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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 49
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
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Neunundvierzigstes Kapitel

Pythagoräisches Erlebnis

Ein Frühlingstag lag über dem Adriatischen Meere. Tiefdunkelblaue Wellen mit winzigen Schaumkronen eilten unter dem Druck einer leichten Nordost-Brise der Barke voraus, deren braunrotes lateinisches Dreiecksegel lustig knatterte und das Schifflein ein wenig nach Steuerbord hinüberlegte.

In der Barke roch es nach Teer und nach Fischen. Der Salzwind jedoch, durch den die Mittagssonne leuchtete, wehte diesen Geruch stets wieder fort, wenn er einmal aufstieg, und sprühte zudem noch feinen Wasserstaub kühlend und erfrischend über die drei Bootsleute und über Leibniz.

Sie segelten ziemlich weit draußen auf der Höhe des mittleren Po-Deltas. Bei diesem günstigen Wind machte der kleine Umweg nichts aus, insbesondere da man dadurch alle Sicherheit vor den der Flußmündung vorgelagerten Sandbänken gewann.

Leibniz verzehrte eben sein Mittagsmahl. Und auch die Schiffer in ihrer farbigen Pracht fanden es angemessen, ihr Brot und ihren Wein auszupacken.

Warum er mit seinen Fahrtgenossen noch nicht gesprochen hatte, wußte Leibniz nicht. Es war ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. Und ein Hindernis lag nicht vor. Denn der mehrmonatige Aufenthalt im Venedig Francesco Morosinis hatte ihn gerade den venetianischen Dialekt beinahe vollkommen erlernen lassen.

Die Schiffer erzählten jetzt, während sie aßen, einander Schaudergeschichten aus den Kriegen mit den Türken. Aus jenen Kriegen, an denen der Mieter der Barke, Leibniz, durchaus nicht ganz schuldlos war. Denn schon der Auftakt dieser Kriege, der Verfolgungskampf gegen die Türken in Ungarn, hatte die Fahnen Hannovers im Mittelpunkt der Ereignisse flattern lassen. Erbprinz Georg und der zweitgeborene Prinz August hatte zehntausend Hannoveraner und ein Reiterregiment schon im Jahre 1685 bei Neuhäusl gegen die Türken

geführt und recht eigentlich den Sieg der Kaiserlichen entschieden. Nicht anders war es bei Raab gewesen. Und die neue deutsch-polnisch-venetianische Allianz hatte darauf die Türken von allen Seiten in die Zange genommen. Diesmal in eine wirklich allerchristlichste Zange. Aber noch nicht genug damit, daß man die Türken schlug, wo man sie traf, daß in Dalmatien, Bosnien, Morea, auf den Inseln, vor Korinth und bei Athen gekämpft wurde; daß der herrliche Parthenon auf der Akropolis durch eine Brandkugel der Königsmarkschen Artillerie in die Luft flog, da ihn die Türken als Pulvermagazin eingerichtet hatten: er, Leibniz, noch immer eingedenk seines Consilium Aegyptiacum, suchte zudem noch den Türken an der verwundbarsten Stelle zu packen; nämlich in Ägypten. Und der Anlaß dazu war merkwürdigerweise eine rein wissenschaftliche, philologische Angelegenheit gewesen. In Frankfurt hatte er den großen Sprachforscher Hiob Ludolf, den Begründer der äthiopischen Philologie, kennen gelernt und war mit ihm in näheren Verkehr getreten, da der Plan der Begründung einer europäischen historischen Gesellschaft in der Luft lag. Sogleich aber war in den Gesprächen der beiden Männer, die unter dem Eindruck neuer Gewalttaten des Sonnenkönigs standen, die Gründung der historischen Gesellschaft vor den Tagesereignissen zu einer papierenen Angelegenheit verblaßt. Und Leibniz und Ludolf stürmten in ihren Plänen so weit vor, daß Ludolf versprach, er werde den Negus von Abessinien veranlassen, die Türken aus Ägypten zu vertreiben, wenn sie durch die neue Allianz genügend geschwächt seien.

