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Li Tai-pe

Klabund: Li Tai-pe - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
authorKlabund
titleLi Tai-pe
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
printrun71.-80. Tausend
senderhille@abc.de
created20030520
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Klabund

Li Tai-pe

Nachdichtungen

Geschrieben im März 1915

Du Fu an Li Tai-pe

Man nennt dich unversiegbaren Tropfenfall
Himmelgleich –
Vor deiner Verse Hall
Zerspellt des Kriegers Speer, zerfällt des Kaisers Reich.

Du bist die Sonne, der wir im Zenit begegnen.
Du bist Gewitter, wenn die Wolke kracht.
Als Tränen läßt du deine Verse niederregnen –
Es liest sie der Unsterbliche im Mondschein bei der Nacht,
Lächelt und weint und meint, Er habe sie erdacht.

Im Frühling

Wenn Leben innerer Träume Widerschein –
Wozu sich an die blasse Stirne schlagen?
Berauschen will ich mich an allen Tagen
Und schlafe trunken vor den Säulen ein.

Die Wimpern heb ich auf – und bin erwacht.
Ein Vogel singt in blühenden Geweben.
Ich frage ihn, in welcher Zeit wir leben.
Er sagt: da Frühling Vögel singen macht.

Erschüttert bin ich: wenn ich weinen geh.
Ich gieß den Becher voll. Die Lippe trinkt.
Ich singe laut, bis Mond im Blauen blinkt.
Vergesse Mond und Lied und Li Tai-pe.

Mond der Kindheit

Als ich ein Kind war, schien der Mond mir rundes Gold,
Das wie ein Spiegel leicht am Rand der Wolken rollt.

Drin zogen Geister groß mit Seidenfahnen,
Zimtbäume ließen Süßigkeiten ahnen,

Der gelbe Hase braute treffliche Getränke,
Der Mann im Mond saß bei ihm in der Schänke, –

Bis einst der Drache Mond und Mann verschlang
Und Nacht wie dunkle Trauer niedersank.

Neun schlimme Vögel sind dabei, die Sterne aufzupicken.
Die Götter lagern traurig auf den Wolken, nicken

Und wiegen sich in sturmgepeitschten Böten.
Wer wird die schlimmen Vögel töten? –

Doch wenn der Mond von Nacht zu Nacht entschwand
Und endlich nur als schmaler Strich am Himmel stand,

War er ein Dolch, den ich mir in die Seite stieß,
Weil mich die Angst um dieses Leben nicht verließ.

Im Boot

Frühe schwang den Pinsel,
Malte Wolkenrot.
Ich ließ die Stadt. Zu einer fernen Insel
Befahl mich eines Freundes Boot.

Wie eine Kette klirrte an den Ufern
Metallgeschweißt der Affen Schrei um Schrei.
An welchen Bergen, welchen Klagerufern
Trieb nicht mein Segel fühllos schon vorbei.

Das Lied vom Kummer

Der Wirt hat Wein. Aber er soll noch nicht die Becher bringen.
Ich will erst noch das Lied vom Kummer singen.
Wenn der Kummer kommt, Lied und Lachen stirbt,
Niemand weiß, wie tote Grille zirpt.
O – he... O – he...

Herr, du kelterst Wein in bauchige Fässer.
Ich besitze eine schlanke Laute und ein kurzes Messer.
Wein trinken und Laute schlagen vertragen sich gut,
Wenn Gold im Sack und Messer in Scheide ruht.
O-he!

Himmel ist ewig. Er mag der Erde halbe Ewigkeit gönnen.
Wie lange werden wir uns des Goldes und des Weines erfreuen können?
Hundert Jahre sind wenig. Hundert Jahre sind viel.
Leben und Sterben ist einzig des Menschen Ziel.
O – he... O – he...

Seht dort unten, wo der Mond sich gelb zu schaffen
Macht, seht zwischen Gräben einsam dort den Affen!
Wie er friert und hockt! Wie er heult und schreit!
Brüder, schenkt ein! Herunter den Becher in einem Zug! Zum Trinken wards Zeit...
O-he!

