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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 32
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Am Welfenhof

Eine freundliche Fügung an diesem freundlichen Ankunftstage hatte alles so reibungslos geordnet, daß der Hofwagen mit Leibniz schon um dreiviertel sechs Uhr die Einfahrt des Schlosses Herrenhausen passierte.

Nichts war unerledigt geblieben: Der findige Diener hatte eine Karte und eine »kuriöse Beschreibung« des Herzogtums aufgetrieben, Leibniz hatte seinen Plan zu einem ersten wichtigen Vorschlag an den Herzog gefaßt, dann war die entsprechende Hofkleidung für die Audienz herausgesucht worden und schließlich hatte Leibniz noch Muße für die Rundfahrt durch Hannover gefunden. Der Leutnant aber war inzwischen mit einem Stoß Empfehlungsschreiben nach Herrenhausen hinausgaloppiert, um sie noch vor Eintreffen Leibnizens an die Adressaten zu leiten.

Gehorsam und dienstwillig erwartete jetzt Leutnant Baron Dinkhofen den Herrn Rat Leibniz bereits unten vor dem Eingangstor und erstattete Meldung, daß alle Briefe abgegeben seien, während Leibniz, den Kopf voll von erfreulichen Bildern, ihm die behandschuhte Rechte drückte. Dann trat der Leutnant einen halben Schritt zurück, an die linke Seite des Herrn Rats, und bat ihn, sich in den Vorsaal hinaufzubemühen.

Erst auf der Treppe fühlte Leibniz sein Herz ein wenig heftiger pochen. Denn es kam ihm zum Bewußtsein, daß alles bisher seine besten Erwartungen übertroffen hatte. Und auf solche Hochstimmung konnte eigentlich mit Notwendigkeit nur Enttäuschung folgen. Er hatte jedoch kaum Zeit, seinen Gedanken weiter nachzuhängen, denn schon im Vorsaal kam ein ungewöhnlich vornehmer, geschmeidiger und bedeutend aussehender Edelmann, ganz in Schwarz gekleidet, auf ihn zu, der anscheinend auf ihn gewartet hatte.

Leibniz verblüffte die Erscheinung dieses Herrn. Abgesehen von den Ordenssternen auf seiner Brust und dem gold- und edelsteinfunkelnden Zierdegen an seiner Seite, leuchteten die Augen des Edelmannes in seinem wehmütig schönen, etwas blassen Antlitz in seltsamem Feuer. Der Intellekt sprühte förmlich unter dieser hohen Stirne bei den Fenstern der Seele heraus, ohne daß jedoch der Blick auch nur irgendwie lästig oder herausfordernd war. Denn ein zweiter Kraftstrom zog den Beschauer geradezu an, in diese Augen zu sehen und ihre Befehle entgegenzunehmen.

»Sie sind Herr Leibniz, wenn mich nicht alles täuscht«, sagte der Edelmann mit dunkeltiefer Stimme auf lateinisch. Dann setzte er französisch fort: »Ach, Sie kommen ja aus Paris! Da muß ich mir Mühe geben, Sie durch mein barbarisches Französisch nicht zu erschrecken. Ich bin Otto von Grote, Vorsitzender des geheimen Rates Seiner Hoheit. Ich wollte Sie begrüßen, nicht stören. Und ich habe deshalb auch Seine Hoheit gebeten, mich zu beurlauben, damit ich Sie nicht um den Genuß bringe, Hoheit das erste Mal allein und gleichsam als Menschen und Gelehrten kennen zu lernen. Sie werden in wenigen Minuten vorgelassen werden. Ich selbst darf Ihnen wohl inzwischen Gesellschaft leisten.«

Leibniz verbeugte sich tief vor dem kaum vierzigjährigen Staatsmann und erwiderte einige höfliche Worte des Dankes. Der große Grote! Das hätte er sich nicht erwartet, daß er schon jetzt wieder einen neuen indirekten Beweis der Huld des Herzogs erhalten würde. Grote wußte alles, was in Europa geschah. Vor Grotes Geist zitterten die klügsten Diplomaten in Berlin, Wien und Paris. Über Grote hatte man ihm in Paris erzählt, es fehle ihm bloß ein größeres Land, damit er die Höhe eines Richelieu oder Mazarin erreiche. Und Grote war zudem noch ein Vielgeliebter, den die erfahrensten Roués von Paris beneideten. Es ging von ihm die Sage, daß kein Tag verstrich, an dem er nicht aus Sizilien, Spanien, Ungarn oder Schweden zärtliche Briefe erhielt. Und gleichwohl liebten ihn auch die Männer, und nicht einmal die Feinde sprachen über ihn Nachteiliges, obzwar er manchen seiner Gegenspieler an den Rand der Verzweiflung gebracht hatte.

