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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 26
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Zwei Mitglieder der königlich Englischen Akademie der Wissenschaften

Kaum vierzehn Tage später stand Leibniz an einem übermäßig warmen Spätherbstnachmittag im holländischen Örtchen Delft vor der Gittertür eines Gartens, der das Häuschen des kuriosen Antoni van Leeuwenhoek umgab.

Leibniz stand vor dieser Tür mit einem Gefühl, das aus äußerster Belustigung und einer gewissen Befangenheit sich zusammensetzte. Denn die »Audienz« bei Leeuwenhoek war schwerer zu erreichen gewesen als ein Empfang beim allmächtigen Sonnenkönig.

Schon seit dem frühen Morgen hatte Leibniz im Städtchen Delft Versuche gemacht, sich dem Pförtner des Rathauses (denn diese Stelle bekleidete Leeuwenhoek) zu nähern. Es war fruchtlos gewesen. Leeuwenhoek war sofort ins Innere des Rathauses verschwunden und hatte einen Büttel mit der Frage zu Leibniz geschickt, was er eigentlich von ihm wolle. Leibniz hatte sich darauf berufen, er sei durch die englische Sozietät auf die hohe mikroskopische Kunst Leeuwenhoeks hingewiesen worden. Und deshalb sei er eigens zu dem Zwecke nach Delft gefahren, um eines dieser wunderbaren Mikroskope zu sehen. Er sei Doktor und Rat von Kurmainz und befinde sich auf der Reise nach Hannover, wo er die Bibliothek und eine Stelle im Rat des Herzogs übernehmen würde.

Die Titulaturen, meldete nach längerer Zeit der Büttel, sagten Herrn Leeuwenhoek nichts. Er sei selbst Mitglied der englischen Sozietät, wie der fremde Herr wohl in London erfahren habe dürfte. Er verlange nichts andres von der Mitwelt, als in Ruhe gelassen zu werden. Deshalb habe er schon weit höhere Herren abgewiesen. Übrigens sei er mit seinem Wissen nicht geizig. Herr Leibniz dürfte in London auch darüber belehrt worden sein, daß er, der arme Leeuwenhoek, ohne Lohn oder Verdienstabsicht, Hunderte von Berichten und Zeichnungen an die Akademie sende. Zuständige Herrn der Sozietät hätten sich durch Proben überzeugt, daß er nicht flunkere. Damit sei aber jede Notwendigkeit fortgefallen, einem Fremden zu zeigen, wie er es mache. Denn was er mache, sei der Wissenschaft bekannt und ohnedies zugänglich.

Leibniz, der in der Tat nur zum Besuche des sonderbaren Gelehrten nach Delft gereist war, hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, als er den Büttel diese anscheinend eingelernten und täglich gebrauchten Ausflüchte heruntersagen hörte.

Er versuchte also noch ein Letztes und ließ Herrn von Leeuwenhoek mitteilen, er selbst sei ja ebenfalls Mitglied der englischen Sozietät und er bitte als Kollege den Kollegen inständig, ihm einige Minuten Gehör zu schenken.

Wieder hatte Leeuwenhoek Leibniz reichlich lange warten lassen. Endlich war der Büttel erschienen und hatte, diesmal sehr mühsam und stolpernd, ausgerichtet, daß Herr Leibniz den Beweis erbringen möge, ob er wirklich zur Sozietät gehöre. Schwindler und Spione trieben sich genug umher. Außerdem müsse es sich Herr Leeuwenhoek auch dann noch reiflich überlegen, selbst wenn Herrn Leibniz der Beweis glücke. Kurz, Herr Leibniz möge nicht vor zwei Stunden wieder vorsprechen. Man würde dann sehen.

Leibniz hatte nicht an sich halten können und hellauf gelacht. Er hatte sich aber den entehrenden Bedingungen mit Humor gefügt, da sein Interesse durch den Widerstand dieses merkwürdigen Zauberers nur noch angefacht worden war.

Die Laune Leeuwenhoeks schien sich nach zwei Stunden. wesentlich gebessert zu haben. Er hatte das Bestallungsschreiben Leibnizens, das dieser hatte aus zahllosen Papieren in den Koffern heraussuchen müssen, ohne weiteren Protest als echt anerkannt und hatte Leibniz, wieder nur durch Vermittlung des Büttels, sagen lassen, er möge in Gottes Namen um drei Uhr nachmittags zu ihm ins Haus hinauskommen. Jedes Kind in Delft würde ihn hinführen. Übrigens habe Leibniz Glück gehabt. Denn er, Leeuwenhoek, habe sich an ein andres korrespondierendes Mitglied der Sozietät, Herrn Regnier de Graaf, der in Delft wohne, gewandt und die Auskunft erhalten, daß Herr Leibniz immerhin ein bedeutender Gelehrter sei. Was allerdings einen Mathematiker die Mikroskopie angehe, wisse er nicht. Aber die Menschen hätten eben ihre Eigenheiten und er sei klug genug, den Menschen solche Schwächen zu verzeihen.

