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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 42
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Leibniz ruft Piaton als Bundesgenossen

Es war tiefe Nacht. Klirrender Frost lag über Hannover, so daß, trotz des reichlichen Kaminfeuers, manchmal ein dünner eisiger Hauch durch die mit Eisblumen beschlagenen Fenster der Bibliothek Leibnizens strich und die schweren Möbel und Eichenholzregale zu geisterhaftem Knarren und Aufseufzen brachte.

Leibniz hatte eben, rein äußerlich betrachtet, eine große Arbeit vollendet. In Monate währenden Mühen hatte er alle hellen und dunklen Räume dreier riesiger Denkgebäude durchwandert, war oftmals erstaunt, erschreckt und durchschauert stehengeblieben; um seine Wanderung dann mit doppelter, beinahe fanatischer Hingabe wieder aufzunehmen. Augustinus, Albertus Magnus und Thomas von Aquino waren die Baumeister dieser Gebäude. Und er hatte damit den ersten Teil seines Versprechens an Steno aus Jütland erfüllt. Schon aber hatte es ihn wieder aus den gotterfüllten Spitzbogenhallen des »Doctor universalis« und des »Doctor angelicus« herausgetrieben und um fast anderthalb Jahrtausende in der Geschichte der Menschheit zurückgerissen. Und er hatte den weichen, plastischen und doch wieder ehern erhabenen Worten des »Prodromos«, des riesigen Vorläufers Christi, gelauscht. Hatte sich mit einem Mut, den nur vorstürmende Erkenntnishoffnung leihen kann, in die Labyrinthe der ihm fast unbekannten griechischen Sprache gestürzt und alle Pforten, die das Letzte vor ihm verriegelten, gesprengt. Er hatte, einer Fügung des Schicksals blind gehorchend, die beiden Dialoge Theaitetos und Phaidon übersetzt und eben die letzten Zeilen seiner Übersetzung niedergeschrieben.

Aber damit war nichts gewonnen, nichts erreicht. Denn, um sich voll zum Verständnis der Worte Piatons durchzuringen, hatte er die großen Zusammenhänge mit eigensten Problemen entsagungsvoll aus dem Blickfeld geschoben, hatte ängstlich sich selbst bewacht, auf daß sich nur ja kein später geborener Gedanke der Weltweisheit, alles verfälschend, in seine Übersetzungen schleiche.

Jetzt jedoch war er frei, jetzt konnte und durfte alles Gestalt werden, durfte sich binden und lösen, vermischen und trennen, was in diesen Monaten verbissenster Forschung auf ihn eingeströmt war.

Er stand auf, ließ die losen Blätter, überflackert vom Schein der Kerzenflammen, auf dem Tisch liegen und setzte sich im Lehnsessel neben dem Kamin nieder.

Wo war er plötzlich ? War das die eigene Bibliothek, bereichert durch die Bücherschätze des Herzogs, in der er saß? In der er, wie er sich zur Ernüchterung vorsagte, eben die Übersetzung eines griechischen Buches beendet und sich zurückgezogen hatte, um bei einem Glas Wein über die Grundgedanken eines »Systems« nachzudenken?

