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Wilhelm Meyer-Förster: Lena S. - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Meyer-Förster
titleLena S.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunErstes Tausend
year1903
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120708
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Erstes Kapitel

In den beiden ersten Rennen waren die blau-roten Farben des Grafen Johann Szatek mühelos Sieger gewesen, nun folgte der althistorische Kampf um die »Goldene Peitsche«, für den der Stall nicht weniger als drei Pferde satteln ließ, um wenn möglich auch auf diesen wertvollsten Preis des Tages Beschlag zu legen.

Die Prinzessin von Wartenberg traf Szatek auf der Tribünentreppe, und als sie an ihm vorüberstreifte, sagte sie lachend:

»Sie werden wieder gewinnen, Graf, wie Sie alles gewinnen«, – da er aber nur mit einem Achselzucken antwortete, hielt sie Maria Rostotschin, die neben ihr ging, einen Moment fest und wandte sich noch einmal zu Szatek:

»Nein? Ja? Ich will eine Wette abschließen, ich will Geld gewinnen. Also reden Sie.«

Er war schlechter Laune, man sah es ihm an, aber der Prinzessin gegenüber konnte er dieser Stimmung keinen Ausdruck geben.

»Ich weiß es nicht. Wer soll im voraus wissen, wie ein Rennen abläuft? Die Götter wissen es.«

»Aber Sie haben drei Pferde im Rennen –?«

»Und Stennsberg hat eins, und das eine wird gewinnen.«

»Meinen Sie wirklich –?«

»Ja, Durchlaucht, das meine ich.«

Sie sah ihn einen Augenblick zweifelnd an, als sei sie nicht recht sicher, ob er nicht bloß aus müder Gleichgültigkeit ihr diese Antwort gegeben habe, – denn niemand wurde von den Damen vor jedem Rennen so sehr mit Bitten um gute Ratschläge überlaufen wie gerade er, und daß man da ungeduldig wird, ist schließlich nicht zu verwundern, – aber er blickte, eine Treppenstufe höher stehend, so apathisch über sie und ihre Begleiterin hinweg, mit einem so verdrossenen Gesichtsausdruck, daß sie keine Lust hatte, das Gespräch fortzusetzen.

Sie raffte die schweren Seidenfalten ihres Kleides zusammen und schob sich hinter Maria Rostotschin durch die Menschenmenge, die sich gerade hier vor den Tribünen in dichter Masse staute; sie war aber noch nicht bis an die Barriere des Sattelplatzes gekommen, als sie Szatek wieder neben sich sah, der ihr nachgegangen war.

»Eine Frage, Durchlaucht –«

»Ja –?«

»Haben Sie – Lena gesehen? Die kleine Stennsberg?«

»Nein. Weshalb?«

»O nichts. Ich dachte nur –«

Er wollte zurücktreten und wieder nach der Tribüne gehen, aber die Prinzessin legte lachend ihre Hand auf seinen Arm:

»Sie haben davon gehört, nicht wahr? Daß Lena in eine Pension gesteckt werden soll? Es wurde schon gestern in der Stadt erzählt, es ist eine kostbare Idee. Kommen Sie mit, ich werde Ihnen Lena zeigen.«

Ein nervöses Zucken ging einen Moment über sein Gesicht, dann stieß er plump hervor:

»Weshalb soll sie in Pension?«

»Ja weshalb?!« Sie lachte. »Lena hat keine Lust, ihr Vater noch weniger, aber Schwerin verlangt es. Schwerin ist ein Tyrann. Er würde Lena in ein Kloster sperren, wenn er es durchsetzen könnte.« Und spöttisch Szatek von der Seite musternd, der mit zusammengebissenen Lippen neben ihr ging, sagte sie:

»Seien Sie ein Mann, Szatek, fordern sie Schwerin. Schießen Sie den Major tot. Denn es gibt niemand, der in einen fünfzehnjährigen Backfisch so über die Ohren verliebt ist wie Sie.«

Er fuhr heftig auf: »Ich –?! In wen?!«

»In Lena.«

*

Berlin hat glänzendere Renntage als den der »Goldenen Peitsche«; aber er ist einer der Frühlingstage, an denen alle Welt zur Rennbahn hinausströmt. Der breite Kurs der Hoppegartener Bahn, der in der Länge einer englischen Meile sich vom Dahlwitzer Walde her schnurgerade an den Tribünen vorbei bis zum Logierhaus zieht, schimmert mit einer dichten Grasnarbe in der Sonne wie ein riesenlanges, grünseidenes Band; die bunten Jacken der Reiter blitzen, und in allen Farben strahlen Tribünen und Sattelplatz, wo zwischen den Uniformen der Garderegimenter die neuen Frühlingswunder aus Paris und Wien sich zur Schau stellen.

