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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 30
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Dreißigstes Kapitel

»Die Ethik«

Wieder, wie vor einigen Stunden, überkamen Leibniz die Dämonen der Philosophie. Diesmal aber noch mächtiger und noch verwirrender. War er in ein Labyrinth geraten, aus dem kein Weg mehr ins Freie führte? War Spinoza seiner Sache so sicher, daß er bewußt und absichtlich auf jede persönliche Auseinandersetzung verzichtete und ihm das scheinbar wehrlose Buch auslieferte? Jenes tief geheime Buch, das bisher gleichsam nur den »Eingeweihten« und den Gesinnungsgenossen zugänglich gewesen war? Und auf dessen Geheimhaltung sie alle förmliche Eide schwören mußten? Ihn, Leibniz, den verdächtigen Diplomaten, Weltmann und Abenteurer des Geistes, hatte dieser Spinoza nicht mit einem Wort um Geheimhaltung ersucht. Wußte der Weise, daß solches Vertrauen mehr verpflichtete als Eide? Oder war es Spinoza heute schon gleichgültig, was geschah? Das konnte wieder nicht wahr sein, sonst hätte er ihn ja nicht fast zwei Monate in Holland warten lassen, bis er ihn endlich empfing.

Doch gleichgültig, wie das alles gekommen war. Das Ereignis war eingetreten. Und vor ihm lag ohne Abwehr und Hinterhalt die unheimliche Welt Spinozas. Lag vor ihm, und er brauchte bloß zu blättern und zu lesen, um wenigstens oberflächlich diese Welt vor sich ausgebreitet zu sehen. Und er würde lesen. Würde alles in sich saugen, was möglich war. Wie lange würde er dazu Zeit haben? Wieder gleichgültig. Er würde eben lesen, bis ihn der Herr des Geheimnisses aus seinen Reichen vertrieb. Geistiges Abenteuer unerhörter Weite, voll Zukunft, Schrecknis und Bedeutung. Er schlug die Blätter auf.

Definitionen, Axiome, Lehrsätze, Beweise, Anhänge, Erläuterungen. Riesenbau eigentümlichster Form. »Ethik, in geometrischer Weise behandelt.« In fünf Teilen. Ein Pentateuch. Geometrischer Weise? Also Anspruch auf unbedingte, mathematische Gewißheit. Ethik? Nein, der Titel war, vielleicht absichtlich, zu anspruchslos. Es war weit mehr als eine Ethik.

War eine Metaphysik, ein volles theoretisches und praktisches System der Weltweisheit. Handelte von Gott, von der Natur, von den Affekten, von der menschlichen Unfreiheit, von der Macht der Erkenntnis. Erstreckte sich über Gott und die Welt und den Geist.

Nein, nicht in solcher Art dieses Riesenwerk durchrasen! So gibt es kein Ziel, kein Verständnis. Lieber Einzelnes herausgreifen, Einzelnes durchdringen. Jedes Einzelne muß gepanzert sein, muß sich auf das Ganze beziehen, wenn die Methode in Wahrheit geometrisch ist. Jede Eigenschaft jeder geometrischen Figur untersteht den Axiomen. Die ganze Geometrie ist aus den Axiomen aufzubauen, wie Euklid gezeigt hat. Also beherzt an irgendeiner Stelle hinein in den Mittelpunkt. Alles muß in diesem System Mittelpunkt und Peripherie zugleich sein.

Ah! Gleich auf der ersten Seite:

»Unter Substanz verstehe ich das, was in sich ist und durch sich begriffen wird; das heißt, etwas, dessen Begriff nicht den Begriff eines anderes Dinges nötig hat, um daraus gebildet zu werden.«

Das ist dunkel und zweideutig. Aber jetzt nur nicht in den Fehler verfallen, Kritik an der Schwelle zu üben. Sehen wir weiter.

