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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 50
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
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Fünfzigstes Kapitel

Die »Academia Ciampini«

Über dem heiligen Rom des Papstes Alexander VIII. lag die unaussprechlich erfüllte Ruhe eines Septembernachmittags. Die Ruhe gereifter Früchte und des glückverheißenden Aufstieges der Christenheit.

Wenn aber eine Steigerung der seligen Stimmung dieses Tages noch möglich war, dann hatte sie im Garten des Landsitzes Gestalt gewonnen, der dem reichen und gelehrten Herrn Ciampini gehörte und der zwischen berstenden Trauben, Spätfeigen, Lorbeer, Pinien, Oliven und Zypressen auf den Hängen des Monte Mario weiß und marmorn aus dem satten und bläulichen Grün hervorlugte.

In einer Pergola, knapp am Absturz einer Schlucht, saß ein erlesener Kreis von Männern an einer Tafel. Und das reichliche Vesperbrot, all die Fische, Braten und Langusten verbanden sich in Buntheit mit den Früchten, dem glühenden Falerner und dem Lacrimae Christi.

Gewiß, es war all den hochgelehrten Männern, die zusammen die heute schon weltberühmte Academia Ciampini fisico-mathematica bildeten, auch ein großes Vergnügen, an dieser reichbesetzten Tafel ihres Präsidenten und Gönners zu sitzen. Durch die nimmermüde und erfinderische Gastfreundschaft Ciampinis kam stets ein klassisch-antiker Hauch in die »Sitzungen«, der die Illusion hellenischer Symposien erzeugte und einen leisen Schauer verpönten Heidentums einmengte: gleichwohl war aber eben heute noch mehr Grund als sonst, sich des Symposions zu erfreuen. Denn man erwartete die zwei Titanen aus dem Kreise, die in wichtigsten Angelegenheiten noch im Mittelpunkt der Welt, im Vatikan, weilten. Was für Neuigkeiten würde der Jesuit Claudius Philipp Grimaldi bringen, was für Sensationen dieser Leibniz?

Und die Gespräche schwirrten auf und ab und wollten kein Ende nehmen. Der Mathematiker Abbate Francesco Nazari war anwesend, der Herausgeber des »Giornale de letterati«. Der Physiker Adrian Auzulus, der Mitbegründer der Pariser Akademie. Und Pater Eschinardi, Vitale Giordani, Giorgio Baglivi, Filippo Bunorotti, Giorgio Lucio, Francesco Bianchini, Antonio Oliva bedeuteten jeder für sich einen ganzen Kosmos der Gelehrsamkeit.

Aber dieser Deutsche! Dieser Leibniz, von dem Bianchini gesagt hatte, er sei eine Zusammensetzung aus glanzvoller Vornehmheit, Grazie, blendendem Geist und Wissenschaft, und es sei nur zu wünschen, daß er, der bald den Kreis verlassen mußte, sein Abbild durch Entsendung andrer deutscher Gelehrter nach Rom wiederbrächte; dieser Leibniz hatte geradezu einen Rausch des entschwundenen Rinascimento über Rom gebracht.

Keine Übertreibung, daß er ganz Rom ergriffen, aufgewühlt und verzaubert hatte. Endlich wieder einer der Uomini universali, endlich wieder ein Gipfelmensch, so sagte es einer dem anderen. Und in einer durch nichts zu überbietenden Selbstlosigkeit hatte das edelste Rom den merkwürdigen Deutschen an sein Herz gedrückt und alle Ehren auf ihn gehäuft, die es vergeben konnte. Man war an seinen Lippen, die so fließend das Lateinische und Italienische formten, gehangen, hatte ihn fast schüchtern gebeten, die Akademie Ciampini, um deren Mitgliedschaft die Gelehrten aller Welt halsbrecherische Intrigen spannen, durch seinen Beitritt zu ehren, und selbst der verschlossene Kardinal von Bouillon, der Gesandte des Sonnenkönigs am Vatikan, hatte sich dieser fast zur Volksstimmung angeschwollenen Sympathiewelle, die den gefährlichen Deutschen trug und hob, gebeugt. Und der Kardinal hatte Leibniz eingeladen und zeigte seine freundschaftliche Gesinnung dem Volke, indem er Leibniz gelegentlich einer Aufführung der Oper Amadis in seiner Loge ostentativ an seiner Seite ließ.

Leibniz aber war unter diesem südländischen Begeisterungssturm einer ganzen Stadt, der ihm höchst unerwartet entgegenbrauste, nur milde und bescheiden geworden. Stromgleich und ruhig-sicher, dem geräuschlosen Fluß des Öls vergleichbar, wie Platon im Dialog Theaitetos sagt, wendete sich die gesammelte Kraft seines ganzen Wesens nach außen und gab seiner Erscheinung etwas derart Gott-trunkenes, daß er auch die letzten Widerstände nie fehlender Neider ohne es zu wollen zu Boden streckte. Dabei aber wußte er mit jener unfehlbaren Sicherheit größter Geister, daß, rein menschlich betrachtet, diese römischen Wochen den Kulm seines Lebens, den niemals wiederkehrenden Gipfelpunkt seines Einzeldaseins bedeuteten. Und wie eine ganz leise Wehmut beginnenden Herbstes lag es unter seinem Lächeln, während wolkenlose Sonne strahlte und die letzten Früchte der berstenden Reife zutrieb. Kampflose Harmonie. Höchstes Einzelglück. Beinahe hellenische Kalokagathia. Nur für Wochen konnte ein nordischer Geist solcher diesseitigen Ewigkeit teilhaftig werden. Wenn er den tiefsten Sinn deutscher Weltsendung erfüllen wollte...