Die hundertjährigen Eichen stehen noch in winterlicher Starrheit, während Birken und Buschwerk in neuem Kleide prangen, aber dieser kahle, düstere Ernst der Baumriesen erinnert daran, daß der norddeutsche Winter noch vor wenigen Monaten die Mark Brandenburg in Fesseln hielt und daß es Zeit ist, sich des Lebens zu freuen.

Die alte Frankfurter Heerstraße, die Monate öde und verlassen lag, als ob Chausseen eine der zwecklosen Einrichtungen menschlicher Mühe seien, trägt am Tage der »Goldenen Peitsche« eine endlose Wagenreihe, die durch Kaulsdorf, Biesdorf und die andern märkischen Nester gegen Dahlwitz lenkt.

Der Flieder blüht. Die Kastanien blühen. Die Felder rechts und links an der Straße sind ein grüner Teppich, über den der Südwind streicht. Die Kirschen blühen in den Gärten. In den Dörfern steht man die ersten Schwalben.

Die große Stadt liegt weit zurück, man hört und sieht nichts mehr von ihr.

*

»Kisertet«, der tags zuvor in Begleitung des Rittmeisters, Lenas, seines Trainers, seines Jockeys, seines Führpferdes, seiner Stallburschen und dieses ganzen großen Apparats, mit dem berühmte Rennpferde reisen, von Hamburg angekommen war, stand etwas abseits in der südlichen Ecke des Sattelplatzes, um dort, von einer dichten Menschenmenge umlagert, für das große Rennen Toilette zu machen.

»He has won last week the Hamburg-Spring-Handicap, Stennsberg –?« fragte einer der Umstehenden – – –«

Und der Rittmeister nickte, ohne zu antworten.

Er hielt die Arme über der Brust gekreuzt, Kopf und Oberkörper etwas vorgeneigt, er verlor keine Bewegung seines Pferdes und folgte jeder Handreichung der Stallburschen, die mit Kamm, Bürste, Schwamm und Wassereimer neben Mr. Calder, dem Trainer, standen.

Bisweilen neigte er sich vor und wechselte halblaut einige englische Worte mit dem Trainer, der jetzt den leichten Ledersattel auflegte; bisweilen wandte er sich auch zu Lena, die neben ihm stand und mit einer Dame sprach, – dann kreuzte er wieder die Arme und schaute schweigend auf das Pferd.

Er sah müde aus. Sein Haar war an den Schläfen ergraut, und die Augen hatten etwas Glanzloses. Er trug einen dunkelgrauen Anzug von knappem, französischem Schnitt, einen übergeschlagenen Stehkragen, hellgraue Handschuhe, ohne die man ihn selten sah. Mit seinem von der Riviera-Sonne verbrannten Gesicht und der straffen Haltung war er immer noch ein schöner Mann, wer aber Stennsberg vor zehn Jahren gesehen hatte, als er mit »James the first« in Iffezheim und Liverpool die großen Rennen gewann, damals trotz seiner vierzig Jahre noch einer der guten Reiter Europas, und sah ihn heute wieder, der erkannte ihn schwerlich.

Mehr als hundert Menschen standen im Kreise um »Kisertet«, Rennstallbesitzer, einige Damen, meist Offiziere. Stennsberg gegenüber auf der andern Seite sah man den Landstallmeister und neben ihm den Graditzer Trainer. Beide beobachteten das Pferd, und bisweilen wechselten sie einige Worte und nickten.

Einige, die hinzukamen und sich neugierig in den Kreis drängten, fragten auf das Pferd deutend: »Wer ist das?«

Und die Umstehenden antworteten halblaut, mit einer leisen Nüance des Staunens über eine solche Unkenntnis: »Kisertet.«

»Ah Kisertet!«

Sie beugten sich weiter vor, um das berühmteste Pferd des letzten Jahrzehnts zu bewundern.

Eine andächtige Stille lag über dem Kreise, selbst die Damen sprachen nur halblaut. Man hatte ein Pferd vor sich, das alle großen Rennen der letzten Jahre gewonnen hatte, dessen Bild in jeder illustrierten Zeitung zu sehen gewesen war, ein Pferd, das noch vor kaum Jahresfrist an Wert ein großes Vermögen repräsentiert hatte. Der Hengst war im Jubiläumspreise zu Wien im letzten Herbst niedergebrochen, – die Kunst des Trainers hatte ihn wieder in die Höhe gebracht, – möglich, daß »Kisertet« noch manches Rennen mit den »geflickten« Beinen gewinnen würde. Alles in allem war er aber doch nur noch eine Ruine seiner einstigen Größe.

