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Heinrich Lautensack: Lena - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
authorHeinrich Lautensack
titleLena
booktitleDas verstörte Fest
publisherCarl Hanser Verlag
editorWilhelm Lukas Kristl
year1966
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131014
projectid8cc121a8
wgs9152
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Heinrich Lautensack

Lena

Personen

Joseph, der Fabrikherr
Daniel, sein Schwager
Der Pfarrer
Lena
Die kleine Magd

Spielt auf dem Lande. In einer katholischen Gegend Süddeutschlands.

 

Altmodisch eingerichtetes Herrenzimmer in einem Nebengebäude einer großen Fabrikanlage. Vorfrühling. Nachmittag.

Magdalena (Lena) hat im Zimmer irgend Arbeit.

Daniel tritt ein und tut, als ob er nur zufällig auf Magdalena träfe.

Lena sieht ihn an. Und sagt dann unterdrückt: Warum lauft ihr mir immer noch nach!

Daniel herrscht sie an: Du bildst dir also ein, daß ich dir immer noch nachlauf?

Lena ist eingeschüchtert.

Daniel ungeschickt motivierend: Ich wollt doch nur schaun, ob nicht mein Schwager –

Lena hat sofort wieder die Oberhand. Aber sie dämpft den Ton ihrer Stimme soviel als möglich: Dann lauft ihr mir doch immer noch nach! ihr wißt so gut wie ich, daß euer Schwager nach dem Pfarrhaus hinübergegangen ist ...

Daniel – nach einer kleinen Weile: Du sollst recht haben, ich lauf dir immer noch nach! Und wieder nach einer kleinen Weile – etwa wie ein eigensinniger, verzogener Bub. Erst bist du mir nachgelaufen, jetzund lauf ich dir nach!

Lena: Erst war ich euch nachgelaufen? Redt solche Sachen nicht wieder! Erst war ich euch nachgelaufen? Und nun noch gedämpfter. Ihr habt euch schmeichlerisch-fein herangemacht! Gar sehr schmeichlerisch-fein! Und wie ihr gar so schön habt tun können ... und weil ihr gar so schön getan habt –

Daniel: Was du sagst! Ich hab also gar so schön getan?

Lena nicht anklägerisch, sondern gerade und frei: Ja!

Daniel: Berechnung ists gewesen von dir! Einfach Berechnung und nix als Berechnung!

Lena nicht anklägerisch, sondern gerade und frei: Nein!

Daniel lacht: He!

Lena ein wenig unruhig: Das müßtest du übrigens am besten wissen! Und ... weißts auch! Und ... willst nur nicht wissen! Geh her! und ich sag dirs! sag dirs Wort für Wort vor! und will dir nix weismachen! Und ... was ich selber dran schuld hab, gesteh ich frei ein! Nun wieder ruhiger. Du hast dich an mich rangemacht – mit grad soviel Aufrichtigkeit und Hinterlist, wie bei allen andern auch. Aber was dir bei mancher andern nicht oder nur schwer geglückt ist – bei mir hast du ein leichtes Tun gehabt. Weil mich etwa längst der Schuh gedrückt hat, hast du mirs Schuhband aufmachen dürfen. Weil ichs nicht mehr ausgehalten hätt, ohne ... weils in mir vollgewesen ist zum Überlaufen. Es ... es wäre mir ganz gleich gewesen, mit wem! – – Da kannst du sehn, daß ich mich nicht besser mach, als wie ich gewesen bin.

Daniel: Red nur! Es wär dir ganz gleich gewesen, mit wem? Es muß dir doch nicht so ganz gleich gewesen sein, mit wem, sonst –

Lena: Was?

Daniel: Wie wärst du da ausgerechnet an mich, an den Bruder –

Lena schnell: Aber ... da sagst dus ja selber! Wer bist du denn? Der Bruder von meiner Madam bist! der Schwager von meinem Herrn bist! das bist! Sonst bist du nix! Ein Aus- und Eingeher bist! der rein davon lebt, daß er der Bruder von seiner Schwester ist! Wo ist dein Mütterliches? Verputzt! Was hast du gelernt? Nix als dein Erbteil verputzen! das hast du gelernt! Und ... stehst jetzund hier umeinand und allen andern im Wege! – – Da hätt ich mich schön verrechent, wenns Berechnung von mir gewesen war! – – Tritt du heut vor unsern und ... deinen Herrn und sag ihm, du möchst dich was wie verheiraten! Sie wartet die Wirkung dieses letzten Satzes ab.

Daniel weiß nichts als ihr spöttisch nachzureden: Vor unsern und ... deinen Herrn!

Lena: Eine mit Geld? Das glaubst du doch selber nicht! Eine ohne Geld? Da ist der Herrschaftstisch und der ist für zwei, und da sitzest du doch schon als dritter ... wie könntest du dich ja erdreisten, da noch was viertes – zugelaufenes an den Tisch heranzubringen?

Daniel giftig: Vor unsern und ... meinen Herrn! He!

Lena: Tatsach! schön verrechent hätt ich mich, wenn ichs so berechent hätt! – – Nein, es war mir wirklich ganz gleich gewesen, mit wem ... dortmals ... wie ichs nicht mehr ausgehalten hätt, ohne ... weils in mir vollgewesen ist zum Überlaufen. Aber da bist du ja dagewesen und hast schön um mich getan. Und da ist mir der Nächste der Beste gewesen ... glaub mirs!

Daniel glaubts nicht.

