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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 34
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Vierunddreißigstes Kapitel

Steno oder die Kluft zwischen Wissen und Glauben

Leibnizens Diener war damit beschäftigt, die Reste des Abendessens abzutragen und den Tisch zu ordnen. Steno ging mit trotzig gesenktem Haupt im Zimmer auf und nieder; während Leibniz selbst seine Verstimmung und Befangenheit hinter gleichgültigen Anweisungen verbarg, die er dem Diener gab.

Das Gespräch hatte bisher, durch die Mahlzeit nur wenig unterbrochen, schon mehr als zwei Stunden gewährt, ohne daß auch nur im entferntesten eine Annäherung der Standpunkte erzielt worden wäre.

Leibniz hatte sich gleichsam wundgeredet. Das ganze Aufgebot seiner Gründe und Argumente, seine sprühende Lebendigkeit, alle Diplomatie und aller Freimut, seine profunden theologischen Kenntnisse, seine in den Debatten mit Pariser Theologen, vor allem mit dem mehr als harten Arnaud geschliffene Dialektik waren bei diesem Manne hierauf so unerbittlichen, so kalten und so unverrückbaren Widerstand geprallt, daß das ganze logische Gebäude, das Leibniz vor ihm aufgetürmt hatte, kraftlos und leer in sich zusammengesunken war. Trotzdem, und das war dabei vorläufig für Leibniz das ungelöste Rätsel, hatte er einen ebenso unfanatischen wie grundgütigen Gegner vor sich, der wiederholt betont hatte, er verstehe und anerkenne den feindlichen Standpunkt. Er hasse sogar jede Art von Unduldsamkeit, sofern sie verwilderte und persönliche Formen annehme. In der Sache selbst, in der Frage des Nutzens und der Berechtigung wissenschaftlicher Forschung, war er dann aber trotz dieser Konzessionen mit einer unbegreiflichen Starrheit dabei geblieben, die wahre Erlösung fordere die ganze Wissenschaft als Opfer.

Als Opfer? Diese Ausdrucksweise hatte Leibniz stutzig gemacht. Denn Steno hatte das Wort »Opfer« mehr als einmal ausgesprochen. Also doch eine Zwiespältigkeit? Opfern kann man nur das, was man als großen Wert erkannt und geliebt hat. Und Steno hatte die Wissenschaft geliebt, beinahe vergöttert. Darüber war kein Zweifel. Erst in den letzten Tagen hatte Leibniz volle Klarheit über die einstige Größe Stenos als Arzt, Anatom und Geologe gewonnen. Woher also dieser plötzliche Verrat am Geist? Diese wilde, fast ängstliche Flucht, diese Zumutung, auch alle anderen sollten, ja müßten in majorem Dei gloriam sich solcher Flucht anschließen? Woher das alles? War es Krankheit? Versagen des Geistes? Nein, das war es ganz und gar nicht. Dieser Geist funktionierte, hatte nichts von seiner beinahe derben Gesundheit eingebüßt. War auch in keiner Weise verkrampft oder verbittert. Im Gegenteil: Mehr als einmal hatte Leibniz lächelnde Laune, heiterste Wolkenlosigkeit auf den Horizonten dieser Seele wahrgenommen.

Nur in den letzten Augenblicken, vielleicht sogar bloß unter der Einwirkung hastig genossenen Weines, war etwas wie Ärger über Steno gekommen. Und drückte sich sinnbildhaft, doch aber wieder naturnah, in seinem trotzigen Auf- und Niederschreiten aus.

Plötzlich blieb Steno knapp vor Leibniz stehen und strahlte ihn mit einem unmittelbaren, zwingenden Blick aus seinen großen blauen Augen an. Einem Blick, der so weit und offen war, als ob sich alle Tore der Seele zugleich öffnen wollten.

»Es kroch ein kleiner Zorn in mir herauf«, sagte er mit freier, voller Stimme. »Ein kleiner Zorn, der sich aber nicht gegen Sie, Leibniz, sondern gegen mich selbst und gegen vieles andre richtet, das ich nicht ändern kann, nicht ändern will und nicht ändern darf. Und nun bemerke ich, daß Sie verstimmt sind. Wahrscheinlich mit Recht. Und diese Wahrnehmung wieder zwingt mich zu einem offensten Wort. Einem Wort, das ebenso für unsern Streitgegenstand wie für den ganzen Bereich aller geistigen Dinge seine gute Geltung hat. Eine Wahrheit, die Sie nur deshalb so wenig beachten, weil Sie in tiefster Seele doch ein Vernunftgläubiger und kein Gottgläubiger sind. Gottgläubigkeit verstehe ich in meinem wahrscheinlich beschränkten Sinne. Ich will auch damit weder Ihre sicherlich ehrliche Religiosität, noch auch damit Ihren besten Willen anzweifeln.«

Leibniz war bei den letzten Sätzen zusammengezuckt. Ja, es begann sogar eine flüchtige, nicht zu beherrschende Röte seine Wangen zu färben. Hatte er sich doch getäuscht? War Steno mehr als ein Fanatiker? War er ein Inquisitor?

»Das war ein sehr, sehr offenes Wort, hochwürdigster Herr Bischof«, erwiderte er kalt und gedämpft, jedoch fast schneidend. »Nur fürchte ich, daß sich dieses offene Wort viel eher auf ein Vorurteil gegen mein Bekenntnis, als auf meine Gesamthaltung, Gott gegenüber, bezieht. Denn gerade diese Haltung, hochwürdigster Herr Bischof, ist eine Angelegenheit, in der ich selbst besser Bescheid wissen muß als andere. So daß Sie eigentlich nach meiner strikten Erklärung, Ihre Zweifel seien unberechtigt, nur mehr die Wahl haben, mich als vollen Ignoranten oder geradezu als bewußten Lügner anzusehen.«

Steno schüttelte verzweifelt den Kopf. Dann sagte er schnell:

»Und Sie sind sich nicht bewußt, Herr Leibniz, daß Ihre Replik zehnmal schärfer, zehnmal grausamer, zehnmal verkennender war als alles das, was ich schlimmstenfalls gemeint haben kann? Sie haben mich durch und durch mißverstanden, Herr Leibniz. Weil Sie mißtrauisch sind. Und Widerstände schon dort spielen lassen, wo noch kein Angriff erfolgte. Sie brauchen mir nicht zu antworten. Ich weiß alles. Verstehe alles. Verstehe, daß Sie jeden Katholiken hier in Hannover, mehr noch jeden Würdenträger der Kirche oder des Hofes für einen Bekehrungswütigen halten. Sie mögen schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ungeschicklichkeiten sind vorgekommen. Selbst der große Arnaud hat Sie durch seinen Uriasbrief – ich meine diesen Vergleich aus Ihrem Gesichtswinkel –, also Arnaud hat Sie schwer enttäuscht. Weil Sie mit Recht einwenden könnten, er habe Sie dadurch hier bei Hofe sogleich in eine solche Lage bringen können. Wenn unser Herzog eben nicht unser Herzog wäre. Aber – und jetzt kommt das wesentliche Aber: Aber, sage ich Ihnen, Herr Leibniz, Sie müssen unterscheiden. Der hohe Herzog war Protestant. Und ich selbst war Prostetant. Wir beide sind Zurückgekehrte und wir beide wissen genau, was Bekehrung, was Rückkehr zur großen Mutterkirche bedeutet, und wir wissen vor allem, wie sich solch eine Rückkehr vollzieht. Und wodurch sie hervorgerufen wird. Von einem Vorurteil gegen Ihr Bekenntnis ist also bei mir wohl weniger die Rede als bei irgendwem. Dies die Widerlegung des einen Punktes Ihrer sehr ungemäßigten Replik, Herr Leibniz. Der zweite, viel wichtigere Punkt ist der, daß ich das angekündigte offene Wort überhaupt noch nicht ausgesprochen habe.« Steno machte eine kleine Pause. Dann schloß er in sehr weichem. Tone: »Wir wollen uns aber vielleicht setzen, Herr Leibniz Um auch äußerlich eine etwas gemilderte Form unsrer Diskussion zum Ausdruck zu bringen.«

Leibniz, das gestand er sich selbst ein, war ein wenig verwirrt. Die strenge und klare Zurückweisung seiner eigenen Replik durch den Bischof hatte ihm neuerlich gezeigt, daß da irgendein bisher noch ungelöstes Rätsel im Hintergrunde stand. Er überbrückte also, der ungesprochenen Aufforderung Stenos gehorchend, die nächsten Augenblicke durch einige nichtssagende, gleichwohl äußerst höfliche und beinahe scherzende Redensarten und schwieg sofort, als sie beide saßen und als er bemerkte, daß Steno wieder zum Sprechen ansetzte.

»Ich kündigte ein offenes Wort an, Herr Leibniz«, begann Steno langsam mit nach innen gekehrtem Blick, während er mit der linken Hand sein Brustkreuz umschloß. »Ich will dadurch, ganz im Gegensatz zu Ihrer mißtrauischen Ansicht, Ihnen einen großen und wichtigen Schlüssel in die Hand geben, mit dem Sie die Pforte zu einem Geheimnis aufschließen können, das Ihnen trotz Ihrer blendenden und beinahe übermenschlichen Weisheit noch nicht zugänglich zu sein scheint. Vielleicht deshalb, weil Sie noch jung sind, Herr Leibniz. Denn, und jetzt werden Sie mich nicht mehr mißverstehen oder verdächtigen, Herr Leibniz – denn die Jugend ist nur zu sehr geneigt, die Wichtigkeit und Richtigkeit des Verstandes zu überschätzen, dem sie so viel Räusche und Erhebungen verdankt. Sie selbst aber müssen insbesondere unter solchem Eindruck stehen, Herr Leibniz, dem Gott die Gnade des Unerhörten, des Auserwählten verlieh. Wehren Sie jetzt nicht ab. Jetzt keine Bescheidenheit. Denn eben will Ihnen der demütige Steno aus Jütland beweisen, daß Sie gleichwohl in wesentlichsten Dingen noch zu lernen haben. In Dingen, die abseits vom ganzen – fast hätte ich gesagt, vom ganzen Plunder Ihrer Wissenschaften liegen. Die aber trotzdem oder ebendeshalb wichtig und weltentscheidend sind. Wenn Sie also einmal – jetzt kommt das offene Wort – bemerken, daß trotz der klingenden Schelle Ihrer Weltweisheit ein Mensch mit keinem Argument von seiner Wahrheit abzubringen ist; und wenn Sie dazu noch anerkennen müssen, daß diesen Menschen – ich gebrauche Ihre Worte – weder volle Ignoranz noch Verlogenheit beherrscht, dann, Herr Leibniz, müssen Sie die Überzeugung gewinnen, daß dieser scheinbar halsstarrige Mensch in diesem Streitpunkt etwas klar und deutlich sieht. Mit den Augen sieht und mit den Händen greifen kann. Denn mit der klingenden Schelle der Logik und Dialektik läßt sich zwar ein Gedankengebäude abtragen, niemals aber der ragende Turm des Geschauten. Und – eine merkwürdige Fügung – eben Sie haben mir, als es Ihre Gottgläubigkeit betraf, mit unfehlbarem Instinkt erwidert, Sie selbst müßten das besser wissen als jeder andre. Nur müssen Sie dieses innere unumstößliche Sehen, diese Wahrheits-Schau auch dem anderen zubilligen. Es gibt nur logischen Scharfsinn, Herr Leibniz, keinen optischen! Aus der Verwechslung dieser beiden Kategorien entspringt beinahe jedes Leid der Welt.«

