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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 49
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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§ 109

Wenn der Mann dem Eisen durch Stärke gleicht, so ist er ihm auch in der Verwandtschaft mit dem Schwefel, bei dessen Berühren die heiße Eisenstange in Tropfen herabfällt, nämlich in der leidenschaftlichen Brennbarkeit ähnlich. Gibt bloße Leidenschaft Stärke? – So gewiß als eine Pariser Revolution Freiheit, oder als Kometen kometenhelle Nächte; nur aber entfliehen sie wieder. Die kräftigsten Menschen der alten Zeit, die Regenten oder Richter ihres Zeitalters und die Muster jedes andern, kamen stets aus der stoischen Schule; und die Leidenschaften dienten ihnen nur als Sturmbalken, nicht als Wäg- oder Tragbalken!

Wie mit der Stärke, so ists mit dem Licht, welches Leidenschaften, nach Helvetius' Behauptung, auf ihre Gegenstände werfen sollen; es ist nämlich so, wie (nach Chateaubriand) im Sturme die Klippen vom Wellen-Schaume leuchten und dadurch die Schiffe warnen; – sehr teuere, sehr bewegliche Leuchttürme!

Lasset also den Knaben so viel als möglich in die stoische Schule hineinhören – weniger durch Ermahnungen als durch die Beispiele echter Stoiker aller Zeiten; – damit er aber nicht den Stoiker für einen Holländer oder gar für einen stumpfen Wilden halte, so lasset ihn sehen, daß das echte Kernfeuer der Brust gerade in jenen Männern glühe, welche ein durch das ganze Leben reichende Wollen, nicht aber, wie der leidenschaftliche, einzelne Wollungen und Wallungen haben; und nennt z. B. Sokrates und Kato II., die eine ewige, aber darum stille Begeisterung hatten.

§ 110

Dieses lange Wollen, das jeden innern Aufruhr bändigt, setzt nicht einen bloßen Zweck, sondern End-Zweck – gleichsam eine Zentralsonne aller Umläufe – die Idee voraus. Es kann daher nur ein starkes oder großes Leben geben, nicht aber eine einzelne große oder starke Tat, wie jeder Schwächling eine auch vermag; so wie es nirgends einsam stehende Fels-Berge (obwohl dergleichen Erd-Berge) gibt, sondern nur verbundne stehen als ein Gebirgrücken in den Wolken.

Ein ausgesetzter Wille kann nur das Allgemeinste meinen, das Göttliche, es sei die Freiheit, oder die Wissenschaft, oder die Religion, oder die Kunst; je besonderer der Wille angeht, desto öfter bricht ihn die Außenwelt ab. Wie der Mensch im Gegensatz des Tiers, das nur enge Einzelheiten treffen, die empfundne Welt in Gattungen, die gedachte in Kategorien ausbreitet und auf löset: so die Idee die Begehrungen in ein allgemeines umfassendes Streben.

Diese Idealität ist von keiner Erziehung zu lehren – denn sie ist das innerste Ich selber –, aber von jeder vorauszusetzen und folglich zu beleben. Leben zündet sich nur an Leben an; mithin das Höchste im Kinde sich nur durch Beispiel, entweder gegenwärtiges, oder geschichtliches, oder (was beides vereint) durch Dichtkunst.

Das Gegenwärtige, d. h. das Lebende, hat Großmenschen nicht so leicht bei der Hand und zu Kauf als hallische Zinnfiguren für Kinder. Im weiten und ganzen haben wir sie allerdings – man denke nur an die herzerhebenden Leben-Verachtungen im Freiheit-Kriege, womit Plutarch sich ebensogut als mit den antiken hätte verewigen können; – aber der Plutarch fehlt uns eben; das Große wird, wenn nicht verkannt, doch vergessen; und wir brauchen daher, auch bei der besten Gegenwart, immer die große Vergangenheit, wie Strichvögel den Mondschein, um ins warme Land zu fliegen. Vor dem Halbjüngling richtet man leider! die Eltern und den Hauslehrer und einige Ortangesehene als die Heiligenbilder des Ideals auf: – – schlimm und unnütz! Ein Gebote-Geber und ein Mensch, der vor dem Kinde täglich mit Schlaf- und Gala-Rock wechselt, kann nie jene reinste Empfindung (wofür Chateaubriand die Bewunderung hält) erwecken, in deren Höhe eben alle Sternbilder der kindlichen Ideale gehen und glänzen. Wenn Kinder hinter dem Lichte schöner Muster herzugehen haben: warum lieset man lieber dunklere als glänzende aus?

Aber Klio, die Muse der Vergangenheit, steht euch bei, der wieder ihr Vater, Apollo, mit hilft. Erfüllt nur den Knaben mit der verklärten Heldenwelt, mit liebend ausgemalten Großmenschen der verschiedensten Art: so wird sein angebornes, nie erst zu erwerbendes Ideal (denn in jedem schläft eines) rege und munter werden.

Ebenso glänze ihm frei jedes poetische Ideal ins Angesicht; sein Auge ist ja vor zwei größern Idealen nicht erblindet, vor dem, das ihm sein Gewissen zu sein befiehlt, und vor der Idee Gott.