»Unter Gott verstehe ich das absolut unendliche Wesen, das heißt die Substanz, die aus unendlichen Attributen besteht, von denen jedes ein ewiges und unendliches Sein ausdrückt«

Also schon hier der entscheidende Bruch mit Cartesius. Alles Ausgedehnte, alles Denken ist in der einen unendlichen Substanz eingefangen. Die Dinge und die Ideen sind i n Gott. Nicht Gott in den Dingen und Ideen. Und noch etwas viel, viel Sonderbareres. Es kann außer der ausgedehnten Sinnen- und Raumwelt, außer der Welt des Denkens, noch unendlich viele solcher andrer »Attribute« geben. Ist das nicht bloße Behauptung? Wird dadurch der Begriff der Substanz nicht geradezu in sich widersprechend? Was sind das für Attribute, unerkennbar, unfaßbar für uns Menschen? Nebenwelten neben dem Gedachten und dem Ausgedehnten? Also Zwischenreiche zwischen Geist und Körper? Oder Außenreiche? Darf ich aus dem Bekannten, aus zwei bekannten Welten, auf eine Unendlichkeit unbekannter Welten schließen? Und alle diese Welten ruhen wieder in Gott? In der einzigen Substanz? Nein, Spinoza, hier schon bäumt sich mein Denken, sträubt sich mein Gefühl. Riesenhaft extrapolierter Pantheismus. In welche Nebel verschwimmt Gott?

Und noch etwas, selbst wenn alles so und nicht anders wäre: Warum alles in Gott? Warum nicht Gott in allem? Ich verstehe, es würde das System sprengen. Ich habe gelobt, nicht zu kritisieren, bevor ich weiter eindringe. Aber ich kritisiere nicht. Ich kämpfe als eigengesetzlicher Mensch um das Verständnis des fremden Algorithmus. Und ich kann die Bilder nicht bannen, die in mir aus unbekannten Tiefen des Denkens und Fühlens heraufdrängen. Und da sehe ich diese Welt, die vielfach unendlich in Gott ist, gleichwohl als begrenzt in höherem Sinne. Von außen umkapselt, nach innen gerichtet. Durch und durch statisch. Eine unendliche klare Glaskugel, ein Weltei, wie es die dunkelsten Mythen der Alten nannten. Es ist kein Himmelsturm in diesem Umschlossensein. Ganz, ganz anders als bei den Mystikern, die Gott in allem suchen und finden. Anders als bei Meister Eckhart, anders als bei Böhme, anders als beim heiligen Franziskus, der mit den Tieren sprach.

Sofort am Beginn die furchtbare Fremdheit, die mich heute schon mehr als einmal anschauerte.

Es surrte im Nebenzimmer. Der Weise müht sich um sein karges Brot. Kein Vorwurf kann auf diesen Menschen, menschlich gesehen, fallen. Aber mit seinem Werk, mit seinem innersten Wesen werde ich ringen, muß ich ringen.

»In der Natur kann es nicht zwei oder mehr Substanzen von gleicher Beschaffenheit oder von gleichem Attribut geben.«

Eine Folge dessen, was ich schon las. Neuerlich ein zerschmetternder Hieb gegen Cartesius.

»Alle Substanz ist notwendig unendlich.«

Auch diese Unendlichkeit habe ich schon zerlegt und überdacht. Und ich leugne noch einmal, daß es die Unendlichkeit ist, die den Himmel stürmt, die voll Ahnung aus mir herausdrängt und Gott hinter Sternen und in den Tiefen Leeuwenhoekscher Kleinwelten sucht.

»Gott, oder die Substanz, die aus unendlichen Attributen besteht, von denen jedes ewige und unendliche Wesenheit ausdrückt, existiert notwendig.«

Wieder eine Frage der Fragen. Eine Frage ungeheuerster Tragweite. Nicht etwa die Frage, ob ein Gott notwendig existiert: Irgendein Gott, mein Gott, der Gott der Offenbarung. Nein, die Frage, ob der Gott Spinozas, die Gottwelt, die unendliche Glaskugel, der magische, nach innen gerichtete Raum notwendig existiert. Hier stehen drei Beweise und eine Anmerkung. Befriedigen sie mich, meinen Verstand? Trotz des stets wiederkehrenden »quod erat demonstrandum«? Der stolzen Formel: »Was zu beweisen war«? Nein, sie befriedigen mich nicht. Also weiter!

