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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 17
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Sechzehntes Kapitel

Eine Maschine ersetzt das Gehirn des Menschen

Durch hohe Fenster drang viel Licht in das prächtige große Zimmer, das seit einigen Wochen Leibniz im kleinen Pariser Palais des Obermarschalls Philipp von Schönborn zugewiesen worden war. Kraus und verknotet wie alles in der Jugend Leibnizens, hatte ihm das Schicksal wieder einmal die abenteuerliche Rolle eines die Weltpolitik beeinflussenden Privatmannes abgenommen und ihn zum erklärten Mitglied einer kurmainzischen Sondergesandtschaft gemacht. Dabei hatte sich allerdings nur die äußere Form geändert. Denn im Wesen handelte er auch jetzt als Sachwalter des Ministers Boineburg, der den Schwiegersohn und den Sohn nach Paris gesandt hatte. Den Schwiegersohn, um Leibnizens Tätigkeit größere Folie zu leihen, den Sohn aber, um ihn in den Händen des Mentors und Lehrers Leibniz zu wissen.

Der junge Boineburg, ein ebenso vornehmer als schöner Jüngling von sechzehn Jahren, saß nahe den Fenstern auf einem Tischchen, wippte mit den schlanken Beinen und sah mit trotzigen Augen und geröteten Wangen Leibniz zu, der auf einem langen Tisch in der Mitte des weißen Zimmers höchst unverständliche Zeichnungen ausbreitete und einige rätselhafte, in Tücher eingeschlagene Dinge dazwischen hinstellte.

Leibniz hatte wohl bemerkt, daß ihm der Jüngling entscheidende Worte sagen wollte. Es lag aber durchaus nicht in seiner Absicht, durch Fragen oder Ermunterungen die Vorsätze des Schützlings zu begünstigen. Er sollte sich nur aus eigenem zu seinen Erklärungen durchringen. Sie würden dann wahrscheinlich um so offener, vielleicht sogar brüsker ausfallen.

Es verging denn auch längere Zeit, bis der junge Boineburg bitter sagte:

»Heute ist man wohl zu beschäftigt, um sich mit der Herzensnot eines Schuljungen zu befassen.«

»Ich leugne nicht, daß ich meine Aufmerksamkeit sehr wichtigen Dingen zuwenden muß. Sie wissen genau, Philipp Wilhelm, wessen Besuch wir erwarten.« Leibniz lächelte vor sich hin.

»Also ich soll gehen.« Der Jüngling glitt vom Tischchen hinunter.

»Davon sagte ich kein Wort. Ich sage auch nicht, daß mich ein halbwegs ruhiges Gespräch stören würde.«

»Ich ertrage Ihr Lächeln nicht mehr, Herr Leibniz, ich ertrage es nicht!« Philipp Wilhelm stampfte mit dem Fuß auf den Boden und sein Ton wurde weinerlich.

»Soll ich alles ernst nehmen?« Leibniz sah den jungen Mann plötzlich starr an.

Der junge Boineburg schwieg betreten. Nur kurze Zeit. Dann kam wieder verdächtiges Zornblitzen in seine Augen. Und er murrte:

»Ich weiß, daß ich mich dem Befehl des Vaters zu fügen habe. Weiß, daß mein Vater Sie für den größten und besten Lehrer Europas hält. Weiß auch, daß Sie das vielleicht sind, Herr Leibniz. Doch vergeßt ihr alle eines: Daß ich ein junger Mensch mit manchen Fähigkeiten und großem Ehrgeiz bin. Und daß ich es nicht ertragen kann, wenn mein Lehrer stets lächelt, statt zu schelten oder zu toben. Sie sind glatt wie eine Schlange, Herr Leibniz. Sie sind ohne Blut, ohne Angriffspunkt. Und Sie vergällen mir jede, auch die kleinste Entdeckerfreude, vergällen mir das Studium überhaupt, da man bei jedem Schritt Ihre tausendfache Überlegenheit fühlt und alles Eigene als nutzlos wegwerfen will. Den Vätern mögen Sie mit Recht imponieren, den Söhnen werden Sie stets verhaßt sein. Sie sind kein Vorbild mehr, Herr Leibniz, Sie sind eine wandelnde Anklage gegen alles für gewöhnliche Menschen Erreichbare. Sie sind ein Fluch und eine Geißel und werden mehr Wissen töten als befruchten ...«

