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Detlev Freiherr von Liliencron: Letzte Ernte - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLetzte Ernte
authorDetlev von Liliencron
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleLetzte Ernte
pages4-5
created20020830
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Der alte Wachtmeister vom Dragonerregiment Anspach-Bayreuth

Es hat sich in den Jahren der Befreiungskriege zugetragen. Nicht in der Schlacht an der Katzbach, bei Leipzig oder Waterloo oder in irgend einem anderen großen Treffen. Sondern bei einer größeren Rekognoszierung, wie sie zuweilen von den Oberfeldherren, von den Oberbefehlshabern einer Armee ausgeführt wird, entweder nur in Begleitung von wenigen Generalstabsoffizieren und Adjutanten oder mit ein oder zwei Regimentern Reiterei.

* * *

Die Sommersonne bescheint ein einsames Häuschen mitten auf der Haide. Es ist frühmorgens. Vor der Tür der Hütte sitzt in einem alten ledernen Lehnstuhl ein Greis. Er trägt die Uniform des früheren Dragonerregiments Anspach-Bayreuth. Auch das Zöpfchen fehlt nicht.

Er ist ganz allein. Ob die anderen Bewohner des Häuschens geflohen, ob sie weggeführt sind und wohin, ist gleichgültig. Der Greis ist ganz allein.

In weiter Ferne klingts wie schwaches Donnern eines Gewitters. Oder sind es Geschützschläge? Bald hört es auf. In der Luft zittert und flimmert und glüht es. Auf der Haide ist es still wie immer. Eine Lerche steigt in die Lüfte und frohlockt ihr Lied. Der eigentümliche Duft der Haidekräuter und der wenigen Blumen des kleinen, armseligen Gartens ist zu spüren. Eine kleine Eidechse schillert und schießt pfeilschnell vorbei. Es ist ein einziges Bienengesumme.

Dem Alten scheinen Erinnerungen zu kommen: Mit zwanzig Jahren zog er in den Zweiten Schlesischen Krieg als Dragoner im Regiment Anspach-Bayreuth. Dann machte er viele Schlachten mit: bei Hohenfriedeberg, bei Prag, bei Roßbach, bei Leuthen. Die Augen des alten Soldaten blitzen . . . Bei Leuthen, wo er die feindliche Standarte nahm. Der König ritt an ihn heran: »Wie heißt Er?« – »Steinmann, Majestät.« – »Schöne Tat, will ihn belohnen, Er ist Wachtmeister.«

Bei Zorndorf, bei Liegnitz, bei Torgau. Mit Ziethen bei Torgau! Verdammt! Hier reißt eine Geschützkugel dem Wachtmeister den linken Fuß weg. Mit dem Soldatensein ists vorbei für immer . . . Der Invalide träumt weiter: Von der hübschen Müllerstochter, die ihm treu geblieben ist; von seinen Kindern, von Kummer und schwerer Tagesarbeit, von Glück und Liebe und Frieden. Er weiß nicht mehr, wie lange das her ist; er weiß nicht mehr, wie alt er ist.

Zuweilen steht er auf und humpelt mit seinem Stelzfuß durch die offen stehende Tür ins Haus, wo auf dem Herd ein Feuerchen lebt, das ihm seine karge Mittagssuppe fertig macht.

Dann humpelt er wieder nach seinem Lehnstuhl draußen. Es ist bald 12 Uhr. Die unendliche Stille und Einsamkeit der Haide dauert fort. Nichts ist zu sehen, nichts ist zu hören. Nur ein einziges Bienengesumme tönt überall als einziges Geräusch.

Zuweilen nickt er auf Minuten ein. Wenn er erwacht, hält er die Hand über die Augen und beschattet sie gegen die Sonne. Die pralle Sonne tut ihm sonst nichts; er findet sie behaglich warm.

Bei einem seiner Gänge ins Haus hat er sich seine Uniform, die Uniform des Dragonerregiments Anspach-Bayreuth, angezogen. Die hat er sich durch sein langes Leben aufbewahrt. Und so sitzt er nun in seinem Lehnstuhl. Den Pallasch hat er sich umgegürtet. Das gesunde Bein trägt den hohen Stiefel mit Sporn. Den Krückstock hält er in der Linken.