Spinoza macht eine Pause. Das Geräusch der Drehbank ist verstummt. Vielleicht entzieht er mir schon das Manuskript. Nein. Schon tönt wieder das Surren. Wohin habe ich geblättert? Sechsunddreißigster Lehrsatz?

»Es existiert nichts, aus dessen Natur nicht eine Wirkung folgte.«

Ich will diesen Satz zugeben, obgleich auch hier die Beweisführung alles eher denn streng ist.

Aber nun der Anhang, den ich schon überfliege. Jetzt steht alle Fremdheit wieder zwischen uns. Jetzt bin ich im innersten Wesen getroffen. Gott handelt nie nach Zwecken? Verfolgt keine Zwecke? Es gibt also auch, da Gott und Natur nach Spinoza eines und dasselbe sind, keine Zwecke in der Natur? Also nichts als stumpf abrollende Notwendigkeit? Keinen Gedanken eines wahren Kosmos? Des sinnvoll Geordneten? Nein, Spinoza, man tat dir unrecht, als man dich als Gottesleugner verschrie. Du bist kein Atheist. Deine Schau Gottes ist erhaben, groß, und so ausschließlich, daß es nicht nur keinen anderen neben deinem Gott gibt, sondern daß neben Gott überhaupt nichts mehr übrig bleibt. Du bist kein Atheist. Du bist ein Leugner des Kosmos, all dessen, was mein tiefster Glaube unter »Natur« begreift, du bist ein »A-kosmist«, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist. Dein furchtbarer Gott hat die herrliche Welt verschlungen, entthront, ausgehöhlt, erstickt!

Und hier sind deine Argumente lahm und schwach. Hier ist nichts mehr von geometrischer Sicherheit zu spüren. Hier mengt sich Wahres mit Falschem, Einseitiges mit Schiefem. Denn du stürzest dich bloß auf das Vorurteil derer, die ihre eigene menschliche Handlungsweise auf Gott übertragen. Und wehrst dich dagegen, daß die Menschen sich anmaßen, alles geschehe durch Gott für ihre armseligen Zwecke. So aber ist der Gedanke des Zweckwollen in der Natur von wahrhaft Denkenden nie gemeint, nie festgesetzt worden. Denn Gott kann auch durch Einsicht in das Gute und mit dem Willen zum Guten handeln, ohne deshalb zum unklaren Zweckwillen des Menschen herabzusinken ...

Ich bin noch voll von Kampf und Widerstreben. Es sind Wände da, an die ich pralle, Angst, die mich zurückscheucht. Ich will aber nicht urteilen. Will mich in die fremden Koordinaten, in das fremde System zwängen, ohne Gefühle sprechen zu lassen. Ich will meinem Grundsatz treu bleiben, das Verstehen vor die Kritik zu setzen. Und ich will daher den Weg meiner Forschung umkehren. Will erfahren, was aus all dem folgt. Will das Werk dort anfassen, wo es seinen Titel zu rechtfertigen hat: Bei der Ethik.

Es ist der vierte Teil des Werkes, der über die menschliche Unfreiheit oder die Macht der Affekte handelt. Was steht da als erste und zweite Definition? Habe ich richtig gelesen?

»Unter gut verstehe ich das, von dem wir gewiß wissen, daß es uns nützlich ist. Unter schlecht aber das, von dem wir gewiß wissen, daß es uns hindert, ein Gutes zu erlangen.«

Ist das möglich? Um Gottes willen?! Wohin führt solche Moral? Eine solche Vergottung des schrankenlosesten Egoismus? Nein, das kann es nicht bedeuten, obgleich die Definitionen hart und klar vor mir stehen. Es befindet sich unter diesen Definitionen ein Hinweis. Also blättern wir zurück. Warum plötzlich dieses Schwanken in der Definition?

