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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 28
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Noch ein Glasschleifer

Der Himmel war trübe und verhangen und ein leiser, feuchter Wind wirbelte grellverfärbte Blätter über die Straßen und auf das Wasser der zahllosen Kanäle im Haag, als Leibniz durch Haine und Alleen, über Brücken und Deiche, zu einem dieser Kanäle, zur Paviljoens-Gracht hinausstrebte, die still und verlassen an der Peripherie dieser merkwürdigen »Stadt der tausend Bäume« lag.

Ein kleines, unscheinbares Haus wurde ihm als Besitztum des Malers Van der Spyk bezeichnet, den man ihm als Hauswirt Spinozas genannt hatte.

Eine alte Frau öffnete ihm und ließ ihn eine Weile in einem dunklen Hausflur warten, in dem es nach Ölfarbe roch. Es standen auch zahlreiche, zum Teil mächtige Gemälde, die bemalte Fläche zur Wand gekehrt, umher.

Schon nach kurzer Zeit knarrte wieder die Holztreppe, die alte Frau sagte im Vorbeigehen, Herr Spinoza erwarte ihn, und verschwand ohne Hast, jedoch ohne weiteres Wort, in das Dunkel des Flurs.

Da die Frau die Stiege hinaufgegangen und dann wieder heruntergekommen war, mußte Spinoza wohl das obere Stockwerk bewohnen. Leibniz ging also schnell auf die Treppe zu und überlegte nur noch, wie er den Weisen begrüßen sollte. Seine Gedanken begannen jedoch sogleich wieder zu verschwimmen, da ihn die inneren Erlebnisse der letzten Stunden hinlänglich darüber aufgeklärt hatten, daß an diesem Orte und diesem Manne gegenüber wahrscheinlich alle, auch die bestgemeinte Berechnung nicht nur unmöglich, sondern sogar schädlich sei.

Als Leibniz etwa die halbe Treppe hinter sich gebracht hatte, wurde es bedeutend heller, und er bemerkte, daß oben eine Tür offen stand.

Wenige Augenblicke später war er schon durch diese Tür in ein freundliches, nicht allzugroßes Zimmer getreten, das ihn durch seine Einrichtung irgendwie an den Schuppen Leeuwenhoeks erinnerte. Denn auch hier standen die Drehbänke und Drehscheiben, wie sie der Glasschleiferei dienen. Ansonst befanden sich im Zimmer einige Schränke; ein Tisch, auf dem Bücher und Hefte lagen, nahm die Mitte des Raumes ein, und einige Ölbilder, Kohle- und Tintezeichnungen hingen an den Wänden.

Vor der Drehbank aber stand in schwarzer Kleidung ein schmächtiger, unscheinbarer Mann, der dem Eintretenden aus einem dunkelhäutigen, gleichwohl jedoch bleichen und abgemagerten Antlitz in eigentümlicher Weise entgegenlächelte, während er den Kopf leicht senkte.

»Sie sind mir willkommen, Herr Leibniz!« sagte Spinoza mit tiefer, weicher Stimme, in der etwas leicht Gutturales mitschwang. »Ich bitte Sie, aus dieser Stätte meiner äußeren in die andre Stätte meiner inneren Arbeit einzutreten.« Und er machte einige Schritte gegen Leibniz und reichte ihm die Hand.

Nur für einen Herzschlag hatte Leibniz der lodernde Blick nachtschwarzer, schmaler Augen, unter buschigen Augenbrauen hervorsprühend, getroffen. Dann war sofort wieder dieses müde, leidend wissende Lächeln da, und Spinoza klinkte die Türe zum Nebenraum auf und machte mit der Hand eine kleine Geste der Einladung.

Leibniz hatte bisher kein Wort gesprochen. Er fand auch jetzt noch keinen Anlaß, sein Schweigen aufzugeben. Denn eine Überbrückung leerer Befangenheitsmomente durch Floskeln und Phrasen schien ihm hier deshalb so unangebracht, weil die Worte, die wichtigen, gültigen Worte, ohnedies früher kommen mußten und nachhaltiger dahinströmen würden als irgendwo sonst in seinem bisherigen Leben.

So trat er also in den zweiten kleineren und behaglicheren Raum ein, an dessen Fenster ein mächtiger Schreibtisch stand. Es war hier wohlig warm und rötliche Blitze eines Kaminfeuers spielten über die polierten Flächen eines großen Bettes und einiger anderen bronzebeschlagenen Möbelstücke.

»Wir wollen uns zum Fenster setzen«, sagte Spinoza leise. »Ich hörte, daß Sie ein wenig kurzsichtig seien, Herr Leibniz.« Dabei lächelte er wieder eigentümlich.