Hsi-schï

Lotosblüten wehen an die Balustrade.
Der König ruht auf weichem Diwan, fett und satt.
Hsi-schï schwebt tanzend vor ihm wie ein Wind,
Die Anmut selbst und ein laszives Kind.
Nun hält sie inne, lächelt, fühlt sich matt
Und schmiegt sich seufzend an den Diwanrand von Jade.

Das Landhaus

Es hat der Abend seine Netze ausgespannt,
Und von den blauen Bergen steig ich nieder.
Wie Kähne schwimmen sie im Nebel. Mondeshand
Geleitet still den Wandrer hin und wider,
Des Blick wie Blei in tiefe Täler taucht,
Wo Dämmrung auf den niedren Häusern raucht.

Wir kommen Hand in Hand zum Pavillon.
Ein Diener klinkt an zweiggeflochtner Pforte.
Gras streift des Kleides Saum wie leiser Gong.
Ich bin entzückt, mein Prinz, an solchem Orte
Zu Plauderei mit Euch vereint zu sein!
Ihr seid ein junger Aprikosenbaum... der Wein,

Der Wein ist heute nicht mehr Wein, nur Duft.
Ich sing vom Wind, der in den Fichten surrt.
Erst auf des Himmels Straße trägt man mich zur Gruft,
Wenn Morgen fern wie eine Taube gurrt...
Ihr seid berauscht, mein Prinz, an meines Rausches Wonne!
In wechselseitigem Rausch rollt Erd und Sonne.

Die drei Genossen

In der Laube von Jasmin sitz ich beim Weine.
Gute Genossen heischt die gute Stunde.
Da steigt der Mond übern First, verneigt sich mit goldenem Scheine.
Höflich verneige auch ich mich, und mein Schatten verneigt sich als Dritter im Bunde.

Mond will trinken. Muß es bleiben lassen.
Schatten hebt den Becher. Aber der Tropf bekommt keinen Tropfen . . .
Ich will beider Durst in mir zusammenfassen
Und für dreie trinken und lachen, solange die dürren Äste noch nicht den Boden klopfen.

Seht den Mond: er lacht zu meinen Gesängen!
Seht den Schatten : er tanzt und springt und tut, als sei er allein!
Wenn sich die Nebel des Rausches um meine Stirne drängen,
Seid ihr berauscht mit mir, schlaft mit mir ein.

Morgen abend, ihr drei, auf Wiedersehn in der Blütenlaube beim Wein!

Einsamkeit zur Nacht

Ich hocke müßig in der Nacht. Der Mond erglänzt.
Einsiedler spielt im Wind die weiße Laute.
Der Wind stöhnt wie ein Kind, für das man Medizinen braute
Und das bestraft wird, wenn es heut die Schule schwänzt.
Der Mond beschwatzt leichtfertig Allerleigewölk. So schlanke Hände
Von Frauen streicheln Teich und Andacht und Gelände.

Singende Gespenster

Herunter mit dem Jadekrug
In einem Zug!
Licht blüht an allen Wegen.
Ich habe nimmermehr genug.
Ich bin ein Pflug. Ein Wolkenflug.
Und Blumen springen mir entgegen.

Die Lippe lallt. Die Wimper wacht.
Es öffnet sacht
Sich über mir ein Fenster.
Ein Vogelschwarm schwebt durch die Nacht,
Durch unsrer Herzen dunkle Nacht,
Wie singende Gespenster.

Der Pavillon von Porzellan

In dem künstlich angelegten Teiche
Auf der Insel steht der Pavillon von grün und weißem Porzellan.
Man gelangt in seine gläsernen Bereiche
Über eines weißen Tigers Rücken, der sich hier als Brücke aufgetan.

Dort sitzen Freunde froh beim Weine. Licht
Ist der Gewänder Farbe, die sich nicht im Staub der Wochentage placken.
Die Freunde plaudern oder schweigen heiter. Einer schreibt ein Gedicht,
Streift die Ärmel zurück und wirft das Haupt in den Nacken.

