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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 24
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Spannungen und Lösungen

Leibniz hatte dem Grafen Tschirnhaus die Rechenmaschine gezeigt und noch manches mit ihm gesprochen. Trotz der Kürze ihrer Bekanntschaft waren die beiden schon so befreundet, daß Leibniz vielmehr aus sich herausging, als er es sonst gewohnt war.

Eben wollte sich Tschirnhaus empfehlen, als nach hartem Anpochen Philipp Wilhelm von Boineburg sehr bleich ins Zimmer trat.

Mit strahlenden Augen klirrte Tschirnhaus auf den dunkel gekleideten Jüngling zu.

»Ich beneide Sie, Baron Boineburg, ich beneide Sie so sehr, daß ich es gar nicht ausdrücken kann«, schmetterte er Philipp Wilhelm entgegen.

»Wir haben uns seit dem Tod meines Vaters nicht gesehen«, erwiderte Boineburg eisig und noch um einen Schatten blässer. »Wenn Sie zu Herrn Leibniz fanden, hätten Sie auch zu mir finden können. Meinetwegen erst heute. Aber doch wenigstens irgend einmal.«

»Graf Tschirnhaus hat mir mathematische Neuigkeiten berichtet. Es ist meine Schuld, daß wir uns verplauderten«, suchte Leibniz zu vermitteln, da ihn der Gesichtsausdruck Boineburgs erschreckte. Auch ein flüchtiger Blick auf Tschirnhaus, über dessen Wangen grelle Röte loderte, ließ ihn einen bösen Auftritt befürchten.

»Ach, Herr Leibniz, Sie wollen wahrscheinlich noch behaupten, Graf Tschirnhaus habe sich bloß in der Tür geirrt und sei rein zufällig in Ihre Fänge geraten.« Der Ton Philipp Wilhelms wurde höhnisch.

Inzwischen hatte sich Tschirnhaus gefaßt. Er wollte nicht streiten an diesem herrlichen Tage. So begütigte er:

»Mein Gott, Baron Boineburg, seien Sie nicht so streng mit mir! Ich habe mich gewiß nicht gut gegen Sie betragen. Aber ich bin seit dem Krieg ein Halbwilder und habe mir eingebildet, mein wirklich tiefes Mitgefühl mit Ihrem Schmerz hätten Sie halbwegs aus meinem Brief entnommen. In der strengen Form und Etikette bin ich unbeholfen...«

»Es handelt sich nicht um Form und Etikette. Es handelt sich mir um den Takt des Herzens.« Philipp Wilhelm zitterte sichtbar vor Erregung.

»Mäßigen Sie sich, Philipp Wilhelm!« mahnte Leibniz und schüttelte entsetzt den Kopf. »Graf Tschirnhaus ist mein Gast, wenn Sie es schon nicht beachten, daß er in diesem Hause auch Ihr Gast ist.«

»Durch Ihr Gerede, Herr Leibniz, wird die Sache nicht besser. Sie reizen mich nur zu Dingen, die lieber ungeschehen blieben. Ich wollte Ihnen bloß mitteilen, daß Obermarschall von Schönborn eben aus Mainz zurückgekehrt ist. Im übrigen will ich nicht weiter stören. Es fällt mir nicht ein, mich dem Herrn Leibniz oder seinem neuesten Busenfreund aufzudrängen.«

»Sie sind kindisch, Philipp Wilhelm. Niemand hat Ihnen das geringste angetan.« Leibniz fuhr auf.

»Ich werde gehen«, sagte Tschirnhaus mitverzerrtem Lächeln. Seine Augen blitzten gefährlich.

