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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 40
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Vierzigstes Kapitel

Das neue Haus und ein Zusammenprall mit dem Herzog

Der große zottige Hund hatte Leibniz nach Hannover zurückbegleitet und gemeinsam mit ihm das neue, mächtige Haus, nahe der Kreuzkirche, bezogen, das in all dem inneren und äußeren Wirrsal, in das Leibniz wieder geraten war, ein Sinnbild von Seßhaftigkeit und Aufstieg bedeutete. Vorläufig allerdings nur nach bürgerlichen und höfischen Begriffen.

Frühmorgens, wenn der Wirkliche Hofrat Gottfried Wilhelm Leibniz in die Hofkalesche stieg, um in die »Kanzlei« zu fahren, »allwo die Justiz-Sachen traktiert wurden«, oder wenn hochbeladene Wagen vor seiner Tür standen, aus denen zahlreiche Diener die Bücherschätze der herzoglichen Bibliothek abluden, um sie in das Haus des Hofrats zu schaffen; oder wenn der Präsident des Geheimen Rates, Herr von Grote, der Herr Abt Molanus von Lokkum, oder – wie man munkelte – sogar Seine Hoheit der Herzog selbst etwa in Begleitung eines fremden Gesandten oder Würdenträgers vorfuhren, um mit dem kaum dreiunddreißigjährigen Hofrat die Geschicke der Welt zu besprechen, lief den Nachbarn und Straßengenossen ein halb neidischer, halb ehrfürchtiger Schauer über den Rücken. Und sie faßten es kaum, daß ihre niedriggeborenen Kinder Zutritt in das Geheimnisvolle Haus hatten, im Zimmer des Hofrats spielen durften und nicht nur ungescholten, sondern sogar mit Spielzeug, mit Lebkuchen und Zuckerbrot beschenkt heimkamen. Und zudem noch behaupteten, Herr Leibniz habe mit ihnen gesprochen, sei munter und stets zu Scherzen aufgelegt, ja, er habe ihnen sogar Stiche und Bilder gezeigt und ihnen beim Ausarbeiten der Schulaufgaben geholfen. Dafür aber war auch die Anhänglichkeit der Kleinen an ihren Hofrat ohne Grenzen. Und es genügte die Drohung, man werde es Herrn Leibniz sagen, um das bockbeinigste Kind der Straße in einen sanften Engel zu verwandeln. Und schließlich griff der Enthusiasmus für den neuen Nachbarn ohne Unterschied auf die Eltern über. Man war in gehobener Stimmung. Denn das Haus war seit vielen Jahren auch in andrer Beziehung der Stolz der Straße. Wenn man die Mansarden mitzählte, hatte es eine Höhe von sieben Stockwerken. Und der Reichtum der Fassade an Säulen, Zieraten und Skulpturen suchte seinesgleichen in der Stadt. Den Erker, der sich über drei Geschosse erstreckte und der über und über mit biblischen Szenen in Reliefarbeit bedeckt war, bestaunten selbst weitgereiste Fremde.

So also sahen die Mitbürger den herzoglichen Hofrat, als er sich im Spätherbst in seinem neuen Hause zur Not eingerichtet hatte.

Der Wirkliche Hofrat selbst sah es weit anders. Er war, noch in Zellerfeld, einigemal dem Gefühl nahe gewesen, nicht mehr weiter zu können. Und das, auch objektiv betrachtet, nicht mit Unrecht. Zurst hatte er die Angelegenheit der Münzwerkstätten und der Bergwerke, wenigstens vorläufig, ordnen müssen. Es waren ihm durch ungeheure Zähigkeit und Schmiegsamkeit einige Teilerfolge geglückt. So hatte er, trotz aller Widerstände, die Saugpumpen an einigen besonders wassergefährdeten Punkten der Bergwerke in kleinstem Maßstab aufgestellt und die Bergleute überzeugt, daß alles andre geschah, nur nicht ein Absaugen der Atemluft. Doch genügte auch dieser sinnfällige Beweis den ungreifbaren Intriganten nicht, die gegen ihn schürten. Man hielt ihm entgegen, daß dieselben Pumpen in größerem Maßstabe eben jene schreckliche erstickende Wirkung erzeugen würden und erzeugen müßten. So hatte er sich, wieder von teils stumpfem, teils offenem Unwillen umgeben und gehemmt, darauf verlegt, unnötige und unpraktische Arbeitsverrichtungen abzustellen und die Förderung mit den Mitteln vernünftiger Organisationen zu heben. Was ihm auch in überraschender Weise gelang; und wobei er die Knappen durch Prämien auf seine Seite brachte. Aber gerade dieser Umstand trug ihm aus den geheimen Intrigennestern Hannovers eine ebenso leise wie deutliche Zurechtweisung ein, indem man ihm, verklausuliert und hinterhältig, vorwarf, er lockere die Disziplin und gewöhne außerdem die Knappen an Löhne, die sich vielleicht jetzt, zu Beginn der Ausmünzungstätigkeit, rechtfertigen ließen, die sich aber sogleich zur Verschwendung umwandeln müßten, wenn es einmal galt, taubes Gestein zu durchstoßen, und wenn dadurch die Ergiebigkeit des Erzvorkommens gesunken sei. Selbst der Herzog hatte ihn freundlich, aber bestimmt in einem kurzen Brief zur Vorsicht gemahnt. Und es hatte für Leibniz wirklich aller Anspannung bedurft, trotz dieser Verkennung seiner Leistungen, mit voller Schaffensfreude die Münzwerkstätten einzurichten und zähe an derVerwirklichung seiner volkswirtschaftlichen Pläne festzuhalten, die auch schon aus den Kreisen schmutzig interessierter Kaufleute Hannovers leidenschaftlich bekämpft wurden.