Der Trainer ließ einen der Lederriemen zu Boden fallen, die Stallburschen sahen es nicht, er selbst konnte sich nicht bücken, weil er beschäftigt war, den Sattel zu ordnen, – da trat Lena vor, hob den Riemen auf und reichte ihn ihm.

Er lächelte verlegen: »Miß Lena –«

Und sie lächelte auch: »Man muß helfen.«

Alle Umstehenden lächelten, sogar das ernste Gesicht des Landstallmeisters verzog sich ein wenig, – es war, was man ein »niedliches Intermezzo« nennt.

Sie trat nicht gleich zurück. Ohne eine Spur von Verlegenheit nahm sie den Kopf des Pferdes zwischen ihre kleinen Hände, die in weißen Handschuhen steckten; sie glättete seinen Schopf und streichelte ihn, während sie mit gespitzten Lippen ein leises, feines Pfeifen hören ließ. Als dann der Hengst mit einem merkwürdig suchenden Tasten seinen schmalen Kopf senkte, nahm sie die Zügel aus der Hand des Stallburschen, und mit beiden Händen die Riemen ganz oben an den Ringen anfassend, wo sie an das Zaumzeug schließen, zog sie das stählerne Gebiß leicht hin und her, hin und her, immer dieses leise surrende Pfeifen von sich gebend, auf das das Tier bewegungslos zu horchen schien.

»Kisertet« war der Typ des englischen Vollbluts, aber über dem schönen Pferde lag etwas Totes, Starres, das in seltsamem Gegensatz stand zu der nervösen Unruhe, mit der sonst die Rennpferde in dem Gewühl, dem Lärm, bei den Klängen der Musik und dem Drängen der fremden Menschen um sich spähen.

Er war blind.

Mit diesen blinden Augen, nur dem Zügel des Reiters folgend, hatte er alle die Siege erfochten, die ihm den Ruhm verschafften, eines der besten Pferde zu sein, die je aus einem deutschen Gestüt auf die großen Rennbahnen Europas hinausgekommen waren. – Die kalte Ruhe des Tieres hatte etwas Imponierendes, und vielleicht war sie es nicht zum wenigsten, die ihm im Kampfe so oft den Sieg gesichert hatte. Aber die Todesruhe in dem leicht vorgeneigten Kopfe hatte auch etwas Mitleiderregendes, das manchem der Umstehenden zum Bewußtsein kam. Es lag etwas Tragisches in diesem sonderbaren Gegensatze zwischen dem Können des Pferdes, seinen bewunderten Siegen und dem toten Hinstarren, das nichts von allem begreift, was ringsumher vorgeht.

»Kisertet und Lena, ein Bild zum Malen,« sagte der alte Herzog von Sohrau, der mit Schwerin in den Kreis getreten war. – –«

Und es war vielleicht wirklich ein Bild zum Malen.

Sie trug ein Matrosenkleid, das Hals und Nacken frei ließ und dessen unterer Saum auf den Bruchteil eines Millimeters mit dem obersten Rand des schwarzen englischen Stiefelchens abschnitt. Das Haar hing unter dem Strohhut lose herab, in der Mitte des Rückens mit einer blauen Schleife zusammengebunden. In den breiten Matrosenknoten über der Brust hatte sie sechs von den großen gelben Blumen gesteckt, die am Wegrand wachsen, die andre Leute zertreten und die auf Lenas dunkelblauem Kleide wie große goldene Sterne aussahen.

Der Herzog trat in die Mitte neben »Kisertet«.

»Guten Tag, Lena.«

»Guten Tag.«

»Ist das wahr, Lena, sie wollen dich in eine Pension stecken?«

Er nannte sie noch immer »Du«, obwohl er es bereits seit drei Jahren mit dem »Sie« versucht hatte.

»Ja, das ist wahr,« sagte sie und surrte leise weiter, immer das stählerne Gebiß »Kisertets« hin und her ziehend, »ich soll Kochen lernen, weil Schwerin es will. Er hat's befohlen.« Sie nickte Schwerin zu, der nun auch in den Kreis getreten war und mit seiner steifbeinigen Grandezza, mit dem Monocle im Auge und dem grauen Schnurrbart wie eingefroren aussah. – »Es ist übrigens die Frage, ob ich will. Ich habe es mir heute vormittag überlegt.«

»So« – sagte Schwerin.

