlich, scheint's, höllisch verändert, der Kronar! War ein schmächtiger Student, als ich ihn zuletzt sah, damals auf meiner Hochzeit in Eynarshyelm.« Er musterte den Neuankömmling und streckte ihm die Hand hin, die breit, kurz und etwas haarig war: »Na, 'Tag, Kronar! wir duzen uns natürlich noch immer, obschon wir in den zehn – oder sind's zwölf – Jahren keinen Gebrauch mehr von unserer sogenannten Verwandtschaft gemacht haben.« Er ließ ein wieherndes Lachen erschallen und wandte sich an die drei anderen Herren: »Damals hab' ich nämlich mit allen Verwandten meiner Frau Brüderschaft getrunken. Es waren so viele, daß ich sie schließlich doppelt sah – aber mein Prinzip war immer, mich mit den Vettern zu duzen von wegen der hübschen Basen.« Und wieder lachte er so laut und wiehernd, als ob eine Fuhre Steine ausgeschüttet würde.

»Sie sind Frau von Linteloes rechter Vetter?« frug Wawerling.

»O nein,« antwortete Axel, »es besteht nur eine ganz entfernte Verwandtschaft zwischen unseren Familien, aber die Güter stießen aneinander. Wir sind als Kinder zusammen aufgewachsen und haben uns immer Vetter und Cousine genannt.«

Als man am Soupertisch saß, begann Baron Holst seinen neuen Legationssekretär nach seiner Reise und nach Personen in der Heimat zu befragen. Aber bald mischte sich Linteloe ein: »Na, Kronar, du bist ja auch bei mir zu Hause durchgekommen; was sagt man denn da Neues?«

»Ach, lassen Sie doch, Linteloe,« meinte lachend Graf van Stratten, »selbst wenn Ihr Herrscher Sie zum Botschafter auserkoren hätte, dem Grafen Kronar würde er es doch nicht gerade auf der Durchreise anvertraut haben – und das ist ja das Einzige, was Sie hören möchten.«

Axel sah den angeheirateten Vetter etwas erstaunt von der Seite an. Breit und stämmig saß er da mit den schlauen, schwimmenden Äugelchen und dem ergrauenden roten Haar, das sich hell gegen die kupfrige Hautfarbe abhob. Man glaubte an ihm immer noch etwas von den hohen Sporenstiefeln und dem Küraß zu sehen, die er lange getragen, ehe er in die Diplomatie abschwenkte. Botschafter? So, so! Dahin verstieg sich sein Ehrgeiz?

»Ich habe mich gar nicht auf der Durchreise aufgehalten,« antwortete Axel; »aber wie lange bist du denn schon hier?«

»Da haben Sie Recht, so zu fragen,« fiel ihm van Stratten ins Wort. »Vier Jahre nur ist Linteloe hier, die reine Bagatelle. Ein unerfahrener Neuling ist er überhaupt noch und denkt schon an Versetzung. Was soll denn ich da sagen? – Ich bin sechzehn Jahre und zehn Monate hier!«

»Ich auch,« warf Wawerling seufzend ein.

»Verzeihen Sie,« sagte van Stratten, »sechzehn Jahre und zehn Monate weniger drei Tage, lieber Wawerling: vergessen Sie nicht, Sie sind drei Tage nach mir hier angekommen.«

»Ja, an was die Dinge doch hängen,« sagte Wawerling sinnend. »Hätt' ich mich damals vor sechzehn Jahren die eine Woche in Paris nicht gar so gut amüsiert, so wäre ich drei Tage vor Ihnen hier angekommen, und dann wäre ich heute Doyen; so bin ich nur Vizedoyen.«

»Sechzehn Jahre und zehn Monate!« wiederholte Axel und besah sich die beiden alten Herren, als seien sie Mumien in Glaskästen, von denen der Museumskatalog kündet, daß sie vor dreitausend Jahren lebende Menschen gewesen.

