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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 52
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Zweiundfünfzigstes Kapitel

Tragische Rhapsodie

Leibniz kehrte im Juni 1690 als Reichsfreiherr Gottfried Wilhelm von Leibniz nach Hannover zurück. Eine sonderbare Laune der Dämonen der Geschichte. Er, der ausgezogen war, den Stammvater des Welfenhauses zu finden, hatte nicht nur die Entzifferung der Grabtafel Azos von Este, sondern auch die Ursprünge seines eigenen Adels als »Testimonium« in seinen Koffern: den Adelsbrief, den Kaiser Leopold der Erste am 12. Jänner 1690 unterzeichnet hatte.

Gleichwohl war das Gefühl, das ihn schon in Italien überkommen hatte, und das von Stillstand, wenn nicht gar von Abstieg sprach, auch durch diese sichtbarste Erhöhung seines äußeren Standes nicht überlärmt worden. Im Gegenteil: trotz des warmen Sommertages hatte ihn ein Frösteln geschüttelt, als er, diesmal vom Süden kommend, in Hannover einfuhr.

Es wäre aber ungerecht, dieses kaum zu nennende Gefühl so darzustellen, als ob es im geringsten mit der Vorsilbe »Hof« zusammengehangen wäre. Die Worte »Stillstand« und »Abstieg« bedeuteten auch durchaus nichts, was auf Karriere oder selbst nur auf geistige Taten bezogen werden könnte. Es war vielleicht nur noch stärker in Erscheinung getreten, daß sich Leibniz als unlösbares Glied größerer und größter Gesamtheiten fühlte. Dadurch wurde er, auch als Vorläufer, zum Ausläufer: nämlich ein winziger Bestandteil eines in seiner Ganzheit gar nicht abzugrenzenden Organismus, den man Welt, Menschheit, Nation oder Heimat nennen kann, je nach den Interessen, deren Exponent Leibniz gerade war. Und dessen Zuckungen auf ihn in unentrinnbarer Art ausstrahlten.

Gegen solche Stimmungen gibt es als Gegenkraft vielleicht nur eine einzige Kasematte der Ruhe und Sicherheit: die engste Familie. Und gerade in dem Kreis, der für Leibniz der Ersatz einer Familie geworden war, brauten sich unheilvolle Mischungen zusammen, deren zersprengende und verheerende Kraft jedem Hellsichtigen nicht verborgen bleiben konnte.

Doch soll jetzt aus den abstrakteren Bereichen in die bewegte Wirklichkeit hinabgestiegen werden, wobei der Inhalt der folgenden Jahre nur als Rhapsodie wiedergegeben werden kann. Ähnlich jenem Inhaltsverzeichnis des imaginären Tagebuches.

In furchtbarem Gegensatz zu dem tändelnd heiteren Brief, den die große Herzogin an Leibniz nach Italien geschrieben hatte, stand ein Ereignis, das sich gerade am Neujahrstag des Jahres 1690 zugetragen hatte. Und das auch das Wiedersehen am Welfenhof in ganz andere Stimmung tauchte, als es die Herzogin und Leibniz bei jenen Neujahrswünschen vorausgesehen hatten.

An eben diesem Neujahrstag war nämlich bei Pristina in Albanien ein Regiment schwerer hannoverscher Reiter von Spahis umzingelt worden. Ein Rittmeister und fünf Mann waren dem Tode entgangen. Unter den anderen, die sich, mit Wunden bedeckt, bis zum letzten Atemzug verzweifelt gewehrt hatten, war der Oberst des Regiments, der zwanzigjährige Prinz Karl Philipp, gewesen. Ein Sohn Ernst Augusts und der großen Herzogin. Tataren hatten die verstümmelte Leiche des blühenden Jünglings nach Adrianopel zum Sultan geschleppt, um dort ihren Triumph auszukosten und Lohn zu ernten.