»Furchtbar, was Sie da reden«, erwiderte Leibniz, der auf den Jüngling zugegangen war, heiser. »Seien Sie gewiß, Philipp Wilhelm, ich werde mir jedes Wort Ihrer Tiraden merken. Aber nicht aus Rachsucht. Sondern, um mich zu bessern. Ich wollte eben Ihnen, dem Sohn meines großen Gönners, nur das Beste geben. Habe mich um Sie mehr bemüht als um mich selbst. Und hoffe von ihrer Zukunft vielleicht mehr als von meiner eigenen. Eben weil Sie neben Ihren Fähigkeiten auch den adeligen Rang und, wie ich jetzt sehe, den Hochmut des Edelmannes besitzen. Brausen Sie nicht auf! Ich habe Sie auch ausreden lassen. Wir wollen vorläufig keinen endgültigen Bruch. Weder Ihr Vater noch ich – noch auch Sie selbst. Der Bruch wird früh genug da sein. Aber, mein lieber Philipp Wilhelm, es geht gar nicht um uns drei. Es geht darum, Deutschland einen großen Staatsmann zu schenken. Um dieses Ziel werden wir gemeinsam weiter kämpfen. Auch gegeneinander, wie ich jetzt sehe. Und ich werde Sie erst aus meiner Hand desertieren lassen, bis ich Ihnen das Wesentliche gegeben habe. Verstehen Sie mich?«

»Nur zu gut.« Boineburg ballte die Fäuste. »Ich verstehe nämlich, daß man den Umklammerungen Ihrer Advokatenlogik nicht entgehen kann. Ich hasse Sie, Herr Leibniz! Weil Sie, eben Sie, es wagen, von Hochmut zu sprechen. Der Hochmut des Adeligen ist nichts gegen den Hochmut des Gelehrten. Noch dazu, wenn der Gelehrte nicht einmal Schrullen hat, die ihn uns näher bringen. Sie sind ein Tyrann, Herr Leibniz, ein kalter grausamer Tyrann!« Und Tränen begannen über die geröteten Wangen des Jünglings zu rollen. Plötzlich drehte er sich um und lief aus dem Zimmer.

Leibniz aber wandte sich wieder seinen Zeichnungen zu. Hatte der Jüngling mit seinem Fluch die Wahrheit gesprochen? Würde er stets nur den Vätern imponieren und den Söhnen verhaßt sein? Was bedeutete dieser Fluch? Bedeutete er etwa rückschrittlichen Geist? Das konnte aber doch nicht sein, da er überall bis jetzt eigene und neue Wege gegangen war. Oder war er so vorgereift, daß er dadurch den Vätern näher stand als den Söhnen? Wer konnte da entscheiden? Eines nur war leider gewiß. Diesen Jüngling würde er nicht lange halten und führen können. Im besten Fall konnte er einige Zeit noch von ferne und später dann durch verklärende Erinnerung auf ihn wirken. Philipp Wilhelm war selbst ein Tyrann und empfand daher jeden auch nur wenig überlegenen Menschen als Gefahr für seine Alleinherrschaft. Und wurde in seinem Hochmut noch durch Verwandte aus Mainz unterstützt, denen außerdem religiöse Unduldsamkeit gegenüber dem Protestanten Leibniz nicht ganz fremd war. Um so mehr, als diese Verwandten Konvertiten waren. –

Eine halbe Stunde später war der stille Raum gesellschaftlich belebt. Obermarschall von Schönborn machte mit Rücksicht auf den Rang der Besucher die Honneurs. Er plauderte soeben mit dem großen Minister Colbert, der Leibnizens seinerzeitige Einladung zwar nicht gleich angenommen, jedoch niemals aus dem Auge verloren hatte. Leibniz selbst stand in einer Gruppe, die sich aus dem Onkel des Ministers, dem greisen Theologen und Mathematiker Arnaud, aus einigen Edelleuten vom Gefolge Colberts und aus einem hohen Offizier zusammensetzte, der als Gehilfe des berühmten Festungsbaumeister Vauban galt. Man fürchtete diesen Offizier aus mehr als einem Grunde. Nicht nur, weil er an sich große Beziehungen und hohen Einfluß besaß, sondern weil er – so wurde gemunkelt – neben seiner Ingenieurtätigkeit das Oberhaupt einer Art von Spionagebekämpfung war und zudem noch persönlich über ein äußerst kritisches und zweifelsüchtiges Gehirn verfügte.