»Und als ich hierher gesandt wurde,« fuhr van Stratten fort, »hatte man mir im Ministerium doch ausdrücklich gesagt, ich würde nur ganz kurz hier gelassen werden.«

»Auch mir«, seufzte Wawerling, »sagte mein damaliger Chef, ich solle nur ruhig hierher gehen, es würde sehr bald was anderes für mich frei werden. Ich habe mich deshalb auch nie vollständig eingerichtet.«

Nun wandte sich Stratten zu Axel: »Lassen Sie sich durch unsere sechzehn Jahre und zehn Monate nicht erschrecken; es ist im Grunde hier nicht so übel, und die Zeit geht auch hier 'rum. Na und außerdem – Sekretäre, wie Sie, werden ja überhaupt nirgends lange gelassen.«

Er sagte es im Ton der Leute, denen die Schicksale anderer stets befriedigend erscheinen und die sich nicht gern vergegenwärtigen, daß überhaupt nichts im Leben lange dauert.

Aber Wawerling rief: »Lieber Stratten, ältester Freund, den ich hier habe, seien wir doch lieber ehrlich und konstatieren wir, daß die meisten Menschen überhaupt die meiste Zeit damit verbringen, zu warten, daß die Zeit vorübergehe. Wir Diplomaten tun dies scheinbar noch mehr als andere Menschen, weil unser Beruf es mit sich bringt, oftmals auf Posten zu kommen, wo uns tatsächlich nichts anderes zu tun übrig bleibt als zu warten, daß wir auf einen anderen geschickt werden.«

»Ach, lieber Kollege,« sagte Holst mit einem leisen Anflug von Mißbilligung, »man weiß es ja, Ihrer Ansicht nach sollte der Wahlspruch aller Diplomaten lauten: › o passi graviora dabit deus his quoque finem.‹«

Doch nun frug Axel, die philosophierenden Nachdenklichkeiten der alten Herren unterbrechend: »Aber bitte, erzählen Sie mir, was macht denn hier der einstmalige Prinz Hans Hadubrand und jetziger Despot Urosch der Fünfundzwanzigste? Ich war nämlich gleichzeitig wie er ein Semester in Bonn.«

Die älteren Herren sahen sich vorsichtig um, ob nicht etwa ein lauschender Diener dastehe, aber Linteloe rief unbekümmert: »Was er hier macht, der arme Junge? Na, ich nehm' an, er langweilt sich; 's ist nämlich ein tristes Thrönchen, auf das ihn da der Ehrgeiz der Herzogin Mutter gebracht hat.«

»Die Berufung hierher als Herrscher«, sagte Wawerling in seiner versonnenen Art, »gleicht eben manchen Diplomatenernennungen, bei denen auch alles, was dem eigentlichen Antritt des Postens vorausgeht, das Beste an der ganzen Sache ist. Für einen, der bis dahin nur nachgeborenes Söhnchen eines Miniaturhöfchens gewesen, war es ja sicher ganz nett und neu, als ›Souverän‹ Antrittsvisiten bei den anderen Höfen zu machen, – aber – die Erwiderungen bleiben lange aus. Niemand reist gern in diese Gegend. Und so steht denn selten im hiesigen Hofbericht: ›Die Monarchen eilten aufeinander zu und küßten sich wiederholt, worauf die Vorstellung des gegenseitigen Gefolges und Abschreiten der Ehrenkompagnie stattfand.‹ Und was das Land selbst an Zerstreuung bietet, ist eben gering.«

»Nun ja,« sagte Stratten, »amüsant kann es für den Despoten ebensowenig sein wie für uns, aber schließlich – im Vergleich zum Leben in Gnadenhausen-Rattenburg denk' ich es mir immer noch abwechselungsreicher, hier zu ›despotieren‹. Ich war nämlich mal dort in Spezialmission,« wandte er sich an Axel, »zur Trauerfeier für Hans Hadubrands Vater, den Herzog Hans Eribrand – das war ein großer Weidmann.«