Lena einfach, natürlich: Wenn sie sich in der Magdkammer ausgezogen haben, hab ich immer so lang gewartet, bis daß das Licht ausgelöscht war. Und da erst hab ich mich ausgezogen ... ganz ... und hab gewünscht, sie möchten schon alle schlafen ... und ich könnt so ohne alles stehenbleiben bis zum Morgen. Und hab ... so wie ich dastand ... tausendmal an dich gedacht. Wie du das alles nehmen möchst und halten und nicht mehr hergeben. – – Ich hab gewußt, du möchst mich. Und du hast mirs gesagt. Und ich hab gedacht, du wirst gut zu mir sein. Und hab gemeint, so ... so kam jeds von uns auf seine Rechnung. Und hab ja gesagt. Und du hast mich gehabt. – – Aber dann bin ich dir nicht das gewesen, was ich dir hätt sein mögen ... und wovon ich doch auch was gehabt hätt. Ich hab nix von dir gehabt. Du hast dir von mir geholt, wenn du von mir gebraucht hast. So wie du dir von deiner Schwester holst. Und ich? Ich bin nur dagewesen, um dir zu geben ... um daß du dir von mir hast holen können. Dich hats nie sowas wie nach mir verlangt, immer nur nach ... es! Du hast dir dein Vergnügen bei mir abgeholt, wie sich ein anderes von einem Vermögen von einer Sparkasse abholt. Und für mich hat sich gar nix dabei herausgeschaut wie die dreifache Angst, daß es aufkommt und daß du mich nach etlichen Tagen wegwirfst, und daß ich nur etwas davontrag, was man erst neun Monat und dann sein liebes Leben lang tragt. – – Und dann ... ich hab ja etwas haben müssen! mich hats ja so danach verlangt! so sehr! ... dann hab ich mir wenigstens eingeredet, daß diese dreifache Angst wahre Liebe zu dir war. Hab mir das vorgeredet. Hab einzig das in allem andern finden wollen. Ja ... wahre Liebe zu dir. – – Und dann ... dann bin ich ... ja! ... dann bin ich drei- oder viermal zu dir gekommen! und hab von dir verlangt! ich von dir! sei so und so zu mir! ich bitt dich –

Daniel wendet sich ab.

Lena: Aber ... aber nicht, weil ich dich aus Berechnung hab halten wollen, nein! weil ... weil ichs gebraucht hab, wie man Essen und Trinken braucht ... und ... weil ich nun doch schon mit dir zusammengewesen war und mich heilig geschämt hätt, damit nun noch gar zu einem andern zu gehen. – – Schämst du dich nicht, daß ich dir das alles so sagen muß?

Daniel staunt sie beinahe an und ihre Überlegenheit in Worten. Und begehrt sie stumm.

Lena unbewußt abwehrend: Ich hab ... und das ist meine Schuld! ... einen Mann gebraucht. Meine Schuld! ... ja! ... aber keine Sünde. Ich hab nicht an Sünde gedacht, denn das kann keine Sünd sein und war wohl eher Sünde gewesen, wenn ich mirs abgetötet hätt. – Aber jetzund – Sie schweigt.

Daniel zuerst. Er will sein Anstaunen abtun: So müßt dich unser Pfarrer reden hören! Dann; von Begierde übermannt. Nein, alles was recht ist! du siehst, ich bin gar nicht so! du hast einen Mann gebraucht! Aber ... jetzund auf einmal ... brauchst du keinen Mann mehr? Wie ist denn das? Jetzt auf einmal? Keinen mehr? Auf einmal? Seine Stimme schlug öfter um, wie er das sagte.

Lena ernst, ohne Feindschaft: Es muß schon so sein, daß du mirs ... abgewöhnt hast. Abgewöhnt und verleidet. Langsam; von einem eigenen Rhythmus. Und es muß schon so sein, daß doch immer ein bissel Liebe dazugehört ... daß es so ganz ohne Liebe doch nicht geht ... eija. Mit einer eigenen Bewegung ihrer Hände bis hoch zu ihren Brüsten – und wie wenn ihre Hände dabei gehoben würden. Bei mir wenigstens. Bei dir mags anders sein.

Daniel Haß. Häßlich: Du und verliebt? Das war was Neues! Möcht dich mal verliebt sehn! Du feine Rechnerin! Du Überfeine! Aber ... was red ich lang? Aufn Herrn wartst! auf mein Schwägern! Aufn baldigen Tod meiner Schwester wartst! liegt ja schon lang genug! liegt ja aufn Tod da druntn! Das ist dein Abgewöhntsein, he! das ist deine Liebe! Glaubst du ... glaubst du, daß man das nicht sieht? Das sieht ja ein Blinder! Wütend und neidisch wiederholt er all die Sätze, indem er sie durcheinanderwirft. Verschlingt sie, erstickt fast daran und speit sie aus. Und bringt zuletzt quasi einen Auszug daraus, mit immer mehr Neid und Wut.

