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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 47
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Siebenundvierzigstes Kapitel

Imaginäres Tagebuch: Fortsetzung

Wenn man die drei Frauen, die Herzogin, die Prinzessin Charlotte und die Erbprinzessin Dorothea sieht, müßte man eigentlich jubeln. Denn jede dieser drei Frauen ist in ihrer Art an körperlicher und geistiger Schönheit beinahe vollkommen. Auch Charlotte habe ich eben eine Frau genannt, obgleich sie erst fünfzehn Jahre alt ist. Aber sie hat sich im letzten Jahr traumschnell zur Dame entwickelt. Mir gegenüber bleibt sie natürlich das gute, gläubig-ungläubige Kind und die restlos ergebene Schülerin.

Das Verhältnis zwischen der Herzogin und ihrer Tochter ist ein ausgezeichnetes. Ebenso ist die Erbprinzessin mit Charlotte innig befreundet. Nur zwischen der Erbprinzessin und ihrer Schwiegermutter liegt ein Haß, der mir unbegreiflich wäre, wenn ich durch Sophie selbst nicht so viel von der Vorgeschichte wüßte. Ich behaupte aber nicht, daß der Haß durch diese Vorgeschichte zu rechtfertigen ist. Man kann ihn dadurch höchstens ein wenig begreifen und erahnen. Aber ich will mich jetzt nicht in Andeutungen ergehen. Ich muß alles vielmehr historisch fassen. Also Georg Wilhelm, jetzt Herzog in Celle, der ältere Bruder Ernst Augusts, an dem dieser seit Kindheit in großer Liebe hing, unternahm eine fast abenteuerliche Brautfahrt um die Herzogin Sophie, die damals in Heidelberg am Hof ihres Bruders weilte. Sie war vielleicht die umworbenste Prinzessin Europas. Doch das ist wieder zu verwickelt. Kurz, Schweden, Spanien, Modena und andere Dynastien kamen nicht zum Zug und Georg Wilhelm erhielt das Ja-Wort Sophies. Glücklich und stolz über die Eroberung wollte sich Georg Wilhelm noch einmal in einen Welfen-Karneval in Venedig stürzen und Sophie hierauf heimführen. Eine tückische Verkettung von Leidenschaften verstrickte ihn jedoch in Laster und Krankheit. Und er war am Aschermittwoch so verzweifelt über die Entweihung seiner Liebe zu Sophie, daß er nicht nur der Braut entsagte, sondern lebenslängliche Ehelosigkeit schwor und die Braut dem jüngeren Bruder Ernst August zuführte.

Aber auch in Sophie, die zudem noch am Hof ihres Bruders dessen Ehetragödie miterlebt hatte, spielten sich dunkle Dinge ab. Verstört und verzweifelt, früh gereift und widerstandslos, reichte sie dem kaum geliebten Ernst August die Hand.

Nun aber begann erst recht das Martyrium. Die Brüder, einig und einander liebend, lebten damals in Hannover und teilten sich, wenn auch nicht formell, in der Regierung. Darüber hinaus unternahmen sie gemeinsam Reisen und Ernst August hielt es für selbstverständlich, wenn Georg Wilhelm mit seiner ehemaligen Braut und jetzigen Schwägerin täglich und stündlich beisammen war.

Auf einer Reise nach Leyden, die Sophie in Begleitung Georg Wilhelms unternommen hatte, an der zudem Ernst August nicht einmal teilnahm, loderte die alte Liebe zwischen den ehemals Verlobten so furchtbar auf, daß Sophie den Schwager auf den Knien bei Gott beschwor, von ihr zu lassen und sofort nach Hannover zurückzukehren.

Georg Wilhelm kam durch diese Szene zum Bewußtsein all des Unhaltbaren. Wie ein Irrer und Verlorener zog er durch Europa, war bald in Italien, bald in Holland, bald in Wien. Und suchte im Kampf den Tod. Bis er endlich durch eine ebenso hellsichtige als energische Tat des Bruders und durch staatsrechtliche Umwälzungen erlöst wurde.