»Ja.«

»So –?«

»Ja.«

Der Herzog, der den uralten Kampf des Majors v. Schwerin mit Lena kannte – (wie alle Welt diesen Kampf kannte) –, legte sich versöhnend ins Mittel:

»Wo soll es denn hingehen, Lena? Ich meine: an welchen Ort, in welche Pension, welche Stadt, – ich meine, wie heißt der Ort –?«

»Oldeslo.«

Einen Moment kramte der Herzog in seinen geographischen Kenntnissen, dann sagte er erstaunt:

»Oldeslo –? Wo liegt das?«

»Ich weiß es nicht. Irgendwo. Sieben Stunden mit der Eisenbahn. Kein Mensch weiß, wo es liegt. Nur Schwerin weiß es.«

Der Major machte ein bitterböses Gesicht:

»Es liegt an der Weser. Es ist nicht das Oldeslo bei Hamburg, es ist das andre zwischen Münden und Corvey. Ich habe dir zwanzigmal erklärt, wo es liegt.«

»Also schön,« sagte Lena, »zwischen Münden und Corvey. Jetzt weiß ich es. Ich werde versuchen, das zu behalten –« und sie streichelte Kisertets Kopf, der plötzlich, durch irgend etwas erschreckt, sich hastig emporgerichtet hatte.

»So – so – o – o – komm down, – ah so – so – so – –«

Der Trainer glättete mit der Bürste die Mähne des Hengstes, – mit einer leichten Bewegung hob er einen der kleinen Stalljungen in den Sattel – Lena ließ den Zügel los, – dann klopfte der Trainer Kisertet zärtlich auf den Hals: »Go on, my boy.«

Die Menge teilte sich, und mit seinen langen ausgreifenden Schritten marschierte der blinde Hengst ruhig und sicher vorwärts.

Die Hand in dem weißen Handschuh leicht auf seinen Arm gelehnt, ging Lena neben ihrem Vater. Dieser ganze Weg über den Sattelplatz war ein Grüßen ohne Aufhören: Damen – Offiziere – Offiziere – Damen – und wenn kein feierliches Grüßen so doch wenigstens ein Zunicken.

Zwei-, dreimal wurde sie angehalten: »Ist das wahr? Lena soll in Pension? –« Und jedesmal, aber immer ungeduldiger, sagte sie ihren Spruch her:

»Ja, nach Oldeslo. Zu einer Generalin von Massenbruch. Jawohl. Eine Verwandte von Excellenz von Massenbruch, aber nur eine sehr entfernte Verwandte. Wo das liegt? An der Weser irgendwo. Aber es ist überhaupt noch nicht bestimmt. Wann? Das ist erst recht noch nicht bestimmt. Ob Kisertet gewinnt? Weshalb nicht? Sicher wird er gewinnen. Wer ihn reitet? John Cannon. Wer sonst. Er hat ihn immer geritten. Ja, wir gehen auf die Tribüne. Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.«

Als sie an dem Musikpavillon vorbeigekommen waren, wo die Kapelle der Gardekürassiere Offenbachsche Melodien vor leerem Rasen spielte – denn alle Welt drängte auf die Tribünen und zu den Wettmaschinen, – legte Lena zärtlich die Hände um den Arm des Vaters: »Papa, was fehlt dir?«

»Nichts.«

»Du hast Angst – wegen Kisertet?«

Er schüttelte den Kopf mit einer halben Verneinung: »Nicht Angst. Aber du weißt ja selbst: wenn Kisertet nicht gewinnt, es – wäre nicht gut.«

»Nein, es – wäre – nicht gut.«

Sie sagten nichts weiter, sie verstanden sich auch ohne das. Es waren nun schon Jahre, daß Lena diese Sorgen kannte und daran teil nahm.

Es hatte eine Zeit gegeben, – sie lag eigentlich vor Lenas rechtem Miterleben – wo der Stall eine ununterbrochene Reihe von Siegen zu verzeichnen gehabt hatte: auf allen deutschen Plätzen, in Wien, Nizza, Ascot, wo das Geld zu Hunderttausenden hereinströmte, – aber das war längst vorbei. Eine Erfahrung von hundert Jahren und mehr lehrt, daß auch die glücklichsten Rennställe sich immer nur eine kurze Spanne Zeit auf der Höhe halten. Man kann das an zahllosen Beispielen aller Länder beweisen: Hastings, Lagrange, Apponyi, Rothschild u.s.w., u.s.w.

Der Niedergang erfolgt bisweilen so jäh, mit einer so vernichtenden Schnelligkeit, daß Existenzen, die felsenfest gesichert erschienen, in kurzer Frist an die Grenze des Ruins gelangen.

