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Letzte Stücke

E.T.A. Hoffmann: Letzte Stücke - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorE. T. A. Hoffmann
titleLetzte Stücke
publisherWeltbild
seriesSämtliche poetische Werke
volume3
editorHannsludwig Geiger
year1998
isbn3-8289-007-0
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060915
projectid4f42f0be
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Die Marquise de la Pivardiere (Nach Richers Causes célèbres.)

Ein Mensch gemeinen Standes, namens Barré, hatte seine Braut zu später Abendzeit in das Boulogner Holz gelockt und sie dort, da er, ihrer überdrüssig, um eine andere buhlte, mit vielen Messerstichen ermordet.

Das Mädchen, die Gartenfrüchte feilhielt, war ihrer ausnehmenden Schönheit, ihres sittlichen Betragens halber allgemein bekannt unter dem Namen der schönen Antoinette. So kam es, daß ganz Paris erfüllt war von Barrés Untat, und daß auch in der Abendgesellschaft, die sich bei der Duchesse d'Aiguillon zu versammeln pflegte, von nichts anderm gesprochen wurde als von der entsetzlichen Ermordung der armen Antoinette.

Die Duchesse verlor sich gern in moralische Betrachtungen, und so entwickelte sie auch jetzt mit vieler Beredsamkeit, daß nur heillose Vernachlässigung des Unterrichts und der Religiosität bei dem gemeinen Volk Verbrechen erzeuge, die den höhern, in Geist und Gemüt gebildeten Ständen fremd bleiben müßten.

Der Graf von St. Hermine, sonst das rege Leben jeder Gesellschaft, war an dem Abend tief in sich gekehrt, und die Blässe seines Gesichts verriet, daß irgendein feindliches Ereignis ihn verstört haben mußte. Er hatte noch kein Wort gesprochen; jetzt, da die Duchesse ihre moralische Abhandlung geschlossen, begann er: »Verzeiht, gnädigste Frau! Barré liest vortrefflich, schreibt eine schöne Hand, kann sogar rechnen, spielt überdies nicht übel die Geige; und was seine Religion betrifft, so hat er freitags in seinem Leben niemals auch nur eine Unze Fleisch genossen, regelmäßig seine Messe gehört und noch an dem Morgen, als er abends darauf den Mord beging, gebeichtet. »Was könnt Ihr gegen seine Bildung, gegen seine Religiosität einwenden?«

Die Duchesse meinte, daß der Graf durch seine bittre Bemerkung ihr und der Gesellschaft den unausstehlichen Unmut entgelten lassen wolle, der ihm heute seine ganze Liebenswürdigkeit raube. Man setzte das vorige Gespräch fort, und ein junger Mann stand im Begriff, noch einmal alle Umstände der Tat Barrés auf das genaueste zu beschreiben, als der Graf von Saint Hermine sich ungeduldig von seinem Sitze erhob und auf das heftigste erklärte, man würde ihn augenblicklich verjagen, wenn man nicht ein Gespräch ende, das mit scharfen Krallen in seine Brust greife und eine Wunde aufreiße, deren Schmerz er wenigstens auf Augenblicke in der Gesellschaft zu verwinden gehofft.

Alle drangen in ihn, nun nicht länger mit der Ursache seines Unmuts zurückzuhalten. Da sprach er: »Man wird es nicht mehr Unmut nennen, was mich heute langweilig, unausstehlich erscheinen läßt; man wird es mir, meinem gerechten Schmerz verzeihen, daß ich das Gespräch über Barrés Untat nicht zu ertragen vermag, wenn ich offenbare, was mein ganzes Inneres tief erschüttert. Ein Mann, den ich hochschätzte, der sich in meinem Regiment stets brav, tapfer, mir innig ergeben bewies, der Marquis de la Pivardiere, ist vor drei Nächten auf die grausamste Weise in seinem Bette ermordet worden.«

»Himmel«, rief die Duchesse, »welch' neue entsetzliche Untat! Wie konnte das geschehen! Die arme unglückliche Marquise!«

Auf dies Wort der Duchesse vergaß man den ermordeten Marquis, bedauerte nur die Marquise und erschöpfte sich in Lobeserhebungen der anmutigen geistreichen Frau, deren strenge Tugend, deren edler Sinn als Muster gegolten und die schon als Demoiselle du Chauvelin die Zierde der ersten Zirkel in Paris gewesen sei.

»Und«, sprach der Graf mit dem ins Innere dringenden Ton der tiefsten Erbitterung, »und diese geistreiche tugendhafte Frau, die Zierde der ersten Zirkel in Paris, diese war es, die ihren Gemahl erschlug mit Hilfe ihres Beichtvaters, des verruchten Charost!«

Stumm, von Entsetzen erfaßt, starrte alles den Grafen an, der sich vor der Duchesse, die der Ohnmacht nahe, tief verbeugte und dann den Saal verließ. –

Franziska Margarete Chauvelin hatte in früher Kindheit ihre Mutter verloren, und so war ihre Erziehung ganz das Werk ihres Vaters geblieben, eines geistreichen, aber strengen, ernsten Mannes. Der Ritter Chauvelin glaubte daran, daß es möglich sei, das weibliche Gemüt zur Erkenntnis seiner eignen Schwächen zu bringen, und daß diese eben dadurch weggetilgt werden könnten. Sein starrer Sinn verschmähte jene hohe Liebenswürdigkeit der Weiber, die sich aus der subjektiven Ansicht des Lebens von dem Standpunkt aus, auf den sie die Natur gestellt hat, erzeugt; und eben in dieser Ansicht liegt ja der Ursprung aller der Äußerungen einer innern Gemütsstimmung, die in demselben Augenblick, da sie uns launisch, beschränkt, kleinartig bedünken will, uns unwiderstehlich hinreißt. Der Ritter meinte ferner, daß, um zu jenem Zweck zu gelangen, es vorzüglich nötig sei, jeden weiblichen Einfluß auf das junge Gemüt zu verhindern; auf das sorglichste entfernte er daher von seiner Tochter alles, was nur Gouvernante heißen mag, und wußte es auch geschickt anzufangen, daß keine Gespielin es dahin brachte, sich mit Franziska in gleiche Farbe zu kleiden und ihr die kleinen Geheimnisse eines durchtanzten Balls o. s. zu vertrauen. Nebenher sorgte er dafür, daß Franziskas notwendigste weibliche Bedienung aus geckenhaften Dingern bestand, die er dann als Scheubilder des verkehrten weiblichen Sinns aufstellte. Vorzüglich richtete er auch, als Franziska in die Jahre gekommen, daß davon die Rede sein konnte, die vernichtenden Pfeile seiner Ironie gegen die süße Schwärmerei der Liebe, die den weiblichen Sinn erst recht nach seiner innersten Bedeutung gestaltet und die wohl nur bei einem Jünglinge oft ins Fratzenhafte abarten mag.

Glück für Franziska, daß des Ritters Glaube ein arger Irrtum war. So sehr er sich mühte, dem tief weiblichen Gemüt Franziskas die Rauhigkeit eines männlichen Geistes, der das Spiel des Lebens verachtet, weil er es zu verstehen, es durchzuschauen vermeint, anzuerziehen; es gelang ihm nicht, die hohe Anmut und Liebenswürdigkeit, der Mutter Erbteil, zu zerstören, die immer mehr herausstrahlte aus Franziskas Innerm und die er in seltsamer Selbsttäuschung für die Frucht seiner weisen Erziehung hielt, ohne daran zu denken, daß er ja eben dagegen seine gefährlichsten Waffen gerichtet.

Franziska konnte nicht schön genannt werden, dazu waren die Züge ihres Antlitzes nicht regelmäßig genug; der geistreiche Feuerblick der schönsten Augen, das holde Lächeln, das um Mund und Wangen spielte, eine edle Gestalt im reinsten Ebenmaß der Glieder, die hohe Anmut jeder Bewegung, alles dieses gab indessen Franziskas äußerer Erscheinung einen unnennbaren Reiz. Kam nun noch hinzu, daß die viel zu gelehrte Bildung, die ihr der Vater gegeben und die sonst nur zu leicht das innerste, eigentliche Wesen des Weibes zerstört, ohne daß ein Ersatz möglich, ihr nur diente, richtig zu verstehen, aber nicht abzusprechen, daß die Ironie, die ihr vielleicht von des Vaters Geist zugekommen, sich in ihrem Sinn und Wesen zum gemütlichen lebensvollen Scherz umgestaltete: so könnt' es nicht fehlen, daß sie, als der Vater, den Ansprüchen des Lebens nachgebend, sie einführte in die sogenannte große Welt, bald der Abgott aller Zirkel wurde.

Man kann denken, mit welchem Eifer sich Jünglinge und Männer um die holde, geistreiche Franziska bemühten. Diesen Bemühungen stellten sich nun aber die Grundsätze entgegen, die der Ritter du Chauvelin seiner Tochter eingeflößt. Hatte sich auch irgendein Mann, dem die Natur alles verliehen, um den Weibern zu gefallen, Franziska mehr und mehr genähert, wollte ihr Herz sich ihm hinneigen, dann trat ihr plötzlich der fratzenhafte Popanz eines verliebten Weibes vor Augen, den der Vater herbeigezaubert, und der Schreck, die Furcht vor dem Scheubilde tötete jedes Gefühl der Liebe im ersten Aufkeimen. Da es unmöglich war, Franziska stolz, spröde, kalt zu nennen, so geriet man auf den Gedanken eines geheimen Liebesverständnisses, auf dessen Entwicklung man begierig wartete, wiewohl vergebens. Franziska blieb unverheiratet bis in ihr fünfundzwanzigstes Jahr. Da starb der Ritter, und Franziska, seine einzige Erbin, kam in den Besitz des Ritterguts Nerbonne.

Die Duchesse d'Aiguillon (wir haben sie in dem Eingange der Geschichte kennen gelernt) fand es nun nötig, sich um Franziskas Wohl und Weh, um ihre Verhältnisse zu kümmern, da sie es nicht für möglich hielt, daß ein Mädchen, sei sie auch fünfundzwanzig Jahre alt geworden, sich selbst beraten könne. Gewohnt, alles auf gewisse feierliche Weise zu betreiben, versammelte sie eine Anzahl Frauen, die über Franziskas Tun und Lassen Rat hielten und endlich darin übereinkamen, daß ihre jetzige Lage es durchaus erfordere, sich zu vermählen.

