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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 57
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Siebenundfünfzigstes Kapitel

Jahrhundertwende

Obgleich Leibniz wie ein unbeteiligter Zuseher an einer Säule lehnte und durch das Lorgnon schon seit Stunden das Gewühl des Maskenfestes beobachtete, war es im strahlend erleuchteten Saale nicht nur ihm, sondern auch allen anderen klar, daß dieses Fest nicht so sehr dem Geburtstag des Kurfürsten von Brandenburg als jenem in vornehmstes Schwarz, Weiß und Silber gekleideten Manne galt, der eben dort an der Säule lehnte und nur darum nicht sich vordrängte, weil er es durchaus nicht notwendig hatte.

Es war der 11. Juli des Jahres 1700. Gleich der Beginn des neuen Jahrhunderts hatte Leibniz wieder auf einen Gipfel gehoben, dessen sichtbarer Ausdruck eben dieses von der Kurfürstin Charlotte veranstaltete Maskenfest war.

Der ganze Adel und die ganze gelehrte Welt Berlins und Kurbrandenburgs waren versammelt. Der Kurfürst, umgeben von den höchsten Würdenträgern, saß prunkvoll und blendend wie stets in einer Loge. Und gerade das Nebeneinander ernsten Zeremoniells und beinahe kindlicher Maskerade gab dem Feste jene Stimmung, die Leibniz für Stunden in eine heitere und problemlose Gegenwart entrückt hatte.

Schon der Einzug der Gruppen war ein Spektakulum gewesen. Die Devise des Festes, eine burleske Dorfmesse, war dem schalkhaft ironischen Geist Charlottens entsprungen, die sich aus der dadurch notwendigen Entwürdigung der steifen Hof-Formen und aus den Kontrasten mit richtigem Instinkt all das versprochen hatte, was auch wirklich eingetreten war.

Zwischen Jahrmarktsbuden promenierten in großer Gala die Gesandten. Und in den Buden hielt Markgraf Christian Ludwig mit ergrauten Hofbeamten eifrig Schinken, Würste, Rinderzungen, Wein, Limonade, Tee, Kaffee, Schokolade und ähnliche Dinge feil, worin er durch anmutige Kellnerinnen unterstützt wurde, deren jede sich ihres adeligen Stammbaums nicht zu schämen brauchte. Ein Herr von Osten machte den Scharlatan. Unter den Hanswursten und Seiltänzern zeichnete sich der Markgraf Albert aus. Der Graf von Solms und Herr von Wassenaer waren kühne Springer. Aber nichts war artiger anzusehen als ein höchst kunstfertiger Taschenspieler, der allen Hokuspokus der Welt beherrschte; und in dem man schließlich erstaunt den Kurprinzen erkannte.

Unter Trompetenschall zog auf einer Art von Elefanten plötzlich der Doktor, Herr von Alleures, ein; und hinter ihm wurde in einer Sänfte durch Türken die Doktorin, die keine geringere als Charlotte selbst war, zur Bude des Marktschreiers getragen.

Ein Ballett von Zigeunerinnen unter Anführung der Fürstin von Hohenzollern steigerte die Buntheit des Bildes. Und auch ein wahrsagender Astrologe mit einem riesigen Teleskop gab seine Weisheit zum besten, in dem man zuerst Freiherrn von Leibniz selbst vermutete, da diese Rolle ihm zugedacht gewesen war. Um so größer war das Erstaunen, als Leibniz noch immer an der Säule lehnte und es sich herausstellte, Graf von Wittgenstein habe im letzten Augenblick Leibniz diese Mühe abgenommen.

Es war schon eine Stunde nach Mitternacht. Unverändert heiter und angeregt wogte die Gesellschaft durcheinander, kleine Abenteuer und Intrigen wurden angebahnt, fortgesetzt oder beendet, und jeder drängte sich dazu, die wundertätigen Ratschläge der »Doktorin« entgegenzunehmen, die den seltenen Anlaß benützte, in Form von Verhaltungsmaßregeln das ganze Machtgefüge Kurbrandenburgs zu ironisieren. Man nahm es aber der Kurfürstin durchaus nicht übel. Im Gegenteil. Einer erzählte es im Lärmen absichtlich disharmonischer Dorfmusiken dem anderen, wie sehr er von Charlotte durchschaut und zum besten gehalten worden sei. Und es war selbstverständlich, daß man sich in gutmütig scherzender Art am »Lehrer«, an Leibniz, schadlos hielt und ihm allerlei Zusammenhänge mit den Aussprüchen der »Doktorin« ansann, denen er natürlich vollkommen fern stand.

