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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 38
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Achtunddreißigstes Kapitel

Auf der Fährte der Grubenwässer

An einem wolkenlosen Augustnachmittag desselben Jahres trat Leibniz, leicht und bequem gekleidet, in den Garten hinaus, der hinter dem Landhause in Zellerfeld lag. Ein großer zottiger Hund, der unter einem langen rohen Holztisch gelegen war, zog sich wedelnd aus seinem Versteck hervor und schlängelte sich halb selig, halb schuldbewußt, seinem neuen Herrn entgegen. Ach, er hat wahrscheinlich die Mineralien und die Fossilia auf dem Tische beschnuppert oder gar durcheinandergestöbert, dachte Leibniz belustigt. Und da wollen die guten Cartesianer den Tieren Empfindung absprechen. Der Hund hat nicht nur Empfindung gehabt, als ich ihn das letzte Mal ein wenig züchtigte, weil er mir auf den Tisch sprang. Er hat, über die Empfindung hinaus, noch assoziative Fähigkeit und eine Art von Erinnerung. Wie auch könnte man sonst ein Tier dressieren? Aber sei nicht ängstlich, guter Hund. Heute ist es so herrlich schön, daß ich dir selbst deine geologischen Extravaganzen verzeihe.

Und er kraute den Hund hinter den Ohren und erregte in solchem Maße dessen Dankbarkeit, daß das riesige Tier mit einem halb wimmernden, halb bellenden Ton an ihm emporsprang und ihn fast umgeworfen hätte.

Leibniz wehrte die stürmische Zärtlichkeit ab und blickte auf den Tisch. Sogleich zog der Hund den Schwanz ein und verkroch sich sehr schnell in seinen Schlupfwinkel.

Nein, guter Hund, sei nicht so ängstlich, du hast wirklich nichts verbrochen. Es liegt alles noch auf seinem Platz. Ob du dazu geschnuppert hast, kann meine weniger subtile Nase nicht feststellen. Du bist zu aufrichtig, lieber Hund, bist kein Diplomat und gar nicht zum verstockten Verbrecher geboren. Das sagt dir der wirkliche hannoversche Hofrat, der neuerdings im obersten Gericht des Landes Sitz und Stimme hätte, wenn er nicht, vorläufig wenigstens, ausgerissen wäre.

Leibniz winkte dem Diener, der eben in den Garten herausgetreten war und ein Tablett mit Tinte, Papier, Federn und Kleister trug.

»Wo ist die Schere?« Leibniz schüttelte den Kopf.

»Oh, verzeihen Euer Gnaden, ich wußte, daß ich etwas vergessen hatte. Ich bildete mir aber ein, es seien der Meißel und der Hammer.« Und er stellte das Tablett auf den Tisch und eilte davon.

»Meißel und Hammer können Sie auch bringen«, rief ihm Leibniz nach.

Dann begann er die zahllosen Gesteinsbrocken und Fossilien sorgfältig zu mustern, die, anscheinend nach einem bestimmten Plan auf der Tischplatte teils offen, teils in Papier eingeschlagen, aufgetürmt waren.

Der Diener war bald wieder zur Stelle und Leibniz trug ihm auf, schmale Papierstreifchen mit der Schere zu schneiden und dann den Kleister bereitzuhalten.

Eine sonderbare Fügung des Schicksals: Er setzte das Werk Stenos an der Stelle fort, wo dieser es hatte liegen lassen. Auch Stenos bahnbrechende Erkenntnisse einer weit über Agricola aus Joachimstal hinausreichenden Geologie hatten den Forschungen hier im Oberharz ihren Ursprung verdankt. Und wie dem Agricola und dem hellsichtigen Steno, erzählte auch Leibnizen die durch Bergwerke erschlossene Erdrinde jetzt ihre verborgensten Geheimnisse. Bei ihm aber kam zum Forscherdrang noch etwas hinzu, das seine Untersuchungen mit Urgewalt vorwärtstrieb: die eherne Notwendigkeit, der Grubenwässer Herr zu werden.