Leibniz nun trat in Hannover der trauernden Mutter nur mit großer Scheu vor die Augen. Sie aber machte mit den Händen bloß eine verzweifelte Geste. In dieser Geste lag jedoch beinahe mehr, als Leibniz gefürchtet hatte. »Was haben wir beide angerichtet?« sagten diese zitternden Mutterhände. »Wer hat uns ermächtigt, stolzer Reichsfreiherr von Leibniz, alles, aber auch alles einer sogenannten Erweiterung der Hausmacht zu opfern? Was erzählten Ihnen Ihre Dämonen der Geschichte über den letzten Sinn der Hausmacht-Politik? Haben die Dämonen nicht kühl und skeptisch geantwortet, solche Politik sei nichts anderes als ein riesiger Deckmantel für gewöhnlichen Geiz? Was liegt unter dem Mantel, wenn man ihn aufhebt? Mein Sohn, mein verstümmeltes, getötetes Kind liegt darunter, bedeckt von verkrustetem Blute. Und ich konnte nicht einmal seine Leiche bestatten. Irgend ein gröhlender Pascha hat sie irgendwo an einen Balken gehängt, eine gottlose, spott-triefende Inschrift darunter angebracht, und grausame Türken und Tataren drängten sich jubelnd oder neugierig vor diesem Spektakulum. O ja, Leibniz, so ist das! Da gibt es keine Beschönigungen. Oder doch? Hat mich mein Schmerz verwirrt? Treiben wir letzten Endes gar keine Hausmacht-Politik? Kämpfen wir für den Aufstieg der deutschen Nation? Ich weiß es nicht, Leibniz, weiß nur, daß wir beide jetzt davon überrascht wurden, daß in all unsren beinahe mathematischen politischen Konzepten Männer und gefallene Krieger nicht bloß Ziffern, sondern Söhne bedeuten! Morgen können wir belehrt werden, daß auch Gatten und Väter sterblich sind. Denn Ernst August zieht selbst ins Feld. Er hat schon wieder am Rhein und in Holland gegen die Franzosen gefochten. Und wir haben mit unsrer Primogenitur, mit unsrem Streben nach der Kurwürde und mit unsren weiteren Schachzügen alles derart verflochten, daß die nächsten Jahre Unheil über unsre liebsten Kinder bringen müssen.Vor allem haben wir die Söhne teils wegen der Kurwürde, teils weil sie verzweifelt sind über den Verlust jeder Möglichkeit einer Nachfolge, auf alle Schlachtfelder Europas hinausgejagt. Wann wird Friedrich August fallen, der im Dienst des Kaisers steht und in Ungarn kämpft? Und was wird aus der Ehe des Erbprinzen, was wird zwischen Georg und Dorothea sich ereignen? Mein Verhältnis zu Dorothea wird von Tag zu Tag gespannter und der Erbprinz ist in die Fußtapfen des Vaters getreten. Er liegt in den Armen williger und ehrgeiziger Hofdamen. Nur kann Dorothea nicht schweigen und dulden, begreifen und vergessen wie ich. Sie bäumt sich auf, fühlt sich beschmutzt und geschändet und findet keinen Trost an ihrem lieblichen Kinde. Sie ist eben eine Tochter der d'Olbreuse, kennt keine königliche, abstrakte Auffassung der Einzelschicksale, sondern denkt in den Kategorien verantwortungsloser Weiblichkeit. Sie ist aus niederstem Adel, ist fast ein Bürgermädchen. Ihre Haltung genügt nicht einmal für eine Hofdame, wie ich sie wünschte. Daran ändert nichts, daß ihr Vater mein noch immer geliebter Georg Wilhelm ist. Gerade aber an meinem Verzicht, an meinem doppelten Verzicht auf beide Weifenbrüder, deren einen ich, obwohl ich ihn liebte, zurückstieß, während der andre die widerliche Gräfin Platen beglückt, sollte diese Dorothea erkennen, was eine Herzogstochter und zukünftige Herzogin sich selbst und der Welt schuldig ist. Ich weiß, daß Sie, frischgebackener Reichsfreiherr von Leibniz, diese Dinge auch nicht begreifen. Auch Ihnen haftet irgendwo der Bürgerliche an. Wenn er auch durch fürstlichsten Geist überdeckt ist. Oder täusche ich mich? Sind Sie nur ein Verfechter der Ordnung und der Gleichverpflichtung für alle? Also ein Theoretiker der Moral? Und davon überzeugt, daß unsre königlichen Moralgesetze nichts als Ausreden sind? Oder ein Kaufpreis für unsre Macht, während wir jede Bürgerin, die d'Olbreuse und ihre Tochter, in Wirklichkeit beneiden? Ewiger Zirkelschluß. Genau dieselbe Logik gegenüber dem Tod des Sohnes wie gegenüber der Untreue des Gatten. Haltung, Leibniz! Haltung, Würde, Kälte. Wozu aber? Aus demselben Befehl Gottes heraus, den Sie stets für Ihr geistiges Königreich als obersten Grundsatz und als Rechtfertigung proklamieren. Wenn Gott uns Befehle gegeben hat und wir zwar die Befehle, nicht aber den Sinn der Befehle verstehen, dann müssen wir handeln und als Protest nichts anderes zeigen als eine Handbewegung. Wir sind Könige, Leibniz, Sie und ich! Und hausen im Reich der Einsamkeit und Kälte. Unser Gott aber ist der Gott, der Abraham befahl, Isaak zu opfern. Nur daß unser Gott nicht bloß den Gehorsam, sondern das wirkliche Opfer heischt. Gehen Sie heute wieder fort, Leibniz. Wir werden schon morgen in der Frühe mit Molanus über sehr theoretische Dinge sprechen, und Sie werden den Schiedsrichter spielen. Spielen Sie Schiedsrichter. Spielen Sie. Alle wollen wir spielen, bis der nächste Schlag niedersaust. Und es gibt noch außerdem eine Freude für Sie. Ich meine damit nicht nur, daß Sie nie mehr nach Zellerfeld zu den widerspenstigen Erdgeistern fahren müssen. Die Erdgeister haben auch Ihre feinberechneten Windmühlen, die ohne Kosten und fast ohne Wartung die Pumpen antreiben sollten, höhnisch lachend abgewehrt. Und der Wasserstollen wird erst in hundert oder zweihundert Jahren angelegt werden. Kurz, ich meine nicht solche negative Freude. Ich meine eine sehr positive Freude. Meine Tochter Charlotte kommt für einige Wochen nach Hannover. Und Sie, der Mann höchster Bewußtheitsgrade, müssen es ja wissen, daß ich euch beide auch dann beschützte und zusammenführte, wenn eure Beziehungen nicht nur die einer Schülerin und eines Lehrers, besser die eines Vaters und seiner geistigen Tochter wären. Aber ihr seid die starrsten Ethiker, ihr beiden. Förmlich in Wonne verzichtet ihr! Und es ist besser so. Liebt euch in eurem ›Koordinatensystem‹, wie ihr es wohl nennen würdet. Und wir alle wollen spielen in der doppelten Bedeutung des Wortes: als Schauspieler und als Hazardeure! Und wollen, im Kopf überhell und übergrell, weiter unsre Hauspolitik treiben, weitere Verwirrungen vorbereiten, weiter tändeln und torkeln und es uns weiter einreden, daß wir nur auf Befehl Gottes handeln: bis uns der nächste Keulenschlag trifft, für den wir wieder alle Verantwortung tragen müssen. Ich bin eine Königin, Leibniz, und eine Mutter. Sie aber sind geistig ein König und deshalb der geistige Vater Charlottens. Alles kann ich, nur nicht verhindern, daß meine Hände zittern. Gott schütze Charlotte! Gott erhalte sie uns beiden. Auf Wiedersehen morgen! Vielleicht trifft der nächste Schlag erst in vielen Jahren.« –

