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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 9
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Achtes Kapitel

Der Fremde

Ein weißer Mond stand über den Giebeln von Nürnberg, als Leibniz um etwa zehn Uhr abends desselben Tages durch die Straßen schlenderte. Er hatte seit dem Vormittag nichts gegessen und verspürte mächtigen Hunger. Grund genug, einmal wieder den Gasthof »Zum güldenen Löwen« aufzusuchen, wo er neben wohlbereiteten Speisen oftmals schon interessante Gesellschaft durchreisender Fremder angetroffen hatte.

Die Luft war windstill und lau. Die Umrisse der Häuser und Türme erschienen verzaubert schön in ihrem Gemisch von Schwarz und Silber, und mancher fröhliche, sorglose Klang tönte noch in den Straßen. Aber nicht nur die Umwelt stimmte ihn so freudig. Er hatte am späten Abend den letzten Triumph in der alchimistischen Angelegenheit davongetragen: Das Rätsel war gelöst. Es hatte ihm, als er von den Vorstehern der Rosenkreuzer fortgegangen war, noch immer keine Ruhe gelassen. Und er hatte noch einmal das Laboratorium aufgesucht und von den Nägeln des Italieners mit einem Stahlmeißel einige grobe Späne abgetrennt. Mit diesen war er zum Goldschmied geeilt, der eben mit seiner Familie beim Abendessen saß, und hatte ihn inständig gebeten, die Späne auf ihre Zusammensetzung zu prüfen. Der gutmütige Mann, der Leibniz für ein wenig schrullenhaft ansah, fand schließlich nichts dabei, seinem Kunden die Gefälligkeit zu erweisen, und hatte sich mit allerlei Säuren und Probiersteinen an die Arbeit gemacht. Als Ergebnis hatte er dem ungeduldigen Gast mitgeteilt, daß das Silber kein Silber und das Gold eigentlich kein Gold sei. Das angebliche Silber bestehe ebenso wie das angebliche Gold ungefähr zu gleichen Teilen aus Gold und Silber. Nur sei dem vermeintlichen Silber noch andres, wahrscheinlich Zinn und Zink beigemischt. Daher auch zeige die eine Legierung weiße, die andere gelbe Farbe. Er der Goldschmied, kenne dieses Spiel der Natur genau. Einige Splitterchen mehr Gold in das Gemenge und die Farbe ändere sich förmlich sprunghaft. In der Zunft wisse man, daß mit dieser Eigenschaft solcher Legierungen Unfug getrieben werde. Mehr dürfe er aber nicht ausplaudern.

Leibniz hatte sich bedankt und hinzugefügt, er habe die Späne von uralten Münzen seiner Sammlung abgenommen. Dann war er rasch fortgeeilt und planlos durch die Straßen gewandert.

Jetzt war alles klar. Das »Silber« war durch die Zusätze von Zinn und Zink genau auf den Punkt getrieben, wo die Legierung eben noch weiß erschien. Löste man durch Säure diese unedlen Metalle fort, dann begann das Gold zu überwiegen und das Gemenge nahm die gelbe Farbe an. Daher auch das ungefähr gleiche Gewicht der beiden Nägel und die Enträtselung des auffälligsten Geheimnisses, daß der goldene Nagel, aller Voraussicht zum Trotz, sogar ein klein wenig leichter wog.

Der Italiener war also ein Schwindler und kein Adept gewesen. Gab es wirkliche Adepten? Dieses Geheimnis allerdings war dadurch nicht aus der Welt geschafft. Denn die Tatsache, daß es Betrüger gibt, widerlegt noch nicht das Wunder an sich selbst.

Vor dem »Güldenen Löwen« standen einige gut gelaunte Bürger, die anscheinend eben nach Hause gehen wollten. Er schritt an ihnen vorbei in den reich getäfelten Flur und von dort über eine dunkle Holztreppe hinauf ins Gastzimmer. Der gewölbte, ebenfalls getäfelte Raum mit den schweren Tischen und den geschnitzten Sesseln war fast leer. Nur in einer Nische saß ein äußerst vornehm gekleideter, offensichtlich ortsfremder Herr beim Wein, der, soweit man aus seinem ergrauten Haar schließen konnte, etwa fünfzig Jahre alt schien.