Lena ganz verhalten: Du kannst mich nicht beleidigen. Und ... du hast mich genug beleidigt. Wieso ich keinen Mann mehr brauch? In was für einem Ton du das schon sagst! Warum willst du mir denn nicht glauben, daß du mir tatsächlich den Mann dadurch hast verleiden können? – – Ich bin noch nicht so alt wie du ... in der Erfahrung wenigstens ... noch nicht so abgelebt, heißt das. Aber soviel weiß ich nun doch schon und so gewitzigt bin ich nun auch schon, daß ich mich nie wieder einem hingeb, außer ich bin mir gewiß, daß ich ihn gern hab ... und mehr als das. Daß er mir ebenso ehrlich entgegenkommt wie ich ihm. Und noch – noch mehr als das. – – Du hast mich nachdenken gemacht ... lach doch! ... und so hab ichs Geduldigsein gelernt. – – Du hast mir dortmals meine Mutter vorgeworfen ... wie die gelebt hat ... und daß sie gestorben ist, wie sie gelebt hat. Aber ich war trotz deiner und allem ihr Kind und sie war meine Mutter. Und ... dir hat sie doch gewiß nix damit getan, daß sie so gelebt hat! Was? dir hätt sie was damit getan? was hätt sie denn dir damit getan? sag? Höchstens ... hat sie dir das damit getan, daß ich für dich leichter herumzukriegen gewesen bin! Aber du hast mir was getan, wenn du mir vorgeworfen hast, daß sie gestorben ist, wie sie gelebt hat! – – Ich hab nicht dabeisein können bei ihrem Tod ... und aber wenn sie am Galgen gestorben war, ich hätt dabeisein mögen! – – Du hast mir meine Mutter vorgeworfen ... gut! das tun Menschen wie du. Aber dann hast du mir vorgeworfen, ich tät heut schon so sein wie meine Mutter ... und ... und ... und siehst du, das hab ich mir gemerkt! das hat mir eine rechtzeitige Warnung sein sollen! Und das hat viel geholfen. So hab ich nachdenken gelernt. Und es hat beim alleinigen Nachdenken nicht bleiben dürfen. So hab ich auf mich selber aufgepaßt! aber sehr! daß dus weißt! – – Und ... könnt dir jetzund dankbar sein, wenn du mirs nicht aus Gemeinheit gesagt hättst – nein ... muß dir sogar dankbar sein, trotzdem du mirs aus Gemeinheit gesagt hast. Sie schweigt.

Daniel versuchts mit Lachen: Redst dirs Maul noch in Fransen –

Lena: Deine Schwester liegt aufn Tod. Springt da amend noch was raus für dich? Meinst du wenigstens! was? Schwestern solln ja immer dumm sein ... denen ist kein Bruder schlecht genug. – – Wenn nur der Herr nicht ganz verändert wär durch die lange Krankheit von der Madam! Ich habs mitangesehn, wie du vormals und gar nicht so langsam bei ihm ausgespielt hast. – – Aber er ist ein andrer geworden, der Herr. Scheu. Verhetzt. Irr. – – Ich will ihn nicht rumkriegen. Du vielleicht! Und ... was sie in der Magdkammer manchmal reden. Zum Rotwerden. Wie man sich ihm nur einmal in den Weg zu legen brauchen tät ... oder so vor ihm hinfallen, daß die Röcke auf – Du tätst das! Dir siehts ähnlich! – – Aber ... dazu bin ich ja da! Dazu paß ich nur noch auf! Wär vielleicht schon längst ... und just wegen deiner! ... auf und davongegangen! Aber dazu paß ich nur noch auf! Denn ... dem solls nicht gehn wie mir mit dir! Sie hat alles verraten. Aus Angst.

Daniel: Was ... ist dir denn? Was ... redst du?

Lena lügt: Ah nix. – – Oder doch! Ich ... kann nicht falsch sein! – – Daß ich ihn gern hab, red ich und red ich zu dir. Weil ichs einmal reden muß.

Daniel: Daß –

Lena: Und daß es so sein müßt ...! Oh, nicht wie du denkst! Aber daß es so sein müßt, wie ich möcht! Und wofür ich mir die Hand abhacken ließ! Daß es so sein müßt, daß deine Schwester sterben müßt ... und er aber müßt alles hier liegen lassen ... er hat doch nur hereingeheiratet ... daß er alles hier liegen lassen müßt ... meinetwegen an dich geben müßt ... und mit mir gehn ... mit mir ... und daß ihn führen müßt ... wie an der Hand ... führen ... und nur dann war nie ein Vorwurf ... keins dem andern ... nie ... und daß wir klein anfangen täten ... du tätst ja derweil hier alles runterbringen ... und daß wir dann zuletzt von dir zurückkaufen täten, was er dir einmal geschenkt, weil ers doch nur angeheiratet ... daß es so sein müßt ... so ... und nur so ... und nicht anders ... nie anders ... nie. Sie erwacht. Sieht sich fremd um. Aber da wird ihr ein Erinnern. Sie schlägt beide Hände vors Gesicht. Und redet nun, um den Eindruck ja zu verwischen, zum ersten Mal in einem häßlicheren, ungezogenen Ton. Schadenfroh. Höchst schadenfroh. Zurückkaufen! was wir dir vordem geschenkt! eija! eija! geschenkt! Sie läuft davon.

Daniel steht einigermaßen hilflos und dumm. Dann, wie ihr nachrufend: Du bist mir eine Gewaschene! Du bist mir eine Ausgelaugte! Er steht immer noch ein wenig hilflos und dumm. Dann hat er hier nichts mehr zu suchen. Trollt sich.

 

Joseph läßt den Pfarrer eintreten.

Pfarrer nimmt Platz.

Joseph steht in der Mitte des Zimmers. Erinnert sich: Ach ja doch! Geht zur Tür. Ruft zweimal. Lena! Geht wieder ins Zimmer.

Lena kommt nach einer Weile.

Joseph zu Lena: Bring Wein.

Lena ab.

Joseph leise: Der Doktor wird jeden Augenblick kommen. Noch leiser. Ich ... ich kann nicht mehr dabeisein, wenn der Doktor –

Pfarrer Schweigt.