Stennsberg war nie einer der großen Spieler gewesen, die alles auf eine einzige Karte setzen, er hatte jahrelang mit einer erstaunlichen Zähigkeit gegen das schwindende Glück gekämpft, – aber vielleicht ist ein zerschmetternder Absturz besser als dieses Bergabgleiten, dieses langsame Erwürgtwerden, bei dem nicht nur der Körper zu Grunde geht, sondern die Seele auch.

Ein Rest seiner einstigen Spannkraft gab sich vielleicht noch zu erkennen in der straffen Haltung, die er – wenigstens andern gegenüber, und auch Lena gegenüber – immer noch wahrte, aber er war seit Monaten schon ein gebrochener Mann, der in dem einen letzten Winter ergraut war.

– – – Offenbachs lustige Melodien klangen über den Rasen, und ohne es zu wollen oder zu wissen, wiegte Lena im Takt den Kopf. – Sie hatte diesen Kampf an der Seite ihres Vaters nun schon lange mitgekämpft, aber von dem wahren Umfange desselben hatte sie kaum mehr als eine Ahnung. Und zum wenigsten heute schien wirklich kein Anlaß zu einer Sorge gegeben zu sein. Der Sieg Kisertets war so selbstverständlich, so absolut sicher, daß es sich wirklich nicht lohnte, lange darüber nachzudenken.

Flüchtig fiel es ihr ein, daß sie, wenn Schwerin die Pension und Oldeslo durchsetzen würde, die lustigen Klänge wahrscheinlich auf sehr lange Zeit nicht mehr zu hören bekäme, aber der Gedanke hatte nichts besonders Düsteres.

Die ewigen Rennen mit ewig denselben Leuten waren für Lena sicherlich nicht der Inbegriff menschlichen Glücks. Ein Wechsel im Leben ist bisweilen sehr amüsant, und dieses ferne unbekannte Oldeslo mit jungen Mädchen, Freundschaften, neuen Eindrücken, ganz neuen Menschen hatte etwas Geheimnisvolles, etwas Märchenhaftes, von dem man oft gehört hat, in das man aber nie hineinblicken durfte.

Wäre nicht die zähe, anklammernde Angst vor der ersten großen Trennung gewesen, und das feine, halb unbewußte Gefühl, daß diese Trennung für den Vater einen Schmerz bedeuten würde, den sie selbst in solchem Umfange gar nicht begreifen konnte – – und wäre es nicht wieder ausgerechnet Schwerin gewesen, der Oldeslo entdeckt hatte und Tag für Tag Stennsberg und Lena mit seinem Plane quälte, – sie würde vielleicht längst eingewilligt haben. – –«

»Geh auf die Tribüne, Lena,« sagte der Rittmeister. »Ich habe noch ein paar Worte mit Cannon zu sprechen, erwarte mich.«

Sie nickte zerstreut und wollte links abbiegen, als sie ihm aber flüchtig ins Gesicht sah, fuhr sie leise zusammen. Im nächsten Moment hatte sie seine beiden Hände ergriffen:

»Du machst dir Sorgen ohne jeden Grund, Papa! Kisertet kann das Rennen nicht verlieren, es ist einfach unmöglich! Es ist ein Spaziergang für ihn, und weiter nichts. Wer soll ihn denn schlagen?! Wer soll denn das Rennen gewinnen?! Etwa Szateks Pferde?« Sie lachte mit einem hellen, nur ein klein wenig erzwungenen Lachen. »Smolensko ist ein Plater, Fille de l'air kommt nie über tausend Meter fort, und das dritte Pferd – ich weiß nicht einmal wie es heißt – das läuft überhaupt nur mit, weil Szatek bei all seinem Glück und trotz seiner vierzig Pferde von Rennen so viel versteht wie – –« sie suchte nach einem Vergleich, lachte und brachte den Satz nicht zu Ende.

Sie sah drollig aus in ihrem Eifer, und jeder Fremde würde einigermaßen erstaunt und dann sehr belustigt gewesen sein, diese seltsamen Auseinandersetzungen von einem halberwachsenen Mädchen zu vernehmen.

Aber der Rittmeister hörte ihr aufmerksam zu und nickte. Sie hatte vollständig recht, die Situation des Rennens konnte in keiner langatmigen Darlegung klarer und anschaulicher gezeichnet werden. Und im Grunde wäre es ja auch nur verwunderlich gewesen, wenn Lena allen jenen Dingen fremd geblieben wäre.