Die Duchesse übernahm selbst die schwierige Aufgabe, das ehescheue Mädchen zur Befolgung dieses Beschlusses zu bewegen, und freute sich im voraus über den Triumph ihrer Überredungskunst. Sie begab sich zu der Chauvelin und bewies ihr in einer wohlgesetzten Rede, die ihr nicht wenig Kopfbrechens gekostet, daß sie endlich den Bedingnissen des Lebens nachgeben, ihren Starrsinn, ihre Sprödigkeit ablegen, rücksichtslos dem Gefühl der Liebe Raum lassen und einen Mann, der ihrer wert, mit ihrer Hand beglücken müsse.

Franziska hatte die Duchesse mit ruhigem Lächeln angehört, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen. Nicht wenig erstaunte die Duchesse aber jetzt, als Franziska erklärte, daß sie ganz ihrer Meinung sei, daß ihre Lage, der Besitz der weitläufligen Güter, die Verwaltung des Vermögens durchaus erfordere, sich durch die Vermählung mit einem ehrenwerten Manne ihres Standes im Leben fest zu stellen. Sie sprach dann von dieser Vermählung wie von einem Geschäft, das, von ihrem Verhältnis herbeigeführt, notwendig abgeschlossen werden müsse, und meinte, daß sie vielleicht bald imstande sein werde, unter ihren Bewerbern den zu wählen, der sich als der vernünftigste, ruhigste bewährt.

»Fräulein«, rief die Duchesse, »Fräulein, sollte Euer reiches Gemüt, Euer empfänglicher Sinn denn ganz verschlossen sein dem schönsten Gefühl, das die Sterblichen beglückt? – Habt Ihr denn niemals, niemals geliebt?«

Franziska versicherte, daß dies niemals der Fall gewesen sei, und entwickelte dann die Theorie ihres Vaters über ein Gefühl, das ein böses Prinzip in der Natur mit heilloser Ironie in die menschliche Brust gelegt, da es die Urkraft des menschlichen Geistes breche und nichts herbeiführe als ein durch Demütigungen, durch lächerliche Narrheiten aller Art verstörtes Leben.

Die Duchesse geriet ganz außer sich über die abscheulichen Grundsätze und begann Franziska tüchtig auszuschelten, daß sie einer Lehre gefolgt, die sie geradezu ruchlos und teuflisch nannte, da sie der innersten Natur des Weibes zuwider sei und eben das bewirken müsse, was sie dem höchsten Gefühle schuld gebe, nämlich ein armseliges verstörtes Leben. Zuletzt faßte sie des Fräuleins Hand und sprach, indem ihr die Tränen in die Augen traten: »Nein, mein gutes teures Kind, nein, es ist nicht möglich; du täuschest dich selbst, du gibst dich uns schlechter als du wirklich bist; fremd sind dir jene Grundsätze eines strengen, starren Mannes, der dem Leben feindlich entgegentrat! – Du hast geliebt und widerstrebtest nur im ungekünstelten Eigensinn deiner innern Regung! – Sei aufrichtig, erwäge jeden Augenblick deines Lebens! – Es ist nicht möglich, daß es keinen geben sollte, in dem nicht das Gefühl der Liebe plötzlich eindrang in dein eisumpanzertes Herz!«

Franziska stand im Begriff, der Duchesse zu antworten, als plötzlich ein Gedanke wie ein Blitz sie zu durchzucken schien. Über und über errötend, dann zum Tode erbleichend, starrte sie zur Erde nieder; ein tiefer Seufzer stieg aus der Brust empor, dann begann sie: »Ja, ich will aufrichtig sein – ja, es gab in meinem Leben einen Moment, in dem mich mit zerstörender Gewalt ein Gefühl überraschte, das ich verabscheuen lernte und noch verabscheue!«

»Weh dir!« rief die Duchesse, »weh dir, aber sprich!«

»Ich hatte«, erzählte Franziska, »eben mein sechzehntes Jahr zurückgelegt, als mein Vater mich in Eure Zirkel, gnädigste Frau, einführte. Ihr verstandet meine Befangenheit zu besiegen, mich dahin zu bringen, meiner Laune mich ganz hinzugeben. Man fand das, was ich jetzt als ausgelassen verwerfen würde, damals über die Maßen liebenswürdig, und ich hätte eitel genug sein können, mich für die gefeierte Königin der Gesellschaft zu halten.«

»Das wart Ihr, das wart Ihr!« unterbrach die Duchesse das Fräulein.

»Ich weiß nicht mehr«, fuhr das Fräulein fort, »was ich eben sprach, aber es erregte die Teilnahme der ganzen Gesellschaft so sehr, daß in dem tiefsten Stillschweigen aller Blicke starr auf mich gerichtet waren und ich beschämt die Augen niederschlug.

Es war mir, als vernähme ich ganz in meiner Nähe den Namen Franziska! wie einen leisen Seufzer. – Unwillkürlich schaue ich auf – mein Blick fällt auf einen Jüngling, den ich so lange noch gar nicht bemerkt; – aber ein unbekanntes Feuer strahlt aus seinen dunklen Augen und durchdringt mein Innerstes wie ein glühender Dolch –, mich erfaßt ein namenloser Schmerz –, es ist mir, als müsse ich sterbend niedersinken, aber der Tod sei das höchste seligste Entzücken des Himmels. – Keines Wortes mächtig, vermag ich nur, von süßer Qual gepeinigt, tief aufzuseufzen – Tränen strömen mir aus den Augen. – Man hält mich für plötzlich erkrankt, man bringt mich in ein Nebenzimmer, man schnürt mich auf, man braucht alle Mittel, die zur Hand sind, mich aus dem entsetzlichen Zustande zu reißen. – In tötender Angst, ja in Verzweiflung versichere ich endlich, daß alles vorüber, daß mir wieder wohl sei. – Ich verlange zurück in die Gesellschaft. – Meine Augen suchen, finden ihn – ich sehe nichts als ihnihn! – Ich erbebe vor dem Gedanken, daß er sich mir nähern könne, und doch ist es eben dieser Gedanke, der mich mit dem süßesten, nie gefühlten, nie geahneten Entzücken durchströmt! – Mein Vater mußte meinen überreizten Zustand bemerken, konnte er auch vielleicht dessen Ursache nicht erforschen; er führte mich schnell fort aus der Gesellschaft. –

So jung ich war, mußte ich doch wohl erkennen, daß das böse verstörende Prinzip auf mich eingedrungen, vor dem mich der Vater so sehr gewarnt, und eben die Gewalt, der ich beinahe erlegen, ließ mich die Wahrheit alles dessen, was er darüber gesagt, vollkommen einsehen. Ich kämpfte einen schweren Kampf; aber ich siegte; das Bild des Jünglings verschwand, ich fühlte mich froh und frei, ich wagte mich wieder in Eure Gesellschaft, gnädigste Frau; aber ich fand den Gefürchteten nicht wieder. Dem Schicksal oder vielmehr jenem bösen Prinzip des Lebens genügte aber nicht mein Sieg; ein schwererer Kampf stand mir bevor. – Mehrere Wochen waren vergangen, als ich, da eben die Abenddämmerung einzubrechen beginnt, im Fenster liege und hinaussehe auf die Straße. Da erblicke ich jenen Jüngling, der zu mir hinaufschaut, mich grüßt und dann geradezu losschreitet auf die Tür des Hauses. – Weh mir! – mit verdoppelter Kraft ergreift mich jene entsetzliche Macht! – Er kommt, er sucht dich auf! – Dieser Gedanke, – Entzücken, – Verzweiflung – raubt mir die Sinne! – Als ich aus tiefer Ohnmacht erwachte, lag ich ausgekleidet auf dem Sofa; mein Vater stand bei mir, ein Naphthafläschchen in der Hand. Er fragte, ob mir etwas Besonderes begegnet. Er habe die Tür meines Zimmers öffnen, wieder verschließen und dann Tritte die Treppe herab gehört, die ihm männliche hätten bedünken wollen, mich aber zu seinem nicht geringen Schreck ohnmächtig auf der Erde liegend gefunden. Ich konnte, ich durfte ihm nichts sagen; doch schien er das Geheimnis zu ahnen, denn des Nervenfiebers, das mich an den Rand des Grabes brachte, unerachtet, traf mich seine bittre Ironie, die er gegen verfängliche Ohnmachten eines verdrießlichen Liebesfiebers richtete. Ich danke ihm das; denn er verhalf mir zum zweiten Siege, der mir glorreicher schien als der erste.«

Die Duchesse umarmte, küßte und herzte voller Freude das Fräulein. Sie versicherte, daß nun alles sich gar herrlich fügen werde; auf den erfochtenen Sieg gebe sie ganz und gar nichts; vielmehr werde sie, da sie ein Tagebuch führe, in dem jede Person, die ihre Abendgesellschaft besucht, und was dabei vorgefallen, genau aufgezeichnet stehe, sehr leicht den Jüngling ausfindig machen, der Franziskas Liebe errungen, und so ein Liebespaar vereinen, das abscheuliche Grundsätze eines starrsinnigen Vaters getrennt.

Franziska versicherte dagegen, daß, wenn der Jüngling, der nun nach beinahe zehn Jahren wohl ein Mann worden, wirklich noch unverheiratet sei und sich um ihre Hand bewerben wolle, sie sich doch nimmermehr mit ihm vermählen werde, da die Erinnerung an jene verhängnisvollen Augenblicke ihr Leben durchaus verstören müsse.

Die Duchesse schalt sie ein eigensinniges Ding und meinte sogar, daß die Stunde der Erkenntnis vielleicht zu spät und dann unwiederbringliches Verderben über Franziska kommen könne.

Das Fräulein meinte, daß, da sie sich zehn Jahre hindurch bewährt, wohl eine Änderung ihres Sinns unmöglich gedacht werden könne. Auch übereilte sie sich eben nicht mit der ihr selbst so notwendig dünkenden Wahl eines Gatten, denn beinahe drei Jahre vergingen, und noch war sie unverheiratet. »Seltsam wie sie ist, wird sie das Seltsame unerwartet tun«, sprach die Duchesse d'Aiguillon und hatte recht; denn niemand hatte geahnet, daß Franziska dem Marquis de la Pivardiere ihre Hand reichen würde, wie es wirklich geschah.