Die Schiffer auf der Barke sahen die Ereignisse anders. Für sie gab es nur zusammenhanglose Beutezüge des greisen Francesco Morosini, den sich das Volk von Venedig als Dogen ertrotzt hatte. Und sie erzählten einander von den vergangenen Feldzügen um Kandia, von den tapferen Mainoten auf Morea und von den furchtbaren Grausamkeiten der Türken. Warum war der Türke noch nicht ausgerottet? Ganz unbegreiflich. Sie selbst hatten ja gesehen, wie Schiff auf Schiff mit Truppen, Kanonen, Kugeln und Pulverfässern beladen aus Venedig auslief. Tag und Nacht rasten die Schmiedehämmer im Arsenal. Und neue Schiffe wurden zu Dutzenden gebaut, während zerschossene, halbwracke Fregatten wieder ausgebessert wurden. Aber lange würde es nicht mehr dauern. Es soll schon Revolten gegeben haben in Konstantinopel. Und wenn die Türkei einmal zerschlagen ist, dann wird man auch mit den Ketzern aufräumen. Mit allen Ketzern! Auch mit solchen, wie man eben einen auf der Barke beherbergte. Er ist ein Ketzer. Man hat gehört, wie er das Deutsche, die Sprache der Pferde, gesprochen hat. Und ein weitgereister Mann hat gesagt, daß dieses Deutsch nicht aus einer Gegend stamme, in der man die Gottesmutter und die vierhundert Heiligen verehre.

Leibniz lehnte sich in die Polster zurück, die man ihm hingebreitet hatte. Er blickte den Mast entlang hinauf zum schwärzlich blauen Südhimmel. Also, das war das politische Programm dieser braungebrannten Lungerer aus der Stadt der Kanäle und Brücken? Merkwürdig! Doppelt merkwürdig, wo doch selbst auf Morea, im Solde Venedigs, hannöversche und andre protestantische Regimenter fochten, die nicht zuletzt den Löwen von San Marco vorwärtstrugen. Leibniz war jetzt beinahe froh, sich auf keine Gespräche mit seinen Matrosen eingelassen zu haben. Sollten sie glauben, daß er nur die »Lingua dei cavalli«, die Sprache der Pferde beherrschte. Gut, er gab zu, daß das Venetianische weicher und melodischer klang. Aber zum Gewieher wollte er die Laute doch nicht gern herabsetzen lassen, in denen Luther gepredigt und Hans Sachs gedichtet hatte. Und in denen sein Vater und seine Mutter zu ihm die ersten Worte gesprochen hatten.

Noch einmal. Die Schiffer sollen bei ihrer Ansicht bleiben. Und ich werde inzwischen in meiner »Pferdesprache« überlegen, worin mein politisches Konzept von ihrem Programm abweicht. Die guten Schiffer haben eine Kleinigkeit vergessen: nämlich die feindselige Gedankenwelt eines riesigen katholischen Volkes und vor allem seines Königs.

Als ich im Mai des vorigen Jahres in Wien eintraf, da läuteten gleichsam von früh bis abends die Siegesglocken. Denn nach den Affären von Mohacs und Belgrad und infolge der Revolution in der Türkei wurde eben eine höchst demütige türkische Gesandtschaft erwartet, die im Lager der vereinigten Österreicher, Polen und Venetianer erscheinen sollte.

Man hat in Wien das Christentum über die trüben Erfahrungen der Vergangenheit gestellt und die Aufteilung der Türkei an die christlichen Mächte erwogen. Frankreich wurde Griechenland, Thrakien und ein Teil Kleinasiens angeboten. Sicherlich kein kleiner Verzicht Venedigs.