Vor etwa sechs Wochen war endlich seiner Abreise aus Hannover nichts mehr im Wege gestanden. Gleichwohl wäre noch im letzten Augenblick durch eine politische Verwicklung beinahe alles wieder vereitelt worden. Es hatte sich nämlich um den in voller Fruchtlosigkeit zu Ende gehenden Kongreß von Nimwegen gehandelt, auf dem seit fast drei Jahren die Neuordnung des durch Ludwigs Vorstoß gegen Holland aus den Fugen geratenen Europa beraten wurde. Leibniz hatte, einer sonderbar phantastischen politischen Logik folgend, mit einer Staatsschrift in den Gang der Ereignisse eingegriffen. Sie behandelte das Gesandschaftsrecht der deutschen Fürsten und trat für ein besonderes Privileg der Kurfürsten ein. Niemand wußte genau, ob diese Staatsschrift ernst gemeint oder eine große Ironie sei. Denn Hannover hatte schon seit Jahren sowohl um eine Erhöhung des Ranges seiner Gesandten als auch um die Möglichkeit gestritten, die Kurwürde zu erlangen. Und da hatte Otto von Grote zum erstenmal Leibniz Vorwürfe gemacht, er verhindere durch seine Vorschläge geradezu jede Möglichkeit, daß Hannover zuerst das »hohe Gesandtschaftsrecht« erhalte und dann, später vielleicht, sich auf dieses Gesandtenrecht stütze, um die Kurwürde zu erreichen. Leibniz war gegenteiliger Meinung gewesen. Er hatte behauptet, irgend eine Rangerhöhung müßte den Welfen über kurz oder lang zufallen und es wäre dann um so besser, wenn alle Nebenfragen, die mit dieser Rangerhöhung verknüpft seien, vorher schon geklärt worden wären. Die tatsächlichen Ereignisse jedoch hatten alle juristischen Feinheiten in den Hintergrund geschoben. Der kaiserliche Deligierte, Herr von Stratmann, kämpfte in Nimwegen um Sein oder Nichtsein des Deutschen Reiches, und auch für Hannover, das durch allerlei Umstände aus seiner Allianz mit Ludwig XIV. hinausgedrängt und zur Neutralität gezwungen worden war, gab es mehr als eine bange Stunde: trotz der vierzehntausend Mann des Herrn von Podewils und trotz der Inventio phosphori. Und in solch einer krisenhaften Lage war, kurz vor Leibnizens Abreise in den Silberdistrikt, Herr von Grote schon entschlossen gewesen, persönlich in die Beratungen von Nimwegen einzugreifen, und Leibniz hatte den Auftrag bekommen, sich zu Grotes Unterstützung bereitzuhalten. Im letzten Augenblick war Grote allein abgereist, da der Herzog die Münzangelegenheit plötzlich doch wieder für dringender ansah. Und so war, wie schon erwähnt, Leibniz vor etwa sechs Wochen im Ober-Harz eingetroffen.

Er hatte sich zuerst sogleich zu den Münzprägwerkstätten begeben, um zu sehen, ob seine Pläne genau verwirklicht würden. Er hatte es nämlich beim Herzog durchgesetzt, daß Taler hergestellt werden sollten, die alle Münzen Europas, selbst die englischen, an innerem Wert überträfen. Denn Stabilität der Währung bedeute Schaffensruhe, Sparsinn und Werkfreude. Und bedeute weiter Ansehen der Kaufleute und Lust des Auslandes, das Beste vom Besten nach Hannover zu liefern. Und dies alles zusammen wieder ergebe Wohlstand und Aufblühen Hannovers. »Die Staatswirtschaft«, hatte er zu Johann Friedrich einmal im geheimen Rat gesagt, »ist der bei weitem wichtigste Teil der Staatswissenschaft. Und ich bin überzeugt, daß Deutschland zugrunde gehen muß, wenn es sich im Gegensatz zu Frankreich um diesen Teil der Staatskunst nicht kümmert oder ihn gar ablehnt. Ganz gleich, ob solche negative Handlung aus Unwissenheit oder schlechtem Willen entspringt.« Und er hatte es durchgesetzt, daß die neuen Taler beinahe unlegiert geprägt werden sollten. Denn nur solches Geld von unzerstörbarem und gleichbleibendem inneren Wert könnte bei all der von Jahr zu Jahr zunehmenden Verwirrung des Münzwesens und der Warenpreise einen ruhenden Pol bilden. Solches Geld würde auch trotz scheinbarer Kostspieligkeit politische Umschichtungen unberührt überdauern, und dadurch geradezu verbilligend wirken, daß die Finanzverwaltung und die Hofkammern, auf Jahre hinaus, bei Heller und Pfennig planen und rechnen könnten. Am allerwenigsten jedoch sei die gute Gesinnung zu unterschätzen, die alle Untertanen einem Fürstenhause entgegenbringen müßten, das sie nicht nur nicht um das Erworbene und Ersparte prellte, sondern es in geradezu vorbildlicher Weise schützte und erhielt.