Boineburg lachte gekünstelt auf:

»Jetzt wird noch Leibniz uns antragen, das Zimmer zu verlassen. Pfui Teufel! Das ist eine Komödie. Damit Sie aber wenigstens wissen, warum ich so erzürnt bin. Und damit Sie wissen, daß es bei Gott keine Kinderei ist, stelle ich eine Frage an Sie beide. Eine allerletzte Frage. Finden Sie es wirklich geschmackvoll, wenn mir ein Freund, den ich seit dem Tode des Vaters nicht zu Gesicht bekam, beim ersten Zusammentreffen selig ins Gesicht wirft, daß er mich beneide? Worum beneidet mich Graf Tschirnhaus, der mir diese moralische Ohrfeige versetzte?«

»Aber Baron Boineburg, was fällt Ihnen ein?« Tschirnhaus war ehrlich bestürzt. »Sie billigen mir heute wirklich nicht das kleinste Restchen von gutem Glauben zu. Ich will Sie sicherlich nicht noch einmal kränken, aber...«

»Was aber? Sagen Sie es nur!« Boineburg ballte die Fäuste.

»Ich sage es ruhig.« Tschirnhaus reckte sich plötzlich wie ein sprungbereiter Panther. Dann setzte er schneidend fort: »Ich wollte sagen, daß ich es bedaure, nicht einen Gegner vor mir zu haben, der um einige Jahre älter ist. Ich könnte dann kürzer antworten...«

»Antworten Sie, wie es Ihnen beliebt. Warum soll sich nicht einmal auch ein Sechzehnjähriger schlagen? Gut, ich werde unterliegen, fallen, durchstochen werden. Das Recht wird trotzdem auf meiner Seite sein.« Boineburgs Kinn zuckte in hilflosem Zorn.

»Nein, nein, nein!« In Tschirnhaus war wieder eine Welle von Gutmütigkeit emporgestiegen. »Auch so habe ich es nicht gemeint. Sie sind ein braver, ein tapferer Kerl, Boineburg, ein ganzer Mann!«

»Ich verzichte auf Zensuren!« Boineburg schüttelte sich wie im Ekel.

Da legte ihm Tschirnhaus mit unwiderstehlicher Kraft die derbe Hand auf die zarte Knabenschulter:

»Wollen Sie es nicht endlich begreifen, wissen Sie es denn nicht aus Erfahrung, aus eigener Erfahrung, was ich sagen wollte?« Und er blickte ihm treuherzig ins Gesicht.

Leibniz, der wußte, daß eine Katastrophe unmittelbar bevorstand, sah gleichwohl ein, es sei jetzt zu spät zur Vermittlung. Denn Boineburg hatte plötzlich leise zu lächeln begonnen. Aus jener tieferen Schicht von lauerndem Hohn unter scheinbarem Nachgeben, das Leibniz vielleicht als Einziger genau an diesem Jüngling kannte, und das ausnahmslos die Vorbereitung zum allerletzten Hieb bedeutete.

Wie Leibniz es nicht anders erwartet hatte, ließ sich auch Tschirnhaus sogleich täuschen, dies um so mehr, als Philipp Wilhelm sehr ruhig fragte:

»Sollte ich mich mit meiner Vermutung geirrt haben?«

»Gewiß, Sie haben sich geirrt«, polterte Tschirnhaus treuherzig los. »Sie haben sich ungeheuer geirrt. Meine ungeschickte Bemerkung bedeutete doch wirklich nichts anderes, als daß ich Sie um Ihren Lehrer, unsern großen Leibniz beneide. Ich stand noch ganz unter dem Eindruck einer titanischen Stunde, als Sie hereinkamen. Einer Stunde, in der ich die Geburt weltbewegender Großtaten miterleben durfte ...«

Wieder lachte Boineburg auf und schüttelte dabei die Hand des Grafen Tschirnhaus ab, die noch immer auf seiner Schulter ruhte.

»Also das hieß es?« Er machte mit der Linken eine wegwerfende Gebärde. »Dann ist ja wohl alles in schönster Ordnung. Nur irren Sie, Graf Tschirnhaus, in einem wesentlichen Punkt. Sie brauchen mich nämlich wirklich nicht weiter zu beneiden. Ich habe mich eben endgültig entschlossen, übermorgen Paris für lange Zeit, vielleicht für immer, zu verlassen und mich nach Mainz oder Frankfurt zurückzuziehen. Nicht wahr, Herr Leibniz, auch für Sie ist das eine angenehme Überraschung? Sie sind dadurch einer großen Sorge und Verantwortung enthoben. Aber Sie müssen es einsehen, besonders Sie, Graf Tschirnhaus, der heute dieses einzigartige Wunder Leibniz erlebte. Man ist einfach außerstande, immer in die Sonne zu schauen. Man wird schließlich blind von all dem Glanz.« Und er drehte sich nach leichter höhnischer Verbeugung um und verließ das Zimmer.