»Ei freilich!« sagte Axel, »Schloß Rattenburg hängt ja ganz voll von seinen Jagdtrophäen – ich war nämlich auch mal dort. Das war zwar lange nach dem Tode des Herzogs Hans Eribrand, aber man hörte doch noch so mancherlei über ihn. Muß ein ausgelassener Herr gewesen sein!«

»Ja, ja,« sagte der Doyen verschmitzt mit den Augen zwinkernd, »einer der Letzten vom lustigen ancien régime! Die schöne Weiblichkeit! Keine war vor ihm sicher!«

»Na, davon hat der hiesige Sohn glücklicherweise nichts abbekommen,« warf Holst ein.

»Nee, wahrhaftig nicht! Der reine Musterjüngling – falls das nämlich mustergültig ist,« sagte Linteloe mit geringschätzigem Lächeln.

»Er ist eben von seiner Mutter erzogen worden, das erklärt alles,« sagte Stratten und wandte sich dann an Axel: »Haben Sie die Herzogin auch kennen gelernt?«

»O ja,« antwortete dieser, »eine strenge Dame – es war so, als ob die Söhne beständig vor ihr stramm ständen.«

»Sie soll in ihrer Ehe mit dem munteren Gemahl sehr unglücklich gewesen sein,« sagte Wawerling.

»Na, er war wohl auch nicht gerade zu beneiden,« fiel ihm Linteloe ins Wort. »Wissen Sie, so 'ne Frau, die immer vom Sockel der eigenen Unfehlbarkeit herabschaut, – 's ist nicht gerade herzerwärmend.«

»Schon möglich,« sagte der Doyen. »Na, auf alle Fälle hat sie sich bei der Erziehung ihrer Söhne möglichste Unähnlichkeit mit dem Vater zum Ziele gesetzt. Und das scheint sie denn auch völlig erreicht zu haben. Der älteste, der jetzt über Gnadenhausen-Rattenburg regiert, gilt ja für einen Idealherrscher, und unseren Hans Hadubrand hier leitet sie brieflich an, das gleiche für dies Land zu werden.«

»Wenn sie damit für hier nur das Richtige trifft,« meinte Linteloe. »Hans Hadubrand würde möglicherweise besser hierher passen, wenn er etwas weniger vortrefflich wäre. Ich glaube, gerade all das, was er etwa von seinem Vater geerbt haben könnte und was die Herzogin Mutter ihm systematisch aberzogen hat, hätten die Leute hier sicher begriffen – während er so vor lauter Reinheit, Pflichttreue und Selbstüberwindung seinen Untertanen ganz fremd und unverständlich ist.«

»Hat die Herzogin Mutter noch gar nicht Anstalten getroffen, Hans Hadubrand zu verheiraten?« frug nun Axel. »Das ist doch ein Schritt, den Herrscher sonst zur sogenannten Beglückung ihrer Völker möglichst früh zu tun pflegen.«

»Die Herzogin Mutter«, antwortete der Vizedoyen, »besitzt eben einen, unter ihren Standesgenossen seltenen, praktischen Blick für die Realitäten der jeweiligen Lage. Darum hat sie sich sicher gesagt, daß es besser sei, abzuwarten, wie sich die Dinge hier gestalteten, ehe sie das Land auch noch mit einer Landesmutter versieht. Wenn nämlich Urosch der Fünfundzwanzigste sich etwa nicht hätte halten können – und das schien anfänglich mindestens zweifelhaft –, so wäre der Abzug für einen Einzelnen immerhin leichter gewesen als für einen Mann mit Frau und Kind.«

»In der Tat,« bestätigte Holst, »als Hans Hadubrand vor ein paar Jahren hier eintraf, wurden seiner Regierung allgemein nur Wochen, höchstens Monate prophezeit. Jetzt aber gilt seine Stellung im Lande doch immerhin als gesicherter.«

»Und was wohl das Wichtigste ist: Mirojedsky scheint augenblicklich nichts Besonderes an ihm auszusetzen,« sagte Wawerling.

