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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 58
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Achtundfünfzigstes Kapitel

Theodicée

Leibniz blickte der Kurfürstin einige Herzschläge lang in die Augen, in denen auch heute noch jener suchend gläubige und doch wieder beinahe abwehrend zornige Schimmer lag, den von der ersten Stunde des Beisammenseins und gemeinsamer Arbeit schon das Kind Charlotte dem Lehrer und Führer entgegengestrahlt hatte.

Da inzwischen Herr von Quirini sich seiner Aufgabe entledigt hatte und die Musiker und einige ältere Hofleute im Raum erschienen, während zwei Kammerdiener die Portieren schlossen, sah Leibniz wieder zu Boden. Und es herrschte Schweigen zwischen den beiden, bis der edle Wein auf dem Tische stand und bis die Musiker in zartem Ansatz die ersten Geigentöne einer sonderbar klaren und einfachen, doch tiefgründigen alten italienischen Fuge erklingen ließen.

»Ich bin nicht unvorbereitet auf Ihre Frage, Hoheit«, begann Leibniz, den die gedämpfte leise, fast nur angedeutete Musik ebensowenig störte wie Charlotte. »Und ich wartete nur auf die schon längst fällige Mahnung Eurer Hoheit, um über einen Plan zu sprechen, der mich seit Tagen nicht losläßt. Ich muß vorsichtig sein, Hoheit, das wissen Sie besser als jeder andre. Vorsichtig nämlich im Versprechen neuer Werke. Da ich ja in der Geschichte des Geistes, wenn diese unbescheidene Wendung erlaubt ist, insofern eine fast einzigartige Stellung einnehme, als ich bis heute, bis zu meinem vierundfünfzigsten Lebensjahr, gleichsam überhaupt noch kein eigentliches Werk verfaßt und veröffentlich habe. Qui me non nisi editis novit, non novit, habe ich einmal verzweifelt an Placcius geschrieben. Und es isr eine eigentümliche Tragödie, mit dem Gefühl durch die Welt zu gehen, nur ein Tatgeist und kein Geist des Sichausgedrückthabens zu sein. Gut, es mag wahr sein, daß mein Spruch, den ich Placcius schrieb, auch für Menschen gilt, die vielbändige Lebenswerke hinterließen. Der lebende Mensch ist stets reicher, weiter als sein Werk. Und nie fast kennt man einen Geist nur aus seinen Editis, aus seinen veröffentlichten Gedanken. Aber zu solchem Extrem, zu solch unwahrscheinlichem Mißverhältnis zwischen geistigem Schaffen und Werkemangel wie bei mir braucht sich deshalb ein Schicksal nicht zu steigern. Ich werde es büßen, Hoheit. Werde dazu verdammt sein, daß meine keimende Philosophie, der ich heute schon den anspruchsvollen Namen einer Philosophia perennis, einer alles überdauernden, alles umgreifenden Philosophie gab, als Wirrsal von mißverständlichen Bruchstücken auf die Nachwelt gelangt und jeder Mißdeutung ausgesetzt ist. Wenn es für mich überhaupt eine Nachwelt gibt. Und nicht besser wird es mir in der Mathematik ergehen und in den anderen Wissenschaften. Ich bin stets Wegweiser, Bahnbrecher, nie jedoch Vollender. Daher auch bin ich zufrieden, daß man mich heute nicht feierte. Denn ich bin der Welt und bin Gott mehr schuldig, als irgendwer es ahnt ...« Er schwieg.

Charlotte aber schüttelte den Kopf.