Der große Jesuit Grimaldi, dessen nachtdunkle Augen in seltsam gebrochenem Feuer, in einem Feuer, das eher nach innen zu lodern schien, aufleuchteten, wenn er, unvermittelt und erschreckend, seinen Gesprächspartner mit seinem Blick packte, erschien als erster der beiden Heißerwarteten in der Pergola. Er war ein wenig wortkarg. Nach liebenswürdiger Begrüßung setzte er sich an den unteren Teil der Tafel, fächelte sein braungebranntes durchmeißeltes Gesicht mit einem Taschentuch und aß dann langsam und gebändigt, nicht jedoch irgendwie achtlos, von den erlesenen Speisen.

»Herr Leibniz war am Vormittag bei uns im Missionspalast«, sagte der Jesuit plötzlich zum Astronomen Bianchini. »Er war ein wenig erregt. Einer meiner Ordensbrüder, Annibale Marchetti aus Florenz, hat eine große Ungeschicklichkeit begangen, die ihm wahrscheinlich eine Rüge der Oberen eintragen wird. Er hat in heiligstem Eifer Leibniz einen Brief geschrieben, in dem nicht weniger stand, als daß er ihn bei den Flammen der Hölle, die Leibniz unfehlbar erwarteten, auffordert, sofort zur katholischen Kirche zurückzukehren. Dies einem Leibniz! Wir beruhigten Leibniz, so gut es ging, und baten ihn, den Kampf, den er mit der ganzen Wucht seiner Autorität an unrer Seite führt, wegen einer solchen Einzelentgleisung nicht aufzugeben. Und wir versicherten ihm, daß hier in Rom die Meinung Marchettis durchaus nicht geteilt werde. Hier werde man wahrscheinlich anders mit ihm sprechen, wenn schon über diesen Punkt gesprochen werden müßte. Und ich vermute, daß man Leibniz aus ähnlichen Gedankengängen heraus beinahe hochoffiziell in den Vatikan zitierte. Jedenfalls war er am Vormittag noch vollständig unklar darüber, was man von ihm wünscht. Ich glaube, wir dürfen uns auf Überraschungen vorbereiten; ebenso, wie auch ich später, in Anwesenheit Leibnizens, eine große Neuigkeit allen Freunden mitteilen muß, die meine nichtige Person betrifft.« Der Jesuit schwieg und aß gleichmütig weiter.

Der Astronom Bianchini aber schüttelte den Kopf.

»Ich hoffe«, erwiderte er fassungslos, »daß man uns Leibniz nicht vor der ohnedies allzukurzen Zeit, die er uns widmen kann, durch solche üble Dinge vertreibt. Ich bin weiß Gott ein glühender Katholik. Aber eben, weil ich das bin, muß ich zugeben, daß ich durch Leibniz nicht nur von den Deutschen, sondern auch von den Lutheranern eine ganz andre Meinung bekommen habe. Vor allem hätte ich es nie bemerkt, daß er Protestant ist. In seiner Gegenwart fürchte ich mich geradezu, über Glaubensdinge zu sprechen, da er die katholische Theologie subtiler beherrscht als ich selbst. Und er liebt unsre Kirche beinahe wie seine eigene. Das hat er mir selbst gesagt, als er mich über die Vereinigungsverhandlungen aufklärte.«

»Wegen eben dieser Verhandlungen waren wir über Marchetti so entsetzt«, fiel Grimaldi ein. »Leibniz sieht die Welt und die Feinde des christlichen Gottes größer und universaler als der brave, verbissene Florentiner. Ich bin in vielem Leibnizens Meinung. Wenn wir solche Marchettis nach Südamerika und China gesandt hätten, wäre nichts erzielt worden als eine Häufung des Martyriums und ein ewiger Verlust dieser Partes infidelium, dieser Reiche der Ungläubigen. Besser ein verunreinigtes Christentum als gar keines, hat Leibniz gesagt. Die Reinigung könne dann später und schrittweise erfolgen. Wie sehr er damit recht hatte, können wir, im Missionspalast, besser beurteilen als Pater Marchetti in Florenz.«

»Herrliche Aufgaben, die ihr da zu erfüllen habt.« Bianchini nickte begeistert und leerte ein Glas Lacrimae Christi. »Ist es übrigens richtig, daß Pater Verbiest schon auf dem Heimweg aus China ist? Jener Verbiest, der durch unsre königliche Wissenschaft, durch die Astronomie, den Kaiser von China für sich gewann?«