Sieh: in dem Teich, in dem die Jadebrücke, in den Wellen leise wehend,
Sich wie ein Halbmond wölbt, der Freunde trunknen Wahn!
Die Kleider zitternd! Auf dem Kopfe stehend
In einem Pavillon von Porzellan!

Der ewige Rausch

Herr, vom Himmel nieder in das Meer
Rast der große gelbe Strom in betäubendem Schwung.
Keine Welle weiß von einer Wiederkehr.
Herr, den Spiegel her: dein Schädel ist alt — nur deine Seufzer sind jung...

Noch am Morgen glänzten deine Haare wie schwarze Seide,
Abend hat schon Schnee auf sie getan.
Wer nicht will, daß er lebendigen Leibes sterbend leide,
Schwinge den Becher und fordre den Mond als Kumpan.

Schmeiß die Taler zum Fenster hinaus, es wird sie schon wer zusammenschippen.
Im Schlafe fällt kein Vogel aus dem Nest.
Heute will ich auf einen Hieb dreihundert Becher kippen!
Schlachtet den Hammel und sauft und freßt!

Glockenton am Morgen, Trommel im Krieg, Reis im Haus sind entbehrlich —
Ach, Brüder, laßt uns auf einen Rausch, der kein Ende nimmt, hoffen!
Vergangenheit ist tot. Die Zukunft ungefährlich.
Unsterblich nur ist Li Tai-pe – wenn er besoffen.

Improvisation

Wolke Kleid
Und Blume ihr Gesicht.
Wohlgerüche wehn,
Verliebter Frühling!
Wird sie auf dem Berge stehn,
Wage ich den Aufstieg nicht.
Wenn sie sich dem Monde weiht,
Bin ich weit,
Verliebter Frühling...

Der Dschau-yang-Palast im Frühling

Nun drückt der Schnee nicht mehr die Birnenzweige,
Der Frühlingswind erwacht im Weidenstrauch.
Der Vogel Ying stimmt seine helle Geige,
Die Schwalbe fliegt vom Dach wie grauer Rauch.
In Nacht selbst ist die Sonne noch vergossen,
Wie Wein verschüttet aus dem Überfluß.
Die Frauen sind gleich Blumen neu erschlossen,
Daß selbst der Mandarin erbeben muß.

Im Abenddunst verglüht des Wächters Panzer.
Der Morgen ist ja noch so meilenfern.
Und seiner fernsten Wolke Widerglanz – er
Erhöht die Freuden unserer jungen Herrn.
Die Blumen öffnen ihre Kelche lüstern,
Die Frauen senken die gefärbten Braun.
Im Morgenrot, im blauen Saale knistern
Die Seidentänze kaiserlicher Fraun.

Die schönsten Mädchen gehn am kaiserlichen Wagen,
Sie treten singend aus geheimem Tor.
Wer ist die Schönste, daß wir sie zur Sänfte tragen?
Es ist Fe-yän im silbergrünen Flor.
Ich neige meine Stirne tief zur Erde,
Daß sie durch ihres Kleides Saum beseligt werde...
Im Garten taumeln in den frischgefallnen Blütenschnee
Einsam entrückt zwei junge Liebende.

Der Hummer

Trinke dreihundert Becher guten Wein,
Und du wirst der Gattin Sorge ledig wie ein Junggeselle sein.
Groß ist die Zahl der Schmerzen und die Zahl der Becher klein:
Es bleibt nichts übrig, als ewig betrunken sein!
Weshalb sich seinen Ruhm wie Bei und Schu Tji erhungern ?
Wir wollen faul auf der Terrasse lungern.
Man spalte einen rotgesottenen Hummer!
Man spalte das Leid, man spalte die Qual und den Kummer!
Wir saugen sie aus bis auf die harten Schalen und häufen
Sie mit den Hummerscheren zu heiligen Hügeln —
Laßt trunken uns die Nacht mit ewigen Flügeln überflügeln!

Blick in den Spiegel

Mein Spiegel ist von Herbstnebeln blind. Ich kann nicht mehr in den Mai zurück.
Ich flechte aus meinen weißen Haaren mir einen langen Strick.
Ich schlinge ihn um das Horn des Mondes am Himmel fest,
Daß er nicht reißt, wenn mich der Frühwind tanzen läßt.
Meine Zunge wird mir aus den Zähnen jappen.
Reißt sie heraus, gönnt einem Hunde den Happen.
(Er wird fortan nur noch nach schönen Versen schnappen.)