Leibniz hatte in zunehmender Spannung aufgehorcht. Was für wolkenhohe Weisheit baute da dieser Verächter der Wissenschaft vor ihm auf? Gab es darauf überhaupt noch bestreitende Antwort jenseits des »logischen Starrsinns«? Hatte der erste Eindruck nicht gelogen? Wieder diese überraschende Ähnlichkeit mit Leeuwenhoek? Dort allerdings zu skurriler Komik entartend, während sie hier zu tragischer Größe emporwuchs? Und der Gegenpol? Vielleicht gar Spinozas »Ethik« mit den Beweisen nach geometrischer Art? Mit ihrer oft handgreiflichen Leugnung des unmittelbar Geschauten, weil es nicht streng, nicht logisch beweiskräftig war? Und wieder wie gefährlich beide Pole? Ja, gefährlich. Auch hier, bei der Absolutsetzung des Geschauten, kroch Leibniz eine Angst an. Eine nicht zu leugnende, nicht zu bannende Angst. Was, wenn das herrliche, unmittelbare Schauen einmal zum Wahn entartet? Wenn jede Kontrolle des Geistes, des Verstandes fehlt, sobald das Schauen als letzte Instanz proklamiert wird? »Ich sehe, also weiß ich« als neue Spielart des Cartesischen »Cogito ergo sum«. Nein, Steno, du hast mich aufgerüttelt, hast mich durchschauert, hast mich entzückt. Aber auch deine Ethik darf nicht allgemeines Gesetz werden, so wenig wie die Ethik Spinozas. Denn man muß Steno sein, um nach solcher Ethik zu leben, zu wirken. Obgleich ich nicht leugne, daß mir dein Koordinatensystem der Wahrheitsfindung vertrauter, himmlischer, gottnäher erscheint, als die geschlossene Welt Spinozas. Denn deine Welt, Steno, läßt Raum für das Unaussprechliche, für das Dunkle, das Mystische, das Irrationale, wohin zwar das Auge noch, Schatten erhaschend, durch die Alldämmerung dringt, nicht mehr jedoch der lichtheischende, ohne grelles Licht machtlose Verstand...