»Ich bin glücklich, mon cher«, lächelte Grote, der Leibniz die Gedanken förmlich vom Gesicht herunterlas, »ich bin sehr glücklich, daß wir einen solchen Geist, wie den Ihren, hier in greifbarer Nähe haben werden. Ich werde Sie, daß weiß ich heute schon, mehr als einmal um Rat fragen. Und Sie sind kein Neuling auf glatten Parketten. Und sind zudem, wie man hört, ein Mathematiker. Wir werden, hoffe ich, trotz selbstverständlicher Meinungsverschiedenheiten, am gleichen Strang ziehen. Eben die Meinungsverschiedenheiten wünsche ich sehr, Herr Leibniz. Die produktive Differenz, die Beleuchtung des Gegenstandes von verschiedenen Seiten, die Advokatur des Teufels, wie man in Rom sagt. Dienern und intrigieren mögen andere. Wir beide wollen unsre Differenz zu einer Summe, wenn nicht gar zu einem Produkt ausgestalten. Bin ich nicht ein einfallsreicher Mathematiker?« Und er schob seinen Arm unter den Arm Leibnizens und lachte leise.

Feinstes Bündnisangebot? Grote war Protestant an diesem katholischen Hof. Leibniz schoß diese Tatsache in seine schnell kreisenden Gedankenläufe. Oder spielt das keine Rolle? War es nur Anziehung des Geistes, die Grote zu ihm trieb? Oder kälteste Berechnung? Oder gar die schlichte Wahrheit? Auf keinen Fall hatte er bisher eine faszinierendere Persönlichkeit kennen gelernt. Durfte er das sagen, ohne häßlichen Verdacht zu wecken?

»Ich werde mich bemühen, Ihre gute Meinung über mich zu rechtfertigen«, erwiderte Leibniz. »Bescheidenheit ist im allgemeinen nicht meine stärkste Eigenschaft. Ich halte sie nämlich manchmal geradezu für sündhaft, da sie der vollen Entfaltung der Kräfte entgegensteht. Wesentlich für mich ist viel eher die Richtung der Kraft. Und diese meine Kraft war stets auf das allgemeine Beste gerichtet und wird es mit Gottes Hilfe bleiben. Auf diesem Boden, Exzellenz, wollen wir Ihre kühne Rechnungsoperation anwenden. Was mir um so leichter fallen wird, als all das, ich möchte sagen Zärtliche, das ich bisher über Sie hörte, noch recht weit hinter Ihrer wirklichen Erscheinung zurückbleibt.«

Grote horchte einen Augenblick auf. Dann nickte er befriedigt.

»Sie sind mutig, mon cher«, sagte er leise, wie zu sich selbst. »Sehr mutig. Sie besitzen nämlich den seltenen Mut zur Herzlichkeit. Ich kenne meinen Ruf. Gerade dieser Ruf könnte mein inneres Manko sein. Ist es vielleicht auch wirklich. Gleichwohl haben Sie mit einem Sprung alle Hürden solcher Bedenken übersetzt und mich klipp und klar, auf die Gefahr hin, als interessierter Schmeichler zu erscheinen, Ihrer mehr als gewöhnlichen Sympathie versichert. Sie beruht auf Gegenseitigkeit. Ich legte aber jetzt alles nur deshalb so brutal auseinander, damit bei unsren Rechnungsoperationen kein Rest bleibt. Auf baldiges Wiedersehen, Herr Doktor Leibniz! Ich werde mir morgen die Ehre nehmen, Sie zu besuchen. Ich denke, Seine Hoheit will jetzt endlich sein langersehntes enfant modèle zu Gesicht bekommen.« Und Grote wies mit berauschend graziöser Handbewegung auf einen Adjutanten, der sich eben vor Leibniz verneigte.

Leibniz kam sich vor wie in einem sonderbaren Erfüllungstraum. Was stand hinter all diesem glitzernden Geschehen? Belohnung? Früchte? Jetzt schon, mit dreißig Jahren? Oder war er doch nur ein rätselhaftes Werkzeug, das rätselhaften Zwecken dienen sollte? Oder wollte man ihm unangenehme Dinge verzuckern, die bald folgen würden? Oder eine Zufallswelle des Schicksals, auf deren Kamm er für kurze Stunden tanzte, um dann, unerbittlich überschäumt, in ein dunkles kaltes Tal zu gleiten?

»Seine Hoheit, der erhabene Herzog von Calenberg und Göttingen geruhen, Herrn Rat Doktor Leibniz zu höchstdero Privataudienz zu befehlen«, klang hell und entschieden die Stimme des Adjutanten, während Grote ihm noch mit einem verhaltenen Lächeln die Hand drückte und mit der anderen Hand eine Geste des Segenswunsches machte. Leutnant von Dinkhofen aber stand stramm und verabschiedete sich klirrend.

Leibniz trat im vorgeschriebenen Schritt des französischen Zeremoniells durch eine von Kammerdienern geraffte Portiere.

Es war eine kleine Bibliothek, in der ihn Herzog Johann Friedrich empfing.

Das erste, was Leibniz wahrnahm, war der markige, zerdachte und leidenschaftliche Kopf des großen Welfenfürsten, der vielleicht gerade als Gegensatz zu der feinen Glätte des Geheimrats Grote doppelten Eindruck hervorrief.

Die Haltung Johann Friedrichs, der, mit einer Hand aufgestützt, neben seinem Schreibtisch stand, war die ersten Augenblicke eine durchaus majestätische, kühle, beinahe abweisende.