»Vielleicht ist es wahr.« Grimaldi lächelte eigentümlich. »Vielleicht.« Er machte eine Pause. Dann lenkte er schroff ab: »Übrigens haben wir China nicht nur durch die Astronomie erobert, sondern auch durch die Chinarinde.«

»Durch die Chinarinde?« Der Gastgeber Ciampini mengte sich lachend ins Gespräch. »Was soll das heißen?«

»Ein merkwürdiger sprachlicher Zufall, edler Gönner«, erwiderte der Jesuit. »Die Chinarinde wächst in Peru und hat ihren Namen daher, daß der spanische Corregidor, Don Juan Lopez de Cañizares, der selbst durch diese Rinde von Wechselfieber geheilt worden war, die wundertätige Arznei der Gemahlin des Vizekönigs von Peru, der Gräfin von Chinchon, sandte. Das war etwa vor fünfzig Jahren. Seither heißt die Rinde Chinarinde. Außerdem behaupten unsre Missionäre, Quina bedeute in der Inkasprache so viel wie Rinde. Und um die magische Sprachverwirrung voll zu machen, ergab es sich, daß der chinesische Kaiser Cham-Hi in einem der kritischesten Augenblicke seiner Regierung, als eben die Mongolen vor der großen Mauer standen, an scheinbar hoffnungslosem Wechselfieber erkrankte. Unsre Brüder, Verbiest an der Spitze, erboten sich sofort, ihn mit unsrem ›Polvo de los Jesuitos‹, mit dem auch Ihnen, Herr Ciampini, bekannten Jesuitenpulver, das nichts andres ist als ein Decoct der China-Rinde, zu heilen. Ich will Sie mit der Angst-Komödie, die sich damals am chinesischen Kaiserhof abspielte, verschonen, Herr Ciampini. Nach unzähligen Proben an Gesunden und Fieberkranken ließ sich die chinesische Majestät schließlich herbei, das Polvo de los Jesuitos zu verschlucken. Trotz aller Intrigen der chinesischen Ärzte, die klug genug waren, zu sehen, daß sie unrettbar durch uns ihr Gesicht verloren, wie man in China sagt. Kurz, Kaiser Cham-Hi wurde innerhalb weniger Stunden gesund und sein Thron war gerettet. Gott aber hat uns dadurch die Hoffnung gegeben, vielleicht einmal das riesige chinesische Reich zu bekehren. Und darum halte ich das merkwürdige Wortspiel, das von der Inkasprache anhebt, aus Quina (ist gleich Rinde) die Rinde der Gräfin Chinchon macht und schließlich im Palast Cham- His als wirkliche China-Rinde sich manifestiert, für mehr als einen irdischen Zufall. Wie denn China selbst für uns alle noch voll dunkelster Geheimnisse steckt. Und unser Leibniz hat, sehr zum Entsetzen Bigotter und allzu Orthodoxer, einmal gesagt, es scheine ihm, wenn er die ins Unermeßliche zunehmende Sittenverderbnis in Europa betrachte, fast notwendig, daß die Chinesen zu uns Missionäre schickten, um uns den Zweck und die Übung der natürlichen Theologie zu lehren; wie wir wieder unsre Missionen hinsenden müßten, um die Chinesen in der geoffenbarten Theologie zu unterrichten.«

Alle Akademiker des Kreises um Ciampini gerieten durch die Reden des großen Jesuiten in eine angeregt heitere Stimmung. Doch wurde Grimaldi plötzlich sehr ernst und sagte:

»Noch einmal, meine verehrtesten Freunde. Leibniz sieht die Dinge, wie sie wirklich sind. Wie wir im Missionspalast sie sehen. Und wie die Propaganda fidei, die Glaubenspropaganda, sie sehen muß. Wir wahrhaften Streiter Gottes, die aus unsrem allerkatholischesten Vaterland, aus dem Zentrum der Mutterkirche, von Rom aus, einmal über den ganzen Erdball blicken; und dabei unsre subtilen Dogmenkonflikte innerhalb dieses gefestigten Katholizismus vergessen, müssen erkennen, daß es in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten um Gott selbst gehen wird. Nicht, daß Gott als solcher in Gefahr wäre. Solch lächerlicher Auslegung wird niemand meine Worte verdächtigen. Aber der Gott, der identisch ist mit dem Gottglauben der Menschen, jener Gott, der im Herzen wohnen soll, muß verteidigt werden. Und in solcher Weltlage darf es keine Palaststreitigkeiten geben. Nicht hier, nicht anderswo. Die Reinigung wird erfolgen, wenn Gott wieder im Herzen aller verankert ist. Dann, und nur dann, werden wir die Böcke von den Schafen scheiden. Und in diesem erweiterten Sinn betrachten wir Propagandisten des Glaubens Leibniz als ein wenn auch formell häretisches, so doch wertvolles Mitglied einer allgemein christlichen Ecclesia militans. Ganz abgesehen davon, daß wir den diesseitigen Menschen Leibniz lieben und zu ihm als zu einem Wunder des Geistes verehrend aufblicken.«

Grimaldi fand nicht nur keinen Widerspruch, sondern begeisterte Zustimmung. Und auch als sich das allgemeine Gespräch der Physik und Mathematik zuwendete, wurde Leibnizens Name mehr als einmal genannt, so daß er gleichsam schon im Kreise anwesend war, bevor er noch, etwa eine Stunde später, in sichtlicher Gemütsbewegung, durch den Garten auf die Pergola zukam und von den Freunden mit gutmütig ironischem Applaus für sein Zuspätkommen empfangen wurde.