»Und jetzt«, Steno sprach, als Leibniz nicht antwortete, in sonderbar entrückter und zwingender Art weiter. »Jetzt, Herr Leibniz, will ich Ihnen erzählen, wie ich zu solchen Ansichten gekommen bin. Es ist eine Geschichte, die ich nicht vor jedermanns Ohren preisgebe. Nicht etwa, weil sie an und für sich ein Geheimnis wäre. Sondern, weil ich sie nur dann aus der Tiefe meiner Erinnerung heraufholen will, wenn ich überzeugt bin, verstanden zu werden.« Steno machte eine kleine Pause. Dann setzte er schnell fort: »Es war vor vielen Jahren in Florenz, Herr Leibniz. Ich hatte schon längere Zeit in Italien geweilt. Aber durchaus nicht war alles so gekommen, wie man es sich hier in die Ohren raunt, wenn man, je nach dem Standpunkt, den ›Abfall‹ oder die ›Gewinnung‹ Stenos beklatscht. Gewiß, ich war als der Erforscher der Natur, als Mensch, der Augen hat und mit den Augen gierig lebt, keinem Eindruck ausgewichen. Oder besser, ich konnte mich all dem gar nicht entziehen, was sich täglich vor mir abspielte, was mich umgab wie die azurne Luft Italiens, auf der in greller Abtönung die Wetterwolken schwimmen. Eine Luft, die kein andrer so herrlich gemalt hat, als der große Tizian aus Venedig. Sie waren, soviel ich hörte, noch nicht in Italien, Herr Leibniz. Das äußerste Erlebnis dieses Landes steht Ihnen also noch bevor. Darum auch verweile ich einige Minuten bei diesem Äußerlichen. Und spreche von den leuchtend weißen Bauwerken der Dome und Basiliken, von dem Formenzauber dieser Gotteshäuser, von dem lichten Wunder Assisis, das beinahe himmlisch oberhalb der dampfenden Ebene ragt. Und ich erzähle Ihnen von dem erhebenden Zusammenklang zahlloser Glocken, von grellrot gekleideten Ministranten, die in langen Zügen zwischen Zypressen und Pinien schreiten. Und von Ornaten und Traghimmeln, von Kelchen, Monstranzen und Patenen, die weiß und golden, übersät mit Edelsteinen, durch diese einzigartige Luft flirren, während ein überirdischer Gesang und überirdische Tonkunst des melodienreichsten Volkes den Rhythmus dieser Umzüge so sehr steigert, daß heilige Begeisterung dem Zuschauer die Brust zersprengt. Dazwischen wieder die düstersten Mönche der Erde. Schweigende Männer mit harten, eiferglühenden Antlitzen und lodernden Augen gleich Abgründen. Und in den Kirchen selbst, durch deren weitgeöffnete Tore ein glaubensstarkes Volk einströmt, in denen sich die Aufzüge und Prozessionen im Schwelen dichter Weihrauchschwaden, unter dem Zucken zahlloser Lichter und Kerzen, zu erhabenen, bunten Gruppen formen, grüßt von jeder Wand, von den Decken und den Altären ein Meisterwerk vollendetster Malerei neben dem anderen. Er ist schlechthin vollkommen, dieser Kosmos des Katholischen in Italien. Wäre auch vollkommen, wenn nicht die Seele dazu noch von der Nähe des heiligen Vaters gebannt und durchschauert würde.« Wieder schwieg Steno einen Augenblick. Dann hob er plötzlich den Kopf und sagte klar und scharf: »Das alles sah ich, Herr Leibniz. Sah es als Arzt, Mensch und Protestant. Ich leugne nicht im mindesten, daß es mich fortriß, mich begeisterte, daß ich es liebte. Ich liebte es jedoch so, wie man ein erhabenes Kunstwerk liebt, das zwar Gottes würdig, doch aber schließlich nur Menschenwerk ist. Steno aus Jütland hat nicht, wie hier die Feinde sagen, umnebelt vom Weihrauch, geblendet von der Macht der Kardinäle, gelockt von den feurig schlauen Zungen der Jesuiten, dem mit Blut erstrittenen Glauben seiner Väter abgeschworen. Es war viel Tieferes, was mich zwang, war ein Wunder, eine Erleuchtung, ähnlich jenem ›Tolle lege‹ des heiligen Augustinus, wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf.« Steno senkte den Blick. Dann setzte er, noch entrückter, fort: »Ich hatte aber auch das andre Italien kennen gelernt. Das Italien des Rinascimento, das Italien der großen und zum Teil höchst gottlosen Heroen des Geistes, jener Männer, die nur allzugern sich von Gott in die höchsten Höhen menschlicher Vollendung tragen ließen und dann Gott in wahrem Titanenhochmut damit für alle Gnade dankten, daß sie den Teufel zu Tisch luden. Ich studierte ihre Schriften, ließ mich führen, belehren, verwirren. Und ich hielt entzückt und erschrocken die anatomischen Zeichnungen eines Leonardo in diesen meinen Händen. Und ich war damals mehr als geneigt, all diese Geister als todesmutige Freiheitskämpfer anzusehen, die sich dem dunklen Zauber, eben jener Umstrickung durch Weihrauch, Farben und Musik, mit der Allgewalt ihres Wahrheitsdranges furchtlos entgegengestemmt hatten. Und ich pries, in vollständiger Verwirrung, einen unbekannten Gott der Allweisheit und Allwahrheit dafür, daß er die babylonische Hure zu solcher Üppigkeit hatte gedeihen lassen, auf daß das kaltgrüne Morgenlicht des wahren Wissens ihr grellgeschminktes Antlitz desto grausamer als Höllenfratze enthülle. Bis eben eines Tages die Erleuchtung kam.« Stenos Ton, der sich aus der Entrückung fast zu dithyrambischer Wildheit gesteigert hatte, wurde plötzlich leise und trocken, so eigentümlich trocken, daß Leibniz die kalten Schauer über den Leib liefen. »Es war in Florenz. Ich sagte es schon«, fuhr der Bischof fort. »Ich behandelte viele Kranke in Italien. Es war mir ein Bedürfnis, nicht nur meinem Beruf nachzugehen, sondern auch meine Kunst an einem fremden Volk zu erproben, dessen schmiegsame Körper doch manchmal anderen Gesetzen gehorchten, als die harten, knorrigen Leiber meiner engeren und entfernteren Landsleute. Täglich gingen mir neue Lichter auf. Manchmal bekam ich das Gefühl, den Mechanismus des Körpers fast mit Händen greifen zu können, die Uhr des Organismus, bis ins kleinste Rädchen bloßgelegt, vor mir abschnurren zu sehen. Und es vollzog sich in mir ein Prozeß, der meinen Geist dem großen Geheimnis der Schöpfung dadurch stets mehr entfremdete, daß ich mich im klaren, ruhigen Reiche des Verstandes, des sichtbaren Zusammenhangs der Wirkungen mit ihren Ursachen tummelte. Bis mich ein Fall ebenso erschütterte als erweckte, weil er mich an die Gabelung der Wege brachte, deren einer abschüssig und grauenvoll zur Hölle führt. Ich will aber nicht in Symbolen und Allegorien sprechen, so sehr ich solcher bedürfte, da es sich dabei um Unausdrückbares handelt. Ich will alles weitere nüchtern schildern und es Ihnen, Herr Leibniz, überlassen, den Rest durch innere Schau zu ergänzen. Ich behandelte also einen armen Arbeiter, einen Steinmetzen. Einen von jenen, die, zur höheren Ehre Gottes, hoch droben bei den Kuppeln der Dome, auf den Gerüsten stehen und an Dingen hämmern, tagaus tagein hämmern und meißeln, die sie dort oben gar nicht verstehen, die aber dann von unten sich zu Zauberwelten der Form zusammenschließen. Und dieser Steinmetz stürzte einmal zwischen Mittagmahl und Vesperbrot von seinem Gerüst herab. Man hielt ihn für tot, da sein Schädel klaffte und das Gehirn bloßlag. Ein Zufall führte mich in die Nähe des Unglücks. Einzelheiten tun nichts zur Sache. Ich erkannte, daß der Mann noch lebte, betreute ihn in seiner Monate währenden Bewußtlosigkeit und stand an seinem Bette, als er endlich erwachte. Als lallendes, verblödetes Tier erwachte. Entsetzen ergriff seine Frau, seine Kinder. Doch ich gab die Hoffnung nicht auf. Wieder nach Monaten – ich war inzwischen in Italien umhergezogen – fand ich ihn als jämmerlichen Schüler, der sich eben mühte, sprechen, lesen und schreiben zu lernen. Und der alles vergessen hatte, was einst war. Dann kamen wieder hellere Zeiten, in denen manches aus der Vergangenheit auftauchte. Stets aber blieb seine Seele zusammenhanglos und zerrissen. In mir jedoch drängten sich furchtbare Fragen an die Oberfläche. Ich ging der Anatomie des Gehirns wie ein Jäger nach, sammelte alles, was ich über Verletzungen des Kopfes erfahren konnte, und gelangte schließlich so weit, auch hier, beim Mittelpunkt der Seele, jenes Schnurren des Mechanismus zu vernehmen, jene lückenlose Notwendigkeit, jene Abhängigkeit höchster geistiger Werte von ein paar Klümpchen weißgrauer Materie. Und ich fand in langen rabulistischen Schlußketten, daß mein Glaube sich mit solchen Tatsachen vielleicht abfinden könnte. Ich sprach darüber mit gelehrten Mönchen. Man war über mich entsetzt, sagte mir, daß ich schon in den Fallstricken Satans zapple und mich kaum würde daraus befreien können, wenn ich nicht ein großes Opfer brächte. Nämlich das Opfer einer Wissenschaft, der mein bisheriger Glaube durchaus nicht gewachsen sei und die mich stets wieder dahin treibe, jedes Blendwerk der Sinne als Offenbarung, jede Offenbarung dagegen als Blendwerk zu betrachten. Denn ich hätte es mir angewöhnt, stets mit äußeren Kennzeichen zu schließen und hätte vergessen, daß hinter diesen Kennzeichen erst die wahren Geheimnisse lägen. Die Einwände machten mich nachdenklich, schienen mir aber noch zu billig. Und ich ging einen langen Weg, drang tiefer und tiefer, erwog jedes Für und Wider und war endlich so weit, einzusehen, daß ich in meiner zwiespältigen Verfassung weder Gott noch der Wissenschaft diente. Und dabei erschreckte mich der unglückliche Steinmetz von Tag zu Tag durch stets spukhaftere und unheimlichere Wandlungen seines Zustandes. Als ich nun eines Nachmittags – die Sonne brannte heiß in den Straßen von Florenz – eben in tiefen Gedanken zu einem Freunde ging, der mich schon oft in der bedingungslosen Verfolgung meiner wissenschaftlichen Ziele bestärkt und mich angetrieben hatte, alle Glaubensbedenken beiseite zu setzen, da der Menschheit durch meine ärztliche Kunst eher gedient wäre als durch meine Frömmigkeit, dürfte ich, eben wegen meiner Gedankenbeschwertheit, einen unsicheren, wenn nicht geradezu planlosen Eindruck gemacht haben. Plötzlich hörte ich, hoch über mir, eine weiche, klangvolle Frauenstimme die Worte rufen: »Gehen Sie nicht nach der Seite, mein Herr, gehen Sie um Gottes willen nach der anderen Seite!« Ich schrak zusammen, da außer mir niemand auf dieser schmalen engen Gasse ging, soweit das Auge reichte. Ich blickte hinauf, dort hin, woher die Stimme geklungen hatte. Eine Dame winkte mir zu und wies mit der Hand nach einem Haus, das dem Hause meines Freundes gerade gegenüber lag. Ich verstand nichts von all dem, was sich da begab. War es ein Irrtum, eine Verwechslung, galt es überhaupt mir selbst? Genug. Ich gehorchte wie unter höherem Zwang. Da trat aus dem Hause, auf das die Dame gewiesen hatte, ein junger Priester und sah mir erstaunt in die Augen, da er wahrscheinlich meine Verwirrung bemerkte. Ich selbst aber, und hier liegt das letzte Rätsel, Herr Leibniz, verstand den ganzen Vorgang plötzlich nach seiner höheren, himmlischen Wahrheit, handelte nach dieser Wahrheit, obgleich ich noch am selben Tage die irdische Wahrheit, jene Wahrheit nach Ursache und Wirkung erfuhr. Die Dame hatte scheinbar logisch gehandelt. Sie kannte mich vom Sehen, da ich meinen wissenschaftlichen Freund öfter besucht hatte. Sie wußte, daß ich Arzt war. Und sie wollte mir, einer plötzlichen Mitleidsregung folgend, nahelegen, dem Schwerkranken zu helfen, der im Hause gegenüber, mit dem Tode rang und den eben der junge Priester tröstend besucht hatte. Gleichwohl sah ich – und alles Wissen, alle Logik sank wie lächerliches Blendwerk vor diesem Sehen und Schauen zurück, zerrann zu nichts –, daß die irdische Ursachenfolge trotz aller scheinbaren Geschlossenheit nur ein Gleichnis gewesen war. Heute noch höre ich in mir den Klang dieser Frauenstimme. Heute noch höre ich aus ihr, aus dem bloßen Werkzeug, den Befehl Gottes. Einen Befehl, so eindeutig, so zwingend, so klar und unmißverständlich, daß ich ihm folgte, folgen mußte. Und ich ging nach Rom und wendete mich auf die andere, »Seite«. Kehrte zur katholischen Mutterkirche zurück, aus der sich meine Ahnen losgelöst hatten. Und der letzte Kranke, den ich mit Gottes Hilfe dem blühenden Leben wiedergab, war jener Mann, auf den die irdische Hand der Dame in der sonnendurchglühten Gasse von Florenz gewiesen hatte.«