Was aber war die Antwort des Sonnenkönigs? Er brach im September 1688 den von ihm selbst so heiß erstrittenen zwanzigjährigen Waffenstillstand, eroberte Philippsburg und übersetzte den Rhein. Gut, solche Sitten ist man von ihm schon nachgerade gewohnt. Daß er aber dazu noch verkündete, er müsse sich schützen, denn Leopold hege nach den glücklichen Erfolgen der kaiserlichen Waffen in Ungarn die Absicht, Frankreich mit verstärkter Macht »anzufallen«, war doch ein wenig viel behauptet. Insbesondere, wo man ihm eben große Länderstrecken angeboten hatte, die er nicht mehr als erster Eroberer erkämpfen mußte, sondern höchst gefahrlos einsacken konnte. Und es war für mich vielleicht der schönste Augenblick meines Lebens, als mich der Kanzler, Herr von Stratmann, zum Kaiser rief und die deutsche Majestät mir den Auftrag erteilte, das Gegen-Manifest zu verfassen. Zum erstenmal durfte ich im Namen Gesamtdeutschlands meine wahre Ansicht über den Rhein hinüberrufen. Und ich habe nicht die sanftesten Töne angeschlagen. Ich habe das Vorgehen des »allerchristlichsten« Königs schlankweg mit der Züchtigung verglichen, die Gott durch die Geißel eines Attila über das Abendland verhängte. Niemals habe Deutschland den lächerlichen Gedanken gehabt, Frankreich anzugreifen. Nach unsäglichen Peinigungen habe es sich erst zu verzweifeltem Widerstand aufgerafft. Allerdings hätten die letzten Taten Frankreichs den friedlichen Geist Deutschlands erschüttert. Und der Kaiser, der den Türken, den Brecher der Verträge, gebändigt und niedergeworfen habe, werde vielleicht auch eines Tages den Franzosen als Brecher der Verträge bändigen und zu Boden werfen. Was aber den lächerlichen Vorwurf betreffe, daß der Kaiser die »germanische Freiheit« untergrabe, indem er die deutschen Reichsfürsten von ihrer Freundschaft zu Frankreich abziehe, um sie desto leichter zu knechten, so sei darauf nur folgendes zu erwidern: Gerade die französische Politik trachte, die deutschen Stände im Schwanken und im Mißtrauen gegeneinander zu halten, damit sie nicht zu wahrem Ruhm und zu allgemeiner Sicherheit einmal zusammenträten. Warum aber der Sonnenkönig diese Zwietracht säe, sei mehr als offensichtlich und durchaus kein Miracle du secret. Er könne dadurch nämlich, was er ja auch durch seine Taten am Rhein stets aufs neue beweise, die einzelnen Stände leicht niederlegen, während er von allen zusammen leicht in die Flucht geschlagen würde. Daß aber die »germanische Freiheit« durchaus anderswo liege als in der Unterwerfung durch Frankreich, hätten erst neuerlich wieder Kurbrandenburg und Hannover bewiesen, die sich nunmehr endgültig aus ihrer Bindung an Ludwig befreiten.

Aber nicht nur Deutschland hat sich gegen Frankreich erhoben. Auch die siegreiche Revolution in England hat ihre guten Folgen gezeitigt. Ganz abgesehen davon, daß unsre große Herzogin jetzt auf Schrittweite an den Thron Englands herangerückt ist.

Die Engländer haben das nimmersatte Reich Ludwigs angegriffen, seine Küsten beschossen und dabei eine neue Art von Geschossen, die Bomben, verwendet, die Tod und Schrecken streuten. Und ich habe, im Rausch dieser Geschehnisse, ein Epigramm auf das neue Kriegsmittel, das uns vielleicht die wahre »germanische Freiheit« bringen kann, verfaßt. Nicht ohne daß ich deshalb vom großen Bossuet eine herbe Rüge erhielt, der mir vorwarf, ich mengte mich wirklich in all zu viele Dinge. Und zwar griffe ich »aus purem Ehrgeiz« nicht nur die Staatskunst, sondern auch in alles andre, selbst in die Rechte der Theologen ein. Er mag von außen gesehen und als Franzose recht haben. Nur billigt er mir nicht das Motiv zu, das ich ihm, dem großen Theologen, trotz seiner geistlichen Würde zugestehe: daß nämlich auch ich ein glühender Patriot bin. Allerdings auf der anderen Seite des Rheins. Und ich denke, daß selbst mein Epigramm auf die Bomben noch zahmer war als Bossuets briefliche Kundgebung, in der es heißt, der allerchristlichste König befolge bloß die Vorschrift des Neuen Testamentes, das vorschreibt, bei den Juden zu beginnen und sich dann erst »ad gentes«, an die anderen Völker zu wenden. Ludwig werde nach dieser Vorschrift sich durch die Überwindung aller Christen einen sicheren Übergang verschaffen, um eines Tages die Ungläubigen zu erreichen!