So stand also Leibniz um Punkt drei Uhr glücklich vor dem Gittertor und schwor sich, seinen großen Kollegen sehr vorsichtig zu behandeln, um nicht noch in letzter Minute hinausgeworfen zu werden.

Leibniz erfreute sich an der frischen durchsonnten Luft und am Anblick der merkwürdigen Landschaft. Ebene, soweit das Auge reichte. Und überall Windmühlen. Dazu die Kanäle, die zwischen mächtigen Deichen liefen und auf denen, oft mitten aus den Marschen hervorlugend, ein Segel dahinzog, als ob es zwischen den Kühen über die Wiesen laufen wollte.

Eine muntere Frau in Holzpantoffeln, an deren Rock zwei Kinder hingen, kam durch den Garten, um die Türe zu öffnen.

Wer der Herr sei und was er wünsche, fragte sie freundlich, aber unerbittlich.

Leibniz befiel gelinde Verzweiflung. Hoffentlich ging die Zeremonie nicht wieder von Anfang an los. Und er war froh, sein Dekret bei sich zu haben. Beinahe verwirrt verbeugte er sich höfisch vor der einfachen Bauernfrau und übergab ihr das Papier. Sie musterte ihn mit harten stahlblauen Augen von oben bis unten und prüfte seinen Gesichtsausdruck. Sie schien zu argwöhnen, Leibniz wolle sich lustig machen.

Da gewann er, ohne es zu beabsichtigen, die Frau Leeuwenhoeks für sich. Er hatte nämlich plötzlich das neugierige Apfelgesicht des kleinen Mädelchens erblickt, das hinter dem Rock der Frau gegen ihn hervorlugte. Und hatte sich niedergebeugt, um dem Kind die Wange zu streicheln.

Das Mädchen aber trat unvermittelt hinter der Mutter hervor und reichte Leibniz ohne jede Scheu lächelnd die winzige Patschhand.

»Ihr scheint ein guter Mensch zu sein. Die kleine Antje läuft sonst vor Fremden davon«, quittierte Frau Leeuwenhoek die Szene. »Zuerst dachte ich mir, Ihr seid ein Spötter. Jetzt aber werde ich Euch helfen. Denn mein Mann hat es schon wieder bereut, Euch eingeladen zu haben. Ihr dürft ihm nicht zürnen. Er zeigt selbst uns nichts von dem, was er da jede freie Stunde treibt mit all seinen Käfern, Fliegen, fauligen Wässern, verendeten Tieren und was er sonst noch zusammenschleppt.« Und sie drehte sich, das Dekret in der Hand, zum Haus zurück.

Leibniz wagte es buchstäblich nicht, in den Garten einzutreten, sondern blieb beim Gittertürchen stehen und blickte über die sauberen Beete, auf denen noch leuchtende Herbstblumen blühten. Das Haus war ein roter Ziegelbau, in dessen Fenstern Töpfe mit Tulpen standen. Das Dach war mit dickem bemoostem Stroh gedeckt. Zur linken Hand – und das fiel Leibniz besonders auf – ragte ein Wasserspeier aus dem Stroh. Darunter aber, sauber ausgerichtet, befanden sich einige Fässer, die offenbar zum Aufsammeln des Regenwassers dienten.

Antoni von Leeuwenhoek schien eine besondere Vorliebe dafür zu besitzen, seine Mitmenschen warten zu lassen. Leibniz sah zwar nach geraumer Zeit eine große Katze am Haus vorbeischleichen, hörte einen Hund hinter dem Hause bellen, worauf einige Hühner kreischten und gackerten. Sonst aber schien alles ausgestorben zu sein.

Er nahm bereits das ganze Erlebnis von der spaßhaften Seite. Und er überlegte eben, ob er nicht doch endlich fortgehen müsse, als ihm das Dekret einfiel, das die Frau mitgenommen hatte. Schließlich konnte er es ja später wagen, ins Haus einzudringen.

Da kam, vollständig unvermittelt und äußerst langsam, ein untersetzter Herr in merkwürdiger Kleidung hinter dem Haus hervor, prüfte bedächtig die Fässer und blickte dann suchend umher.