Leibniz erschien am nächsten Morgen zur Unterredung mit der großen Herzogin und Molanus von Lokkum. Und alle drei »spielten«. Und im September kam Charlotte, und einige kurze Wochen gaukelten Leibniz die Fata Morgana seiner mystischen »Familie« vor. Der nächste Schlag aber traf schon am vorletzten Tag desselben Jahres. Prinz Friedrich August, der nach seinem eigenen Ausspruch im Schlachtgedränge den Schmerz um die verlorene Erbfolge hatte vergessen wollen, wurde am 30. Dezember 1690 von General Veterani mit achthundert Reitern ausgeschickt, um zu verhindern, daß Tekely durch den Chemezvarer Paß bei St. Giorgy nach Ungarn einbreche. Er fand die Bergschlucht bereits vom Feinde besetzt. Tapfer und zornentbrannt sprengte er mit seinen Reitern vor, wurde aber sogleich durch eine türkische Kugel niedergeschmettert.

Auch dieses Mal stand Leibniz wie ein Mitschuldiger vor der großen Herzogin. Sie hatte aber nicht mehr die Kraft, die Hände zu einer verzweifelnden Geste zu heben. Schlaff hingen ihre Arme herab und nur ein furchtbarer Blick, der die Unerbittlichkeit des Weltlaufs anzuklagen schien, traf das Antlitz des Menschen, der vielleicht als Einziger von allem wußte, was in ihr vorging.