Am Ufer des Yo-yä

Zwischen hohem Schilf in zierlichen Böten
Pflücken Mädchen Lotosblumen ihren Eltern zum Gebinde;
Bespritzen sich und zwitschern in tausend Nöten;
Ihre duftenden Ärmel wehen im Winde.

Oberhalb des Ufers durch die Weiden reiten mit galantem Rufe
Schöne Jünglinge zu dritt und viert.
Plötzlich bäumt ein Pferd, geht durch und galoppiert,
Und die gefallenen Blüten zerknirschen rasende Hufe.

Das eine Fräulein äugt entsetzt dem Pferde nach, und zart
Schlägt plötzlich dunkle Angst ihr Blut ins Angesicht —
Sie scheint ein roter Edelstein, der sich in schillernden Facetten bricht
Und den die goldne Fassung künstlich nur bewahrt.

Wanderer erwacht in der Herberge

Ich erwache leicht geblendet, ungewohnt
Eines fremden Lagers. Ist es Reif, der über Nacht den Boden weiß befiel?
Hebe das Haupt – blick in den strahlenden Mond,
Neige das Haupt – denk an mein Wanderziel...

Die Kaiserin

Die Jadetreppe glitzert weiß von Tau.
Es streift das schleppende Gewand der hohen Frau
Die Tropfen leise ab. Sie schattet mit der Linken ihr Gesicht,
Weil durch den Pavillon der Mondstrahl bricht.

Sie schlägt den Perlenteppich hinter sich zusammen.

Er rauscht, ein Wasserfall, im Mondlicht nieder.
Verrieselt. Über ihre schlanken Glieder
Zuckt grell des ersten Frostes Kälteschauer. –

Gefüllt mit einer unklagbaren Trauer
Betrachtet sie des Herbstmonds milde Flammen.

Schenke im Frühling

Sieben Schimmel
Traben
Über Berg und Himmel.
Blütenwind muß Sporen haben.
Vor der Schenke wacht
Eine alte Vettel.
Sieben Herren beugen sich auf ihre silberweißen Sättel.
Sieben sind bedacht:
Frühling, junge Mädchen, guter Wein –
Sieben treten ein.

Die ferne Flöte

Abend atmete aus Blumenblüten,
Als im fernen Winde wer die Flöte blies.
Laßt mich eine Gerte von den Zweigen brechen,
Flöte schnitzen und wie jene Flöte tun.

Wenn die Nächte nun
Ihren Schlaf behüten,
Hören Vögel, wie zwei Flöten süß
Ihre Sprache sprechen.

Auf der Wiese

Wir liegen im blühenden Schoße des Wiesenrains
Und trinken eins und eins und immer noch eins.
Wenn ich betrunken wie ein offnes Gatter im Winde schnarre:
Geh nach Hause, hol mir die Gitarre!
Und laß mich dann allein in meines Rausches Nachen:
Ich will mit einem jungen Lied im Arm erwachen.

Die Beständigen

Alle Wolken gingen
Über See.
Und die Vögel schwingen
Wie Gelächter über fernem Land.
Nur Djing-
Ding,
Der spitze Berg,
Und der Zwerg
Li Tai-pe
Sind beständig, stehen, ragen unverwandt.–

Der Fischer im Frühling

Die Erde trank den Schnee. Wie erste Pflaumenblüte durch die Lüfte rudert!
Die Trauerweiden prunken golden.
Falter, die Flügel violett gepudert,
Tauchen samtene Köpfe in Blütendolden.

Wie eine Insel steht der Kahn im Teich. Der Fischer läßt
Sein Netz behutsam in den dünnen Silberspiegel springen.
Der klirrt, zerbrochen. Er gedenkt der Schwalbe fern im Nest;
Bald wird er ihr das Futter bringen.