»Unter gut werde ich daher im folgenden das verstehen, wovon wir sicher wissen, daß es ein Mittel ist, uns dem Muster der menschlichen Natur, das wir uns aufstellen, mehr und mehr zu nähern. Unter schlecht dagegen das, wovon wir sicher wissen, daß es uns hindert, diesem Muster ähnlich zu sein.« Weit weniger kraß. Weicher, schmiegsamer, auslegungsfähiger. Aber fast den strengen Definitionen widersprechend. Und gleichwohl mindestens ebenso gefährlich wie diese brutalen Formeln. Sollte »nach Art der Geometrie« keine andre Idee des Guten denkbar sein? Muß jeder selbst seinen Geist so sehr verbessern, daß ihm auf Grund dieser »Emendatio intellectus« nur das an sich Gute fürder nützlich scheint? Es ist also einer nur dann gut, wenn er so gut ist, daß er das Gute mit seinem Nutzen gleichsetzt? Oder verstehe ich diesen magischen Zirkel nicht? Oder hat die »Geometrie«, die wahrste Wahrheit, keine Möglichkeit, zu einer andren Ethik zu kommen, ohne die Wahrheit, das höchste Gut des Philosophen, zu verletzen? Doch jetzt wieder eingehalten. Keine vorschnelle Auslegung. An den Folgen werden wir die Absicht der Definitionen erkennen.

»Unter Tugend und Wirkungsmöglichkeit verstehe ich eines und dasselbe. Das heißt, die Tugend, sofern sie auf den Menschen bezogen wird, ist das eigentliche Wesen oder die eigentliche Natur des Menschen, sofern er die Macht hat, etwas zu bewirken, was durch die bloßen Gesetze seiner eigenen Natur begriffen werden kann.«

Ist das Optimismus? Heißt das, der Mensch ist gut? Oder ist es wieder nur jener Zirkel, der die Tugend mit der Möglichkeit und Kraft, sie zu verwirklichen, gleichsetzt?

Doch was ist das ? Sollte mir das große Geheimnis schon entzogen werden? Das Surren der Drehbank ist verstummt und die Tür geht auf.

Leibniz blickte dem Eintretenden entgegen. Bleich und starr, wie eine Erscheinung aus anderen Welten, gleichwohl jedoch das traurige Lächeln im Antlitz, kam Spinoza herein. Er trug in der Hand einen Leuchter mit zwei brennenden Kerzen.

»Sie sollen besser und schärfer sehen, Herr Leibniz«, sagte er mit eigentümlicher, fast ironischer Betonung. »Die Dämmerung ist ein besonderer Feind der Kurzsichtigen.« Und er stellte, ohne auch nur einen Blick auf das Manuskript zu werfen, den Leuchter neben Leibniz hin, drehte sich wieder ab und ging hinaus.

Eine Mahnung? Ein Vorwurf? Nein, pure Einbildung. Hirngespinste. Er ist ein Optiker und ein aufmerksamer Gastgeber.

Wenn er zustoßen will, kleidet er seine Rede nicht in diplomatische Anspielungen.

Doch jetzt habe ich wieder weitergeblättert, habe zahllose Seiten überschlagen. Vielleicht muß es so sein. Vielleicht haben einzelne Stellen mystische Anziehungskräfte.

»Die Erkenntnis des Guten und Schlechten ist nichts andres, als der Affekt der Lust und Unlust, sofern wir uns desselben bewußt sind.«

Nein, Spinoza, das werde ich niemals billigen. Wir sind dem Egoismus durch solche »Wahrheiten« nicht um einen Schritt entronnen. Ich will wissen und erkennen, was gut und schlecht, nicht, was für mich gut und schlecht ist.

»Jeder verlangt oder verschmäht nach den Gesetzen seiner Natur notwendig das, was er für gut oder für schlecht hält.«

Der Ton ändert sich nicht. Das ist keine Moral, sondern ein Merkantilsystem der Ethik, eine moralische Wirtschaftslehre.