Was soll ich darauf erwidern? Was helfen da Angebote an Frankreich? Auch die Christen müssen überwunden werden, sagt Bossuet. Durch Ludwig natürlich. Wir Deutschen dürfen also nur eines tun, um »germanischer Freiheit« teilhaft zu werden. Wir müssen kapitulieren, uns selbst aus der Karte Europas austilgen. Und das, wo die Polen, die Hannoveraner und all die anderen, von den Östreichern ganz zu schweigen, seit Jahren dafür bluten, das Vordringen mohammedanischer Heere nach Europa zu verhindern? Sie sind nicht nur undankbar in Paris, sie sind fast unklug. Zu viel vertrauen sie auf Vaubans Festungen. Und ich glaube kaum, daß das Heer Kara Mustaphas nach Überrennung Wiens noch aufzuhalten gewesen wäre, wenn es die Donau aufwärts über Bayern und die Pfalz hätte nach Frankreich marschieren wollen. Man muß in Wien mit Bürgern, Soldaten und Strategen gesprochen haben, die anno 1683 die Sintflut mit eigenen Augen sahen, um solches beurteilen zu können ...

Aber meine venetianischen Schiffer haben sich zur Ruhe begeben. Zwei schnarchen vernehmlich. Nur einer bedient lässig das Steuer und das Segel. Der Wind flaut ab. Ich fürchte, wir haben Gott Aeolus zu stark vertraut und sind zu weit hinausgesegelt. Wir werden bald stilliegen und müssen vielleicht auf dem Meer übernachten. Was tuts schließlich? Es wird zwar merklich kühler. Aber ich habe das ganze Gepäck »an Bord« und kann mir den wärmsten Mantel heraussuchen. Die Schiffer sollen jetzt ruhig schlafen. Sie können dann in der Nacht, wenn wir noch nicht das Land erreicht haben sollten, ihre Unterhaltung über die »Sprache der Pferde« und über die Vertilgung der Ketzer fortsetzen. Auf jeden Fall sind wir Deutschen in einer schlechten Lage. Ludwig will uns ohne Ausnahme verschlucken, weil wir es wagten, Europa vor den Türken zu retten; und weil es eher in sein Programm gepaßt hätte, daß wir von den Türken zermürbt worden wären, die er dann, über unsre Leichen hinweg, angeblich angegriffen hätte. Meine Venetianer aber wollen wieder zuerst die Türken vernichten, um dann die Ketzer auszurotten. Gottlob ist das letztere nicht die Politik Francesco Morosinis, sondern bloß der Traum dieser schläfrigen Matrosen. Sonst wüßte ich als deutscher Ketzer überhaupt nicht mehr, wo mir noch ein Ausweg bliebe.

Aber ich bin nun einmal ein Abenteurer des Geistes und gehe unbekümmert um alle Vernichtungspläne meine eigenen krausen Wege. Und war eben in demselben Venedig, das für die Welfen stets irgend ein Schicksal birgt.

Im Jahre 1685 hatte Ernst August, der den Karneval der Dogenstadt nicht lassen kann, dort ein sonderbares Erlebnis. Theodor von Dameidenus, ein holländischer Edelmann und Abt von Santa Maria de Castro, hat ihm damals ein säuberlich geschriebenes Buch überreicht, das nichts weniger als den Nachweis enthielt, daß die Welfen von Octavianus Augustus abstammten. Es führte auch den bezeichnenden Untertitel: »Ununterbrochene Geschichte, Chronologie und Heraldik vom ersten Jahr der Erbauung Roms bis zum Jahr 1645, also 2646 Jahre umfassend.« Der gute Herzog war zuerst über diese Ahnentafel ein wenig verblüfft gewesen, um so mehr, als ja die Wappen und andre sehr apodiktische Angaben dem Ganzen einen Anstrich von Glaubwürdigkeit und profunder Gelehrsamkeit verliehen. Sein guter Instinkt gab ihm aber gleichwohl eine skeptische Haltung und er zog es vor, nicht darüber zu sprechen, bis der »allwissende Leibniz« seine Auskunft gegeben haben würde.