Der Marquis de la Pivardiere war unter Franziskas Bewerbern derjenige, dessen Ansprüche auf ihre Hand gerade die geringsten schienen. Von mittelmäßiger Gestalt, trocknem Wesen, etwas unbehilflichem Geiste, stellte er sich in der Gesellschaft eben nicht glänzend dar. Er war gleichgültig gegen das Leben, weil er es in früherer Zeit vergeudet, und diese Gleichgültigkeit, die bisweilen überging in Verachtung, ließ sich oft aus in beißenden Spott. Dabei gehörte er zu den unentschiedenen Charakteren, die niemals Böses tun ohne dringenden Anlaß, und Gutes, wenn es sich gerade so fügen will und sie nicht besonders daran denken dürfen.

Franziska glaubte in der Art, wie sich der Marquis gab, in seinen Meinungen und Grundsätzen viel Ähnliches mit ihrem Vater zu finden, und dies veranlaßte sie, sich ihm mehr anzunähern. Der Marquis, schlau genug, einzusehen, worauf es ankomme, um sie für sich zu gewinnen, hatte nichts Angelegentlicheres zu tun, als auf das sorglichste alles zu studieren und sich einzuprägen, was Franziska aus dem Innersten heraus vorzüglich über das Verhältnis der Ehe äußerte, und es dann als seine eigne Überzeugung vorzutragen.

Diese scheinbare Einigkeit der Gesinnung, der Gedanke, daß der Marquis unter allen denen, die um sie warben, der einzige sei, der das Leben aus dem richtigen Standpunkt betrachte und niemals Ansprüche machen werde, die sie nicht erfüllen könne, ja selbst der Umstand, daß es ihm nie eingekommen, den feurigen Liebhaber zu machen, daß er stets kalt und trocken geblieben, bestimmte Franziskas Wahl und machte den von Gläubigern verfolgten Marquis zum Herrn des Ritterguts Nerbonne.

So sehr man Ursache hatte, zu glauben, daß ein böses Mißverhältnis sich gleich in dieser Ehe offenbaren werde, so mußte man sich doch vom Gegenteil überzeugen.

Der Marquis, umstrahlt von dem Glanze der Liebenswürdigkeit seiner Gattin, schien ganz ein anderer. Das Eis, zu dem sein Inneres erstarrt, schien aufgetaut, und trotz alles Sträubens mußte man zuletzt gestehen, der Marquis de la Pivardiere sei ein ganz angenehmer Mann, mit dem die Marquise, bleibe sie ihren Grundsätzen treu, wohl glücklich sein könne.

Der Marquis begab sich mit seiner Gattin, nachdem er einige Monate in Paris gelebt, nach dem Rittergute Nerbonne, und beide führten in der Tat ein ruhiges, glückliches Leben, will man eine völlige Gleichgültigkeit gegeneinander, die gar keine Ansprüche zuläßt, dafür annehmen. Diese Stimmung änderte sich auch nicht im mindesten, als die Marquise dem Gatten eine Tochter gebar.

Mehrere Jahre waren vergangen, als der ausbrechende Krieg (1688) den Aufruf des sogenannten Arrièrebans veranlaßte, so daß der Marquis im Dienste dieses Arrièrebans von Zeit zu Zeit vom Schlosse Nerbonne sich zu entfernen genötigt ward.

Mag es sein, daß dieser Dienst ihm zu lästig war, mag es sein, daß er sich hinwegsehnte aus dem einförmigen Leben und daß selbst das Verhältnis mit der Marquise ihm langweilig, verdrießlich geworden; genug, er suchte Dienste in der Armee, es gelang ihm, eine Eskadron in dem Dragonerregiment des Grafen Saint Hermine zu erhalten, und er blieb so vom Hause ganz entfernt.

Eine Viertelstunde von dem Schlosse Nerbonne war die Abtei zu Miseray gelegen, welche regulierte Augustiner im Besitz hatten. Einer dieser Geistlichen verwaltete zugleich die Kapelle im Schlosse Nerbonne, welcher Dienst ihn verpflichtete, jeden Sonnabend in der Kapelle Messe zu lesen. Dieser Geistliche war denn auch altem Herkommen nach der Beichtvater der Herrschaft zu Nerbonne. So geschah es denn, daß die Marquise, statt in der Kirche zu Jeu, der eigentlichen Parochialkirche von Nerbonne, in der Kirche der Abtei Messe zu hören und zu beichten pflegte.

Da die Abtei nur eine Viertelstunde von dem Schlosse entfernt lag, so machte die Marquise den Weg dahin gewöhnlich zu Fuß.

Eines Morgens an einem Heiligentage, als die Marquise sich gerade in dem Garten des Schlosses befand, tönten die Glocken der Abtei dumpf und feierlich herüber. Die Marquise fühlte sich von einer Wehmut durchdrungen, die ihr lange fremd geblieben. Es war, als stiege die Vergangenheit vor ihr auf wie ein Traumbild, und manche liebe Gestalt, mancher schnell entflohene Moment mahnte sie daran, daß sie das Leben nicht zu erfassen vermocht, als es noch grün und blühend sie umgab. Ein seltsamer Schmerz, den sie selbst nicht verstand, beengte ihre Brust, und unwillkürlich rannen ihre Tränen. In der Andacht glaubte sie Erleichterung der Qual zu finden, die ihr Inneres zerriß. Sie begab sich nach der Abtei, und während des Hochamts, das soeben begann, näherte sie sich, von unbekannter, unwiderstehlicher Gewalt getrieben, dem Beichtstuhl, den der Kapellan des Schlosses Nerbonne einzunehmen pflegte. Als nun aber der Priester die Absolution sprach, bebte sie zusammen vor seiner Stimme, und der Ohnmacht nahe, wankte sie fort, als sie durch das Gitter das totenbleiche Antlitz des Geistlichen erblickte, aus dessen düstern Augen ein Feuerstrahl sie durchfuhr.

»Nein, es war kein Mensch, es war ein Geist, aus grauenvoller Tiefe heraufgebannt, mich, mein Leben zu zerstören!« – So sprach die Marquise, als sie ganz erschöpft auf ihr Schloß zurückgekommen. Aber von tiefem Entsetzen wurde sie erfaßt, als sie sich deutlich erinnerte, dem gespenstischen Priester gebeichtet zu haben, daß sie einst in früher Jugend, wiewohl schuldlos, einen Jüngling ermordet, dann aber Untreue an ihrem Gemahl verübt; Verbrechen, von denen auch nie die Ahnung in ihre Seele gekommen. Ebenso erinnerte sie sich, daß, als sie den Mord gebeichtet, der Geistliche einen seltsamen, herzzerschneidenden Laut des Jammers von sich gegeben, bei der Absolution aber gesagt habe, daß der Himmel ihr den Mord längst verziehen, daß aber, was die an ihrem Gemahl verübte Untreue betreffe, aufrichtige Reue und strenge Buße zwar die Tat sühnen könne, daß sie aber dafür die weltliche Rache des Gesetzes treffen werde. – Das ganze geheimnisvolle Ereignis erschien ihr wie der fürchterliche angstvolle Traum einer Wahnsinnigen; sie schickte nach der Abtei, sie wollte wissen, wer an jenem Morgen statt des Kapellans Beichte gehört.

Man benachrichtigte sie, daß der Kapellan nach einem Krankenlager von zwei Tagen soeben verschieden sei; daß aber derselbe Geistliche, der am Morgen Beichte gehört, indessen den Dienst der Kapelle im Schloß Nerbonne verwalten und den nächsten Sonnabend Messe lesen werde. »Ist es möglich«, sprach die Marquise zu sich selbst, »daß eine aufgeregte Stimmung, ich möchte sagen, der Anfall eines die Nerven erschütternden Krampfs solche Torheiten erzeugen kann? Mein Gespenst verkörpert sich; ich werde es schauen und – mich meiner Albernheit schämen.« – Als am Sonnabend in der Frühe der Geistliche, der den Dienst des Kapellans verwalten sollte, in das Zimmer der Marquise trat, als er sie, sich sanft neigend, mit einem »Gelobt sei Jesus Christus!« begrüßte, da starrte sie ihn an, sank dann nieder zu seinen Füßen und schrie ganz außer sich: »Weh mir! ja, du bist es, du bist der Jüngling, den ich in früher Jugend ermordet.«

»Faßt Euch, Frau Marquise«, sprach der Geistliche ruhig, indem er die Marquise aufhob und zum Lehnstuhl führte, »ich bitte Euch, überwindet den Schmerz, der – ach, vielleicht nur zu tötend Eure Brust zerreißt, da keine Reue das ersetzt, was unwiederbringlich verloren!« –

»Haltet«, begann die Marquise mit bebender Stimme, »haltet mich nicht für wahnsinnig, ehrwürdiger Herr! – Euer bleiches Antlitz, Euer ergrautes Haar – und doch seid Ihr es, ja, Ihr seid der Jüngling, den ich einst bei der Duchesse d'Aiguillon erblickte, der in meiner Brust alles tötende Entzücken, alle brünstige Qual eines Gefühls erweckte, das mir ewig fremd bleiben sollte! – Weh mir! – was ist es, das noch jetzt, da ich Euch wiedersehe, mein Inneres zerreißt? – Doch nein! – alles ist Einbildung – Torheit – Ihr könnt nicht jener Jüngling sein – es ist nicht möglich!« –

»Wohl«, unterbrach der Geistliche die Marquise, »wohl bin ich jener Jüngling, jener unglückliche Charost, den Ihr in Verzweiflung stürztet! – Ich erkannte Euch, als Ihr an den Beichtstuhl tratet; ich verstand das, wozu Ihr Euch in seltsamer Verstörtheit bekanntet, und die Seufzer, die unwillkürlich meiner Brust entflohen, die heißen Tränen, die meinen Augen entströmten, waren der letzte Tribut, den ich dem Andenken an irdisches Weh zollen mußte. Bis dahin hatte ich den Brief aufbewahrt, den Ihr mir schriebt, der mein Herz durchschnitt, mich in trostloses Elend stürzte; ich vernichtete ihn, als ich Euch wiedergesehen, als ich die Überzeugung gewonnen hatte, daß nun die letzte Prüfung vorüber sei.«

»Wie«, begann die Marquise, »wie? Ihr sprecht von einem Briefe, den Ihr empfingt? – Nie habe ich Euch geschrieben. Ich hatte Euch bei der Duchesse d'Aiguillon gesehen, und es unterblieb ja jede weitere Annäherung – was für Geheimnisse!« –

