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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 48
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Achtundvierzigstes Kapitel

Imaginäres Tagebuch: Schluß

In sonderbarem Gegensatz zur Treue der Erbprinzessin aber steht ein Verrat, den ich nie für möglich gehalten hätte. Walter Ehrenfried Graf Tschirnhaus hat mich verraten!

Ich wäre über diesen Verrat nicht so erzürnt gewesen, wenn er mich nicht mehrfach an den Wurzeln meines Seins getroffen hätte. Um das aber zu erklären, muß ich ein wenig zurückgreifen.

Tschirnhaus und ich haben uns damals, als er aus Italien zu mir kam, über viele Dinge, auch über mathematische Probleme unterhalten. Und ich habe ihm selbstverständlich fast alles mitgeteilt, was ich inzwischen, also seit Paris, dazugelernt hatte. Daß in erster Linie das Problem der Infinitesimalrechnung zur Diskussion stand, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Er hat mir gut zugehört, hat aber nach eigener Aussage manches nicht verstanden. Und ist in seinen Erbfehler verfallen, die Folgerungen zu übertreiben und in Gebiete vorzurasen, die uns erst in ferner Zukunft zugänglich sein werden. Im nächsten Jahr hat er mir brieflich einiges über »seine« neuen Arbeiten, die Quadraturen betreffend, mitgeteilt. Nun war es mir nicht klar, ob er mich bloß für so unwissend hielt, daß ich seine Quellen nicht kannte, oder ob er so vergeßlich ist, daß er Dinge, die er von anderen gelernt hat, für eigene Entdeckungen ansieht. Kurz, ich verschwieg ihm in meiner Antwort nichts und machte ihn in einem deutlichen Ton des Vorwurfs darauf aufmerksam, daß er vorläufig bloß die Methoden Cavalieris und des Gregorius a Sto. Vincentio benütze. Er ging auf meine Vorwürfe nicht ein. Ja, noch mehr: er schrieb mir nach einiger Zeit, er befasse sich mit der umgekehrten Aufgabe. Er stelle nämlich einen algebraischen Ausdruck auf, den er als die Quadratur einer Kurve betrachtet wissen wolle, und könne dann nach einer Methode, die sich an Barrow anschließe, die Gleichung der Kurve finden. Näheres führte er nicht aus. Mir riß schon damals beinahe die Geduld. Denn es handelte sich ja offensichtlich um nichts anderes als um die Hauptprobleme meines eigenen Algorithmus, die ich Tschirnhaus in Paris auseinandergesetzt hatte. Ich antwortete mit verstärktem Vorwurf in diesem Sinne, wollte aber doch meiner Freundespflicht genügen und Tschirnhaus vor überflüssigem Umhertappen im Dunklen bewahren. An einem verwickelten Beispiel setzte ich ihm auseinander, daß, wenn Z = F (x) zur Quadratur von y = f (x) führen soll, man y = Z/t = Z' setzen müsse, da dann ∫ydx = ∫Z'dx = Z = F (x) sei.

Nach diesem Brief erhielt ich zwar noch viele Briefe von Tschirnhaus, die sich jedoch mit ganz anderen Gegenständen befaßten und niemals auf die Angelegenheit der Quadraturen zurückkamen. Ich mußte daher glauben, er habe seinen Mißgriff eingesehen und gehe anderen Problemen nach. Daher auch war es für mich ein selbstverständliches Gebot des Taktes, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Nun konnte ich, zusammen mit Professor Menke in Leipzig, der mir einst ein lieber und treuer Studienkollege gewesen war, und im Verein mit anderen Gelehrten von Rang, im Jahre 1682 einen meiner Lieblingswünsche verwirklichen. Wir gründeten unsre »Acta Eruditorum«, unsre erste deutsche wissenschaftliche Zeitschrift, die sich, ich möchte sagen in wenigen Monaten, europäischen Rang erwarb. Und die erbgesessenen Journale von Paris und London beinahe in den Schatten stellte.