Der Tanz auf der Wolke

Als ich zu meiner Jadeflöte sang,
War es den Menschen wie ein dunkles Haus.
Sie höhnten furchtsam meine Lieder aus.
Da hob die Flöte ich zu den Unsterblichen.

Die Götter tanzten hell auf sanft erglühter Wolke.
Die Menschen, die die Tänzer sahen, wichen
Beglückt.
Und Jubel wuchs wie Sterngesträuch im Volke,
Als ich zu meiner Jadeflöte sang.

Das rote Zimmer

Es stampft mein Pferd. Der Blütenregen rauscht;
Und Blütenzweige streifen wolkig meine Wange.
Es kriecht der Fluß wie eine braune Schlange,
Auf der ein Segel sich wie eine Wespe bauscht.

Ein Mädchen lächelt. Bambusvorhang hebt
Sich unter ihrer Finger Mondenschimmer.
Und aus der Tiefe stürzt und lockt und schwebt
Ein dunkelrotes, ein ersehntes Zimmer –

Winkt mir, errötend, meines Mädchens Zimmer.

Krieg in der Wüste Gobi

Am Himmel die Plejaden tropfen Blut.
Blut sickert in der Wüste Gobi Sand.
Mit seiner Freundin nicht der Feldherr mehr auf weicher Matte ruht.
Sein Sichelwagen ist mit Schimmeln hell bespannt.

Von Feuer flammen alle Länder.
Eilboten jagen durch die Nacht.
In Fahnen hüllt der Mordrausch sich wie in Gewänder.
Der gelbe Sandsturm wirbelt in die Schlacht.

Fürst Lou-lans Haupt rollt unterm Schwerte.
Der Khane viele traf der Pfeil in Aug und Stirn.
Der Herbstreif fällt in der Soldaten Barte.
Schakale beißen sich um eines Menschen Hirn.

Gleich einem Silberschwarm von Vögeln schwingend,
Erreicht der Sieg den Kaiser in Stafetten.
Soldaten ziehen in die Heimat singend,
Und Frauen knien am Weg wie Statuetten.

Die weiße und die rote Rose

Während ich mich über meine Stickerei am Fenster bückte,
Stach mich meine Nadel in den Daumen. Weiße Rose,
Die ich stickte,
Wurde rote Rose.

In der kriegerischen Weite bei des Vaterlandes Söhnen
Weilt mein Freund, vergießt vielleicht sein Blut.
Rossehufe hör ich dröhnen.
Ists sein Pferd? Es ist mein Herz, das wie ein Fohlen tut.

Tränen fallen mir aus meinen Blicken
Übern Rahmen in die Stickerein.
Und ich will die Tränen in die Seide sticken,
Und sie sollen weiße Perlen sein.

Nach der Schlacht

Ich dehne mich im edelsteinbestickten Sattel meines Feindes.
Mein braunes Pferd, jetzt sei der Heimat zugewandt!
Die Luft ruht aus in Stille vom Gekrächz der Lanzen.
Vereinzelt Pfeile noch wie Mücken summen.
Der Mond geht kalt und ruhig auf dem blassen Sand.
Von der erstürmten Festung brummen
Die dumpfe Trommel, das berauschte Gong.
In gelber Seide
Seh ich Mädchen tanzen.
Es gab ein großes Fischesterben heut im See.
Das goldne Schwert in meiner Scheide
Ist dunkelrot und klebrig wie Gelee.

Die vier Jahreszeiten

Die holde Lo-fu im Lande Tjin
Pflückt Maulbeerblüten vor einem Wasserspiegel.
Ihre weißen Hände irren durch die grünen Zweige hin,
Auf ihrem Antlitz glüht der Sonne braunes Siegel.
Sie spricht: Die Seidenraupen haben Hunger. Ich muß eilen.
Des braucht es nicht, o Herr, daß Eure Pferde meinethalb noch länger hier verweilen.

Am Silbersee (o wär er ein Tablett, die Tafel uns zu schmücken!),
Wenn Lotosblüte ihre Hülle sprengt,
Im fünften Monat trippeln Mädchen, sie zu pflücken.
Das Ufer ist von Menge dicht gedrängt.
Mädchen und Blume scheuen leicht den Mond. Man treibt die Barken seiner Sehnsucht zu.
Am hellen Tage noch beginnt das Fest von Yu.