»Auch mich quält dieses Ihr Schicksal, Leibniz«, erwiderte sie leise. »Sie sind eben nicht imstande, das Werk zu verlassen, um zum Werk zu kommen. Sein und Werden. Substanz und Kraft. Sie verstehen mich, Leibniz. Sie können das Werden nicht unterbrechen, um, wenn auch nur für Monate, im Sein zu ruhen. Sie sind ein Gehetzter, ein Vorwärtsgepeitschter, ein Mensch, den stets die Angst treibt, nicht fertig zu werden, nicht ans Ende zu gelangen, und der deshalb von einer Unendlichkeit in die höhere, tiefere Unendlichkeit stürzt. Obgleich ich überzeugt bin, daß Sie dabei irren. Hören Sie die Töne dieser Fuge, Leibniz. Der Mann, der diese Töne schuf, war sicherlich auch in der Versuchung, in Rhythmen und Klangwogen zu schwimmen, sich treiben zu lassen, nie der Zeit ein Halt zuzurufen, um das bisher innerlich Gehörte in der kalten Schrift der Noten für die Ewigkeit Gestalt werden zu lassen. Und gleichwohl glaube ich, daß er durch diese Zeitbannung, durch diesen scheinbaren Stillstand erst das wurde, was er wirklich war. Werk und Schöpfer sind eine Funktion zweier Veränderlicher, müßten Sie in Ihrer Sprache sagen, Leibniz. Und die Bedeutung dieser Funktion ist die Möglichkeit, sie zu differenzieren und zu integrieren. Ich verliere mich aber in nebelhafte Ahnungen. Ich wollte nur feststellen, daß all das, was dem Menschenwerk gegenüber vielleicht noch gestattet ist, dem Werk zur Ehre Gottes gegenüber schon Sünde wird. Wenn ein Peter Bayle Gott in vielbändigen Schriften fraglich macht, dann hat ein Leibniz zumindest in einem Band zu erwidern.«

»Darauf gibt es keine andre Antwort als die Tat.« Leibniz blickte mit einem Ausdruck von Bewunderung in die Augen der Schülerin, über deren Antlitz ein leichtes Flackern von Ungeduld huschte. »Ich sehe,« setzte er fort, »daß Hoheit zwar überzeugt sind, daß ich den besten Willen habe, nicht jedoch, daß dieser Wille auch wirklich etwas für Ihr Ziel bedeutet. Leibniz wird, so würden Sie sagen, wenn Ihre Milde nicht größer wäre als Ihr berechtigter Wunsch, Leibniz also wird wieder den Pelion auf den Ossa türmen, um Bayle zu widerlegen. Er wird hundert, zweihundert Briefe schreiben. Er wird fünfhundertmal in blendenden Diskussionen über Bayle siegen. Er wird und wird und wird. Am Schlusse aber werden die Gott feindlichen, Gott verdächtigenden, Gott anklagenden Folianten Peter Bayles auf den Bücherborden stehen. Und vom Gegenstoß Leibnizens wird nichts übrig sein als einige vergilbte Briefblätter; wenn auch die nicht längst als Ofenrauch zum Schornstein hinauswirbelten. Der Ankläger Gottes, Bayle, hat also gesiegt, der Anwalt Gottes, Leibniz, der sich nicht genugtun kann, seinen edlen Eifer anzupreisen, hat schmählich versagt. Wegen ›vordringlicher Geschäftigkeit‹, wie es auf anderen Gebieten Herr Fatio de Duillier bezeichnet.«

Charlotte sah zu Boden. Ihre Hand spielte mit dem Weinkelch, und sie erwiderte in jener Härte, die nur ein Zeichen dafür ist, daß sich Worte, die man eigentlich nicht aussprechen will, aus höherem Gewissenszwang den Lippen entringen:

»Alles, was Sie mir als meine wahre Meinung unterlegen, Leibniz, ist richtig. Genau das müßte ich Ihnen sagen. Zu Ihrem Besten, noch mehr aber zum Besten einer armen, leidenden, zweifelnden, suchenden Welt.«

Es entstand eine Pause, in der die Musik, die jetzt zu schwermütig ursprünglichen Melodien übergegangen war, über die beiden Gewalt bekam.

Plötzlich hob Leibniz das Antlitz.