Leibniz ließ sich nieder, bestellte ein ausgiebiges Mahl und gab sich seinem Hunger ohne Scheu hin. Als er sich endlich einigermaßen gesättigt hatte, bemerkte er, daß ihn der Fremde mit lächelndem Wohlwollen beobachtete. Er ärgerte sich anfangs über dieses Lächeln, da er sich bewußt ward, daß sein Heißhunger auf einen Grandseigneur wohl keinen allzuguten Eindruck gemacht haben konnte. Er vermochte aber der Liebenswürdigkeit dieser klaren Augen nicht lange zu widerstehen und begann schließlich selbst zu lächeln.

Als dann kurze Zeit später ein dienstbarer Geist den Raum betrat, rief der Fremde diesen zu sich und raunte ihm einige Worte zu. Der Diener kam hierauf geraden Wegs auf Leibniz zu, verneigte sich sehr unterwürfig und meldete, Seine Gnaden würden es sich zur Ehre anrechnen, wenn der junge Herr geruhten, am Tisch seiner Gnaden Platz zu nehmen und ein Glas Wein mit hochdemselben zu leeren.

Hochdemselben? War der Fremde gar ein Fürst, der inkognito reiste? Oder war es bloß eine Übertreibung des Dieners? Oder gar wieder ein Schwindel oder ein Scherz? Schließlich war nichts gewagt, wenn man der Einladung Folge leistete. Ein Stückchen Welt, ein Stückchen Geheimnis tat sich da wieder auf.

Leibniz nickte, erhob sich und trat an den Tisch des Fremden, der ihm einen Schritt entgegenkam, ihm die Hand reichte und ihm mit einer weltmännischen Geste Platz anbot.

»Wir wollen«, sagte er tief und schnell, »vorläufig einander unsre Namen und Berufe verschweigen, junger Herr. Glauben Sie aber nicht, daß mich Langeweile dazu trieb, Sie zu mir zu bitten. Ich hätte Sie, soweit man so etwas behaupten kann, auch gebeten, wenn das Zimmer voll von Gästen gewesen wäre. Trinken Sie Wein, junger Herr?«

Leibniz, der Platz genommen hatte, bejahte und bedankte sich für die auszeichnenden Worte. »Es scheint heute eine Stimmung für preziöse Abenteuer in der Luft zu liegen«, setzte er unbefangen fort. »Daher nehme ich den Vorschlag beiderseitiger äußerer Unbekanntheit gerne an. Umso lieber, als ich ja durchaus kein Inkognito zu lüften habe und ebenso unbekannt bleiben werde, wenn ich Namen und Titel preisgebe. Für mich ist der Vorschlag also nur von Vorteil. Wenn ich geschickt bin, werden Sie mehr hinter meiner Person vermuten, als sie wirklich wert ist. Ein einseitig vorteilbringender Vertrag. Eine Societas leonina.«

»Sie sind also Jurist« lächelte der Fremde. »Sie sehen schon am Beginn, wie schwer es ist, ein Inkognito zu wahren.«

»Wir wollten doch, rein geistig, mit allen Mitteln die Demaskierung einleiten«, erwiderte Leibniz. »Ich gab den Fingerzeig nicht ohne Absicht.«

»Also auch Logiker?«

»Ein wenig.«

»Ihre formale Bescheidenheit ist verdächtig.«

»Nicht unverdächtiger«, Leibniz lächelte fein, »als die Tatsache, daß ich schon nach den wenigen Worten in die Rolle des Verhörten gedrängt bin. Ich würde verloren sein, wenn ich nicht mit einem Gegenangriff aufwartete. Sie, mein hoher Herr, scheinen nach der Art Ihrer Klingelführung durch eine diplomatische Schule gegangen zu sein.«

»Prost!« Der Fremde erhob sein Glas. »Prost, junger Herr. Ich bin durch Ihre Paraden entwaffnet. Ich werde also bieder und tölpisch fragen. Sind Sie ein Nürnberger?«

»Nein, meine Heimatstadt war Leipzig.«

»Ach Leipzig.« Der Fremde senkte die Augen.

