Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 7
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Ausgleichendes Schicksal

Kaum zwei Monate später, an einem Novembertag, an dem schwere Schneeflocken vom verhangenen Himmel herabquirlten, drängte sich ein ebenso zahlreiches als vornehmes Auditorium von Gelehrten, Studenten und Laien im Saale der Universität Altdorf.

Zwei Vorsteher des Unterrichtswesens der freien Reichsstadt Nürnberg, dessen Universität eben in Altdorf ihren Sitz hatte, sah man in den vordersten Reihen. Daneben den Kanzler und den Syndikus Nürnbergs.

Und alle die vielen, die gekommen waren, lauschten gespannt der sonderbar zwingenden hellen Stimme des Doktoranden, der dort vorne am Rednerpult stand und seine Dissertation »De casibus perplexis in jure«, eine Abhandlung über scheinbar unlösbare Rechtsfälle, in beinahe klassisch anmutenden lateinischen Sätzen verteidigte.

Nach welchem Gesichtspunkt sollten Rechtsfälle behandelt werden, hatte der Doktorand Gottfried Wilhelm Leibniz eben ausgeführt, in denen sich beide Streitteile auf erhebliche Gründe berufen konnten. Etwa gar vielleicht durch das Los oder durch die notwendig einseitige persönliche Meinung eines Schiedsrichters? Und er hatte in nicht endender Fülle und Tiefe Beispiele gebracht, die das Publikum geradezu in Aufregung versetzt hatten, da jeder der Zuhörenden sich unwillkürlich selbst in eine der Parteien oder in die Rolle des Richters hineindachte. Zuerst krasse Beispiele. Dann stets verwickeltere und feinere. Und dazu die Rechtssätze und Quellen, auf die sich die Parteien berufen konnten. Und er führte die Hörer tiefer und tiefer ins Labyrinth, verlockte sie durch Redepausen zur Einseitigkeit, um dann wieder mit solcher Wucht die Gegengründe vorzutragen, daß einige der alten Gelehrten und Rechtspraktiker schon mit roten Köpfen dasaßen und keinen Ausweg mehr sahen. Plötzlich, wie die fintenreiche Geste eines vollendeten Fechters, der sicher ist, jeden Gegner zu treffen, ein kurzer Übergang in philosophische Zonen. Rasche Schlaglichter auf die Rangordnung geistiger Fähigkeiten und geistiger Bereiche. Und endlich die Lösung und Erlösung: Vernunft steht über jedem Recht, da ja das Recht nur ein Ausläufer, eine Blüte der Vernunft ist. Folglich ist eben Vernunft der letzte Richter, wenn die Gesetze einander widersprechen. Nur das reine Naturrecht also, nur die Grundsätze dieses Gottesgeschenkes, dürfen zur Entscheidung der sonst unlösbaren Fälle herangezogen werden. Da ja sonst Recht und Vernunft zu einem Glücksspiel oder gar zu Willkür erniedrigt würden.

Reicher und allgemeiner Beifall lohnte den Redner und die Spannung wuchs, als Leibniz seine Theorien nunmehr gegen den bestellten Gegner zu verteidigen hatte. Wenn auch dieser Gegner sich redlich Mühe gab, Einwände hervorzusuchen, so hatte man gleichwohl beinahe das Gefühl, er glaube selbst nicht recht an diese Einwände. Und es ereignete sich mehr als einmal, daß Leibniz selbst es war, der die Einwände des Gegners verstärkte, indem er in seiner Widerlegung Schwächen seines Systems, die der Gegner gar nicht behauptet hatte, heraushob und ad absurdum führte. Mit welcher Fülle und Tiefe des Wissens der Doktorand argumentierte, wie Belegstellen aus den entferntesten Gebieten nur so hervorsprudelten, erhöhte das Erstaunen zur Verblüffung. Als aber endlich der Dekan, der berühmte Johann Wolfgang Textor sich erhob und Leibniz in einer sowohl in der Form als im Inhalt ganz ungewöhnlichen Rede auszeichnete, war die Meinung, die Textor aussprach, allgemein, daß die Universität Altdorf sich noch in späten Zeiten rühmen würde können, dem deutschen Volke einen Doktor dieses profunden Wissens geschenkt zu haben. Wenn auch das Verdienst der Universität leider nur darin bestehe, daß sie die wahre Leistung sogleich erkannt habe. »Wo man Leibniz studieren und sich heranbilden gesehen hat«, schloß der Dekan, »dort war man seinem Talent gegenüber mit Blindheit geschlagen. Dort lieferte man ihn willfährig den Neidern zum Opfer aus. Wir aber, die nur das Ergebnis dieser Studien zuerst in Händen hatten, schickten die Dissertation in der ersten Stunde, nachdem wir sie gelesen, in die Offizin zum Druck. Und baten den ausgezeichneten Verfasser, wo nicht mehr, so doch vorläufig den Hut des Doktors von uns entgegenzunehmen.«