»Nein, nein, nein! Nicht weiter! Nicht so schnell dem Ende zu!« schrie es Leibniz aus diesem Blick entgegen. »Niobe bin ich geworden, obgleich mir noch vier Söhne und eine Tochter blühen. Können Sie die Maschen unres Geflechts noch lösen, Leibniz? Nein, Sie können es nicht. Auch ich kann es nicht. Niemand kann es. Ohne dieses Geflecht der staatenbildenden Kunst hausen die Menschen wie Tiere im Urwald. Fressen einander einzeln. Oder werden von wilden Bestien zerfleischt. Durch das Geflecht der Staatskunst aber fallen die Söhne, die Gatten, die Väter. Wo ist das Minimum des Menschenleides? Wo, Leibniz? Setzen Sie den Differentialquotienten der Weltkurve gleich Null, machen Sie Ihre Proben und dann sagen Sie mir, wo der tiefste Punkt der Kurve liegt. Ist mein Wunsch bereits der Wahnsinn? Oder kann ich nicht mehr weiter, weil der dritte Prinz, Maximilian Wilhelm, verstört grübelt? Grübelt, da auch ihm die Erbfolge versagt ist? Wird er ebenfalls auf irgend einem Paß, in irgend einem Gebirgsland enden wie seine beiden Brüder? Noch ist er in Hannover. Aber er grübelt, Leibniz, er grübelt! Und was sollen wir ihm antworten, wenn er uns fragt, warum wir gerade ihn um die Erfüllung seines Lebens brachten? Was sollen wir antworten?« –

Fast genau ein Jahr später, am 5. Dezember 1691, bemerkten die Bürger von Hannover eine merkwürdige Bewegung in der Stadt. Als einige Unentwegte von einem Stadtteil zum anderen liefen und in alle Winkel guckten, fanden sie, daß sämtliche Stadttore versperrt und mit waffenstrotzenden, verstärkten Wachen besetzt waren. Auch sonst sah es nicht sehr gemütlich aus. Patrouillen durchzogen die Straßen, schwere Reiterei in kleinen Abteilungen ließ durch die Stille der Nacht das Geklapper der Pferdehufe und das Klirren der Pallasche hören, und mancher biedere Hausbesitzer wurde kreidebleich, wenn ein Soldat oder die Nachtwache in seinen Flur trat und wortkarg befahl, das Haustor solle sofort versperrt und vor acht Uhr morgens nicht geöffnet werden. Einige Überängsdiche, die bei verlöschtem Licht aus den Fenstern lugten, wollten sogar Schüsse gehört haben. Obgleich es sicher nur das Zuschlagen der Türen oder das Bearbeiten der Wäsche in den Waschküchen war.

Niemand aberahnte, daß die große Herzogin eben den dritten Sohn, wenn auch nicht durch den Tod, verlor.

Das war so gekommen: An eben jenem Abend saß der Jägermeister Otto Friedrich von Moltke im herzoglichen Schloß am Spieltisch und dachte an alles eher denn an Politik. Er zählte vielmehr die Trümpfe in seiner Hand und fühlte sich desto sicherer, als ihn ja alle, die seine Feinde sein konnten, umgaben und mit ihm sprachen und scherzten. Grote war anwesend, Podewils, der Graf von Platen, der Herzog selbst, die Herzogin, Freiherr von Leibniz, viele Damen und andre Edelleute. Und es war auch nicht auffallend, daß der Herzog plötzlich hinausgerufen wurde. Das geschah oft. Denn Ernst August wollte in Gesellschaft keine Akten oder Briefe lesen und ließ sich zu solchem Behuf stets in sein Arbeitszimmer rufen. Der Herzog kam auch bald wieder zurück und setzte sich mit ein wenig gerötetem Gesicht und gerunzelter Stirn zum Spieltisch. Kurz darauf aber stand schon das Schicksal hinter dem Jägermeister Moltke, der eben die Partie gewann. Irgendwer flüsterte ihm irgend etwas ins Ohr. Er beachtete es kaum und machte mit der Hand eine wegwerfende Gebärde. Als aber dieser Irgendwer nochmals und nochmals und stets eindringlicher die Botschaft wiederholte, schüttelte Moltke den Kopf, erhob sich mit einer Entschuldigung und folgte dem Schicksal, einem jungen Gardeoffizier. Man ging durch Vorräume, über Gänge, kreuz und quer, bis man zur Schloßtreppe gelangte. Dort stand, in voller Uniform, General von Weyhe, der Kommandant der Leibgarde, und verlangte dem Jägermeister Moltke mit weggewandtem Gesicht den Degen ab. Was bedeutet das? Was waren das für Intrigen? Gut, er soll den Degen haben. Ich habe ohnedies nicht vor, hier auf der Schloßtreppe zu fechten. Und Moltke ließ sich weiter führen, bis man zu einer Tür gelangte, die, wie er wußte, den Zugang in ein unbenutztes Gemach oberhalb der Schloßtreppe bildete. Was er aber nicht wußte, war, daß Kurfürstin Charlotte von Brandenburg, Leibnizens Schülerin, einen Kurier nach Hannover gehetzt hatte, der atemlos und bestaubt nach mehrfachem Roßwechsel im Schlosse erschienen war. Charlotte hatte den Bruder verraten, um den Vater und das politische Konzept der Mutter zu retten. Vielleicht auch, um Leibnizens Pläne nicht durchkreuzen zu lassen.