Als sich jedoch Leibniz aus der tiefen Verbeugung erhoben hatte und zwei Schritte vorgetreten war, begann es im Gesicht des Herzogs zu zucken und ein feuchter Schimmer trat in seine Augen. Wie wenn er etwas Starres, Zwingendes abschütteln müßte, reckte sich plötzlich die mächtige Gestalt, die prächtigen Stoffe und Seiden des Prunkkleides raschelten, und er kam auf Leibniz zu und legte ihm die Hand schwer auf die Schulter.

»Mein Leibniz«, sagte er tief und dumpf vor sich hin und versenkte seinen Blick mit forschendem Zweifel in die Augen Leibnizens. Unvermittelt änderte sich die Stimme. Sie wurde heller und leichter. »Von dieser Stunde an habe ich das Gefühl, ein wichtiges Organon, ein Auge, eine Hand, ein Ohr, ein Stück Gehirn mehr zu besitzen«, fuhr er fort. »Es war ein eigensinniger Wunsch, der mir, eben jetzt zu Weihnachten, in Erfüllung ging. Ich empfinde Sie wie eine langersehnte, beseligende Puppe, Leibniz. Verzeihen Sie den Vergleich! Vergleichstertium aber ist nur ein befreites und doch ahnungsschweres Lustgefühl an diesem Besitz.« Er zog die Hand von der Schulter Leibnizens und ließ sie sinken. Dann drehte er sich jäh ab und schloß, ohne sich umzublicken: »Kommen Sie, Leibniz, setzen Sie sich zu mir, neben mich. Heute bin ich nicht Ihr Herzog. Heute sind Sie nichts als mein Gast.« Und er ließ sich langsam in einen thronartigen Lehnstuhl nieder und deutete mit der Hand auf einen anderen Fauteuil, der nahe an diesen herangerückt war. Auf dem Schreibtisch aber brannten Kerzen in zwei mächtigen silbernen Girandolen.

Der Traum von Erfüllung steigerte sich, anstatt sich zu zerstreuen oder zu verwirren. Wo gab es noch Steigerung? Johann Friedrich selbst hat jetzt gesprochen. Es gab keine höhere Instanz. Und das war jener Johann Friedrich, dem Grote gehorchte, jener Johann Friedrich, dessen Vorbild der Sonnenkönig war. Der also ebenso einsam und unnahbar an der Spitze seines Landes stehen wollte und heute auch stand, wenn anders nicht alle Berichte trogen. Aber jetzt keine Überlegungen. Der Herzog hat befohlen, daß ich mich setze. Er weiß warum. Er ist kein gewöhnlicher Mensch. Die Schärfe seiner Dialektik soll beinahe noch sein unwahrscheinliches Gedächtnis übertreffen. Und seine Menschenkenntnis ist sprichwörtlich. Hier gibt es nichts zu rechnen, nichts zu drechseln, nichts zu biegen. Hier gibt es Beifall oder Ablehnung des Innersten.

Leibniz nahm Platz. Mit einer Ungezwungenheit und Sicherheit, die von Grote auf ihn abgefärbt hatte. Und er erwiderte:

»Nur ein Frevler, Hoheit, könnte in diesen Augenblicken, die mir ein ebenso unverdientes als unglaubhaftes Schicksal gönnte, anders sprechen als er denkt. Es ist ein tiefer Traum, Hoheit, der mich umfängt. Auch ein Weihnachtstraum. Aber ich fühle nicht nur freudige Schauer in meiner Rückerinnerung an selige Kindheit, ich bin vor Eurer Hoheit zum Kinde selbst geworden. Und meine Gefühle sind daher ein Gemisch aus Jubel und Angst. Gleichwohl bitte ich Eure Hoheit, mich zu erwecken, damit ich als der Leibniz vor Eurer Hoheit stehen und bestehen kann, den Hoheit gnädig in Ihr Land riefen, um ihm Heimat und Wirkungskreis zu geben.«

»Sie werden bald genug von selbst erwachen, Leibniz«, sagte Johann Friedrich mit einem Unterton von Bitterkeit. »Ich verstehe Sie voll und ganz. Es war auch jedes Wort, das ich von Ihnen hörte, die lauterste Wahrheit. Vor allem aber, und hier beginnt schon das Erwachen, glauben Sie nur ja keine Sekunde, daß mir irgend etwas an Ihrer Stellungnahme zu den wichtigen Dingen des Lebens, des Glaubens und des Denkens unklar ist. Man nennt, wie Sie wissen, den großen Ludwig das ›Miracle du secret‹. Mich könnte man ›le miracle de recherche‹ benennen.«

Was hieß das? Leibniz zwang sich, keine Bewegung zu zeigen. Begann schon jetzt der Sturz aus väterlicher Umarmung in die Kellergewölbe hochnotpeinlichen Verhörs ?