Nein, es war anders, weit anders, was sich da in Wirklichkeit abspielte. Steno aus Jütland? Wieder eine mystische Berufung? Oder nur die Dämonen der Philosophie? Gut, rein kausal lief alles am Schnürchen: Ein begeisterter Theist und Katholik wie Steno, ein Mann, der die Kluft zwischen dem Wissen und dem Glauben dadurch schließen wollte, daß er das Wissen aufgab, hatte ihm, dem unheilbar Gelehrten, den freundschaftlichen Rat erteilt, Philosophen zu studieren, die sich mit eben dieser Problematik beschäftigen. Nur weiter solch banale Sätze! Nur immer weiter. Um so großartiger wird plötzlich das Mysterium durchbrechen. War es schon wieder ein »Tolle lege«? Ein Befehl Gottes auf unerforschlichkrausen und gewundenen Umwegen? Nein, keine »Bücher«, keine »Übersetzungen«, keine »Probleme«. Leben, herrliches gestaltetes Leben, voll von Taten, voll von Bewegung, voll von Schicksal und Vollendung. »Viele schwingen den Thyrsos, aber über wenige nur ist der Gott gekommen.« Wer hat diese Worte jetzt zu mir gesprochen? Wer? Hat sie wirklich Sokrates gesagt oder wurden sie ihm von seinem herrlichsten Schüler, von ihm selbst, von Piaton, in den Mund gelegt? Von jenem Piaton, der, ein einziges Phänomen in der Geschichte des Geistes, all seine Weisheit, all seine Erkenntnis dem Lehrer zuschrieb, sich selbst nur beinahe geringschätzig einige Male als winzige Nebenfigur erwähnte und gleichwohl unangezweifelt als Autor und Entdecker in höchsten Bereichen durch die Zeiten wandelte ? Wie ist das wieder möglich? Ist Persönlichkeit so stark, so ewig, ist Wahrheit so sieghaft, daß nichts sie entstellen kann? Doch ich will jetzt nicht auf Seitenpfaden gehen, will nicht über unerforschliche Dinge grübeln. Ich will mich dem noch Unerforschlicheren zuwenden. Warum sagt Piaton stets »der Gott«, wo es sich um Entscheidendes handelt ? Weihen der Pythagoräer? Eleusinische Mysterien? Orphische Ur-Klänge? Vielleicht. Vielleicht aber doch wieder nur an der kausalen Oberfläche der Geschichtsforschung. Denn warum spricht er ruhig und heiter von »den« Göttern, wenn er sich in den Gebieten alltäglichen Lebens bewegt ? Oh, ich verstehe dieses Doppelleben des Gefühls, verstehe es genau. Ich kann es aber nicht ausdrücken. Eine Kluftüberbrückung ist es zwischen Glauben und Glauben. Zwischen anthropomorpher, poetischer, homerischer Götteridylle und zwischen der unerbittlichen Forderung vorweggenommener Welt- und Gemütsentwicklung kommender Offenbarung.

Aber zurück zu Piaton. Nicht von Sokrates ist hier die Rede, sondern von der Wahrheit. Wahrheit? Wer besaß diese Wahrheit »more geometrico«, ebenso deutlich wie die Erkenntnis, daß die Summe der Winkel im Dreieck gleich ist zwei rechten Winkeln? Spinoza besaß diese Wahrheit. Und ich habe mich weiter und weiter in dem Spinnennetz der Axiome, der Demonstrationen und der Beweise verfangen, je mehr ich in die Tiefen der »Ethik« eindringen wollte. Und war in manchen Augenblicken so weit, all das, was in mir Verneinung rief, als Blendwerk der Sinne, Affekte und eigenster Zwecke zu verwerfen. Es gibt ja nichts, das furchtbarere Anklage bedeutet als eine »Wahrheit«, die sich dem Interesse unterordnen, sich für dieses Interesse biegen und schlängeln muß. Denn es ist in der Weltweisheit nie und nimmer von Sokrates die Rede. Sondern eben von der Wahrheit. Und wir Menschen, so hat eben derselbe Sokrates-Piaton gesagt, stehen zeitlebens auf einem Wachtposten, auf den uns der Gott stellte. Auf einem Wachtposten! Umringt und umschlichen von allen Feinden, die überhaupt von innen und von außen an jenen wesenlosen Punkt heranstürmen können, der unser Ich ist.

Schwinge ich bloß den Thyrsos? Oder hat mich der Gott überkommen? Oder rufe ich nur in einem furchtbaren Kampf, in dem ich, der einzelne Wachtposten, in tiefer Winternacht trotz all meines Rüstzeuges zu schwach, zu klein, zu jämmerlich bin, den Größeren, den Riesen über die unendliche Zeit hinüber als Bundesgenossen, als Retter herbei?

Träume ich? Nein, ich träume nicht. Es hat sich nichts verändert. Die Kerzen brennen noch drüben auf dem Tische, das Kaminfeuer fällt eben, Funken sprühend, in sich zusammen und die Fenster klirren unter dem Frost. Ich bin wach, überwach. Nicht die Spur von Schlaf, von Müdigkeit ist bei mir. Und wenn ich einen Spiegel vor mir hätte, würde ich das »pensive« Antlitz des jungen Philosophen Leibniz frisch und munter vor mir sehen. Gleichwohl hat mich Platon gehört, hat meinen Ruf vernommen, steht so nahe neben mir, daß es mich kalt überläuft. Kälter als wenn ich draußen auf der Straße im glitzernden Schnee stände und zu meinen späterleuchteten Zimmerfenstern heraufsähe. Ist das schon der Wahnsinn? Der Zusammenbruch eines Menschen, der ein Titane sein wollte und nun bereits vom ersten Hügelchen herunterkollert, das er für ein Sprungbrett zum Himmelsturm hielt? Nein, es ist kein Wahnsinn. Ist keine Krankheit. Ist nicht einmal ein Mysterium. Es ist so und muß so sein. Es ist das Corpus mysticum, ins halb Irdische übertragen. Es ist die Gemeinschaft der Geister, die nicht bloß den Thyrsos schwingen, sondern die der Gott überkam. Und für diese Vereinigung gibt es keine Zeit und keinen Zwischenraum. Sie vollzieht sich unter Aufschäumen wie ein chymisches Experiment. Und gebiert die Harmonie.