Als man bemerkte, daß Leibniz zu solchen Scherzen, die man ihm anzüglich mitteilte, nicht schwieg, sondern womöglich noch treffsicherere Bosheiten und Anspielungen hinzufügte, zog man es vor, zu lachen und ihn in Ruhe zu lassen.

Nun war er schon, während das Treiben durch Tanz, Spiele und durch die Anregung beginnenden Liebesgetändels stets ausgelassener wurde, fast eine Stunde von niemandem mehr angesprochen worden. Und es war, im Gegensatz zu diesem vordrängenden Leben, in ihm eine Stimmung entstanden, die ihm den eigentlichen Sinn des heutigen Festes zum Bewußtsein brachte.

Jahrhundertwende ? War das der Sinn des Festes ? Oder nur einer der vielen Gedanken, die ihn plötzlich bestürmten? Es ist etwas Eigentümliches um das Gefühl tiefbewußter Menschen, die den Anbruch eines Jahrhunderts miterleben. Gut, es ist nichts als eine Konvention, diese plötzliche Veränderung der zweiten Ziffer aller Jahreszahlen. Und doch kann sich wieder fast niemand, den die Dämonen der Geschichte je überkamen, diesem Ziffernwechsel entziehen. Es ist mehr als eine Ziffer, ist eine veränderte Farbe der Zeit, wenn man so sagen darf. Und diese veränderte Farbe legt sich unbemerkt und ohne daß die vielen es wissen, über alle Ereignisse. Jeder will neu beginnen. Jeder will Vergangenes abschließen. Mit einem Glockenschlag sind hundert Jahre zur Geschichte geworden, bekommen ein Kennwort, eine tragende Idee, eine gemeinsame Grundnote. Und ein rätselhaftes Nichts, die ungeheure Zukunft hundert neuer Jahre, steht vor dem Betrachter. Hundert Jahre, deren gemeinsames Gesetz erst gefunden werden soll.. . .

Die wirkliche, nur scheinbar an solche Grenzen nicht gebundene Geschichte leistet allem Aberglauben der Jahrhundertwende Vorschub. Denn all das, was bewußt und unbewußt die Menschen fühlen, wird ja durch diese Gefühle zu äußerem Geschehen, zur Tat. Und es wäre der Untersuchung wert, zu erforschen, warum gewaltsame Neuformungen so häufig und so sichtbar gerade am Beginn oder am Ende der gewiß nur konventionellen Jahrhunderte unsrer Zeitrechnung auftreten.

Die Schlacht bei Zenta, der Friede von Ryswick und andre Ereignisse hatten einen gewissen Abschluß gebracht. Auch für das Vordringen der Macht Frankreichs. Denn der Genius Prinz Eugens verhieß eine neue Entwicklung im großen Krieg um die spanische Erbfolge, der sich eben unheilkündend vorbereitete.

Leibniz selbst, als Einzelner, war aber auf ganz andren Fährten zur Gegenwart des heutigen Gipfeltages emporgestiegen, obgleich er wieder mehr als einmal in die Ereignisse der großen Staatengeschichte eingegriffen hatte. Auch sein zweiter Herr, Kurfürst Ernst August, war gestorben. Die so tragisch erstrittene Primogenitur Georgs war wirksam geworden. Und Leibniz unterstand jetzt jenem kalten, wortkargen Fürsten, der ihn beim ersten Zusammentreffen beinahe wie einen Domestiken behandelt hatte. Aber auch aus andren Zonen waren dunkle Schatten emporgestiegen. Im Jahre 1699 hatte Fatio von Duillier seinen ersten Schlag geführt und in seinen »Zwei Abhandlungen über die Brachistochrone«, in einer Schrift, die mit Genehmigung der englischen Sozietät erschienen war, nicht weniger behauptet, als daß er, Fatio, den zur Bewältigung des Problems der Brachistochrone erforderlichen Kalkül bereits im Jahre 1687 selbständig entdeckt habe und daß er in dieser Hinsicht kein geringeres Wissen besessen hätte, wenn Leibniz damals noch gar nicht geboren gewesen wäre. Möge sich Leibniz daher »seiner« Methoden oder andrer Schüler rühmen, ihn könne er gewiß nicht dazu rechnen. Gut, er erkenne es neidlos an, daß Newton der erste und unbestrittene Erfinder dieses Kalküls sei. Denn dazu nötige jeden der Augenschein der Dinge. Ob aber Leibniz, der angebliche zweite Erfinder, von Newton etwas entlehnt habe, darüber sollten andre ein Urteil abgeben, denen Einsicht in die Briefe und Handschriften Newtons gewährt würde. Niemanden aber, der durchstudiert habe, was er, Fatio, an Dokumenten aufrollen könnte, würde in dieser Sache hinfürder das Schweigen des allzu bescheidenen Newton und Leibnizens vordringliche Geschäftigkeit täuschen.