Leibniz zwang sich mit äußerster Gewalt, ein unbeteiligtes Gesicht zur Schau zu tragen. Denn schon die Frau hatte sein höfliches Lächeln als die Geste eines Spötters ausgelegt.

Allerdings war es nicht ganz leicht, Haltung zu bewahren. Denn Leeuwenhoeks Beine steckten in einer Art von Filzröhren, wozu er mächtige Holzpantoffeln trug. In der oberen Hälfte dagegen war seine Kleidung durchaus gravitätisch. Schwarzer Gelehrtenrock, schwarze Weste mit Silberknöpfen, ein weißes, zu einem Knoten geschlungenes Halstuch und eine breite, mächtig gelockte Perücke.

Alles an diesem gutmütigen Gesicht war breit. Der Mund, die Backenknochen, die Stirne, die Nase. Besonders auffallend der weite Abstand der großen dickgeliderten Augen. Zwei mächtige Falten zogen sich von den Nasenflügeln, vorbei an den wulstigen Lippen, bis zum breiten Kinn hinunter, bildeten zusammen fast einen Kreis und verliehen Leeuwenhoek einen grinsenden Ausdruck.

Als er Leibniz erblickt hatte, war er durchaus nicht erstaunt. Er beschleunigte auch seine Schritte in keiner Weise. Er knirschte vielmehr mit einer gewissen Unabwendbarkeit heran, blieb dann stehen, verneigte sich kaum merklich und sagte mit tiefer, gedämpfter Baßstimme:

»Seien Sie willkommen, Herr Leibniz! Wir wollen keine Zeit verlieren. Das gute Licht gehört zum Mikroskop, wie die Finsternis zur Sternguckerei. Sie sind hoffentlich kein Cartesianer.«

Leibniz kam der letzte Satz höchst überraschend. Beschäftigte sich dieser Türschließer des Rathauses von Delft auch mit Philosophie? Würde er etwa auch auf diesem Gebiet eines Tages die Mitgliedschaft der Sozietät der Wissenschaften anstreben?

»Ich danke vor allem dafür, daß Sie mich empfingen«, erwiderte Leibniz und reichte Leeuwenhoek die Hand, die dieser höchst unwillig ergriff und sogleich wieder losließ. »Nun darf ich aber fragen, was Sie gegen die Cartesianer einzuwenden haben. Descartes war ein erleuchteter Mathematiker. Sicher sind Ihre Ablehnungsgründe reiflich erwogen.«

Leeuwenhoek sah Leibniz an, als ob er einen Irrsinnigen vor sich habe.

»Wollen Sie streiten, Herr Leibniz? Dann sagen Sie es lieber gleich. Mathematiker? Was geht mich das an, wenn einer seine Dreiecke und Hexenzeichen auf schönes Papier kritzelt und dann noch ernstlich behauptet, der Kreis sei rund. Gar nichts ist er. Ein häßliches Durcheinander von Klecksen und schmutzigen Punkten ist so ein Kreis. Wie ich ihn nämlich durch meine Linsen sehe. Wozu soll ich da noch etwas reiflich erwägen? Die ganze Mathematik ist ein Humbug und Herr Cartesius imponiert mir als Mathematiker nicht mehr denn als Philosoph.« Er hielt einen Augenblick ein. Dann machte er eine Gebärde gegen Leibniz, er möge schweigen, und schloß: »Natürlich wollen Sie streiten. Ich merke es Ihrem Gesicht an. Alle wollen mir abstreiten, was ich täglich sehe. Darum mag ich mit niemand reden. Sie wollen jetzt sagen, der gezeichnete Kreis ist kein Kreis. Der richtige Kreis hat eine so dünne Linie, daß sie auch noch unter dem Mikroskop eine Linie ist. Das gibt es eben nicht, mein Lieber. Das bildet ihr euch alle ein. Ich habe die feinsten Linien gezogen und sie waren noch immer ein Durcheinander von Klecksen und rissigen, zerfransten Rändern. Daher gibt es für mich keine Linien. Was nicht zu erzeugen ist, existiert nicht. Schluß. Das wollte ich aber gar nicht erörtern. Ich wollte nur sagen, daß die Lehre des Cartesius ebenso unsinnig ist wie seine Mathematik. Die Tiere sollen Maschinen sein, sollen keine Seele haben? Wo steht das? In der heiligen Schrift? Wenn ein Tier schreit, ist das dasselbe, wie wenn eine Wagenachse quietscht? Gott habe Herrn Descartes selig, aber ich möchte ihm wünschen, im Fegefeuer ein gepeinigtes Tier zu sein. Für acht Tage. Woher weiß übrigens Cartesius, wie die Tiere aussehen? Er kennt nur einen winzigen Bruchteil aller Kreaturen Gottes. Und warum weiß er nichts? Warum wißt ihr alle nichts? Weil ihr nie durch ein Mikroskop geblickt habt.«

»Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen, Herr Leeuwenhoek, um diesen Mangel meiner Bildung zu ergänzen. Im übrigen bin ich bezüglich der Tierseele vollständig Ihrer Ansicht. Ich werde diese Ansicht auch stets mit Nachdruck vertreten.«

Leeuwenhoek sah Leibniz mißtrauisch an:

»Warum haben Sie mich dann durch Ihre fortwährenden Einwände aufgehalten? Vielleicht, damit wir das beste Licht versäumen? Also gut, Sie sind kein Cartesianer. Gott sei's gedankt. Obwohl Sie wahrscheinlich trotzdem glauben, der Kreis sei rund und die gerade Linie sauber. Das will ich Ihnen verzeihen. Jetzt aber kommen Sie endlich.« Und er wandte sich herum und knirschte langsam und unaufhaltsam über den Kies.

Leibniz biß sich in die Lippe. Er nahm sich vor, das Gelächter am Abend im Gasthof nachzuholen.

Leeuwenhoek betrachtete beim Vorübergehen wieder sinnend die Fässer, denen ein modriger Geruch entströmte. In einem dieser oben offenen Behältnisse schwamm eine dicke hellgrüne Algenschicht auf der Oberfläche.

»Das geht uns vorläufig gar nichts an. Alles nach der Reihe«, brummte Leeuwenhoek, als er merkte, daß sich Leibniz für die Fässer interessierte.

Dann bog er um die Schmalwand des Hauses, schrie die Hühner an, die ihm im Wege waren, und ging zu einem kleinen Schuppen, der hinten an das Haus angebaut war. Umständlich öffnete er mehrere Schlösser.

»Nicht eine Minute darf die Tür offenstehen«, brummte Leeuwenhoek weiter. »Die ganze Welt will mir meine Mikroskope stehlen. Seit ich nämlich erklärt habe, daß es mir für alles Geld der Erde nicht einfällt, auch nur das schlechteste zu verkaufen. O ja, ich könnte heute schon reicher sein, als der größte Kaufherr in Amsterdam. Aber ich habe das Gegenteil gemacht. Durch einen Vermittler ließ ich das beste Mikroskop, das es heute gibt, in London kaufen. Fast ein Jahr haben wir deshalb gehungert. Meine Frau wollte fortlaufen. Wissen Sie, was ich da fand?«

»Nein, ich kann es nicht erraten. Ich sah zwar in London Mikroskope. Aber sie sind, denke ich, noch recht unvollkommen.« Leibniz legte jedes Wort auf die Waagschale. Es nützte ihm aber nichts.

Leeuwenhoek ließ vor Entsetzen fast die Schlüssel fallen.

»Nun, Ihre Ahnung von Mikroskopen ist auch noch recht unvollkommen, Herr Leibniz.« Leeuwenhoek lachte plötzlich merkwürdig hoch und schrill. »Recht unvollkommen?« wiederholte er dann im Ton abgrundtiefer Verzweiflung. »Überhaupt nichts wert sind sie. Sind durch und durch keine Mikroskope. Sind elende Glasstücke, mit denen man nichts entdecken kann als optische Fehler oder Zerrbilder der Wirklichkeit. Recht unvollkommen?« Wieder schlug er in das Diskant-Gelächter um. »Mein schlechtestes, zerbrochenstes Mikroskop ist zehnmal besser als dieses beste englische. Wenn ich eine Stunde darauf herumtrample und die Linse zerkratze, bleibt es besser. Davon eben wollte ich mich überzeugen. Dafür habe ich ein Jahr gehungert. Bilden Sie sich übrigens ja nicht ein, Herr Leibniz, daß Sie meine besten Instrumente sehen werden! Die benütze nur ich selbst. Ob Sie es nun gutheißen oder nicht. Ich habe mir jedoch vorgenommen, diese Dinge, die man eben nur durch meine Mikroskope wahrnimmt, als erster unter allen Menschen zu sehen. Ich erzeuge die Linsen ja nicht dazu, daß jeder Laffe vielleicht vor mir etwas entdeckt. Soll er sich selbst Mikroskope machen, wenn er es kann. Damit mir aber niemand weiter vorwirft, daß ich die Welt und die Wissenschaft um wichtige Entdeckungen betrüge, zeichne ich alles, was ich sehe, beschreibe es und schicke es der Royal Society. Wer daran zweifelt, soll es sagen. Ich werde antworten. Jetzt aber bin ich müde, zu streiten. Treten Sie ein, Herr Leibniz, und gehorchen Sie mir bei jedem Handgriff. Sie verstehen nichts davon und werden die Mikroskope zuerst anfassen wie Dreschflegel. Deshalb muß ich Gehorsam verlangen.« Leeuwenhoek stieß die Tür auf.