Ich sitze neben Sokrates-Piaton – denn ich kann den Lehrer nicht vom Schüler trennen, da auch diese beiden sich vor mehr als tausend Jahren mystisch vereinigten –, ich sitze neben diesem doppelgängerischen Geistkörper auf einer kühlen Marmorbank in den Vorhallen der Palästra: in der Ringschule, wo die Jünglinge, mit Öl gesalbt, einander keuchend umschlingen oder sich den bleiknotigen Schlagriemen um die Arme winden, um einander zerschmetternde Hiebe beizubringen. »Niederboxer«, so hieß auch die Schrift des riesigen Sophisten Protagons, der man später den weicheren Titel »Die Wahrheit« gab. Jenes Protagoras, der schon gestorben war, als ich mit Sokrates- Platon in der Palästra saß, sich jedoch gleichwohl am Gespräch beteiligte. Mit Theaitetos, Theodoros und mit Spinoza. Niemand soll je über diesen unbekanntesten aller Platon-Dialoge Kenntnis erhalten. Es wäre Verrat am Heiligsten der Weltweisheit. Denn die Böoter würden zu schreien beginnen, was so viel heißt, als daß die Dummen, Befangenen und Pedantischen laute Protestrufe ausstoßen würden, daß es jemand wagt, jenseits der strengen Kausalität in der Ringschule von Athen zu sitzen. Und wir alle sind sehr benommen. Denn nicht nur Spinoza wurde verflucht und verfolgt, auch Sokrates muß in wenigen Stunden vor seine Richter und auch um Platon steht es schlimm. Er war nämlich eben, als er über jenes Gespräch in der Ringschule berichten wollte, auf der Rückreise aus Sizilien begriffen, wo seine staatsrechtlichen Experimente durch die Unvollkommenheit der Menschen zusammenbrachen. Auch er, Platon, ist ein Gehetzter, Todbedrohter, trotz seiner leuchtenden Erscheinung, trotz seiner ungeheuren Kraft. Platon ist ja nichts anderes als ein Spitzname aus eben dieser Ringschule. Auch er war ein »Zerschmetterer«. Und er hieß in Wahrheit Aristokles. Warum aber sitzen wir in der Ringschule? Warum nicht in einsamen Dachstuben? Es tut nichts zur Sache. Sokrates und Spinoza verstehen einander. Beide sind jämmerlich arm. Beide halten es mit strengster Logik. Und beide haben nichts zu essen als Zwiebeln – und Fische, wenn es hoch hergeht. Platon und Theaitetos dagegen sind reich und auch Theodoros hat sein Auskommen. Denn er ist ein berühmter Lehrer der Mathematik und ein Schüler des Protagoras, der es ebenfalls verstand, die Alchimie der Wissenschaft zu betreiben. Denn er machte aus blankgeschliffenen Unterrichtsworten Gold- und Silbermünzen. Und zwar echtere als Joachim Becher. Den Reichshofrat Becher aber wollen wir nicht in die Palästra einlassen. Er soll sich mit Anaximandros zanken oder mit Demokrit. Vielleicht auch noch mit Thales von Milet. Denn wir sprechen heute nicht von der Natur, sondern von der Wahrheit und von der Ethik. Und von der Unsterblichkeit.