Doch diese herrlichen, erlösenden Taler waren ja durchaus nicht der Beginn, sondern das Endziel. Sie waren der Mittelpunkt einer riesigen Archimedischen Spirale, deren weiten, äußeren Umschwüngen man erst entlang wandern mußte, bis man den Mittelpunkt in greifbare Nähe bekam. Und diese Umschwünge hießen: Erforschung der geologischen Zusammenhänge, Ursachen und Bildung der Grubenwässer, Bekämpfung dieser Grubenwässer in neuer, noch zu entdeckender Art, stärkere Ausbeutung der Bergwerke, neue Verfahren zur Bearbeitung der Silbererze und schließlich die Einrichtung der Münzwerkstätten selbst, nahe den Bergwerken, damit jeder überflüssige Transport und jede Gefahr eines solchen Transportes, außerdem jede unnötige Einschmelzung und Feuerung vermieden sei. Wenn auch nur ein Glied dieser Kette oder auch nur ein Umschwung der Spirale fehlte, dann war alles ein Stückwerk, dann war nicht jenes Maximum an wirtschaftlicher Wirkung erzielt, das Leibniz vorschwebte.

Dabei hatte sich gleich der erste »Umschwung« durch Schicksal, durch persönliche Fähigkeiten Leibnizens und durch seine ganze Gemüts- und Kräftelage fast zu unendlicher Größe erweitert.

Schon durch seine Einfahrt in die Höllentiefen der Zellerfelder Schächte, die todeskühne Knappen seit Jahrhunderten stets weiter gegen das Erdinnere vorgetrieben hatten, war er belehrt worden, daß hier, in den Schächten und Stollen und in deren naher Umgebung, eine Aufklärung über die letzten Ursachen der überall unheimlich rauschenden und rieselnden Wasser nichts zu erhalten sein werde. Die Grubenwässer waren nichts andres als die äußerste Wirkung und Folge von Dingen, die, so ahnte er, mit dem Aufbau des ganzen Harzes zusammenhingen. Und bei dieser Überlegung vereinigte sich wieder in glücklichster Weise eine unabweisliche Forderung seiner körperlichen Natur mit einem Zufall und mit der richtigen Methode der Forschung.