Leibniz merkte erst nach geraumer Zeit, daß der Bischof seine Erzählung beendet hatte. Denn die Fülle von Gesichten, die zwischen all diesen Mysterien auf ihn eingestürmt waren, hatten sich in seinem Geiste zu rasenden Gedankenläufen umgebildet, die miteinander in heftigen Streit geraten waren. Was sollte er, solchem Endgültigen gegenübergestellt, noch erwidern? Was bekämpfen, das nicht sogleich wieder aus der dunklen Zone des Geheimnisses in das Gebiet des logischen Wortgeklingels gehoben würde? Und trotz allem, trotz allen Schauern, die Stenos Worte über seinen Leib gejagt hatten, trotz aller Demut vor dem Höchsten, trotz aller Ehrfurcht vor dem in Wahrheit heiß erkämpften Glauben dieses Mannes, beschränkte sich sein Gemüt durchaus nicht darauf, die Erzählung »durch eigene Schau zu ergänzen«, wie es ihm der Bischof aufgetragen hatte. Ein andres, eigenstes, ebenso tief Geschautes in ihm selbst leistete Widerstand. Nicht etwa Glaubenszwist zwischen einem Protestanten und einem Katholiken. Er, Leibniz, der wissende Theologe Leibniz, zwang sich innerlich, um nur ja die Ebene des Problems nicht zu senken, auf den Standpunkt eines strenggläubigen Katholiken hinüber. Es handelte sich, so sah er bald, bei diesem geistigen Ringen gar nicht mehr um das Glaubensbekenntnis. Es hatte sich bei der Bekehrung Stenos auch nur zum kleinen Teil darum gehandelt. Es drehte sich vielmehr alles um einen Urgegensatz, um einen, wie Leibniz selbst es heiß ersehnte, nur scheinbaren Gegensatz: Nämlich um die tiefe Kluft zwischen Wissen und Glauben! Um eine Kluft, vor der die erhabensten Geister vergangener Jahrhunderte stets wieder entsetzt gestanden waren und alle heißeste Mühe daraufgewendet hatten, über diesen Abgrund feste tragfähige Brücken zu legen. Eine Kluft, an derem Rande mancher Scheiterhaufen geloht hatte. Eine Kluft, bei deren gähnendem Anblick mehr als einmal die ethische Pflicht zu voller Wahrheit mit der unableugbaren Unmittelbarkeit des felsenfest Geglaubten in wilden Hader geraten war. Und vor der sich alle, die der Welt des Auges angehörten, auf die Seite des Glaubens schlugen, während die Verstandesgläubigen sich bis zur Leugnung des Unmittelbarsten verstiegen; wenn es sich nicht – verwirrendster aller Zirkel! – durch Zufall oder besondere Umstände umgekehrt ereignete. So daß der glaubenseifrige Verstand das Gesehene verachtete, während das kindliche Auge die Ketzereien beging.

