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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 35
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Inventio phosphori

Die prophetischen Worte, die Leibniz zu Steno über die »diesseitigen Wunder« der Wissenschaft gesprochen hatte, gingen schon in wenigen Monaten in Erfüllung. Kaum hatten die Forschungen des Alchimisten Becher den allgemeinen Glauben an den uralten Grundsatz erschüttert, daß überall dort, wo Feuer und Hitze sei, auch Schwefel vorkommen müsse; kaum war die Entdeckung Priestleys – eines Geistlichen der englischen Hochkirche! – bekannt geworden, das bei der Verbrennung ein neuer Stoff, der Sauerstoff, eine mächtige Rolle spiele, den dieser wunderbare Experimentator aus Zinnober mit Hilfe eines Brennglases gewonnen hatte: als schon eine neue Entdeckung alle Verwirrung um das Rätsel der Verbrennung und des Feuers noch vergrößerte, wenn nicht gar zur Unlösbarkeit steigerte. Ganz Europa stand im Banne dunkler Gerüchte, es sei ein »kaltes Licht« gefunden worden, ein Licht, dessen Träger ein neuer unerklärlicher Grundstoff sei, der Lichtträger, der Phosphor, dessen Entstehung zudem noch in merkwürdiger Weise mit den ältesten Glaubensregeln der Goldmacherkunst zusammenhänge, der geradezu imstande sei, das Silber in Gold zu verwandeln und der der Prüfung auf »Herz und Nieren« seine Auffindung verdanke. Denn er stamme unleugbar aus der Niere des Menschen.

Wie gesagt, es waren bisher, trotz aller Verbreitung, nut dunkle Gerüchte gewesen, die Europa und insbesondere die Welt der Gelehrten beunruhigten. Denn die neue Theorie Bechers, der an Stelle des Schwefels eine »terra pinguis«, eine fette, brennbare Erde, als Ursache der Brennbarkeit angenommen hatte, war durch die »Inventio phosphori«, die Entdeckung des Phosphors, falls sie sich bewahrheiten sollte, sogleich wieder mächtig ins Wanken geraten. Und das Schwerwiegende an der ganzen Sache bestand darin, daß diese Entdeckung ihren Ausgang durchaus nicht aus den Laboratorien einer hohen Schule genommen hatte, sondern daß die Hauptakteure des Geschehens abseitige, wenn nicht sogar anrüchige Laien waren. Aber selbst diese Personen waren nur den unterrichtetsten Rechercheuren einiger europäischer Höfe andeutungsweise bekannt. Und nur durch einen besonderen Zufall waren Leibniz und Otto von Grote, früher als andere, auf die Spur des kursächsischen Kommerzienrates Johann Daniel Kraft und des mysteriösen »geheimen Kammerdieners« am sächsischen Hofe, des Chymisten und Apothekers Johann Kunckel gekommen, der sich geradezu für den Entdecker des Phosphors ausgeben ließ. Obgleich er es, wie Leibniz bald feststellen konnte, durchaus nicht war, wenn ihm auch gewisse Verdienste daran keineswegs abgesprochen werden konnten.

Nun hatte die ganze Angelegenheit inzwischen solche Kreise gezogen, daß Herzog Johann Friedrich an einem Septembermorgen Geheimrat von Grote, den General Podewils und Leibniz zu einer ebenso dringenden als geheimen Konferenz in Sachen des Phosphors zu sich berufen hatte.

In einem hellen Beratungszimmer, dessen Wände in Weiß und Gold leuchteten, saßen die drei Würdenträger mit dem Herzog an einem prunkvollen Frühstückstisch und aßen eben den letzten Gang eines erlesenen Dejeuners.