Leibniz sah starr vor sich hin, wenn auch ein Schimmer glücklichen Lächelns nicht von seinem blassen Antlitz wich. Wollte der magische Traum kein Ende nehmen? Hatte Wolfgang Textor diese Dinge wirklich gesprochen? Wirkliche Worte vor wirklichen Menschen? Warum erhob sich kein Widerspruch? Warum sagte niemand, er sei zu jung ? Warum nickte der Kanzler von Nürnberg freudig, als ob er selbst geehrt würde? Man konnte das alles nicht fassen, hier versagte Philosophie und Rechtswissenschaft, hier tauchte wieder Erhard Weigel aus Jena empor, der polternd verlangte, aller Gelehrtenzank müsse ins Deutsche übersetzt werden, um in Rauch aufzugehen. Vielleicht hatte Nürnberg und Altdorf den verwickelten, hoffnungslosen Fall des in seiner Vaterstadt geächteten Leibniz erst ins Deutsche übersetzt. Vielleicht lief hier alles nach dem Naturrecht, nach der Vernunft, da diese Menschen hier Natürlichkeit mit Vernunft verbanden.

Es war ein Traum gewesen, war noch ein Traum. Schon als er, rasch entschlossen, seine wenigen Habseligkeiten in Leipzig verpackt und sich auf die Reise begeben hatte. Dann erst vollends, als er der freien Reichsstadt Nürnberg nähergekommen war. Als das Land reicher und fruchtbarer, die Dörfer und die Burgen häufiger geworden, als auf den Feldern, trotz des Herbstes, noch Bauern zu sehen gewesen waren. Und als schließlich die Stadt der Mauern und Bastionen, die Stadt der gotischen Türme und dichtgedrängten Häuser aufgetaucht war. Zuerst hatte er gewähnt, es sei ein Volksauflauf in den Gassen, es sei Brand oder Aufruhr. Erst der Postillon hatte ihn belehrt, es handle sich da um einen Werktagsnachmittag wie stets in Nürnberg. Und er hatte plötzlich erkannt, mit blutendem Herzen erkannt, daß hier, wie unter einer gläsernen Glocke, ein Rest Deutschlands aufbewahrt war, Deutschlands, wie es vor dem Dreißigjährigen Kriege geblüht hatte. Vielleicht der einzige solche Rest. Und diese Stimmung war auch in den Seelen der Menschen. Ihr Gehaben war ruhig und schlicht, alte Trachten sah man an allen Ecken, und obgleich ein dichter Strom des Handels von Italien nach dem Norden hier seinen Umschlagplatz hatte, zeigte sich kein kleinster Ansatz im Wesen dieser Menschen, die fehlenden Dinge durch Fremdes zu ersetzen, oder gar, wie in anderen Orten, aus Verzweiflung die starken Franzosen nachzuäffen. Und man hatte ihm, dem Stadtfremden, ohne langes Zaudern alle Tore geöffnet. Hatte sich nicht auf Überfüllung berufen, die hier gewiß herrschte, sicher mehr, als in Leipzig. Und hatte nicht nach Alter, nicht nach Herkommen, sondern nur nach der Leistung gefragt, da man dem Grundsatz huldigte, daß die Gesamtheit stärker würde, je mehr Kräfte sich vereinigten. Wenn man auch einen Esser mehr auf dem Halse hatte. Wer heute Esser ist, wird morgen Käufer, übermorgen Ernährer. Sofern er was Rechtes konnte. Das wußte die Stadt Albrecht Dürers und Hans Sachsens besser als jede andere.