Und nun kam allmählich ein Gespräch in Gang, das sich um Deutschland drehte. Der Fremde hatte schließlich durch Geduld gesiegt. Leibniz wußte nicht mehr, daß fast nur er allein sprach, daß er von seiner Jugend, von seinen ersten Eindrücken des verwüsteten Reiches erzählte, daß er die Erinnerung an jenen landflüchtigen Magister heraufrief, der endlich durch Fürsprache der Verwandten Leibnizens ein karges Brot gefunden hatte. Der als erster im Knaben eine klare Vorstellung von der wahren Lage Deutschlands erweckt hatte.

Der Fremde antwortete, stellte Zwischenfragen, äußerte Ansichten. Endlich, nach langem Gespräch, sagte er plötzlich sehr ernst und gewichtig:

»Sie sollen das Los eines deutschen Patrioten kennen lernen, junger Herr. Dazu muß ich aber mein Inkognito lüften. Weil sonst die Zusammenhänge nicht deutlich werden. Also ich heiße Baron Johann Christian von Boineburg und war, wie Sie vielleicht wissen, erster Minister des Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz. Bitte, wundern Sie sich nicht, verändern Sie weder Ihren Ton noch ihre Meinung. Ich bin heute Privatgelehrter in Frankfurt, bin weder Exzellenz noch Minister und arbeite an einer Geschichte der deutschen Literatur. Kennen Sie die Ereignisse, die zu meinem Sturz führten?«

»Aufrichtig gesagt, nein!« erwiderte Leibniz betreten.

»Mein Gott!« Boineburg schüttelte den Kopf. »Sie scheinen doch eingeschüchtert zu sein. Sie haben es sicherlich nicht notwendig. Ich bin ein Menschenkenner. Kurz, Sie gefallen mir vom ersten Augenblick an, junger Herr. Werden Sie jetzt Vernunft annehmen?«

»Ich verspreche es. Ich sehe ein, unlogisch gedacht zu haben, da ich zuerst schon mit einer Fürstlichkeit rechnete und nun vor dem Minister kleinlaut bin. Aber, verzeihen Sie diese Entgleisung, ich erschrecke vor der hohen Leistung mehr als vor der hohen Geburt. Weil Leistung meinem bürgerlichen Geist faßlicher ist.«

»Nun, Ihre Antwort befriedigt mich. Aber ich will jetzt nicht mehr herumreden, sondern die versprochene Geschichte erzählen. Also, ich hatte meinen Kurfürsten, den großen Johann Philipp von Schönborn, auf dem Reichstag zu Regensburg zu vertreten. Sie wissen ja, in welcher Lage Deutschland ist. Frankreich aber arbeitete schon unter Richelieu auf die Zertrümmerung der Reste unsres Volkes hin. Nebenbei ein bizarrer Gedanke, daß der katholische Kardinal in einem Religionskrieg die Protestanten unterstützte. Frankreichs Absichten sind aber auch heute keine anderen als unter Richelieu. Und wir vorgeschobenen Rheinländer sind die erste und lockendste Beute. Was gibt es da für eine Politik?«

»Entweder volle Unterwerfung oder Vereinigung aller Deutschen zur Abwehr«, fiel Leibniz erregt ein, da ihn ähnliche Gedanken schon oft nächtelang gequält hatten.