Im Gemach, in das Moltke geschoben wurde, war es eiskalt und muffig. Irgendwo brannte zwischen Gerumpel ein Kerzenstumpf. Die Fenster waren fest vernagelt.

Damit war eigentlich die Verschwörung des Prinzen Maximilian erledigt. Alles übrige war nur ein trauriges Nachspiel, wenn auch in dieser Nacht die verängstigten Bürger geglaubt hatten, Schüsse zu hören. Nirgends war geschossen worden. Nur der Prinz selbst, der Jägermeister, sein Vetter, Oberstleutnant von Moltke, und der Wolfenbüttelsche Geheimschreiber Blume waren wegen Hochverrates verhaftet worden. Man hatte ja nicht weniger beabsichtigt, als mit Anwendung von Gewalt die Ungültigmachung der Primogenitur zu ertrotzen. Maximilian wollte Anwärter auf Hannover werden, während sich der Erbprinz mit Celle begnügen sollte.

Am nächsten Tag um fünf Uhr abends wurden die Stadttore wieder geöffnet und die verstärkten Wachen zurückgezogen. Niemand wußte, was all das bedeutet hatte. Vielleicht einen blinden Alarm gegen irgend einen Feind ? Kurz, es war nicht zu erfahren.

Das Nachspiel aber hatte folgenden Schluß: Der Jägermeister von Moltke saß im Kerker im Clever-Tore. Am Vorabend von Ostern war es ihm gelungen, die Kerkergitter mit Scheidewasser zu durchätzen. Er ließ sich an einem Seil hinab. Das Seil riß, er stürzte, verletzte sich und wurde in den Kerker zurückgebracht.

Dann folgte der Staatsprozeß. Einer seiner besten Freunde, Otto von Grote, erkannte nach furchtbarem Seelenkampf auf Todesstrafe. Das gab den Ausschlag. Die anderen Mitglieder des Gerichtes mit einer einzigen Ausnahme schlossen sich Grote an.

Und an einem herrlichen Julitag des Jahres 1692 fuhr in einer von Trauerpferden gezogenen, schwarz ausgeschlagenen Kutsche der Jägermeister von Moltke, das Gebetbuch in der schwarzbehandschuhten Rechten, zum Ravelin hinter dem Marstall hinaus. Sein Hut war mit schwarzem Krepp umwunden, der bis zu den Füßen wallte.

Auf dem Ravelin saß der Gerichtsschulze mit seinen Beisitzern. Er fragte: »Ist es so viel am Tage, daß man allhier peinliches Gericht halten kann?« Die Geschworenen der Altstadt antworteten mit Ja. Darauf erhob sich der Schulze, brach das weiße Stäbchen über dem Beschuldigten entzwei und übergab ihn dem Nachrichter. Moltke wurde enthauptet und starb den Tod mit viel Festigkeit.

Die anderen Verschwörer kamen mit dem Leben davon.

Der ehrgeizige Prinz jedoch saß noch viele Jahre gefangen in Hameln, bis er endgültig auf seine Ansprüche verzichtete und seiner Heimat für immer den Rücken kehrte.

»Was kommt jetzt?« hatte die große Herzogin in jenen Tagen oft und oft gefragt. In jenen Tagen nämlich, da Leibniz, manchmal allein, alle Fäden dieser Tragödie in den Händen hielt. Gewissenszweifel ist ein schwacher Ausdruck für das, was er litt. Denn er stand ja schon seit Jahren als Leiter der riesigen Bibliothek auch im Dienst von Wolfenbüttel, war mit den Herzogen der »Vetternlinie«, den Welfen von Wolfenbüttel, persönlich eng befreundet. Besonders mit Herzog Anton Ulrich. Und gerade nach diesem Wolfenbüttel, sogar nach Brandenburg, liefen die Spuren der Verschwörung. Und es gab Tage, an denen es aussah, als ob zwischen Hannover und Wolfenbüttel die Ultima ratio, ein Krieg möglich wäre.

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