Auf jeden Fall – und das wurde Leibniz stets klarer, je länger das Schweigen dauerte – war die polare Trennung dieser beiden von Gott geschaffenen Welten des Wissens und des Glaubens sicherlich weder der Wille Gottes, noch auch ein geeignetes Mittel, dem Höchsten zu dienen. Er würde also – so schmerzlich es für ihn war, die herrlichen, gottnahen Gesichte Stenos durch scharfe Gedanken zu verätzen – gleichwohl ohne Preisgabe heiliger Güter die Schlußfolgerungen des Bischofs, sofern sie die Allgemeinheit betrafen, nicht ohne Widerspruch hinnehmen dürfen. Denn es handelte sich da nicht darum, ob einer von ihnen beiden recht behielt, es handelte sich in letzter Linie um die Ergründung geheimnisvollsten Gotteswillens und um die Ausführung dieses Willens in der Gegenwart und Zukunft.

So begann er, gleichsam als spräche er zu sich selbst, in leisem, eindringlichem Ton, um wenigstens die Stimmung der Weihe, die noch im Raume lag, nicht zu zerstören, und sagte:

»Ich verstehe voll und ganz, hochwürdigster Bischof, was Ihr Opfer bedeutet. Und verstehe darüber hinaus ebenso deutlich, daß nach all diesem beinahe überirdischen Geschehen die persönliche Handlungsweise des Gelehrten Steno aus Jütland nicht anders sein konnte als sie es wirklich war. Es würde mir selbst auch schlecht anstehen, würde geradezu meinem innersten Wesen widersprechen, wenn ich nur ein Wort des Zweifels daran laut werden ließe, daß jene Stimme aus dem Fenster in Florenz etwas anderes bedeutete als das ›Tolle lege‹. Denn ich selbst wurde, in anderen Sphären zwar, doch ebenso eindeutig, schon als Kind von höheren Mächten auf einen Posten gerufen, den ich noch nicht verlassen habe und auch nie verlassen will. Eben diese meine eigene Berufung aber gibt mir in einer Nebensache das volle Recht zum Widerspruch. Ich erkenne es nämlich wohl an, daß ein Mensch seiner Berufung blind folgt. Denn das ist nicht wirkliche Blindheit, sondern höchstes Sehen. Ich bestreite es aber, daß er aus solchem Erleben ein allgemeines Gesetz ableiten darf. Denn schon dadurch allein würde er es Gott unmöglich machen, jeden auf den Platz zu rufen, auf den ER ihn eben stellen will. Und da Gott nicht nur der Gott des höchsten Glaubens, sondern auch der Gott der höchsten Vielfalt und der Gott des Allwissens ist, werde ich niemals zugeben können, daß eine Eigenschaft, die die Menschen in die Nähe eines der wichtigsten Prädikate Gottes bringt, nämlich in die Nähe wahren Wissens, sündhaft oder auch nur schädlich sein kann. Sie, hochwürdigster Bischof, haben mir ein offenstes Wort gesagt, das mir wie ein vielflammiger Blitz eine ganze Gegend der Erkenntnis erschloß. Ich will nicht hinter Ihnen an Offenheit zurückbleiben. Und darum sage ich, daß ich es, von mir aus gesehen, schon kaum billigen kann, daß ein Mann wie Steno, ein Arzt, Anatom und Geologe, fast oder überhaupt unvergleichlich in seinem Können, diese Gnade von sich wirft. Ich beuge mich da dem Wunder von Florenz, obgleich alles in mir, soweit mein Verstand dringt, heischend behauptet, daß es nicht die wahre Frömmigkeit sei, als mittelmäßiger Theologe Gott zu dienen, wenn man ein Genius der Anatomie ist. Wo aber auch die Wirkung und die Berechtigung des Wunders von Florenz ganz und gar nicht mehr hinreicht, wo sie einfach nicht mehr hinreichen kann und nicht mehr hinreichen darf, das ist die Übertragung Ihres persönlichen Erlebnisses und Ihres Entschlusses auf die Allgemeinheit. Einen Befehl ›Tolle ne legas‹, einen Befehl, sich zu erheben, um nichts mehr zu lesen, kann Gott niemals erteilt haben, wenn er ein Gott der Allweisheit bleiben soll und wenn es so etwas wie Gotteskindschaft und Nachfolge Christi, wenn es eine Gemeinschaft der Heiligen und die Feuerzungen des heiligen Geistes gibt. Ja noch mehr. Auch ganz abgesehen von aller zwingenden inneren Wahrheit, würde ein solches allgemeines Verbot des Wissens und der Wissenserweiterung jede Kirche, ob katholisch oder lutherisch, schon rein äußerlich in den Geruch äußerster Beförderung der geistigen Finsternis bringen und wesentlichster Machtmittel berauben. Daher haben gerade katholische Kreise, nicht zuletzt erleuchtete Päpste des Rinascimento und andrer Zeiten, die wahre Wissenschaft mit ebenso viel Duldsamkeit als Liberalität befördert. Und die katholische Kirche war stets mit Recht stolz darauf, wenn aus ihren Reihen, aus den Reihen strengster Bekenner und Würdenträger, Heroen der Wissenschaft hervorgingen. Noch einmal, hochwürdigster Herr Bischof: Wenn es mir auch unter dem erschütternden Eindruck Ihres Berichtes noch mit Mühe gelingt, Ihrer eigenen Handlungsweise zuzustimmen, so werde ich gleichwohl jetzt und immer gegen die Verallgemeinerung Ihrer schwer erkämpften Haltung streiten.«

Am Beginn dieser aus tiefer Dämpfung fast bis zur Leidenschaftlichkeit gesteigerten Worte Leibnizens war Steno noch nicht ganz aus seiner Entrückung erwacht gewesen, obgleich er sicher jeden Satz bis zum Innersten aufgenommen und verstanden hatte. Dann aber war er plötzlich unter der fast unvermittelt hervorbrechenden Schärfe seines Gegners zusammengezuckt. Bis er schließlich, am Ende der Worte, Leibniz in harter Fechterstellung gegenüberstand.