»Das höchste Gut des Geistes ist die Erkenntnis Gottes, und die höchste Tugend des Geistes ist, Gott zu erkennen.«

Das klingt anders, klingt unsrem Ohr anders, da wir durch das Wort getäuscht werden. Was aber ist Gott bei Spinoza? Gott ist die unendliche Glaskugel, in der alles eingekapselt ist. Ist die Summe aller Inhalte. Zerrinnt dadurch nicht auch dieser Satz in vage Nebel? Hier, gleich die Bestätigung:

»Sofern ein Ding mit unsrer Natur übereinstimmt, insofern ist es notwendig gut.«

Kein Ausweg aus dem Zirkel. Nichts als hundertfältige Abwandlung des Satzes, den ich schon vorhin las, daß unsre Glückseligkeit davon abhängt, daß wir in uns selbst beharren, uns weiten und ausdehnen. Gott ist die Kugel, die alles umschließt. Der Mensch ist der Mittelpunkt, der sich zur Kugel ausdehnen möchte.

Und alle sollen, als gemeinsamem Boden, sich der Vernunft unterwerfen. Nur der Vernunft. Diese ist der einzige gemeinsame Nenner und verbindet. Die Affekte trennen.

»Lust ist für sich genommen nicht schlecht, sondern gut. Unlust hingegen ist an und für sich schlecht.«

Hedonismus? Lehre von der Freude? Was für eine Lust ist da gemeint?

»Wohlbehagen kann kein Übermaß haben ... Wollust, Liebe, Begierde können ein Übermaß haben.«

»Der Haß kann niemals gut sein ... Man beachte, daß ich unter Haß hier und im folgenden nur den Haß meine, der gegen den Menschen gerichtet ist.«

»Wer nach der Leitung der Vernunft lebt, strebt soviel er kann, den Haß, den Zorn, die Verachtung usw. anderer gegen ihn durch Liebe und Edelsinn zu vergelten.«

Widersprüche und Sprünge. Oder nicht? Ich war schon gefangen durch den christlichen Satz der Vergeltung des Bösen durch Gutes. Warum aber steht wieder dieser schreckliche utilitaristische Satz im Beweis?

»Der Haß kann durch Gegenliebe erstickt werden, so daß der Haß in Liebe übergeht. Folglich wird, wer nach der Leitung der Vernunft lebt ... usw.«

Also nur weil es besser ist, den Haß nicht durch »Gegenhaß« zu vermehren? Nur darum die Liebe zum Feinde? Gewiß, die Harmonie wird befördert, der Effekt wird erzielt, als ob es ein ethischer Effekt wäre. Aber? Sieht Spinoza die Menschen so pessimistisch oder die Vernunft so optimistisch, daß er diesen Kuhhandel empfiehlt? Daß er von ihm volle Sicherheit erwartet? Oder geschieht alles dem System zuliebe? Furchtbar, ich wollte zweifeln, sah ein Augurenlächeln des Weisen hinter seinen scheinbar kalten Vorschriften. Da fällt mein Blick auf die Anmerkung:

»Wer Beleidigungen mit Haß erwidert und sich an dem Beleidiger rächen will, verbittert sicher sein eigenes Leben ...«

Daran gibt es nichts mehr zu beschönigen. Rache ist verboten, weil sie Unbequemlichkeiten erzeugt! Es mag wahr, mag logisch, mag »geometrisch« sein. Mit Ethik in meinem Sinn aber hat das nichts mehr zu tun. Bin ich wahnsinnig geworden, daß ich die Reinheit dieses Menschen so sehr mißdeute? Oder reicht mein Verstand nicht aus, so abstrakt zu denken? Oder bin ich von Trieben, »Affekten«, Begierden verblendet?