Grote war schön und gewinnend wie stets. Er trug ein weiches feines Kleid in hellstem Grau, dessen Einfarbigkeit nur durch das grelle Weiß de» Spitzenjabots und der Spitzenmanschetten unterbrochen wurde. Auch Leibniz war prächtig und geschmackvoll gekleidet, wenngleich seine Eleganz mit der Vollendung Grotes nicht wetteifern konnte. Auffällig war es, daß Leibniz die rechte, verbundene Hand in einer Seidenschleife trug, die dem matten Grün seines Rockes angepaßt war. Huygens hätte die Gelegenheit sicher nicht versäumt, diese modische Armschlinge zu bewitzeln und ihm vorzuwerfen, er wolle wieder »scheinen«. Aber auch in Abwesenheit des großen Huygens entging Leibniz allerlei Scherzen durchaus nicht. Der Herzog, dessen zerfurchtes Antlitz heute merkwürdig blaß war, hatte ihm sogleich beim Eintreten die Wange getätschelt und ihm, zärtlich und ironisch zugleich, versichert, er anerkenne aufs lebhafteste diese erste »Verwundung« im Dienste des Hauses Hannover. Und er werde es sich noch überlegen, ob solche Heldentaten durch Orden belohnt werden könnten. Während der harte und martialische General Podewils sein ohnedies mächtiges und breites Kinn grinsend noch mehr vorgeschoben und geäußert hatte, er habe den jungen Herrn Rat in Verdacht, daß er sich nur als Märtyrer der Wissenschaft aufspiele. In Wahrheit setze er sicherlich in Hannover das Studium ganz andrer, in Paris erworbener Wissenschaften fort und sei dabei wahrscheinlich an einen degenflinkeren, noch jüngeren Nebenbuhler geraten. Herr von Grote sei es in diesem Falle ausnahmsweise nicht gewesen. Denn der fechte lieber mit der Zunge. Obwohl er, bei aller Freundschaft, die man zu ihm hege, aus Erziehungsgründen sich wenigstens für jede hunderste Liebschaft duellieren sollte. Er wäre auch unter solcher Voraussetzung noch immer ausreichend beschäftigt und genügend gefährdet.

Johann Friedrich störte die gute Laune der Versammelten in keiner Weise, da er sofort sah, daß sich sowohl Leibniz als Grote über den polternden Humor Podewils, der im übrigen auch als feiner Kopf galt, höchlichst belustigten; und mit Sticheleien aller Art antworteten, die wieder Podewils durchaus nicht krumm nahm. Als aber endlich Leibnizens Blessur zum alleinigen Gesprächsthema auszuarten drohte, sagte der Herzog plötzlich in freundlichstem Ton:

»Über die Wirkung der ›Inventio phosphori‹ haben wir uns jetzt genügend unterhalten, meine Herren! Wie wäre es, wenn wir zur Analysis der Ursache übergingen? Wenn Sie mit meinem Vorschlag einverstanden sind, erteile ich dem Referenten, Herrn Rat Leibniz, das Wort zu seinem Vortrag. Wir sind jetzt so weit, manches, wenn nicht alles an der Angelegenheit zu überblicken. Problematisch bleibt ein einziger Umstand, der zugleich so ernst und so skurril ist, daß Sie, meine Herren, Gelegenheit haben werden, bei dieser Beratung Ihre gute Laune noch mehr als einmal zu verbessern.« Und über sein Gesicht zuckte ein kaum zu unterdrückendes, tief belustigtes Lächeln, das sich, wie durch Ansteckung, auf das Antlitz Leibnizens überpflanzte, der sich auf die Lippen beißen mußte, bevor er begann.

Nach einer kurzen Pause, in der Grote und Podewils fragende Blicke tauschten, hatte sich Leibniz so weit in der Gewalt, sein Referat zu erstatten.

»Durchlauchtigste Hoheit, sehr verehrte Herren!« hub er leise an. »Über den Beratungsgegenstand selbst erübrigt sich wohl eine Mitteilung. Ganz Europa raunt sich Wunderdinge über das Geheimnis des Phosphors in die Ohren. Und wir wissen – ich sage es aufrichtig – heute noch ganz und gar nicht, welche Umwälzungen diese Entdeckung nach sich ziehen wird. Denn wir kennen den Phosphor bisher nur in kleinen Mengen. Und in chymischen Angelegenheiten spielt, soweit meine bescheidenen Kenntnisse reichen, die Menge eines Stoffes oftmals eine ausschlaggebende Rolle. Nicht nur für das Verhalten des Stoffes, sondern auch für die Möglichkeit seiner Anwendung zu mechanischen oder militärischen Zwecken. Doch ich will nicht vorgreifen. Über die Herstellung des neuen Grundstoffes werde ich am Schlusse berichten, da dort auch das Problem liegt, jenes zwischen Großartigkeit und Lächerlichkeit pendelnde Problem, von dem unser erhabener Herzog eben früher sprach. Ich will mich also vorläufig gleichsam mit der personellen Seite der Entdeckung beschäftigen. Und darf dabei gleich feststellen, daß es mir durch die Hilfe des Herrn Geheimrates Grote gelungen ist, fast alle anderen Höfe Europas zu überholen und, was mir persönlich am Herzen lag, eindeutig festzulegen, daß es sich hier um eine ausschließlich von Deutschen geleistete wissenschaftliche Tat handelt, wenn diese Tat auch durch die Geschäftigkeit und durch menschliche Schwächen der beteiligten Personen fast in die Ebenen der Scharlatanerie und der Jahrmarktsgaukelei gerückt wurde. Ich selbst aber, unterstützt durch die Großzügigkeit und den leuchtenden Verstand Seiner Hoheit des Herzogs, habe es unternommen, die Riesenhaftigkeit des Ereignisses von allen Schlacken zu säubern, die sich bereits um das Geschehen herum anzusammeln begannen. Dies das einzige Verdienst, das ich bei der Inventio phosphori in Anspruch nehme. Ich verzichte sogar darauf, mich wegen der immerhin schmerzhaften und schwer heilenden Verbrennung, die ich an der Hand erlitt, als Märtyrer feiern zu lassen. Diese Verbrennung ist für mich bloß ein neues wissenschaftliches, zwar ungewolltes, aber nützliches Experiment, das uns in der Erkenntnis der Eigenschaften des Phosphors weiterbringt; und das ich etwa mit dem Tod der Ratten auf eine Stufe stelle, der uns über die geradezu furchtbare Giftigkeit des neuen Stoffes aufklärte.«