Als Leibniz den Gastgeber und die anderen Freunde herzlich begrüßt hatte und sich eben zum Tisch setzen wollte, stand Grimaldi plötzlich auf, ging mit einigen Schritten auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Dann sagte er mit gedämpfter, jedoch sehr entschiedener Stimme:

»Ich möchte Sie für eine halbe Stunde dem Kreis der anderen entführen, Herr Leibniz. Ich habe dafür sehr triftige Gründe. Und ich kann diese Entführung deshalb ruhig verantworten, weil ich hoffe, daß wir eben jetzt eher am Beginn denn am Schluß unsrer Unterredungen halten.«

»Für jeden Fall ist ein Abendessen vorbereitet«, lachte Ciampini dazwischen.

»Das erleichtert meinen etwas unhöflichen Entschluß«, erwiderte Grimaldi. »Mir fehlt also nur noch die Zustimmung der Hauptperson. Würden Sie mir den Gefallen tun, Herr Leibniz?«

Leibniz sah den Jesuiten ein wenig unschlüssig an. Diese Aufforderung des sonst so zurückhaltenden Mannes, der jedes, auch nur das geringste Aufsehen stets mit eherner Selbstbeherrschung vermied, mußte wirklich ungewöhnliche Gründe haben. Und vor allem, wozu die Eile? Wollte der Jesuit ihn verhindern, vor den anderen irgend etwas zu sprechen? Was aber wieder sollte das sein? Es war im Angesicht der Unlösbarkeit all dieser Rätsel am klügsten, sich zu fügen.

»Gewiß, hochwürdiger Pater Grimaldi, es wird mir wie immer ein Vergnügen sein, mich mit Ihnen auseinanderzusetzen«, antwortete Leibniz. Er wandte sich an die Tischgenossen und fügte bei: »Wir werden uns eilen, um nicht allzuviel der aufschlußreichen Gespräche zu versäumen, die hoffentlich erst nach unserer Rückkehr sich mit neuen Entdeckungen befassen werden. Und auch wir versprechen, dann mit unseren Neuigkeiten nicht zurückzuhalten.«

»Pater Grimaldi hat für heute ohnedies eine Sensation angekündigt«, rief Bianchini vorwurfsvoll. »Er wartete mit der Bekanntgabe nur auf Sie, Herr Leibniz. Und nun verschwinden Sie beide. Aber was soll man tun? Also geht jetzt endlich, ihr launischen Olympier!«

»Ich werde mein Versprechen halten«, sagte Grimaldi plötzlich wieder sehr ernst. »Sie werden, wenn Sie mein Geheimnis erfahren, milder urteilen, Herr Bianchini. Jetzt aber kommen Sie, Leibniz.« Und er ging schweigend voran.

Nach wenigen Minuten gelangten Leibniz und Grimaldi zu einer Steinbalustrade, vor der einige Marmorbänke standen. Es war der höchste Teil des Gartens. Zwischen strotzenden Gebüschen sah man hinaus in die Weite, sah die Engelsburg, die Kuppel der Peterskirche, das Häusermeer der ewigen Stadt, das Silberband des Tiber, die Ebenen.

»Ich will Sie fragen, Herr Leibniz, vorläufig nur fragen«, begann Grimaldi und ließ sich auf eine der Bänke nieder. »Sie waren doch, soweit Sie mich vormittags unterrichteten, inzwischen im Vatikan?«

»Wissen Sie nichts über das, was man mir zur Erwägung stellte? Ich bildete mir ein, es sei auf Ihre Anregung hin erfolgt.« Leibnitz hatte sich ebenfalls gesetzt.

»Kein Sterbenswort weiß ich. Es ist nicht meine Art, nach Dingen, die ich weiß, zu fragen.«

»Verzeihen Sie, Pater Grimaldi! So habe ich das nicht gemeint. Ich gestehe aber gerne, daß ich mich in einer fast hilflosen inneren Verwirrung befinde. Zu große Dinge sind von verschiedensten Seiten auf mich hereingebrochen, seit wir uns trennten.«

»Ich sah es Ihnen an, als Sie den Garten betraten. Und wollte eigentlich nichts anderes, als Ihnen die Möglichkeit geben, Ihrer Verwirrung einem Einzelnen gegenüber Herr zu werden. Ob Sie nun sprechen oder mit mir hier eine halbe Stunde lang in die Gegend hinausblicken.« Grimaldi sah betont absichtlich zu Boden.