Boineburg nickte. Dann setzte er fort:

»Der erste Weg ist Selbstmord. Wenn man nämlich deutsch bleiben will. Manche legen darauf keinen Wert. Diese Menschen wissen nicht, was Deutschland sein könnte, wenn es nur richtig wollte.«

»Ich habe das in Nürnberg gelernt, habe hier erst erkannt, was zu gewinnen – und zu verlieren ist.«

»Ich habe selbst oft dieses Nürnberg als Beispiel angeführt. Sie haben scharfe Augen, junger Mann. Also hören Sie weiter. Es war mir klar, daß ich nur den zweiten Weg gehen konnte, den Weg, unsren Grenzlanden am Rhein ein mächtiges Hinterland anzugliedern. Denn es lauert noch eine rechtliche Gefahr hinter allem. Was, wenn die Franzosen so viel Kurfürstentümer einsacken oder sich hinüberziehen, daß sie im Kollegium der Kurfürsten die Mehrheit bekommen? Der Großteil der Kurfürstentümer liegt im Westen. Ein freundlicher Gedanke, daß sich zum Schluß der französische König die deutsche Kaiserkrone aufsetzt oder einen Stellvertreter und Figuranten zum Kaiser wählen läßt. Ich trieb also auf dem Reichstag zu Regensburg großkaiserliche Politik, Politik des Zusammenschlusses aller deutschen Fürsten und Stände. Durchkreuzte damit natürlich die Absichten der Franzosen. Brachte ihr Kabinett in helle Wut. Sofort setzten die Ränke ein. Oh, nichts wurde offen ausgesprochen! Es hieß nur: Solange Boineburg erster Minister von Kurmainz ist und sogar die anderen Rheinfürsten aufwiegelt, ist Frankreichs Grenze unsicher. Man wolle in Paris nichts als den Frieden. Aber man wisse nicht, wie lange man diesem offensiven Treiben am Rhein zusehen werde können. Selbst die Geduld eines Lammes sei nicht unbeschränkt. Mein Kurfürst verstand, was das alles hieß. Wußte, daß über kurz oder lang Truppen einmarschieren würden. Und so wurde ich gestürzt und in den Kerker geworfen. Wegen staatsgefährlicher Handlungen und Gesinnungen. Ich entging nur mit Mühe der Hochverratsklage. Trotzdem war das alles ein politischer Fehler Frankreichs. Denn die wahren Hintergründe meiner Verhaftung sickerten durch und wirkten auf zahllose deutsche Fürsten aufklärender, als wenn ich die Einigung als Minister weiterbetrieben hätte. Man öffnete mir auch bald den Kerker und ich zog mich nach Frankfurt zurück. Sie werden mich nicht mißverstehen. Ich habe Ihnen nur Dinge erzählt, die in maßgebenden Kreisen bekannt sind. Sie müßten mich sonst wohl für einen politischen Scharlatan halten. Die wahre Politik ist ja Geheimnis und noch einmal Geheimnis. So geheim ging es im Staatenleben noch niemals zu wie jetzt. Übrigens, lockt Sie das diplomatische Spiel, junger Herr?«

Leibniz, den die Erzählung Boineburgs ebenso erschüttert wie aufgestachelt hatte, erwiderte schnell:

»Gewiß, es lockt mich sehr. Lockt mich besonders, da ich die Mathematik liebe.«

»Was heißt das?« Boineburg horchte auf.

»Das heißt, daß überall dort, wo das Geheimnis vorwaltet, zahlreiche unbekannte Faktoren vorhanden sind. Und für das Spiel mit unbekannten Größen ist doch der Mathematiker der berufene Bearbeiter.«

»Eine sonderbare und neuartige Ansicht.« Boineburg sah Leibniz scharf an. »Mein Interesse für Sie beginnt sich zu verdichten. Sie sind ein produktiver Kopf, mein junger Freund. Aber jetzt, bitte, lüften auch Sie Ihr Inkognito.«

Leibniz errötete.