»Mitleid ist bei einem Menschen, der nach der Leitung der Vernunft lebt, an und für sich schlecht und unnütz.«

Warum? Beweis: Weil Mitleid Unlust erzeugt. Das gute aber, das aus Mitleid folgen könnte, nämlich Abhilfe, tun wir ohnedies aus Vernunft. Und nur was aus Vernunft geschieht, von dem wissen wir sicher, daß es gut ist. Daher ist Mitleid schlecht und unnütz. Was zu beweisen war.

Das ist ein Rasen in Begriffen. Ein furchtbarer, gefährlicher Starrsinn. Eine Leugnung des Lebendigsten. Und eine Lehre, die ganze Generationen verheeren kann, wenn sie auch nur im mindesten schief verstanden wird. Solche Zauberkunststücke überschreiten das Recht des »freien Philosophierens«. Sind höchstens geistreiche Paradoxien – wenn sie eben nicht purer Starrsinn sind.

»Reue ist keine Tugend, oder entspringt nicht aus der Vernunft, sondern der, welcher eine Tat bereut, ist doppelt gedrückt oder unvermögend.«

Der gleiche logische Luftsprung. Tugend ist Vernunft. Reue erzeugt Leiden. Leiden ist schlecht und schadet. Vernunft kann nichts schädliches tun. Folglich ist Reue keine Tugend, weil sie schädlich, also unvernünftig, also nicht tugendhaft ist. More geometrico deductum. Quod erat demonstrandum.

Jetzt sehne ich mich zurück nach der Metaphysik, die mich zuerst erregte und die mich fremd anmutete. Hier, in der eigentlichen Ethik, kann ich nicht mehr weiter, da sie mir die Gerechtigkeit gegen diesen Mann raubt. Ist sein Irrtum so riesengroß, weil er glaubt, die Ethik unterliege bloß der Vernunft? Oder hat er recht, daß eine Ethik, die nicht auf Vernunft ruht, keine Ethik ist? Oder hat er sich in den eigenen Labyrinthen seiner Ethik eingefangen und irrt in ihnen im Kreis umher? Wie wenn ein Mathematiker verwickelte Gleichungen aufstellt und sie sich zum Schluß als identische entpuppen und nichts aus ihnen folgt, als daß a gleich a ist?

Ich will den Gipfel des Buches stürmen. Will die letzten Schlußfolgerungen sehen und durchdringen.

»Wer Gott liebt, kann nicht wünschen, daß Gott ihn wieder liebt.«

Hier horche ich auf. Stolze, edle, selbstlose Lehre. Ist das Verzicht, reine Hingabe? Demütigste Gotteskindschaft? Warum also dieser Verzicht? Weil der Wünschende, so steht es hier geschrieben, mit diesem Wunsch nach Gegenliebe wünschen würde, daß Gott nicht Gott sei. Und damit würde er »Unlust« herbeiwünschen. Für sich! Denn Gott ist frei von »Affekten«, liebt und haßt daher nicht und würde dadurch vermöge dieses Wunsches nach Gegenliebe seiner Gottheit beraubt werden. Ich will gegen die Größe des Gedankens nicht streiten. Ich bäume mich gegen die Kleinheit des logischen Starrsinns, wieder die »Unlust« in den Beweis zu verketten und dadurch die Erhabenheit des Gedankens herabzuziehen.

»Je mehr wir die Einzeldinge kennen, um so mehr erkennen wir Gott.«

Die Kuppel des pantheistischen Gebäudes. Klar und zwingend, wenn man die Grundlehre der Einheit von Gott und Welt bejaht. Und ethisch unleugbar ein mächtiger Antrieb zur Wissensvermehrung, zur Weisheit. Es ist jene Schau des Wesens der Dinge, jene »dritte Erkenntnisstufe«, aus der die höchste Befriedigung des Geistes entspringt, die es geben kann: »Amor Dei intellectualis«, die intellektuelle Liebe zu Gott, die Liebe, die einzig ewig ist, mit der Gott sich selbst in unendlicher Weise liebt: Weil diese Liebe gleich ist unendlicher Erkenntnis des innersten Wesens, weil sie gleichsam das bewußte Wesen der einzigen Substanz ist. Und diese Liebe strahlt auf die Menschen über, und die intellektuelle Liebe des menschlichen Geistes zu Gott ist ein Teil der unendlichen Liebe, womit sich Gott selbst liebt. Und hebt damit den Menschen in die Nähe der Gottheit.