Wer nun beschreibt mein Entsetzen, als in eben dieser Zeitschrift im Oktoberheft des Jahres 1683 von Walter Graf Tschirnhaus eine Abhandlung erschien, die sich unzweifelhaft an all das anlehnte, was ich demselben Tschirnhaus mündlich in Paris und in meinen Briefen mitgeteilt hatte. Das Wort »anlehnen« ist eine milde Ausdrucksweise. Es handelte sich um nacktes Plagiat. Und dazu noch wurden die wichtigsten Methoden ganz einfach verschwiegen und die Ergebnisse waren zum Teil unrichtig.

Ich stand vor einem Rätsel. Vor allem werde ich es nie begreifen, daß Tschirnhaus meinen Namen nicht einmal andeutungsweise erwähnte. Ist solcher objektiv falscher guter Glaube, solche Verblendung möglich? Oder war Tschirnhaus nichts als ein Dieb? Jener ehrenhafte, ritterliche Graf, dessen Charakter in allen andren Dingen gleich geblieben war, wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte? Oder war es krankhafte Eitelkeit? Ich schrieb sofort in heftiger Weise an Menke und wollte öffentlich in der Zeitschrift die Hintergründe der Angelegenheit enthüllen. Dabei erfuhr ich noch, daß ich zwei andre kleinere Aufsätze Tschirnhausens aus den Jahren 1682 und 1683 übersehen hatte, die sich mit Maximis und Minimis sowie mit dem Tangentenproblem befaßten und die in der behaupteten Allgemeinheit durchaus falsch waren. Was hatte ich da noch alles zu erwarten? Dieser unbegreifliche Tschirnhaus würde nun wahrscheinlich Schritt vor Schritt all das, was er von mir wußte, in unfertiger Form veröffentlichen und mich schließlich durch Grenzfälle kompromittieren. Das heißt, er würde meinen Methoden den Ruf anhängen, sie seien nicht allgemein und hätten bloß für künstlich ersonnene Grenzfälle Geltung.

Menke beschwor mich, das Ansehen der kaum geborenen Zeitschrift nicht durch einen wissenschaftlichen Prioritätsstreit zu gefährden, der zwei Mitarbeiter auf den Plan bringe, von denen man zudem noch wußte, daß sie persönliche Freunde seien. Er appellierte an meinen Patriotismus und bat mich, einen anderen Weg zu ersinnen, um meine von ihm nicht bezweifelten Rechte durchzusetzen.

Ich gab nach. Das heißt, es hätte wahrscheinlich der Zureden Menkes überhaupt nicht bedurft. Denn ich empfand mit Tschirnhaus plötzlich brennendes Mitleid. Gut, er verdankte mir viel. Aber er hatte durch mich auch viel verloren. Viel an Selbstvertrauen, viel an Hoffnung, viel an vorstürmendem Drang. Immer wieder, wie damals im Tanzhaus, trat ich dazwischen und sagte kalt das Wort »Grenzfall«. Degradierte jede seiner Entdeckungen und Lösungen, brachte ihn dadurch innerlich und äußerlich in ein schiefes Verhältnis zum geistigen Kosmos und störte seine natürliche Entwicklung. Er konnte doch nicht zeitlebens ein Schüler bleiben, der von mir Zensuren erhielt

Trotzdem mußte ich handeln. Nicht allein meinetwegen. Eben aus dem Patriotismus heraus, zu dem mich Menke aufgerufen hatte. Wenn ein Kamerad einen gefährdeten Brückenkopf an der Grenze schlecht verteidigt, muß sich der kriegstüchtigere Kamerad danebenstellen, um mit seiner wirksameren Strategie und mit seinen weitertragenden Geschützen den Feind abzuwehren.

Der Brückenkopf sind die Acta Eruditorum. Die Grenze ist gegen Frankreich und England zu schützen. Und meine Kanonen sind die klar enthüllten Formeln des Algorithmus der Differentialrechnung.