»Ich sag's ja immer,« seufzte van Stratten, »dies ist ein Ort, an dem man länger bleibt, als man ursprünglich dachte.«

Bald darauf empfahlen sich der Doyen und Vizedoyen, die überall zusammen erschienen und zusammen fortgingen und »die Inseparables« genannt wurden.

Herr von Linteloe blieb noch einen Augenblick länger. »Meine Frau würde sich sehr freuen, wenn Sie morgen bei uns lunchen wollten,« sagte er zu Baron Holst, und dann an Axel gewandt: »Sie hofft, daß du Zeit haben wirst, schon etwas früher zu kommen. Nach der langen Zeit hat sie wohl über vieles und viele mit dir zu sprechen.«

Als auch dieser letzte Gast gegangen war, sagte Baron Holst zu Axel mit wichtiger Miene: »Lassen Sie sich die Begeisterung für unsere Karriere nicht etwa durch unseren vortrefflichen Doyen und Vizedoyen rauben. Sehen Sie, ganz im Vertrauen, die beiden Herren leiden darunter, daß ihre Länder hier keine Rolle spielen und sie daher wenig hervortreten. Wir dagegen« – und der hagere Mann warf sich in die Brust – »haben hier große Interessen, und ohne mich rühmen zu wollen halte ich es für einen unserer wichtigsten Posten. Es gibt hier so viel zu tun, daß ich oft verzweifle, es zu bewältigen, obschon ich den ganzen Tag kaum vom Schreibtisch aufschaue. Nur abends gestatte ich mir zuweilen ein Partiechen oder beschäftige mich ein Stündchen mit den Menüsammlungen, die ich seit vielen Jahren treibe. Im übrigen denke ich labor ipse voluptas! Ja, und noch eins: Der Despot freut sich schon sehr darauf, Sie wiederzusehen. Ich traf ihn heute zufällig, und er bat, daß ich Sie gleich morgen nachmittag zu ihm bringen möge. Ich wollte das vorhin vor den anderen nicht erwähnen – es hätte sonst vielleicht gleich Neid bei den chers collègues erregt. Obschon diejenigen, die Sie heute gesehen haben, darin noch verhältnismäßig gutartig sind. Mirojedsky dagegen paßt dem Fürsten auf wie eine böse Gouvernante. Ehe wir zu Urosch gehen, werde ich Sie übrigens auch dem Minister des Auswärtigen vorstellen – ich muß sowieso morgen zu ihm. Na, und nun, gute Nacht, lieber Graf.«

In seinem Schlafzimmer fand Axel seinen alten Diener Iwan, den er aus Petersburg mitgebracht hatte; er war gerade mit Auspacken fertig.

»Nun, wie gefällt es dir denn hier, Iwan?« frug Arel, im Tone, den man einem mutigeren Leidensgefährten gegenüber anschlägt. Der weißhaarige Alte sog den Duft feuchter Erde und blühender Büsche ein, der durch das offene Fenster drang. »Die Erde ist gut überall,« antwortete er, »nur die Menschen sind schlecht, aber sie können nirgends schlechter sein als bei uns.« Er atmete noch einmal die nächtliche Luft tief ein: »Ja, es wird mir schon gefallen, die Erde ist gut.«

Axel schöpfte hieraus wenig Trost; er gehörte zu denen, für die die Erde wenig bedeutet, die Menschen dagegen alles sind.