Dieser Marquis von Varonne ließ Leibniz nicht aus den Augen. Er war mit seinem verfältelten, ledernen Antlitz, den stechenden Blicken und der langen Nase ganz unbestimmbaren Alters. Manchmal sah er, wenn er vornübergeneigt wie fröstelnd dastand, beinahe greisenhaft aus. Plötzlich aber straffte er seine Gestalt, schritt elastisch auf und nieder und lachte hell und schneidend.

»Sie haben uns viele Überraschungen versprochen, Herr Leibniz«, begann er unvermittelt. »Jedenfalls bin ich sehr gespannt. Denn sowohl durch Herrn Huygens als aus dem Freundeskreis unsres großen seligen Blaise Pascal sickert schon manches Urteil über Ihre ungewöhnliche mathematische und physikalische Begabung durch. Hoffentlich haben Sie in Paris viel Anregung gefunden. Seine Majestät möchte alle Geisteskräfte Europas hier in Paris versammeln. Allerdings eine kleine Gefahr, wenn uns schließlich die satten Gäste des Geistes wieder nach Hause durchbrennen ...«

»Und das Wissen des Landes sozusagen exportieren, Marquis«, lächelte Leibniz, da er am Ton Varonnes schon wieder die tiefer mitschwingende Note Colbertschen Egoismus merkte. »Ich fühle mich aber persönlich durch Ihre Sorgen nicht getroffen«, setzte er fort. »Es ist ja eben der Zweck unsres heutigen Beisammenseins, meinen geistigen Gastgebern gleichsam ein Prioritätsrecht an meinen recht bescheidenen Erfindungen zu sichern.«

»Die Bescheidenheit werden wir ja sehen«, antwortete der Marquis ein wenig ironisch. »Sie reiten auf vielen Sätteln, Herr Leibniz, wie man hört. Doch nichts für ungut. Die Welt ist in Gärung. Und daher wird jede größere Kraft umworben oder beobachtet.«

»So soll es sein.« Leibniz zwang sich zu besonderer Ruhe. »Meine persönliche Ansicht allerdings ist eine unpolitischere und darum wahrscheinlich naive. Ich träume stets von einem allgemeinen Fortschritt und Aufstieg durch gegenseitige Befruchtung aller Geister der Erde.«

»Das ist die religiöse Seite an unsrem Leibniz«, mengte sich der greise Arnaud ins Gespräch. »Nach Ihrer Ausdrucksweise, Marquis, sein theologischer Sattel. Doch scheint jetzt Herr Colbert die Besichtigung der Geisteswunder beginnen zu wollen.«

In der Tat waren Schönborn und Colbert langsam zur Gruppe um Leibniz herübergekommen. Auch der junge Boineburg war plötzlich im Zimmer aufgetaucht und beobachtete, nach weltmännischer Begrüßung der Anwesenden, alles Folgende mit einer angespannten Aufmerksamkeit, die allerdings nur auf Niederlagen Leibnizens zu lauern schien. Er hatte auch sofort mit sicherem Instinkt die zweifelnde Haltung des Marquis von Varonne herausgefühlt und blieb daher stets in dessen Nähe.

Colbert sagte in seiner leisen vornehmen Art:

»Wenn es Herrn Leibniz nicht lästig ist, würden wir jetzt um Einlösung seiner geheimnisvollen Versprechungen bitten. Wir setzen voraus, daß er uns allen rückhaltlos vertraut und daß er weiß, wir würden seine persönlichen Rechte voll achten.«

»Dieser gütigen Zusicherung hätte es nicht bedurft«, erwiderte Leibniz, löste sich aus der Gruppe und trat zum langen Tisch.