Es war nicht persönliche Kränkung, was in Leibniz in den nächsten Sekunden ein wildes Aufschäumen aller Gefühle entfesselte. Diese Stunde, den Bruch mit Philipp Wilhelm, hatte er längst kommen gesehen. Er wußte auch, daß der Jüngling seinen Entschluß unabänderlich durchführen würde. Aber dieser Entschluß – und das wurde Leibniz jetzt erst klar – hatte eine ungeheure praktische Bedeutung für ihn, griff mit roher Hand in sein Schicksal. Und auch das schien Philipp Wilhelm genau gewußt zu haben, als er gerade in dieser Richtung handelte. Leibniz hatte nämlich durch die Abreise des Schülers den letzten Scheingrund verloren, als Deutscher weiter in Paris zu bleiben. Denn wenn es ihm auch im günstigsten Falle gelang, eine auskömmliche Stellung in Paris zu erlangen, so war er dadurch ununterbrochen in höchster Gefahr, direkt oder indirekt als Werkzeug gegen sein Vaterland gebraucht zu werden. Er war nicht nur Mathematiker und Physiker wie etwa Huygens. Man wußte, daß er Jurist, Diplomat, Historiker, Theologe und Philisoph war. Und man würde ihn eben – er hörte förmlich die Stimme Colberts und des Marquis von Varonne – »seinen Fähigkeiten gemäß verwenden«. Das konnte heißen, daß er dann sprechen mußte, schreiben mußte, amtieren mußte. Als Ausleger und Advokat der Rechte Ludwigs, als Geschichtsschreiber, der Ludwigs Ansprüche auf deutsches Land zu begründen hatte, als Philosoph, der fremde Weltanschauungen zur Formulierung bekam, als Diplomat, der vielleicht in die deutsche Heimat geschickt wurde, um französische Forderungen durchzudrücken oder deutsche Stimmungen zu sondieren.

Nein, in diese Lage durfte er sich nicht bringen, auch nicht für Glanz, Rang und Geld. Und auch nicht für seine idealen Ziele.

Wenn er aber keine Stellung in Frankreich anstrebte, dann war er wahrscheinlich um Jahre, um Jahrzehnte zurückgeschlagen. Dann bedeutete dieser Verzicht Trennung von Huygens, von Arnaud, von Tschirnhaus; bedeutete Trennung von den Bibliotheken und Sammlungen. Und bedeutete die geistige Niederlage Deutschlands. Denn wie kein zweiter Deutscher wußte er, daß England und Frankreich nicht schliefen, daß gerade hier die »anonyme« Wissenschaft, reif zum Aufheben, an der Oberfläche lag. Und daß jeden Tag ein Huygens, ein Pell, ein Wallis oder der geheimnisumsponnene Isaac Newton den großen Algorithmus der höheren Mathematik als erster ans Tageslicht ziehen konnte. Während er vielleicht an einer kleinen Universität Deutschlands sein kümmerliches Brot durch zeitfressende »subtile und akribe« Forschungen und Vorlesungen fand, wenn es noch gut ging. Wenn er sich nicht einem Fürsten als Hofmann oder Bibliothekar verschreiben mußte. Denn ob der neue Kurfürst Beilstein-Metternich als Erzbischof den Religionsunterschied im Interesse der deutschen Sache ebenso verzeihend hinnehmen würde wie ein Boineburg oder Schönborn, war mehr als zweifelhaft. Um so zweifelhafter, als ja die Verwandten Boineburgs schon heute gegen Leibniz arbeiteten und der zurückgekehrte Philipp Wilhelm sich kaum als Beschwichtiger dieser Intrigen bewähren würde.

Während dies alles blitzartig durch die Gedanken Leibnizens schoß, war Tschirnhaus erregt und klirrend auf und nieder geschritten.