»Vielleicht«, erwiderte der Geistliche mit ruhigem Lächeln, »vielleicht verlöschte ein Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren mit dem Andenken an die tiefe Kränkung, die mich zur Verzweiflung brachte, auch die Erinnerung der Art, wie sie mir widerfuhr. – Ich hatte noch nicht geliebt; erst als ich das Fräulein von Chauvelin sah, erfaßte mich dies Gefühl mit aller, das ganze Gemüt erschütternden Stärke, die es über einen reizbaren Jüngling zu üben vermag. – Von Wonne und Lust durchbebt, bemerkte ich die Unruhe des Fräuleins, sah, wie ihre Blicke mich in scheuer Liebe suchten und mieden. Ja! – es war kein Zweifel ich konnte glauben an das höchste Glück meines Lebens! – Die Abreise meines Vaters, des Präsidenten Charost, nach seinem Wohnsitz Chatillon sur Indre, entfernte mich von Paris. Aber wie konnte ich fernbleiben von meiner Liebe? – Mit Mühe erhielt ich von meinem Vater die Erlaubnis, zurückzukehren nach der Hauptstadt. Ich hatte die Wohnung des Fräuleins erforscht; mein erster Gang, da ich angekommen, war dahin, ich hoffte die Geliebte wenigstens am Fenster zu schauen. Welch Entzücken, welche Himmelswonne, als ich sie erblickte, als sie wie im jähen Schreck zurückfuhr. – Hinauf – hinauf zu ihr – zu ihren Füßen mein ganzes Selbst aushauchen in der höchsten Inbrunst der Liebe! – der Gedanke ließ keine Rücksicht aufkommen. Niemand auf der Hausflur; ich fand mich zurecht, ich trat in des Fräuleins Zimmer. Da rief die, von der ich geliebt zu sein glaubte, mit einer Stimme, die tötend mein Innerstes durchfuhr: »Fort – fort – Unseliger!« – streckte mir die Hände abwehrend entgegen mit allen Zeichen des tiefsten Abscheus! – Ich hörte Tritte sich nahen; aber erst in meiner Wohnung, in die ich mechanisch zurückgekehrt, fand ich mich wieder. Zur Stunde weiß ich nicht, wie ich aus dem Hause des Ritters du Chauvelin gekommen, ob ich jemandem begegnet, ob jemand mit mir gesprochen, oder was sich sonst begeben. – Ruhiger geworden, konnte ich nicht anders glauben, als daß irgendein unseliges Mißverständnis über mich walten müsse. Ich schrieb an Franziska, schilderte ihr mit aller Glut der heftigsten Leidenschaft meine Liebe, meinen trostlosen Zustand, beschwor sie in den rührendsten Ausdrücken, mir zu sagen, welches böse Verhängnis den Haß, ja den tiefen Abscheu verursacht, den sie mir bewiesen. Gleich andern Tages erhielt ich die Antwort, jenen Brief, der mir alle Hoffnung des Lebens raubte. Franziska verwarf mich mit dem bittersten Hohn. Sie versicherte, daß sie weit entfernt sei, irgendeinen Haß oder gar Abscheu gegen mich, den zu kennen sie kaum das Vergnügen habe, in sich zu tragen; vor Wahnsinnigen habe sie aber große Furcht, weshalb sie mich bitte, ihr meinen Anblick zu ersparen. An einem seltsamen Wahnsinn müsse ich nämlich wohl leiden, und der Ausbruch jener Furcht sei es vielleicht gewesen, was ich für Haß oder Abscheu gehalten. Jedes Wort des unseligen Briefes spaltete mein Herz. – Ich verließ Paris und schweifte umher, ohne nach Chatillon zurückzukehren. Wo ich Ruhe suchte und fand, zeigt Euch das Kleid, das ich trage!«

Die Marquise beteuerte bei allem, was ihr heilig, daß sie niemals einen Brief von Charost erhalten, also auch keinen habe beantworten können. Nur zu gewiß war es, daß jener Brief dem Ritter in die Hände gefallen, der ihn statt seiner Tochter beantwortet.

Die Marquise wurde von einem Gedanken ergriffen, dessen Ahnung sonst nicht in ihrer Seele gelegen. Es ging ihr auf, daß der Vater, dessen ganzes Sein und Wesen ihr stets die tiefste Ehrfurcht eingeflößt, dessen Lebensweisheit ihr die einzige Norm ihres Denkens, ihres Handelns gegeben, daß eben dieser Vater das böse Prinzip gewesen sei, das sie um ihr schönstes Glück betrogen. Ihr ganzes mißverstandnes Leben schien ihr eine finstre, freudenleere Gruft, in die sie rettungslos begraben; ein vernichtender Schmerz durchbohrte ihre Brust.

Charost begriff die Marquise ganz und gar und mühte sich, sie aufzurichten durch den Trost der Kirche, den er aussprach in salbungsvollen Worten. Er versicherte, daß er nun erst den ewigen Ratschluß des Himmels erkenne und preise, nachdem sein irdisches Glück zertrümmert worden, um seinen Sinn ganz zu reinigen, zu heiligen, empfänglich zu machen für ein Verhältnis, das auf Erden schon die Seligkeit des Himmels erschließe. Ihn habe die ewige Macht ausersehen, sie, die er einst mit der höchsten Inbrunst geliebt, auf den wahren, einzigen Himmelsweg zu leiten. –

»Wie«, unterbrach ihn die Marquise heftig, »wie, Ihr wolltet« – »Euer«, sprach Charost mit ruhiger Würde, »Euer Beichtvater sein, und ich glaube, Frau Marquise – oder laßt mich Euch Franziska nennen – daß es mir gelingen wird, allen irdischen Schmerz zu besiegen, der Euer Leben hienieden stört. Euer Gemahl wird mir gern die Kapellanstelle in Eurem Schlosse anvertrauen; er wird sich des Silvain Francois Charost wohl erinnern, dessen Jugendfreund er war.« –

Charost hatte recht; sein trostreicher Zuspruch erleichterte das Gemüt der Marquise, und es kam bald eine Heiterkeit in ihr Leben, die sie sonst nicht gekannt, öfter als es gerade der Kapellansdienst erforderte, kam Charost nach dem Schlosse Nerbonne und war, da sein lebhafter Geist sich gern einer Fröhlichkeit überließ, die die engsten Schranken der Würde nicht überschreitet, die Seele des kleinen Zirkels, der sich auf dem Schlosse zu versammeln pflegte. Diesen Zirkel bildeten vorzüglich der Ritter Preville mit seiner Gemahlin, ein Herr de Cangé, die Dame Dumée mit ihrem Sohn und ein Herr Dupin, alle Nachbarn der Marquise. –

Die Marquise unterließ nicht, ihrem Gemahl zu schreiben, daß der Kapellan des Schlosses gestorben, daß der Augustiner Charost indessen den Dienst verwalte und daß er nun bestimmen möge, ob Charost, der, wie er behaupte, sein Jugendfreund sei, den Dienst behalten sollte. Der Marquise ging es indessen mit diesem Briefe wie mit allen übrigen, die sie dem Marquis schrieb. Regelmäßig erhielt sie nämlich von dem Marquis Briefe, aus dem Ort datiert, wo das Regiment des Grafen de Saint Hermine stand; keiner dieser Briefe enthielt aber jemals eine Antwort auf das, was sie ihm geschrieben, und so mußte sie glauben, daß sich der Marquis, der ihre Briefe offenbar erhalten mußte, da er nie über ihr Stillschweigen klagte, jedes Gedankens an häusliche Angelegenheiten, an die Heimat entschlagen wolle. Der Marquis schrieb auch nun wieder kein einziges Wort von Charost und der Kapellanstelle. –

Anders sollte sich die Sache aufklären, als die Marquise es geglaubt, ja nur geahnet. – Vignan, Parlamentsprokurator zu Paris, schrieb ihr, daß sich ein Polizeileutnant aus Auxerre an ihn gewandt, um zu erfahren, wo der Marquis de la Pivardiere, der sich lange dort aufgehalten, und an den ein dortiges Frauenzimmer aus gewissen Verhältnissen entstandene Ansprüche habe, sich jetzt befinde.

Die Marquise hatte bis jetzt nicht das mindeste von ihres Gemahls Aufenthalt zu Auxerre gewußt; kein einziger seiner Briefe war von diesem Ort datiert gewesen. Dieser Umstand sowie das gewisse Verhältnis, in dem er dort mit einem Frauenzimmer gestanden haben sollte, beunruhigte die Marquise. Sie forschte weiter nach und erfuhr bald, daß der Marquis schon seit langer Zeit den Kriegsdienst verlassen und sich in Auxerre aufgehalten.

Dort hatte er sich mit einer Gastwirtstochter, namens Pillard, in einen Liebeshandel eingelassen, der ihm so wohl gefallen, daß er sich entschlossen, eine doppelte Rolle zu spielen, die des Marquis de la Pivardiere und die des Huissier Bouchet. Diesen Namen und Posten hatte er wirklich angenommen, sich einlogiert in den Gasthof des Vaters seiner Geliebten, dieser die Ehe versprochen und sie dann verführt. Erst später war es der Pillard gelungen, den richtigen Namen ihres Verführers zu erforschen. –

Das Gefühl des tiefsten Schmerzes, der kränkendsten Verbitterung, das die Marquise übermannte, als der verschmähte Charost ihr vor Augen trat, und das erst den Vater anklagte, hatte sich immer mehr und mehr gegen den Marquis gerichtet. Ihn sah sie für den an, der bestimmt gewesen, das zu vollenden, was der Vater begonnen, nämlich ihr Lebensglück zu zerstören. Sie vergaß, daß es nur ihr eigner verkehrter Sinn gewesen, der sie dem Marquis in die Arme führte. – Jene Verbitterung ging aber in den entschiedensten Haß über, als die Marquise sich überzeugte, daß sie ihr Lebensglück einem Elenden geopfert. Weniger lebhaft hätte die Marquise vielleicht das ihr geschehene Unrecht gefühlt, wäre Charost nicht aus der Verborgenheit hervorgetreten. – Kann ein Weib ihre erste einzige Liebe wegbannen aus dem Herzen? – Kann der Geliebte sich jemals umgestalten, ein anderer sein, als eben der Geliebte? – So kam es denn wohl auch, daß durch das Verhältnis mit Charost, war bei seiner anerkannten Frömmigkeit an die mindeste Überschreitung des strengsten Anstandes, viel weniger an ein Verbrechen nicht einmal zu denken, wenigstens in der Marquise ganz andere Ansprüche an das Leben im Bunde mit einem geliebten Manne erweckt wurden, als die sie sonst im Innern getragen. Aber diese Ansprüche an ein nicht geahntes Lebensglück sah sie in dem Augenblicke der Erkenntnis vereitelt, und die Trostlosigkeit über diesen unwiederbringlichen Verlust mußte den Haß gegen den Marquis vermehren. Diesen Haß sprach sie bei jeder Gelegenheit auf das lebhafteste aus; sie versicherte, daß sie weit entfernt sei, ihre Rechte gegen den entarteten Gemahl auf irgendeine Weise geltend zu machen, daß ihr kein größeres Unheil geschehen könne, als wenn es dem Marquis einfallen sollte, zurückzukehren, daß sie dann jedes Mittel ergreifen würde, ihn aus dem Schlosse Nerbonne zu entfernen. Charost bemühte sich vergebens, das durch Liebe und Haß aufgeregte Gemüt der Marquise zu beruhigen oder es wenigstens dahin zu bringen, daß sie sich in den Ausbrüchen des heftigsten leidenschaftlichsten Zorns mäßige. –