Es entstand eine kurze Pause. Plötzlich sagte Leibniz mit leicht umflorter Stimme:

»Ich werde reden, Pater Grimaldi. Sie sind ungemein gütig. Und haben zudem vollständig recht. Wenn ich zögerte, ist es nur deshalb geschehen, weil ich einfach nicht weiß, wo ich beginnen soll. Aber ich werde jetzt nicht grübeln, sondern ohne irgend eine Disposition sprechen. Ich hatte mehrere Unterredungen im Vatikan. Offizielle und private. Das heißt, ich wurde eigentlich zum Kardinal Casanata beschieden. Traf aber zufällig im Vorraum den Florentiner Magliabechi.«

»Den Sonderling?« Grimaldi lächelte.

»Ja, denselben.« Leibniz sprach noch immer in erregtem Ton und schien sich zu bemühen, die Gedanken zu ordnen. Dann setzte er fort: »Der Sekretär des Kardinals Casanata machte mich mit Magliabechi bekannt. Und von da an lief alles durcheinander. Ich glaube fast, man wird mich heute im Vatikan nicht eben in angenehmster Erinnerung haben.«

»Haben Sie exzediert, Leibniz?« Grimaldi faßte Leibniz mit einem beinahe ironischen Blick.

»Exzediert? Nein, das nicht!« Leibniz lachte leise auf. »Aber ich fürchte, daß mich Deutschen diese südliche Luft und die allzugroße unverdiente Sympathie, die man mir hier entgegenbringt, ein wenig aus der Bahn geworfen hat.«

»Das bilden Sie sich wohl nur ein. Wahrscheinlich haben Sie sich bei uns Südländern durch eine gewisse Lockerung Ihres Temperamentes nur noch mehr Sympathie erworben.«

»Möglich, daß ich mir alles einbilde. Aber ich will jetzt nicht mehr herumreden. Es handelt sich zuerst um zwei Angelegenheiten, die durchaus nichts miteinander zu tun haben. Die eine, die inoffizielle, kam mir in den Sinn, als ich mit Magliabechi im Vorraum über die Kontroverse des Abbé de la Trappe mit Mabillon diskutierte. Ich nahm selbstverständlich gegen das reine Anachoretentum der Trappisten Partei und drang in Magliabechi, seinen Einfluß für eine Ausnützung der Klöster in der Richtung der Naturerforschung in die Wagschale zu werfen.«

»Ein etwas revolutionärer Vorschlag.« Grimaldi horchte auf. Dann sagte er lächelnd: »Geist vom Geiste unsrer Akademie Ciampini. Magliabechi war wohl begeistert? Oder sollte ich mich täuschen?«

»Er war zumindest nicht ablehnend«, erwiderte Leibniz. »Insbesondere, als ich erklärte, daß durch meinen Plan in zehn Jahren wahrscheinlich mehr geleistet werden könnte als sonst in mehreren Jahrhunderten. Und als ich sagte, es sei nichts der Frömmigkeit gemäßer als die Betrachtung der bewunderungswürdigen Werke Gottes und der Vorsehung, die nicht weniger in der Natur als in der Geschichte und der Regierung der Kirche hervorleuchteten. Solcher Beschäftigung die Frömmigkeit absprechen, hieße dieser Frömmigkeit die gediegene Nahrung entziehen und ihr nur trockene Meditationen übrig lassen, von denen die unbefriedigte Seele leicht zu leeren Spekulationen übergehen würde; die wieder alle Gefahr von eingebildeter Weisheit mit sich führen könnten. Und ich ließ mich von meinen Zukunftshoffnungen mitreißen, sprach davon, daß ein ›beschauliches‹ Klosterleben so recht nur die Sehnsucht fauler Bäuche wäre und daß dadurch die ganze Kirche noch außerdem in den Verdacht käme, aus Angst vor wahrer Wissenschaft die Wissenschaft der Natur zu unterdrücken. Eben jene Naturwissenschaft, die recht eigentlich Domäne und Sprungbrett aufgeblasener Freigeister und Gottesleugner ist. Während nach meinem Vorschlag die vereinigte Kerntruppe gelehrter und weiser Mönche, der edle Wetteifer uralter Orden untereinander, mit Leichtigkeit den Freigeistern auch auf ihrem eigensten Gebiet vor aller Welt den Rang ablaufen würde.«

»Was hat man Ihnen geantwortet? Haben Sie außer mit Magliabechi auch noch mit andren über Ihren Plan gesprochen?« Grimaldi fragte nur, um zum Kernpunkt vorzustoßen, den Leibniz anscheinend noch nicht erwähnt hatte.