Langsam nahm er nun ein Blatt nach dem andren in die Hand, zeigte es herum und erläuterte alles in klarem, eindringlichem Vortrag. Es waren sehr merkwürdige und abgelegene Dinge, die er erzählte. Er beschäftige sich, so sagte er, mit vielerlei Fragen der Schiffahrt. Ein gewisser Drebbel habe einst eine Erfindung gemacht, die es Schiffen ermöglichte, in großen Stürmen und beim Herannahen von Seeräubern unter der Oberfläche des Meeres zu verschwinden und unter Wasser zu segeln. Er, Leibniz, habe nun diese Sache wieder aufgenommen und glaube, Wege zu ihrer Verwirklichung zu besitzen. Er gehe aber noch über Drebbel hinaus. Die Schiffahrt der Zukunft würde nicht mehr purer Sklave des Windes sein wollen. So habe er hydraulische Pumpenanlagen von riesiger Kraft entworfen, die es erlaubten, ohne Wind oder gegen den Wind das Schiff anzutreiben. Noch mehr. Auch die Orientierung auf hoher See sei verbesserungsbedürftig. Er besitze ein System, nach dem man, unabhängig von der Sichtbarkeit der Sonne, stets den Schiffsort nach geographischer Länge und Breite bestimmen könnte, wenn man nur einmal, zu Beginn der Fahrt, eine richtige Messung vorgenommen habe. Nur nebenbei füge er hinzu, daß er auch Teleskope konstruiere und eine Linse erfunden habe, mit der man Entfernungen messen könne.

Und er wies Zeichnung um Zeichnung, Berechnung um Berechnung vor und erzeugte tatsächlich bei fast allen Zuhörern eine an Verzauberung grenzende Stimmung. Nicht zuletzt durch die schlichte und dabei doch sichere Art, in der er seine Pläne und Entwürfe vortrug.

Minister Colbert wollte eben zu einer Erwiderung ansetzen, als der Marquis von Varonne, der einige Skizzen des hydraulischen Schiffsantriebes und einige Berechnungen durchgesehen hatte, plötzlich ironisch fragte:

»Mit dem Problem, wie Schiffe durch die Luft fliegen können, haben Sie sich wohl noch nicht befaßt, Herr Leibniz?«

Die ungewöhnliche Taktlosigkeit und durch nichts gemilderte Eindeutigkeit dieses Zwischenrufes hatte eine allgemeine Erstarrung und ein vollkommenes Schweigen zur Folge. Colbert blickte verblüfft auf Varonne. Was war das? Wollte der Marquis ihn vor einer Blamage bewahren? Ließ er deshalb alle Höflichkeit außer acht? Gut, Varonne war ein Spötter. Aber solche Schärfe konnte nur gerechtfertigt werden, wenn Leibniz ein purer Schwindler war.

»Wollen Sie Ihren Scherz verdeutlichen, Marquis?« fragte Colbert deshalb sehr lässig, wie wenn er nicht recht verstanden hätte. War aber noch erstaunter, als er merkte, daß Leibniz so freundlich lächelte, als ob ihn die unausbleiblichen, folgenschweren Erwiderungen, die der Marquis jetzt geben mußte, überhaupt nichts angingen.

Varonne aber machte eine fast angewiderte Geste mit der Hand.

»Mein Gott, Erfinder, auch tüchtige Köpfe, verrennen sich leicht. Ich weiß das als alter Mechanicus. Vauban und ich haben mit unseren Phantasiegeschützen auch schon dreimal so weit geschossen als es je möglich sein wird. Ich will auch Herrn Leibniz durchaus nicht bösen Willen vorwerfen. Aber was wir da gesehen und gehört haben, sind, sehr gelinde gesagt, unfertige Träumereien. Vielleicht wird einmal später auf ganz andren Wegen der eine oder der andre dieser Träume verwirklicht werden. Und deshalb wollen wir Herrn Leibniz ruhig die Priorität des Träumens zusprechen, nicht jedoch mehr.«

Jetzt geriet Obermarschall von Schönborn in höchste Verlegenheit. Er trug als Gesandter die Verantwortung, den Minister zu diesen »Träumen« hergelockt zu haben. Und er sah halb zornig, halb hilflos zu Leibniz.