Der Marquis de la Pivardiere hatte sich heimlich aus Auxerre entfernt, teils weil er des Verhältnisses mit der Pillard überdrüssig, teils weil es ihm an Mitteln fehlte, das Leben dort auf die Weise fortzusetzen, wie er es gewohnt war. Er sah sich von seinen Gläubigern hart verfolgt; deshalb hielt er es für nötig, zurückzukehren nach dem Schlosse Nerbonne und sich Geld zu verschaffen.

Auf dieser Reise, die er zu Pferde zurücklegte, kam er nach Bourdieux, einem von dem Schlosse Nerbonne sieben Stunden entfernten Dorfe. Dort traf ihn, als er eben im Gasthofe frühstückte, ein Mensch aus dem Dorfe Jeu, namens Marsau, der den Marquis kannte und sich wunderte, ihn hier zu finden, da doch die Heimat so nahe. Der Marquis meinte, daß er in der Abenddämmerung seine Gemahlin zu überraschen gedenke. Marsau verzog bei dieser Äußerung des Marquis das Gesicht auf eine so seltsame Weise, daß es dem Marquis auffiel und er Böses ahnte. Marsau, ein hämischer boshafter Mensch, erzählte dann auf weiteres Befragen ohne Rückhalt, daß ein neuer Kapellan, der Augustiner Franziskus Charost, sich indessen auf dem Schlosse Nerbonne eingefunden, dem die Marquise täglich, stündlich zu beichten habe, und daß daher die Marquise wirklich von dem Marquis gerade in der Andacht überrascht werden könne. Den Marquis traf es wie ein Blitz, als er den Namen des Beichtvaters hörte. Charost hatte gewiß niemals geahnet, daß de la Pivardiere, der ihm Freundschaft heuchelte, mit seinem Geheimnis bekannt, daß er es war, dem der Ritter du Chauvelin vertraute, wie er den vernichtet, der sich zum Liebhaber seiner Tochter aufdringen wollen; daß de la Pivardiere, der schon damals im Sinn trug, solle es auch noch so lange währen, die Hand der Marquise zu erkämpfen, das Seinige dazu beitrug, die Verzweiflung des armen verschmähten Jünglings bis zu dem Grade zu steigern, daß er, jedem Hoffen entsagend, in ein Kloster flüchtete.

Der Marquis, selbst im verbrecherischen Bündnis lebend, glaubte an das Verbrechen der Marquise um so leichter, als er wußte, welchen Eindruck damals der junge Charost auf sie gemacht. Er fühlte sich beschimpft durch denselben, der ihn in Gefahr gesetzt, seine Zwecke zu verfehlen. Im höchsten Unmut rief er aus: »Ha! – ich werde diesen heuchlerischen Pfaffen zu finden wissen; und dann mein Leben gegen das seine!«

Der Zufall wollt' es, daß gerade, als der Marquis diese Worte ausstieß, eine Magd von dem Schlosse Nerbonne in die Wirtsstube trat. Diese Magd, die schon als Kind den Marquis gekannt und die Marquise oft äußern gehört hatte, daß die Rückkunft ihres Gemahls ihr größtes Unglück sein würde, erschrak heftig, rannte nach dem Schloß und erzählte der Marquise, wen sie gesehen, was sie gehört.

Es war gerade Mariä-Himmelfahrtstag, das Weihfest der Kapelle zu Nerbonne; Charost hatte am Morgen ein feierliches Hochamt, nachmittags die Vesper gehalten, und da jener kleine Zirkel der Nachbarn, deren schon vorhin namentlich gedacht wurde, bei der Marquise versammelt war, bat sie den Kapellan, den Abend bei ihr zu bleiben.

So sehr die Marquise durch jene Nachricht erschüttert wurde, behielt sie doch Fassung genug, keinem von der Gesellschaft, am wenigsten aber dem Geistlichen, etwas davon merken zu lassen, ungeachtet sie sein Leben bedroht glaubte und daher in aller Stille zwei Männer herbeirufen ließ, auf deren Mut und Treue sie sich verlassen konnte. Sie erschienen, der eine mit einer Flinte, der andere mit einem Säbel bewaffnet, und wurden von der Marquise in ein Kabinett gebracht, welches an den Speisesaal stieß.

Man hatte beinahe abgegessen, und die Marquise glaubte schon, daß der Marquis seine Drohung unerfüllt lassen würde, als er plötzlich eintrat in den Saal.

Alle standen auf und bezeigten ihre Freude über die unverhoffte Rückkehr des Marquis. Vorzüglich war es Charost, der dem Marquis nicht genug versichern konnte, wie sehr er das Geschick preise, das den alten, niemals vergessenen Freund ihm endlich zurückführe. Nur die Marquise blieb ruhig auf ihrem Platze sitzen und würdigte den Marquis keines Blicks.

»Aber«, sprach endlich die Frau von Preville zu ihr, »aber mein Gott, Frau Marquise, ist das eine Art, den Gatten zu bewillkommen, den man seit so langer Zeit nicht gesehen?«

»Ich«, nahm der Marquis das Wort, indem er einen stechenden Blick auf den Geistlichen warf, »ich bin ihr Gatte, das ist wahr; aber wie es mir bedünken will, nicht mehr ihr Freund!« –

Darauf setzte sich der Marquis stillschweigend an die Tafel.

Man kann denken, daß die Gesellschaft nach diesem Auftritt sich vergebens mühte, die heitere Unterhaltung fortzusetzen, die vorher stattgefunden. Vorzüglich schien Charost in großer Bewegung, da eine ungewöhnliche Röte ihm ins Gesicht stieg. Er betrachtete den Marquis mit seltsamen Blicken; der Marquis schien das nicht zu bemerken, er aß und trank sehr eifrig. Die Verstimmung stieg von Minute zu Minute, und man trennte sich, als es eben zehn Uhr geschlagen. Der Herr von Preville bat den Marquis, drei Tage darauf bei ihm zu speisen, welches er zusagte.–

Die Marquise beharrte, als sie mit dem Marquis allein geblieben, im düstern, feindlichen Stillschweigen. Der Marquis fragte sie, indem er einen stolzen, gebieterischen Ton annahm, wodurch er ein so kaltes, verächtliches Betragen verdient habe.

»Geh«, erwiderte die Marquise, »geh nach Auxerre und frage die buhlerische Dirne, mit der du lebst seit langer Zeit, alle Ehre und Treue schändend, nach der Ursache meines Unwillens!«

Der Marquis war im Innern zerschmettert, als er, was er nicht geahnt, die Marquise von seinem verbotenen Verhältnis unterrichtet fand, da er befürchten mußte, ließ die Marquise ihren Zorn nicht fahren, kam es zur Trennung, den Besitz des Schlosses Nerbonne, seine einzige Hilfsquelle, zu verlieren. Er bemühte sich, der Marquise darzutun, daß er nie in Auxerre gewesen, daß alles, was man ihr hinterbracht haben könne, boshafte, hämische Verleumdung sei; da erhob sie sich aber von ihrem Sitz und sprach, indem sie ihn mit einem entsetzlichen Blicke durchbohrte: »Elender Heuchler, bald wirst du erfahren, was eine Frau meiner Art bei solcher Schmach zu beginnen vermag!« –

Diese drohenden Worte gesprochen, entfernte sie sich in das Zimmer, wo ihre neunjährige Tochter schlief, und schloß sich ein. Der Marquis begab sich nach dem Zimmer, in dem er sonst mit seiner Gemahlin schlief, ließ sich von einem Bedienten des Hauses, namens Hybert, auskleiden und legte sich ins Bette. Am andern Morgen war er spurlos verschwunden. –

Alle Nachbarn waren in das tiefste Erstaunen versetzt über dies ganz unbegreifliche Verschwinden des Marquis. Die Marquise zeigte durchaus keine Veränderung in ihrem Betragen und versicherte, daß es sie sehr wenig kümmere, auf welche Weise der Marquis sich entfernt, den sie hoffe in ihrem ganzen Leben nicht wiederzusehen. Man erfuhr, daß der Marquis sein Pferd, seinen Mantel, seine Reitstiefel zurückgelassen; unmöglich konnte er sich daher weit entfernt haben. Das Kammermädchen der Marquise, Margarete Mercier, hatte sich über das Verschwinden des Marquis in jener Nacht geäußert auf zweideutige Weise; das dumpfe Gerücht einer geschehenen Untat wurde lauter und lauter und klagte zuletzt die Marquise geradezu des Mordes ihres Gatten an, als jener Hybert, der, vor der Saaltür lauschend, das letzte Gespräch des Marquis mit seiner Gemahlin gehört hatte, die drohenden Worte der Marquise diesem und jenem ins Ohr sagte und hinzufügte, daß der Marquis wahrscheinlich tot sei.

Jedem, der an jenem verhängnisvollen Abend bei der Marquise gewesen, war ihr Betragen nur zu sehr aufgefallen, und was man sonst für boshafte, hämische Verleumdung gehalten, nämlich daß die Marquise mit dem Augustiner Charost in verbrecherischen Verhältnissen lebe, fand nun Glauben. Diesem Verhältnis schrieb man die Untat zu.