»Und gleichwohl tun Sie mir unrecht, Charlotte«, begann er, ohne zu merken, daß er in die Form der Anrede fiel, die die beiden sich nur für Augenblicke tiefsten geistigen Einverständnisses aufgespart hatten. »Denn dieses Werk, diese Theodicée, diesen Versuch über die göttliche Gerechtigkeit, über die Freiheit des Menschen und über den Ursprung des Übels, werde ich schreiben. Nicht Entwürfe, nicht Briefe, nicht Abhandlungen. Nein, ein Werk, ein Buch, das auch später noch neben Bayles historisch kritischem Dictionnaire auf den Bücherborden stehen soll. Certum an, sed incertum quando! Sicher ist das Ob in diesem Falle. Unsicher nur mehr das Wann. Denn besser keine Entgegnung auf Bayles Anwürfe als eine mangelhafte.« Er schwieg einen Augenblick. Dann fuhr er betont fort: »Damit Sie aber schon heute sehen, Hoheit, daß meine Zukunftspläne mehr als bloße Pläne sind, will ich Ihnen heute den krönenden Schluß dieses noch ungeschriebenen Werkes vorwegnehmend mitteilen. Eine Mitteilung, die gleichzeitig auch die erste Ihrer Fragen nach meiner Lehre von der ›besten Welt‹ beantwortet.« Und er entnahm seiner Brieftasche ein zusammengefaltetes Blatt, das er vor sich auf den Tisch legte. »Ein sonderbarer, viel zu wenig beachteter Dialog des Humanisten und Kampfgeistes Laurentius Valla aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Eine Widerlegung des großen Boethius. Erst vor wenigen Tagen fiel er mir neuerlich in die Hände. Hören Sie, Hoheit.« Und Leibniz begann langsam und betont zu lesen:

»Ein gewisser Antonius Glarea, ein Spanier, bittet Valla um Aufklärung der Schwierigkeit des freien Willens, die viel zu wenig bekannt ist, als sie es eigentlich sein müßte. Denn von ihr hängen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Strafe und Belohnung in diesem und jenem Leben ab. Laurentius Valla antwortet ihm, man müsse sich mit einer Unwissenheit trösten, die uns mit allen Menschen gemeinsam ist, wie man sich darüber tröstet, nicht die Flügel der Vögel zu besitzen. Und nun beginnt das Zwiegespräch:

Antonius: Ich weiß, Ihr könntet mir, gleich einem zweiten Dädalus, diese Flügel geben, um das Gefängnis der Unwissenheit zu verlassen und mich in die Region der Wahrheiten, in die Heimat der Seele, zu erheben. Die Bücher, die ich gelesen habe, genügen mir nicht, nicht einmal der berühmte Boëthius, der allgemeine Anerkennung genießt. Und ich bitte Euch um Eure Ansicht über die Art und Weise, das Vorhersehen Gottes mit der Freiheit des Menschenwillens in Einklang zu bringen.

Laurentius: Wenn ich diesen großen Mann widerlege, fürchte ich, viele vor den Kopf zu stoßen. Aber ich will dessenungeachtet diese Befürchtung den Bitten eines Freundes hintansetzen, vorausgesetzt, du versprichst mir ...

Antonius: Was denn?

Laurentius: Daß du, wenn du bei mir zu Mittag gespeist hast, nicht auch noch verlangst, ich solle dir das Abendbrot vorsetzen, das heißt, ich wünsche, daß du dich mit der Beantwortung der mir von dir gestellten Frage begnügst und mir keine weitere vorlegst.

Antonius: Das verspreche ich dir! Folgendes finde ich bedenklich:

Wenn Gott den Verrat des Judas vorausgesehen hat, so mußte dieser ihn auch ausüben, und unmöglich war es, daß er nicht zum Verräter wurde. Da es aber keine Verpflichtung zum Unmöglichen gibt, sündigte er also nicht und verdiente keine Strafe. Im gegenteiligen Fall werden Gerechtigkeit und Religion und damit die Gottesfurcht vernichtet.

Laurentius: Gott hat die Sünde vorausgesehen, aber er zwingt den Menschen nicht, sie zu begehen, die Sünde ist eine Willensangelegenheit.

Antonius: Dieser Wille war notwendig, da er vorausgesehen wurde.

Laurentius: Wenn mein Wissen es nicht bewirkt, daß die vergangenen oder gegenwärtigen Dinge existieren, dann wird auch mein Vorherwissen noch weniger bewirken, daß die zukünftigen sich verwirklichen.