Zuerst erblickte Leibniz im kleinen Raum nur einen ungeheuren Wirrwarr. Es standen da einige Drehbänke, wie sie zum Herstellen von feinen Metallteilen und Linsen dienten. Außerdem lag viel Werkzeug umher. Auf Borden gab es zahllose Gläser und Flaschen, gefüllt mit Flüssigkeiten in den verschiedensten Farben. Leibniz schien es sogar, als ob sich in einigen Flaschen Kaulquappen und Wasserkäfer tummelten. Was ihn angesichts der Jahreszeit in Staunen setzte. Daß es im Raume sonderlich gut roch, konnte man nicht behaupten. Es lagen aber auch auf Schüsseln tote, halb ausgeweidete Fische, allerlei Insekten und andere Kadaver.

»Auch das kümmert uns nichts«, entschied Leeuwenhoek, als er Leibnizens verstohlene Blicke merkte. »Sehen Sie sich lieber die Mikroskope an.«

Und er schloß einen großen buntbemalten Schrank auf, aus dem es sogleich von poliertem Messing, Stahl und Silber hervorfunkelte. Auf mehreren Etagen lagen da wohl weit über hundert Instrumente, die ineinander in Form und Größe einigermaßen glichen. Allerdings gab es, sorgfältig von den übrigen gesondert, einige Ausnahmen. Gleichsam Riesen und Zwerge.

Leeuwenhoek nahm aus der Mitte des Schrankes ein Mikroskop heraus, hielt es Leibniz beinahe unter die Nase und sagte:

»Die Messingplatte hat nichts zu bedeuten. Ob sie nun groß wie eine Hand ist wie hier, oder größer oder kleiner. Sie soll nur das unnötige Licht abdecken. Das da oben aber, das wie ein Edelstein gefaßt ist, das ist die Linse. Ich habe Jahre lang die Glasschleiferei und weitere Jahre die Juwelierkunst gelernt. Auf die Genauigkeit der Linse und der Fassung kommt es an. Sonst auf nichts. Auf der Rückseite der Platte aber sehen Sie die Schraube. An ihrer Spitze sitzt eine Nadel wie hier. Zum Aufspießen des Gegenstandes. Oder, wie bei anderen Mikroskopen, ein dünnes Glasrohr. Oder noch andres. Mit der Schraube aber kann ich das Ding, das ich betrachte, drehen und hinter der Linse vorbeibewegen. Natürlich muß es genau in der richtigen Entfernung von der Linse sitzen. Um das zu können, mußte ich Mechanikus werden. Ich habe aber noch etwas anderes erfunden.«

Er legte das Mikroskop zurück und hielt Leibniz ein zweites vor die Augen. »Sehen Sie, da hinten um die Linse herum sitzt ein Hohlspiegel, durch dessen Mitte man durchguckt. Er wirft seine Strahlen genau auf den Punkt, den man betrachtet. Dadurch hat man genügend Licht für manche Fälle. Denn wenn man riesengroß sehen will, muß die Linse winzig sein. Wenn sie aber winzig ist, dringt nur ein winziges Lichtbündel durch und alles wird sehr dunkel. Manche zerbrechen sich über solche Dinge den Kopf, habe ich gehört, und rechnen herum. Ich finde, es ist nicht anders als bei einem Fenster. Je größer es ist, desto heller wird die Stube. Je kleiner es ist, desto finsterer. Über den Spiegel aber schweigen Sie gefälligst. Davon weiß noch niemand etwas. Auch die Herren in London nicht. Aber meine Frau hat mir gesagt, daß Antje sich vor Ihnen nicht gefürchtet hat. Kinder und Tiere wissen oft mehr als Menschen. Das sage ich Ihnen, obwohl Sie streitsüchtig sind. Und jetzt werden wir uns einiges ansehen. Kommen Sie wieder hinaus. Hier stinkt es Ihnen ohnedies zu stark. Leider verträgt sich wahre Wissenschaft schlecht mit großer Feinheit und Vornehmheit.« Während dieser langen Rede hatte Leeuwenhoek schon eine größere Anzahl von Mikroskopen ebenso langsam als sorgfältig ausgewählt, schob sie nebeneinander in die Falze eines Kistchens, verschloß zuerst den Kasten, dann das Kistchen und stapfte zur Tür hinaus.