Sie war in dem Zigeunerleben groß geworden: im Rennstall, in der Eisenbahn, in den Hotels, – sie hatte in allen Ländern Europas mehr Rennen und Pferde gesehen, als irgend einer der Mode-Sportsmen, die da drüben umherspazierten, – und sie hatte die sonderbare Wissenschaft von Pedigrees und Management gelernt und gekannt, als die jungen Kavallerieoffiziere, die heute die Helden des grünen Rasens waren, noch die Schulbank drückten.

Manches Jahr war das alles Spiel gewesen, bis die Sorge kam.

Wenn das Kindergesicht mitten in aller Lustigkeit unter den geputzten Damen und Herren plötzlich starr wurde, von einer solchen Traurigkeit überschattet, daß die Damen Lena erstaunt anblickten und dann hell auflachten: »Aber Lena, was für ein Gesicht –!« und wenn sie sich dann Mühe gab, mit einem Ruck die Lustigkeit wieder zu finden und selbst zu lachen – dann verstand sie nur einer.

Lena brach einen Fliederzweig vom Busch und steckte zwei Blüten in den Lederriemen seines Rennglases: »Kisertet gewinnt, und heute abend gehen wir in die Oper, ja? Du hast es mir versprochen.«

Er bejahte zerstreut: »Gewiß, gewiß. Da ist Szatek. Er wird dich auf die Tribüne bringen, ich komme nach.« – – »Ich habe Sie auf dem ganzen Rennplätze gesucht, Fräulein Lena,« sagte der Graf, und er hatte in der Tat alle Winkel des weiten Platzes durchstöbert.

»Mich gesucht? Weshalb?«

Szatek hatte keine Sicherheit ihr gegenüber, es war lächerlich, er verlor jedesmal die Grandseigneur-Haltung und seine unangenehme süffisante Miene, wenn er dem halberwachsenen Mädchen gegenüberstand.

»Man sagt – das heißt – die Prinzessin sagt es – und einige andre sagen es auch: Sie wollen verreisen, Fräulein Lena, auf lange, in eine Pension?«

Sie nickte gleichgültig: »Ja, es kann sein. Jeder Mensch fragt mich danach, es wird bald langweilig.«

»Es ist noch nicht bestimmt?«

»Ich sage ja: ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.«

Sie ging über den Rasen, Szatek neben ihr, – dann bog sie kurz vor den Tribünen ab, um Kisertet noch einmal zu sehen, der mit John Cannon im Sattel durch eine dichte Gasse von Zuschauern auf die Bahn hinausgeführt wurde. Als sie sich umwandte, um zurückzugehen, bemerkte sie den Grafen noch immer neben sich, sie hatte ihn ein paar Sekunden lang ganz vergessen. Ohne besonderen Grund erschien ihr das komisch, und sie lachte: »Ich hatte Sie ganz vergessen.«

»So.«

»Da kommen Ihre Pferde.«

»Ja.«

Alle drei Reiter trugen den blau-roten Dreß der Szatekschen Farben, – Fille de l'air marschierte an erster Stelle, dann folgte Smolensko und als dritter ein großer Fuchs mit grobgefügten Knochen und schlappen Muskeln.

»Wie heißt der?«

»Skanderbeg.«

»Wie ist er gezogen?«

»Monseigneur – Seagull.«

Sie musterte das Tier mit einem raschen Blick: – »Ein schlechtes Pferd.«

»So?«

»Es wird nie etwas gewinnen.«

Er lachte nervös: »Das wird sich zeigen.«

»Wir wollen das Rennen ansehen,« sagte sie, »in fünf Minuten geht es los. Wollen Sie mit dort drüben hin? Man sieht da besser als auf den Tribünen.«

Ohne seine Antwort abzuwarten, als sei es ihr gleichgültig, ob er Lust hatte mitzukommen oder nicht, ging sie die Barriere entlang, einige hundert Schritt weit, bis die Tribünen eine beträchtliche Strecke hinter ihnen lagen. Ein paar Trainer standen dort, die mit ihren Renngläsern in die Ferne schauten, wo Kisertet mit dem halben Dutzend der andern Pferde zum Start galoppierte, – sonst war es einsam, und durch die Büsche gedeckt sahen sie nichts mehr von der Menschenmenge.

»Bitte, Ihr Glas,« sagte sie hastig zu Szatek, »ich will sehen –« und als er es ihr gab, streifte sie die Handschuhe ab, schraubte es rasch zurecht, schwang sich, die Hand aufstützend, auf die Barriere und blickte angestrengt nach dem Dahlwitzer Walde, wo die Pferde sich jetzt in Reihe aufstellten.

Szatek sah nichts von den Pferden, er sah nur Lena. Was kümmerte ihn das Rennen? Ob seine Pferde einen Preis mehr oder weniger gewannen, war so gleichgültig.