Antonius: Dieser Vergleich täuscht; weder das Gegenwärtige noch das Vergangene kann verändert werden; sie sind an sich schon notwendig; das an sich veränderliche Zukünftige aber muß durch das Vorherwissen fest und notwendig werden. Denken wir uns einen heidnischen Gott, der sich rühmt, die Zukunft zu kennen: ich will ihn fragen, ob er weiß, welchen Fuß ich voransetzen werde, und dann werde ich gerade das Gegenteil von dem tun, was er vorausgesehen hat.

Laurentius: Dieser Gott weiß, was du tun willst.

Antonius: Wie kann er das, da ich das Gegenteil von dem tun werde, was er sagen wird, und da ich doch voraussetze, er werde sagen, was er denkt?

Laurentius: Deine Fiktion ist irrig: Gott wird dir in solchem Fall nicht antworten, oder wenn er dir doch antwortete, so würde die Verehrung, die du ihm entgegenbringst, dich dazu treiben, schleunigst das zu tun, was er dir gesagt hat: seine Voraussage wird dir ein Befehl sein ... Aber wir sind von unserer Frage abgekommen. Es handelt sich ja gar nicht darum, was Gott voraussagen wird, sondern was er wirklich voraussieht. Kehren wir also zu dem Vorherwissen zurück und unterscheiden wir zwischen dem Notwendigen und dem Gewissen. Es ist nicht unmöglich, daß das Vorhergesehene nicht geschieht. Ich kann etwa Soldat oder Priester werden, aber ich werde es einfach nicht.

Antonius: Gerade hier halte ich dich fest. Wie es die philosophische Regel erheischt, kann alles, was möglich ist, als existierend betrachtet werden. Aber wenn das, was du möglich nennst, das heißt ein von dem Vorhergesehenen verschiedenes Geschehen tatsächlich einträte, dann hätte Gott sich getäuscht.

Laurentius: Die philosophischen Regeln sind keine Orakel für mich. Besonders diese keineswegs genau. Zwei kontradiktorisch entgegengesetzte Behauptungen sind oft alle beide gleich möglich. Können sie etwa darum auch alle beide zugleich bestehen? Aber um dir die Sache noch klarer zu machen, wollen wir einmal annehmen, Sextus Tarquinius käme nach Delphi, um das Orakel des Apollo zu befragen, und erhielte zur Antwort: Exul inopsque cades irata pulsus ab urbe. (Arm und aus deiner Heimat verbannt, wirst du dein Leben verlieren.) Der Jüngling wird sich darüber beklagen. Ich habe dir ein königliches Geschenk gemacht, o Apollo, und du verkündest mir ein so unglückliches Schicksal? Apollo wird ihm sagen: dein Geschenk gefällt mir wohl und ich tue genau das, um was du mich bittest, ich sage dir nämlich, was geschehen wird. Ich kenne die Zukunft, aber ich erzeuge sie nicht. Beklage dich bei Jupiter und bei den Parzen. Sextus würde sich lächerlich machen, wenn er danach noch fortfahren würde, sich über Apollo zu beklagen, nicht wahr?

Antonius: Er wird sagen: Ich danke dir, heiliger Apollo, daß du nicht geschwiegen, sondern mir die Wahrheit entdeckt hast. Doch warum zeigt sich mir Jupiter so grausam und bereitet einem Unschuldigen, einem frommen Verehrer der Götter, ein so hartes Schicksal?

Laurentius: Du dünkst dich unschuldig? wird Apollo antworten. Wisse, daß du hochmütig und ehebrecherisch werden, daß du dein Vaterland verraten wirst. Könnte ihm nun Sextus erwidern: Daran bist du schuld, Apollo, denn du zwingst mich zu solchen Handlungen, weil du sie voraussiehst?

Antonius: Ich muß gestehen, daß er allen Verstand verloren hätte, wollte er eine solche Antwort geben.

Laurentius: Also kann sich der Verräter Judas ebensowenig über das göttliche Vorherwissen beklagen. Und da hast du die Antwort auf deine Frage.

Antonius: Du hast mich mehr befriedigt, als ich es hoffte, du hast getan, was Boëthius nicht vermochte: ich bin dir deswegen mein Leben lang zu Dank verpflichtet.

Laurentius: Doch laß uns noch ein wenig in unserer Geschichte fortfahren. Könnte nicht Sextus sagen: Nein, Apollo, das, was du mir sagst, will ich nicht tun?