So bekam ich das Prachtwerk in die Hand. Und sah sogleich, daß der Inhalt ebenso zuverlässig war wie die Zahlenangabe, die die Gründung Roms in das Jahr 1000 vor Christi verlegte. Ich erzählte auch Ernst August, daß dieser phantastische Versuch nicht vereinzelt dastehe. Die Extrapolation des Adels bis zurück ins römische Imperium sei sogar geradezu eine Modeseuche. So habe Peter Lambeccius den Ursprung der Habsburger bis auf die Fabier und Scipionen, Sebastian Münster dagegen die Herkunft der Hohenzollern auf einen römischen Patrizier namens Petrus Columba zurückgeführt. Auch an Johann Friedrich habe man sich herangemacht, um ihm Wunderdinge über den rätselhaften und vielleicht apokryphen Markgrafen Azo von Este zu berichten, der der Stammvater der deutschen Welfen sei und im elften Jahrhundert nach Christi Geburt gelebt haben soll. Ich fügte hinzu, daß Azo, wenn er gelebt habe, nach meiner Ansicht niemals ein Italiener oder gar ein Römersprosse, sondern ein Deutscher gewesen sei. Azo sei nämlich nichts andres als eine romanisch verballhornte Form von Albert oder Adalbert. Diese meine Auskünfte nun erweckten im höchsten Grad das Interesse des Herzogs und der Herzogin. Es wurden sogleich geheime Beratungen angesetzt und ich erhielt den Auftrag, eine wirkliche Genealogie des Welfenhauses festzustellen, da man bei der herrschenden patriarchalischen und patrimonialen Staatsauffassung durchaus nicht wissen konnte, welche dynastischen und völkerrechtlichen Folgen die Aufhellung richtiger genealogischer Zusammenhänge zeitigen würde.

Ich konnte mich solchen Argumenten nicht verschließen, um so weniger, als ich wußte, in welcher geradezu trostlosen Verfassung sich die Geschichtsforschung in Deutschland seit je befand und noch befindet: Ein Chaos, das Ludwig dazu herausgefordert hatte, seine historische Réunionskomödie aufzuführen. Ich wußte aber noch mehr. Daß es nämlich eine herakleische Arbeit sein würde, diese Forschungen zu bewältigen. Denn eine Vorarbeit war in keiner Weise geleistet oder selbst nur verwendbar. Man konnte nirgends anknüpfen. Nicht einmal an einer Methode. Die Geschichte mußte also aus dem Stadium einer wahllosen Sammlung teils phantastischer, teils unerwiesener Klatschgeschichten erst zum Rang einer Wissenschaft erhoben werden. Dann, aber auch nur dann, konnte man dazu übergehen, aus dem Wust der ungeordneten Tatsachen letzte Ergebnisse auszuschöpfen, wie sie etwa der Aufbau einer richtigen Genealogie eines weitverzweigten und stets in Bewegung befindlichen Herrscherhauses fordert.

Neues unerhörtes Abenteuer des Geistes! Um einen Stammbaum herzustellen, muß Leibniz all seine andren Wissenschaften im Stich lassen und die europäische Geschichte für den Zeitraum eines Jahrtausends nicht nur dem Material, sondern sogar der Methode nach neu begründen. Und ich erwog alles viele Monate lang, bis ich zu einem Ergebnis kam, das ich in eine kurze lateinische Formel fassen konnte: »Didici in mathematicis ingenio, in natura experimentis, in legibus divinis humanisque auctoritate, in historia testimoniis nitendum esse!« Wie ich mich also bisher in der Mathematik auf die Eingebungen des Geistes, in den Naturwissenschaften auf das Experiment, in göttlichen und menschlichen Gesetzesdingen auf die autoritäre Norm gestützt hatte, so durfte ich mich in der Geschichtswissenschaft, wenn es eine Wissenschaft sein sollte, auf nichts andres stützen, denn auf beglaubigte Quellen!

Ich trug alle Bedenken und Anforderungen dem Herzog und der Herzogin vor. Ich erregte aber durchaus keine Bedenken, sondern entfachte in den beiden geradezu Begeisterung. »Eine neue Welt wird für Castilien und Leon durch unsren Columbus- Leibniz erschlossen«, zitierte variierend die Herzogin, und selbst der sparsame Ernst Angust öffnete seine Kassen, um mir gleichsam ganz Europa als Forschungsobjekt zur Verfügung zu stellen.

Ich bin jetzt auf der Fährte. Vielleicht aber erst am Beginn der großen Reise, die eine Rückwärtsreise durch die Jahrhunderte ist. Über Hessen, den Mittelrhein, Franken, Bayern, Böhmen bin ich bis nach Wien den Spuren der Welfen gefolgt. Habe Archive, Bibliotheken, Grabmäler und all die anderen »Testimionia«, die beglaubigten Quellen, untersucht und studiert, wobei ich noch zu meinem Schrecken feststellte, daß die Geschichtsforschung zahllose Hilfswissenschaften sprachkundlicher, ethnographischer, kunsthistorischer, geographischer, ja sogar chymischer Art erheischt.