Leibniz folgte ihm und bemerkte zu seinem Erstaunen, daß trotz aller Skurrilität des Mannes und der ganzen Lage sein Herz pochte, als ob er vor großen Entscheidungen stände.

Die beiden gingen wieder um das Haus herum in den vorderen Teil des Gartens, und Leeuwenhoek spähte mißtrauisch umher, ob kein Beobachter in der Nähe sei. Als alles im weitesten Umkreis still und leer blieb, brummte er etwas vor sich hin und führte Leibniz in eine kleine Laube, in der ein Tisch und eine Bank standen. Auf den Tisch stellte er sein Kistchen und zog aus der Tasche eine Dose hervor, die er öffnete und in der eine Menge von Glasplättchen und Glasröhrchen sichtbar wurde.

»Es sind die Gegenstände, die wir vorläufig ansehen wollen«, sagte Leeuwenhoek, während er ein Glasplättchen auf der Klemmschraube eines der Mikroskope zu befestigen begann. »Ich zeige Ihnen nur wirklich winzige Dinge. Einen ganzen Käfer oder dergleichen kann man auch durch eine der dreckigen englischen Lupen betrachten. Und nun halten Sie gefälligst das Mikroskop am besten gegen eine weiße Wolke. Daß Sie ein Auge zukneifen müssen, dürften Sie wissen. Ich brauche auch das nicht. Ich habe eine solche Übung, daß ich das eine Auge gleichsam ausschalten kann.« Er reichte Leibniz das Mikroskop, der es behutsam ans Auge führte. »Ach, Sie sind nicht einmal so ungeschickt!« setzte Leeuwenhoek anerkennend fort. Gleich aber schrie er: »Schraube auslassen! Sie verderben alles, Sie Mathematiker!«

Leibniz ließ sich nicht stören, faßte das Instrument noch sorgfältiger an und war schon durch den ersten Blick so gefangen, daß er die Umgebung vergaß.

»Was ist das?« schreckte ihn die dumpf grollende Stimme Leeuwenhoeks auf.

»Es sieht wie Dachziegel aus. Ein Mosaik bunter Dachziegel«, erwiderte Leibniz.

»Dachziegel? Hahaha!« gröhlteLeeuwenhoek.»Brav,Freundchen! Besser ist noch immer eine kindliche Antwort als eine verblödete gelehrte. Das sind die Schuppen am Flügel eines Schmetterlings. Der Schmelz, der dem rohen Schmetterlingsjäger die Finger färbt. Das sind Ihre Dachziegel, Herr Mathematiker.«

Und er bereitete schon mit einer Schnelligkeit, die ihm sonst fremd war, andere Mikroskope vor und versah sie mit Objekten.

Bei jeder neuen Demonstration ereigneten sich ähnliche Frage- und Antwortspiele wie beim Schmetterlingsflügel, und Leibniz bemerkte bald, daß sich Leeuwenhoek desto unbändiger freute, je naiver er antwortete. Nur achtete Leibniz sorgsam darauf, nicht zu übertreiben. Denn ein Scherz, den er einmal machte, hätte fast zur Beendigung der Demonstration geführt. Es sei gut, hatte Leeuwenhoek erklärt, wenn der Herr Mathematikus das, was er sehe, vorerst mit Formen vergleiche, die ihm aus der Welt des Großen geläufig seien. Etwa das Fliegenauge mit einer Bienenwabe und dergleichen mehr. Solche Vergleiche schärften das Sehen. Zu Witzen aber sei ganz und gar kein Anlaß. Er, Leeuwenhoek, sei kein dummer Bauer, daß er den Spott nicht merke, sondern er sei, was auch der streitsüchtige Herr Leibniz dagegen behaupten wolle, unzweifelhaft der größte Mikroskopiker der Vergangenheit und Gegenwart. Herr Leibniz möge sich lieber ehrfürchtig über Gottes Macht wundern, der so winzige Geschöpfe mit solch verwickelten und präzisen Organen ausgestattet habe. Was sei der geschickteste Mechanikus im Vergleich zu solcher Kunst für ein elender Stümper ?

Da Leibniz aus vollem Herzen den letzten Sätzen zugestimmt und sie noch erweitert hatte, war die Katastrophe abgewendet worden.