Antonius: Wie, wird der Gott entgegnen, sollte ich also ein Lügner sein ? Ich sage dir noch einmal, du wirst all das tun, was ich dir soeben verkündet habe.

Laurentius: Vielleicht wird Sextus zu den Göttern beten, den Schicksalsbeschluß zu ändern und ihm ein besseres Herz zu geben.

Antonius: Man wird ihm zur Antwort geben: Desine fata Deûm flecti sperare precando (Laß ab und hoffe nicht, das von den Göttern bestimmte Schicksal durch dein Flehen abzuwenden). Er wird das göttliche Vorherwissen nicht Lügen strafen. Doch was wird Sextus jetzt sagen? Wird er nicht in Klagen gegen die Götter ausbrechen? Wird er nicht sagen: Wie? ich bin also nicht frei? Es steht nicht in meiner Macht, der Tugend zu folgen?

Laurentius: Vielleicht wird Apollo ihm entgegnen: Wisse, mein armer Sextus, daß die Götter einen jeden so erschaffen, wie er ist. Jupiter hat den Wolf raubgierig, den Hasen furchtsam, den Esel dumm und den Löwen mutig geschaffen. Dir hat er eine bösartige, unverbesserliche Seele verliehen; du wirst deiner Natur entsprechend handeln und Jupiter wird dich bestrafen, wie deine Taten es verdienen, das hat er beim Styx geschworen.

Antonius: Ich muß gestehen, Apollo scheint mir bei seiner Entschuldigung Jupiter mehr anzuklagen als Sextus, und Sextus kann ihm darauf folgendes antworten: Jupiter verdammt also in mir sein eigenes Verbrechen; er ist der allein Schuldige! Er konnte mich ganz anders erschaffen, aber so wie ich einmal geschaffen bin, muß ich nach seinem Willen handeln. Warum bestraft er mich dann? Konnte ich seinem Willen widerstehen?

Laurentius: Ich gestehe dir, daß ich hier ebenso gefangen bin wie du. Ich habe die Götter Apollo und Jupiter auf der Bühne erscheinen lassen, um dir den Unterschied zwischen dem göttlichen Vorherwissen und der göttlichen Vorsehung klarzumachen. Ich habe gezeigt, daß Apollo, das Vorherwissen, der Freiheit keinen Abbruch tut, aber ich vermag dir über die Willensbeschlüsse Jupiters, über die Gesetze der Vorsehung, keine zureichende Auskunft zu geben.

Antonius: Du hast mich aus einem Abgrund gezogen, um mich in einen viel größeren zu stoßen.

Laurentius: Erinnere dich unseres Vertrages: ich habe dir ein Mittagessen gegeben und du verlangst von mir, ich solle dir auch noch mit einem Abendessen aufwarten.

Antonius: Jetzt erkenne ich deine List: du hast mich angeführt und das ist kein rechter Vertrag.

Laurentius: Was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Man fragt doch nicht, warum Gott etwas vorhersieht; denn die Antwort wäre selbstverständlich: deshalb nämlich, weil es geschehen wird; sondern man fragt, warum er es so angeordnet hat, warum er diesen verhärtet, warum er mit jenem Mitleid hat. Seine Gründe hierfür kennen wir nicht, aber es genügt, daß er allgütig und sehr weise ist, um uns erkennen zu lassen, daß diese Gründe gut sind. Und da er auch gerecht ist, so folgt, daß seine Beschlüsse und Handlungen unsere Freiheit keineswegs zuschanden machen können. Glauben wir also an Jesum Christum, er ist die Tugend und die Weisheit Gottes; er lehrt uns, daß Gott das Heil aller will: daß er kein Verlangen nach dem Tode des Sünders trägt. Vertrauen wir auf die göttliche Barmherzigkeit und machen wir uns ihrer nicht durch unsre Eitelkeit und Böswilligkeit unwürdig.«

Leibniz schwieg.

»Ist das alles, Leibniz, was Sie mir zu sagen haben?« fragte Charlotte, die mit weitgeöffneten Augen jedes Wort des Laurentius Valla in sich gesogen und durch die Begleitung schneller und scharfer Gedankenläufe geprüft hatte.