Eben ist da ein Schwarm von straffen, aufrechten Jünglingen erschienen, die sich, wie der herrliche Apoxyomenos des Lysippos, mit dem Schaber gerade den Sand und das Öl von den fast marmornen Muskeln streiften und sich dafür mit duftenden Ölen salbten. Braun wie Bronze sind diese Jünglinge von der Sonne Attikas. Und ihre Gewänder sind blütenweiß. Unter ihnen ist Theaitetos. Durchaus nicht der schönste. Denn er gleicht Sokrates, hat Theodoros, der Mathematiker, eben behauptet. Dafür aber hat er wunderbare Gaben des Geistes. Schnelle Auffassung, Scharfsinn und gutes Gedächtnis und ist dazu noch ausnehmend ruhig und tapfer. Und eben diese Kombination von Gaben ist so selten, sagt Theodoros. Denn die Geistesschnellen sind, gleich balastlosen Schiffen, ohne jede Stabilität, sind eher heftig und aufbrausend als tapfer. Während wieder die Gesetzteren wissensträge und vergeßlich sind. Theaitetos aber denkt und handelt in Ruhe, dem Flusse des geräuschlos dahinströmenden Öls vergleichbar. Wer gab dir aber, Sokrates- Platon-Theodoros, solche Worte und Bilder? Ist das alles die »Kalokagathia«, jenes höchste Griechen-Ideal, jene untrennbare Verschwisterung von Schönheit und Vollendungskraft? Jene Allianz, die sich auch in der Selbstverständlichkeit äußert, daß Platon eben der Zerschmetterer heißt, und daß wir uns den vom Ringkampf noch hochatmenden Theaitetos herbeirufen, um mit ihm über eine der tiefsten Fragen der Weltweisheit zu disputieren? Wird uns Spinoza nicht abgrundtief verachten, daß wir in der Ringschule sitzen, oder wird er es begreifen, daß nur durch Taten Männer und wiederum nur durch Männer Taten werden? Aber wir wollen ihn durchaus nicht leicht nehmen, diesen düsteren Weisen aus dem nördlichen Haag, dessen Augen und dessen Hautfarbe gleichfalls südlichere Gegendenkünden. Denn er behauptet, die »Wahrheit« zuhaben. More geometrico. Und wir alle, die wir in der Ringschule sitzen, sind Geometer und beugen uns vor den Axiomen. Und Sokrates behauptet zudem noch, er wisse nur, daß er nichts wisse. Und er sei, als Sohn einer Hebamme, nur ein Geburtshelfer der Wahrheit. Und er habe höchstens die Fähigkeit, wenn einmal die Geburt erfolgte, zu prüfen und festzustellen, ob ein lachend blühendes Kind, neue Kalokagathia, neue verschwisterte Schönheit-Vollendungskraft zur Welt gekommen sei oder ein armer kleiner Krüppel, eine Mißgeburt, ein Wind- Ei. Und eben habe ich noch Platon-Sokrates gebeten, ob er mir gestattet, Steno aus Jütland und Leeuwenhoek herbeizurufen. Wir wollen beide Teile hören, wie es die römischen Juristen lapidar im »audiatur et altera pars« formulierten. Sonst gebären wir alle zusammen ein ungeheures »Wind-Ei«, und die philospohische Hebamme Sokrates lacht uns schallend aus, bevor er zu Gericht geht, wo ihn seine Mitbürger zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilen werden. Was aber macht es schließlich aus, ob ein Philosoph Zwiebel oder Schierling zu sich nimmt? Beides sind Pflanzen. Und es geht stets nur um die Wahrheit, nicht um Sokrates, nicht um Protagoras, Platon, Leibniz, Steno oder Spinoza. Wir werden uns, die unbezwinglichste aller Verschwörungen, so lange über die Räume und Zeiten hinweg unterhalten, als es uns beliebt. Und wenn einem der Griffel entfallen ist oder aus der Hand geschlagen wurde, wird ihn ein andrer aufnehmen. Ein andrer »Niederboxer« oder »Zerschmetterer«. Und es lebt »der« Gott. Denn während Tausende von Bücherrollen aus der Antike verbrannt sind, gelangten Platons lebensfrische Worte, sogar seine Briefe, fast unverstümmelt und ohne wesentlichen Verlust, auf uns, und wir können uns in der Palästra weiter unterhalten, auch wenn zwischen den Säulentrommeln auf durchglühter Erde dürres Gras wächst und über die zerspellten Friese des Gebäudes grüne Eidechsen huschen. Wir brauchen nur einige Trümmer. Denn wenn sie gestaltet waren, dann wird ein neues Auge sie stets wieder zur ursprünglichen Ganzheit ausweiten, ja noch mehr, es wird diese Ganzheit bereichern, vermehren können. Und der Tod wird sterben. Denn unsterblich im höchten Sinne ist nichts als die Eidos-Idea, das einzige große Vor-Bild, die Gestalt, die platonische Idee.