Und ich habe es zudem nicht allein bei der Geschichte ausgehalten. Die rein örtliche Nähe und Möglichkeit verstrickte mich in Politik, in Philosophie, Mathematik und Bergbaukunde. Ich war in den Goldgruben Ungarns und in den Quecksilberbergwerken von Idria im Karst. Und ich bin in Venedig in die Geschichte jener eigentümlichen Weltmacht geraten, die wirklich noch ein letzter Rest des römischen Imperiums zu sein scheint mit ihren starren Gesetzesbegriffen und ihrer unbedingten Unterordnung des Einzelnen, auch des Herrschers, unter das Gesamtwohl. Und nicht zuletzt dadurch, daß auch hier aus einer einzigen Stadt ein ganzes Weltimperium herauswächst...

Doch was bedeutet diese unvermittelte Änderung in der Atmosphäre? Es wird kühler und kühler, obgleich die Farben aller Dinge greller und schärfer erscheinen, also die Sonne sicher nicht an Leuchtkraft eingebüßt hat. Es ist vollkommen windstill. Schlaff hängt das braunrote Segel herab, das grobe Marienbild auf weißem Grund und das Kreuz des Erlösers verzerren sich in den Falten der Leinwand, und der Steuermann gähnt und findet es kaum mehr der Mühe wert, die Steuerpinne zu halten. Ich werde mich in einen dicken Mantel hüllen und schlafen. Zu sehen ist nichts mehr, das sich lohnte, da sogar die Wellen nur mehr als verträumte Falten die Unendlichkeit der dunkelblauen Fläche unterbrechen . . . Ich – werde – schlafen – – –

 

Was sind das für Geräusche um mich? Was bedeutet all das Knarren, Schlagen, Pfeifen? Was das Gemurmel, das näherkommt und sich dann wieder entfernt?

Ah, jetzt ist mir eine eisige Hand ins Gesicht gefahren! Was ist das?

Leibniz wollte aufspringen. Hatte er geschlafen? Wie lange hatte er geschlafen? Er konnte nichts sehen. Denn salziges Wasser troff über seine Haare und sein Gesicht. Und dazu schien ihm furchtbarer Schwindel jedes Gleichgewicht geraubt zu haben. Rein dem Gefühl der Selbsterhaltung gehorchend, klammerte er sich an den nächsten Gegenstand, den er erreichte. Doch das Schwindelgefühl und das Schwanken wurde dadurch kaum geringer.

Endlich sah er. Und da ergriff ihn ein Schauer. Was war geschehen? Wie konnte sich die Natur derart verändern? Alles fast lag im Halbdunkel. Kurz gerefft spannte sich das nunmehr winzige Dreieck des Segels zum Bersten und war so prall gebläht, daß es der Barke voranzulaufen schien. Ringsum das Meer jedoch war schwarz und entfesselt. Die Barke tanzte förmlich auf den Wogen, die ein kalter, harter Sturm vor sich herschob. Hatten die Schiffsknechte den Sack des Aeolus geöffnet, während er schlief? Daß zugleich Euros, Notos und der widrigwehende Zephyr sich auf das Schifflein stürzten? Was war mit den Schiffsknechten? Fast grau war die Gesichtsfarbe des Matrosen, der das Steuer mit beiden Händen umklammerte und wie ein Falke voraus lugte. Die zwei anderen aber zerrten am Schoot, daß die Sehnen und Adern ihrer bloßen Unterarme wie Stricke heraustraten. Und sie riefen sich, ganz in der Nähe Leibnizens, Verschiedenes zu.

»Der verfluchte Ketzer ist schuld an dieser elenden Bora!« keuchte der eine.

»Per Baccho! Natürlich ist er schuld. Der Mutter Gottes sei gedankt, daß wir an der Mündung des Po schon vorbei sind! Sonst sitzen wir, wenn wir uns dem Land nähern wollen, plötzlich auf einer Sandbank und die Wellen zerdreschen uns in Stücke.«

»Ich glaube, wir werden herauskommen. Bertuccio hat mir gesagt, daß er in den Arm von Mesola einlaufen wird.«

»Wir werden herauskommen. Ich habe schon eine ärgere Bora erlebt. Aber noch nie eine so unerwartete. Bastia Madonna! Das hat uns der Ketzer eingebrockt. Unser Meer hat es satt, die Leiber Ungläubiger zu tragen.«

Sie schwiegen einen Augenblick. Denn eben hatte eine Böe eine zweite Schicht kleinerer, wie eine Gänsehaut über das Meer huschender Wellen auf die größeren Wogen geworfen, und der Mast krachte, als ob er brechen wollte.