Sie saß auf der Barriere wie eine Dame zu Pferde, leicht, zierlich, beide Arme hochgehoben, um das Glas zu halten, so daß die feine Rundung ihrer Brust sich scharf gegen den blauen Himmel abhob. Der linke Fuß im schmalen Stiefel und seidenen Strumpf schaute bei dem unbequemen Sitz unter dem Kleide hervor.

Sie war ein Kind – eine Dame – beides.

Er wandte keine Sekunde ein Auge von ihr mit einem Blick, der etwas Starres annahm, etwas Brutales.

Er hatte sie zuerst in Longchamps gesehen, vor drei Jahren, als er seine Reise um die Welt beendet hatte. Sie war damals in Paris noch ein Kind von wenig mehr als zwölf Jahren, schlank, etwas eckig, und vielleicht war die erste Regung, die die Kleine bei dem in fünf Erdteilen übersättigten, seelisch und körperlich halb ruinierten Seigneur wachrief, eine Regung von Scham, – Sehnsucht nach vergessenen Empfindungen reiner Art, – das letzte Aufflackern einer matten Jugendpoesie.

Er hatte sie nicht wieder aus den Augen gelassen. Er sah sie auf allen Rennplätzen, wo er zwischen den großen Toiletten der Damen die schmächtige Figur der Kleinen suchte, und so intensiv war sein Empfinden, daß er ein Jahr und länger es nicht über sich gewann, das erste Wort mit ihr zu wechseln, während er mit ihrem Vater Dutzende von Malen zusammentraf.

– – – Einen Moment streifte Lena ihn mit dem Blick: »Sehen Sie doch, die Pferde stehen in Reihe, es wird sofort beginnen –« dann nahm sie das Glas wieder vor die Augen und schaute gespannt dorthin, wo der Starter eben die »rote Fahne« erhoben hatte.

Eine Gedankenreihe, die er vielleicht schon oft erwogen hatte und die sich nun rein mechanisch ohne weiteres Nachsinnen wiederholte, ging ihm blitzschnell durch den Kopf: ›Du bist doppelt so alt als Lena, – heute ist sie noch ein halbes Kind, – aber in zwei Jahren nicht mehr – es werden hundert andre kommen, die dir zuvorkommen werden, – – warte nicht länger – –‹ und an diese Reihe schloß sich die entscheidende Erwägung:

›Sie geht fort, du wirst sie aus den Augen verlieren, vielleicht für Jahre, und wenn sie einmal wiederkommt, ist es zu spät!‹

›Zu spät!‹ – das war der Spornstoß, der seinen Mut vorwärts trieb.

Mit einem Schritt stand er neben ihr.

»Fräulein Lena – –«

»Ja –?« Sie sah ihn nicht an, sie blickte durch das Glas unverwandt die lange grüne Bahn entlang.

– »Was gibt's –?«

»Sie wollen fortgehen, Fräulein Lena, und deshalb – ich habe – –«

Da richtete sie sich hastig in die Höhe: »Sie kommen!«

Und hinter ihnen in der Ferne von den Tribünen her ein dumpfer, tausendstimmiger Ruf: »Sie kommen!« Sie beugte den Oberkörper so weit vor, um besser sehen zu können, daß sie mit der rechten Hand unwillkürlich, nach einem Stützpunkt tastend, rückwärts in die leere Luft griff, – im Augenblick hatte Szatek die Hand in der seinigen.

»Lena, ich habe Sie lieb! Sagen Sie ein einziges Wort, Lena, daß Sie warten wollen und keinen andern – –«

»Kisertet voran! Er gewinnt!«

Sie hatte nichts gehört. Blitzschnell war sie herabgesprungen, und im nächsten Moment zwängte sie sich mit der Geschicklichkeit eines Wiesels durch die Balken der Barriere, um in das Innere der Bahn zu gelangen, wo sie das heranstürmende Feld dicht vor sich sehen würde.

»Lassen Sie doch meine Hand los!« Einen Moment starrte sie ihm ins Gesicht, als verstände sie gar nicht, wie er dazu gekommen war, ihre Hand zu nehmen und weshalb er sie jetzt nicht freigab.

Und in diesem Moment begriff sie. Was sie nicht gehört hatte, sagte der sengende Blick.