Immer noch dieselbe Stille und Einsamkeit. Nur ein einziges Bienengesumme auf der ganzen weiten Haide. Sonst ist nichts zu hören. Am Horizont flimmert die Hitze. Doch was ist das? Aus dieser flimmernden Hitze am Horizont löst sich ein schwarzer Punkt, lösen sich schwarze Punkte. Bald ists deutlich und erkennbar: zuerst ein einzelner Reiter, dann ein kleiner Trupp Reiter hinter ihm, und dann, so scheint es, ein ganzes Reiterregiment. Alles kommt langsam näher, grad aufs Häuschen zu. Noch immer reitet der eine allein voran. Dann sprengen plötzlich zwei Offiziere vor. Im Galopp jagen sie an die Hütte heran. Und halten hier mit einem Ruck ihre Pferde an. Einen Augenblick ists, als wenn sie etwas nicht begreifen können. Dann reden sie mit lebhaften Gebärden und mit lebhaftester Zunge auf den Alten ein. Sie sprechen Französisch. Der versteht kein Wort, was sie schwatzen. Er bleibt stumm in seinem Sessel sitzen. Nun machen sie plötzlich Kehrt und preschen wie Indianer, die eine wichtige Entdeckung gemacht haben, zurück. Der eine von ihnen hält bei dem einzelnen Reiter an und lüftet die Kopfbedeckung und meldet. Dann kommt, immer der einzelne Reiter allein voran, die ganze Kavalkade ans Haus geritten. Ist es das menschgewordene Schicksal, der da vornweg reitet? Es ist Napoleon, das Genie! Er ist so bekleidet, wie wir ihn alle aus dem Bilde von Horace Vernet kennen. Die eisernen Züge sind erstarrt; wie aus Feuermassen, aus flüssigen Feuermassen erstarrtes Eisen. Seine Augen sehen groß und tief auf den alten Wachtmeister. Ein wenig Bewegung: der Kaiser fuchtelt mit der kurzen Reitpeitsche herum. Er läßt sie am Halse seines Schimmels auf und ab gleiten, als wenn er Fliegen von seinem Pferde scheuchen will. Dann ruft er einen Namen. Aus seinen Generalen sprengt ein grauhaariger zu ihm. Er gibt ihm einen Befehl. Der springt vom Pferde und, es am Zügel führend, geht zum Wachtmeister. Und fragt ihn aus in seinem elsässischen Deutsch. Die beiden verständigen sich. Der General meldet dem Kaiser. Und der Kaiser steigt ab. Und mit ihm steigt ab sein ganzes Gefolge, und hinter diesem steigt ab das ganze Kürassierregiment Graf Latour. Und der Kaiser, den Zügel seinem Mamelucken hinwerfend, geht zum Alten. Er drängt ihn, der sich erheben will, in den Lehnstuhl zurück. Der Kaiser winkt wieder dem General, der elsässisches Deutsch spricht. Und unterhält sich nun auf diese Weise mit dem Wachtmeister des Dragonerregiments Anspach-Bayreuth. Merkwürdig: er läßt ihn nicht ausfragen nach Land und Leuten, nach dem, was er von Truppenbewegungen in den letzten Tagen etwa gesehen hat, oder nach ähnlichen Dingen. Aber er muß ihm vom alten Fritz erzählen. Des Kaisers Augen liegen groß und starr auf den Zügen des fridericianischen Soldaten. Seine Züge erhellen, erheitern sich. Er summt vor sich hin die italienische Übersetzung des Schillerschen Reiterliedes: »Audiam audiam a cavallo«. Und wenn er dies vor sich hinsingt, atmet seine ganze Umgebung auf. Der Kaiser ist dann »in guter Laune«.