Joseph: Es steht aufs schlimmste –

Pfarrer Schweigt.

Joseph: Und heut ... heut soll etwas wie die Krisis sein. Dann ... dann, Hochwürden, bleibt nur noch euere Sache.

Pfarrer leicht gereizt: Ja, mein Verehrtester, dann bleibt immer nur noch mein Geschäft. Und bleibt meist keine Zeit mehr dazu. Dann immer erst, immer erst dann! Und dann versteht unsereins sein Geschäft nicht, wenn es nicht gleich hexen kann. Immer erst der Körper und dann lange nichts und dann erst die Seele, die doch –

Joseph will dieses Thema abtun: Ihr habt nun einmal etwas gegen die Ärzte ... und wie besonders erst gegen diesen Arzt. Und nach einer kleinen Weile – einmal offener und schonungsloser. Seht aber mal zu, Pfarrer! nein, nein! seht einmal zu! Sagt ... seid ihr denn euerer Sache gar so sehr sicher? Gottes Hilfe in Ehren ... aber da kommt denn doch erst ein wenig Doktors Hilfe! Ihn kommt etwas wie ein Lächeln an – ein bitteres, ein böses. Unser guter Herrgott möcht sich, nur den einen einzigen Fall herausgenommen, bald um gar nix mehr zu kümmern haben als wie ums Herumdoktern! Wär eine gar ansehnliche Praxis das! Und hätt tagtäglich gar sehr viel Krankenbesuche zu machen und Medikamenter zu verschreiben! käm richtig zu rein nix anderm mehr! Der ganze Himmelshaushalt tat drüber und drunter gehn ... nein, nein, Pfarrer, Gott Vater mag nicht älter geworden sein, als er zu meiner Schulzeit war! aber die Heiligen ... die ganze Wirtschaft da oben müßt verwahrlosen – ganz abgesehen davon, daß unser guter Vielbeschäftigter schon sowieso mit dem himmlischen Standesamt, wo doch euerer Behauptung nach alle Ehen geschlossen werden, den ganzen Tag genug und übergenug zu tun haben muß.

Pfarrer: Ihr redt bitter. Aber ihr wollt zu unrecht reden und redt doch nur zu recht. – Wenn Gott beschließt, daß euer Weib dahingehen soll, kann da ein Doktor helfen? Das ist die größte Doktorwürde, zu bestimmen über Leben und Tod! Gott kuriert nicht lange an einem herum ... der sagt nur Ja und Nein ... und es ist ein Lebens- oder Todesurteil.

Joseph: Seid ihr dessen gar so sehr gewiß? Woher habt ihr denn die Gewißheit? Sieht ihn lange an. Einmal, ein einzigs Mal möcht ich reinschauen können in einen von euch Pfarrern! und zum allerliebsten in den da, der das große Todesurteil meiner Frau schon in Händen zu haben glaubt! Herausfordernd. Ist euch das Stück Papier bereits vom Himmel geflogen?

Pfarrer: Ihr könnt zu jeder Stund in mich hineinschaun! Mein Innerstes steht euch auf wie meine Kirche! den ganzen Tag! wann ihr zu mir kommen wollt! – – Nur des Abends wird zugemacht ... es gibt Diebe und Einbrecher –

Joseph: Was meint ihr damit?

Pfarrer: Daß auch einmal Diebe und Einbrecher zu mir kamen! Mit ... Blendlaternen und allerlei Schlüsseln. Daß keiner von uns ganz frei ist von allem! Die Erbsünd, Freund. – – Ich war auch nicht immer der, der ich geworden bin. Hab auch ... vorerst ... wie gar nicht zu dem Stand taugen wollen, der mir bestimmt war.

Joseph faßt das Geständnis nur langsam auf: Ihr? Ihr? Dann aber plötzlich – gezwungen – und nicht ohne Feindschaft. Aber ich hab dazu getaugt ... aber ich hätt dazu fein getaugt! von Anfang an! meine ganze Lebenszeit! bis auf den heutigen Tag! und tät auch heut noch dazu taugen. – Er scheint abzumessen, wie weit er getrieben worden ist.

Pfarrer: Was ist euch? Redt euch aus! Euer Zimmer liegt besser wie mein Beichtstuhl! Was ist euch?

Joseph: Pfarrer ... Hochwürden ... Ein paarmal schon bin ich auf dem halben Weg zu euch wieder umgekehrt. Und oft war mir der kleinste Anlaß nicht klein genug, doch persönlich zu euch herüberzukommen ... und nie hab ichs sagen können. Bei der Hand nehmen und herumführen möcht ich euch, daß ... bis daß wir weit genug von allem weg wären ... und ...

Pfarrer: Was ist euch?

Joseph: Es ... ist keine Sünde nicht, Pfarrer. So kann ich sie doch auch nicht beichten. – – Es ist ... vielmehr ... das Gegenteil von Sünd. Kann man das auch beichten?

Pfarrer lächelnd: Ihr seid ein Stück Kind und bleibt eins. In euch ists kraus wie in einem, der noch nicht tausend Wochen alt ist. – – Nun ernster, wieder in den gewohnten halb salbungsvollen Ton fallend. Aber schaut an ... wenn eins mir immer im Beichtstuhl sagt: »Herr Pfarrer, jetzt kommt noch eins, aber das ist beileib keine Sünd –«, 's ist immer wieder ... s' ist immer wieder Sünde. Ein desto größere, weil sehr alte Sünde meist, von der man sich immer wieder vorredete, es sei keine ... und die man deswegen so oft nicht gebeichtet und niemals bereut und immer wieder getan ... und mit der man, man denke! so oft unwürdig, ja! zur heiligen Kommunionbank gegangen! – – Beichtet drum! beichtet noch heut! beichtet gleich jetzt –

Lena tritt ein. Bringt Wein.