Gleichwohl hatte sich Leibniz in diesem Punkt mit Einsatz seiner ganzen Person zu keiner Konzession herbeigelassen. Denn er wußte, daß es darauf ankam, die ersten vollwertigen Taler aus der Münze herauszubringen. Waren diese ersten Münzen ungewohntester Güte einmal im Umlauf, so würde kaum eine Macht des Herzogstums mehr imstande sein, die Münzreform ohne Gefahr einer Wirtschaftskatastrophe wieder rückgängig zu machen. Und er hatte daher alles gewagt und jenseits der Befehle und Weisungen vollendete Tatsachen geschaffen, indem er sich einfach von der Arbeitsleistung der Münzwerkstätten hatte »überraschen« lassen, die die neuen Münzen ohne viel Aufsehen in die bürokratische Mühle der Finanzverwaltung warfen, von wo sie, fast ungewollt, in den Verkehr hinausrollten. Es soll damit nicht gesagt sein, daß Leibniz seinen Weisungen irgendwie zuwiderhandelte. Die Münzreform hatte ja die Billigung des Herzogs und des Geheimen Rates. Aber an die Inkraftsetzung hatte man kaum noch gedacht, da niemand geahnt hätte, daß die ersten Taler schon nach zwei Monaten im Umlauf sein würden.

Um sich von all den täglichen Widerwärtigkeiten, zu denen in erster Linie die fruchtlosen Beratungen und Berichte über den Wasserstollen zählten, abzulenken, hatte sich Leibniz in diesen letzten Frühherbstwochen wieder auf weite Ritte und Wanderungen durch den Ober-Harz begeben und hatte den Plan seiner »Protogäa«, seines Werkes über die Erdanfänge, endgültig festgelegt. Ja, er hatte sogar Zeit gefunden, einen flüchtigen Abriß dieser Arbeit schriftlich niederzulegen. Auf jeden Fall standen die beiden Hauptgedanken, die Entstehung der Erdrinde, der Berge, des Sandes und der Felsen durch Erstarrung glühend flüssiger Urstoffe und die zweite Revolution, der Einsturz der erstarrten Erdkruste und die zersetzende allgemeine Überschwemmung, bereits fest. Und auch der Gedanke eines heute noch fortglühenden »Zentralfeuers« im Erdinnern war Leibniz sowohl durch die Tatsache der Vulkane als durch das unleugbare Zunehmen der Temperatur in den Tiefen der Bergwerke zur vollsten Gewißheit geworden.

Als er nun, körperlich so erfrischt wie noch nie, nach Hannover zurückgekommen war, hatten gleich die ersten Tage eine Fülle von mehr oder weniger unangenehmen Ereignissen und Stimmungen gebracht. Nur das neue Haus war ein Lichtblick, der allerdings wieder mit Verwirrungen und Schwierigkeiten aller Art erkauft sein wollte.