Baron Dinkhofen besaß, irgendwo in den Bergen, ein kleines Jagdschloß, eigentlich ein winziges, bescheidenes, uraltes Raubnest. Der junge Offizier, der ihn nach Zellerfeld begleitet hatte, war ihm hartnäckig-freundlich in den Ohren gelegen, wenigstens für eine Woche dieses Schlößchen zu besuchen. So waren die beiden, begleitet vom zottigen Hunde, mit Gewehr und Hirschfänger, durch die Eichen- und Buchenwälder geritten, und Leibniz hatte, zum erstenmal seit Jahren, sich bloß der lebendigen Schau hingegeben. Aber nur ganz kurze Zeit hatte er die Luft der Wälder eingesogen und Sonne und Wind genossen. Schon hatten sich seinem in weit andrer Jagdbereitschaft glühenden Geist Fährten aufgedrängt und er war, während Dinkhofen dem Wild folgte, kreuz und quer durch Wälder, durch Täler und über Hochebenen geritten, hatte, mit Hammer und Meißel bewaffnet, Wanderungen gemacht, hatte Gesteinsschichten gemessen, geprüft, gezeichnet, bis sich ihm, langsam und doch mit Urgewalt, viele Rätsel zu erschließen begannen. Allgemeinstes – Erkenntnisse, die bis in die Urzeiten der Erdgeschichte reichten – drängte er vorläufig zurück. Desto eifriger aber blieb er auf der Fährte der Grubenwässer. Bis zwei Entdeckungen ihm zufällig letzte Aufschlüsse gaben. Das einemal hatte er auf einer flachen Kuppe einen Morast entdeckt, der nicht durch Regen entstanden sein konnte, da es tagelang keinen Tropfen geregnet hatte und tieferliegende Teile der Kuppe staubtrocken waren. Das zweitemal fand sein lechzender Hund sogar eine fließende Quelle auf der Spitze eines namhaft hohen Berges.

Zuerst hatte er das Gefühl gehabt, die Naturgesetze seien ins Wanken geraten. Und er hatte sich des Berichtes eines Missionars in Paris erinnert, dem in China erzählt worden war, ein buddhistischer Mönch habe vor einer tausendköpfigen Menge das Wasser eines Baches bergan fließen lassen; eine Fabel, der der Missionar weit und breit nachgegangen war und die er sich schließlich, da alle, selbst die zum Christentum bekehrten Augenzeugen, ihre Wahrheit beschworen, nur dadurch erklären konnte, daß der buddhistische Mönch den Geist der Zuseher behext habe. Kurz, Leibniz war beim Anblick dieser Quelle zuerst in die Stimmung eines jener Chinesen geraten. Dann aber hatte er ringsherum geblickt, hatte die umliegenden Berge mit einem wagrecht gehaltenen Stock anvisiert und war in den Besitz der Rätsellösung gelangt. Nicht des chinesischen Rätsels, sondern des Rätsels im wogenden Wald des Ober-Harzes: Die umliegenden Berge nämlich waren höher als die Kuppe mit der Quelle. Und die Täler zwischen diesen Bergen und seinem »Quellen-Berg« waren anscheinend Mulden aus gefaltetem, undurchlässigem Gestein; so daß das Wasser dieser höheren Berge dem Gestein entlang, unter der Erde herabfloß und, dem Gesetz des Wassergleichstands folgend, an den Hängen des Quellenberges wieder unter dem Humus emporstieg, bis es auf der Bergspitze aus dem Rasen quoll. Die Wässer folgten also allgemein den geknickten und verworfenen Gesteinsschichten, wenn sie das Moos und die Erde, von denen sie wie durch einen Schwamm aufgesogen wurden, nach unten sickernd verließen. Und so waren auch die Grubenwässer in Zellerfeld, die weiß Gott auf welchen Wegen und aus welchen Weiten daherkamen, schlechterdings nicht abzudämmen. Da man ja nicht gut den Bau der Erdrinde verändern konnte. Was man aber konnte, war nach diesen Erkenntnissen etwas anderes. Man konnte genau die gleiche Eigenschaft des Gesteins, die das furchtbare Wasser brachte, dazu benützen, das Wasser zu verjagen. Man konnte die Erdrinde überlisten. Man brauchte bloß aus den Zonen, die vor den größten Wassereinbruchsstellen lagen, einen geneigten Stollen bis dorthin zu treiben, wo sich lockere, wasserdurchlässige Gesteinsschichten gegen das Erdinnere senkten. Dann würde und mußte sich das schreckliche Grubenwasser ohne Anwendung aller Pumpen und Wasserkünste jenseits der Bergwerke in das Dunkel unerforschlicher Tiefen ergießen.