Was hieß das? Leibniz erschrak einen Augenblick. Woher wußte Spinoza über ihn solche nebensächliche Kleinigkeiten? Oder sollte das gar sinnbildhafter Spott sein, gemünzt auf Geistiges?

»Es ist wahr, ich bin kurzsichtig«, erwiderte Leibniz. »Aber ich habe für alle Fälle mein Lorgnon bei mir.« Und er zog ein sehr zierlich in ziseliertes Gold gefaßtes Lorgnon hervor und wippte damit gleichgültig.

»Darf ich das Ding ansehen?« Spinoza hatte sich gesetzt. »Sie sollen sich nicht wundern, Herr Leibniz, daß mich solche Dinge interessieren. Ich bin jetzt vierundvierzig Jahre alt und schleife ja fast die Hälfte dieser Zeit zahllose Stunden täglich solche Gläser.« Und er betrachtete mit prüfenden Blicken das Lorgnon, das ihm Leibniz gereicht hatte. »Die Fassung ist äußerst vornehm«, setzte er leise fort. »Mehr als vornehm.« Dann schoß wieder ein dunkler Blitz aus seinen Augen, der Leibniz förmlich anpackte. Er gab das Lorgnon zurück und fragte: »Waren Sie mit diesen Gläsern zufrieden, Herr Leibniz?«

»Es waren unstreitig die besten, die ich je zur Verfügung hatte.« Eine Ahnung verwirrte Leibniz, als er weitersprach: »Ich habe sie deshalb auch so kostbar einfassen lassen. Graf Tschirnhaus hatte mir die Gläser geschenkt, als ich ihm einmal über die Behinderung meiner Studien durch meine Kurzsichtigkeit klagte.«

»Nun, und Tschirnhaus hat diese Gläser von mir bezogen, Herr Leibniz. Er hat mir ein Muster gesandt. Ich habe sie eigenhändig im Zimmer, in dem ich sie empfing, geschliffen. Ich wußte auch, für wen sie bestimmt waren. Und ich wußte weiter, daß ich dieses Werkzeug des Forschens vielleicht einem großen Feinde lieferte. Es hat mir jedoch Freude gemacht, Herr Leibniz, die Gläser ebendeshalb ganz besonders sorgfältig zu bearbeiten. Denn die Wahrheit wird dadurch nicht unterdrückt, daß man die Brillen der Feinde vernebelt. Je besser die Feinde sehen, desto schneller werden sie zur einzigen Wahrheit gelangen. Das ist mein Glaube. Ich vermute, es war nicht immer auch der Ihre.« Plötzlich schlug er einen ganz anderen, viel leichteren Ton an: »Sie kommen, soviel ich hörte, aus Paris, Herr Leibniz. Werden Sie bald wieder dorthin zurückkehren?«

Leibniz, den die symbolischen Worte Spinozas noch mehr gelähmt hatten, als er ohnedies schon von Beginn an gewesen war, erwachte durch den Klang der letzten Sätze ohne Übergang zur Leichtigkeit. Wie wenn sich unvermittelt eine Kralle um sein Gehirn gelockert hätte.

»Ich werde vielleicht überhaupt nie mehr Paris betreten«, erwiderte er unbefangen. »Ich reiste über England nach Amsterdam und halte mich schon mehr als einen Monat in Holland auf. Aufrichtig gesagt, wäre ich heute schon in Hannover, wenn Sie, Herr Spinoza, mich früher vorgelassen hätten!«

Spinoza überhörte den leisen Vorwurf. Er lenkte ab:

»Und was werden Sie in Hannover beginnen, Herr Leibniz? Lernen oder lehren? Oder erlaubt es Ihnen Ihre Lage, sich ganz Ihren geistigen Neigungen hinzugeben? Oder ist das wieder eine Ihrer geheimnisvollen diplomatischen Missionen?«

Wieder erschrak Leibniz ein wenig. Sollte Spinoza gar vom »Consilium Aegyptiacum« wissen? Aber woher? Nicht einmal Tschirnhaus ahnte etwas davon. Schließlich, was ging Spinoza seine politische Stellung an? Und er begann, durch die überlegene Art Spinozas gereizt, jetzt auch zu lächeln:

»Warum wundert es Sie, Herr Spinoza, daß diplomatische Missionen geheim sind? Ich denke, das hegt im Wesen dieses Metiers.«

»Ach, Sie fassen meine Worte scherzhaft auf«, replizierte Spinoza ebenso schnell als betont, wobei diese Betonung nicht ganz ohne Ironie war. »Mich wunderte es aber durchaus nicht«, setzte er langsamer fort, »daß eine diplomatische Mission geheim ist. Sie sagten richtig, das liege in ihrem Wesen. Ich bin mir nur nicht klar darüber, ob das Ränkespiel, Sie verzeihen diese Bezeichnung, auch im Wesen eines Gelehrten vom Rang eines Leibniz liege. Mich wundert, kurz gesprochen, diese Mischung aus Philosophie, Mathematik, Theologie und Hofluft.«

»Sie sind sehr streng, Herr Spinoza.« Leibniz sagte es mit unverhohlener Kühle und Abweisung.