»Nein, es ist nicht alles. Es ist erst der Beginn, gleichsam das Präludium meiner eigenen Entscheidungen.« Leibniz faltete das Blatt zusammen und steckte es zu sich. Dann aber trank er ein Glas Wein und setzte fort:

»Der Dialog Vallas ist schön, wenn sich auch hier und dort etwas einwenden ließe: aber der Grundfehler besteht darin, daß Valla den Knoten zerschneidet, und daß er die Vorsehung unter dem Namen Jupiters zu verdammen scheint, den er beinahe zum Urheber der Sünde macht. Führen wir daher die kleine Fabel noch ein wenig weiter. Sextus verläßt Apollo und Delphi und begibt sich zu Jupiter nach Dodona. Er bringt Opfer dar und läßt dann seine Klagen erschallen. Warum hast du mich dazu verdammt, großer Gott, böse und unglücklich zu sein? Ändere mein Los und mein Herz, oder gib dein Unrecht zu. Jupiter antwortet ihm: Wenn du auf Rom Verzicht leistest, werden dir die Parzen ein anderes Schicksal spinnen, du wirst weise und glücklich werden. Sextus: Warum soll ich der Hoffnung auf eine Krone entsagen? Kann ich denn kein guter König werden? Jupiter: Nein, Sextus; ich weiß besser, was du tun mußt. Gehst du nach Rom, dann bist du verloren. Sextus konnte sich nicht entschließen, ein so großes Opfer zu bringen, er ging und überließ sich seiner Bestimmung. Theodorus, der Hohepriester, der den Dialog des Gottes mit Sextus mitangehört hatte, richtete folgende Worte an Jupiter: Deine Weisheit ist anbetungswürdig, o großer Herrscher der Götter! Du hast diesen Mann seines Unrechts überführt; von nun an muß er sein Unglück ausschließlich seinem schlechten Willen zuschreiben, dagegen läßt sich nichts einwenden. Doch deine gläubigen Verehrer sind erstaunt; sie wünschten sowohl deine Größe als auch deine Güte zu bewundern; von dir hängt es ja ab, ihm einen anderen Willen zu verleihen.

Darauf antwortet Jupiter: Geh zu meiner Tochter Pallas, von ihr wirst du erfahren, was ich tun mußte.

Theodorus reiste nach Athen: man befahl ihm, im Tempel der Göttin zu schlafen. Im Traume sah er sich in ein unbekanntes Land versetzt. Dort war ein Palast von außerordentlichem Glänze und ungeheurer Größe. Umgeben von den Strahlen blendender Majestät erschien die Göttin Pallas am Tore, wie sie den Himmelsbewohnern in all ihrer Macht und Wesenheit zu erscheinen pflegt.

Sie berührte das Angesicht des Theodorus mit einem Ölzweige, den sie in der Hand hielt. Dadurch wurde er fähig, den göttlichen Glanz der Tochter Jupiters und all das zu ertragen, was sie ihm zeigen sollte. Jupiter liebt viele (sprach sie zu ihm) und hat dich zu mir geschickt, damit ich dich unterweise. Hier siehst du den Palast der Schicksalsbestimmungen, den ich behüte. Er enthält die Darstellungen nicht nur des Geschehenden, sondern auch alles Möglichen; und Jupiter hat in ihn hineingeblickt vor dem Beginn der wirklichen Welt; er hat die möglichen Welten überdacht und die beste von allen erwählt. Zuweilen besucht er diesen Ort, um sich an einem Überblick über die Dinge zu erfreuen und seine eigene Wahl zu erneuern, an der er selbst nur Wohlgefallen haben kann. Er braucht nur das Verlangen auszusprechen, und wir werden eine Welt erblicken, die mein Vater erzeugen konnte und in der sich alles Verlangte dargestellt finden wird: Hierdurch vermag man auch das zukünftige Geschehen zu erfahren, wenn dieser oder jener Möglichkeit Existenz zukommen soll.