»Alles Erhabene aber ist ebenso schwierig wie selten.«

Das sind die letzten Worte des Werkes.

Wie lang ist der Weg, den ich gegangen bin? Er scheint wohl so lang wie das denkerische Leben Spinozas. Unendlich lang erscheint er mir. Und es hat mich hin und her geworfen, ich habe zugleich mit den Dämonen der Philosophie und mit ihm selbst gerungen. Und dieses Ringen wird noch Jahre währen, vielleicht Jahrzehnte.

Hier, nur hier, ist Mitleid schädlich und unnütz. Nicht aber weil es mir, sondern weil es für alle Menschen in Gegenwart und Zukunft Leid erzeugen kann. Spinoza entzieht sich keiner Verantwortung. Er will keine Schonung. Ich kann ihn achten, vielleicht lieben, aber ich muß ihn bekämpfen. Ein allgemeines Prinzipium streitet gegen ein anderes allgemeines Prinzipium. Hier stehen einander Welten, nicht Menschen gegenüber.

Werde ich ihm einst folgen in seine Labyrinthe und Gleichsetzungen? Ist sein Algorithmus richtig?

Ich selbst habe noch kein Gerüst, um das ich bauen kann. Ich habe Ahnungen, Gefühle, Zwecke, Ziele, Widerstände. Und ich liebe meinen Gott, der ein andrer ist als der Gott Spinozas, ebenso heiß, mit ebensolcher Kraft einer nicht nur geistigen Liebe. Und ich will von ihm wieder geliebt werden. Nicht aus Eigennutz. Sondern aus Demut. Weil ich wissen will, ob er meinen Kampf billigt und ob er mir dazu die Gnade leiht.

Jetzt ist mir das entscheidende Wort Fleisch geworden. Ich vertraue nicht allein auf die Geometrie der Vernunft. Ich bin nur stark, wenn ER mir die Gnade nicht versagt ...

Ich werde jetzt, zur Erinnerung an diesen Tag, die wichtigsten Lehrsätze abschreiben. Nicht aus Gier, nicht, um sie zu bekämpfen. Sondern um sie zu behalten und um mein Wollen an ihnen zu prüfen.

Warum noch dieser Mißton am Ende meiner Durchforschung? Ein Zeichen? Oder eine Warnung? Oder ein Fingerzeig Gottes?

Ich habe geblättert. Zurückgeblättert. Warum blieb mein Auge gerade an dieser Stelle haften?

»... Es geht daraus hervor, daß jenes Gesetz, welches verbietet, die Tiere zu schlachten, mehr in einem eitlen Aberglauben und in weibischem Mitleid, als in der gesunden Vernunft begründet ist. Wohl lehrt uns die Vernunft, daß es notwendig ist, um unsres Nutzens willen, uns mit den Menschen zu verbinden, aber keineswegs mit den Tieren, oder mit anderen Dingen, deren Natur von der menschlichen Natur verschieden ist; vielmehr haben wir dasselbe Recht auf sie, das sie auf uns haben. Ja, weil das Recht eines je den nach seiner Tugend oder seinem Vermögen sich bestimmt, so haben die Menschen ein weit größeres Recht auf die Tiere, als die Tiere auf die Menschen. Ich bestreite aber darum nicht, daß die Tiere Empfindung haben; sondern ich bestreite nur, daß es deshalb verboten sein soll, sie zu unsrem Nutzen beliebig zu gebrauchen, und sie so zu behandeln, wie es uns am besten paßt ...«

Nicht ein Wort will ich dazu denken, außer, daß es nach dieser Lehre »more geometrico« folgen könnte, daß ein Heiliger im Sinne Spinozas, also ein Weiser, einen Bauer langsam schlachtet, wenn es ihm so am besten paßt und er sich nicht eben »zu seinem Nutzen« mit dem Bauern verbinden will. Unbegreifliche, durch nichts zu beschönigende Entgleisung einer den Boden verlassenden Logik. Dazu noch der Logik eines Pantheisten! Eines Mannes, nach dessen Glauben auch das Tier teilhat am Göttlichen, ja ein Stück des einzigen Gottes ist?!