Als Schleier und Aufpaßposten vorgeschickte Reiter galoppieren zurück: daß feindliche Kavallerie, wohl in Stärke eines Regiments, in Sicht kommt. Napoleon summt weiter: »Audiam, audiam a cavallo« und besteigt ruhig seinen Schimmel, nachdem er dem Alten freundlich die Hand gegeben hat. Der Kaiser und sein Gefolge kehren langsam, »pomadig« zurück. Auf einen Wink des Kaisers eilt Graf Latour, der Kommandeur des begleitenden Kürassierregiments, zu ihm. Er gibt ihm einen Befehl: den Befehl, Front zu machen und dem feindlichen Reiterregiment entgegenzugehen. Er selbst reitet mit seinem Gefolge, als kümmere ihn die ganze Welt nicht, ruhig im Schritt zurück. Da stößt ein äußerst phantastisch gekleideter General aus dem Gefolge auf den Kaiser und scheint ihm fast flehentlich eine Bitte vorzutragen. Der Kaiser gewährt sie lächelnd und summt weiter: »Audiam, audiam a cavallo«. Es war Murat, der König von Neapel, der Schwager des Kaisers, das Reitergenie, der die Bitte vorgetragen hat. Er jagt dem Kürassierregiment nach, unterwegs den krummen Türkensäbel ziehend. Sein Fuchs ist mit Tigerdecken belegt. Murat trägt eine polnische Czapka, mit einer langen Reiherfeder dran, die durch einen großen Diamanten gehalten wird. Sein hellblauer Dolman leuchtet in der Sonne. Nun ist er beim Grafen Latour, der weit vor seinem Regiment reitet, und zieht mit dem Kürassierregiment dem feindlichen Reiterregiment entgegen.

Dies feindliche Reiterregiment ist das zweite preußische Kürassierregiment, entstanden aus dem früheren Dragonerregiment Anspach-Bayreuth. Und auch diesem Regiment reitet weit voran der Oberst und Kommandeur Graf Barfuß. Aber auch neben dem Grafen Barfuß reitet einer, ein alter General mit langen Gamaschen und einer großen, steifen Feldmütze mit einem riesigen Mützenschirm. Es ist der alte Blücher, der Marschall Vorwärts, der Vater Blücher. Auch er hat, mit einem Reiterregiment als Begleitung, eine Rekognoszierung vorgenommen.

Die beiden Regimenter nähern sich. Fanfaren. Und sie prasseln ineinander. De ol Blücher kreuzt den Säbel mit dem König von Neapel. Und die beiden Obersten und Regimentskommandeure hauen sich herum wie »nichts Guts«. Die Franzosen werden geworfen, die Preußen sind Sieger. Alles, Feind und Freund, rast vorbei am Häuschen. Der alte Wachtmeister steht aufrecht. Er stützt sich mit der Linken auf den Lehnstuhl. Die Rechte hat den Pallasch gezogen.

Ehe die Sonne untergeht, kommen die preußischen Kürassiere zurück. Blücher läßt halten und springt, jugendlich wie ein Achtzehnjähriger, vom Pferde. Er eilt auf den Alten zu. Ihm ist die Uniform von den Dragonern Anspach-Bayreuth noch bekannt aus des großen Friedrichs Zeiten. Und er umarmt und küßt den alten Wachtmeister in seiner köstlichen, unwiderstehlichen Art. Dann läßt er die Trompeter den Hohenfriedeberger blasen und reitet mit dem Regiment zurück. Die Sonne sinkt. Immer schwächer klingen die Töne des Hohenfriedebergers. Die Sonne ist gesunken. Sie gab ihre letzten Strahlen dem hochgeschwungenen entblößten Pallasch des Alten. Er bricht zusammen. Er ist gestorben unter den Klängen des Hohenfriedebergers.

Am andern Morgen reitet ein hoher Offizier, nur begleitet von einem Adjutanten, am Häuschen vorbei. »Kleist, sehen Sie, was sitzt oder hockt da?« Der Adjutant springt aus dem Sattel und geht drauf los.

In einem alten ledernen Großvaterstuhl liegt zusammengefallen eine Greisengestalt in der Uniform des Regiments Anspach-Bayreuth. Der König ist näher gekommen:

»Das ist ja die Uniform des früheren Dragonerregiments Anspach-Bayreuth! Und gestern hat sich hier das Regiment neue Lorbeern gepflückt. Ein alter Mann; zu Friedrichs des Großen Zeit Wachtmeister. Notieren: Vielleicht Verwandte – will helfen – mich erinnern.«

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