Leibniz hatte leider die ganze Tragweite dieses Vorstoßes nicht gleich voll erkannt. Im Bewußtsein seines Rechtes hatte er die Verbissenheit des begabten Halbnarren Fatio und die unwahrscheinliche Ungerechtigkeit einmal aufgepeitschten englischen Nationalhochmuts unterschätzt. Und er hatte nur mit beinahe spielerischen Gegenstößen geantwortet.

Gleichwohl war sein Gefühl seit dieser Zeit kein gutes, obwohl der Marquis de l'Hospital und die Bernoullis sogleich an seine Seite getreten waren. Denn auch in Frankreich bekämpfte schon seit geraumer Zeit Herr von Gallois, derselbe, mit dem Leibniz vor Jahrzehnten im Park Colberts zusammengestoßen war, die Differentialrechnung mit ebensoviel Starrsinn als eitler Selbstliebe.

Neue Pläne, neues Vordringen in fremdes Gebiet hatten ihn von diesen Mißhelligkeiten aber wieder abgelenkt. So waren seine »Unvorgreifliehen Gedanken« noch zu Ende des Jahrhunderts erschienen, in denen er endlich längsterwogene Ansichten über die deutsche Sprache in feurig mitreißender Form seinem Volke vorhielt und damit eine Sturmwoge nationaler Begeisterung erregte, deren Höhepunkt noch nicht abzusehen war. So hatte er – und diese Tat führte auf sonderbaren Wegen in die Mitte des heutigen Festes – die Kalender-Reform, mit der sich auch sein ehemaliger Lehrer, der greise Erhard Weigel in Jena, angelegentlich befaßte, sogleich aufgegriffen und zur eigenen Sache gemacht. So unscheinbar der Anlaß war: Leibniz hatte mit unwahrscheinlichem Spürsinn herausgefunden, daß hier ein Angriffspunkt lag, der nicht nur wieder alle Unionsbestrebungen der einzelnen Religionen in Fluß bringen konnte. Er hatte darüber hinaus, im Verkehr mit der französischen Akademie, mit den berühmtesten Astronomen wie Bianchini, Olaf Römer und Samuel Reiher der Angelegenheit eine Weite verliehen, die schließlich zur Gründung der Sozietät in Berlin führte. Und damit dem Geistesleben der obersten Weisheitsschichten Deutschlands den ersten, untilgbaren Mittelpunkt gab.

Aber noch ein zweites Geflecht wichtigster Beziehungen verknüpfte sich mit dieser Gründung, die streng nach seinen Grundsätzen eben erfolgt war: das Verhältnis der beiden neuen norddeutschen Vormächte, Hannovers und Brandenburgs, war eben durch den zielbewußten Ehrgeiz Hannovers nicht das beste. Und kein Kundiger übersah, wo wiederum das Kraftzentrum hannöverschen Ausbreitungswillens lag. Kurfürstin Sophie und Freiherr von Leibniz, dessen Streben nach dem Kanzlerposten Hannovers bisher abgewehrt worden war: das waren die beiden Gehirne, die das Geschick Norddeutschlands entschieden. Alle übrigen waren mehr oder weniger einflußlose Figuranten.