Nur der Herr von Preville und seine Gattin konnten sich von der Möglichkeit, daß die Marquise zu solch einer entsetzlichen Tat fähig sein solle, nicht überzeugen. Sie benutzten den Augenblick, als die kleine neunjährige Pivardiere in ihr Haus gekommen, wie es öfters zu geschehen pflegte, da die Tochter des Herrn von Preville mit jenem Kinde in gleichem Alter und dessen Gespielin war, um womöglich in das Dunkel zu schauen, in welches die Ereignisse jener Nacht gehüllt waren.

Sie nahmen das Kind beiseite und fragten es behutsam, ob ihm in der Nacht, als der Vater verschwunden, nicht etwas Besonderes begegnet sei.

Die Kleine erzählte ohne allen Rückhalt, daß die Mutter sie an dem Abend in ein ganz entlegenes Zimmer geführt und ihr geheißen, dort zu schlafen, welches sonst niemals geschehen. In der Nacht sei sie durch ein starkes Geräusch aufgeweckt worden und habe eine klägliche Stimme rufen gehört: »Gerechter Gott! – habt Mitleid – erbarmt euch meiner!« – Sie habe in großer Angst aus dem Zimmer laufen wollen, indessen die Tür verschlossen gefunden. Dann sei alles still geworden. Des andern Tages habe sie in dem Zimmer, wo der Vater geschlafen, Blutspuren am Boden bemerkt und die Mutter selbst blutige Tücher waschen gesehen.

War es denkbar, daß ein unschuldiges, unbefangenes Kind nicht die Wahrheit sagen, Umstände der Art erdichten sollte? Der Herr von Preville ließ das Kind seine Aussage vor mehreren glaubwürdigen, unverdächtigen Personen wiederholen, und beide, er und seine Gattin, waren, je mehr sie sonst sich geneigt gefühlt, die Unschuld der Marquise zu behaupten, jetzt desto erbitterter auf ein Wesen, von dem sie sich auf die empörendste Weise getäuscht glauben mußten.

Der königliche Generalprokurator zu Chatillon sur Indre, von allem diesen unterrichtet, klagte die Marquise des Mordes an. Eine Gerichtsperson, namens Bonnet, erhielt den Auftrag der Untersuchung und begab sich zu dem Ende mit einem Gerichtsschreiber, namens Breton, nach dem Dorfe Jeu.

Der Marquise konnte nicht verschwiegen bleiben, was ihr drohte; sie nahm mit ihrer Zofe, Margarete Mercier geheißen, die Flucht und bestätigte so den entsetzlichen Verdacht, den man gegen sie hegte. Eine andere Magd der Marquise, namens Katharine Lemoine, sollte geradezu geäußert haben, daß sie bei dem Morde ihres Herrn zugegen gewesen. Sie wurde verhaftet und bald darauf auch Margarete Mercier, die man zu Romorantin traf, wo sie von der Marquise zurückgelassen worden war.

Beide erzählten auf beinahe völlig gleiche Weise die gräßliche Tat mit allen Umständen, so daß an der Wahrheit ihrer Aussage nicht zu zweifeln war.

Als die Marquise (so lautete jene Aussage) sich überzeugt hatte, daß der Marquis eingeschlafen, entfernte sie soviel möglich alles Hausgesinde und brachte ihre neunjährige Tochter auf ein Zimmer des obern Stocks, wo sie dieselbe einschloß. Mit dem Glockenschlag zwölf wurde an das Schloßtor gepocht. Die Marquise befahl der Mercier, Licht anzuzünden und zu öffnen. Sie tat es, und der Augustiner Charost trat ein, begleitet von zwei Männern, von denen der eine mit einem Gewehr, der andere aber mit einem Säbel bewaffnet war. »Es ist nun Zeit«, rief die Marquise dem Charost entgegen, und alle begaben sich leisen Trittes nach dem Zimmer des Marquis. Einer von den Männern zog den Vorhang des Bettes auf. Der Marquis hatte sich bis an das Kinn in die Bettdecke eingehüllt und schlief fest. Als ihm aber der Mann die Decke wegziehen wollte, fuhr er erwachend in die Höhe; in demselben Augenblick drückte der andere sein Gewehr auf den Marquis ab und traf ihn, jedoch nicht zum Tode.

Blutbesudelt warf er sich hinaus in die Mitte des Zimmers und flehte um sein Leben, jedoch vergebens. »Vollendet!« rief die Marquise den Männern zu. Da schrie der Marquis in voller Verzweiflung: »Grausames Weib, kann dich denn nichts rühren? Kann deinen Haß denn nichts versöhnen, als mein Blut? – Nie sollst du mich wiedersehen, alle Ansprüche gebe ich auf, nur schenke mir mein Leben!« – »Vollendet!« rief die Marquise noch einmal, indem die Wut der Hölle aus ihren Augen blitzte. Nun warfen sich alle drei, Charost und die beiden Männer, über den Marquis her und versetzten ihm mehrere Stiche. Als sie endlich von ihm abließen, röchelte er noch; da riß die Marquise dem einen der Mörder den Säbel aus der Hand, stieß ihn dem Marquis in die Brust und endete seinen Todeskampf. – Eben in diesem Augenblick trat Katharine Lemoine, die von der Marquise nach der nahegelegenen Meierei geschickt worden, hinein, so daß sie die Tat der Marquise mit ansah. Sie wollte aufschreien vor Entsetzen; die Marquise rief den Männern zu, sie sollten dem Mädchen ein Tuch in den Mund stecken; diese erwiderten indessen, das sei gar nicht nötig, da sie das Mädchen beim ersten Laut niederstoßen würden. Darauf trugen die beiden Männer den Leichnam fort. Während ihrer Abwesenheit ließ die Marquise das Zimmer sorglich reinigen, indem sie selbst Asche herbeibrachte, und die blutbefleckten Betten und Bettücher nach dem Keller tragen. Zwei Stunden darauf kehrten die Männer zurück. Die Marquise bewirtete sie, aß und trank selbst mit ihnen, und dann entfernten sie sich mit Charost.

Eben jener Hybert, von dem auch das Gerücht der Ermordung des Marquis ausgegangen, sollte ebenfalls in das Zimmer eingedrungen sein. Er gestand, daß er durch einen Schuß geweckt worden und geglaubt, daß der Marquis von Räubern überfallen worden sei. Deshalb sei er nach des Marquis Zimmer gelaufen. Kaum habe er indessen die Tür geöffnet, als die Marquise ihm entgegengesprungen und gedroht, ihn auf der Stelle niedermachen zu lassen, wenn er sich nicht entferne. Später habe er dem Charost einen schweren Eid ablegen müssen, über alles, was er in jener Nacht gesehen oder sonst bemerkt habe, zu schweigen. Auch Hybert sollte verhaftet werden; er entfloh indessen und war nicht wieder aufzufinden.

Charost, hiernach der Teilnahme an der gräßlichen Ermordung des Marquis de la Pivardiere angeklagt, wurde mit Zustimmung des bischöflichen Vikars zu Bourges verhaftet. Kaum war indessen diese Verhaftung erfolgt, als die Marquise de la Pivardiere aus ihrem Schlupfwinkel hervortrat und sich freiwillig zur Haft stellte.

Nur eine augenblickliche Schwäche, erklärte sie, nur die Furcht vor Mißhandlungen habe sie vermocht, nicht zu fliehen, sondern sich bei ihrer Freundin, der Marquise d'Auneuil, zu verbergen. Sie glaube ihre Unschuld gar nicht einmal beteuern zu dürfen, denn betrachte man ihr ganzes Leben, ihre Sinnesart, so sei es Wahnsinn, sie solch einer gräßlichen Tat für fähig zu achten. Von der strengsten Untersuchung habe sie daher nichts zu fürchten, sondern nur zu hoffen gehabt, daß das Gewebe der verächtlichsten Bosheit oder unbegreiflicher Irrungen zerrissen werden und sie frei dastehen müsse, von der Schuld gereinigt, ohne daß ihre Gegenwart bei dem Verfahren nötig. Anders stehe nun aber die Sache, da ihr Beichtvater, der Augustiner Charost, der Mitschuld angeklagt worden. Jetzt müsse sie gleiches Schicksal mit dem teilen, dessen Tugend und Frömmigkeit die beste Schutzwehr sei gegen jeden verruchten Frevel. In der Glorie seiner Schuldlosigkeit werde sie erst die Wonne wiedererlangter Freiheit fühlen, und darum scheue sie nicht mehr den Kerker.

Charost erhob mild lächelnd den Blick gen Himmel, als man ihn mit der wider ihn gerichteten Anklage bekannt machte. Ohne sich auf viele Beteuerungen seiner Unschuld einzulassen, begnügte er sich zu sagen, daß er die Anklage, die der Lügengeist der Hölle selbst erfunden, für eine neue Prüfung halte, die ihm der Himmel auferlegt, und der er sich in Demut unterwerfen müsse.

Unerachtet durch jene Aussagen der Mägde, die mit allen ausgemittelten Nebenumständen in vollem Zusammenhange standen, das Verbrechen so gut als erwiesen schien, blieben beide, die Marquise und Charost, bei der Versicherung ihrer Unschuld stehen. Diese Festigkeit, das ruhige, gleichmütige Betragen bei allen unzähligen Verhören, das sonst für die Schuldlosigkeit der Angeklagten spricht, diente den Richtern nur dazu, die Marquise und Charost der tiefsten, abscheulichsten Heuchelei zu zeihen.

Diese Stimmung der Richter teilte sich allen, die sonst die Marquise hoch verehrt hatten, ja selbst dem Volke mit. Als die Gerichtsdiener sich im Schloß Nerbonne befanden, um alles dort in Beschlag zu nehmen, drangen eine Menge Menschen, die herbeigelaufen, ein, zerschlugen Fenster, Türen, Gerätschaften, verwüsteten das ganze Schloß, das einer Ruine glich. –

Vergebens blieb alles Mühen, den Leichnam des Marquis de la Pivardiere aufzufinden, und auf diesen Umstand beriefen sich die Verteidiger der Angeklagten, um darzutun, daß, der Zeugenaussagen ungeachtet, der Beweis der Tat gegen die Marquise und Charost nicht vollständig geführt sei. Dies gab nun den Gerichtspersonen, die mit ungewöhnlichem Eifer die Spur des Verbrechens verfolgten, Anlaß, noch einmal in der Nähe des Schlosses überall, wo es nur denkbar schien, daß der Leichnam verscharrt sein könnte, die Erde durchwühlen zu lassen. Bonnet hatte sich nämlich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß die Mörder den Leichnam des Marquis ganz nahe dem Schlosse vergraben haben müßten.