In Leibniz aber war plötzlich, er wußte nicht warum, die Erinnerung an Pythagoras heraufgeschossen, der durch solch einen Sturm vom Berge Karmel nach Ägypten, zum Delta des Nils, gefahren war, um die Urgötter zu suchen. Und den die Schiffsknechte fesseln und in die Sklaverei verkaufen wollten, wenn sie nichts Schlimmeres mit ihm vorhatten.

In diesem Augenblick loderte Leibniz von einem der Matrosen ein unheimlicher Haßblick entgegen. Was wollte der Matrose? Würde nun auch für ihn ein pythagoräisches Erlebnis folgen?

»Er versteht uns nicht, das Pferd«, wandte sich jetzt der Matrose, der Leibniz angeblickt hatte, zu dem anderen, als sich die Böe legte und einer gewissen Ruhe Platz machte. »Er kann uns nicht verstanden haben, denn er hat nicht einmal aufgemuckt, als wir unsre Meinung über ihn äußerten. Darum können wir auch jetzt frei sprechen. Ich schlage vor, den Ketzer ins Meer zu werfen. Er ist einfach über Bord gespült worden. Niemand wird weiter fragen. Ein großes Unglück und Schluß.«

»Was fällt dir ein? Das ist ja Mord!« schrie der Zweite dazwischen. »Und Bertuccio ist unser Capitano. Der muß entscheiden.«

»Was redest du da von Mord, du Esel ? Notwehr ist es. Große Haverei. Wir müssen das Boot erleichtern und den Hexenmeister wegbringen. Sonst ersaufen wir, bevor wir Mesola erreichen. Hast du die Böe bemerkt? Der Ketzer hat höhnisch gelacht über diese Böe. Ich habe es genau gesehen. Ihn wird sein Buhlteufel schon irgendwie aus dem Wasser ziehen, wenn er ihm unsre armen ungereinigten Seelen zum Fraß liefert.«

»Und wenn wir ihn morden und dann selbst ersaufen? Sind unsre Seelen dann gereinigter? Dann braten wir alle vier in der Hölle.«

»Du bist ein Maulesel. Das Gegenteil ist richtig. Madonna wird uns retten, wenn wir einen Ketzer vertilgen. Und er hat prachtvolle Sachen, der Fremde. Ich sah es, als er den Mantel aus dem Koffer nahm. Bist du so reich, daß du auf solche Dinge verzichten kannst ? Wir verstecken sie irgendwo in der Lagune und finden sie in ein paar Monaten als Strandgut. Und jetzt halt das Maul! Ich werde Bertuccio fragen. Sagt der ja, dann über Bord mit dem Ketzer. Ein Ahnungsloser wehrt sich nicht viel. Ein tüchtiger Stoß wird genügen. Maledetto, da hat er uns schon wieder eine Böe hergehext! Faß das Schoot fester, du Tintenfisch!« Und er torkelte gegen achtern zu Bertuccio, wobei er sich dem Bord entlang turnte.

In Leibniz aber war eher eine Frage als kaltes Entsetzen. So also sollte der Mann enden, der eben noch die feinsten Geflechte menschlicher Weisheit überdacht hatte? War das der Plan der Vorsehung? Ein Märtyrer des Protestantismus, er, der noch mit voller Kraft an der Wiedervereinigung der Kirchen arbeiten mußte? Ein Märtyrer, dessen Martyrium Gott allein erfahren würde? Oder war er nur das Opfer von Wegelagerern und Räubern, weil man seine Kleider gesehen hatte? Dieselben höfischen Kleider, in denen er gerne »schien«? Sollte dieser Schein jetzt auf ewig verlöschen?

Nein, auch Pythagoras hat das Abenteuer überstanden! Er hat zu den Schiffsknechten von den Göttern gesprochen, hat sie mit der Strafe der Götter bedroht, da sie ihn hindern wollten, neue, größere Götter zu suchen und sie den Hellenen und allen Menschen zu bringen. Soll ich mit den Matrosen in ihrer Sprache reden? Soll ich sie beschwören, überreden, ihnen klar machen, daß sie die Welt verarmen, wenn die Geschichte nicht zur Wissenschaft wird, wenn meine Philosophe niemals vollendet, der Algorithmus nicht zum Gipfel getrieben wird? Oder soll ich ihnen mit der Rache des Herzogs drohen? Oder mit der Strafe Francesco Morosinis und des Papstes?

