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Annette von Droste-Hülshoff: Letzte Gaben - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/droste/gaben/gaben.xml
typepoem
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleLetzte Gaben
booktitleGesammelte Werke, Band II: Gedichte
year1948
publisherLiechtensteinverlag, Vaduz
editorReinhold Schneider
correctorreuters@abc.de
pages235-356
senderbelmekhira@hotmail.com
firstpub1860
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Der Nachtwandler

Siehst du das Ziegeldach am Hage dort?
Die Dämmerung sinkt, laßt uns vorüber eilen.
Bald steigt der Vollmond an des Moores Bord,
Dann ist's nicht gut in dieser Nähe weilen;
Hier schwebt kein Spuk den Fichtengang hinauf,
Kein Räuber paßt in jenem Schuppen auf,
Ein Bürgerhaus, ein bürgerlich Beginnen,
Es wohnt ein Greis, wohnen Diener drinnen.

Alt ist der Herr; wie alt, man weiß es kaum,
Er liebt es nicht, im Kirchenbuch zu deuten;
Ihm starb ein Weib vor langer Jahre Raum,
Und auch ein Kind, das sind verschollne Zeiten;
Es heißt, er habe ihr den Arzt versagt,
Mit schlechter Kost sein krankes Kind geplagt;
Was sagt man nicht, um Leute zu verdammen,
Wo sich das Gold in Haufen drängt zusammen!

Einst war er arm, hat kümmerlich gezehrt,
Wohl kümmerlicher noch als andre eben;
Da, heißt es, hab' um eines Talers Wert
Er einen Leib dem Galgen übergeben.
Jung sei der Dieb gewesen, hungerbleich,
Und seine Mutter krank; wer glaubt es gleich?
Neid folgt dem Reichen; sieh die Hütten drüben!
Dort wohnt die Not, sein ist ihr Gut geblieben.

Man kann ihn fleißig in der Kirche sehn,
Und seine Sitten durfte keiner rügen;
Doch seit des Körpers Kräfte ihm vergehn,
Muß übelem Gebrest der Greis erliegen;
So oft die Mondesscheibe füllt den Schein,
Hüllt er sich schlafend in das Leilach ein
Und klimmt vom Bett, das Kerzenstümpflein fachend,
Ein Diener folgt ihm, seinen Schritt bewachend.

Durch jener Hütte sieht der Fröhner ihn
Dann stundenlang am Fensterglase zählen,
Am Gold befeilen, Federstriche ziehn
Und plötzlich greifen, wie nach Diebeskehlen;
Dann ist auch wohl ein Schrei hinaus geschallt,
Als tue seiner Seele man Gewalt,
Bis ihm die Arme sinken wie verwittert
Und weiter er mit seinem Lämpchen zittert.

Sein nächster Gang ist jene Kammer, wo
Bei einem größern Lager steht ein kleines;
Dort wiegt er sich am Bettchen, so und so,
Als schüttl' er eine Flasche edlen Weines,
Und gießt und gießt, als würd' sie nimmer leer,
Und stopft und stopft wie Bissen mehr und mehr,
Und tastend scheint er einen Puls zu greifen,
Gebückt, als lausch' er schwachen Odems Pfeifen.

Und an dem andern Lager steht er dann,
Scheint tröpfelnd über Arzenei'n zu bücken;
Er breitet schwingend eine Decke an,
Und einen Schirm scheint er hinan zu rücken,
Im Hui hat er dann das Glas erreicht,
Das Fenster, wo sich fern der Galgen zeigt
Der Diener springt, man hört ein dumpf Gewimmer
Das Fenster klirrt und dunkel ist das Zimmer.

Schreit' schneller, schneller! an der Scheibe dort,
Sieh, wie es leise glimmt und Funken zittert;
Nun zuckt ein blaues Flämmchen; fort, nur fort!
Mir ist, wie wenn die ganze Luft gewittert.
Schau nicht zurück! Verwegner, fluch' ihm nicht!
Laß ihn allein mit Gott und dem Gericht!
Meinst du, ein Fluch vergrößre seine Leiden?
O laß den Dieb am Galgen beneiden!

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