Der Herzog nahm einen Brief vom Schreibtisch und spielte wippend mit dem Bogen. Leibniz erkannte die Schriftzüge des Theologen Arnaud. Des großen Jansenisten. Es war einer der Empfehlungsbriefe, den er aus Paris mitgebracht und vor einigen Stunden seinem Adjutanten Dinkhofen übergeben hatte. Der Brief war an einen Kapuziner, der als Prediger und Beichtvater am hiesigen Hofe eine große Rolle spielte, adressiert gewesen. Was enthielt er? Miracle de recherche? Warum war der Brief schon jetzt in der Hand des Herzogs?

»Arnaud liebt Sie sehr, hat von Ihnen die beste Meinung. Preist Ihren Charakter, Ihr Wissen, Ihre Erfindungskraft«, sagte der Herzog mit merkwürdig ironischem Lächeln.

»Er war mir stets ein gütiger Berater und werktätiger Freund in all den Jahren meiner Pariser Studienzeit«, erwiderte Leibniz ein wenig unsicher, da das Lächeln des Herzogs andauerte und sich an eine bestimmte Stelle des Briefes zu heften schien.

»Ich zweifle nicht daran.« Der Herzog wiegte den Kopf hin und her. »Niemand, der diesen Brief liest, wird daran zweifeln. Darum mögen Sie es auch nur als freundschaftliche Fürsorge betrachten und werten, wenn Arnaud im Schlußpassus meint, es fehle Ihnen nichts als die wahre Religion, um einer der größten Männer des Jahrhunderts zu werden. Was er unter ›wahrer‹ Religion versteht, ist wohl nicht zu mißdeuten. Es ist derselbe Glaube, den ich selbst als den wahren erkannt habe, nämlich der katholische.« Der Herzog sah mit betonter Absichtlichkeit ins Leere, irgendwo hinauf zu den Bücherborden, die die Wände verdeckten.

In Leibniz aber schoß ein Strom von Erschrecken und Abwehr in den Kreis der Gedanken. Also das war die väterliche Aufnahme in Hannover? Bekehrung? Zumutungen, die man nicht einmal in Mainz, am Hof eines Erzbischofs, ihm gestellt hatte? Und hier schon am ersten Tag? Komplott von Paris über die Hofkapuziner bis zur Spitze der Autorität? Nein, keine innere Verwirrung! Nichts in ihm haßte oder negierte das Katholische. Er fühlte sich durch mehr als einen Glaubensgrundsatz zur Mutterreligion des Christentums hingezogen. Aber er war als Protestant geboren. Es war der Glaube des Vaters, der Mutter, der Ahnen. Und es war sein Schicksal, das ihn als Protestanten hatte aufwachsen lassen. Vielleicht waren für Gott die Glaubensunterschiede nur ebensoviele Ausdrucksformen, sich zu verwirklichen, wie es die Glaubensvorstellungen der einzelnen Menschen waren, von denen kaum eine der andren glich. Und er erwiderte, sonderbar hart und entschieden:

»Jetzt bin ich erwacht, Hoheit. Und Sie werden es dem Erwachten gnädigst verzeihen, wenn er sagt, er hätte diesen Brief nie mitgenommen oder abgegeben, falls er auch nur entfernteste Kenntnisse dieses Schlußpassus gehabt hätte. Ich sage das, Hoheit, im vollen Bewußtsein der Tragweite solcher Worte.«

Johann Friedrich drehte sich unter dem veränderten Klang der Stimme Leibnizens jäh herum. Das Lächeln auf seinem Antlitz war zu einer rätselhaften Maske erstarrt, hinter der unerhörtes Wissen um Abgründe heiliger Leidenschaften stand. Er sprach langsam und betont:

»Ich habe keine andere Antwort von Ihnen erwartet, Leibniz. Ich billige diese Antwort. Und weil ich diese Antwort erwartete, brachte ich Ihnen den Brief in der ersten Stunde unsres Beisammenseins zur Kenntnis. Um Ihnen in diesem wichtigsten Punkt unsrer Meinungsverschiedenheiten alle Zweifel zu nehmen.«

Was war das? Wieder der Traum? Eine Tat, deren Großherzigkeit kaum zu ermessen war, wenn man wußte, daß eben dieser Johann Friedrich sich unter unnennbaren Seelenqualen zum Katholizismus gewendet und dabei selbst engste Bluts- und Familienbande geopfert hatte? Liebte er Leibniz mehr als die eigenen Brüder? Oder stand ihm das Wissen höher als der Glaube? Oder wollte er durch feinste Geduld und Langmut siegen? Und verschmähte plumpe Pressionen fanatischer Eiferer?