»Ich habe gesprochen. Mit dem Kardinal selbst. Aber der Plan geriet gegenüber einer anderen, der offiziellen Angelegenheit, die mich selbst betraf, in den Hintergrund. Kurz, Casanata hat mir nichts weniger als die Stelle des Custoden der Vatikanischen Bibliothek angetragen. Ganz Rom wünsche es, hat er beigefügt. Und noch dazu erklärt, ob mir bewußt sei, daß nach einiger Zeit mit dieser Stelle die Würde des Kardinalats beinahe untrennbar verbunden wäre. Es ist alles unfaßbar, Pater Grimaldi! Sprechen Sie jetzt nicht. Sondern hören Sie weiter. Ich wollte eben, als mir die Größe und der volle Ernst dieses Antrages zum Bewußtsein kam, zu überlegen beginnen. Wollte die Unions-Verhandlungen anführen, in deren Interesse ich selbst vom katholischen Standpunkt aus Protestant bleiben müßte. Wollte vom Rosenkranz-Wunder auf der Barke sprechen. Wollte erwägen, wie weit ich Hannover, der keimenden Geschichtswissenschaft und dem Hof in Wien zur Treue verpflichtet sei. Wollte und wollte und wollte. Und mitten in diese Überlegungen schoß mir, noch als ich vor dem großen Kardinal stand, eine ungeheure mathematische Entdeckung in die Wirrnis meiner Gedanken und brachte mich vollends um die Möglichkeit, dem Kardinal etwas anderes zu erwidern als eine Bitte um Aufschub meiner Entscheidungen. Er war äußerst gütig und bezeichnete diese Überlegungsfrist als selbstverständlich. Gleichwohl jedoch dürfte ihm mein Betragen, das ich ihm ja nicht erklären konnte, etwas sonderbar erschienen sein.« Leibniz schwieg.

Nach kurzer Zeit blickte ihm Grimaldi hart in die Augen.

»Ich äußerte heute schon einmal,« sagte er dann langsam, »daß man hier in Rom mit einem Leibniz anders sprechen würde, als es der eifernde Marchetti von Florenz versucht hat.

Ich kenne Sie zu gut, Leibniz, weiß um die ganze Vielfalt Ihrer Gewissenszweifel zu genau Bescheid, als daß ich jetzt, nachdem Sie mir alles erzählten, Ihre Verwirrung nicht begriffe. Ich kann Ihnen auch keinen wirklich schlüssigen und eindeutigen Rat erteilen. Und kann nur sagen, daß es nicht nur mich allein, sondern wirklich weiteste Kreise des Katholizismus mit inniger Genugtuung erfüllen würde, die Fiocchetti des Kardinals auf dem Hut Leibnizens zu sehen. Es wäre eine unausdenkbare Stärkung der geistigen Macht unsrer Kirche! Ob es aber nicht eine größere Stärkung der physischen Macht unsrer Kirche ist, wenn die Einigung mit den Protestanten gelingt, wage ich nicht zu entscheiden. Kurz, mein Dilemma, Leibniz, ist kein kleineres als das Ihre. Und darum müssen Sie das alles wohl allein mit Gott ausmachen. Auf jeden Fall verstände ich Ihre Verwirrung auch dann, wenn nicht noch Ihre mathematische Entdeckung, deren Größe mir nach Ihrer Aussage unzweifelhaft erscheint, dazwischen gekommen wäre. Diese Entdeckung aber, Herr Leibniz, möchte ich noch heute kennenlernen, denn ich reise morgen früh nach China. Kaiser Cham-Hi hat mich an Stelle des heute nach Rom zurückgekehrten Paters Verbiest zum Präsidenten des mathematischen Tribunals am Hof von Peking ernannt. Und mein Orden hat mir im Namen des heiligen Ignatius befohlen, der Berufung Folge zu leisten.«

Leibniz war aufgesprungen. Er starrte Grimaldi fassungslos an.

»Und Sie, eben Sie, Pater Grimaldi, hören mit steinerner Geduld den krausen Bericht meiner Angelegenheiten an?! Fragen teilnehmend? Machen sich Sorgen über meine Entschlüsse? Als ob Ihre eigenen Schicksale im Gleichmaß einer Dorfpfarre dahinströmten?«

»Warum sollte ich, dessen Schicksal eindeutigen Gesetzen folgt, der doch stets genau wußte, was es bedeutet, daß hinter seinem Namen die Buchstaben S.J. stehen, nicht imstande sein, die Wirrnisse eines Mitmenschen, eines großen, weltwichtigen Geistes und Fachgenossen im Gebiet der Wissenschaft, zu begreifen? Auch am Vortage einer Reise nach China zu begreifen? Mit Gottes Hilfe wird mich ja nichts Übles erwarten. Gewiß, der Abschied von Rom, von meinen Freunden, von unsrer Akademie fällt mir nicht leicht. Dafür aber werde ich im Drachenpalast des östlichen Weltherrschers stundenlang an der Seite dieses Kaisers liegen, den die eigenen Blutsverwandten nur aus der Ferne verehren dürfen. Und ich werde ihn in der Mathematik unterrichten und vielleicht Gelegenheit finden, während wir in den Nächten den Lauf der Sterne beobachten, den Samen der wahren Religion in sein Gemüt zu senken. Ich sage es noch einmal. Es ist eine klare, eindeutige, konfliktlose Aufgabe, Leibniz, auch wenn mein Schiff durch heiße Meere und zwischen nie geschauten Riffen segeln muß. Pater Verbiest ist nach Rom zurückgekehrt. Auch ich werde mit Gottes Hilfe wieder den Boden der ewigen Stadt betreten. Jetzt aber, Leibniz, schenken Sie mir zum Abschied noch das Wissen um Ihre neue Entdeckung.«