Der Herzog und Podewils brachen beim letzten Satz Leibnizens in schallendes Gelächter aus. Grote lächelte und schüttelte posiert verzweifelt den Kopf. Johann Friedrich aber fiel, als er sich gefaßt hatte, ein:

»Ich stelle fest, daß wir Leibniz mit unsren Witzeleien doch beleidigt zu haben scheinen. Wir wollen ihm deshalb solemn erklären, daß wir gegen seinen Vergleich aufs heftigste protestieren, wenn wir auch zugeben, er habe uns nicht feiner und geistreicher für unsre schlechten Scherze bestrafen können. Auf jeden Fall aber sind wir – diese meine Duplik auf den bösen Stich meines Herrn Rats – glücklich, daß sich das Geschehen nicht umgekehrt zutrug, daß nämlich die Ratten sich die Pfote verbrannten und Herr Leibniz den Phoshpor schluckte.«

Neuerliches allgemeines Lachen quittierte die Äußerung Johann Friedrichs. Leibniz aber verbeugte sich, als ob er all das ernst nähme, und setzte nach wenigen Augenblicken fort:

»Es war kein Zufall, daß ich Hannover den vorhin erwähnten Dienst leisten konnte. Ich war nämlich schon in Nürnberg vor vielen Jahren Alchimist und Rosenkreuzer und kenne sowohl die Schliche als die Stärken dieser Afterwissenschaft, die eben jetzt sich zu echter Wissenschaft umzugestalten scheint. Oder wenigstens Ansätze zu solcher Umgestaltung zeigt. Der Vorgang war kurz folgender: Wir erfuhren, daß ein gewisser kursächsischer Kommerzienrat vorhabe, die Höfe Europas zu bereisen, um die angebliche Erfindung des Kammerdieners und Chymisten Kunckel für schweres Geld an die Fürsten zu verkaufen. Ich förderte diese Absicht, indem ich Herrn Kraft sogleich an unsren Hof einlud. Über gewisse Experimente und Kunststücke, die er uns vor einigen Wochen vorführte, brauche ich wohl wenig zu berichten. Wir alle haben gesehen, wie er mit einem Stückchen Phosphor, das wir für Wachs hielten, Huldigungsverse an unsren Herzog auf ein glattes Brett schrieb, die im Hellen vollkommen unsichtbar blieben, während sie im verdunkelten Zimmer in grünlichem Zauberlicht aufschimmerten. Es war ein großes Erlebnis. Und wir sahen dann noch andre Dinge, sahen die nebelartigen Phosphordämpfe, sahen die Selbstentzündung des Stoffes, sahen, wie sich eine andre, dickere Phosphorschrift plötzlich auf Papier zur Flammenschrift verwandelte, die das Geschriebene als schwarze Verkohlungsspur zurückließ. Davon also kann ich jetzt schweigen, da es allen noch in Erinnerung ist. Worüber ich aber nicht schweigen kann, ist das merkwürdige Verhalten des kursächsischen Kommerzienrates nach den Demonstrationen, sind seine Versuche, unsren erhabenen Herzog zu betrügen, und ist, im Zusammenhang damit, eine weitere verblüffende Entdeckung. Allerdings keine chymische, sondern eine fast kriminelle. Kunckel ist nämlich gar nicht der Entdecker des Phosphors. Der erste Entdecker ist Johann Brand aus Hamburg, der den Phosphor schon anno 1669 also, vor nunmehr acht Jahren, darstellte und dem die Herren Kraft und Kunckel seine Entdeckung um einen Bettel ablisteten. Doch ich bin vielleicht zu scharf. Kunckel hat sicher auch seine Verdienste, hat die Darstellung verbessert, sogar in gewisser Weise ermöglicht. Aber Herr Kraft hat mir keinen guten Eindruck hinterlassen, wollte uns mit den schlimmsten Alchimistenmärchen kommen und uns einreden, er könne durch den neuen Stoff wahrscheinlich schon in naher Zeit das Silber unsrer Zellerfelder Bergwerke in pures Gold verwandeln. Wo wir doch eben daran sind, auf Grund besserer, nämlich Colbertscher, merkantilistischer Alchimie, unser gutes Silber zu noch besseren Talern umzuformen, die keine derartige Revolution unserer Wirtschaft hervorrufen werden wie