»Ich will noch eine Erklärung beifügen«, setzte der Herzog langsam fort. »Meine eigene Mutter, die zur Zeit meines ›Abfalles‹ auf dem Schlosse Herzberg das Tränenbrot der Witwe aß, häufte auf mein Haupt Vorwürfe und Schmähungen, die dem Übermaß eines menschlich begreiflichen Schmerzes entsprangen. Ich erwiderte ihr damals – das Schreiben steht heute noch Wort für Wort in meiner Erinnerung – ich erwiderte ihr also folgendes: ›Euer Gnaden haben mich von Jugend auf in Gottesfurcht erziehen und mich den Grund der Seligkeit darin erkennen lassen, daß man Gott über alle Dinge lieben, fürchten und vertrauen solle. Ich aber habe in meinem Gewissen befunden, daß man diesem Gebot in keiner als der römisch-apostolischen Kirche nachkommen kann. Und ich würde, wenn ich dieser Überzeugung nicht gefolgt wäre, mein Gewissen nimmer beschwichtigt haben. Denn dem Herrn in einem Glauben zu dienen, der die Seele nicht durchdringt, halte ich für ein Widerstreben gegen den heiligen Geist und damit für die größte aller Sünden! Habe ich also aus reinem Wahrheitsstreben getan, was ich dereinst vor Gottes strengen Gerichten zu bezeugen gedenke, so sollten Euer Gnaden, im starken Glauben an die Echtheit Lutherischer Lehre, mir eher Mitleid schenken, als das Wort des Zornes auf mich zu schleudern. Ich habe Luthers Bekenntnis mit Ernst geprüft und keine Gelegenheit, sie zu durchforschen, verabsäumt; aber selbst die Gespräche mit dem Sohne des großen Theologen Calixtus waren weniger geeignet, meine Bedenken zu mindern als sie zu mehren. Nun aber ist kein Mensch seines Lebens für einen Augenblick sicher, und nachdem ich mich im Gewissen überzeugt befunden hatte, durfte ich meine Seele nicht in weiterer Gefahr schweben lassen, unbekümmert um Schmähung und Nachrede. Hat Gott für mich gelitten, so mag auch ich für ihn leiden. Was mich aber am meisten schmerzt, ist wohl, daß Euer Gnaden wähnen, es habe aus Ihrem eigenen Blut ein Mensch erwachsen können, der um vergänglichen Vorteils willen mit dem Heiltum Spiel treibt.‹« Der Herzog machte eine kleine Pause. Dann schloß er: »So habe ich meiner trauernden Mutter geschrieben. Ich weiß es deshalb Wort für Wort, weil ich es nicht zum erstenmal als meine Meinung kundgebe. Ich bin aber als Welfenherzog, wenn dieser stolze Name Sinn haben soll, nicht imstande, etwas, was ich als mein eigenes Recht verkündige, andern zu verweigern. In diesem Punkt, in meiner Duldsamkeit nämlich, mag meine Ansicht eher dem Westfälischen Frieden als der Meinung strenggläubiger Katholiken entsprechen. Vielleicht ist das der einzige Rest, den ich aus einer andersgläubigen Kindheit herübergenommen habe.« Und der Herzog blickte Leibniz voll und hart an.

Dieser aber war, ohne es zu wissen, aufgestanden. Mit merkwürdiger, wie von außen empfangener Deutlichkeit begann sich in ihm ein Gedanke zu formen, ein Gedanke, der an Dinge anknüpfte, die Jahre zurück, in den ersten Monaten seines Pariser Aufenthalts lagen. Und damals nicht zu endgültiger Reife gediehen waren.

»Hoheit«, erwiderte er leise und verhalten, »Eure Hoheit mögen es mir verzeihen, wenn ich die leuchtende Eindeutigkeit Ihres Standpunktes durch meine Reden verwische. Aber ich sehe Europa bedroht von zwei Gefahren. Einer äußeren, die sich vielleicht bannen läßt und zu deren Bannung mein Eurer Hoheit wohlbekanntes Consilium Aegyptiacum hatte beitragen wollen.« Als der Herzog nichts antwortete, fuhr Leibniz, dem die ablehnende, zumindest gleichgültige Haltung Johann Friedrichs gegen das »Consilium« nicht neu war, schnell fort: »Die zweite, wesentlichere und furchtbarere Gefahr bedroht die Christenheit von innen heraus. Und während Protestanten und Katholiken, mehr noch, während Jansenisten und Calvinisten, Reformierte und Lutheraner mit Rom und untereinander streiten, zerbricht eine angeblich freie Philosophie zielbewußt und gemächlich die Grundidee Gottes. Unsres gemeinsamen christlichen Gottes. Des Monos Theos überhaupt. Und setzt an seine Stelle die überheblichen Ansprüche der Vernunft. Wäre es, so frage ich aus tiefster Seelenangst, bei dieser Verschiebung der Kampfrollen nicht besser, wenn sich alle Gottgläubigen unter Beiseiteschiebung ihrer Differenzen geschlossen dem gemeinsamen eind entgegenstemmten? Soll es der Sinn eines dreißigjährigen Glaubenskrieges sein, daß der Unglaube triumphiert ...?«

»Merkwürdig«, fiel der Herzog ein und lächelte wieder ein wenig starr und rätselhaft. »Sehr merkwürdig!« Dann sagte er abschließend: » Sie werden vielleicht einmal Gelegenheit haben, diese Ansichten in Taten umzusetzen. Auf jeden Fall ist mir diese Gesinnung für besondere Zwecke mehr als erwünscht. Ich will aber jetzt nicht zu weit abschweifen. Wir haben noch einiges zu erörtern. Vor allem freue ich mich, daß Sie allem Anschein nach sich nicht ganz dem düsteren Heiligen im Haag verschrieben haben.« Und er lachte kurz auf.