Joseph weicht ein wenig zurück, wie sie in seine Nähe kommt; steht auf.

Pfarrer kombiniert sofort und gibt ein ›Hm!‹ von sich, das in jeder andern Situation zumindest malitiös zu nennen wäre.

Lena will gehn: Der ... Doktor ist gekommen ...

Pfarrer sehr salbungsvoll: Magdalena! Zu Joseph. Erlaubt! Zu Lena. Ich dachte, du müßtest dich verändert haben, Magdalena. Frühers verging keine Woche, ohne daß du dich mir und deinem Gotte anvertrautest. Ich hatte mich beinah an dich gewöhnt. Mit einem Mal aber bist du ausgeblieben. Und da dacht ich mir so: Ach nein ... sie kommt immer noch zu dir, sich Rat und Kraft zu holen ... sie hat sich bloß verändert ... sie ist in die Zeit gekommen, wo Gesicht und Stimme sich ändern ... sie kommt immer noch zu dir ... du passest bloß nicht genug auf. So dacht ich mir, Magdalena. Und: Was haben wir heute? ... heute haben wir Samstag? ... ja? ... nun, dann ist morgen früh Beichttag ... morgen kommt sie wie alle Woche ... und da passest du fein auf, daß du sie wiedererkennst. So dacht ich mir heute noch, wie ich mit deinem Herrn hieherging. – – Aber ... jetzt muß ich sehen, Magdalena, du hast dich gar nicht verändert ... äußerlich. Bist du ... innerlich ... eine andere geworden?

Lena ganz Schulmädchen. Aber nicht etwa den Blick gesenkt, sondern ihn mit übergroßen, ganz und gar erschreckten Augen ansehend. Lügt: Ich ... ich ... verzeihn, Hochwürden ... ich ... ich war krank ... ja ... mir war gar nicht so gut die letzte Zeit ... ja ... Und sie log doch nicht.

Pfarrer sehr gedehnt: So?

Lena wie oben: Aber jetzt ... jetzt ... jetzt ist mir wieder besser ... Sie geht schnell ab.

Joseph macht eine Gebärde des Unmuts.

Pfarrer nach einem langen Schweigen. Schwer: Habt ... habt ihr was mit Magdalena? – – Von Satz zu Satz zudringlicher und spitzer. Und ... ist es das, was ihr mir eben beichten wolltet ... und ... was keine Sünd sein soll? Was keine Sünd sein soll ... wenn ihr was mit Magdalena habt?

Joseph mit gleicher Waffe: Ihr habt schlecht aufgemerkt auf das, was ich euch gesagt hab, Pfarrer! sehr schlecht aufgemerkt! sonst möchtet ihr nicht so reden! – – Ihr redt ganz ohne Grund! – – Nein, Pfarrer! Ihr habt doch gesagt, erinnert euch ein wenig! daß ihr einstmals auch nicht so ganz zu dem jetzigen Stand getaugt habt, der euch, wie ihr euch ausdrücktet! bestimmt war ... und da hab ich euch gesagt, erinnert euch ein wenig genauer! daß ich, ja, ich! dazu getaugt hätt! von Anfang an! meine ganze Lebenszeit! bis auf den heutigen Tag –

Pfarrer fast unwirsch: Ich versteh nicht!

Joseph fast grob: Ihr wollt nicht!

Pfarrer einlenkend: Ich wollte nicht –

Joseph schreiend: Nein, ihr wollt nicht!

Pfarrer ruhig: Ihr redt auf einmal so feindlich zu mir!

Joseph verzweifelt: Weil ihrs seid ... du und deine Religion ...! Was hab ich von euch? Buße ... nur Buße – – Er nimmt sich zusammen. Hört! hört ganz ruhig! Und denkt, daß ihr mirs wert sein müßt! wenn ich euch mein Verschwiegenstes sag! Nicht zum Pfarrer! fast lieber zum Menschen möcht ich reden! – – Jeder hat seine Anfechtungen von Jugend auf. Aber ... keiner hat bis zu meinem jetzigen Alter wohl so daran zu leiden gehabt wie ich. Ich ... ich ... ich hab mich einfach nicht getraut, ein Weib anzurühren! Nicht daß ich mich nur geschämt hätt ... ich ... ich hab mich einfach nicht getraut! könnt und wollt ihr mir glauben, daß ich vor meiner Frau kaum mehr wie fünf Weiber gekannt hab? Und ich war Student, Pfarrer, in einer großen Stadt. Ich hab bis auf den heutigen Tag keine gehabt, die ich mögen hätt, nach ders mich mit allem verlangt hat ... ich ... ich hab mich einfach nicht getraut! Nur ein paar ganz halbseidene, die sich gradweg an mich herangemacht haben, die mich überrannt und überfallen haben ... ich ... ich hab mich nicht getraut! Und wollt ihr mir glauben, daß mich das zuletzt so anging, daß ich über Nacht aus der Stadt fort bin, mein Studium und meine gute Zukunft aufgegeben hab und dann, wie ich am Verhungern war, unter die gewöhnlichen Arbeiter ging? Wollt ihr mir das glauben? Bis mich ein Bekannter dann aus den Arbeitern herausfand und wieder aufhob und mir in seiner Fabrik eine Stellung gab, die mir halbwegs zukam. So ... durch Geschäfte lernte ich den Vater meiner jetzigen Frau kennen. Und der muß, ich kann mirs nicht anders denken! hab aber nie danach gefragt! von meiner Flucht aus der Stadt und meinem Herumtreiben als gewöhnlicher Arbeiter von meinem Freund erfahren haben ... und so hab ich ihn, scheints! interessiert ... bis er mir hier die Stellung als Geschäftsführer ... ja. Und dann hab ich mich ... ich gestehs! ich beichts euch! ... verliebt ... mit all der Hoffnungslosigkeit von ehedem ... in die Tochter meines Brotherrn. Und ... wär der Vater nicht plötzlich gestorben! und der Daniel nicht ganz und gar untauglich zum Geschäft gewesen! ... ich wär wieder davon! grad wie damals aus der Stadt. Damals vor den Weibern im allgemeinen ... diesmal vor dieser allein. Und dann hat sie ... meine jetzige Frau ... das erste Wort geben müssen. Vielleicht daß sie mich halbwegs durchschaut hat! vielleicht auch daß sie von ihrem Vater gewußt hat ... und so kam denn die Heirat.