Er blieb noch lange Zeit an seinem Fenster stehen. An Paris und Petersburg zurückdenkend, hatte er die Empfindung, als habe er damit begonnen, aus einem Korb voll Erdbeeren die oberen, großen und schönen zu essen, und als komme er nun an die unteren, minderwertigen Lagen, die aber den bei weitem größten Teil des Inhalts bilden. Er war ja überhaupt ungern hergekommen, während dieses ersten Abends aber hatte er die Empfindung gehabt, als einzig Lebender zwischen lauter Menschen geraten zu sein, die eigentlich tot und vergessen waren und nur in ihrer eigenen Einbildung weiter lebten. Die Wichtigkeit des einen und die Unwichtigkeit der anderen waren sich gleich an Bedeutungslosigkeit.

Was aber mochte aus Liane in dieser Umgebung geworden sein? frug sich Axel; was vor allem neben diesem Manne?

Axel hatte sich auf die Kindheitsgefährtin gefreut, sie war ihm als der eine lockende Lichtpunkt bei seiner Ernennung erschienen, und sich früherer Tage erinnernd hatte er eine gewisse angenehme Neugier empfunden, wie er sie wohl wiederfinden würde. Neugierig war er auch jetzt noch, aber jegliche angenehme Spannung war aus diesem Gefühl verschwunden. Er hatte bestimmte Theorien über den schädigenden Einfluß, den das Milieu haben muß, und war überzeugt, daß er Liane in trauriger Weise verändert finden würde, wenn er sie am nächsten Tage wiedersah.

Ja, die Aussichten waren wirklich nicht heiter! Es galt eben, sich an das zu halten, was ihm im Ministerium versprochen worden war, daß er nämlich nicht sehr lang hier gelassen werden würde.


Als Axel am nächsten Morgen nach seinem Chef frug, wurde ihm gesagt, daß der Herr Minister längst bei der Arbeit sei. Er fand ihn vor dem Schreibtisch sitzend, auf dem sich schon eine stattliche Anzahl frisch beschriebener Bogen häufte. Und Baron Holst schrieb noch immer eilend weiter.

»'Morgen, 'Morgen,« sagte er aufschauend, »schrecklich viel zu tun heut! Haben Sie schon die Zeitungen gesehen? Mindestens Stoff für acht Berichte. Na, aber ich muß Sie doch vor allem mal in die Kanzlei führen. Haben da sehr würdigen alten Hofrat, Muster altväterischer Beamtentreue, aber ein bißchen langsam. Habe deshalb wegen zunehmendem Tempo der Geschäfte bereits zwei Hilfsschreiber anstellen müssen.«

Baron Holst trat bei diesen Worten in die anstoßende Kanzlei. Es war ein großer Raum, an dessen Wänden sich Aktenschränke neben Aktenschränke reihten. In einer Ecke stand ein Kachelofen, zwischen den Fenstern hing eine Landkarte, die für den ihr angewiesenen Platz zu breit war und über den einen Fensterflügel hinausragte. Ein Bild des fernen Landesvaters war, vor den sich stetig ausbreitenden Aktenschränken, auf den einzig freien Fleck an der Wand über der Tür geflohen.

Inmitten des Zimmers stand ein großer Schreibtisch, und vor ihm thronte der Hofrat Agathokles Troll. Von seiner nordischen Heimat her hatte er ein beständiges Frieren mitgebracht. Vom Magen abwärts war er fest in ein karriertes Reiseplaid gewickelt, das ihm über die Füße herabhing. Als Baron Holst eintrat, wollte Agathokles Troll aufstehen, verwickelte sich aber in seine enge Decke, und der Gesandte rief ihm zu: »Bleiben Sie, bitte, ja auf Ihren heißen Steinen, lieber Hofrat, bleiben Sie!« – Axel gewahrte nun erst, daß Agathokles Trolls Füße auf einem Piedestal von Ziegelsteinen ruhten. Mit Ausnahme der Hundstage benutzte er diesen Fußschemel immer, und sobald die Steine erkalteten, wärmte sie der Kanzleidiener von neuem auf dem Küchenherd.