das Gelingen der alten Großen Kunst des Goldmachens. Nebenbei bemerkt, habe ich selbst schon in Nürnberg sogenanntes Gold eines Adepten in der Hand gehabt. Habe solch einer Verwandlung beigewohnt und ihre betrügerischen Hintergründe entlarvt. Herr Kraft, dessen Beredsamkeit sehr groß ist, konnte sich also durch die unleugbare Verblüffung, die er mit seinem, besser mit Herrn Kunckels, noch besser, mit Herrn Brands Phosphor erregte, zwar für einen Augenblick in die Gunst unsres Hohen Herzogs einschleichen. Eine Gunst, die allerdings nur so lange anhielt, bis ich selbst Seine Hoheit aufklären durfte. Übrigens ist es selbstverständlich, daß nur der ungeheure Zufall meiner Nürnberger Einweihung es verhinderte, daß es mir ebenso ging wie Seiner Hoheit, dem Herzog.«

»Sehr gut, daß Sie den letzten Satz gesagt haben, Leibniz«, fiel Johann Friedrich ein. »Auf jeden Fall haben Sie Takt, mein Leibniz. Ihre wahren Gedanken will ich mit Rücksicht auf Ihre im Dienste der Sache erfolgte Verwundung nicht näher erforschen. Wie dies nun aber ist, haben Sie zur rechten Stunde im Sinne der alten Vorschrift Ihr verehrtes Maul aufgetan.«

»Das habe ich, bei Gott!« fuhr Leibniz fort. »Und Herr Kraft witterte diese Wendung bald mit seiner feinen Nase. Als er nämlich zu seinem Schrecken langsam bemerkte, daß er in mir einen noch gerisseneren Adepten vor sich habe, schwenkte er um und warf sich sogleich – das wird Sie interessieren, Herr General Podewils – auf die militärische Bedeutung des Phosphors. Ungeheuer schlau von ihm. Denn nach dem sagenhaften Goldmachen hatte er sofort wieder einen Anlaß, das Geheimnis des Phosphors nur zu Monopolpreisen loszuschlagen. Wer den Phosphor hat, besitzt die militärische Vorherrschaft, war seine neue Formel. Brandgeschosse – nebenbei ein neckischer Scherz der Geschichte, daß in diesem Wort der Name des wahren Erfinders, des Herrn Brand, ungewollt auftauchte – also Brandgeschosse, geheime Signale, verborgene Schriften, tückische Überfälle, die man dadurch verüben könnte, daß man in Wasser aufbewahrten Phosphor durch Spione in feindliche Pulvermagazine einschmuggelte und vorkehrte, daß das Wasser langsam ablief, wodurch dann nach vorbestimmter Zeit der Phosphor sich von selbst entflammte und das Pulver in die Luft flog; das waren so einige seiner Vorschläge und Gedanken. Alles aber stieß sich noch an den geringen Mengen, die man erzeugen konnte und an dem hohen Preis dieser Erzeugung, der den Phosphor fast teurer macht als pures Gold. Mit all dem Auf und Ab der Angelegenheit will ich nicht langweilen. Kurz, es gelang mir, das Geheimnis der Phosphorherstellung um einen verhältnismäßig niederen Preis in die Hand zu bekommen, und den wahren Entdecker, Herrn Brand aus Hamburg, auszuforschen. Seine Hoheit und ich sahen bewußt davon ab, uns um fast unerschwingliches Geld das Alleinrecht auf den Phosphor zu sichern, da ich in Erfahrung brachte, Herr Kraft befinde sich bei uns nur auf der Durchreise nach England und sei bereits am dortigen Hofe und unter anderem beim großen Chymiker Boyle angesagt. Wir hätten also unser teures ›Alleinrecht‹ schon in wenigen Wochen mit England und in wenigen Monaten oder Jahren vielleicht schon mit ganz Europa geteilt; dank der ›Vertrauenswürdigkeit‹ unsres erwähnten Herrn Kraft! Was aber die Verwendung des Phosphors als Kriegsmittel betrifft, ist Seine Hoheit, unser Herzog, der Ansicht, daß die Einführung solcher Furchtbarkeiten für ein kleines Land gefährlich ist, da sie unter Umständen weniger Schrecken als Haß erzeugt. Gewiß besitzen sollen wir diese Waffe. Aber die erste Anwendung mögen andere versuchen.«