Und nun, um die Verwirrung voll zu machen, war eben dieser Leibniz gleichzeitig der Freund und Lehrer der Kurfürstin von Brandenburg. Lostrennung, Verfeindung, Entfremdung kamen nicht in Frage. Was also war natürlicher, als daß Staatsmänner und Diplomaten gute Miene zu einem Spiele gemacht hatten, von dem man nicht einmal wußte, ob es ein böses Spiel war. Denn der Verfasser der »Unvorgreiflichen Gedanken« konnte zwar engstirnigen Hausmachtplänen gefährlich werden, nie aber gesamtdeutschen Interessen. Um so weniger, als er, wie es hieß, bereits vom deutschen Kaiser zu geistigem Eingreifen in den spanischen Erbfolgestreit für das Reich aufgefordert worden war. Und so strebten alle, denen die Trias Sophie, Leibniz und Charlotte irgendwie im Weg stand, den »Gelehrten«, den »Philosophen«, den »Historicus« wieder aufsein »verstaubtes« wissenschaftliches Gebiet hinüberzuschieben, auf dem ihm außerdem eben in England gefährliche Feinde erwuchsen. Und in Hannover hatte eine dem neuen Kurfürsten Georg nicht ganz fernstehende Hofclique alles aufgeboten, den gefährlichen »Sich-in-alles-Mischer« dadurch lahmzulegen, daß man ihn zur Vollendung der Weifengeschichte drängte; von der wieder halbwegs Sachkundige wußten, daß sie nach dem festgelegten Plan fast mehr als ein volles Menschenleben an Arbeitslast und Arbeitsdauer heischte.

Leibniz nun war sich all dieser Zusammenhänge durchaus bewußt gewesen, als er die Gründung der Sozietät der Wissenschaften in Berlin unternommen hatte. Ja, noch mehr. Eben diese Aufgabe war ihm als Sprungbrett zur Verwirklichung seiner politischen Pläne erschienen, die schlicht und klar auf nichts andres zielten als auf Stärkung und Zusammenballung der Einzelglieder des Reiches mit dem Endziel einer vollkommenen Verschweißung dieser gestärkten Teile zur großen einigen deutschen Nation. Und so stand er heute als erster Präsident der ersten deutschen Sozietät der Wissenschaften und als neuernannter Geheimer Justizrat Kurbrandenburgs an jener Säule im Gewoge des Maskenfestes. Und erwog, wie er sein geistiges Netz noch weiter über Deutschland und Europa breiten sollte. Kursachsen war der nächste Mittelpunkt einer gelehrten Akademie. Dann sollten die Punkte stärkeren Widerstandes, nämlich Wien und das in Gründung befindliche St. Petersburg, folgen. Zur Stärkung Deutschlands, zur Stärkung der Wissenschaften und zur Abwehr des östlichen Chaos.

Er hatte im bunten Durcheinander des Festes die Einzelnen längst aus dem Auge verloren. Alle Ordnung, die letzten Reste von Zeremoniell waren aufgelöst, und kleine Gruppen, die nicht eben tanzten, saßen plaudernd an Tischchen und auf den Sofas in den Saalecken, wenn sie nicht bereits in den Nebensälen umherschwärmten.

Darum erschrak er fast, als sich eine Hand auf seinen Arm legte und die Stimme der Kurfürstin Charlotte leise an sein Ohr klang.

»Meine offizielle Aufgabe ist erfüllt, mon cher«, sagte sie und blickte ihn aus einem leicht erhitzten lächelnden Gesicht sonderbar gelöst an. »Wie wäre es, Leibniz, wenn Sie mir für den Rest des Abends Gesellschaft leisteten? Man hat Ihnen bis jetzt keine Ovation dargebracht. Ich verstehe es. Gleichwohl weiß es jeder, daß eben Sie heute der Mann sind, dem diese Feier zu gelten hat. Und da wird es mir ein auserlesenes Vergnügen sein, ganz Kurbrandenburg zu belehren, was sich eigentlich schickt. Ich habe auf dem Wege zu Ihnen bereits die Cour fast sämtlicher unsrer einflußreichsten Männer abgelehnt. Wagen Sie diese Demonstration gegen die Macht, Leibniz?« Und sie reichte ihm den Arm.