»Ich begreife den jungen Mann nicht«, brach er plötzlich los. »Nein, ich begreife ihn nicht. Was haben wir, was haben Sie ihm angetan ? Schon damals im Tanzhaus stichelte er fortwährend gegen Sie, daß sogar ich fast böse auf Sie ward. Können Sie mir den Grund erklären?«

Leibniz erwachte durch die Frage wie aus einem Traum.

»Ich werde versuchen, es Ihnen ein andermal auseinanderzusetzen«, antwortete er müde. »Es ist alles sehr verworren. Und da es nun nicht zu ändern sein wird, sind Erklärungen eigentlich unfruchtbar.«

»Aber es bedrückt Sie, kränkt Sie, verärgert Sie. Und dies nach einer solchen herrlichen Stunde.« Die Augen des Grafen Tschirnhaus blitzten wieder rauflustig. »Wissen Sie, was mir leid tut?« Er war knapp zu Leibniz getreten und funkelte ihn gefährlich an. »Es tut mir leid, daß ich diesen jungen Laffen nicht doch mit dem Degen traktiert habe. Mit der flachen Klinge über den Rücken.«

»Seien Sie nicht so rachsüchtig«, wehrte Leibniz ab. »Die Eifersuchts- und Tyrannen-Marotten Philipp Wilhelms haben unsere schöne Stunde nicht aus der Welt geschafft. Sie irren auch, daß ich mich persönlich kränkte. Unhaltbare Zustände sollen so rasch als möglich ihr Ende finden. Es sind bloß äußere Folgen dieses Auftritts, die mich stören. Und auch hier wieder weniger persönlich als kosmisch, wenn ich so sprechen darf. Es wird mir nämlich nach der Abreise Philipp Wilhelms kaum lange mehr möglich sein, in Paris zu bleiben. Und dadurch wieder verliere ich die Hilfsmittel und die Atmosphäre, in der allein ich Deutschland den Ruhm der Entdeckung des großen Algorithmus sichern kann.« Leibniz schüttelte resigniert den Kopf.

Tschirnhaus aber wurde flammend rot.

»Also das hat der Grünschnabel auch noch auf dem Gewissen? Das auch noch? Nein, mein Lieber, diese Schmach läßt ein Tschirnhaus nicht auf dem deutschen Namen sitzen. Diese nicht. Ich weiß nicht, ob Sie mich jetzt verlachen oder fortstoßen werden. Es ist mir auch gleich. Denn was geschehen muß, muß geschehen. Und darum biete ich Ihnen aus vollem Herzen an, bei mir zu wohnen, mit mir zu essen, zu trinken, zu vagabundieren. Was Sie wollen. Was ich besitze, wird nicht ewig reichen, aber es ist besser, wir beide leben drei Jahre hier, als ich allein sechs. Lassen Sie ihre Sachen packen und übersiedeln Sie heute noch in mein schäbiges Logis. Heute noch. Und reiten Sie mein Pferd, trinken Sie meinen Wein, küssen Sie meine Geliebte. Ich werde nicht eifersüchtig sein wie dieser ahnungslose Kindskopf. Mir stehen der Aufstieg der Menschheit und mein Vaterland höher als aller Kleinkram des Lebens. Und wenn ich nichts mehr habe, dann werden Sie mich füttern. Abgemacht?« Er hielt Leibniz, noch immer glühend vor Begeisterung, die derbe Hand hin.

Leibniz ergriff sie und unter seinem Lächeln schimmerten Tränen.

»Ich drücke Ihre Hand, um Ihnen zu danken, Graf Tschirnhaus«, sagte er leise. »Und ich sollte eigentlich Ihr Angebot annehmen, da dies wohl der tätigste Dank wäre. Aber, Graf Tschirnhaus, Sie werden mir nicht zürnen, wenn ich Ihnen sage, daß es im tiefsten Wesen eines Menschen liegt, den eine mystische Berufung zum Vater bestimmt hat, auch im Äußerlichsten des Lebens auf eigenen Füßen stehen zu müssen. Ich weiß, daß es eine Selbsttäuschung wäre, mich für die höheren Zwecke, die ich zu erfüllen habe, von einem andern, und sei es der beste Freund, füttern zu lassen. Man geht entweder in allem seinen eigenen Weg oder in nichts. Und da ich kein Erbe bin, muß ich mein Brot suchen. Es ist mein Schicksal. Gott hat gewußt, warum er mich berief und gleichwohl nicht mit irdischen Gütern ausstattete. Ich muß wahrscheinlich im Leben stehen bleiben, um es begreifen und beherrschen zu lernen. Sind Sie gekränkt, Graf Tschirnhaus, auch wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihr Angebot nicht annehmen kann?«