Obwohl der Herzog es an Liberalität nicht fehlen ließ, die Mietung des Hauses zu ermöglichen, die eigentlich sein Wunsch war, hatte Leibniz trotzdem ein größeres Darlehen aufnehmen müssen, um sich einzurichten. Zudem verlangte das Haus auch noch in andrer Hinsicht einen kostspieligen Aufwand, der geleistet werden mußte, ohne daß er dafür eine Vergütung ansprechen konnte. Und an andere Einkommensquellen als das Gehalt und die kärglichen Ersparnisse war um so weniger zu denken, als ja sogar die Zeit für die Ausfüllung des Berufes selbst mangelte. Man sah in den Kreisen der hohen Beamtenschaft durchaus nicht ein, warum gerade der jüngste Hofrat, der zudem noch monatelang im Ober-Harz auf »Ferien« gewesen war und dessen Gesicht so frisch und braun wie das Antlitz eines Gebirgsbewohners erschien, nicht den älteren Kollegen die längst verdiente Entlastung schaffen sollte. Und so fand er in der »Kanzlei«, der obersten Justizbehörde, ganze Stöße der kompliziertesten Akten auf seinem Schreibtisch, die ihm der Vorsitzende des Justiz-Kollegiums zugeteilt hatte. Da ihn aber der Kanzler Ludolph Hugo, Herr von Grote und auch der sonderbar mißlaunige und verstimmte Herzog gleichfalls mit einem Wust diplomatischer und staatsrechtlicher Arbeiten empfingen und er zugleich noch die Übersiedelung des wissenschaftlichen Teils der herzoglichen Bibliothek in sein neues Haus durchführen sollte; da weiters beinahe jeden Tag auswärtige Würdenträger, die von und nach Nimwegen durch Hannover reisten, empfangen, herumgeführt und ausgeholt werden mußten; und da diese Beschäftigung natürlich dem sprachgewandten und wissenschaftlich berühmten »jüngsten Hofrat« am ehesten zustand: sah sich Leibniz eines Tages, als er eben wieder um fünf Uhr morgens zu Bett gegangen und um sieben Uhr morgens zur Audienz befohlen war, endlich genötigt, dem Herzog das Unhaltbare dieser Lage zu schildern. Um so mehr, als er eben vor seinem Hause, während sich der Wagen in Bewegung setzte, noch ein Bündel »Relationen« dringlichster Art aus Zellerfeld erhalten hatte.

Der Herzog, der bleich und verstört war, hatte ihm nur oberflächlich zugehört. Hatte aber endlich begriffen, daß Leibniz nicht Arbeit abwälzen wollte, sondern beinahe auf dem Punkt war, durch die Vielfalt seiner Beanspruchung überall nur mehr Wertloses oder Lückenhaftes zu leisten.

»Ein merkwürdiges Zusammentreffen!« lachte der Herzog bitter auf. »Ich habe Sie nämlich zu mir beschieden, um Ihnen eine neue Aufgabe zu übertragen, die den ganzen Mann erfordert und die mir wichtiger ist als alles andere. Und Sie sprechen mir da von der Unmöglichkeit, das gewöhnliche Pensum durchzuführen.« Johann Friedrich starrte einen Augenblick vor sich hin. Dann sagte er: »Vielleicht machen Sie selbst einen Vorschlag, was ich Ihnen abnehmen soll. Formulieren wir das Problem: Wo halten Sie sich selbst am entbehrlichsten und am ersetzbarsten?«

»Das ist einfach zu beantworten, Hoheit«, erwiderte Leibniz. »Die Justiz-Angelegenheiten, das Aktenstudium und die endlosen Gerichtssitzungen stehlen mir die meiste Zeit.«

»Stehlen Ihnen Zeit?« Der Herzog schüttelte, unangenehm erstaunt, den Kopf. »Was ist das für eine Ausdrucksweise, Leibniz? Das ist doch der Beruf, zu dem Sie eben ernannt worden sind. Gut, ich will nicht ungerecht sein. Sprechen Sie jetzt nichts. Ich will nicht, daß zwischen uns beiden noch mehr Verstimmungen entstehen. Aber begreifen Sie meine Lage. Man macht mir – durchaus nicht offen, denn das würde ich mir sehr verbitten – den Vorwurf, ich hätte Sie, den Fremden, in eine vorläufig noch gar nicht durch Leistungen gerechtfertigte Rangstellung in der Justiz erhoben. Es sind treue und brave Kronjuristen, die murren. Weiteres wirft man mir vor, Sie hätten durch Ihren ›Feuergeist‹, wie man es höflich nennt, das ganze Münzwesen, die Kameralverwaltung und den Bergbau auf den Kopf gestellt. Und da soll ich Sie jetzt, nachdem Sie eben aus Zellerfeld eingerückt sind, schon wieder von den Justizsachen entheben? Und nicht einmal den Beweis führen lassen, daß Sie ebensoviel verstehen wie die sechzigjährigen murrenden Hofräte?«