Doch Sokrates winkt mir deutlich ab. »Was, du Wunderlicher«, sagt er, »willst du jetzt, in diesem Stadium unsrer Gespräche, über die Idee ausmachen? So schnell, beim Hunde, geht die Geburtshilfe der Weisheit nicht. Wir sind noch tief, tief unten bei den Anfängen. Und darum frage ich dich, Leibniz, zuerst, ob dir klar ist, was die Episteme, das Wissen sei.«

Ja, du hast recht, Sokrates. Hundertmal recht. Wir sind in der Palästra nicht zusammengekommen, um letzte Ergebnisse vorwegzunehmen. Wir müssen uns zu diesen Ergebnissen langsam vortasten. Wer auch hätte mehr Befugnisse, von den Mitunterrednern Geduld zu verlangen als eben du, Sokrates? Wo du doch, wie man heute sagt, nach allen gewöhnlichen Begriffen auf die Folter gespannt sein solltest. Denn in einer Stunde oder in zwei Stunden wirst du vor den Richtern stehen und ihnen deine herrliche Verteidigungsrede halten. Und wirst am Schlusse sagen: »Athener. Wir gehen jetzt auseinander. Ihr zum Leben, ich zum Tode. Wer aber den besseren Teil gewählt hat, weiß nur der Gott.«

Wir überspringen aber schon wieder ohne jede Not Zeiten und Räume. Ich bin eben der Ungeduldige. Ich, Leibniz. Ich habe die Forderung des Gleichmaßes, der Selbsterkenntnis und des »medén àgan«, des »nichts zuviel« noch nicht erreicht. Eher vielleicht Spinoza. Denn er starrt ohne sichtbare Bewegung in diese Lichtwelt, in dieses wogende Leben der Palästra und scheint der Ansicht zu sein, daß die Griechen, allen Affekten unterworfen, noch sehr weit von der »Wahrheit« und von der intellektuellen Liebe Gottes entfernt sind. Daß sie auch, obwohl die herrlichsten aller Geometer, von der »Art der Geometrie« in ihren philosophischen Reden kaum die Spur eines schüchternen Ansatzes zeigen.

Und der große Sophist Protagoras lächelt höhnisch über diese Versammlung. Er ist sicher, alle zu verwirren, besonders die »Barbaren« Leeuwenhoek, Steno und Leibniz, deren Sprache rauher klingt als das Idiom der Skythen und der Thraker.

Was auch in aller Welt soll bei dieser Frage nach dem Wesen des Wissens herauskommen? Er, der große »Niederboxer«, hat es ja schon längst gelernt und bekannt, was es mit dem Wissen auf sich hat. »Der Mensch ist das Maß aller Dinge.« Dieser Satz genügt. Damit ist die Frage nach dem Wissen erledigt. Besser, sie wäre erledigt, wenn nicht Sokrates laut lachte.

»Oh, du Glücklicher«, fällt er sofort ein. »Also nicht nur mich, auch Theodoros und Theaitetos hast du schon verwirrt, da du behauptest, was ein jeder meine, das sei auch für ihn. Warum aber soll man nicht ebensogut behaupten: Aller Dinge Maß ist – das Schwein oder der Hundsaffe? Oder gar die Kaulquappe? Das folgt doch daraus, wenn man das Wissen mit der Wahrnehmung gleichsetzt, wie es eben Theaitetos tat.«

Protagoras blitzt mit den Augen und will erwidern. Mich aber interessiert jetzt weniger der Streit der Griechen als die Ansichten Leeuwenhoeks und Stenos. Beide sind Augenmenschen. Beide »Seher« in des Wortes allumfassendster Bedeutung. Um dieses Sehen kann es sich hier also kaum handeln. Gleichwohl habe ich stets dumpf gefühlt, daß das unbedingte Vorrecht des Auges, der Sinne überhaupt, zu uferlosem Relativismus entarten kann. Auch wenn das »Sehen« anders gefaßt wird als die sensualistische Aussage des jungen Theaitetos, der glaubte, Wissen und Wahrnehmung seien eines und dasselbe.

Wir »Barbaren« haben uns schlecht betragen. Wir haben wieder über unsre alten Konflikte gesprochen, ob der Kreis rund und die Gerade glatt sei, haben über Wissen und Glauben disputiert. Inzwischen sind die Griechen mit Spinoza Schritt vor Schritt weitergegangen. Und wir haben viel von ihren herrlichen Reden versäumt. Eben hat Sokrates gesagt, alles in seiner Mannigfaltigkeit entstehe im gegenseitigen Verkehr durch die Bewegung. Was heißt das? Heißt das nicht, daß sich das Wissen bildet wie eine Kurve aus den Koordinaten? Aus zusammenwirkender Bewegung der Wahrnehmung und eines unbekannten x? Was mag dieses x wohl sein?