Auch hier würden Einzelheiten zu weit führen. Kurz, Ernst August erhielt das Stift Osnabrück, Georg Wilhelm das Herzogtum Lüneburg mit der Hauptstadt Celle, und Hannover fiel an Johann Friedrich. Dadurch waren einmal die Brüder räumlich getrennt. Aber es kam noch etwas dazu. Ernst August hatte von der Neigung Georg Wilhelms zu einem Fräulein d'Olbreuse gehört, das dieser in Holland kennengelernt hatte. Und diese Olbreuse nun, die ein Wunder an Schönheit und Geist war, wurde von Sophie und Ernst August dem verzweifelnden Georg Wilhelm zugeführt. Es wurde ein merkwürdiger Handel geschlossen. Die Olbreuse »weihte« Georg Wilhelm ihr Leben. Nicht als Gattin. Sie tat diesen Schritt aber nicht nur, weil Sophie und Ernst August sie bestürmten. Auch nicht, weil sie ein verschwenderisches »Nadelgeld« erhielt, das mehr als dreimal so hoch war als mein Gehalt als Wirklicher Hofrat. Sondern einfach, weil sie eine große Frau war und den unseligen Welfen liebte. Und weil sie es für gottgefälliger hielt, das Kebsweib und die Mätresse eines geliebten Mannes zu sein, als sich ehrbar und standesgemäß zu verzetteln. Sie tat zudem den Schritt in voller Kenntnis der Krankheit Georg Wilhelms. Und nahm damit unsägliches Mutterleid auf sich. Denn alle Kinder kamen tot zur Welt oder starben unmittelbar nach der Geburt. Bis auf eines, bis auf Dorothea, auf die eine ausgleichende Natur allen Reiz der Erde vereinigt zu haben schien.

Inzwischen aber hatte auch Herzogin Sophie ihr Gleichmaß gefunden. Sie hatte den heldenhaften Gatten Ernst August lieben gelernt, obgleich er sich nicht geändert hatte. Und sie schenkte ihm ein blühendes Kind nach dem anderen. Die stattliche Schar von sechs Söhnen und einer Tochter.

Nun begann unter dem Einfluß der Ereignisse plötzlich wieder Politik in diese Welfentragödie hineinzuspielen, deren Abschluß heute noch unabsehbar ist. Johann Friedrich war kinderlos und Georg Wilhelm hatte trotz seines Gelübdes der Ehelosigkeit schließlich nicht mitansehen können, daß die herrliche d'Olbreuse, die ihn gesund und glücklich gemacht hatte, als Mätresse an seiner Seite lebte. Der Sinn seines Gelübdes war ja nur der gewesen, Sophie für ewig zu entsagen und keine Erbansprüche für seine Nachkommenschaft zu stellen. Das schloß nicht aus, jetzt, bei völlig geänderter Sachlage, die Olbreuse zu heiraten und dem geliebten einzigen Kind Dorothea den Rang einer Prinzessin zu geben. Und es gelang ihm, diese wahrhaft sittliche Tat durchzusetzen. Ja, es war schon alles vorbereitet gewesen, Dorothea mit dem Sohn seines Vetters Anton Ulrich von Wolfenbüttel zu verheiraten, damit sie herzoglicher Ehren teilhaftig würde. Der Sohn Anton Ulrichs aber fiel vor dem Feinde. Und nun begann das große Spiel mit Menschen unter der Leitung der Herzogin Sophie, an dem ich, wie ich gestehen muß, durchaus nicht unbeteiligt bin, obgleich es mir manche Qual verursachte.

Es besteht nämlich seit dem Tode Johann Friedrichs die Möglichkeit, im höchsten Interesse Deutschlands alle Welfenhäuser zu verschmelzen. Und diese Häuser durch die Einführung der Primogenitur einmal in einer Hand, der Hand des Prinzen Georg, zu vereinigen. Des Prinzen Georg, der zudem noch der Sohn Sophies, jener Stuart-Enkelin ist, die für den Thron Englands in Betracht kommt. Doch ich will den berauschenden Gedanken eines germanischen Reiches von der Donau bis Schottland nicht zu Ende denken. Vorläufig treiben wir reine Hauspolitik. Und haben, wie erwähnt, im Jahre 1862 die Primogenitur eingeführt und kurz darauf nach Celle und Lüneburg hinübergegriffen und die wunderbare Dorothea mit dem düster-kriegerischen Erbprinzen Georg vermählt. Liebt Georg dieses freie, unbefangene, künstlerische Geschöpf, das die Herbheit einer verbannten Hugenotten-Enkelin mit dem Charme einer Französin und der Leidenschaftlichkeit einer Welfentochter vereinigt? Ich glaube nicht. Glaube auch nicht, daß sie den kalten Erbprinzen liebt, der fast nie spricht, außer es wäre eine harte Entscheidung oder ein wilder Angriff wie damals gegen mich im Park von Herrenhausen. Gleichwohl hat sie um ihn gezittert während der Belagerung Wiens. Sichtbarer gebangt als die Mutter, als Sophie. Und Sophie hat trotzdem ihren Haß gegen Dorothea selbst in diesen entscheidenden Tagen nicht geändert. Ich verehre die Herzogin. Ja, ich liebe sie fast, da uns so viel gemeinsames Schicksal verbindet. Ich verstehe sie aber in diesem Punkt nur unzulänglich. Und ich bin um Dorothea in großer Sorge. Denn als einziges behütetes Kind einer d'Olbreuse und eines Georg Wilhelm hat sie weder verzichten noch warten gelernt. Und auch nicht schweigen. Und sie trägt ihr Herz auf der Zunge und hält die menschliche Größe klarer Aufrichtigkeit für wertvoller als die Klugheit diplomatischer Verstellung. Wer auch sollte ihr da unrecht geben als das Schicksal selbst, das in solcher Situation diese Unbefangenheit und das ihr eigene unschuldige Sich-Hinwegsetzen über manche Regeln der Etikette wahrscheinlich grausam bestrafen wird?