Dort also ist die Sache anzufassen. Warum aber zögerte ich viele Wochen lang? Einfach aus dem Grunde, weil mein neuer Vorstoß zugleich ein Vorstoß gegen Newton ist, dessen unheimliche Anagramme noch ungelöst in meiner Hand liegen. Er hat bis heute – es sind jetzt sieben Jahre – noch nicht geantwortet. Ist dieses Schweigen Zustimmung? Oder nur Geringschätzung? Oder sind unsre Methoden so ähnlich, daß er gar nicht daran denkt, ich könnte meine Forschungen und Entdeckungen eben als meine Entdeckungen ausgeben? Oder schließt er gar aus der bisher noch nicht erfolgten Veröffentlichung, daß ich seine Priorität anerkenne ?

Kurz, Tschirnhaus hat mich in eine verwickelte Lage gebracht. Denn es ist für mich, auch für mich als Person, unmöglich geworden, weiter zu schweigen. Sonst stehe ich am Schluß noch als Plagiarius an Tschirnhaus, also als Dieb eigenen geistigen Besitztums da. Vielleicht aber hat nur Gott Tschirnhaus gelenkt, auf gewundenen Wegen eine große Freundestat zu vollbringen. Er wurde zu meinem Schicksal. Und zwingt mich, gerade in jenem neunten Jahr nach der Konzeption den Algorithmus zum Druck zu geben, in jenem neunten Jahr, das die Antike für den glückverheißenden Zeitpunkt hielt. Prematur nonum in annum!

Ich habe heute, am 28. September 1684, die letzte Korrektur meiner Abhandlung vor mir, umständlich betitelt als »Neue Methode der Maxima, Minima sowie der Tangenten, die sich weder an gebrochenen noch an internationalen Größen stößt, und eine eigentümliche, darauf bezügliche Rechnungsart«.

Die »eigentümliche Rechnungsart« ist der Differential-Kalkül, meine und nur meine eigentlichste Entdeckung. Durch das nächste Heft der »Acta Eruditorum« wird die Welt davon Kenntnis erhalten. Ohne Hinterhalt und ohne gleißnerische Zauberei. Jeder wird sich von nun an der Methode der Differentialrechnung bedienen können.

Ich bin, während ich lese, mit dem Aufbau der Arbeit zufrieden. Ich hoffe, daß sie verstanden werden wird. Und es wird für mich selbst noch genug bleiben, wenn ich auch den Schlüssel des Geheimnisses aus der Hand gebe und fortan mit all denen wetteifern muß, die mein Rechenverfahren, meinen Algorithmus weiterbilden werden.

Es wird in wenigen Wochen schon ein nie geahnter Aufschwung der hohen Mathematik einsetzen.

Hier, wo ich zu den Beispielen übergehe, sehe ich eine unscheinbare Möglichkeit, die primitivste Schreibart der Algebra zu vereinfachen. Es soll nur ein Versuch und ein Vorschlag sein. Aber ich habe mit mehreren derartigen Versuchen schon Glück gehabt. Und die Notation, die Schreibweise, kann nicht klar, einfach und durchsichtig genug sein.

Korrigieren wir also, indem wir einen Zwischensatz einschieben. Es steht hier: »Wir wollen nunmehr ein Beispiel für die Rechnungsart auseinandersetzen...,« Die Korrektur soll lauten: ». . . wobei bemerkt sei, daß ich hier die Division durch x: y bezeichne, was dasselbe bedeutet wie x dividiert durch y oder wie x/y.«

Setzt sich der Doppelpunkt als Symbol der Division durch wie der Strich als Minus- und das aufrechte Kreuz als Pluszeichen, dann wird man es in hundert Jahren nicht verstehen, warum man nicht stets so schrieb. Setzt sich aber der Doppelpunkt nicht durch, dann hat dieser Zwischensatz zum mindesten nichts geschadet.

Und nun will ich den Rest der Arbeit durchlesen und heute noch das Imprimatur unter die Abhandlung schreiben. Ich glaube aber, daß die volle Beherrschung schwierigster Maximum- und Minimumaufgaben nicht bloß eine Angelegenheit der Mathematiker ist. Sie wird, so ahne ich, eine neue Ära der Physik und damit der mechanischen Kunst einleiten, wird die Voraussetzung sein für die Festigkeit von Konstruktionen, für Sparsamkeit des Betriebes und Unfehlbarkeit solcher Voraussagen.

Prematur nonum in annum!

 

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