Das Mondkaninchen blinzelt müde.
Die Erde ist ein schmutziggraues Linnen.
Der Herbstwind stöhnt. Es bellt der Rüde.
In tausend Echos klingt der Klatsch der Wäscherinnen.
Wann endlich werden die Barbaren Friede geben?
Der Gatte, ferne kämpfend, seine Sohlen wieder nach der Heimat heben?

Ein Bote reitet vier Uhr früh zur Grenze.
Frauliche Finger fädeln eine kalte Nadel ein.
Die Nacht trabt wie ein Pferd. Des Frühlings Tänze!
Die kalte Schere! Und das kalte Herz! Es muß wohl Winter sein ...
Der letzte Nadelstich am Kleid. Es wird dem Boten auf sein Pferd geschnürt.
Im Land Lin-tau liegt einer tot und friert.

Schreie der Raben

Vor der Stadt, die sommerlich im gelben Staube wirbelt,
Rasten Raben abends auf den Bäumen, krächzen, schaukeln.
Junge Frau des Kriegers, die an seidnen Fäden zwirbelt,
Hört die Raben schrein und sieht, wie auf den Fenstervorhang müde sich die abendroten Strahlen legen.
Ihre Nadel sinkt; sie denkt an ihn, den ihre Wünsche wild umgaukeln.
Schweigend sucht und einsam sie ihr Bett, und ihre Tränen fallen heiß wie Sommerregen.

Der große Räuber

Der große Räuber bindet seinen Helm mit einem dicken Stricke fest.
Sein Säbel ist glatt wie Eis und leuchtet wie Firn.
Wenn er die harten Schenkel an den Schimmel preßt,
Stürmt übern Horizont ein schweifendes Gestirn.

Wer sich ihm stellt, muß es in zehn Sekunden büßen.
Was sind ihm hundert Meilen, die er doch in einer Nacht durchfuhr?
Er schüttelt nach dem Kampf den Staub von seinen Füßen.
Niemand weiß seinen Namen. Niemand weiß seine Spur.

Zuweilen besucht er den Prinzen Hsin-ling.
Er schnallt den Säbel ab und legt ihn über die Knie.
Der Prinz verehrt ihm einen geheimnisvollen Ring,
Und wie zwei beste Freunde fressen und saufen sie.

Drei Becher Wein sind wie ein Händedruck beliebt.
Viel leichter würdest du von einem Gott als ihm betrogen.
Wenn er schwitzt und der Wein seine Blicke trübt.
Fängt er Sterne wie Fliegen, umarmt einen Regenbogen.

Ein Hammer in seiner Hand genügt, ein Königreich zu retten.
Wie Donnerhall ist seines Namens Schrei.
Nach ewigen Herbsten noch fahren Kinder entsetzt aus den Betten,
Träumen sie von Hsin-ling und Dschu-hai.

Um ihre Knochen schwebt des Opfers Duft.
Der Dichter ist beschämt. Die bleiche Stirn errötet.
Ruhmloser steigt er in die Gruft
Als der, der tausend Menschen tötet.

An der Grenze

Auf den himmlischen Bergen schmolz noch nicht der Schnee.
Keine Blume sprießt aus dürrem Ried.
Hört! Der Frühling bläst das Weidenlied!
Aber keine warmen Wolken wehn.

Wenn des Morgens Gong und Trommel schallten,
Schläft man nachts im Sattel, auf des Pferdes Hals gebückt.
Schon in der Scheide ist das Schwert gezückt,
Um dem Barbarenhund mit einem Schlag den Schädel zu zerspalten.

Die junge Frau steht auf dem Warteturm

Die junge Frau steht auf dem Warteturm.
Von Yän-dschïs Hügeln fliegt das Laub im Sturm
Wie braune Vögel. Wolken drohen dicht.
In Herbst und Regen, Blitz und Donner bricht
Bald der Barbar aus seiner Wüste vor.
Der Han-Gesandte zieht durchs roteTor.
In tausend Schädeln kriecht der Totenwurm.
Die junge Frau steht auf dem Warteturm.