»Wieder irren Sie.« Spinozas Augen leuchteten hart auf. »Sie irren, denn ich bin nicht streng, sondern streng ist lediglich die Forderung, die jede echte und reine Weltweisheit an uns stellt. Ich habe mich nichteinmal dazu verstehen können, einen Lehrstuhl der Philosophie in Heidelberg anzunehmen, den mir vor einigen Jahren der Kurfürst von der Pfalz bei Zusicherung vollster Lehrfreiheit anbot. Es gibt nämlich auch eine Unfreiheit des Denkens, ohne daß geradezu Scheiterhaufen und Gefängnisse drohen. Eine höchst unjuristische Unfreiheit. Ich meine den Nebel der gesellschaftlichen Rücksicht, der sich bei halbwegs gutmütigen und verträglichen Menschen, die unter den Vielen leben, über das Gehirn legt. Um so schlimer, wenn sich noch Rücksicht mit höfischem Ehrgeiz und mit begründeter Angst vor Kerkern verschwistert. Was soll da entstehen als ein trauriges Gemenge von Beschönigungen und Verstellung? Das alles aber sage ich Ihnen nicht, weil ich gering, sondern weil ich sehr hoch von Ihnen denke, Herr Leibniz.« Spinoza blickte zu Boden. Plötzlich überzog fleckige Röte seine Wangen und er wurde von einem harten, hohlen und unerbittlichen Husten geschüttelt.

Ein furchtbares Gespenst schritt unter diesem Klang durch den kleinen Raum. Leibniz konnte es fast mit den Händen greifen. Frage und Antwort, besser, die volle Unlösbarkeit der aufgeworfenen Probleme lag in diesem kleinen und doch unendlich großen Ereignis. Er hatte schon gehört, nicht nur von Tschirnhaus, daß die Gesundheit Spinozas im höchsten Maß erschüttert war. Durch eben dieses stille, entsagungsvolle, unwahrscheinlich ärmliche Leben erschüttert, das der Weise ihm gerade jetzt in beinahe verletzender Unerbittlichkeit als Muster vorgehalten hatte, und an dem gemessen, seine eigene Tätigkeit eben nicht mehr schien als das Lavieren eines hochgebildeten Hofmannes. Gleichwohl lag da in den Abgründen Anderes und Endgültigeres: Unterschiede des Wesens, zu denen vielleicht auch ein Spinoza nicht vordrang, der sonst so felsenfest an den Zwang des Schicksals, an die Unfreiheit des Willens glaubte. Konnte er, Leibniz, nicht aus Motiven, die mit dem Glanz lichtflimmernder fürstlicher Spiegelsäle und mit dem Duft von Pasteten und erlesenen Weinen durchaus nur sehr locker verknüpft waren, eben diese Säle suchen? Mußte er sie nicht suchen, wenn er in das lebendige Leben seiner Nation eingreifen, wenn er seinen innersten Drang nach mehr als papierenen, Taten erfüllen wollte? Ränkespiel? War es nicht eher Mathematik zur höheren Ehre Gottes, zum Wohl des Volks, was der Bürger der »freien« Niederlande so abgrundtief verachtete? So sehr verachtete, daß er sich inmitten dieses üppig sinnenderben Volkes körperlich zermürbte? Daß er schließlich, schwach und siech, geschüttelt durch Fieberphantasien, von seiner inneren Freiheit gar keinen Gebrauch würde machen können? Aber wie sollte er jetzt dem Leidensgezeichneten antworten, der aufgestanden war und in eigentümlich müder Haltung auf und nieder ging, als wollte er einen Aufhocker abschütteln, der ihn niederpreßte?

»Es sind das Fragen schwerster Verantwortung vor Gott und vor sich selbst«, sagte Leibniz leise. »Fragen, auf die eigentlich nur eine ferne Zukunft zureichende Antwort wird geben können. Ich meine die Fragen, die unsre ›Freiheit‹ betreffen. Und die Selbstgestaltung unsres äußeren Lebens. Besonders für Menschen, die nicht den ganzen Kosmos aus sich selbst herausholen können, sondern die sich stets durch äußere Anlässe und Erfahrungen in die Bahn des Notwendigen treiben lassen. Ich muß, auch seelisch, durch manche Länder reisen, Herr Spinoza, um meine eigene Seele zu finden. Mir scheint die Deutung näher zu liegen als die Gesetzgebung. Und ich werde nur zum Gesetzgeber, wenn ich ein ordnungsbedürftiges Chaos erblicke.«

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