Campe dringt mit Recht für Kinder auf das Vorkehren der erleuchteten Halbkugel der gegenwärtigen Menschheit; aber gewiß nicht, damit sie dadurch Duldung der Mittelmäßigkeit erlernen – Unduldung wäre besser –, sondern damit der fremde Weltglanz, gesetzt er komme mehr aus Tautropfen als Edelsteinen, ihren Morgen durchleuchte. Was ich für gefährlich halte – ja für gefährlicher als die VorhaltungDoch aber nur eine seltene; denn es ist gefährlich, das höhere Laster nur zu denken; indes so: ohne Schaden erfährt das Kind z. B. den höchsten, aber ihm bekannten Grad des Hassens, Mords etc.; aber mit Schaden unerhörte Weisen des Mordens, welche dann, je fremder sie es angrausen, es desto mehr mit den kleinen Ausbrüchen der Leidenschaft gemein machen. von Mensch-Teufeln, da jedes Kind ja ohne Schaden von deren Höllen-Oberhaupte täglich hörte –, dies ist das Vorlegen der gemischten Charaktere zur Auslese des Musterhaften an ihnen, indem ihr mit gleichem Rechte ihm seine eigne, ebenfalls gemischte Natur zur Nacheiferung vorführen könntet. Was lernt der Knabe aus jener vielgöttischen Konföderation-Moral anders, als die bequeme Ausgleichung zwischen Siegen und Niederlagen auch auf sich anwenden? Zur Evangeliums-Predigt der Duldung menschlicher Schwächen könnt ihr ja den Text viel näher nehmen – seine eignen.

Gegen dieses Idealisieren der Jugend wird nun von pädagogischen Elefantenjägern – die das Große jagen, um es zahm, lastbar und zahnlos im Stalle zu haben – sehr scheinbar und weitläuftig eingewandt: »dies alles sei ganz vortrefflich, aber nur für Romanwelten. – Was könne aus dergleichen Überspannung des jungen Menschen weiter kommen als ein unsinniges Anstarren und Anfallen der Wirklichkeit-Welt, von der er einmal leben müsse und die sich schwerlich nach den Träumen eines Unmündigen und Unbärtigen richten dürfte. – Es gebe, um so zu reden wie Romanenschreiber, weder Phönixe, noch Basilisken, aber doch sonst ordentliches Land- und Wasser-Gevögel. – Kurz, der junge Mensch habe sich in die Zeit und Welt zu schicken, da es ja der alte auch tue, und seine leeren Riesenbilder abzudanken. – Auch hier führe der Mittelweg recht: nämlich der Jugend werde gesagt, so und so könnten vielleicht die Menschen sein; aber da sie nicht so wären, müsse man es nicht genau nehmen, sondern für den Staat leben, worin man lebe – und jenes Idealistische erhalte eben nur Wert und Nutzen, insofern es einen für die benützende und benützte Wirklichkeit erweise; daher, ordentlich allegorisch, in Zürch jeder Gelehrte, der Gottes-, der Rechts-, der Schulgelehrte, stets in eine Zunft, in die Schusterschaft, Weberschaft oder andere, eingeschrieben sein müsse. – Und nur so, aber nicht anders werde man dem Vaterlande immer Bürger ziehen, die ihrer Eltern und Erzieher würdig seien.«

– Letztes nehm' ich an! Aber o Himmel, also was Welt und Zeit ohnehin entkräften, dies wollt ihr schon gleich kraftlos ins Feld stellen? Und ordentlich handelt ihr, als ob von den spätern Jahren, von den Niederungen des Lebens allmähliche Erhebung zu erwarten wäre, anstatt Versenkung, und man nicht zuvorzukommen und zu übereilen habe? – Solltet ihr nicht wenigstens mit den geistigen Augen umgehen wie mit leiblichen, vor die man anfangs nur Hohlgläser vorlegt, die am wenigsten verkleinern, weil ohnehin deren Gebrauch immer hohlere und mehr verkleinernde abzwingt? – Das Schlimmste, was ihr zu meiden sucht, ist nur, daß ein Jüngling etwa ein Wirkliches zu seinem Ideal verkläre; aber das Schlimmere, was ihr erstreben wollt, ist, daß er das Ideale zum Wirklichen verdunkelt und beleibt? – O es geschieht genug, davon ohne euch; die reife Sonnenblume wendet sich nach der Sonne nicht mehr mit ihrer dicken Körner-Scheibe. – Der Rhein findet seine Ebene bald, durch die er ohne glänzende Wasserfälle sich schiebt und seine Lasten nach Holland schleppt. – – Was ist aller Gewinn, den die junge Seele aus der Vermeidung einiger Fehltritte und Fehlblicke zieht, gegen den entsetzlichen Verlust, daß sie ohne das heilige Feuer der Jugend, ohne Flügel, ohne große Plane, kurz so nackt in das kalte enge Leben hineinkriecht als die meisten aus demselben heraus? – Wie soll ohne die ideale Jugend-Glut das Leben reifen, oder der Wein ohne August? – Das Schönste, was die Menschen taten, fiel' es auch in ihre kältere Jahrszeit, was nur spät aufgehender Samen, den der Lebenbaum des kindlichen Paradieses getragen hatte; gleichsam realisierte Jugend-Träume. Oder saht ihr nie, wie ein Mensch von einem einzigen Götterbilde seiner Frühzeit durch das ganze Leben regiert und geleitet wurde? Und wodurch wollt ihr dieses führende Wagengestirn ersetzen als etwa durch den Brotwagen des klugen Eigennutzes? – Endlich: was tut denn dem Menschen eigentlich not? Wahrlich nicht etwa die Kraft der Opfer für das Beste – denn es erscheine nur einmal in der Wirklichkeit ein Gott, oder wie im waagrechten Frankreich eine Göttin (die Freiheit), so entäußert der Mensch sich gern alles Menschlichen, wessen die Göttlichkeit nicht bedarf –, sondern etwas anders als Stärke hat er nötig: Glauben und Schauen einer Gottheit, die die Menschenopfer besserer Art verdient. Hinter einem voranziehenden Gott würden alle Menschen Götter. Tilgt ihr aber das Ideal aus der Brust, so verschwindet damit Tempel, Opferaltar und Alles.

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