Winterkrieg

Ich träume von dem Regenbogen
Und den Gärten meiner Heimat Tjin.
Mimosen blühen gelb. Gazellen hüpfen.
Wohl ist Krieg. Aber Krieg von Sonne warm.

Wir frieren mit den Pferden am Wege fest.
Manchem werden eiserne Beine abgeschnitten.
In den Stiefeln. Augen erfrieren wie Glas.
Wohl dem, der unterm Schneeweiß schläft, zu Tod gebräunt.

Wir Bettler. Unsre Kleider sind zerfetzt.
Fels starrt wie Eis, und Eis starrt wie Gestein.
In Spiralen dreht sich zuckend der Paß.
Hündisch klettern wir den Mond hinauf.

Wie Maulbeerborke platzt die Haut.
Unser eignes Blut rinnt aufs Schwert.
Hörner klingen in dumpfer Qual.
Süßer sang ich zur Flöte einst.

Keiner Heimkehr bin ich mir bewußt.
Ein Tiger, aufgescheucht, schlägt mit dem Schweif,
Fletscht seine Zähne, weiß wie Reif, und dunkel
Rollt sein brüllender Ruf ins Tal.

Zeige jemand sein Herz! Vogel fällt vom Baum.
Trete hervor und zeige sein Herz. Wo ist rot ein Herz?
Tannen stehn beschneit, und auf den Zweigen
Hocken wir steif und krähn im Nebel des Bluts.

O Himmel! Heiliger! Hilf, verbrenne mich!
Laß Wintergewitter grau erdonnern — und wirf
Den Blitz in die erstarrt erhobene Stirne,
Daß ich aufsteige, Feuersäule, in Nacht.

Fluch des Krieges

Im Schnee des Tienschan grast das dürre Roß.
Drei Heere sanken vor dem wilden Troß.
Die gelbe Wüste liegt von weißen Knochen voll.
Der Pferde Schrei wie schrille Flöte scholl.

Es schlingen Eingeweide sich von Baum zu Baum in Schnüren,
Die Raben krächzend auf die Zweige führen.
Soldaten liegen tot auf des Palastes Stufen.
Es mag der tote General die Toten rufen.

So sei verflucht der Krieg! Verflucht das Werk der Waffen!
Es hat der Weise nichts mit ihrem Wahn zu schaffen.
Er wird die Waffe nur als letzte Rettung schwingen,
Um durch den Tod der Welt das Leben zu bezwingen.

Ode auf Nanking

Du warst im Ringe von sechs Reichen einbezogen.
Drei Becher leere ich, um diese Verse dir zu widmen.
Im Lande Tjin klingen die Gärten in leichteren Rhythmen.
Aber die Hügel spannen sich wie Regenbogen
Bunter als die Gipfel von Lo-yang.

Hier, wo das müde Gras auf den Ruinen wuchert und Libellen
Wie Schleier schwirren, türmte sich das Kaiserschloß.
Die Freundin winkte hoch vom Turm. Im Marstall wieherte das Roß.
Wo sind Burg und Kaiser, Pferd und kleine Freundin?... Ach, dahin wie Wellen
In dem großen Strom des Jangtsekiang...

Das Friedensfest

Die Türme des Schlosses durchstoßen den Himmel,
Um blinkende Säulen ringeln sich Drachen.
Florhänge wallen empor, und schöner Frauen Gewimmel
Singt zur Sonne, und tönende Steine lachen.

Der Kaiser hört im Frühlingswind die zarten Noten.
Es ist das Lied: Ach irgendwann muß ja geschieden sein.
Wir fahren nach den ergrünenden Inseln auf zeltüberdachten Booten,
Kleine Wellen springen wie fliegende Fische herein.

Dreitausend Mädchen huldigen dem Herrn mit heitern Tänzen,
Mit Glockenschlag, der wie ein Schwärm von Vögeln durch die Lüfte zieht.
Palast und Erde zittern in den Grenzen.
Menschen jubeln tanzend das Friedenslied.

