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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 16
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Fünfzehntes Kapitel

Ein Verhör

Nun war Leibniz schon viele Monate in Paris, ohne auch nur eine einzige der Angelegenheiten, die ihn hiehergeführt hatten, weiterverfolgen zu können. Schweigen umgab ihn von allen Seiten, gläsernes Schweigen und wildes Geschehen.

Er war aber nicht der Mann, sich durch das Warten auf Entscheidungen zerreiben zu lassen. Ohne viel Lösungen offenbar unlösbarer und undurchdringlicher Geheimnisse zu versuchen, trat er an neue Geheimnisse heran.

So schlenderte er jetzt in tiefer Nacht durch dunkle Straßen, in denen kalter Herbstwind pfiff und rieselnden Staub aufwirbelte. Eben hatte ihn der große Huygens aus Züllichen gewürdigt, ein Wunder zu genießen, das bisher nur ganz wenige Menschen erblickt hatten: den Ring des Saturn. Was bedeutete wohl diese Hutkrempe um den Planeten? Gab es derlei tausendfach im Weltraum? Oder war es bloß eine Gesichtstäuschung? Oder eine einzigartige Erscheinung?

Solcher Wunder hatte ihn Huygens, der titanische Mathematiker, Physiker und Erfinder der Pendeluhr, noch mehr sehen lassen. Nicht nur im Sternenraum, auch in der Welt der Zahlen. Und Leibniz hatte darüber vergessen, daß unsägliche Greuel über Holland hereingebrochen waren, daß eben der Krieg, den er hatte verhindern wollen, mit Mord, Brandschatzung und Überschwemmungen tobte und sich schon dem kläglichen Ende für Holland zuneigte.

In Paris aber ging das Alltagsleben seinen Gang. In den Bibliotheken saßen die Gelehrten, in den Theatern die parfümierte Gesellschaft, und neue Bauten von ungeheuren Ausmaßen strebten, vom Spinnennetz der Gerüste überzogen, der Vollendung entgegen.

Leibniz war sehr verwundert, als er von der Straße sah, daß die Fenster seines Zimmer beleuchtet waren. Jetzt, mitten in der Nacht? Hoffentlich war kein Brand ausgebrochen!

Er hastete die holprige Stiege des ärmlichen Hauses hinauf, lief über einen kurzen Korridor und öffnete die Tür. Da saß an seinem Tisch in schläfriger Haltung ein melancholisch blickender, junger, schmallippiger Edelmann und daneben ein dunkelgekleideter etwas hochschultriger Mensch, der wie ein kleiner Beamter oder Schreiber aussah.

»Habe ich den Vorzug, Herrn Leibniz zu begrüßen?« fragte der junge Edelmann und erhob sich.

Leibniz schüttelte verwundert den Kopf.

»Ich bin Leibniz. Und was verschafft mir die Ehre?«

»Das Bedürfnis nach einer kleinen Konversation.«

»Sie verzeihen!« Leibniz reichte ihm die Hand. »Aber mein bescheidenes Zimmer ist um diese Zeit nicht eben für Besuche eingerichtet.« Und er blickte gegen das aufgebettete Lager und zu den Bücherstapeln, die in Ermangelung anderen Platzes auf dem Boden aufgeschichtet waren.

Hatte er es mit Narren zu tun? Oder mit Verbrechern? Bedürfnis nach Konversation? Der junge Edelmann sah aber wieder klug und weltläufig aus. Wozu jedoch dieser Bucklige, der jetzt gar noch Papier vor sich ausbreitete und Federn schnitt?

Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder die ungebetenen Gäste schlankweg hinauszuweisen oder aber die Entwicklung der Dinge abzuwarten.

»Ich gebe zu, daß wir uns sonderbar betragen«, erwiderte der Edelmann. »Ich bekräftige jedoch mit meinem Ehrenwort, daß wir nicht anders handeln können, als wir es eben tun und daß Sie in einer Stunde durch uns selbst über alles aufgeklärt sein werden. Dürfen wir also lange Ihre Geduld mißbrauchen?«

»Sie dürfen. Bitte, nehmen Sie wieder Platz. Ich bin zwar ein wenig müde.«

»O, das ist uns höchst unangenehm! Aber es ist einmal nicht zu ändern.« Der Edelmann setzte sich ruhig nieder und gab dem Buckligen ein Zeichen.

»Nun, beginnen Sie die Konversation.« Auch Leibniz hatte sich einen Stuhl zum Tisch gezogen.

»Ist Ihnen bekannt, Herr Leibniz, was man unter dem Merkantilsystem unsres großen Ministers Colbert versteht?«

»Ein wenig.« Leibniz schüttelte wieder in zweifelnder Art den Kopf, da der Bucklige mit fliegender Feder zu schreiben begonnen hatte. »Übrigens«, fügte er bei und zeigte auf den Schreibenden, »wird da anscheinend ein Protokoll geführt.«

»Ich will nichts von unserer Konversation vergessen und habe mir daher meinen Sekretär mitgenommen. Vielleicht bin ich bloß ein Enthusiast, der über die große Gelehrsamkeit des Herrn Leibniz einiges Schmeichelhafte gehört hat.«