Hier ist das Fremdeste des Fremden, das glitzernd Magische, das ich nie begreifen werde, offenbar. Jenes Unheimliche, das die Vernunft vor die Welt, vor Gott, vor das Leiden setzt. Und gleichwohl dabei auch in unsrem Sinn gut sein kann, wie es der Mann neben mir durch sein Leben bewies. Oder ist er ein Pharisäer, der gut ist, weil das Gutsein ihm höhere Rechte verleiht?

Er selbst hat mich verwirrt. Er mag meine Zweifel verzeihen, wenn er es kann. –

Und Leibniz zwang sich mit aller Kraft zur Selbstbeherrschung und zur Ausschaltung von Kritik und Deutung. Und er begann zu schreiben. Definitionen, Axiome, Lehrsätze, Anmerkungen. Und im Nebenzimmer surrte und schrillte die Drehbank.

Er wußte nicht, wie lange er geschrieben hatte. Plötzlich stand Spinoza vor ihm und blickte fragend auf die Blätter, über die die Feder Leibnizens eilte.

Leibniz erhob sich langsam und sah Spinoza in die Augen, in denen wieder jenes dunkle Lodern aufglomm.

»Ich werde diese Blätter als Erinnerung an die aufwühlendste Stunde meines bisherigen Lebens mitnehmen, falls Sie es gestatten, Herr Spinoza«, sagte er klar und fest. »Ich weiß aber heute noch nicht, ob ich sie mitnehme, um in Ihrem Sinne weiterzubauen, oder um die Axt an Ihr Gebäude zu legen.«

Da richtete sich Spinoza zu starrer Größe auf und ein Lächeln, nicht frei von leiser Verachtung, überhuschte seine Züge.

»Ich wäre nicht Spinoza,« erwiderte er gedämpft, »wenn ich einen Augenblick zögerte, Sie zu bitten, die Papiere mitzunehmen. Noch mehr. Jede Stelle der Ethik liegt für Sie offen und zugänglich da. Mein Freund Schuller wird Ihnen Auskunft geben, falls Sie in Hannover noch an mein Werk denken. Wenn Sie aber alles, was ich leistete, widerlegen, dann wird es gut sein. Denn es handelt sich um den wahren Gott und nicht um meine Eitelkeit. Ich fürchte jedoch keine Widerlegung. Ebensowenig, wie ich Furcht empfände, die bewiesenen Lehrsätze der Geometrie, etwa den Satz von der Winkelsumme des Dreiecks, in die Hand des wildesten Feindes zu legen. Und ich fürchte Sie eben deshalb weniger als alle anderen, weil ich weiß, daß auch Sie unter der Herrschaft der Vernunft stehen. Und darum nur das wollen können, was in meinem Sinne gut heißt. Es ist wahrscheinlicher, daß Sie mir folgen, als daß Sie mich bekämpfen werden, Herr Leibniz. Und jetzt werden wir uns trennen. Ich habe Ihnen, glaube ich, all das gegeben, was ich geben konnte. Und ich werde das nie bereuen.«

Leibniz drückte die kalte, schmale Hand des Weisen. Und auch er hätte nichts andres sagen können, als daß es sich bei dieser onderbaren Begegnung um den wahren Gott gehandelt hatte. Oder um einen gottgewollten Zusammenstoß zweier fremder Welten.

Gleichwohl wußte jeder der beiden, daß sich, auch innerlich, ihre Wege trennen würden und trennen mußten.

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