»Sie werden sich hier wohl ein bißchen umsehen wollen, ehe Sie zu Ihrer Cousine 'rübergehen,« sagte Baron Holst, »ich lasse Sie also hier, der Hofrat soll Ihnen sein Reich zeigen. Ich habe noch einen sehr eiligen Bericht zu beenden, aber sagen Sie, bitte, Frau von Linteloe, ich würde pünktlich zum Lunch erscheinen.«

Als Baron Holst das Zimmer verließ, stieg Agathokles Troll nun doch von seinem Piedestal erhitzter Backsteine herab, wickelte sich aus dem Plaid heraus und frug im Tone von jemand, der eine höchste Gunst anbietet, ob er Axel vielleicht irgendwelche Akten zum Studium heraussuchen solle.

»Na, mit der Zeit, lieber Herr Hofrat, mit der Zeit – ich bin in der Hinsicht genügsam.«

Der Hofrat musterte den neuen Legationssekretär aufmerksam. Er hatte viele seiner Vorgänger an sich vorüberziehen sehen. Na, dieser gehörte allem Anscheine nach zu der athletischen Sorte, zu jenen Jünglingen, die allerhand anstrengende und für Agathokles Troll unverständliche Spiele trieben, bei denen es darauf anzukommen schien, mit seltsamen Instrumenten harmlose Kugeln von einem Platz zum anderen zu schleudern, da sie offenbar nie da lagen, wo sie liegen sollten. Auf Rasen in Gärten, über Netze hinweg, auf Plätzen, die mit okkulten weißen Linien durchzogen waren, auch in Salons auf Tischen, sogar vom Pferde herab hatte Agathokles Troll diesen geheimnisvollen Kugelkultus vollziehen sehen, und die Adepten trugen dabei besondere Kleidungen, oder auch nur besonders wenig Kleidung, wie es sonst in der vornehmen Gesellschaft nicht üblich ist. So unbegreiflich der Hofrat auch alle diese selbstgewählte Mühe fand, so zog er doch die sportiven Sekretäre bei weitem jener anderen Kategorie von diplomatischen Jünglingen vor, die nur von der Karriere redeten, mit unstillbarem Wissensdurst Akten durchstöberten, nach ein paar Monaten sich als Landeskenner fühlten und den Augenblick herbeisehnten, wo sie als Geschäftsträger endlich mal ihrem Tatendrang freien Lauf lassen konnten, zum Staunen der heimatlichen Behörde und zur Beunruhigung des armen alten Agathokles.

Er besah Axel noch einmal rasch von der Seite, und sein Wohlgefallen wuchs. Nicht nur athletisch, nein, auch sehr gewinnend und lustig sah dieser Graf Kronar aus. Das war sicher mal wieder einer von denen, für die schon morgens früh Billettchen von Damen kommen, für die die Gärtner Sträuße binden und die Kanzleidiener allerhand geheimnisvolle Botengänge machen müssen, Herren, von denen es heißt, daß ohne sie kein Fest gelungen, und deren Dienststunden oft doppelt und dreifach durch sogenannte gesellschaftliche Verpflichtungen besetzt sind. Agathokles Troll seufzte erleichtert auf: Das Schicksal hatte mal ein Einsehen gehabt und den richtigen Mann geschickt, denn zu einem tätigen Gesandten auch noch einen eifrigen Legationssekretär – das wäre mehr gewesen, als ein Hofrat ertragen kann! Dieser Graf Kronar würde ihm die große Aufgabe seines Lebens nicht erschweren.

Die große Aufgabe von Agathokles Trolls Leben aber war, über die Akten der Gesandtschaft eifersüchtigst zu wachen.