Doch wieder läuft das Gespräch schon in andren Bahnen. Für einen Augenblick sind Sokrates-Platon und Spinoza aneinandergeraten. Sie haben über das Gute und Böse gesprochen, und Spinoza hat nach Art seiner Geometrie den Nutzen hineingezogen. Da hat Sokrates, ohne auf diese Lehre einzugehen, zu Theodoros, dem großen Geometer, gesagt: »Es ist nicht möglich, o Theodoros, daß das Böse zunichte werde, denn ein Gegensatz gegen das Gute muß immer sein.« Und mir war es fast, als ob bei diesen Worten der Schatten des heiligen Thomas von Aquino über die leuchtenden Mauern der Palästra vorübergeglitten wäre. Es kann aber auch Täuschung gewesen sein. Denn das Maß aller Dinge ist der Mensch oder die Kaulquappe, und das Sehen allein scheint nichts zu bedeuten, wenn sich damit nicht die zweite Koordinate, jenes uns allen hier noch unbekannte x verschwistert.

Aber Sokrates hat mich nicht zugelassen, Platon ist nicht als Bundesgenosse neben mich getreten, damit ich, der schon so stolze Leibniz, alles verwirre und verknote. Und alles mit meinen Problemen durchsetze, die vielleicht auf ganz anderen Ebenen liegen.

Was also ist Wissen? Und wieder ist das Gespräch vorwärtsgestürmt, während ich unaufmerksam war. Eine zweite »Geburt« ist aufgetaucht und alle bemühen sich eben, zu untersuchen, ob sie nicht auch ein Wind-Ei sei. Man hat nämlich eben eine neue Formel aufgestellt. »Wissen sei die wahre Meinung über eine Sache.«

Jedoch auch um diese Frage entbrennt sofort wieder ein heißer Streit. Und es entschleiert sich, daß die »wahre Meinung« zu kaum etwas anderem führt als zur Auflösung ins Relative: so daß man schließlich noch Verstärkung heranruft. Wahres Wissen soll nämlich »wahre Meinung mit Begründung« sein. Oder »wahre Meinung mit dem Wissen vom Unterschiede.« Aber auch diese Fassung wird von den Gesprächsteilnehmern schließlich verworfen und es bleibt nichts zurück als die große »Aporie«, die Ergebnislosigkeit, die Frage der Fragen: Welches x entspricht dem wahren Wissen? Was ist Wissen und Wissenschaft, wenn sie weder mit der Sinneswahrnehmung, noch mit der richtigen, noch mit der richtigen begründeten Meinung über den Gegenstand gleich sein soll?

Aber etwas weiß ich. Weiß es, obgleich Sokrates schon zu den Richtern gegangen ist: Ich weiß, was die »Aporie« bei Platon bedeutet. Noch vor dem Tode des Sokrates werden wir etwas über jenes x erfahren, werden belehrt werden, warum Sokrates gerade hier seine Untersuchung abbrach. Denn Platon ist ein Dramatiker des Geistes. Des reinsten, klarsten Geistes. Und die einzelnen Akte seiner Dramen sind die Dialoge. Wie eine riesige Fuge steigert sich das Werk seines Lebens, alles Geistige umspannend, hinauf zu den brausenden Schlußakkorden der Gott- und Wahrheitschau.

Und er hat mir nicht nur den Dialog »Theaitetos« in die Hand gedrückt, sondern auch den »Phaidon«, den die Schauer nahenden Todes umwittern. Der aber gleichwohl kaum weniger leuchtet als das Gespräch in der Palästra. Im Gegenteil. Dieses Auf und Ab von Lachen und Weinen, dieses Überwinden, bei dem der Henker zu einem lästigen Domestiken herabsinkt, der sich schließlich dem Rhythmus des Dialoges anpassen muß und wirklich anpaßt, ist wohl die endgültigste Überwindung alles Zeitlichen. Und ein Gipfelpunkt der verbündeten Schönheit – Vollendung. Denn, er selbst hat es gesagt: Das Wahre ist schön, das Falsche häßlich. Oder, wenn man es umdreht: Das Schöne ist wahr, das Häßliche ist falsch.

Und ich denke, wir werden, bei unsrem zweiten Gespräch noch einen Vorteil gewinnen. Spinoza, um den es für mich in letzter Linie geht, mit dem ich mich heute oder nie endgültig auseinandersetzen muß, wird sich im Gefängnis bei Sokrates wohler fühlen als in der Palästra. Das soll heißen, daß ihn die Nähe des Todes erst zu seiner ganzen düsteren Größe aufrichten wird. Und darum muß der Endkampf im Gefängnis von Athen ausgetragen werden.