»Ein unbedeutendes Männchen unter zerschlissenem Mantel«, sagte er langsam. »Ich wußte, daß ich als Fremder im Vorteil war. Aber ich muß wohl Ihren Wunsch erfüllen. Also ich bin Doktor beider Rechte, Magister der Philosophie und heiße Gottfried Wilhelm Leibniz. Das ist alles.«

Boineburg starrte Leibniz einen Augenblick wie ein Gespenst an. Dann begann er zu lachen und schüttelte ungläubig den Kopf. Schließlich bändigte er sich und sagte:

»Verzeihen Sie, gestrenger Herr Doktor! Vergeben Sie mir mein schlechtes Betragen. Aber die Welt ist doch voll von närrischem Spuk.« Und er zog ein Notizbuch hervor, blätterte eine Weile darin, dann setzte er fort: »Sie sind aus Leipzig, das sagten Sie schon. Haben im Herbst zu Altdorf summa cum laude promoviert. Und zwar mit der Dissertation ›De casibus perplexis in jure‹. Eine wunderbare Talentprobe. Ich las sie eben heute am Nachmittag. Jetzt sind Sie Rosenkreuzer und Alchimist. Die Professur in Altdorf haben Sie abgelehnt, um die Welt auf Ihre Weise zu erforschen. Und nun sitzen Sie an meinem Tisch, Herr Doktor Leibniz. Wenn es nicht ersprießlich wäre, müßte man es grotesk nennen.«

»Ich verstehe nicht.« Leibniz konnte sich wirklich nichts reimen.

»Ach, es ist sehr einfach, viel einfacher, als Sie denken. Es ist doch klar, daß ein deutscher Patriot wie ich überall mit der Diogenes -Laterne aufstrebende Geister sucht. Denn solange wir nicht Macht gegen Not stemmen können, gilt für uns der Wahlspruch Geist gegen Not. Übrigens ist stets beides nötig. Und ich suche deshalb auch Macht und Geist. Ich habe den Kanzler dieser Stadt besucht und mich mit ihm über ähnliche Themata unterhalten. Wundert es Sie, daß er mich auf Sie aufmerksam machte? Bescheidenheit in Ehren! Es darf Sie aber nicht wundern. Denn zur wahren Leistung gehört richtiges Selbstbewußtsein. Kurz, ich hätte Sie morgen zu mir gebeten, wenn wir uns nicht hier getroffen hätten. Und las zur Vorbereitung unsrer Unterhaltung Ihr Büchlein. Ich verhehle Ihnen aber nicht, daß es mir so wie es kam, lieber ist. Denn ein Unbekannter hat sich bei mir durch sich selbst eingeführt. Das ist die größte Empfehlung, die ein Mensch auf dieser Erde mit sich trägt. Und mit diesem in doppelter Weise bei mir eingeführten Leibniz habe ich meine eigenen Pläne. Wollen Sie in meine Dienste treten, Herr Doktor? Auch meine Zeit wird wieder kommen. Und ich will Sie dorthin führen, wohin Sie im Interesse Ihres Vaterlandes gehören. Vor allem in den geheimnisvollen Bannkreis großer europäischer Politik. Wo man, nach Ihren eigenen Worten, Mathematiker braucht, um das Rätsel zu durchschauen und zu berechnen.«

»Ich werde morgen antworten, Exzellenz«, erwiderte Leibniz, vor dessen innerem Gesicht plötzlich Märchenwelten gaukelten.

»Vorläufig danke ich beschämt für alles Vertrauen und Wohlwollen, das Sie sowohl dem einsamen unbekannten Gast als dem jungen Doktor Leibniz entgegenbrachten.«

»Der Dank wird auf meiner Seite sein, wenn Sie mir nach Frankfurt folgen«, antwortete Boineburg. »Es geschieht alles im höheren Sinne aus Egoismus, was ich tue. Nämlich aus dem Gesamt-Egoismus des wahren Patrioten. Als Privatmann hoffe ich, daß der Name Leibniz meiner Lebensgeschichte Ehre machen wird – falls eine solche Lebensgeschichte einmal geschrieben werden sollte.« Die letzten Worte hatte er ein wenig bitter betont. Dann lächelte er wieder. »Auf das Wohl gemeinsamer Arbeit! Ich weiß, daß Sie mir morgen bejahenden Bescheid geben werden. Irgendwie hat es das Schicksal so gewollt.« Und er hob den dunkelgrünen Römer.

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