»Ganz meine Meinung«, fiel General Podewils ein. »Mir ist die Disziplin meiner vierzehntausend Mann vorläufig wichtiger als neue Brandgeschosse. Man verdächtigt uns ohnedies schon der Angriffslust, weil wir uns im Wirrwarr der gegenwärtigen Politik ausreichend schützen wollen. Nur keine grausame Angriffswaffe in dieser Lage!«

»Über diesen Punkt scheinen wir alle einig zu sein«, resümierte Grote. »Mir lagen solche Einwendungen früher schon auf der Zunge, als Herr Leibniz über die Vorschläge des Herrn Kraft sprach.«

»Auf jeden Fall haben wir den Phosphor«, sagte Leibniz. »Und wir werden bald noch mehr haben. Nämlich die Möglichkeit, ihn in großen Mengen herzustellen. Wir gewinnen also, auch ohne erklärte militärische Nebenansichten, via facti einen militärischen Vorsprung. Nun aber muß ich vom personellen zum sachlichen Thema übergehen. Nämlich zur Erzeugung des Phosphors. Ich weiß nicht, ob ich schon berichtete, daß es mir gelang, nach abenteuerlichen Umwegen und Kniffen die Person des verkrachten und absonderlichen Kaufmanns Brand, des dritten Akteurs in der Phosphorkomödie, auszuforschen. Kommerzienrat Kraft ist vor einiger Zeit abgereist und wir hatten keinen Anlaß, die Engländer vor seiner Scharlantanerie zu warnen. Das sollen die Herren Newton und Boyle und all die anderen großen Köpfe besorgen, die den Stolz der grünen Insel bilden und die wohl auf uns recht geringschätzig herabsehen. Dafür, daß die Entdeckung für alle Zeit eine deutsche bleiben und als solche gelten wird, dafür haben wir gesorgt. Also, Herr Kraft ist abgereist und – Herr Brand befindet sich seit einigen Tagen in Hannover. Auf meine Veranlassung. In der Zwischenzeit machte ich meine eigenen Versuche mit ausgewählten Gehilfen, deren vorläufiges trauriges Ergebnis die heute schon oft besprochene Verbrennung meiner Hand bildet. Was auch zu vermeiden gewesen wäre, wenn meine Logik meine Ungeduld übertroffen hätte. Ich hielt nämlich ein Stückchen Phophor, anstatt es mit einer Zange anzufassen, zu lange in der bloßen Hand. Eine allgemeine Erscheinung und Gefahr chymischer Versuche. Man weiß die Folgen, ist aber an den Umgang mit der bedrohlichen Sache so gewöhnt, daß man sich irgendwo im Halbbewußtsein einbildet, die Sache sei gezähmt wie ein Haustier und nehme Rücksicht auf die vertraute Bekanntschaft. Bis sie einem dann ihre ganze Tücke zeigt und einen belehrt, daß, in der Wissenschaft wenigstens, die logischen Gesetze mit vollster Unerbittlichkeit gelten.« Leibniz machte eine Pause, da der Herzog eben eine Tischglocke ergriffen und dem sogleich eintretenden Diener befohlen hatte, ein kühlendes Getränk zu servieren.