Tschirnhaus blickte trotzig zu Boden. Er hatte die Fäuste geballt und kämpfte mit Tränen. Plötzlich blickte er mit traurigen Kinderaugen auf und erwiderte klagend:

»Dann werde ich Sie verlieren, Herr Leibniz. Ich werde Sie verlieren. Denn als Patriot muß ich in Paris bleiben. Aus denselben Gründen, derentwegen Sie Ihre Abreise ängstigt. Aber nicht dieser Egoismus hat mich zu meinem Angebot getrieben. Das wissen Sie doch?«

»Ich zweifelte nicht einen Augenblick.« Der Gesichtsausdruck Leibnizens veränderte sich unvermittelt. »Übrigens ist noch nicht alles verloren. Vielleicht gibt es noch einen Ausweg. Im Durcheinander unsrer Kontroverse mit Philipp Wilhelm vergaß ich ganz, daß Obermarschall von Schönborn angekommen ist. Ich werde mit ihm sprechen. Er ist jedenfalls die letzte Stütze, die mir am Hof von Kur-Mainz geblieben ist.«

»Sprechen Sie sofort!« Tschirnhaus war durch die bloße Andeutung einer Hoffnung jäh umgestimmt. »Ich gehe schon. Es ist keine Minute zu verlieren. Laufen Sie, Herr Leibniz, sonst schwärzt Sie dieser niederträchtige Jüngling auch dort noch an. Wir haben ihm schon zuviel Zeit gelassen ...«

»Philipp Wilhelm ist trotz allem eine große Hoffnung unsres Volkes«, wehrte Leibniz ab. »Verzeihen Sie ihm. Er wird andre Lehrer finden. Oder er braucht vielleicht keinen Lehrer mehr. Wer weiß übrigens, ob er unter all dem nicht härter leidet als wir? Er ist doch erst sechszehn Jahre.« Als Tschirnhaus nur Unverständliches murrte, lachte Leibniz hell und schloß: »Viel wichtiger ist es jetzt, Graf Tschirnhaus, daß Sie mir sagen, ob ich Sie am Nachmittag treffen kann, um Ihnen Bericht zu erstatten. Ich werde Ihnen noch heute meinen Gegenbesuch machen.«

»Natürlich werden Sie mich treffen. Selbstverständlich. Ich wollte zwar zu meiner Geliebten hinausreiten, sie wird sich aber auch morgen noch freuen, wenn ich komme. Ich hoffe es wenigstens. Wo nicht, muß ich mir eine andere suchen.« Und er lachte schmetternd auf, kniff das eine Auge zu, verbeugte sich klirrend und eilte so schnell zur Tür hinaus, daß Leibniz ihm kaum folgen konnte. –

 

Das Verhältnis Leibnizens zum Obermarschall von Schönborn war nicht leicht zu definieren. Es hielt ungefähr die Mitte zwischen unausgesprochener, nicht sehr sentimentaler Freundschaft und strenger dienstlicher Distanziertheit. Sowohl Schönborn als Leibniz waren für ein solches Verhältnis in gleicher Weise geeignet. Leibniz, weil sein Takt jeder Lage gewachsen war, Schönborn, weil sein gerades, nüchternes und dabei wenig verwickeltes Wesen dem anderen kein Rätselraten aufgab.