»Ich denke, Hoheit überschätzen die Böswilligkeit Ihrer Untertanen«, erwiderte Leibniz. »Man hat mich nicht im geringsten angegriffen. Das ist mir genug an einem Ehrentag. Und ich begreife es deutlicher als jeder andre, daß ein Mann so unklarer Stellung wie ich nicht auch noch positive Begeisterungsbeweise verlangen kann. Ich stehe als gerechter Mensch unbedingt auf Seite der Argumente meiner Feinde, wenn es solche geben sollte. Nur muß ich leider im Interesse Deutschlands gegen diese Argumente kämpfen, so sehr ich sie logisch billige.« Und er verbeugte sich vor Charlotte und führte sie mitten durch das Gedränge des Festes in einen der Nebenräume, wo Herr von Quirini, der »Kammerdiener« der »Doktorin«, bereits ein Tischchen für seine Fürstin hatte vorbereiten lassen.

»Verschaffen Sie uns den besten Schaumwein, Quirini«, sagte Charlotte, nachdem sie sich mit Leibniz gesetzt hatte. »Außerdem wäre mir nach all dem Jahrmarktsgekreische, an dem ich als Erfinderin der Devise selbst schuld bin, ein wenig wirkliche Musik erwünscht. Man kann die Portieren schließen, damit die draußen nicht gestört sind. Und dann, lieber Quirini, holen Sie noch ein paar ernste Leute ins Zimmer. Als Garde für mich und meinen verehrten Präsidenten der Sozietät.« Sie nickte Herrn von Quirini zu. Dann wandte sie sich an Leibniz. »Sie irren sehr, wenn Sie denken, heute sei ein Rasttag für Geist und Wissen. Im Gegenteil. Ich setze voraus, ja ich verlange, daß mir ein Präsident eben heute einen meiner quälendsten Zweifel löst. Sie kennen ihn wohl. Es ist unser altes Thema über die pessimistischen Anwürfe Peter Bayles und über Ihre Behauptung, unsre Welt sei die denkbar beste. Ich bin gespannt, Ihre Verteidigung zu hören. Von einem Präsidenten der Sozietät ›geruhe‹ ich, einiges Überdurchschnittliche vorauszusetzen und zu verlangen.« Charlotte lächelte vor sich hin.

Leibniz wußte, daß sie sich in großer innerer Bewegung befand. Es war durchaus nicht ein einfacher Wunsch nach Wissensvermehrung oder gar Neugier, was sie zu ihrer Handlungsweise bewogen hatte. Es war viel mehr. Die Resultierende zahlloser Teilkräfte hatte sie hieher und bis zu dieser Frage geführt. Tiefste, fast kindliche Anhänglichkeit der Schülerin. Zorn, daß nicht alle Großen des Landes ihr blind in ihrer Verehrung folgten. Stolz und Freude über den Sieg des Geistes, den sie als Geist von ihrem Geiste betrachtete. Und zum Schluß Bekennertrotz, der aller Welt seine Meinung zeigen will. Dazu aber noch weit andres. Königsblut, das sich regte. Hochmut einer schönen unantastbaren Frau, der unbewußt zum Widerstand schürte. Beweise, Leibniz, hieß der letzte Urgrund ihrer Frage, daß du wert bist meiner ganz ungewöhnlichen Tat. Beweise dich. Vor dir selbst und vor mir. Mir genügt es nicht, daß du Präsident der Sozietät bist, daß du groß bist, daß du berühmt, ja, daß du ein Weltwunder bist. Du sollst mehr sein. Viel mehr. Du sollst allwissend sein, stärker als stark, einzig! Nur diesen einzigen, unvergleichlichen Leibniz kann die Königsenkelin als Lehrer brauchen. Verzeih mir, Leibniz! Der Hochmutsteufel hat mich in den Krallen. Aber ich bin eine Frau. Ich kann nicht anders. Ich würde dich auch ehren und in tiefer Freundschaft lieben, wenn du nicht dieses Letzte erreichtest. Immer und an jedem Ort. Aber heute, hier, in dieser Stunde, will ich es anders. Versage nicht in dieser Stunde. Nicht, weil es uns trennen könnte. Sondern weil auch ich ein Recht auf Glück, auf Vollendung meines geistigen Lebens habe. Und das soll heute sein. Du hast viele, viele solcher Gipfeltage erlebt. Ich habe vielleicht nur diesen einen Tag. Und ich habe für dich gearbeitet, habe mich in meiner Jahrmarktsbude abgemüht für diese, unsre, meine Stunde ...

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