Aber dicht hinter ihr begann der Boden unter den Hufschlägen zu beben, sie riß sich herum, und wieder eine Sekunde später hatte sie Szatek vergessen. Mit weit aufgerissenen Augen durchsuchte sie das Feld – – dann: »Kisertet!!!«

Ein Verzweiflungsschrei kam von ihren Lippen. Dem Sturm gleich flogen fünf, sechs Pferde vorüber, dann schrie sie noch einmal auf: »Kisertet!!!«

Dicht vor ihr taumelte der blinde Hengst. Mit einem Ruck suchte der Jockey das im Schwunge vornüberbrechende Pferd auf den Beinen zu halten, – es gelang – und dann, zehn, zwanzig Meter weiter, kam der Hengst zum Stehen. Er versuchte noch einen Schritt vorwärts zu gehen, aber das rechte Vorderbein knickte kraftlos zusammen.

John Cannon stieg aus dem Sattel und beugte sich tastend zu dem Fuße des Tieres nieder.

– In der Ferne hörte man das Tosen der Menge, das den Sieger begrüßt, – – Fille de l'air, die spielend leicht gewonnen hatte –«

Irgend jemand in Lenas Nähe sagte, nach dem Hengst hinüberdeutend: »Niedergebrochen –«

Und ein andrer wiederholte es. »Yes. Broken down.«

Dann entfernten sich die Leute und Lena blickte wie abwesend geradeaus. Sie wollte zu dem Pferde hinübergehen, das immer noch auf demselben Fleck stand, aber ihre Füße zitterten so sehr, daß sie sich einen Moment festhalten mußte. Die Arme auf die Barriere gestützt, den Kopf in die Hände gelegt, hatte sie das Gefühl einer großen Kälte, die langsam über sie hinzog.

»Kisertet, – – niedergebrochen.« Nun würde bald alles zusammenbrechen. Die paar letzten Hoffnungen, die noch übrig waren.

»Lena –?«

Sie wandte langsam den Kopf und sah Szatek. Sie hatte geglaubt, er sei fort, aber sie war nicht weiter erstaunt, als sie ihn neben sich sah, die Arme gleich ihr auf die Barriere gestützt.

Mit einer unerhörten Kraftanstrengung richtete sie sich in die Höhe: nur diesem Menschen nicht zeigen, was der Schlag für sie bedeutete. Nur ganz kalt bleiben und ruhig:

»Fille de l'air hat gewonnen, ich gratuliere Ihnen. Sie haben mehr Glück als wir.«

Sie wollte an ihm vorbei, als er, außer sich, ihr den Weg vertrat.

»Sie haben gehört, Lena, was ich gesagt habe. Sie können mich so nicht fortgehen lassen, – Sie müssen eine Antwort für mich haben.«

Sie sah sein Gesicht, das mit allen Muskeln arbeitete, dieses Gesicht, das verlebt, verwüstet, in einer brutalen Leidenschaft zu lodern begann.

Sie setzte einen Fuß rückwärts, dann den andern, sie wich langsam bis an die Barriere, Schritt für Schritt folgte er ihr.

In einer aufdämmernden Kinderangst hob sie die Hände gegen ihn:

»Lassen Sie mich –!«

Und er trat wirklich einen Schritt zurück.

Aber im nächsten Moment stand er neben ihr. Er ergriff ihre Hand, ihren Arm, er zog sie an sich. Sie schrie leise auf, aber er gab sie nicht frei. Sein Gesicht beugte sich so nahe zu ihr, daß sie entsetzt die Augen schloß. Er versuchte vielleicht seine Worte in Grenzen zu halten, – aber er war ihrer nicht Herr. Sie stießen mit seinem heißen Atem zischend hervor wie Raubtiere. –

Erst ganz langsam wurde er wieder ruhiger. Dann begann er wie jemand, der alles sucht und heranzieht, was er sagen und bieten kann, aufzuzählen: seine polnischen Güter, seine Güter in Schlesien, – allen Glanz und alle Macht, die er seiner künftigen Frau zu Füßen legen konnte. Bis seine Stimme stockte und die Leidenschaft dem angstvollen, totenblassen Gesichte gegenüber verflackerte. Bis er begriff, was er getan.

Er tastete mit der linken Hand an die Stirn und strich darüber, dann mit der rechten ebenso. Er atmete tief auf und streckte ihr mit einer matten Bewegung die Hand entgegen:

»– – Lena – –?«

Sie schob sich an der Barriere her an ihm vorbei, zwei, drei Schritte, geduckt, immer die Augen wie besinnungslos auf ihn gerichtet, – noch zwei, drei Schritte, – dann plötzlich schnellte sie empor, und mit einer fliegenden, gehetzten Angst lief sie die Rails entlang in der Richtung nach den Tribünen.

Einmal wandte sie sich um. Als sie sah, daß er bewegungslos stehen geblieben war, ging sie langsamer. Dann verschwand sie in der Menschenmenge.

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