Auch Sophie sieht das alles. Sie verliert aber leider der Frau gegenüber, die die Tochter des von ihr eigentlich noch immer geliebten Georg Wilhelm ist, ihr sonst so klares und gerechtes Urteil. Sie dreht alles unbewußt zum Schlechten. Und macht innerlich aus der entzückenden Natürlichkeit Dorotheas eine Minderwertigkeit, die eine Königstochter wie Sophie nicht anders erklären kann, denn als »Pöbelhaftigkeit« niedersten Adels.

Wenn also schon durch diese dauernde Verstimmung das Glück der »Familie« stark getrübt war, die mir Gott in so merkwürdiger Art geschenkt hatte, ist jetzt, im Jahre 1684, noch etwas eingetreten, das mir mein geistiges Kind nahm. Wieder hat hohe Politik dieses Opfer gefordert. Charlotte, meine Charlotte, deren geistige Fähigkeiten sich in den letzten Jahren derart weiteten, daß ich mehr als einmal vor all ihren Fragen hilflos dastand, hat den Erbprinzen von Kurbrandenburg, den prachtliebenden verwitweten Friedrich geheiratet.

Wir haben mit Tafel, Feuerwerk und Hochzeits-Carmen eben in Herrenhausen die Festlichkeiten beschlossen. Und mein herrliches »Kind« hat mir vor Kurfürsten und Herzogen, vor aller Welt die Treue gewahrt. Ich habe in diesen Tagen durchaus nicht die Rolle eines jüngsten Hofrates, sondern wirklich die Rolle eines königlichen Freundes gespielt. Sogar die Gesandten haben es nicht unterlassen, dieses Faktum anzuerkennen und haben mir höflichste Visiten abgestattet; da ja mein Einfluß nunmehr auch sichtbar nach Kurbrandenburg hinübergreift.

Ich will jetzt nicht an die Trennung von Charlotte denken. Ein Licht ist für mich erloschen. Ich hatte damit gerechnet. Und es wird auch deshalb weniger schmerzlich sein, da mir die »Erbprinzessin von Kurbrandenburg« mit Tränen in den Augen gesagt hat, sie wolle zwar eine brave Gattin sein und der wahren Ethik niemals Schande machen, werde aber gleichwohl unablässig daran denken, den philosophischen Unterricht unter meiner Leitung fortzusetzen. Es gebe da mehrere Wege. Entweder werde sie mich an den Hof von Berlin ziehen oder zumindest mehrere Monate im Jahr bei ihrer Mutter in Hannover weilen. Sie habe es ihrem Gatten schon mitgeteilt und sein Einverständnis dazu erhalten. Außerdem hätte ein brieflicher Verkehr auch manchen Reiz. Problematisch sei in höherem Maße die Treue des Lehrers als die Treue der Schülerin. Denn diese werde halten, was sie einst auf den Knien geschworen.

Ich habe ihre Hand geküßt und ihr allen Segen gewünscht, den die Erde bieten kann. Und wir haben uns beinahe heiter verabschiedet. Denn auch wir beide haben uns schon mystisch vereinigt. Und wir beide wissen, daß es bei dieser Heirat um Deutschland geht, wenn auch Berlin aus irgend einer mir undurchsichtigen Räson eben mit Ludwig im Bündnis steht und sogar uns Hannoveraner hinüberzuziehen beginnt. Gut, wir wollen noch einmal zuwarten. Und unsre Prinzen werden inzwischen die hannoverschen Reiter gegen die Türken führen. Es werden andere Zeiten anbrechen, wenn der Türke aus Ungarn verschwunden ist.

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