Leibniz, der infolge der Überanstrengung und des mangelnden Schlafes eine kaum zu bändigende Reizbarkeit ankroch, wischte sich mit dem Taschentuch den ausbrechenden Schweiß von der Stirne. Dann sagte er kalt pointiert:

»Mir ist seit jeher die Conscientia benefactorum, das Bewußtsein, eine Sache sachlich bis an die Grenzen der Erreichbarkeit getrieben zu haben, wichtiger gewesen als die Opinio, quam alii a me habere possent. Verzeihen Eure Hoheit, daß mir schon die Sprachen durcheinanderlaufen! Ich wollte nur präzisieren, daß ich auf die Meinung der andren Hofräte keinen Wert legen kann, wenn es sich um das Interesse des Hauses Hannovers handelt. Ich würde ja meine Arbeitszeit gerne über zweiundzwanzig Stunden täglich erhöhen, wenn ich einen Vorteil darin sähe. Mein Wille und mein Geist würden es leisten können und freudig leisten. Leider aber unterliegt mein Körper bis zu einem gewissen Grade den Gesetzen der Materie. Die Anwürfe und Intrigen meiner unbekannten Feinde, Hoheit, darf ich, da es sich jetzt um die Sache und nicht um mich handelt, vorläufig ganz außeracht lassen. Falls mir Hoheit nicht befehlen, mich zu äußern oder mich zu rechtfertigen.«

Johann Friedrich war aufgestanden und ging, die Hände auf dem Rücken, auf und nieder. Unvermittelt schüttelte er wieder den Kopf.

»Eine heillose Geschichte ist das mit Ihnen, Leibniz«, erwiderte er ein wenig gedämpfter. »Aber können Sie mir nicht helfen? Vielleicht schaffen Sie es doch? Sehen Sie, auch ich habe tausend Dinge zugleich zu erledigen. Es wäre mir angenehmer, Leibniz, wenn Sie die Justizsachen behielten.«

»Es ist unmöglich, Hoheit. Und ich bitte, mir zu glauben, daß ich das Wort ›unmöglich‹ nur dann gebrauche, wenn alle Merkmale dieses Begriffes gegeben sind. Ich gehe soweit, Hoheit zu bitten, mir meinen Titel wieder abzuerkennen und mich an andrer Stelle zu verwenden. Ich will lieber die Degradierung ertragen als die Gefüge der Staatsordnung lockern.«

»Ist das Ihr Ernst, Leibniz?«

»Mein voller Ernst, Hoheit.«

»Dann lassen Sie in Gottes Namen die Justiz-Angelegenheiten! Sie dürften recht haben. Ich sehe es ein. Und beleidigen Sie mich nächstes Mal nicht mit Demissions-Drohungen. Reden Sie jetzt nichts. Ich meine das gar nicht so, wie Sie es auffassen. Schließlich habe ich das Ideal Ludwigs nicht aus den Augen verloren, auch wenn man meine Politik zerschlagen hat. Ich werde in Hannover nach wie vor als wirklicher Souverän regieren. Ich wollte eigentlich eher Sie vor Gehässigkeiten schützen als mich. Sollen sich die Hofräte ärgern! Sie haben recht. Die Conscientia bene factorum, das gute Gewissen, ist und bleibt das Wichtigste. Trotzdem kann es Sie nicht kränken, wenn ich statt eines Leibniz drei und vier Leibnize brauchte. Da das aber nach den von Ihnen angerufenen Naturgesetzen leider unmöglich ist, so leisten Sie mir wenigstens einen Teil von dem, was ich eigentlich wollte. Nämlich etwas, das wir bei unsrem ersten Zusammentreffen flüchtig streiften. Der große Franziskaner Christoph Rojas de Spinola ist heute nachts in Hannover eingetroffen. Aus Wien. Es ist ein Spiel der Geschichte, daß sein Name sich nur durch einen Buchstaben vom Namen des düsteren Heiligen Spinoza unterscheidet. Sie verstehen den Zusammenhang, Leibniz. Und ich habe mich entschieden, Sie selbst und Molanus von Lokkum die protestantische Sache in dieser weltentscheidenden Angelegenheit führen zu lassen. Das Gelingen der Wiedervereinigung von Katholiken und Protestanten ist die letzte große Hoffnung meines an erfüllten Wünschen nicht eben reichen Lebens. Alles weitere werden Sie in wenip-en Stunden hören. Halten Sie sich bereit, Leibniz, und schicken Sie alle Gerichtsakten in die Registratur zurück. Und stehen Sie mir noch die wenigen Tage durch, bis Spinola wieder abfährt.«

 

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