Ein seltsames Gerücht verbreitete sich. Man sagte nämlich, daß, als Bonnet eben im Begriff gewesen, irgendwo nachgraben zu lassen, um den Leichnam aufzufinden, ihm der Marquis leibhaftig erschienen sei und mit fürchterlicher Stimme zugerufen habe, er solle sich nicht unterfangen, den unter der Erde zu suchen, dem der Himmel die Gunst solcher Ruhe nicht verliehen. Dann (so fügte man hinzu) habe der Geist des Marquis mit schrecklichen Worten,die Marquise und Charost des Mordes angeklagt. Voll Entsetzen sei Bonnet entflohen. –

Mochte es nun mit der Erscheinung des Marquis eine Bewandtnis haben, welche es wollte, so viel war gewiß, daß Bonnet in eine schwere Krankheit verfiel und in kurzer Zeit starb.

Das Gericht zu Chatillon hielt die Zusammenstellung der Marquise mit Charost für nötig. Die Marquise erschien vor den Schranken mit der Ruhe und Fassung, die sie stets behauptet; als aber Charost hineingeführt wurde, da stürzte sie ganz jammer- und verzweiflungsvoll ihm zu Füßen und schrie mit einer Stimme, die das Herz zerschnitt: »Mein Vater – mein Vater! – warum straft mich der Himmel so schrecklich? – Gibt es droben eine Seligkeit, die diese Qualen wegtilgt? – Ihr meinethalben des scheußlichsten Verbrechens angeklagt? – Ihr meinethalben zum schmachvollen Tode geführt? – Aber nein, nein! – Es wird, es muß ein Wunder geschehen! – Auf der Richtsttäte öffnet sich über Euch die Glorie des Himmels – verklärt steigt Ihr empor, alles Volk sinkt anbetend nieder.« – »Beruhigt Euch«, sprach Charost, indem er sich bemühte, die Marquise aufzurichten, »beruhigt Euch, Frau Marquise! Es ist eine harte Prüfung, die der Himmel über uns verhängt. Sagt nicht, daß ich Eurethalben sterbe, nein! Nur ein gleiches Geschick bringt uns vielleicht beiden den Tod. Seid Ihr denn nicht ebenso frei von Schuld als ich?«

»Nein nein«, rief die Marquise heftig, »nein, nein, ich sterbe schuldig. O mein Vater! Ihr hattet recht, weltliche Rache ergreift die Verbrecherin!«

Das Gericht glaubte in diesen Worten der Marquise ein Geständnis der Tat zu finden und drang aufs neue in sie, nun nicht länger mit der Wahrheit zurückzuhalten, die ihr sonst die Marter der Tortur entreißen müsse.

Da wiederholte die Marquise, indem sie plötzlich Fassung und Ruhe gewonnen, daß sie an der Tat unschuldig sei, daß sie auch keine Ahnung davon habe, auf welche Weise der Marquis spurlos verschwunden.

Charost beteuerte ebenfalls in den rührendsten Ausdrücken, daß die Marquise ebenso frei von Schuld sei, als er selbst, und daß, wenn sie sich vielleicht in anderer Hinsicht schuldig fühle, er ein Vergehen ahne, das keiner weltlichen Rüge unterliegen könne.

Auch diese Äußerung des Geistlichen fand das Gericht sehr zweideutig und verdächtig. Man beschloß, zur Tortur zu schreiten.

Die Marquise, im Entsetzen verstummt, schien ein lebloses Bild; Charost erklärte, daß, wenn irdische Schwachheit so viel über ihn vermögen könne, daß er irgendeine Untat gestehen sollte, er im voraus dies Geständnis, welches ihm die Qual entrissen, als falsch widerrufen müsse.

Beide, die Marquise und Charost, sollten abgeführt werden; da entstand draußen ein Geräusch, die Türen des Gerichtssaals öffneten sich, und herein trat – der ermordet geglaubte Marquis de la Pivardiere!

Nachdem er einen flüchtigen Blick auf die Marquise und Charost geworfen, trat er vor die Schranken und erklärte den Richtern, wie er glaube, nicht besser dartun zu können, daß er nicht ermordet, als indem er sich dem Gericht persönlich darstelle.

Zu gleicher Zeit überreichte er einen von dem Richter zu Romorantin aufgenommenen Akt, nach welchem er von mehr als zweihundert Personen wirklich für den Marquis de la Pivardiere anerkannt worden war. Am Fest des heiligen Antonius war er, gerade während der Vesper, in die Kirche zu Jeu getreten, und seine Erscheinung hatte die ganze Gemeinde in Schrecken gesetzt, da alle auf den ersten Blick den ermordet geglaubten Marquis de la Pivardiere erkannten und ein Gespenst zu sehen meinten. Außerdem hatten die Augustiner zu Miseray sowie die Amme seiner Tochter bezeugt, daß er wirklich kein anderer sei als der Marquis.

Von den Richtern dazu aufgefordert, erzählte er die Art, wie er aus dem Schlosse verschwunden, auf das genaueste.

Vor Unruhe und Bestürzung konnte der Marquis in jener verhängnisvollen Nacht nicht einschlafen. Auf den Glockenschlag zwölf Uhr hörte er an das Tor des Schlosses pochen und eine bekannte Stimme rufen: »Herr Marquis – Herr Marquis – öffnet, wir kommen Euch zu retten aus einer Gefahr, die Euch droht!« Er stand auf und fand vor der Türe den François Marsau aus Jeu mit zwei Männern, von denen der eine mit einer Flinte, der andere aber mit einem Säbel bewaffnet war. Marsau sagte dem Marquis, daß bei ihm Gerichtsdiener eingekehrt wären, die den Befehl hätten, ihn auf Anlaß einer von der Pillard wegen Eheversprechens erhobenen Klage zu verhaften, und daß nur schleunige Flucht ihn retten könne.

Der Marquis, aufgeregt durch den Vorfall am Abend, sah sich verloren; er mußte strenge Strafe befürchten wegen des Attentats doppelter Ehe; er sah sich verlassen, ausgestoßen von der Marquise und entschloß sich, auf der Stelle zu fliehen. Sein Pferd war lahm; der Mantel, die Reitstiefeln, seine Pistolen, alles dies konnte seine schnelle Flucht nur hindern. Zu Fuße folgte er dem Marsau und den beiden Männern, die ihn gegen jeden Angriff zu schützen versprachen. Er kam glücklich durch Jeu und in Sicherheit. Noch in dem Zimmer, als der Marquis beschäftigt war, das Notwendigste einzupacken, ging dem einen der Männer das Gewehr los; der Marquis hörte Tritte nahen, und die Türe des Zimmers wurde geöffnet. Der Marquis schlug sie aber wieder zu und floh, als es im Schlosse wieder ruhig geworden. Rastlos schwärmte der Marquis im Lande umher, ohne einen Aufenthalt finden zu können, wo er sich sicher glaubte. Auf diesen Streifereien kam er nach Flavigny, und hier erst erfuhr er, daß die Marquise und Charost angeklagt worden, ihn ermordet zu haben. Von dieser Nachricht erschüttert, beschloß er, zurückzukehren in die Heimat und so, die eigne Gefahr nicht achtend, die abscheuliche Anklage zu widerlegen. Auch konnte er wohl glauben, daß sich nun sein Verhältnis mit der Marquise, wenn sie durch ihn der Schmach und dem Tode entronnen, ganz anders gestalten werde. Nicht fern von dem Schlosse Nerbonne traf er auf Bonnet, wie er nach dem Leichnam des Marquis nachgraben ließ. Der Marquis rief ihm zu, daß er nicht nötig habe, den unter der Erde zu suchen, der noch über der Erde wandle, und forderte ihn auf, einen Akt aufzunehmen über sein Erscheinen. Statt dessen warf sich aber Bonnet aufs Pferd und floh, so schnell er konnte. Der Gerichtsschreiber folgte seinem Beispiel, und nur die beiden Bauern aus Nerbonne, die Bonnet mitgenommen, um zu graben, hielten Stich und erkannten ihren Herrn. Als der Marquis zu seinem Schreck, zu seinem Entsetzen statt des Schlosses Nerbonne eine Ruine fand, begab er sich nach Jeu, besorgte zu Romorantin den Akt seines Anerkenntnisses und kam dann nach Chatillon, um sich dem Gerichte darzustellen.

Man hätte denken sollen, daß die Rückkehr des Marquis der ganzen Anklage der Marquise und ihres Beichtvaters hätte ein Ende machen müssen; dies war aber nicht der Fall und konnte nicht der Fall sein. Außerdem, daß die Aussagen der beiden Mädchen noch in ihrer Kraft blieben, so trug auch die Erzählung des Marquis viel Unwahrscheinliches in sich; vorzüglich schien aber das Benehmen der Marquise gar befremdend. Ohne Überraschung oder Erstaunen zu zeigen, betrachtete sie den angeblichen Marquis mit durchdringendem Blick, und ein bittres, verhöhnendes Lächeln ließ besondere Dinge ahnen, die in ihrer Seele vorgingen. Man konnte glauben, daß sie das Erscheinen einer Person, die den Marquis de la Pivardiere spielen sollte, vorher gewußt und daß sie nur gespannt war, wie die Figur, die freilich, was Ansehn, Sprache, Gang, Stellung betrifft, ganz der Marquis schien, ihre Rolle spielen würde.

Anders hatte sich Charost benommen, der, sowie der angebliche Marquis eintrat, mit gefalteten Händen den Blick gen Himmel erhob und zu beten schien.

Das Gericht ließ die Marquise nebst Charost ins Gefängnis zurückführen und beschloß durch die strengste, genaueste Untersuchung rücksichts des angeblichen Marquis de la Pivardiere die Wahrheit zu erforschen, unerachtet jener Akt des Richters zu Romorantin die Sache zu entscheiden schien.

Noch in frischem Andenken war ein Betrüger, der, die auffallende Ähnlichkeit mit einem gewissen Martin Guere nutzend, sich für diesen ausgab und drei Jahre hindurch eine ganze Stadt, ja selbst Frau und Kinder des Guere täuschte, bis dieser selbst zurückkam und so sich der Betrug offenbarte, den der Verbrecher mit dem Tode büßte.