Sind die Bedingungen nicht klar genug, so wird es so viele voneinander verschiedene Welten geben, wie man nur will, und sie werden auf verschiedene Weise derselben Frage genügen und sie auf jede mögliche Art lösen. Als du jung warst, hast du, wie alle gut erzogenen Griechen, auch Unterricht in der Geometrie erhalten und weißt daher, daß im Falle die Bedingungen für einen gesuchten Punkt ihn nicht deutlich genug bestimmen, es dann unendlich viele solcher Punkte gibt und daß sie alle in den sogenannten geometrischen Ort fallen; denn dieser Ort (der häufig eine Linie ist) wird wenigstens bestimmt sein. So kannst du dir eine regelmäßige Folge von Welten denken, die sämtlich für sich den Fall enthalten, um den es sich handelt, während sich die Umstände und Folgen dieses Falles variieren lassen. Setzest du jedoch einen Fall, der von der wirklichen Welt nur durch eine einzige bestimmte Sache mit ihren Folgen abweicht, dann wird dir eine bestimmte Welt Antwort geben: alle diese Welten finden sich nun hier als Vorstellungen. Ich will dir jetzt etliche davon zeigen, in der sich zwar nicht der nämliche Sextus, den du gesehen hast (das geht nicht, weil er stets das mit sich trägt, was er sein wird) finden wird, aber doch ähnliche Sextusse, die von dem wirklichen Sextus alles dir Bekannte besitzen, aber nicht alles, was jetzt schon in ihm vorgebildet ist, ohne daß man es bemerkt, und infolgedessen auch nicht alles, was ihm noch geschehen wird. In einer Welt wirst du einen sehr glücklichen, hochgestellten, in einer anderen einen mit einer mittelmäßigen Stellung zufriedenen Sextus finden, Sextusse jeder Art und in zahlloser Gestalt.

Da führte die Göttin den Theodorus in eines der Gemächer: als er sich darin befand, war es kein Gemach mehr, sondern eine Welt. Sie hatte ihre eigene Sonne, ihre besonderen Gestirne.

Auf den Befehl der Pallas aber erschien das Heiligtum von Dodona mit dem Tempel Jupiters, und Sextus, wie er ihn gerade verließ: man hörte ihn sagen, er wolle dem Gotte gehorchen. Und schon sieht man ihn nach einer Stadt an einer Meerenge reisen, anscheinend nach Korinth. Dort kauft er einen kleinen Garten; während er ihn bebaut, findet er einen Schatz, er wird ein reicher, beliebter, angesehener Mann und stirbt hochbetagt, von der ganzen Stadt verehrt. Theodorus erblickt das ganze Leben des Sextus mit einem Schlage und wie in einer Theatervorstellung.

In diesem Gemach befand sich auch ein großes Buch; Theodorus konnte sich nicht enthalten zu fragen, was es zu bedeuten habe. Das ist die Geschichte dieser Welt, in der wir uns gerade zum Besuche aufhalten, sprach die Göttin zu ihm: es ist das Buch ihrer Schicksalsbestimmungen. Auf der Stirn des Sextus sahst du eine Zahl, schlage in diesem Buch die Stelle auf, die sie angibt. Theodorus suchte sie und fand dort die Geschichte des Sextus weit ausführlicher, als er sie im Abriß gesehen hatte. Zeige mit dem Finger auf irgend eine beliebige Stelle, sprach Pallas zu ihm, und du wirst tatsächlich in allen Einzelheiten finden, was sie im großen erzählt. Er gehorchte, und vor ihm erschien ein Teil aus des Sextus Leben in allen Einzelheiten. Man ging in ein anderes Gemach und erblickte eine andere Welt, einen anderen Sextus, wie er den Tempel verließ und, entschlossen, dem Jupiter zu gehorchen, nach Thrazien reiste. Er heiratet dort die Tochter des Königs, der keine anderen Kinder hatte, und folgt ihm auf dem Throne. Er wird von seinen Untertanen angebetet. So schritt man in andere Zimmer, und stets sah man neue Bilder.