Leibniz hatte sich unter dem Eindruck der unbezwinglichen Ruhe Grimaldis wieder auf die Bank niedergelassen. Neue Welten, wimmelnde Völker des Ostens, ferne Landschaften, deren Bilder er im Missionspalast schon gesehen hatte, tanzten vor seinem inneren Auge, als er ein Notizheft und eine Bleifeder hervorzog und leise erwiderte:

»Es ist merkwürdig, daß meine Entdeckung aus jenen Zauberwelten hervorging, in die Sie nun wirklich reisen sollen, Pater Grimaldi. Das kanonische Buch Yi-king des sagenhaften Kaisers Fohi, das Sie mir einmal zeigten, und das ja nur aus den vierundsechzig mystischen Zeichen, aus den Trigrammen, aus den Kuas besteht: jenes bis heute unenträtselte ›Buch der Wandlungen‹ also wurde für mich der Ausgangspunkt meiner Entdeckung.«

Da Leibniz eine kleine Pause machte, fiel der Jesuit ein:

»Sonderbar! Eben heute hat mir, trotz aller wichtigen und wichtigsten Berichte, Pater Verbiest erzählt, daß er sich näher mit dem Yi-king befaßt und die Entstehungssage erfahren habe. Das Drachenpferd Lung-ma, so sagen die Chinesen, soll aus dem Flusse aufgestiegen sein und dem Kaiser Fohi eine Tafel überreicht haben, die weiße und schwarze Punkte in symmetrischer Anordnung enthielt. Der Kaiser habe hierauf die weißen Punkte durch ganze, die schwarzen durch gebrochene Linien ersetzt und die ersten acht Trigramme daraus gebildet, in denen im allgemeinen die ganzen Linien oder Yang auf Licht, Bewegung, Leben, die gebrochenen Linien oder Yin auf Dunkel, Ruhe, Materie hindeuteten...«

»Jetzt wird der Zusammenhang noch mystischer.« Leibnizens Gesicht überzog sich mit einem roten Schimmer, um gleich darauf zu erblassen. »Licht und Dunkel? Bewegung und Ruhe? Leben und stumpfe Materie? Nein, Pater Grimaldi! Das ist kein Zufall. Erforschen Sie diese Urweisheiten in China weiter, schreiben Sie mir darüber, vergessen Sie mich nicht.«

»Wer soll Sie vergessen? Ich habe heute schon mit Pater Ptolemai, unsrem Generalagenten, gesprochen. Sie werden genaue Berichte erhalten, Leibniz. Wir wollen, zur höheren Ehre Gottes, Ost und West zusammenschließen. Jetzt aber spannen Sie mich nicht weiter auf die Folter. Ciampini und die anderen warten. Was also haben Sie aus dem Yi-king herausgelesen?«

»Die Dyadik Pater Grimaldi, die neue binarische Arithmetik. Verzeihen Sie meine erst vor wenigen Stunden erfundenen Fachausdrücke. Aber Sie als Mathematiker werden sich kaum an Worten stoßen, wenn Sie gleich darauf den Sinn erfahren. Also hören Sie. Es ist mir in jenen Minuten, als ich vor dem Kardinal stand, gelungen, das tiefste Geheimnis unsres dekadischen Zahlensystems zu durchschauen. Man hat längst vermutet, daß die Grundzahl unsres Systems, die Zehn, nichts Zufälliges ist, sondern einfach den Ursprung in der Zahl unsrer Finger hat. Gleichwohl ist es aber noch nie gelungen, andere Systeme genugtuend aufzustellen. Da fiel mir das Yi-king ein. Und irgendetwas in mir raunte mir zu, hier sei ein Zahlensystem versteckt, das sich bloß zweier Ziffern bediente. Also eine Dyadik, ein Zweiersystem. Und ich fingierte eine Zahlenreihe, die nur die Null und die Eins verwendet, und versuchte fiebernd, alle möglichen Zahlen in dieser Schrift zu schreiben. Und jetzt sehen Sie!« Leibniz nahm das Notizheft und warf in rasender Eile zwei Ziffernreihen hin:

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14...

1, 10, 11, 100, 101, 110, 111, 1000, 1001, 1010, 1011,1100, 1101, 1110 ...