Alle Formalien hatte man ihm erlassen, vereinfacht, verkürzt. So stand er, der Fremde, heute wahrscheinlich früher als der Intrigant Crusius, am Redepult des Doktoranden.

Wohin zogen ihn seine Gedanken? Es war doch kein Traum. Wirkliche Menschen. Der Dekan hatte eben die letzten überschwänglichen Worte gesprochen. Er mußte die Dankrede halten. Ohne Manuskript. Denn er hatte nur die üblichen Formeln erwartet, nicht eine so persönliche, so einzigartige Ehrung.

Es kam wie ein Taumel über ihn. Alles Verträumte lag weit hinter ihm. Jetzt stand er vor einer entscheidenderen Leistung, als es die Verteidigung seiner nach allen Richtungen durchdachten Dissertation gewesen war. Jetzt galt es nicht mehr die Wissenschaft, jetzt handelte es sich um Kunst, Rhetorik, Aufbau, Vollendung, geboren aus dem Augenblick. Jetzt galt es auch, den Herzen, die sich zu ihm bekannt hatten, sein Herz zu zeigen. Und gleichwohl durfte er die strengste Form, die vornehme Verhaltenheit der antiken Vorbilder nicht überschreiten.

So begann er zu sprechen. Über die lullische Kunst der Kombinatorik. Über die Ergebnisse dieser Kunst für den Einzelnen. Über den Einzelnen, der, wenn er sozusagen Staatsmann seiner selbst, seiner eigenen Talente, Triebe und Begierden sei, diese innere Politik nur dann vollendet zum Siege führen könnte, wenn er sich als kleines Glied der Gesamtheit in diese größere Gemeinschaft eingliedere und so sich selbst erhöhe im gleichen Maß wie das Ganze. Und er leitete hinüber auf das, was er bis jetzt von Nürnberg und seinen Städten, Dörfern und Burgen gesehen hatte, blickte mit Wehmut und Trauer in seine Vergangenheit, die leider noch die Gegenwart des größten Teils von Deutschland sei, und schloß endlich mit einem Ausblick auf die unendliche Aufgabe, die vor den Deutschen liege. Er werde es zeitlebens nicht vergessen und danke dafür, daß Nürnberg ihm gezeigt habe, was Deutschland sein, was es wieder werden könnte. Und was es wieder werden müsse, wenn nicht die Verblendung oder allzu unseliges Schicksal es daran hinderten.

Nun nahm er das Manuskriptblatt, das vor ihm lag, hielt es nahe vor die Augen, da er von Natur ein wenig kurzsichtig war, und las die glatten Hexameter, die üblicherweise als Dank und Huldigung an die Universität, deren Doktor man wurde, vor dem eigentlichen Promotionsakt, die Feierlichkeiten abschlossen.

Als er endlich auf das Zepter der Universität sein »Spondeo« gelobt hatte und von allen Seiten umdrängt und beglückwünscht wurde, stellte es sich heraus, daß den größten Eindruck seine Prosarede gemacht hatte. Und der Syndikus von Nürnberg fragte ihn, warum er das Manuskript der Rede im Gegensatz zu den Versen, die er so nahe ans Auge gerückt habe, auf solche große Entfernung hätte ablesen können. Das Erstaunen war ein allgemeines, als Leibniz das Manuskript der Prosarede zeigte, das einen ganz andren und viel kürzeren Text hatte als seine wirklich gehaltene Rede.

Der Traum aber nahm noch kein Ende. Die Honoratioren Nürnbergs traten mit dem Rektor und Dekan zu einer kurzen Besprechung zusammen und man berief den zwanzigjährigen Doktor, um ihn zu fragen, ob er bereit sei, sofort eine Professur an der Universität Altdorf anzutreten. Leibniz war dermaßen verwirrt, daß er sich Bedenkzeit erbat, die ihm freundlich gewährt wurde.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.