Miracle de recherche? Also der Herzog wußte von Spinoza? Was wußte er noch? Was bedeutete die dunkle Andeutung, daß er, Leibniz, vielleicht seine Gesinnung beweisen werde müssen? Bekämpfung der Freigeisterei? Oder gar Versöhnungsbestrebungen der christlichen Kirchen? Bei einem Fürsten, aufgezogen in der Tradition des großen Calixtus von Helmstädt, einem Fürsten, dem ein Molanus, Abt von Lokkum, der Fortsetzer Calixtinischen Duldsamkeitsgeistes gehorchte, war das nicht nur nicht unmöglich, sondern sogar wahrscheinlich. Was aber würden die eifernden Kapuziner am Hofe dazu sagen? Oder lief das Geheimnis weiter zu Grote? Und die Kapuziner waren gar keine Eiferer, sondern einfach schlichte, treue und unbedingte Bekenner ihres Glaubens?

»Noch ein schwerwiegender, tiefer Unterschied unsrer Haltung könnte uns entzweien, oder unsre Zusammenarbeit unmöglich machen«, erweckte der Herzog Leibniz aus seinen Gedanken. »Da ich ja ein Freund des Mainzer Kurfürsten Schönborn und ein Freund des leider gleichfalls toten Boineburg war, sind mir Ihre Grundansichten natürlich hinlänglich bekannt, soweit sie die deutsche Sache und das Reich betreffen. Und ich bin in Ihren Augen so etwas wie ein Volksverräter. Widersprechen Sie nicht. Es ist unmöglich, daß Sie anders denken. Meine eigenen Brüder, die im Reichskrieg gegen Ludwig stehen, haben über mich diese Ansicht. Aber, lieber Leibniz, die Sache ist doch nicht so klar und einfach. Dieses Herzogtum hat im Krieg furchtbar gelitten. Unsagbar gelitten. Pest, Plünderung, Zigeuner, Hungersnot, Kannibalismus. Auflösung und Zerfall. Und ich stehe, eingekeilt zwischen Kurbrandenburg und zwischen meinen feindlichen Brüdern, bin dem Kaiser so unwichtig als den Hohenzollern, und der Weg über den Rhein zu mir ist nicht so weit. Sie werden erwidern, ich selbst hätte diese Lage heraufbeschworen, weil ich zum Katholizismus zurückkehrte. Aber das ist auch nicht so einfach.« Der Herzog schwieg.

Leibniz senkte den Blick. Dann sagte er schnell:

»Gewiß ist es nicht einfach, Hoheit. Aber es ist nur deshalb nicht einfach, weil Hoheit die deutsche Sache überhaupt verloren geben, wenn ich mir ein kühnes Wort erlauben darf.«

Johann Friedrich war nun ebenfalls aufgestanden. Er ging hinter seinem Schreibtisch, die Hände auf dem Rücken, auf und nieder.

»Ein kühnes Wort? Vielleicht war es ein kühnes Wort. Nämlich Ihre Ansicht, daß ich die deutsche Sache verloren gebe. Was ist aber die deutsche Sache? Ist sie das hoffnungslose Aufbäumen gegen Ludwig, gegen den Geist und die Kultur von Paris? Ist es eine deutsche Sache, wenn ich zum Schluß auf den rauchenden Trümmern meines Landes sitze und das stolze Bewußtsein habe, nicht vor Hekatomben meiner Untertanen zurückgescheut zu sein? Oder ist es nicht eine deutschere Sache, wenn ich Zehntausende deutscher Menschen, deutscher Kinder inzwischen vor dem Elend bewahre?« Er blieb stehen und blickte lodernd auf Leibniz. »Ich sehe es Ihrem Gesicht an, daß Sie mir den Verlust deutschens Denken, deutscher Sprache, daß Sie mir meinen General Podewils entgegenhalten wollen, der als französischer Offizier meine gefürchteten vierzehntausend Mann drillt. Angeblich gegen andre Deutsche. Nein, Leibniz, so ist das nicht. Ich will durch diese Macht neutral bleiben, will das Beispiel des großen Lodron, des Erzbischof von Salzburg, nachahmen, der durch seine Truppen und Kanonen, die stets dem Tilly, dem Wallenstein und Gustav Adolf überlegen waren, sein kleines Land vor dem Schrecknis des Dreißigjährigen Krieges bewahrte. Meine Deutschen aber, die Männer aus Hannover, dem Harz, aus Göttingen und vom Calenberg werden ihr Deutschtum nicht verlernen, auch wenn ich zu ihrem Schutze Freundschaft mit Ludwig halte. Wahrscheinlich werden sie es weniger verlernen als die Bewohner Lothringens oder der verheerten Pfalz.« Er machte eine Pause. Dann fügte er noch bei: »Ich weiß, daß ich Sie nicht überzeugt habe, nicht überzeugen werde, Leibniz. Ich weiß aber weiter, nach allem, was ich aus Paris über Sie hörte, daß Sie imstande sind, Ihre innerste Überzeugung mit Loyalität zu vereinen. Und Sie wieder wußten, bevor Sie hieherkamen, in wessen Dienst Sie traten. Im Ziel wollen wir beide dasselbe. Wir beide wollen ein deutsches Land größer, reicher und mächtiger machen. Das genügt zu gegenseitigem Vertrauen. Und was Methoden betrifft, so deckt sich wohl die Methode keines Menschen mit der eines anderen. Und Sie werden ja nie bezweifeln, daß die Linie der äußeren Politik des Herzogtums nur durch mich vorgezeichnet wird.«