Dieser aber schüttelte nur freundlich erstaunt den Kopf. Dann sagte er:

»Marquis von Varonne ist ein Fachmann. Und hat sehr recht. Viel von dem, was ich zeigte, ist wirklich noch im Stadium des Entwurfs. Und nun darf ich eine Frage stellen. Was würden Sie, Herr Marquis, von einer Erfindung halten, die ich noch nicht erwähnt habe. Von einer Rechenmaschine, mit der man addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren kann?«

»Vielleicht auch noch potenzieren und Wurzeln ziehen?« Der Marquis wurde ausfallend. »Sie muten uns wirklich manches zu, junger Mann! Nur wird es nachgerade beleidigend. Behaupten kann man alles. Auch zeichnen kann man vieles. Für Laien nämlich. Sie haben offenbar nur mit Laien als Zuhörern gerechnet. Verschonen Sie uns, bitte, mit weiteren Scherzen! Wenn Pascal, unser großer, genialer Pascal mit seiner Rechenmaschine nur subtrahieren und addieren konnte, dann ist Ihre Bemühung wohl aussichtslos. Daher antworte ich Ihnen ruhig, daß Ihre Behauptung Flunkerei ist.«

»Trotzdem kann meine Maschine auch potenzieren und Wurzeln ziehen. Wenn man nämlich genügend vom Rechnen versteht«, sagte Leibniz ruhig.

»Was erlauben Sie sich?« Der Marquis schrie fast.

Noch bevor die Verwirrung, die zu entstehen drohte, wirklich eingetreten war, hatte Leibniz ein Tuch von einem Modell gezogen, das jetzt, allen sichtbar, auf dem Tisch stand. Es war ein nicht allzugroßes viereckiges Holzkästchen, auf dessen oberer Fläche zehn parallele Schlitze mit Schiebern und daneben stehenden Ziffern angebracht waren, während oberhalb der Schlitze in kleinen runden Fenstern ebenfalls Ziffern standen. Aus einer Seitenwand des Kästchens ragte eine zierliche Metallkurbel.

»Hier ist die Maschine, meine verehrten Gäste«, sagte Leibniz kühl. »Ich war leider nicht in der Lage, Ihnen Schiffe im Modell vorzuführen. Aber diese Erfindung habe ich in die Wirklichkeit umgesetzt. Ich bitte jetzt, mir Rechenaufgaben aus den erwähnten Gebieten zu stellen. Unsere Maschine wird sie lösen. Und sie wird in aller Zukunft bei Feldmessern, Astronomen, bei fürstlichen Kammern, bei Kaufleuten und wahrscheinlich auch im Kriegswesen verwendet werden. Obgleich sie nach fachmännischer Aussage unmöglich ist. Ich will damit nicht unhöflich sein, ich will mich nur gegen den Vorwurf der Flunkerei verteidigen. Ich hielt das Problem ja selbst für unlösbar, bevor mir seine Lösung einfiel.«

Nun hielt Colbert den Augenblick für gekommen, einzugreifen.

»Wir freuen uns sehr«, sagte er, »daß Sie alle Zweifel besiegen werden, Herr Leibniz. Und ich glaube, daß auch der Herr Marquis meine Freude teilt. Wir beide sind durch üble Erfahrungen gewitzigt und mißtrauisch geworden. Es geht einem mit den Erfindern oft wie mit den Alchimisten. Und nun wollen wir rechnen.«

Leibniz faßte ohne sichtbare Erregung die kleine Kurbel. Und erwiderte:

»Es ist möglich, daß ab und zu eine Ziffer falsch springt. Das liegt nicht im System, sondern daran, daß unsre Handwerker die Bearbeitung von Kegelzahnrädern noch nicht genügend beherrschen. Das läßt sich aber leicht verbessern.«

Die nächste Stunde erlebten alle Zuseher, auch der skeptische Marquis, das Wunder eines Werkzeuges, das auf begrenztem Gebiet das Hirn des Menschen überflüssig machte, da in seinen Staffelwalzen, Getrieben und Zahnrädern die Systematik dieses Hirns eingefangen war.

»Ich bitte Sie im Namen des großen Königs und im Namen Frankreichs, zumindest dieses Mirakel der Akademie der Wissenschaften vorzulegen«, sagte Colbert beim Abschied. »Ihre anderen Erfindungen aber mögen eben solcher Vollendung entgegenreifen!«

Der junge Boineburg jedoch war nicht mehr im Raum, als ihn Leibniz mit einem Blick suchte.

 

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