Die sechsunddreißig unsterblichen Kaiser lenken ihre Wolkenwagen zur Erde,
Sie locken den Gefährten, doch fester hält er nur die goldnen Zügel.
Er bleibt und will, daß China durch ihn glücklich werde.
Und als der Friedenskaiser ragt fortan sein Name steil und ewig wie ein heiliger Hügel.

Abschied

Das Gestern, das mich flieht, kann ich nicht halten,
Das Heute drückt mich wie ein Frauenschuh.
Die kleinen Wandervögel schon entfalten
Die Flügel herbstlich ihrer Heimat zu.
Ich steige auf den Turm, die Arme weit zu dehnen,
Und fülle meinen Becher nur mit Tränen.

Ob ich, ihr großen Dichter, euer werde?
Ich bin gekrönt, wenn mich ein Vers von euch umflicht.
Und meine Füße stampfen wohl die Erde,
Doch ach, zum Himmel tragen sie mich nicht.

Wer kann den Springbrunn mit dem Degen spalten?
Wie Öl schwimmt oben auf dem Wein die Not.
Das Gestern, das mich flieht, kann ich nicht halten.
Ich werf mich in ein steuerloses Boot;
Das Haar dem Winde flatternd preisgegeben,
Wird mich die Woge auf und nieder heben.

Der Silberreiher

Im Herbst kreist einsam überm grauen Weiher
Von Schnee bereift ein alter Silberreiher.

Ich stehe einsam an des Weihers Strand,
Die Hand am Blick, und äuge stumm ins Land.

Das ewige Gedicht

Ich male Lettern, von der Einsamkeit betreut.
Der Bambus wellt wie Meer. Aus Sträuchern fällt der Tau wie Perlenschnüre.
Ich werfe Verse auf die leuchtenden Papiere,
Als seien Pflaumenblüten in den Schnee gestreut.

Wie lange währt der Duft der Mandarinenfrucht bei einem Weibe,
Die sie in ihrer Achselhöhle trägt? Wie lange blüht im Sonnenschein der Schnee?
Nur dies Gedicht, das ich hier niederschreibe,
O daß es ewig, ewig, ewig steh!

Nachwort

Li Tai-pe lebte in China von 699 bis 762 nach Christi Geburt. Als ewig trunkener, ewig heiliger Wanderer wandert er durch die chinesische Welt. Kunstsinnige Herrscher beriefen den erlauchten Vagabunden an ihren Hof, und oft genug erniedrigte und erhöhte sich der Kaiser zum Sekretär des Dichters: wenn Li Tai-pe nach einem Zechgelage ihm seine Verse im Morgengrauen in den Pinsel diktierte. Der Kaiser, der den Dichter und Menschen brüderlich liebte, machte ihn zum kaiserlichen Beamten, setzte ihm eine Rente aus und gab ihm als Zeichen seiner höchsten Gnade ein kaiserliches Prunkgewand zum Geschenk — für einen Chinesen damaliger Zeit die höchste Ehrung. Li Tai-pe schleifte das kaiserliche Gewand durch alle Gossen der Provinz und ließ sich an Abenden voll Trunkenheit als Kaiser huldigen. Oder er hielt, in des Kaisers Kleidern, rebellische Ansprachen an die Trinkkumpane und das herbeigelaufene Volk. Er starb im Rausch, indem er bei einer nächtlichen Bootfahrt aus dem Kahne fiel. Die Legende läßt ihn von einem Delphin erretten, der ihn, während in den Lüften engelhafte Geister ihn betreuen, aufs Meer hinaus und in die Weite der Unsterblichkeit entführt.

Sein Volk vergötterte ihn und errichtete ihm einen Tempel; der kunstreichste der chinesischen Lyriker wurde auch der volkstümlichste. Noch heute genießt er in China, dem klassischen Lande des Literatentums, ein Ansehen, wie es nicht einmal Goethe bei den Deutschen genießt. Während eifrige Kommentatoren fortgesetzt am Werke sind, seinen Versen spitzfindige, tiefsinnige und geistreiche Erklärungen unterzulegen, singen junge und alte Burschen seine unsterblichen Lieder auf den Straßen.

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