Dann reichte er das Heft Grimaldi und setzte fort:

»Oben stehen unsre dekadischen Zahlen von eins bis vierzehn. Unten meine dyadischen, ebenfalls von eins bis vierzehn. Und man kann die dyadische Schreibweise ins Unendliche fortsetzen, ohne daß andre Ziffern erscheinen als die Null und die Eins. Ich behaupte nicht, daß das Zweiersystem praktisch brauchbar ist. Es ist ja sehr, sehr unbeholfen und führt bald zu äußerst vielstelligen Zahlen. Aber möglich ist es! Und ebenso möglich ist ein Dreier-, ein Vierer-, Zwölfer-, Sechzehnersystem und jedes andre System jeder beliebigen Grundzahl. Unser Zehnersystem ist durch nichts vor den andren Systemen ausgezeichnet als durch die Gewohnheit und durch den Sprachgebrauch, der die Zehnerpotenzen mit eigenen Ausdrücken wie zehn, hundert, tausend, Million und so weiter bezeichnet. Natürlich muß jedes System so viel voneinander unterschiedene Ziffernzeichen einschließlich der Null enthalten, als die Grundzahl beträgt. Also sähe ein Vierzehnersystem so aus, wenn Sie mir gütigst noch einmal das Heft reichen.«

Und wieder warf Leibniz zwei Reihen hin:

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14 ...
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, A, B, C, D, 10 ...

und sprach dann weiter: »Ich habe hier die fehlenden vier Zahlzeichen durch große Buchstaben ersetzt, so daß etwa die Zahl 27 im Vierzehnersystem 1D geschrieben werden müßte, was strukturell dasselbe ist wie die 19 im Zehnersystem. Aber damit noch nicht genug. Eine zweite Entdeckung zeigte mir, daß in den Systemen die Regeln der Kombinatorik gelten. Jede Gruppe n-ziffriger Zahlen stellt sich als ›Variation mit Wiederholung‹ dar. Wobei die Anzahl der Elemente durch die Grundzahl des Systems, und die Klasse durch die Ziffernzahl der Gruppe gegeben ist. Deutlicher gesagt: Ich bin ohne weiteres imstande, anzugeben, wie groß die Anzahl aller dreiziffrigen Zahlen in einem System mit der Grundzahl 6 ist. Oder die Anzahl zweiziffriger Zahlen in einem Sechzehnersystem. Sie wäre ganz allgemein G n, wenn die Zahlen mit Null oder mit mehreren Nullen beginnen dürften. Da dies nicht erlaubt ist, muß ich die Gesamtheit solcher Zahlen jeweils abziehen. Ich gelange also zur Formel G n - G n-1, weiß somit, daß ein Sechsersystem 6 3 - 6 2 also 180 dreiziffrige Zahlen, und ein Sechzehnersystem 16 2 - 16 1 also 240 zweiziffrige Zahlen hat. Mein Zweiersystem aber wird zum Beispiel 2 4 - 2 3 = 8 vierziffrige Zahlen enthalten. Acht vierziffrige Zahlen gegenüber den 10 4 - 10 3 also 9000 vierziffrigen Zahlen des Zehnersystems. Der Kosmos aller Zahlensysteme liegt somit in seiner unendlichen Mannigfaltigkeit vor mir. Und mir erscheint das dyadische, das Zweiersystem oder die binarische Arithmetik, wie ich sie auch nenne, geradezu als Sinnbild der Erschaffung der Welt aus dem Nichts. Denn aus der Null und der Eins kann der ganze Kosmos aller, aber auch wirklich aller möglichen Zahlen bis hinauf zum Unendlichen sich aufbauen. Und ich weiß heute noch nicht, was für weitere Geheimnisse in diesen rätselhaften Zahlenwelten schlummern. Durchforschen Sie drüben in China die kanonischen Bücher, Pater Grimaldi. Vielleicht finden wir dort neue Probleme, neue Lösungen.« Und Leibniz steckte mit ein wenig zitternder Hand das Heftchen zu sich und stand auf.

Grimaldi aber, der in fieberhafter Aufmerksamkeit Leibnizens Worten gefolgt war, sprang empor und preßte Leibniz für einen Augenblick an die Brust. Dann sagte er, sogleich wieder gebändigt:

»Mein Dank, Leibniz, ist ohne Grenzen. Heute weiß ich, daß Sie der größte Mathematiker des Jahrhunderts sind. Und dazu ein Geist wie Pythagoras, der die Zahlen nicht nur als Rechenpfennige, sondern als Sinnbilder letzter Mysterien sieht. Ihr Deus mathematicus, Ihr Hermes Trismegistos, Ihr herrlicher Gott, der aus dem Nichts und der Eins sinnbildhaft die Welt zu unendlicher Größe dehnte, sie heute noch weitet und sie immer mehr ausbreiten wird, ist ein tiefer, ein allweiser Gott. Tragen Sie diesen Gott fürder im Herzen, Leibniz. Ich segne Sie, bevor wir uns, leider viel zu bald, wieder voneinander trennen müssen. Wir wollen aber jetzt beide, eingedenk unsrer riesigen Aufgaben, zum Symposion zurückkehren und nichts als heiter sein. Denn Gott kann den armen Erdenwurm wohl nicht sichtbarer auszeichnen, als daß er ihn berief, die Dyadik zu entdecken oder die wimmelnden Weiten mongolischer Reiche zum wahren Glauben zu führen. Kommen Sie, Leibniz! Wir wollen jetzt den heiligen Wein trinken, der auf den Hängen des Vesuv wuchs.«

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