Jedes Aktenstück, das einmal durch seine Hände gegangen und von ihm eine Nummer im Journal erhalten hatte, war fortan ein Küchlein einer Herde, die er liebevoll hütete. Es erschien ihm wie ein Täufling, der durch seine Vermittelung in einen geheimnisvollen Bund aufgenommen war und dem es galt rastlos aufzupassen. Aber viel hatte er auszustehen, um die Alten in Reih und Glied zu erhalten! Es gab welche, die waren die reinen Sorgenkinder: immer unterwegs, bald im Zimmer des Gesandten zum Nachschlagen, bald beim jeweiligen Legationssekretär, in steter Gefahr, verloren zu gehen, andere, die verhältnismäßig leicht zu behandeln waren, weil sie meist hübsch ruhig in den Schränken schlummerten. Lieblinge hatte Agathokles Troll unter diesen – »Einladung der Regierung von ***, der seismischen Konferenz beizutreten«, »Ablehnende Antwort an die Regierung von ***« gehörten dazu –, denn nach ihnen war seit Jahren nicht mehr verlangt worden, die konnten als gesicherter Besitz gelten. Von allen Akten waren ihm aber jene die liebsten, die in zwei großen Schränken unten im Gesandtschaftskeller lagen. Die flößten ihm Ehrfurcht ein. Sie stammten noch von vor seiner Zeit. Irgend ein früherer Hofrat, ein anderer Agathokles Troll, hatte sie einst geordnet. Seit er über die Kanzlei herrschte, hatte kein Gesandter je nach ihnen gefragt. Der Keller mochte nebenbei auch für Holz, Kohle und Wein benutzt werden – in Agathokles Trolls Augen war er vor allen Dingen Katakombe für die Sarkophage toter Akten.

»Nun, Herr Hofrat,« sagte Axel, »nach allem, was mir der Herr Gesandte sagt, scheint es ja hier an der Gesandtschaft viel zu tun zu geben?«

»O ja, Herr Graf, viel zu tun hat es hier immer gegeben,« antwortete Agathokles Troll grämlich, »dafür sorgten schon die Ereignisse.«

»So, so!« sagte Axel, dessen Kenntnisse der Landesgeschichte noch vage waren. »Es ging wohl bisweilen ein bißchen unruhig her?«

»Wenn der Herr Graf das so auszudrücken belieben – allerdings. Es ist hier gegangen wie in allen diesen Ländchen, wenn sie die gepriesene Unabhängigkeit erlangt haben. Eine Zeitlang jagten sich die Staatsumwälzungen, wir haben Offiziersverschwörungen und Ministerkrisen, Königsvertreibungen und Regentschaften gesehen. Einzelne Herrscher und Minister verschwanden durch Mord, manchmal kam es gar zur Ausrottung ganzer Sippen. Die neu erworbene Freiheit betätigte sich eben im Herumexperimentieren mit Parteien und Dynastien, als seien es Patentmedizinen, die die Leute ausprobieren wollten.«

»Hm, ja, das muß allerdings Stoff zu Berichten geliefert haben.«

Agathokles Troll seufzte. »Stoff zu Berichten, Herr Graf? Stoff zu ganzen Tragödien! Sehen Sie den eisernen Schrank dort? Der ist ganz voll mit den geheimsten Akten, und da stehen Dinge drin! – Na, ich denke immer, wenn Shakespeare die gekannt hätte, was hätte er da nicht erst für Stücke schreiben können!«

»Aber jetzt unter Urosch dem Fünfundzwanzigsten gibt's doch wohl nichts Derartiges mehr zu berichten?«

»Ach, anfänglich schien es, als ob auch unter seinem Regime die Verwirrung andauern solle. Der Prätendent Tscheslav Obradowitsch, ein illegitimer Sprößling der letzten einheimischen Dynastie, spukte nämlich mit Banden an der Grenze. Das hat manchen Berichtsstoff geliefert. Im Augenblick ist es allerdings still über ihn geworden, und es herrscht hier verhältnismäßige Ruhe. Aber dafür haben wir jetzt den industriellen Wettbewerb derer, die hier ein Absatzgebiet suchen, samt allem, was damit zusammenhängt. Das macht auch wieder viel Arbeit, und ganz neue Aktenrubriken sind dadurch entstanden.«

»Na, aber wenigstens sind das keine so schrecklichen Dinge,« sagte Axel belustigt.