Allerdings war über dieser Beziehung für Leibniz stets die schützende Hand des Ministers Boineburg und des Kurfürsten Schönborn gelegen. Der Obermarschall war ein ebenso ehrfürchtiger Neffe als loyaler Schwiegersohn gewesen; was ihm um so mehr zustand, als ja seine Heirat mit der Tochter Boineburgs seinerzeit bekanntlich als solenne Bekräftigung der Versöhnung der beiden Mainzer Machthaber zustande gekommen war. Wie der Obermarschall jetzt, in seiner exponierten Stellung am Hofe des neuen Kurfürsten, denken und handeln würde, da ihm die ehemals doppelte Protektion vielleicht doppelte Belastung war, konnte Leibniz nicht einmal ahnen.

Es waren daher drückende Zweifel, die ihn bewegten, als er über den Korridor zu den Zimmern des Obermarschalls hinüberschritt und sich durch einen Diener anmelden ließ.

Wenn es Leibniz nicht lästig sei, daß der Herr Obermarschall eben im Negligée ein kurzes Mahl einnehme, berichtete der Diener nach wenigen Augenblicken, dann sei es dem Herrn Obermarschall das allergrößte Vergnügen. Er habe ohnedies sogleich nach dem Essen Herrn Leibniz zu einer Besprechung bitten wollen.

Das klang sehr freundlich. Wie er es von Schönborn stets gewohnt gewesen war. Er trat also ohne Zögern ein.

Der Obermarschall, der etwas bleich und ermüdet aussah, lächelte hinter seinem Tischchen, auf dem Speisen und eine Weinkaraffe standen, Leibniz freundlich entgegen. Er hatte den Rock abgelegt, und die Ärmel seines kostbaren spitzenbesetzten Hemdes lagen frei. Er machte mit der einen Hand eine einladende Bewegung, Leibniz möge sich neben ihm niederlassen. Mit der anderen Hand führte er eben ein Stück Pastete zum Mund.

»Ich bin entzückt, Herr Obermarschall, daß wir Sie wieder hier haben«, sagte Leibniz und setzte sich. »Hoffentlich störe ich Sie nicht allzusehr. Aber ich gestehe, daß ich gegen meine sonstige Gewohnheit etwas ungeduldig bin. Es sind da verschiedene neue Umstände dazwischengekommen ...«

»Weiß ich, lieber Herr Leibniz. Alles weiß ich. Und was ich nicht weiß, kann ich mir denken.« Der Obermarschall schenkte Leibniz ein Glas Burgunder ein. »Trinken Sie. Es wird auch Ihnen nichts schaden. Jedenfalls werden wir zuerst über Ihre persönlichen Angelegenheiten sprechen. Dann erst über die Politik.«

»So ungeduldig bin ich wieder nicht.« Leibniz lächelte.

»Aber ich, Freund Leibniz. Sie haben heute schon Ärger genug mit meinem hitzigen Schwägerlein gehabt. Gleich zuvor: Er soll abreisen, wenn er will. Ich bin ihm nicht böse. Sie sind hoffentlich auch weise genug, seine Torheiten nicht ernst zu nehmen. Er wird trotzdem etwas leisten und auch einmal klüger werden.«

»Genau meine eigene Ansicht.« Leibniz nickte. Von dieser Seite also drohte keine Gefahr.

»Das ist ganz ausgezeichnet. Ich bin sehr froh, daß man sich so unbedingt auf Sie verlassen kann. Wir brauchen nicht noch mehr Konflikte. Es ist unsagbar traurig in Mainz. Für mich mehr als für jeden anderen. Ich habe gleichsam zwei Väter verloren. Ich fühlte es erst dort, als ich unbewußt suchte und suchte und nichts fand als zwei prächtige Grabmonumente.« Schönborn senkte den Bück. Dann schüttelte er seine Traurigkeit mit Gewalt ab und setzte fort: »Doch das brauche ich gerade Ihnen nicht zu erklären. In diesem Punkt sind Sie fast mein Bruder. Und darum habe ich auch in Mainz alles versucht, diese unsre geistige Brüderlichkeit zu betätigen. Ihr leiblicher Bruder glaubt weniger an Sie als ich.«

»Ich verstehe nicht ganz. Dafür aber, was ich von Ihren Worten verstand, ist kein Ausdruck des Dankes zu herzlich.«