Die Gemächer liefen in eine Pyramide aus: sie wurden immer schöner, je näher man ihrer Spitze kam, und stellten immer schönere Welten dar. Endlich gelangte man in das oberste, die Pyramide abschließende Gemach, und dies war das schönste von allen; denn die Pyramide hatte einen Anfang, doch ihr Ende sah man nicht, sie hatte eine Spitze, aber keine Basis; sie verlief sich im Unendlichen. Dies kommt daher (führte die Göttin aus), weil es unter einer Unendlichkeit möglicher Welten eine beste von allen gibt, sonst hätte Gott keinen Grund gehabt, überhaupt eine zu erschaffen; aber es gibt keine, unterhalb derer sich nicht noch minder vollkommene befänden: aus diesem Grunde nimmt die Pyramide nach unten ins Unendliche stetig ab. Als Theodorus in dieses höchste Gemach eintrat, verfiel er in Ekstase. Die Göttin mußte ihm zu Hilfe kommen: ein Tropfen göttlicher Flüssigkeit, den sie auf seine Zunge brachte, erweckte ihn wieder. Er war vor Freude außer sich. Jetzt sind wir in der wirklichen Welt (sagte die Göttin), und hier bist du an dem Quell des Glücks. Sieh, was Jupiter dir zugedacht, wenn du fortfährst, ihm treu zu dienen. Hier ist Sextus, wie er in Wirklichkeit ist und wie er in Wirklichkeit sein wird. Er verläßt den Tempel zornentbrannt, er mißachtet den Rat der Götter. Wie du siehst, geht er nach Rom, bringt alles in Unordnung, schändet das Weib seines Freundes. Hier erblickst du ihn mit seinem Vater, vertrieben, besiegt und im Unglück. Hätte jetzt Jupiter einen glücklichen Sextus nach Korinth oder als König nach Thrazien versetzt, dann wäre dies nicht mehr die wirkliche Welt. Und dennoch mußte Jupiter diese Welt erwählen; denn sie übertrifft alle anderen an Vollkommenheit und bildet die Spitze der Pyramide: im anderen Falle hätte Jupiter seiner Weisheit entsagen müssen und mich, seine Tochter, verbannt. Du siehst, mein Vater hat den Sextus keineswegs böse erschaffen; er war es seit aller Ewigkeit und er war es immer aus freien Stücken: er hat ihm nur eine Existenz gewährt, die seine Weisheit der Welt, in der er einbegriffen ist, nicht verweigern konnte: er hat ihn aus der Region der Möglichkeiten in die Region des wirklichen Seins versetzt. Des Sextus Verbrechen dient zu großen Dingen; es macht Rom frei, und daraus wird Rom als großes Reich hervorgehen und große Beispiele abgeben. Das ist jedoch noch nichts, verglichen mit der Gesamtheit dieser Welt, deren Schönheit du erst dann bewundern kannst, wenn die Götter dich nach einem glücklichen Übergange von diesem sterblichen in einen anderen besseren Zustand ihrer Erkenntnis teilhaftig werden lassen.

In diesem Augenblick erwacht Theodorus. Er bringt der Göttin seinen Dank dar, er läßt Jupiter Gerechtigkeit widerfahren und erfüllt, durchdrungen von dem Geschehenen und Vernommenen, seine Tätigkeit als Hohepriester mit allem Eifer eines wahren Dieners seines Gottes und mit aller Freude, deren ein Sterblicher fähig ist.«

Die Musik spielte eine Sarabande, als Leibniz seine stets dithyrambischer vorstürmenden Visionen geschlossen hatte. Nach langer, von den beiden durchschwiegener Zeit, schimmerten plötzlich in den wunderbaren Augen der Fürstin Tränen. Sie reichte ihm unvermittelt über das Tischchen hinüber die Hand.

»Ich habe Sie nicht fruchtlos gebeten, Leibniz. Ich danke nicht. Denn da ist nichts zu danken. Aber sagen darf ich, daß nicht nur Sie, mein Leibniz, heute auf dem Schneegipfel der Ewigkeit standen. Auch ich bin heute gleichberechtigt neben Ihnen gestanden. Es war die erste, die große, die einzige Stunde meines wirklichen Lebens. Und ich weiß, daß dieses Werk geschrieben werden wird.«

Leibniz drückte die zarte, schmale Hand der Fürstin und neigte entzückt und zustimmend den Kopf, als die Musik eben zu freudig jauchzenden Akkorden anschwoll.

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