Nein, ich darf sie nicht verstanden haben. Sie würden meine Beschwörungen und Drohungen verlachen. Es wäre alles noch schlimmer. Sie würden mich dann schon aus bloßer Angst davor töten, daß ich sie einmal anzeigen, verklagen könnte. Ich muß weiter stumm bleiben. Aber ich will nicht sterben. Jetzt noch nicht. Ich habe meine Aufgabe noch nicht beendet.

Der Matrose kommt grinsend von Bertuccio zurück. Sie haben Unverständliches verhandelt. Aber der Capitano will anscheinend auch die Beute lieber als sein gutes Gewissen. Oder hat er ein gutes Gewissen, weil ich ein Ketzer bin?

Es gibt nur einen Ausweg. Ich bin kein Ahnungsloser, wie sie glauben, die Piraten. Ich werde mich einfach wehren wie ein Mann. Was aber, wenn ich selbst siege? Schon wieder fegt eine Böe über uns und der Mast knarrt und die Taue pfeifen und weinen vor Anspannung. Was, wenn ich siege? Gut, ich habe einmal die Segelkurve berechnet. Ein wissenschaftlicher Triumph. Ich weiß theoretisch das Geheimnis Drebbels, unter dem Wasser zu steuern. Aber ich werde durch Differentialgleichungen allein nicht nach Mesola kommen. Männer werden durch Taten.

Etwas muß gewagt werden. Vielleicht habe ich das Reisemesser in der Tasche. Die Pistolen liegen im Koffer. Es handelt sich nur mehr um Sekunden. Der Bandit schleicht schon näher.

Nein, auch das Messer habe ich nicht bei mir. Und es ist kein handfester Prügel, kein Instrument in der Nähe, mit dem ich mich wehren könnte.

Ah, was ist das ? Was habe ich da in der Tasche des Rockes plötzlich angefaßt? Den Rosenkranz? Den Rosenkranz, den mir zum Dank für selbstverständliche Freundeshilfe ein Venezianer schenkte, den ich bei Morosini aus dem Kerker freibat? Ist das ein Zeichen?

Warum soll ich nicht vor meinem Ende das Kruzifix küssen, warum nicht eine der großen Perlen zwischen die Finger pressen, um das allen Christen gemeinsame Vaterunser zu beten? Herr, in deine Hände empfehle ich meinen Geist! Nur du allein weißt, was du mit mir willst.

Schon leuchten die weinroten Glasperlen aus Murano in meiner Hand und das vergoldete Kreuz des Erlösers funkelt durch den Aufruhr der Elemente.

Was ist das? Warum verfärbt sich der freche Wegelagerer? Warum glotzt er mich wie ein Gespenst an? Warum schlottern plötzlich seine Knie ?

»Ecco, er ist einer der unsern! Verzeih mir die gräßliche Sünde, Madonna!« heult er auf und bekreuzigt sich wie ein Toller.

»Ich habe dich gewarnt«, kräht triumphierend der Zweite, der das Schoot hält.

»Jetzt wird uns der Sturm verschlingen. Mein armes Weib, die armen Bambini!« jammerte hemmungslos der Bandit.

Leibniz aber starrte, fast entsetzt, auf die blutroten Perlen des Rosenkranzes. Was war das alles? Ein Wunder? Ein Fingerzeig? Oder gar ein schmachvoller Verrat und eine halbbewußte Schlauheit des Schlänglers Leibniz ?

Nein, kein Verrat! Es war eine unerforschliche Fügung Gottes, der, wie einst den Pythagoras, so auch jetzt seinen treuen Kämpfer Leibniz vor den gierigen Fängen der Schiffsknechte bewahrt hatte. Auf daß er weiter, gleichsam wie auf einem Wachtposten, ausharre und sein Werk vollende . . .

Als die Barke, zwei Stunden später, durch die Glätte eines sumpfigen Kanals in Mesola einlief, nahmen die Schiffer wie geduckte Hunde den Fahrtlohn aus der Hand eines um Jahre gereiften Fremden entgegen, der ihnen, auch jetzt noch in der Sprache der Pferde, einen Abschiedsgruß zurief.

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