»Schrecklich? nein,« sagte der Hofrat, »eher schon komisch. Man pendelt hier ja überhaupt immer zwischen der Tragödie und der Posse hin und her. – Aber,« fuhr er fort, »wenn das auch alles nicht wäre – der Herr Baron von Holst fände doch immer Berichtsstoff. Unter keinem seiner Vorgänger haben die Akten so zugenommen wie unter ihm. Er allein schreibt so viel, wie wir drei kaum zu mundieren vermögen.«

»Ach ja, richtig, Sie haben ja zwei Gehilfen, wo sind denn die Herren?« frug Axel.

»Dort im Nebenzimmer arbeiten die beiden jungen Leute,« antwortete der Hofrat und erläuterte in etwas geringschätzigem Ton: »Da ist der Oskar Helm, ein früherer Seemann. Niemand weiß, wie er gerade hierher geraten, aber der Herr Gesandte hat ihn provisorisch angestellt, weil er eine schöne steile Handschrift hat, mit der er die Berichte des Herrn Gesandten immer auf vier Seiten kriegt, weil nämlich der Herr Gesandte sagt, länger dürfte nichts für das Ministerium sein, sonst würde es nicht gelesen. Und dann,« hierbei ward Agathokles Trolls Ausdruck noch um eine Schwingung verächtlicher, »dann haben wir den Gustav Langenssen – ein früherer Schneider, der ist so fürs Laufende und ist flink, was der Herr Gesandte liebt. Und abends schneidet er die Menüs zurecht und klebt sie in die Albums.«

»Ich möchte die beiden doch kennen lernen,« sagte Axel.

Der Hofrat öffnete die Tür des Nebenzimmers und hätte gar nicht nötig gehabt, die Herren vorzustellen. Es war so unverkennbar, daß der dünne, spitznasige, der eben ein Lineal wie eine Elle hielt, um daran Devotionsstriche unter die fertig mundierten Berichte zu ziehen, nur der Schneider sein konnte. Der blonde, blauäugige Hüne, der die Feder so fest packte, als sei sie ein Schiffstau, und der auf seinem Schreibtisch alle Papiere mit Briefbeschwerern bedeckt hatte, als gewärtige er einen Sturm, mußte ebenso bestimmt der Seemann sein. Axel begrüßte die beiden jungen Leute, die sonst nur den nervös tätigen alten Gesandten und den griesgrämig pedantischen alten Hofrat sahen, so lustig und freundlich, daß Agathokles Troll es beinahe etwas zu viel Leutseligkeit gegenüber von nicht etatsmäßigen Beamten fand.

Als der Hofrat und Axel dann das Zimmer wieder verlassen hatten, sagte Gustav Langenssen: »Wissen Sie, Helm, wenn ich ein hübsches Mädel wäre, in diesen jungen Grafen verliebte ich mich sofort.« Und der Seemann antwortete: »Ja, mich erinnert er an den Maat auf der ›Königin Hella‹. Welchen Hafen wir auch anliefen, dem widerstand keine – es war immer so, als hätten die Weibsbilder nur auf ihn gewartet.«

Axel aber zog währenddessen im Zimmer des Hofrats seine Uhr und sagte: »Es wird Zeit, daß ich zu Frau von Linteloe gehe. Wohnt sie weit von hier?«

»Nein,« antwortete Agathokles Troll, »bequemer könnte es der Herr Graf schon gar nicht haben. Das nächste Haus in dieser Straße ist es, und zwischen den Gärten der beiden Gesandtschaften ist außerdem noch eine kleine Verbindungstür, die die Herrschaften meist benutzen.«

»Na, bei einem ersten Besuch werde ich doch wohl lieber von der Straße und durch die Haupttür kommen,« meinte Axel lachend.

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