Obgleich Leibniz nach dieser Erkenntnis am liebsten sofort wieder nach Zellerfeld zurückgeeilt wäre, um die Arbeiten an den Entwässerungsstollen in Angriff nehmen zu lassen, sah er gleichwohl ein, daß seine geologischen Kenntnisse der umliegenden Bereiche des Harzes durchaus noch nicht weit genug gediehen waren, diese erste seiner Hypothesen schon zur Tatsache zu erheben, und ihn auch noch nicht berechtigten, ungeheure Kosten für die Verwirklichung seines Planes zu wagen.

Deshalb dehnte er zur Verwunderung des schlichten Dinkhofen seine Ritte und Wanderungen stets weiter aus und stellte, da er allein nicht alles bewältigen konnte, einige biedere und aufgeweckte Gebirgsbewohner in den Dienst seiner Gesteinsforschungen; wobei ihn die ungeheure Mannigfaltigkeit des geologischen Aufbaues eben dieser Gebirgsgegenden von Tag zu Tag in größeres Erstaunen setzte.

Aber nicht nur die Geologie hatte ihn in ihren Bann gezogen. Seine Helfer wurden selbst Objekte seiner Wißbegierde. Und er vergaß mehr als einmal die Grauwacke, den Granit, den Porphyr und den Sandstein, um den Bergsagen dieser Männer zu lauschen, in denen es von Kobolden und Teufeln nur so wimmelte; was, im Hinblick auf die Nähe des Mittelpunkts aller Teufelei, des unheimlichen Brocken, nicht sehr verwunderlich war. Jedoch auch von Burgen und Schlössern erfuhr er sonderbare Geschichten. Und er hörte, nicht mehr als Sage, sondern als grausige Wahrheit, von den todesmutigen Freiheitskämpfen dieser Bergstämme im Dreißigjährigen Krieg. Erzählungen, die reicher, wilder und unglaubwürdiger waren als die Teufelssagen selbst.

Als Leibniz endlich, erholt und erfrischt, spannkräftig und braungebrannt, die Ohren noch voll vom Gesang der Vögel, seine geologischen Schätze in allerlei beschriftete Säckchen hatte verpacken und sie auf plumpen quietschenden Karren nach Zellerfeld hatte befördern lassen, lag ein einzigartiges Märchen hinter ihm. Ein Märchen, das ihn um Jahrhunderte, Jahrtausende gegen den Ursprung alles Geschehens zurückgeführt hatte.

Gleichwohl hatte er seine Tätigkeit in Zellerfeld selbst sogleich ohne jede Mißlaune oder Enttäuschung aufgenommen. Denn neue Wunder lagen vor ihm, und im Hintergrund wartete das größte aller Wunder: seine Erkenntnis von der Entstehung der Gesteine, der Berge, Täler, Flüsse, Meere. Und vom Kreislauf dieses Werdens und Vergehens bis weit hinaus in nebelhafteste Zukunft. »Protogäa«, »Erdanfänge«, sollte das Werk heißen, das er über diese ahnungschweren Bereiche zu verfassen gedachte.

So wandte er sich an jenem herrlichen Augustnachmittag mit großem Eifer seinen Gesteinsproben und Fossilien zu, als der Diener eine entsprechende Zahl von Zettelchen geschnitten hatte. Es gab auf dem Tische sonderbare Dinge. Abdrücke von Fischen, von Halmen, von Libellen, von Blättern, von Fußspuren schrecklicher Vorwelttiere. Und es gab nicht nur Abdrücke, sondern versteinerte Skeletteile selbst. Nein, das war kein »Lusus naturae«, kein Naturspiel, keine scherzhafte Nachahmung von Tierformen im Gestein, wie einige überängstliche Dogmatiker behauptet hatten, die das Zugeständnis vorweltlicher Funde auf Bergeshöhen als Gefahr für die Offenbarung ansahen; und höchstens, wenn auch schon als halbe Ketzerei, den Hinweis auf die Sintflut gelten ließen. Das waren keine Naturspiele. Das war alles vollster Ernst. Waren die Tiere selbst, waren die letzten Reste eines Daseins, das vor weiß Gott wieviel Jahrtausenden in der Sonne geatmet und gepulst hatte. Warum auch sollte der Schöpfer solch merkwürdiges »Spiel treiben?« War es nicht lästerlicher, Gott unnötiger und sinnloser Handlungen zu verdächtigen? Bei denen ER nicht einmal imstande gewesen wäre, die Formen richtig wiederzugeben? Denn viele dieser Fossilien glichen durchaus nicht den heute existierenden Tieren und Pflanzen, waren nichts andres als gröbere, primitivere und bizarrere Urformen. Und hatten einen weit stumpferen und dumpferen Ausdruck als die Geschöpfe der Gegenwart; ja, sie erinnerten sogar manchmal an schauerliche Sagen von Drachen und Ungeheuern, wenn auch ihre Größe nicht erschreckend war.