Und Leibniz konnte ein Wunder nach dem anderen erblicken: Die stachelbewehrte Zunge der Schnecke, deren raspelartiger Bau das Durchlöchern dicker Blätter verständlich machte, die bizarre unheimliche Erscheinung einer Käsemilbe mit ihren Spinnenbeinen, die wildbeborsteten Glieder von allerlei Insekten, die herrlichen Fächer der Fühler, die schuppige, an einen Palmenschaft mahnende Oberfläche eines Schafwollfadens, die glasig-röhrenförmige Struktur eines Menschenhaares, die geschichteten Kügelchen, die Leeuwenhoek als Mehlstaub erklärte, und noch vieles anderes mehr.

Beim Stachel der Biene, der wie ein gelbes, durchscheinendes Horn sich im Gesichtsfeld bog und dabei auch noch den feinen Giftkanal offenbarte, brummte Leeuwenhoek:

»Das nenne ich spitzig, Herr Leibniz! So hat Gott eine Spitze gemacht. Sehen Sie sich daneben die spitzeste Nadel an, die ich habe. Pfui Teufel! Stumpfes Stümperwerk. Man wundert sich, daß man sich mit diesem groben Balken überhaupt stechen kann.« Er setzte nach einer Pause fort: »Und jetzt bilden Sie sich wahrscheinlich ein, Herr Mathematikus, Sie hätten etwas gesehen und könnten schon mitreden? Nichts haben Sie noch gesehen. Rein gar nichts.«

Leibniz, den die Schau dieser bisher unbekannten Farbentönungen und Formen, diese ganze jenseitige, richtiger gesagt, unter dem Diesseits liegende Welt so sehr gefangen genommen hatte, daß seine Wangen bereits glühten und sein ganzer Kopf mit Bildern erfüllt war, blickte erstaunt zu Leeuwenhoek, als dieser ihm das Mikroskop mit dem Bienenstachel fortnahm.

Leeuwenhoek, der jede feinste Regung zu beobachten und vom Gesichte abzulesen schien, lachte wieder hoch und schrill.

»Ja, mein Wertester«, sagte er dann, »wenn ich der bösartige, schrullenhafte Kerl wäre, als den mich meine zahlreichen Feinde hinstellen, dann würde ich den Kasten jetzt zuklappen, würde Ihnen ein Glas Branntwein anbieten und Sie verabschieden. Ich bin aber trotz aller Verleumdung ein guter Mensch und man verkennt mich nur, weil ich eben zuerst Gott und dann erst den Menschen diene. Und Sie sind gottlob kein Cartesianer. Ich will aber nicht nur von Descartes nichts wissen, sondern überhaupt von allen Philosophen. Da man leider diese ganze Brut nicht totschlagen kann, muß man die wenigen, die noch zu retten sind, retten. Und darum werde ich Ihnen, der auch solch ein halber Schalksnarr von Philosophen ist, etwas mehr zeigen als den anderen. Ich habe eines meiner eigenen, privaten Mikroskope hier in der Kiste. Eines mit einem Hohlspiegel. Und ich rate Ihnen, über das, was Sie jetzt sehen werden, zeitlebens nachzudenken. Vielleicht kommt aus dieser wahren und göttlichen Wirklichkeit einmal etwas mehr heraus als aus all dem Geschwätz, das gesunden Menschen den Magen verdirbt und kranke Menschen rasch und unfehlbar tötet.«

Und er nahm ein Glasröhrchen und stapfte mit seinen knarrenden Holzpantoffeln unaufhaltsam davon.

Leibniz aber vergaß alles um sich her, denn jetzt schon drängte eine große Erleuchtung in ihm empor: Er erfaßte nämlich mit einem Schlag die ungeheure Erkenntniskraft des reinen, hingegebenen Schauens. Und er hatte kaum noch seine Haltung verändert, als Leeuwenhoek schon wieder von den Fässern zurückkam und ein wenig zögernd sein Heiligtum, ein gold- und silberfunkelndes Instrument, dem Kästchen entnahm.

Wieder prüfte er vorerst Leibniz mit einem kurzen Blick. Diesem wunderbaren Augenmenschen Leeuwenhoek schien nichts unsichtbar, nichts verborgen zu bleiben.

»Sie haben jetzt endlich die Größe der Angelegenheit begriffen«, murmelte Leeuwenhoek. Dann schraubte er weit länger als sonst und äußerst sorgfältig an seinem Mikroskop herum. »So, und jetzt halten Sie das Instrument so ruhig als Sie es können. Und seien Sie nicht ungeduldig. Es wird einige Herzschläge währen, bis Sie etwas Rechtes sehen. Es gibt da Dinge, die nicht so groß sind als der tausendste Teil eines Zolls. Vielleicht noch viel kleiner.«

Leibniz zitterte ein wenig mit den Händen, als er das funkelnde Messinggebilde ans Auge rückte. Er hatte das Gefühl entscheidender Momente. Nicht nur für sein Einzelleben. Mehr noch für den Fortschritt des Weltverstehens.