Man fing damit an, den angeblichen Marquis den beiden verhafteten Mägden, der Mercier und der Lemoine, vorzustellen, die beide einstimmig behaupteten, daß die ihnen vorgestellte Person keineswegs der Marquis de la Pivardiere sei, wiewohl er große Ähnlichkeit mit demselben habe. Neuer Verdachtsgrund wider die Marquise und Charost! –

Es würde ermüdend sein, all die Maßregeln zu erwähnen, die das Gericht nun noch nahm, um zu erforschen, inwiefern die Person, die so unerwartet als Marquis de la Pivardiere aufgetreten, wirklich derselbe sei. Es genügt, die entscheidende Ausmittelung zu erwähnen, welche zu Valence erfolgte. Hier lebten in dem Kloster der Ursuliner-Nonnen zwei Schwestern des Marquis, und auch die Äbtissin des Klosters hatte ihn von frühester Jugend auf gekannt. Diese drei Personen hegten auch nicht den mindesten Zweifel gegen die Person des Marquis, nachdem sie drei Wochen mit ihm zusammen gewesen und er selbst sie auf die kleinsten, unbedeutendsten Züge aus ihrem Jugendleben gebracht hatte.

Daß die völlige Gleichheit der Handschrift des angeblichen Marquis mit dem wirklichen, daß gewisse eigentümliche Gewohnheiten, nur von den vertrautesten Freunden bemerkt, jenen Anerkenntnissen von mehr als dreihundert Personen noch mehr Gewicht gaben, ist gewiß.

Genug! – nach allen Regeln des Rechts mußte das Gericht annehmen, daß der Beweis über die Person des Marquis de la Pivardiere auf das vollständigste geführt sei.

Nicht des Mordes irgendeiner Person im allgemeinen, sondern der Ermordung des Marquis de la Pivardiere waren aber die Marquise und Charost angeklagt; wurde daher das Leben des Marquis vollkommen nachgewiesen, so mußte jene Anklage falsch sein. Auf diesen bündigen Schluß stützten die Gerichte die völlige Freisprechung der angeklagten Personen.

War aber ferner jene Anklage falsch, so mußten die Personen, auf deren Aussage sich dieselbe bezog, falsch Zeugnis abgelegt haben. Dies gab Anlaß zum Verfahren gegen die Katharine Lemoine und die Marguerite Mercier.

Wer hätte beide nicht der Arglist und Bosheit anklagen sollen, und doch waren sie unschuldig!

Die Mercier wurde in jener Nacht durch das Klopfen am Schloßtor geweckt. Sie stand auf, weckte die Lemoine, und beide sahen durchs Fenster, wie eben drei Personen in die Türe des Schlosses traten, wovon zwei mit einer Flinte und mit einem Säbel bewaffnet waren. Sie konnten dies im Schimmer eines Lichts, der aus der geöffneten Türe hervorbrach, deutlich erkennen. Bald darauf hörten sie ein Geräusch im Zimmer des Marquis, eine klagende Stimme und dann einen Schuß; darauf wurde es still. Nun wagten sie sich heraus auf den Gang; hier begegneten sie dem Hybert, der ganz verstört und außer sich schien und sie zurücktrieb in ihre Kammer, da sie sonst ermordet werden könnten. Am andern Morgen, als der Marquis verschwunden, vertraute ihnen Hybert, daß er, als der Schuß gefallen, nach dem Zimmer des Marquis gelaufen und eindringen wollen. Er sei aber hinausgedrängt und die Türe zugeschlagen worden. Er habe indessen in der Stube die Marquise und Charost sehr deutlich bemerkt, und der Marquis habe in seinem Blute schwimmend auf der Erde gelegen. Gewiß sei es, daß der Marquis ermordet und sein Leichnam von den beiden fremden Männern weggebracht worden sei. Nur eine Silbe davon zu sprechen, bringe sie aber alle in Gefahr, da sie ganz gewiß als Mitschuldige des Mordes angesehen werden würden. Die Lemoine hatte bemerkt, wie die Marquise an jenem Abende mit zwei bewaffneten Männern gesprochen, und erwägten nun alle drei den von der Marquise geäußerten Haß gegen den Marquis, ihre drohenden Worte und dann das unerklärliche Verschwinden des Marquis: So war es wohl natürlich, daß das, was Hybert wirklich gesehen haben wollte, den Ausschlag gab und alle drei fest in ihrer Seele überzeugt waren, daß die Marquise und Charost den Marquis haben ermorden und den Leichnam fortbringen lassen.

Nur dem, der als geübter Schauspieler im Leben auftritt, möcht' es wohl gelingen, den Eindruck irgendeiner entsetzlichen Tat ganz im Innern zu verschließen; Leuten wie Hybert, die Lemoine, die Mercier bleibt es unmöglich; daher kamen jene zweideutigen, verdächtigen Äußerungen, die das böse Gerücht wider die Marquise und Charost erzeugten und zuletzt die Anklage veranlaßten.

Bonnet war (wie es kein Richter sein soll) leidenschaftlich im höchsten Grade, voller Vorurteile, befangen in jeder Art und noch dazu mit der Familie des Augustiners Charost verfeindet. Er ging von der festen Überzeugung aus, die Marquise lebte mit Charost im verbotenen Liebesverständnis; ganz unerwartet und sehr zu unrechter Zeit kommt der Marquis zurück, und sein Benehmen entflammt noch mehr den Haß der Marquise und läßt sie jedes Mittel ergreifen, ihn fortzuschaffen: Der Mord wird beschlossen und ausgeführt. Es ist unmöglich, daß ohne Wissenschaft und Mitwirkung der Dienerschaft die Tat geschehen konnte; diese müssen von allen Umständen unterrichtet sein.

Bonnet nahm hiernach keinen Anstand, die Mercier und die Lemoine mit dem Tode zu bedrohen, wenn sie nicht alles gestehen würden, und fragte alles aus ihnen heraus, was er nur wollte. Die Methode dabei ist sehr leicht.

»Hast du«, fragte z. B. Bonnet, »hast du nicht selbst gesehen, wie Charost über den Marquis herfiel?« – »Nein, mein Herr«, antwortete die Befragte, »das habe ich nicht gesehen.«

»Gestehe«, donnert Bonnet heraus, »oder du wirst augenblicklich gehängt!« – »Ja, ja«, spricht jetzt das arme Ding in der entsetzlichsten Angst, »Charost fiel her über den Marquis usw.«

Mehrere Personen, welche beide, die Lemoine und die Mercier, im Gefängnisse gesprochen hatten, bekundeten, daß die Mädchen über Bonnets Verfahren bitter geklagt und gewünscht, vor einen andern Richter gestellt zu werden, damit sie die Wahrheit sagen könnten, nämlich, daß sie den Mord nur vermutet. Was aber wichtiger einwirkte, Breton, der Gerichtsschreiber, mußte zugestehen, daß Bonnet ganz so, wie es die beiden Mädchen behaupteten, verfahren; ja daß er einmal, als die Mercier irgendeinen Umstand, den er im Kopfe ausgebrütet, nicht gestehen wollen, ein Messer aus der Tasche gezogen und gedroht, ihr augenblicklich die Finger abzuschneiden, wenn sie nicht gestehen werde. Noch mehr! – Schließer und Schließerin des Gefängnisses, wo die Mädchen saßen, mußten ihnen, so hatte es Bonnet verordnet, den ganzen Tag über wiederholen, daß sie gehängt werden würden, wenn sie das mindeste von dem, was sie ausgesagt, zurücknähmen. Dies veranlaßte auch, daß sie anfangs den zurückgekehrten Marquis nicht anerkennen wollten.

Merkwürdig genug war es auch, daß die kleine Pivardiere, die ihren Vater augenblicklich wiedererkannte, versicherte, sie wisse nicht, wie sie dazu gekommen, das alles dem Herrn von Preville so zu sagen, wie er es ihr nachgesprochen. Aber sie sei so scharf befragt worden, so in Angst geraten, und in der Tat habe sie auch jene Nacht in einem andern Zimmer geschlafen usw.

Ganz Paris, das von der Untat der Marquise erfüllt gewesen, feierte jetzt ihren Triumph, und gerade diejenigen, die sie am schonungslosesten verdammt hatten, ohne an die Möglichkeit ihrer Unschuld zu denken, erschöpften sich jetzt in dem übertriebensten Lob. Der Graf von Saint Hermine, der den ermordeten Marquis de la Pivardiere als einen rechtschaffenen, tapferen Mann bedauert, erklärte jetzt, da er lebte, daß er ein großer Taugenichts sei, der der gerechten Strafe nicht entgehen werde.

Die tätige Duchesse d'Aiguisseau übernahm es, der Marquise die Glückwünsche der Pariser Welt zu überbringen und sie dorthin einzuladen, um aufs neue die Zirkel zu beleben, in denen sie sonst geglänzt.

Sie fand die Marquise von tiefem Gram entstellt und in jener teilnahmslosen Ruhe, die von gänzlicher Entsagung zeugt. »Was sprecht Ihr!« rief die Duchesse ganz bestürzt, als die Marquise versicherte, sie wäre nicht schuldlos gestorben, sondern hätte ein Verbrechen mit dem Tode gebüßt. »Ich halte es«, erwiderte die Marquise, indem ein düsteres Feuer in ihren Augen aufflammte, »ich halte es nicht für möglich, daß Ihr, Frau Duchesse, an ein Verbrechen denken könnt, das nur sündigt gegen irdisches Gesetz? – Ach, ich liebte ihn, – ich liebte ihn noch, als er zu mir trat, ein Bote des Himmels, mich zu versöhnen mit der ewigen Macht; und diese Liebe, nur diese Liebe war mein Verbrechen!« –

Viele, sehr viele hätten die Marquise nicht verstanden. Auch die Duchesse verstand sie nicht und war nicht wenig betreten, den Parisern keine andere Nachricht von der Marquise mitbringen zu können, als daß sie, weit entfernt, in das bunte Gewühl der Welt zurückzukehren, ihre Tage in einem Kloster zubringen wolle.

Diesen Entschluß führte die Marquise auch wirklich aus, ohne daß sie zu bewegen gewesen, den Marquis wiederzusehen. Auch Charost sprach sie nicht mehr, der im Glanze seiner Unschuld und Frömmigkeit zurückkehrte in die Abtei zu Miseray.

Der Marquis de la Pivardiere nahm wieder Kriegsdienste und fand bald in einem Gefecht mit Schleichhändlern seinen Tod.

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