»Gut, mein Herr, Sie sind ein Enthusiast. Deshalb will ich Ihre Frage beantworten. Also das Merkantilsystem ist ein Programm, ein Land möglichst reich zu machen. Da gibt es viele Programmpunkte. Förderung des Bergbaues, des Handels, der Gewerbe. Sperre der Grenzen. Heranbildung kunstfertiger Meister und Arbeiter. Verhinderung der Auswanderung. Begünstigung der Einwanderung von tüchtigen Leuten. Und noch viel andres. Alles aber mit dem Zweck, möglichst viel Geld im Inland anzusammeln. Und den Handel aktiv zu gestalten und das Ausland vom Inland abhängig zu machen.«

»Ich glaube, es ist das Wesentliche«, erwiderte der Edelmann leise. »Das heißt, Sie sind sich der Absichten des großen Ministers Colbert genau bewußt.«

Es entstand eine Pause. Leibniz war es fast schon gewiß, daß er verhört wurde. In feiner und höflicher Form. Und zwar eben im Auftrage Colberts. Die ganze Art und Weise paßte sehr gut zu Erzählungen, die er über die Methoden des großen Reichtumszauberers vernommen hatte. Man durfte sich allerdings durch die Form nicht täuschen lassen. Das Verhör war lebensgefährlich. Er wußte nur noch nicht, was man ihm vorwarf. Deshalb mußte er jetzt selbst die »Konversation« in die Hand nehmen.

»Ein System wie das Colberts«, sagte er deshalb, »ist ohne starke Autorität nicht durchzuführen. Ich glaube, der Merkantilismus erfordert eiserne Griffe. Was zum Beispiel könnte als ein Delikt gegen die Grundsätze Colberts aufgefaßt werden? Ich bin ein Fremder, ein Gast Frankreichs, und möchte alles unterlassen, was Anstoß erregen könnte.«

Der junge Edelmann sah ihn plötzlich mit lodernden Augen an. Auch er wußte, daß sich die Komödie bald dem Ende zuneigen würde. Er bezwang sich jedoch noch einmal und dämpfte die Stimme, als er erwiderte:

»Es wäre etwa sehr, sehr verdächtig, wenn ein Fremder von einem Handwerker zum andern ginge und sich sublimste Einzelheiten der Kunstfertigkeiten erklären und vorzeigen ließe. Noch dazu ein Fremder, der mit diesen Gewerben so gut wie nichts zu schaffen hat. Sie haben selbst zugegeben, mein Herr, daß das Merkantilsystem die Auswanderung fähiger Werkleute zu hindern hat. Natürlich auch die Herausschleppung der Werkgeheimnisse. Auch das nennen wir Spionage, nicht nur die Ausspähung militärischer Arkana.«

Leibniz lachte auf. Hell und leise. Also das war sein Delikt? Alle Hochachtung vor Colbert! Sein Überwachungsapparat funktionierte. Außerdem hatte der Minister recht. Leibniz hatte tatsächlich gründlich spioniert in den letzten Monaten. Nur hatte er vorausgesehen, daß man ihn stellen würde. Und der Gegenzug war längst erwogen.

»Verstehen Sie mich, mein Herr?« fragte der Edelmann, gereizt durch das Lachen Leibnizens, ein wenig scharf.

»Vollkommen«, erwiderte Leibniz verbindlich. »Ich habe aber jetzt eine Bitte an den Enthusiasten.«

»Und die wäre?«

»Daß besagter Enthusiast die Güte hätte, seinem Herrn Minister, Herrn Colbert, die ergebenste Einladung des Doktor Leibniz zu bestellen, einmal bei Gelegenheit einige Modelle von Erfindungen zu besehen, die dieser Fremde gemacht hat und die er selbstverständlich dem Lande zur Verfügung stellt, in dem er sich als Gast wohlfühlt. Er ist aber auch bereit, diese Erfindungen sofort zu vernichten und keinen Handwerker mehr mit Aufträgen von Konstruktionsteilen zu plagen.«

Der Edelmann sah seinen Schreiber bestürzt an. Eine höchst heikle Angelegenheit. Leibniz, eben der Leibniz, den selbst Colbert ein wenig fürchtete und den er daher um jeden Preis gewinnen wollte, hatte Erfindungen gemacht. Drohte mit deren Vernichtung. Was würde Colbert sagen, wenn diese Erfindungen verlorengingen?

»Darf man wissen, welche Gebiete diese Erfindungen betreffen?« fragte er unsicher.

»Ich sagte schon, daß ich sie dem Herrn Minister vorlegen werde. Ich weiß ja nicht, mein Herr, ob nicht eine vorzeitige Preisgabe solcher Erfindungen vor einer anderen als der ausdrücklich und eindeutig legitimierten Stelle nachgerade Vorschubleistung zu merkantiler Spionage wäre. Womit ich niemand beleidigen will.«

»Es ist mir selbst lieber,« sagte der Edelmann seufzend, »wenn Sie sich mit dem Herrn Minister auseinandersetzen. Sonst bin am Ende noch ich der Angeklagte.« Und er erhob sich.

»Bitte, nichts für ungut!« sagte jetzt Leibniz äußerst verbindlich. »Ich danke dem Zufall, daß er mir die Peinlichkeit abgenommen hat, den Herrn Minister mit Audienzgesuchen zu behelligen. Ich lasse ihn nur bitten, über mich zu verfügen und Zeit und Ort der Vorführung meiner Ideen und Modelle zu bestimmen. Ich hoffe, daß er mehr überrascht als enttäuscht sein wird. Und lasse ihm mit aller Devotion für den charmanten Untersuchungsrichter danken, den er mir so unverhofft ins Haus gesandt hat.«

Er reichte dem Edelmann die Hand, der sich mit seinem Schreiber, ohne jedes weitere Wort, schleunigst zurückzog.

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