Pfarrer: Seltsam!

Joseph fast lachend: Ja, nicht wahr? seltsam! Bitter. Und nun denkt euch, was ich ... an euerer Stelle ... für einen Pfarrer abgegeben hätt! Hätt ich nicht gradwegs das Zeug zum ... Bischof gehabt? Er errötet vor sich und dem andern. Mein Weib ... wenn sie anders als hier aufgewachsen wär! ... hätt was Schönes aus ihr werden können. Hat wohl einen Spritzer Zigeunerblut in sich ... ihr kennt sie, aber ich kenn sie besser. Und nicht nur Zigeunerblut! ... Verzeiht ... nun müßt ihr mich aber nicht für altklug halten. Ich sagte, ihr kennt meine Frau, aber ich kenn sie besser ... womit ich aber nicht sagen wollte, daß ich, weil ich meine Frau besser kenne, nun gleich überhaupt alle Frauen besser kennen will als ihr. Vielleicht hat sie gar keinen Spritzer Zigeunerblut ... vielleicht ist sie wie alle, vielleicht sind alle wie sie.

Pfarrer: Wenn das ein anderes gewesen wär, das mir das alles gesagt hätte ... ich hätts ihm nicht glauben mögen.

Joseph – verwirrt, beschämt, daß er das alles gestanden, versucht ers mit allen möglichen Tönen: Der ... »keusche« ... Joseph! Warum lacht ihr denn nicht? Das ist doch nicht zum Ernstbleiben! Das ist doch komisch! Einer, der sich einfach nicht traut! Lacht euch doch mal tüchtig aus!

Pfarrer – seine gesunde Sinnlichkeit lehnt sich auf.

Joseph sucht einen Abschluß: Und ... nun, Herr Pfarrer! ... ist das Sünde?

Pfarrer steinern. Ja!

Joseph perplex. Ja ...? Ja ...? Ja ...? – – Ihr seid mir der richtige ... Jesuit! Gegen euch komm ich nicht auf! Ich bin ja auch nicht ausstudiert wie ihr! Ich weiß wohl die chemische Formel für Stärkemehl ... und die just zur Not! ... aber ich kann nicht lateinisch und griechisch! Steht das wo lateinisch oder griechisch, daß das auch Sünde ist? – Nun ganz brutal, weil verzweifelt. Aber gut! gut! gut! ... wenn das Sünde ist ... dann ist doch die Buße dazu, daß ich nachhole, was ich versäumt hab! daß ich überall rumpoussiere, wie? daß ich eine nach der andern rumkriege! Ist doch ... ist doch eine feine Religion, das! – – Aber nun schwer, tief. Pfarrer ... mir liegt mein Weib seit viereinhalb Monaten krank, gesetzt ... daß sie nicht sterben muß ... gesetzt ... daß sie langsam wieder gesund wird ... was verschreibt mir da derjenige mit der größten Doktorwürde für ein Rezept? Enthaltsamkeit? Ihr habt wohl noch ein christlicheres Wort dafür ... aber bin ich ein Pfarrer? Und ... war ich nicht mein ganzes Leben lang genug enthaltsam? Was gebt ihr mir, dem sichs hier in den Armen ansetzt wie Eisen ... der sich oft, wo er grad geht, anhalten muß, um nicht umgeworfen zu werden von Sausen im Kopf? Laßt sie gesund werden in zwei, drei Monaten ... was tu ich bis dahin? was bin ich bis dahin, wenn ich nichts tu? Soll Ehemänner genug geben, die nach den ersten dreiviertel Jahren Ehe schon außer dem Hause ... so einer bin ich nicht! Aber ich bin auch beileib nicht mehr der frühere »Sepp-Ich trau mich nicht« ... brauchs nicht mehr sein und möchts und dürfts auch nimmer sein! Nehmt, ich war ein wildes Tier, das nicht wußte, was Fleisch ist ... jetzund aber hab ich Blut gerochen, Pfarrer! Was tut ihr jetzt mit mir?

Pfarrer der sich wie ein Hintergangener vorkommt – und doch nicht ohne Schonung: habt ihr ... ohne mich so zu fragen, wie ihr mich jetzt fragt! ... habt ihr in der langen Krankheit euerer Frau mit Magdalena – Warum kommt die nicht mehr beten und beichten zu mir? Habt ihr ... habt ihr die Frage jetzt angesetzt, weil sie morgen wieder beichten soll ... und ihr es ihr und euch und mir erleichtern wollt? Habt ihr in der langen Krankheit euerer Frau mit Magdalena –

Joseph befremdet, beinah belustigt: Warum just mit Magdalena?