Vorher aber will ich noch all das klären, was in der Palästra unerledigt blieb. Und will mit Ahnungen vorstürmen. Ich verlasse den Schwarm holder Jünglinge, verlasse Knaben, die in mir die Erinnerung an den kleinen Marquis von Hospital weckten, wenn es nicht umgekehrt war. Und wandle mit Steno und Leeuwenhoek hinaus zum Piräus. Durch wogendes, lachendes, schwatzendes Volk. Leeuwenhoek ist mürrisch und betreten. Er behauptet, wir alle seien streitsüchtig und hätten vollkommen überflüssiges und ungereimtes Zeug zusammengeredet. Selbstverständlich sei Wissen nichts andres als Wahrnehmung. Der Einzige, der halbwegs sinnvoll gesprochen habe, sei der junge Theatetos gewesen. Er sei aber von den siebengescheiten alten Plauderern um seine unmittelbarste Wahrheit betrogen worden. Bei Protagoras kenne man sich nicht aus. Wahrscheinlich sei der böse Witz des Sokrates eine unfreiwillige Wahrheit gewesen. Denn Schweine, Hundsaffen und selbst Kaulquappen seien oftmals eher das Maß aller Dinge als die Menschen. Aber – es werde eben um des lieben Streitens willen gestritten und Protogaras scheine ein großer Pfiffikus zu sein, der genau wisse, wie er den Menschen imponiere und wie er ihnen das Geld aus der Tasche ziehen solle. Ob Griechenland, ob Holland, sei gleich. Menschen seien Menschen und er, Leeuwenhoek, brauche bloß die »Wahrnehmung«, um auch von der Antike das Nötige zu erfahren. Und Protagoras sei wahrscheinlich um nichts besser als Descartes und Spinoza. Denn wenn einer den Menschen so sehr in den Mittelpunkt rücke und ihm alle Vorrechte zuspreche, sei er ein Egoist. Das Einzige, was ihm restlos gefallen habe, sei die Schwurformel des Sokrates gewesen. Denn erstens solle man den Namen Gottes nicht eitel nennen und zweitens sei ein Schwur »beim Hunde« ein Einbekenntnis, daß man eine besondere Treue anrufe; wenn nicht wieder Sokrates, der die Kaulquappen so sehr mißachtet, damit etwas Geringschätziges habe sagen wollen. Kurz und gut, der Welt sei nicht zu helfen. Außer vielleicht durch gute Mikroskope. Denn man wolle ja tiefer in das Wesen der Dinge dringen. Und könne nicht aus purer Streitlust stets über die Oberfläche der Welt herumdisputieren. Aber er habe es satt. In der Gegenwart, in der Antike und in der Zukunft. Denn es werde nie besser werden, solange nicht alle Menschen wirkliche Natur-Erforscher würden. Das aber sei nicht zu erwarten. Denn das Streiten sei billiger, einfacher und anscheinend vergnüglicher.

Steno aus Jütland aber hat Leeuwenhoek abgewinkt, als dessen Gepolter kein Ende nehmen wollte. Und Leeuwenhoek sieht sofort ein, daß er Steno nicht Blindheit vorwerfen könne, ebensowenig wie rein verstandesmäßige Streitlust und Begriffsraserei.