»Schon gut Herr Leibniz, auch diese Gesinnung kenne ich an Ihnen.« Schönborn wehrte ab, da er von jedem Gefühl loskommen wollte. Er aß einige Bissen. Dann sagte er sehr sachlich: »Ihr Bruder Johann Friedrich hat förmliche Brandbriefe an uns nach Mainz gerichtet. Er behauptet, Sie seien völlig verschwunden, hätten Vaterland und Glauben verraten und was derartige verwandtschaftliche Liebenswürdigkeiten noch mehr sind. Wir haben ihn kurz aufgeklärt, er scheint aber damit noch nicht zufrieden zu sein.«

»Ich habe ihm doch ausführlich geschrieben? Mehr als einmal.«

»Er behauptet, seit Jahr und Tag keine Zeile von Ihnen gesehen zu haben. Mir ist es unklar, warum gerade Sie bei nahestehenden Menschen oft solchen Zorn erzeugen. Da ich es aber nicht verstehe und es nun einmal so ist, mußte ich vorsorgen, daß nicht in Mainz hinter Ihrem Rücken Unheil gesponnen werde.«

»Ich denke, es wird da nichts zu retten sein«, erwiderte Leibniz in Fortsetzung seiner früheren düsteren Ahnungen.

»Sie irren, Herr Leibniz. Sie haben meinen seligen Oheim unterschätzt. Er hat auf dem Totenbett an seinen Nachfolger einen Brief diktiert, gleichsam ein geistiges und politisches Testament. Und in diesem Brief steht unter anderem der Satz, es liege im höchsten Interesse Deutschlands, daß Herr Leibniz noch einige Zeit in Paris bleibe. Zu Studienzwecken. Ohne aufreibende dienstliche Verpflichtung. Natürlich war Graf von Beilstein-Metternich als neuer Erzbischof und Kurfürst so überlastet, daß er sich über den tieferen Sinn dieser Briefstelle voraussichtlich nicht den Kopf zerbrochen hätte. Er hätte vielleicht auch einer böswilligen Auslegung Gehör geschenkt und es wäre dann nichts oder Nachteiliges geschehen. Deshalb habe ich ihm persönlich Bericht erstattet und bin auf schnellster Erledigung bestanden. Hier das Ergebnis, Herr Leibniz.« Er reichte Leibniz ein versiegeltes Schreiben, das vor ihm auf dem Tischchen gelegen war. »Sie sind«, fügte er bei, »auf Grund dieses Dekretes ermächtigt, unbeschadet Ihrer dienstlichen Besoldung und Ihres weiteren Verbleibens in kurmainzischen Diensten, sich auf unbestimmte Zeit, mindestens aber noch zwei Jahre in Paris aufzuhalten. Eines allerdings wissen wir alle nicht. Ob unsre durch die unruhigen Zeiten zerrütteten Finanzen uns dauernd in den Stand setzen werden, überhaupt Zahlungen zu leisten. Sie verstehen mich. Was Mainz tun kann, wird es auch in der Zukunft tun. Es wäre aber trotzdem klug, Herr Leibniz, wenn Sie sich irgendwie den Rücken deckten oder sich andere Einkommensquellen sicherten. Ganz offen und unverhüllt. Natürlich soll über die Beweggründe nach außen nichts gesprochen werden. Wir, das wollte ich sagen, werden uns in Ihre Privatangelegenheiten nicht einmischen.«

Leibniz schwieg einen Moment. Dann erwiderte er feierlich:

»Mehr konnte der anspruchsvollste Mensch nicht erhoffen. Ich werde das Vertrauen des erhabenen Kurfürsten Schönborn auch nach seinem Hinscheiden nicht enttäuschen. Ich bin jetzt doppelt, dreifach verpflichtet. Gott segne in Ewigkeit sein Andenken!«

Leibniz schob mit leise zitternder Hand das schicksalschwere Dokument uneröffnet in die Tasche. Plötzlich hob er den Kopf und sagte leidenschaftlich:

»Und jetzt, da ich weiß, daß ich auf meinem eigensten Platz weiter für mein Volk kämpfen darf, fiebere ich danach, zu hören, welchen äußeren Ereignissen die Politik jenseits des Rheins entgegengeht.«

 

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