Pfarrer: Mit ... irgendeiner andern?

Joseph wie erst: Mit ... keiner!

Pfarrer: Euer ... Wort? Er hält die Hand hin.

Joseph schlägt ein: Mein Wort! – – Und kann sich nicht enthalten. Eine ... Beichte auf Manneswort!

Pfarrer immer noch zögernd: So kommt ihr wirklich zuerst mit der Frage zu mir?

Joseph ernst, fast drohend. Ich gab euch mein Wort, Pfarrer!

Pfarrer erlöst: Verzeihung und ... Dank!

Joseph begreift nun erst, wie der Pfarrer nur aus tiefster Besorgnis so handelte.

Pfarrer steht wie in einem stillen Gebet. Und es ist wirklich weniger priesterliche Mache denn reines Menschentum: Ich weiß euch nicht genug Dank, mein Freund. Und ... schimpft nicht mehr auf die Religion. Ihr habt mehr als Buße von ihr. – Mir ist, als hätte mir Gott der Herr erst in diesem Augenblick all meine früheren Verfehlungen vergeben! Denn auch ich hab einst gefehlt ...! Aber von nun an weiß ich doppelt, daß Er verzeiht ... und so wird Er auch euch verzeihen, was ihr tun werdet ... nein! hats euch schon verziehen, noch ehe ihrs getan habt! ja. – – Ich stehe hier als Stellvertreter des Höchsten ... eingesetzt über diese Pfarrei. Laßt ... ich bitt euch! nein! befehls euch! ... laßt die Reinen rein! verderbt mir keins von hier! Ihr brächtet sonst wahrhaft Ansteckendes in diese Gemeinde! Kauft euch in der Stadt, was ihr müßt ... und so liegt zugleich ein wenig Buße drin ... nur rührt mir hier nichts an! Nicht diese Magdalena von hier und keine von hier ... geht in die Stadt zu den vielen Magdalenen, die noch nicht Büßerinnen sind, die noch in Sünde leben, die den Herrn noch nicht geschaut haben! Nur nicht die Magdalena in euerem Hause und keine eueres Hauses ... tut euerm Hause, euerm Weib, euch selber und mir und jedem einzelnen der ganzen Gemeinde den Schimpf nicht an ... und vor allem nicht dieser Magdalena, deren Mutter eine Magdalenerin war, die in Sünde starb! – – Ich bitt euch!

Joseph ganz leise, mit ab gewandtem Gesicht: Ich ... dank euch!

Pfarrer nach einer Stille: Doch nun ists Zeit. Wollt ihr mit hinüber zur Kranken?

Joseph fährt auf: Ich ... kann nicht! Jetzt nicht! Nicht in diesem Augenblick!

Lena tritt ein. Der Doktor bittet.

Joseph nimmt sich zusammen: Ich bitt euch, Hochwürden ...

Pfarrer und Lena ab.

Joseph setzt sich. Er scheint todmüde. Nach einer langen Weile steht er auf und geht an ein Fenster. Lehnt die Stirn gegen die Scheibe. Kehrt ins Zimmer zurück und geht wieder ans Fenster. Steht eine Weile, wieder die Stirn gegen die Scheibe gelehnt. Plötzlich ist er erstaunt. Er öffnet schnell das Fenster. Lauter Fabriklärm tönt herein. Er beugt sich hinaus. Ruft: Pfarrer! Pfarrer! Murmelt etwas. Dann ruft er aufs neue. Doktor! Doktor! Um Gottes willen ... Doktor! Er droht zu sinken. Stützt sich. Dann eilt er vom Fenster zurück, sucht seinen Hut, findet ihn nicht gleich, eilt nochmal ans Fenster, wieder zurück, findet endlich den Hut, eilt nach der Tür, öffnet und – – prallt zurück.

Lena steht in der Tür. Ganz bleich.

Joseph: Du!

Lena tritt ein. Die Tür fällt ins Schloß. Sie lehnt an der Türwand. Ganz bleich.

Joseph: Was ist denn?

Lena kann nicht reden.

Joseph: Was ist denn? Was ist denn? Warum ist der Pfarrer ...? Was hat dir der Doktor ...? Warum ist der Doktor ...?

Lena: Wie ich mit Hochwürden runtergeh, kommt der Doktor ...

Joseph: Gleich, gleich! Er schließt das Fenster vor dem Lärm.

Lena: Wie ich mit Hochwürden runtergeh, kommt der Doktor grad ausm Krankenzimmer. Und da sind bloß ein paar Worte hin und her ... und der Pfarrer geht beleidigt davon.

Joseph: Warum?

Lena: Ich glaub, es war wegen euch und ...

Joseph: Und?

Lena: Und dann will der Doktor, daß ich ihn rüberbring zu euch. Aber da kommt sein Wagen und Botschaft ... Ihr wißt, der alte Klinghammer vom Armenhaus ... der hätt sich die Pulsader –

Joseph: Der Klinghammer?

Lena: Da soll der Doktor gleich mit dem Wagen weg ... und zwischen Herausgehen und Aufdenwagensteigen sagt er mir ... er tät sich durch mich bei euch entschuldigen lassen ... und die Madam ... euere Frau ... alle Gefahr ... wär vorbei ...