Steno aber beachtet auch Leeuwenhoek nicht weiter. Er blickt mich, nachdem seine Augen über den Hafen und die Umrisse von Salamis geschweift sind, merkwürdig sinnend an. Er spricht nichts. Ich weiß aber, was er sagen will, da ja alle Schranken von Zeit und Raum zerbrochen sind. Irgendwie hat er sich mit Sokrates -Platon mystisch vereinigt. Denn er bedient sich plötzlich ihrer Sprache. Nicht in griechischen Worten. Nein, er hat bloß die Redeweise des Sokrates angenommen. Und er sagt: »Warum, du vom Dämonium besessener Leibniz, hast du mich hiehergeführt? Was tat ich dir zuleide? Hast du in diese Gefilde nicht erst durch meine Ermahnung gefunden, in diese oberen Sphären der Harmonie, die wohl nur äußerlich dem Hafen des Piräus gleichen? Dich wollte ich hiehersenden, du Wunderlicher, nicht mich. Wollte dich zu den Ursprüngen leiten, damit du die verirrten Ausläufer besser überwinden könntest. Du wirst sie überwinden, diese Ausläufer. Denn es gibt nur einen Gott, von dem wir überkommen werden können, gibt nur eine wahre Straße der Weltweisheit, deren leuchtendster Kulm die Offenbarung Christi war. Und auf der alle wandern müssen, die den Gipfel erreichen wollen. Vorahnend wie Pythagoras, Sokrates und Platon. Oder nachfolgend wie Augustinus, Thomas, du selbst und die ganz Großen, die auf deinen Sockeln weiterbauen werden. Aber, mein Leibniz, davon will ich jetzt nicht sprechen. Ich wollte dir nur das tiefste Geheimnis als derer enthüllen, die »ton hétto lógon kreítto poieín«. Die dem schlechteren Worte zum Siege verhelfen. Du weißt, daß ich die Sophisten meine. Wie wir einen davon heute erblickten: den ›Niederboxer‹ Protagoras. Aber neben ihm stand Platon, der ›Zerschmetterer‹. Das ist mehr, viel mehr. Nicht obwohl, sondern weil er geistig ein Zerschmetterer ist, lebt in ihm ›der‹ Gott. Und noch etwas. Hörtest du den Klang, den ich dem Worte ›lógos‹ gab? Nocheinmal: Ton hétto lógon kreíto poieín! Der Logos, das Wort, das nach der Heiligen Schrift am Anbeginn stand, wird zum Schlechteren gedreht und gebogen. Alle sind sie Sophisten, die das Wort, den Logos, mißbrauchen. Und auch wer im besten Glauben den Logos mißbraucht, kann daran zugrunde gehen. Denn aus dem Logos wird dann nichts als die klingende Schelle und das tönende Erz. Dahinter aber, im mystischen Dunkel, steht etwas, das der Apostel Paulus die Liebe nannte. Die den Logos aus einer klingenden Schelle erst zum Logos macht. Hier in Athen, mein wunderlicher Leibniz, schwingen sie den Thyrsos, auf daß Gott sie überkomme. Im Kerker bei Sokrates-Platon, in jenem heiteren Kerker, wenn das Wort erlaubt ist, werden wir erfahren, wie weit uns Sokrates-Platon erlösen kann. Und ich fürchte, er wird uns nur so weit erlösen können, als die Düsternis seines Kerkers reicht. Denn er ist nicht hinabgestiegen in die Hölle. Nur in einen dionysischen Kerker ist er hinabgestiegen. Und obgleich er ein Vorläufer war, wird er trotz seiner Gottschau noch am irdischen Wissen kleben und haften. Wenn es auch hehrer und heiliger ist als das Afterwissen der Sophisten aller Jahrhunderte. Auch als das der Sophisten unsrer Gegenwart. Und da vor allem als das Wissen geometrischer Art des düster-großartigen Spinoza. Das wollte ich dir eigentlich sagen, du Glücklicher. Und ich wollte dir noch dazu sagen, in welcher Gefahr du trotz allem schwebst, weil du – ich gebe es zu, auf meinen Rat hin – Platon als Bundesgenossen gerufen hast. Denn an mir selbst fühle ich die Lockung, den Thyrsos zu schwingen. Fühle, wie mich selbst das Heidentum zu umgarnen beginnt, das in seiner vollendetsten Vollendung, in Platon-Sokrates, vor uns steht. In das wir uns hineingestellt haben. Und jetzt, o du mein Leibniz, ist ein Wunder geschehen; einen Zauber will ich das richtiger nennen. Dreißig Tage sind dahingeschwunden, während wir hier am Piräus sprechen. Denn das Schiff aus Delos läuft eben ein. Jenes Schiff, von dem es abhängt, daß der Gottesfriede in Athen wieder erlischt, während dem keine Hinrichtungen stattfinden durften. Wir müssen uns eilen, Leibniz, um Sokrates im Gefängnis noch lebend anzutreffen. Die ›Elf‹ haben ihm eben die Fesseln abgenommen und er sitzt auf seinem Lager und reibt seine wundgescheuerten und geschwollenen Beine. Antoni van Leeuwenhoek aber möge in sein Jahrhundert zurückkehren. Denn was nun folgen wird, könnte ihn höchstens verwirren oder endgültig im Glauben bestärken, wir anderen suchten nichts als den Streit um Worte. Wo wir doch den Kampf um das Ur-Wort, den Logos, führen. Jetzt aber, Leibniz, wollen wir eilig ausschreiten. Denn es brennt die südliche Sonne. Und der Weg ist nicht kurz.«

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