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Annette von Droste-Hülshoff: Letzte Gaben - Kapitel 38
Quellenangabe
pfad/droste/gaben/gaben.xml
typepoem
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleLetzte Gaben
booktitleGesammelte Werke, Band II: Gedichte
year1948
publisherLiechtensteinverlag, Vaduz
editorReinhold Schneider
correctorreuters@abc.de
pages235-356
senderbelmekhira@hotmail.com
firstpub1860
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Die Mutter am Grabe

Du warst so hold und gut, so sanft und stille,
Mein frommes Kind, und sterben mußtest du!
Dein Geist, zu rein für diese Erdenhülle,
Flog wie ein Lichtstrahl seiner Heimat zu.
Wenn weinend wir an deinem Grabe stehen,
Ich und dein Vater, deine Liebsten hier,
Dann sehn wir nur des Grabes dunkle Tür
Und können deine Seligkeit nicht sehen.

O, könnten einmal meiner Mutter Blicke
Nur dringen durch den unbekannten Raum,
Dich sehn in deinem unschuldsvollen Glücke,
Und wär' es nur im Schlummer, nur im Traum,
Dann würd' ich ruhig auf die Stelle schauen,
Wo nun der Staub dem Staube sich gesellt;
Doch abgeschlossen bleibt die Geisterwelt,
Und nur der Glaube dringt in ihre Auen.

Wohl weiß ich es, daß über unsre Tränen
Du weit erhöht im lichten Glanze stehst,
Daß dir verständlich mein geheimstes Sehnen,
Du gern als Engel mir zur Seite gehst;
Wohl fühl' ich oft, wenn schaut mein Blick nach oben,
Mich aufgerichtet wie durch Gottes Hand,
Dann fühl' ich auch, es gibt ein geistig Band,
Und meines Kindes Hand hat mich erhoben.

Aus jenem Sterne, der so milde glühet,
Scheint wohl dein Blick in mein verweintes Aug'?
Und in der Luft, die kosend mich umziehet,
Will trösten mich vielleicht dein frommer Hauch?
Befreit von Fesseln, die uns drunten binden,
Begabt mit Kräften, die uns nicht verliehn,
Wohl mag dein Odem öfters mich umziehn,
Konstanze, kannst du mir es nicht verkünden?

Mich dünkt, in ihrem tiefen Gram zu sehen
Die Eltern, woran hing dein zärtlich Herz,
Zu wissen, sie verstehen nicht dein Wehen,
Mich dünkt, mein Kind, dies sei dir doch ein Schmerz;
Doch nein, vor deinen klaren Geisterblicken
Liegt hell und licht des Dornenpfades Ziel,
So scheint dir Menschenkummer wohl ein Spiel,
Und, was uns läutert, kann dich nur beglücken.

Wohl warst du fromm, dein Jenseits aufgeschlossen,
Dein Blick wie dringend durch des Grabes Tür.
Als ach, so bitter meine Tränen flossen
An deinem Bettchen sprachst du nicht zu mir:
»O Mutter, weine nicht, ich war ja immer
Gehorsam? Schon vom Tode fast umhüllt:
Ich komme in den Himmel, sprachst du mild,
Und Freude mischt sich in dein Gewimmer.«

Von meinen heißen Tränen überregnet,
Um meinen Segen batest du mich da:
»Du hast mich, Mutter, ja noch nie gesegnet,
Segne Konstanzen, segne mich, Mama!«
Dann: »alle sollt ihr in den Himmel kommen,
Ich bin bei euch, wenn ich gestorben bin.«
Und wie ein Hauch schwand deine Seele hin,
Zum Heimatland der Reinen und der Frommen.

Ich habe dich gesegnet unter Schmerzen,
Mit einem Kuß auf deine kalte Stirn,
Ich segnete dich mit gebrochnem Herzen,
Mit Todesangst im siedenden Gehirn;
So segne mich denn auch, du reines Leben,
O klarer Engel in der Himmelsau,
O, segne mich mit deiner Liebe Tau,
O, gib mir wieder, was ich dir gegeben.

Bei allen Bürden, allen Ehrenpflichten
Hauch' an mit deiner Milde und Geduld
Mein irdisch schwaches Herz, und laß sich richten
Mein irrend Auge zu der höchsten Huld;
Hilf pflegen mir in Lust wie Schmerzensbanden
Das große Bild der ernsten Ewigkeit;
Dann starb mein Kind für diese Spanne Zeit,
Allein ein Schutzgeist ist es mir erstanden.

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