Joseph: Alle Gefahr –

Lena: Wär vorbei ... Und aber ich müßt ... verständig genug sein ... und sollt euch vom Doktor ausrichten ... jetzt wärt ihr sein Patient ... Madam wird gesund ... nicht durchn Pfarrer ... aber durchn Doktor ... aber da wärn noch drei, vier Monat strenge Schonung ... für euere Frau ... aber nicht für euch ... Und ein Baum im Herbst müßt grob geschüttelt werden, wenn nicht anders der Wind ... Er war ganz aufgeregt, der Doktor, und ganz und gar ausfallend gegen den Pfarrer ... Und er, der Doktor, tät euch frei sagen von Pfarrer und Standesamt für die Zeit ... Ich glaub, ihr versteht schon ... Laßts euch vom Doktor anders sagen, wenn er wiederkommt ... Ich wollts nicht sagen ... aber er hat mirs aufgetragen ...

Joseph kann nicht reden.

Lena hält ihm die Hand hin: Und so ... gratulier ich euch, Herr ... und hab es gesagt ... obwohl sichs nicht geschickt hätt für mich ...

Joseph sieht die Hand nicht. Aber wie? wie? du das alles sagst, Lena! Was ist dir denn, Lena?

Lena ganz wie vorhin auf die Frage des Pfarrers: Mir? Mir is nix! Nein, nein ...

Joseph: Aber doch, Lena!

Lena: Aber ... nein!

Joseph: Doch!

Lena: Ihr ... quält einen!

Joseph Was tu ich?

Lena: Halb treibt es sie wie Schuld. Halb ists wie Koketterie. Aber beides – ungewollt. Ein Hin und Her ... ein bis auf den Tod gequältes Weibchen: Mit euerm Gutsein ... quält ihr mich! Ihr seid immer so gut zu mir gewesen ... und ich wünsch euch Glück ... daß Madam wieder gesund wird! Aber ... ihr wart immer so gut zu mir ... und nun kann ichs nicht danken ... und grad jetzt, wo doch Madam noch lang nicht wird aufsein können ... und wo ihr Verlaß braucht ...

Joseph: Wieso war ich gut zu dir? Und wieso kannst du mirs nicht danken?

Lena: Weil ich ... fort muß ... heut noch ... jetzt ...

Joseph: Du?

Lena: Entweder ... ihr wißts bereits ...

Joseph: Was?

Lena: Oder ... ihr erfahrts!

Joseph: Was denn?

Lena: Aber ihr ... sollts nicht durch ihn erfahren! Er ist falsch! Lieber noch ... durch mich!

Joseph: Was?

Lena: Ich ... und Daniel ...

Joseph: Was?

Lena: Ihr ... wißts!

Joseph: Nichts weiß ich! – – Aber du sagsts!

Lena: Und deswegen ... geh ich heut noch ... muß ...

Joseph: Du und Daniel ...

Lena: Laßt mich ...

Joseph plötzlich: Nein! Jetzt wird dageblieben! Du und ... Daniel? Aber dann ... dann brauch ich ja nicht ...! – – Magst du Daniel nicht mehr?

Lena schreiend: Nein!

Joseph: Möchst du ... mich? Er nimmt sie.

Lena wehrt sich stumm.

Joseph: Hör, Lena! Geh nicht! Ich ... bitte dich! Geh erst ... wenn meine Frau wieder gesund ist! Sei so lang die Meine und ...! Geh dann erst ... wenn meine Frau wieder gesund ist! Dann ... ja ... dann müßtest du ja wohl gehn! Aber ... du kriegst dann Geld mit ... soviel du willst! Willst du?

Lena löst sich entsetzt los: Nein!

Joseph ungeduldig: Warum denn nicht?

Lena geht. Wie sie an der Türe ist, hebt sie laut zu weinen an.

Josephbeschämt; schreit, weil er sich schämt; und schreit wütend, daß er sich schämt. Häßlich: Still, sag ich! Still bist!

Lena dreht sich – an der Tür – nach ihm um. Sieht ihn mit nassen Augen lange an. Und weist dann auf Tisch und Stühle: Wenn das da ... reden könnt, möchtet ihr ... anders von mir denken!

Joseph fährt auf: Was heißt denn das?

Lena: Das heißt ... daß ich jetzt euern Schwager hieherhol! Und der soll aussagen, was ich vor einer halben Stunde hier gesagt hab ... und wenn er dann doch falsch redet, dann ... werden die Stühle für mich reden! Sie geht ab.

Joseph ausbrechend: Was ist denn das mit einem Mal?

 

Daniel tritt ein: Ich ... was soll ich denn? Ich wollte gerade –

Joseph antwortet nicht.

Daniel um die Zeit auszufüllen: Laß dir erst gratulieren zu –

Joseph unmutig: Dazu ... kannst du dir wohl am allermeisten gratulieren, denk ich!

Daniel versuchts mit Lachen.

Joseph: Magdalena hat dich –

Daniel: Ach Gott ... ja ... Er steckt sich eine Zigarette an.

Joseph sieht ihm zu: Ich will nicht deine Meinung hören ... daran liegt mir nichts.

Daniel: So?

Joseph: Absolut nichts! – Ich will nur hören, was Lena heute ... da ... da war wohl etwas wie eine Unterredung?

Daniel: Eine kleine Szene.

Joseph: Ich will nur hören, was Lena heute in bezug auf mich –

Daniel: Ach so! ... ja! ... hm! ... also –

 

Die kleine Magd stürzt herein. Ganz verstört. In einem Ton, als ob sie allein an allem die Schuld trüge: Lena ... hat sich soeben ... sie liegt unten aufm Pflaster ... die Lena hat sich soeben ... aus dem Fenster ...








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