Und er hätte fast einen Laut der Verwunderung ausgestoßen. Was ging da vor? Was wimmelte da tausendfältig umher? Mitten in den Dickichten eines hellgrünen, üppigen, grotesken Zauberwaldes? Wie Milchglas durchscheinende, eiförmige Wesen torkelten durch das Dickicht. Kollerten sich, strudelten Wirbel im Wasser, daß alles das Winzige um sie herum in Aufregung geriet. Was schoß da aus dem Nichts hervor und verschwand wieder? Spiralen, zuckende Stäbchen, kleinere gallertige Kügelchen, plötzlich aufleuchtend wie Edelsteine in Regenbogenfarben. Und dort streckte sich unvermittelt von einem der grünen Schachtelhalme ein langer Stengel, an dessen Ende eine kleine Glocke saß, und zuckte zurück, daß sich der Stiel wie ein Pfropfenzieher wand und zur Spirale verkürzte. Und in all diesen bewegten Leibern lebte es. Wimmelte es von verschluckten kleineren Wesen. Und man sah in den Körperchen gewundene Därme, graue Körnchen und Hohlräume, die wohl die Organe waren. Da erschrak Leibniz. Denn ein riesenhaftes, furchtbares Fabelwesen, halb Krebs, halb Drache, ruderte in all das Gewimmel hinein und erzeugte wilden Aufruhr. Gräßlich der Kopf mit leuchtend roten Augen. Aber auch dieser Körper war durchsichtig wie Kristall, alles wogte in seinem Innern und hinten hingen wie ein breiter Krebsschwanz Säckchen mit zahllosen Eiern. Ja, das konnten nur Eier sein. Leibniz erfaßte es instinktiv. Und je länger er in das Wunder dieser Kleinwelt starrte, desto kleinere und wieder kleinere Wesen glaubte er zu erblicken, bis im Hintergrund nichts als ein Flirren und Tanzen von Pünktchen übrig blieb.

Leeuwenhoek ließ Leibniz gewähren, wollte es sogar nicht merken, als dieser an der Schraube drehte und dadurch wieder andre Welten ins Gesichtsfeld bekam. Er setzte sich auf die Bank und betrachtete durch ein andres Mikroskop modriges Holz, das er von der Tischplatte mit dem Fingernagel abgekratzt hatte.

Wie lange die beiden schwiegen, hätte keiner von ihnen angeben können.

Endlich sagte Leeuwenhoek halb brummig, halb befriedigt:

»Sie sind zwar streitsüchtig, mein Werter, aber Sie haben echte Liebe zur Wissenschaft. Obgleich Sie Cartesius für einen großen Mann halten und an das Rundsein des Kreises glauben. Trotzdem werden Sie nie vergessen, was Sie heute erblickten. Und Sie werden hoffentlich auch so viel Ehrfurcht und Demut besitzen, diese Wunder Gottes nicht durch allzuviel Geschwätz zu vernebeln und zu entstellen. Jetzt aber kommen Sie in die Stube zu einem Glas Branntwein. Und zu den Kindern. Ich verstehe zwar nicht ganz, was diese lieben Kleinen an so einem händelsüchtigen Fremden gefressen haben. Aber die Kinder wissen das besser, weil ihre Augen noch unverdorbener sind als selbst die Augen eines, ich meine des größten Mikroskopikers. Wir werden jetzt alles verschließen. Später zeige ich Ihnen vielleicht noch Ihren sagenhaften runden Kreis und Ihre ›sauberen‹ Linien. Also kommen Sie, erstaunter Herr Mathematikus!«

»Sie selbst sind ein Wunder!« entfuhr es Leibniz.

»Das möchte ich mir verbeten haben«, dröhnte Leeuwenhoek. »Aber jetzt wollen wir Branntwein trinken. Darum hören Sie endlich auf mit Ihren Angriffen und Feindseligkeiten.«

Und er knirschte unaufhaltsam voraus.

Leibniz aber folgte in einer merkwürdig freudigen und gelösten Stimmung und blickte selig hinaus in die Welt des unendlich Großen. Über die Marschen, hinauf zu den weißen Wolken, zur strahlenden Sonne. Und eine endlose Stufenleiter schien sich ihm zu erstrecken vom Kleinsten bis zum Größten. Erfüllt und beseelt vom bunten Gewimmel alles Erschaffenen.

Da liefen die Kinder jubelnd aus der Tür, die Leeuwenhoek geöffnet hatte, und drängten sich neugierig an den Fremden, der ihnen gleichwohl verwandt dünkte.

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