Die letzten Worte, die der Herzog mit erhobener Stimme gesprochen hatte, waren fast drohend betont gewesen. Leibniz verstand ihre Bedeutung. Nicht so sehr gegen ihn als gegen tiefste Gefühlskräfte im eigenen Innern hatte soeben Johann Friedrich gekämpft. Er konnte und wollte die Lage, in die er sein Land gebracht hatte, nicht mehr ändern. Und es war uralter, unbändiger Welfenstolz, der ihn dazu getrieben hatte. Er fühlte sich als Bundesgenosse Ludwigs freier denn als Reichsfürst oder Freund Kurbrandenburgs.

Und es war richtig, daß er, Leibniz, Zeit genug gehabt hatte, sich alles zu überlegen, was erfolgen mußte, wenn er sich gerade an diesen Hof begab, an dem sein Glaube und sein Nationalgefühl schlechten Kurs hatten. Und doch? Vielleicht lag gerade darin höchster Sinn und größte Wirkungsmöglichkeit. Derselbe dunkle Trieb, der ihn zu Spinoza gezogen hatte. Leidenschaftlicher Kampf auf dem Boden edler Aufrichtigkeit. Wie sollte er Eigenes stärken und bewähren, wenn ihn nur Zustimmung nickende Gesinnungsgenossen umgaben? Wie vor allem sollte er die tödlichsten Waffen des Gegners erkunden? War das aber noch Turnier oder schon Spionage? Oder stand dahinter, ganz, ganz in der Ferne, die Möglichkeit einer Harmonie, einer Überbrückung der Gegensätze?

Auf jeden Fall mußte er schnell und womöglich ablenkend antworten. Noch immer ruhte der wilde drohende Blick, der aus dem leidenschaftlich zerfurchten Antlitz des Herzogs loderte, auf ihm.

»Auch bei uns Mathematikern«, sagte er sonderbar leicht und hell, »gibt es eine neutrale Zone. Es gibt Dinge, die sich durchaus nicht ändern, wenn man selbst die Koordinaten noch so sehr ändert. Und ich glaube, Hoheit, man sollte dieses Prinzip auf unsren Fall übertragen. Hoheit selbst haben das schon ausgesprochen und abgegrenzt. Es ist der Endzweck, das Aufblühen der Herzogtümer Calenberg und Göttingen zu mehren. Ich hätte einen bescheidenen Vorschlag, wenn ich mich in Interna der Regierung einmengen darf.«

Einen Augenblick sah der Herzog Leibniz noch prüfend an. Dann glättete sich plötzlich sein Gesicht und er lachte befreit und dröhnend heraus.

»Wie stellen Sie sich die Tätigkeit eines herzoglichen Rats eigentlich vor, Leibniz?« fragte er, noch immer lachend. »Etwa so, daß Sie nichts anderes zu tun haben, als sich vor mir zu verbeugen und devot jedem meiner Worte Beifall zu zollen? Nein, Leibniz, so ist das bei uns nicht. Wir haben eine schöne, derbe, alte Ordonnanz, eine Verordnung, die wohl fünfzig Jahre alt ist oder älter. In der es heißt, daß die Räte einen teuren Eid zu schwören haben, Gerechtigkeit zu handhaben und zu schützen, dem Fürsten von allem unrechten Beginnen treulich abzuraten, ihm seine Mängel ungescheut zu sagen und bei unbilligen Händeln das Maul auftun zu wollen. Wollen Sie also, mein Leibniz, sit venia verbo, Ihr verehrtes Maul auftun.« Und er lachte neuerlich schallend.

Leibniz lachte mit. Etwas bei ihm fast Einzigartiges. Denn wenn ihn auch das Lächeln fast stets begleitete, so bedurfte es ganz besonderen Anlasses, ein wirkliches Lachen bei ihm hervorzurufen. Und er erwiderte, als er sich wieder in der Gewalt hatte:

»Die schöne derbe Ordonnanz, Hoheit, ist mir so recht auf den Leib geschrieben, wie die Schauspieler sagen. Da ich also dieser welfischen Freiheit teilhaftig bin, gestatte ich mir, darauf hinzuweisen, daß eben dieses Land, wie kaum ein zweites, unter dem Druck etwas zu radikaler Münzverschlechterung seufzte und bis zu einem gewissen Grad auch heute noch seufzt. Gerade dieser Umstand, es soll nur nebenbei erwähnt sein, zwingt das Land unweigerlich, seine Politik den französischen Subsidiengeldern anzupasssen. Auch wenn sonst keine Gründe vorlägen. Und hier nun verläuft die neutrale Zone, von der ich vorhin sprach. Ob deutschbegeistert, ob franzosenfreundlich ist hier einerlei. Wichtiger als alles ist der Glanz des Welfenhauses und der Wohlstand der Untertanen, ohne den der Splendor des Hauses zur Tyrannei entartete. Gehen wir den Weg Colberts, Hoheit! Den Weg des Merkantilsystems. Und beginnen wir damit, die Silberschätze der Bergwerke von Zellerfeld zu Talern zu verwandeln, deren Güte nicht ihresgleichen in Deutschland hat. Wir werden das Geld aus dem Boden ziehen und mit diesem allbegehrten Geld die Warenströme ins Land bringen, die kostbaren Rohstoffe aus Amsterdam und Venedig, die dann wieder, durch den Fleiß niedersächsischer Handwerker veredelt ins Ausland wandern sollen, um neue Geldströme hereinzuführen. Ich weiß, Hoheit, wie es um Zellerfeld bestellt ist. Wie dort die Grubenwässer den Aufschwung lähmen. Aber – das stolze Wort möge dem Erfinder der von den größten französischen Mechanikern für unmöglich erklärten universalen Rechenmaschine verziehen sein – aber, Hoheit, ich wage es auszusprechen, daß ich Mittel und Wege finden werde, diese Wässer zu bekämpfen. Ich komme nicht fruchtlos aus der Schule des großen Physikers Huygens.« Leibniz, den die Begeisterung zu einer gehobenen Sprache mitgerissen hatte, stockte plötzlich, da er wieder den rätselhaften Blick des Herzogs auf sich gerichtet fühlte und nicht wußte, ob dessen Lächeln eher zustimmend oder ironisch war.

»Sie werden sich mit der Sache befassen, Leibniz«, sagte Johann Friedrich mit bärbeißiger Betonung. »Ihre neutrale Zone ist auf jeden Fall verlockend. Und glauben Sie nur nicht, daß die Ordonnanz allein damit erfüllt ist, wenn man das Maul auftut. Es fehlt ein Nachsatz. Nämlich, daß das Maulauftun strafbar wird, wenn ihm keine Taten folgen. Aber Scherz beiseite! Ich bin entzückt über Ihren Vorschlag. Und darüber, daß Sie, wie, weiß ich nicht, von vormittag bis abends schon Zeit gefunden haben, in die Finanzverwaltung einzugreifen. Etwas von einem Zauberer steckt in Ihnen. Das berichteten mir schon die Rechercheure. Auch etwas von einem Abenteurer des Geistes. Und Sie behalten obendrein am Ende doch recht, obgleich ich argwöhne, daß Sie selbst oft nicht wissen, ob etwas durchführbar ist, wenn Sie es ankündigen. Das ist aber meine üble Privatmeinung über Sie. Und deshalb auch bin ich Ihnen in höchst unwelfischer Weise nachgelaufen. Zum Schluß jedoch will ich Ihnen noch etwas Wichtiges sagen. An meinem Hofe rangieren Männer wie Sie gleichberechtigt mit dem Adel. Lassen Sie in dieser Hinsicht nichts, auch nicht das Geringste passieren. Wer auch immer versuchen sollte, Sie in Ihrem Rang zu beeinträchtigen. Der wirkliche Adel wird nach einigen Jahren ohnedies folgen. Leider kann ich da nichts versprechen, denn mein Einfluß beim Kaiser ist begreiflicher Weise nicht groß. Aber, wie erwähnt, das ändert nichts daran, daß Sie für mich, als Person meiner nächsten Umgebung, ein Edelmann sind. Auch für alle anderen am Hofe. Es ist das durchaus nicht Gleichmacherei im Sinne moderner, aufwieglerischer und in ihren Folgen noch unabsehbarer Lehren. Im Gegenteil. Es ist Ungleichmacherei höchsten Grades. Weil an meinem Hofe eben die Stellung eines Leibniz nur ein Leibniz erhält. Und jetzt danken Sie mir nicht, sondern handeln Sie und bringen Sie mir morgen früh wieder so eine schöne Sache wie die Ausnützung der Silberbergwerke im Harz. Alles weitere, das heißt die äußeren Formen und Bedingungen Ihrer Stellung wird der Kanzler Ludolph Hugo mit Ihnen stipulieren. Er erwartet Sie. Und ich hoffe, Sie morgen zum Vortrag bei mir zu sehen. Gute Nacht, mein Leibniz! Wenn ich heute im Schlaf lache, sind nur Sie daran schuld.« Und der Herzog drückte ihm die Hand und schob ihn, um weitere Gefühlsausbrüche zu vereiteln, knorrig und derb zur Portiere hinaus; und gab dem Adjutanten mit dröhnender Stimme den Befehl, den Herrn Rat sofort dem Kanzler vorzustellen.

Leibniz aber hatte Mühe, das innere Gleichgewicht zu bewahren. Auch rein körperlich schien es ihm, als ob er, von einer magischen Gewalt gehoben, einige Zoll oberhalb der spiegelnden Fliesen dahinschwebe.

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