Ein durchdringend blitzender Blick des großen Friesen packte die Augen Leibnizens, als er erwiderte:

»Zum zweitenmal, Leibniz, bin ich über die ungeheure Schärfe Ihrer Replik erstaunt. Ich rede da – um jedes Mißverständnis gleich am Beginn zu bannen – durchaus nicht von Ihrer Einschätzung meiner theologischen Kenntnisse. Denn Sie haben schließlich dafür wieder in superlativischer und sicher übertriebener Weise von meiner Größe als Anatom gesprochen. Und außerdem ist selbst Theologie nichts andres als eben eine Wissenschaft, wenn sie auch Gott unmittelbar dienen will. Ich setze daher meinen Stolz durchaus nicht darein, ein großer Theologe zu sein. Endlich gebe ich gerne zu, daß mich ein Leibniz auch theologisch in dunklen Schatten stellt, weil er ein Meister aller Wissenschaften ist. Also den ›mittelmäßigen Theologen‹ verzeihe ich Ihnen von Herzen, Leibniz. Was ich Ihnen aber nicht verzeihe, ist Ihre Überbetonung des ›Amor Dei intellectualis‹, der intellektuellen Liebe zu Gott. Sie sind, das sagte ich schon zu Beginn, mehr Vernunftgläubiger als Gottgläubiger. Und sind, ob Sie es nun selbst wissen oder nicht, im tiefsten Grunde ein Spinozist. Darüber aber kann ich urteilen, da ich von Albert Burgh, dem abtrünnigen Schüler des großen Gottesleugners, in Italien die Hauptsätze jenes babylonischen Turmbaues, genannt ›Ethik, bewiesen nach Art der Geometrie‹, erfuhr. Und diese Ihre Haltung bestärkt mich nur noch zehnmal mehr in meinen Forderungen. Nochmals, Sie sind ein Spinozist, Leibniz. Nicht als Katholik, nicht als Bischof, nicht als Priester am Hofe unsres Herzogs sage ich Ihnen das. Ich sage es Ihnen als Mann!«

Leibniz war aufgestanden. Was für furchtbare Verirrungen und Verwirrungen wurden da offenbar? Hatte Steno auch nur im entferntesten recht mit seiner Anklage? Gut, von Spinoza, von Eiferertum, von persönlichen Gefahren war da nicht die Rede. Steno hatte seinen Bannfluch wirklich nur als Mann zum Mann geschleudert. Darüber gab es keinen Zweifel. Wie ihn aber widerlegen? Wie ihm beweisen, daß Spinoza, wenn er noch lebte und wenn Stenos Weltgebäude ihm bekannt wäre, nach kurzen Diskussionen über den gleichen Gegenstand, ihm Leibniz, ins Gesicht gesagt hätte, er sei ein »Stenoist« und Finsterling?! Er stand in der Mitte. Das war klar. Und der Januskopf seines Dämoniums blickte gleichmäßig nach beiden Seiten auf das Reich des Wissens und das Reich des Glaubens, auf das Reich des Denkens und auf das Reich des Schauens. Wie aber dem überzeugten Patrioten eines und nur eines einzigen dieser Reiche antworten?

Leibniz, der einige Schritte in das Zimmer hinein gemacht hatte, drehte sich plötzlich um.

»Es ist der Eigentümlichkeit meines Wesens zuzuschreiben«, sagte er ein wenig kalt, doch nicht angriffslustig, »daß ich gerade über die Schärfe Ihrer Repliken, Herr Bischof, nicht erstaunt bin. Sie müssen einfach alles so sehen, wie Sie es sehen. Ihre gottgewollte Einseitigkeit ist Stärke, nicht Schwäche. Gott hat aber, wahrscheinlich zu besonderen Zwecken, neben solchen Kämpfern und Bekennern auch noch Wesen geschaffen, die vielleicht zwiespältig sind, vielleicht aber in die Welt gesandt wurden, um das Getrennte in majorem Dei gloriam wieder zur Harmonie zusammenzufassen. Und da ich einmal solch ein Mensch bin, weiß ich nicht, wie weit mich Ihr Vorwurf des Spinozismus in Wirklichkeit trifft und wie weit er nur eine optische Täuschung ist, hervorgerufen durch ein Schauen von Ihrem Ufer aus, hochwürdigster Bischof. Von meinem Ufer, oder besser noch von meiner schmalen Insel zwischen den Ufern aus, sehe ich aber alles weit anders. Ich sehe da, daß Sie und Ihre Prinzipien nichts andres ereichen werden, als die Wissenschaft endgültig den echten Spinozisten und den wildesten Freigeistern auszuliefern, gegen die Spinoza noch ein strenger Theist wäre. Und dadurch wird sich die Kluft zwischen dem Glauben und dem Wissen von Tag zu Tag gähnender erweitern. Nicht alle Menschen, nicht die große Menge, nicht die Männer und die Mächte der Wirklichkeit gleichen irgendwie einem Steno aus Jütland, hochwürdigster Herr Bischof. Und sie erhalten in ihrem stumpfen oder jagenden Alltag auch keine Befehle aus dem Jenseits. Sie laufen vielmehr dem Geld, dem Ruhm, der Macht und den diesseitigen Wundern nach, die sich als Wunder der Wissenschaft, als Geheimnisse der Alchimie und Physik manifestieren. Und sie erwählen zu Führern und Priestern die Schöpfer handgreiflicher Ergebnisse. Nein, hochwürdigster Bischof, dreimal nein: In Ihrer Art läßt sich, aufs allgemeine übertragen, der ewige Kampf zwischen Glauben und Wissen nicht beenden. Außer vielleicht für einen Einzelnen: Für einen Steno aus Jütland, der aus einem großen Anatomen ein großer Bekenner wurde. Siegen läßt es sich in diesem Kampfe nur dann, wenn ganz große Entdecker, ganz große Erfinder und ganz große Vorkämpfer aller Wissenschaften nicht nur gottgläubig bleiben, sondern, darüber hinaus, durch Wort und Tat bezeugen, daß sie dies alles nicht trotz, sondern infolge ihres schlichten Glaubens leisteten. Und daß sie alles sowohl als Werkzeug Gottes als zur höheren Ehre Gottes und zum Höherbau der civitas Dei, des Gottesstaates leisteten. Und daß ihre Leistung die Leistung all der anderen, der Ungläubigen übertrifft, daß sie aere perennius, ewiger denn Erz bestehen bleibt, weil auf ihr die Gnade ruht.«