Als die Karaffen auf dem Tische standen und der Diener sich wieder entfernt hatte, sagte der Herzog:

»Ich argwöhne, daß wir in die nächste Nähe des tragikomischen Höhepunktes der Angelegenheit vorgerückt sind. Und ich glaube, die Erfrischung wird es den Herren ermöglichen, die Eröffnungen Leibnizens mit Fassung und Würde zu ertragen. Doch ich will dem unausweichlichen Hauptproblem nicht vorgreifen und bitte Herrn Leibniz um Fortsetzung seines Berichtes. Die Debatte wird sich dann von selbst ergeben. Besonders Sie, Geheimrat von Grote, können sich heute endgültig die staatsmännischen Sporen verdienen. Und nun los, Leibniz!«

Wieder zuckte es verräterisch über Leibnizens Antlitz und er gab sich anscheinend redlichste Mühe, einen halbwegs seriösen Weg der Berichterstattung zu finden. Er begann also:

»Wir verließen unser Thema mit der Bemerkung, der wahre Entdecker des Phosphors, Herr Brand aus Hamburg, sei durch uns ausgeforscht und nach Hannover gebeten worden. Er ist bereits eingetroffen und hält sich für weitere Versuche bereit. Von ihm auch erfuhr ich die erste Geschichte der Entdeckung. Als er vor manchem Jahr geschäftlich verunglückte und in bittere Armut geriet, warf er sich aus Verzweiflung auf die Alchimie. Gleichsam als letzten Ausweg. Warum auch sollte nicht gerade er den Weg des Goldmachens entdecken? Er war ja ein gebildeter, heller Kopf und dazu äußerst geschickt in der Kunst des Experimentes. Er stöberte auch uralte Alchimistenrezepte auf und zog eines Tages aus dem Umstände, daß der Mensch das edelste aller Geschöpfe sei, die Folgerung, es könne das edelste Metall, wenn irgendwoher, nur aus dem menschlichen Körper erzeugt werden. Da er aber wieder Menschen nicht geradezu zu chymischen Versuchen zerkleinern und eindampfen wollte, verfiel er, angeregt durch die erwähnten alten Rezepte, darauf, die Ausscheidungen des Menschen einzudampfen. Und er erhitzte dann das Produkt der menschlichen Niere, besser dessen Verdampfungsrückstände, gemischt mit weißem Kieselsand, in einer tönernen Retorte und fand so unseren abenteuerlichen Phosphor. Nun wollen wir, wie schon erwähnt, unsre Versuche außerhalb der Stadt im größten Maßstab durchführen. Daher sind riesige Mengen der Ingredienzien erforderlich. Und die Beschaffung dieser Ingredienzien steht gleichsam wie eine mathematische Aufgabe unter mehrfachen Bedingungen. Vor allem muß der ganze Vorgang geheim bleiben. Dann soll die Prozedur so wenig als möglich kosten. Und schließlich darf durch all das keine unerwünschte Nebenwirkung politischer oder disziplinärer Art erzeugt werden. Kurz gesagt, die große Entdeckung darf nicht mit dem Fluch der Lächerlichkeit oder des Aberglaubens belastet werden, wenn sie selbst einmal in ihren Einzelheiten durchsickert. Die Ton-Retorten werden wir in beliebiger Größe erhalten. Der verborgene Platz und das notwendige Feuer ist ebenso leicht sicherzustellen. Auch der weiße Kieselsand wird keine Schwierigkeiten machen. Auch nicht die Werkleute, die das Gemenge brauen und die Retorten bedienen sollen. Ungelöst ist bisher lediglich die mehr als sonderbare Frage, woher wir, pardon pour l'expression, die erforderlichen Riesenmengen menschlichen Harns herholen sollen. Ein geradezu infernalisches Problem, mit dessen Enträtselung sich wohl noch kein Gelehrter der Weltgeschichte befaßt hat.«

General Podewils war bei den letzten Sätzen in ungebändigtes Gelächter ausgebrochen, in das, gedämpfter, die anderen einstimmten. Der Herzog ließ die aus den Fugen geratene Konferenz kurze Zeit in ihrer chaotischen Verfassung. Dann winkte er endlich beschwichtigend mit der Hand und sagte:

»Die Sache ist ebenso verwickelt als erheiternd. Ein tückischer Scherz der Geschichte. Aber sie ist ernster, als sie auf den ersten Blick aussieht. Nicht allein wegen der Gefahr der Lächerlichkeit. Als Naturalsteuer kann ich den notwendigen chymischen Stoff wohl kaum einheben. Kann auch schwer Sammelwagen mit patriotischen Aufrufen durch meine Lande schicken. Dabei fürchte ich die Lächerlichkeit noch weniger als den Aberglauben. Der Wahn der Behexung oder Verzauberung könnte nur zu leicht entstehen, wenn man den Menschen das fortnimmt, was sie mit Recht seit Adam und Eva für ihr angestammtes, wenn auch stets vergeudetes Eigentum halten. Kurz, Leibniz und ich haben bisher noch keinen gangbaren Ausweg gefunden, meine Herren.«

Geheimrat von Grote, der schon einige Zeit die Redner mit einem merkwürdig schalkhaften und doch seriösen Lächeln angeblickt hatte und dem man es förmlich ansah, daß er sprechen wolle, nickte mit dem Kopf, als der Herzog nicht mehr zu weiterem Reden ansetzte.

»Hoheit haben mit jedem Wort recht«, erwiderte er langsam und plötzlich vollständig ernst. »Vor Gott und der Politik gibt es nur mehr oder weniger wichtige, jedoch keine mehr oder weniger lächerlichen Angelegenheiten. Wir stehen hier vor der Entwirrung einer Realität unter Bedingungen, die Herr Leibniz ebenso ausführlich als treffend abgegrenzt hat. Und ich hoffe, daß ich mir meine staatsmännischen Sporen endgültig verdienen kann. Denn es gibt eine Lösung, die keine der erwähnten Bedingungen außer acht läßt. Falls ich mich nicht grundlegend irre und Herr General von Podewils mich nicht eines Besseren belehrt. Übrigens bedarf ich dazu auch noch seiner fachkundigen Ratschläge.«

»Was wollen Sie von mir, Herr Geheimrat?« polterte der General los. »Bei Ihnen soll sich der Teufel auskennen! Ich habe schon den Verdacht, daß Sie wieder einmal einen Ihrer üblen Scherze machen werden, um den Ihnen unbequemen Machtfaktor des Militärs zu kompromittieren.«

»Sehr gut, mon cher«, erwiderte Grote unbeirrt. »Aber diesmal haben Sie sich ausnahmsweise geirrt. Ich meine es vollkommen ernst.«

»Bis auf weiteres«, brummte Podewils.

»Nein, bis zum Ende.« Grote zog sein Gesicht in gekränkte Falten. Sogleich aber lachte er wieder leise. »Wir haben jetzt den besten Beweis, wie heikel unsre alchimistische Auswertung der Nieren ist«, setzte er fort. »Selbst im engsten Kreise. Es gibt aber doch eine Möglichkeit. Und darum frage ich Sie, Hoheit, und die anderen Herren: Wo ist die Geheimhaltung am besten gesichert? Wo ist nur ein Befehl notwendig, um auch Absonderliches zu erzwingen ? Wo gibt es keine vorlauten Randbemerkungen? Wo keine Zimperlichkeiten und keinen Aberglauben? Wo sind eine Menge von Menschen auf kleinstem Raum vereinigt ? Wo kann man durch winzige Vorteile diese Menschen mächtig erfreuen? Wo kann man sie geräuschlos hinter Schloß und Riegel setzen, wenn sie murren und plaudern? Doch wohl nur in den wohldisziplinierten Winterlagern der Soldaten unsres Herrn General Podewils!« Und Grote nippte achtlos an seinem Glas, als ob ihn alles weitere nichts mehr anginge.

»Die Disziplin wird bald beim Teufel sein, wenn ich von meinen Soldaten verlange, daß sie auf Kommando .... pardon, ich kann es hier nicht aussprechen, was ich sagen wollte. Ich sage es Ihnen später privat, Herr Geheimrat.« Der General hatte einen roten Kopf bekommen und schrie fast.

»Nur nicht so hitzig!« lachte Johann Friedrich auf. »Grote hat vollkommen recht. Sein Vorschlag ist geradezu erleuchtet. Sie haben also die Wahl, Podewils: Entweder verschaffen Sie mir durch meine Truppen das neue Kampfmittel, oder wir verlieren den militärischen Vorsprung. Grote hat ja ausdrücklich betont, daß die Durchführung Ihre Sache ist. Also los General! Wie deichselt man die bewußte Angelegenheit, ohne der Disziplin zu schaden? Zeigen auch Sie jetzt, was Sie wert sind, Sie rabiater Soldatenvater!«

Der General schien seinen Zorn plötzlich wieder vergessen zu haben, als er die eindringlichen Worte seines Herzogs hörte. Denn er antwortete fast wegwerfend:

»Natürlich muß es gehen, wenn Hoheit es befehlen. Ich bin ja wohl selbst auch so etwas wie ein Soldat und kann daher besser gehorchen als die anderen Herren vom Hofe.«

»Diesen Vorzug räume ich Ihnen gerne ein, obgleich auch ich nicht gerade ein Meuterer bin«, warf Grote höchst belustigt ein.