Leibniz riß sich mit Gewalt aus seinen Phantasien, als er die sauberen Zettel zu beschreiben und auf die Mineralien und Fossilien zu kleben begann. Hierauf trug er alle bisher beschrifteten Stücke zudem noch in ein Heft ein, in dem er Raum für Bemerkungen und Vermutungen hatte.

Doch schon bald begannen seine Gedanken wieder abzuschweifen. In kurzer Zeit würde er ohnedies unterbrochen werden. Denn es hatten sich einige leitende Funktionäre der Bergwerke für den späten Nachmittag bei ihm angesagt; angeblich, um mit ihm über die »Wasserkünste«, die mechanischen Einrichtungen zur Bekämpfung der Grubenwässer, zu beratschlagen. Und außerdem sollten noch Leute von den Silberöfen und von den in Bau befindlichen Münzwerkstätten kommen, denen er Auskünfte und Weisungen zu geben hatte.

Kurz, die Umschwünge der Spirale, die sich um den Mittelpunkt der zauberkräftigen hannoverschen Taler ringelte, waren in Verwirrung geraten, störten und überschnitten einander und wollten jeder für sich seinen Lauf vollenden.

Bei den Silberöfen war er erst heute am Vormittag gewesen. Hatte eine neue herrliche Alchimie mit eigenen Augen beobachtet: den »Silberblick«! Lange Zeit hatte unter dem Druck eines Luftstromes das Gemenge von Blei und Silber, heiß überflammt, in Öfen gebrodelt, die riesigen Waschkesseln oder Backöfen glichen. Und aus dem sogenannten Glättloch an der Seite dieses »Treibherdes« war das Blei herausgequollen, bis es sich, spröde und verunreinigt, wie Schlacke zu einem Haufen schichtete. Plötzlich hatten die Arbeiter den schweren Eisendeckel des Schmelzkessels mit einem knarrenden Holzkran abgehoben und zur Seite geschlagen. Da war über den Inhalt des Kessels noch ein in Regenbogenfarben schillerndes Häutchen von Bleiglätte gebreitet gewesen. Der Werkmeister hatte Leibniz zugerufen, nur jetzt das Auge nicht abzuwenden. Und er hatte recht gehabt. Denn unvermittelt war das regenbogenschillernde Häutchen zerrissen, und der »Silberblick«, die glitzernde und gleißende Oberfläche des reinen »Silberkuchens«, war im Lichte der Sonne als Inhalt des Schmelztiegels dagelegen. Trotz dieses freundlichen Wunders aber hatte Leibniz sogleich zu grübeln begonnen, ob es wirklich unerläßlich sei, solche Mengen von gutem Blei in unbrauchbare Rückstände zu verwandeln, die sich wie Zunder anfühlten. Und er erinnerte sich gelesen zu haben, daß in Mexiko das Silber auf kaltem Wege, mit Hilfe des Quecksilbers, aus den zerpulverten Erzen gezogen würde. Er hatte sich auch vorgenommen, demnächst Versuche anzustellen, obgleich er nicht wußte, ob sich jedes Erz für diese Behandlung eignete.

Und er liebkoste den Hund, der endlich so viel Mut gefaßt hatte, unter dem Tisch hervorzukriechen, und versah seine Mineralien und Fossilien weiter mit Zettelchen und sein Heft mit Notizen.

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