Leibniz hatte plötzlich zu sprechen aufgehört. Nicht in der Gedankenführung. Denn er hatte gesagt, was er sagen wollte. Im Ton jedoch lag dieses beinahe schrille Abreißen seiner Worte.

Auch Steno stand unter diesem Eindruck. Und wieder zerschnitt eine lange Pause den äußeren Rhythmus der Diskussion. Diese angespannte, durchsummte Stille jedoch entschied schließlich das Gespräch. Steno war durch die letzten Argumente seines Gegners, der ja in nichts sein persönlicher Gegner war, ein helles Licht aufgegangen. Allerdings, ohne daß sich die eigentliche Kampflage, die Gegensätzlichkeit der Standpunkte, auch nur im mindesten verschoben hätte. Der »mittelmäßige Theologe« aber sah mit seinen herrlichen Erkenneraugen plötzlich einen Ausweg, der vielleicht für den Augenblick nur einem Seitenpfad glich, die Geschichte des Geistes jedoch wahrscheinlich nachhaltiger beeinflußte als manches riesige Denkgebäude eines siebengescheiten Philosophen. Und er begann zu lächeln, milde und nachdenklich zu lächeln, als ihm sein eigenes Dämonium diesen Pfad gewiesen hatte.

»Setzen Sie sich wieder neben mich, leidenschaftlicher Jüngling«, sagte er in absichtlich leichtem und beinahe gesellschaftlichem Ton. »Wir wollen nicht weiter disputieren. Ich will es nicht. Denn es ist, denke ich, unwiderleglich festgestellt, durch Sie selbst festgestellt, daß wir von anderen Ufern, anderen Inseln, oder wie man es nennen will, schauen. Und deshalb, auch das haben Sie mich gelehrt, will ich mich für einen Augenblick auf Ihre Insel begeben, Leibniz. Wie wäre es, frage ich, von dort aus, wenn Sie all das, was mir von meinem Ufer als spinozistisch erschien, doch ein wenig näher prüften und bekämpften. Auf Ihrer neutralen, harmonischen Insel muß es ja auch erlaubt sein, sich etwa in die Lehren eines heiligen Augustinus oder eines Thomas von Aquino mit vollem Ernst zu versenken. Um nicht von all dem zu sprechen, was, aus der Antike heraufragend, hinter diesen großen Erleuchteten steht. Wie wäre das, Herr Leibniz? Würden Sie, im vollen Bewußtsein ehrlichster Verantwortung, einem mittelmäßigen Theologen diesen Dienst am gemeinsamen Ziele, an der Mehrung des Gottesruhmes leisten, wenn dieser Theologe Ihnen dafür verspräche, vorläufig wenigstens, seinen Kampf gegen die weltliche Wissenschaft zu mildern? Wollen Sie das, Leibniz? Ich habe, das sage ich Ihnen offen, meine Ansichten nicht geändert. Bin mir auch klar, ob es stärkeres Zeugnis für den Glauben ablegt, wenn ein größter Anatom – wie Sie sagten – es vorzieht, ein kleiner Theologe oder überhaupt nur ein schlichter Diener Gottes zu werden; oder, ob Ihre Ansicht richtig ist, daß der gläubige Heros der Wissenschaft der stärkere Zeuge ist. Ich bin mir nicht klar darüber, sagte ich. Aber manches in Ihren letzten Argumenten hat mich doch ein wenig stutzig gemacht und mich dazu bewogen, Ihnen diesen Pakt vorzuschlagen. Ein Pakt, der keinen Sieger und Besiegten kennt und nur der heiligsten Sache dienen soll. Und der es uns beiden freistellt, das zu bleiben, was wir sind, da er nur Methoden und nicht Prinzipien betrifft.«

Steno hielt, noch immer sonderbar lächelnd, Leibniz die Hand hin.

Leibniz ergriff sie, ließ sie jedoch aus einer gewissen Scheu vor dem Einbrechen zu heftiger Gefühlsregungen sogleich wieder los und erwiderte klar und hell:

»Meine Urteile, hochwürdigster Bischof, mögen vorlaut und unzart gewesen sein. Und ich habe für Augenblicke vielleicht eine Haltung vergessen, die mir sonst als besonderes Geschenk des Schicksals eignet. Nämlich eine gewisse höfische Glätte, wie es meine Feinde nennen. Das aber geschah, weil ich mich einer Urgewalt, dem Menschen Steno aus Jütland, gegenübersah, vor dem selbst die Glätte zerrinnen mußte. Und deshalb auch betrachte ich Ihren Vorschlag, hochwürdigster Bischof, nicht als Paktum, sondern als einseitige Weisung. Eine Weisung, der ich mich zu meinem und zum Nutzen der Allgemeinheit freudig unterwerfe. Denn diese Weisung kommt vom großen Menschen Steno aus Jütland.«

»Und jetzt wollen wir noch von andrem sprechen, bevor wir uns trennen«, sagte Steno in eigentümlich abwehrendem Ton, dessen tiefste Ursachen Leibniz sofort erkannte. Und auf den er deshalb um so bereitwilliger einging.

 

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