Der General aber blitzte ihm, kaum mehr Herr seiner versöhnlichen Stimmung, einen erzwungenen bösen Blick zu.

»Reizen Sie mich nicht wieder, Geheimrat! Vielleicht sind Sie kein Meuterer. Aber ein Aufwiegler zum Ungehorsam sind Sie bestimmt mit Ihrer wundervollen Selbstbeherrschung. Übrigens, bitte, jetzt nicht die Diskussion zu verzögern, Herr Geheimrat! Seine Hoheit hat mir das Wort erteilt und nicht Ihnen.«

»Herrlich, Podewils!« lachte der Herzog. »Ausgezeichnet! Jetzt gibt es kein Zurück.«

»Will ich auch gar nicht, Hoheit. Es ist ja ein wunderbarer Bursche, dieser Geheimrat Grote, obgleich ich ihn nicht ausstehen kann. Aber kein Wort mehr über ihn! Ich werde ganz einfach in den Winterlagern Tonnen aufstellen lassen. Wer sie nicht benützt, wird krumm geschlossen. Und wer sie anders benützt, ebenfalls. Das Ganze geschieht aus Gründen, die den gemeinen Mann nichts angehen. Der gemeine Mann darf eben nicht alles wissen. Das ist er gewohnt. Und aus eben denselben Gründen werden Troßknechte bei Nacht und Nebel die Tonnen an einen bestimmten Ort in eine abgelegene Heide führen, wo ich das kostbare Naß abdampfen lasse. Von dort können Sie dann die Rückstände in Ihre Manufaktur transportieren, Herr Leibniz. Klappen wird die Chose auf die Sekunde. Dafür heiße ich Podewils. Damit meine Kerle aber auch einen Spaß haben und noch weniger nachdenken, bekommen Sie Kostaufbesserung für peinlich befolgte ›Reinlichkeitsvorschriften‹. Das wird eine fröhliche Fabricatio phosphori werden, bei Mars und Venus, hätte ich fast gesagt! Und ich bitte nur noch um schriftliche Bekanntgabe Ihres Bedarfes, Herr Leibniz. Wir haben, wie Sie wissen, vierzehntausend Mann zur Verfügung. Ich hoffe, Sie werden nicht zu unbescheiden sein, Herr Leibniz. Aber ich muß hinzufügen, und das gilt Herrn von Grote, dem Soldaten wird doch in letzter Linie alles aufgebürdet.«

»Das habe ich nie bestritten.« Grote verneigte sich liebenswürdig. Dann schloß er: »Im Gegenteil. Und ich betone, daß die Ausführung meiner lückenhaften Vorschläge erst durch Ihre Vorschläge, Herr General, zu einer staatsmännisch unbedenklichen Möglichkeit und Wirklichkeit geworden ist. Ich halte auch Sie, General Podewils, für einen ›ausgezeichneten Burschen‹, obgleich ich Sie sogar sehr gut leiden kann.«

Unter allgemeiner Heiterkeit wurde die denkwürdige Sitzung die »Inventio und fabricatio phosphori« betreffend, geschlossen und der arme fallite Entdecker, der Kaufmann Brand, zur näheren Besprechung einiger Einzelheiten hereinbefohlen. Johann Friedrich, den das scheue Wesen des Alchimisten rührte, besann sich plötzlich, daß dieser Entdecker bisher kaum noch einen Pfennig aus seiner umwälzenden Tat gezogen hatte. Und er setzte ihm sogleich eine nicht unbeträchtliche Pension aus.

Vor Leibniz aber türmten sich neue Fragen und neue Probleme bis zu den Wolken, als er die Sicherheit hatte, unbeschränkte Mengen des neuen Grundstoffes in die Hand zu bekommen. Und die Schauer der Alchimie, die Ahnung entfesselter Naturkräfte, machten ihn plötzlich wortkarg und verschlossen; so daß er kaum das ehrliche Lob hörte, das ihm für seine Initiative von allen Seiten gezollt wurde.

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