Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 15
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel

Le miracle du secret

Kaum sechs Wochen später fuhr Leibniz in einer Staatskarosse an der Seite des Marquis von Pomponne nach Saint Germain zur befohlenen Audienz.

Dem gewiegten Blick des Außenministers, der sich eben eine Stunde mit Leibniz in seinem Privathaus über das »Consilium Aegyptiacum« unterredet hatte, entging weder die ungewöhnliche Blässe seines Gastes noch auch der entschlossene Stolz, der unter dieser Blässe durchleuchtete.

Pomponne lächelte vor sich hin. Denn Leibniz dankte eilfertig und mechanisch mit, wenn die zahlreichen Fußgänger, die um diese frühe Vormittagsstunde die Straße belebten, vor der bekannten Staatskarosse die Hüte zogen.

Das Hirn Leibnizens arbeitete fieberhaft. Bis jetzt hatte sich nichts ereignet, was seinen Plänen irgendwie gefährlich zu werden schien. Nach Erhalt des Briefes Pomponnes hatte Boineburg sogleich geantwortet, er werde den Autor so bald als möglich auf eigene Kosten an den Hof nach Paris schicken. Und Leibniz hatte in der Tat schon am 19. März 1672, nur von einem einzigen Diener geleitet, die Reise nach Paris angetreten. Viel war auf ihn eingedrungen in diesen wenigen Tagen bis heute. Zuerst war er vom Wohlstand Frankreichs, seiner Macht und Größe und von der Pracht der Hauptstadt beinahe erdrückt worden. War wie im Rausch umhergewandelt, bis er endlich bemerkt hatte, daß auch dieses große Chaos mit Worten und Gedanken zu durchdringen war. Dann hatte er sich beeilt die Empfehlungsbriefe Boineburgs abzugeben, die ihn in einer Reihe von Tagen schließlich zu Pomponne führten. Schon die erste Unterredung mit dem Außenminister hatte Leibniz gezwungen, seine Karten aufzudecken, da Pomponne erklärte, Seine Majestät wünsche vor der Audienz wenigstens in groben Umrissen über den Inhalt des zu erwartenden Gespräches orientiert zu sein. Der Minister war Leibnizens Ausführungen mit großem Interesse gefolgt, hatte vielen seiner Ansichten voll zugestimmt und stets genauere Aufklärungen erbeten, so daß eine zweite Besprechung, eben am heutigen Vormittag, vor der durch Ludwig anberaumten Audienz notwendig geworden war.

Auf jeden Fall, was auch immer hinter diesem teilnahmsvollen Interesse liegen mochte, hatte man ihn mit auszeichnender Höflichkeit behandelt, die ihren sichtbarsten Ausdruck in der gemeinsamen Wagenfahrt zum König fand. Man würde sich, so mußte sich Leibniz sagen, solche Unbequemlichkeiten ersparen, wenn man nicht irgendwelche ernstere Absichten mit seinem Plan oder mit seiner Person verband, da man ja ohnedies schon im Besitze des Geheimnisses war.

»Seine Majestät freut sich aufrichtig, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein Herr«, wandte sich Pomponne plötzlich an seinen Begleiter, als habe er die Gedanken Leibnizens gelesen. »Insbesondere, da ich meldete, daß Sie unsere Sprache so vollendet beherrschen. So viel Einfachheit hatten wir gar nicht erhofft. Und ich rate Ihnen, das Gespräch so freimütig zu führen, als es innerhalb des Zeremoniells möglich ist. Seine Majestät will weniger Ihre Form als den Inhalt Ihres Wesens prüfen. Er ist nicht unkundig des Verkehrs mit geistigen Menschen aller Art.«

»Ihre Güte, Exzellenz, ist ungewöhnlich«, antwortete Leibniz. »Trotzdem aber fürchte ich, daß mich der Anblick Seiner Majestät verwirren wird. Deshalb bitte ich schon jetzt um Vergebung.«

»Die Huld und die menschlichen Eigenschaften Seiner Majestät dürften über die Verwirrung siegen«, lächelte Pomponne und lenkte schnell auf ein anderes Gespräch hinüber, das Leibniz sofort aufgriff. –

Leibniz hätte kaum genau erzählen können, was sich vor dem Augenblick abgespielt hatte, in dem er in einem mit schweren Gobelins verhangenen Arbeitszimmer plötzlich dem großen König gegenüberstand. Und über den schimmernden liliendurchwirkten Brokaten und dem unvorstellbar prächtigen Gewand das stolze Haupt Ludwigs mit der dunklen Perücke ragte. In Wahrheit kaum mehr ein Mensch, sondern ein Begriff der Majestät, schauderte es in Leibniz, der diesem Symbol der Allmacht rein geistig ein andres Handeln aufzwingen wollte.

»Zuerst habe ich Ihnen meinen Dank auszusprechen«, begann Ludwig mit gedämpfter Stimme, »daß Sie ihren ungewöhnlichen Kopf in den Dienst der Größe Frankreichs stellten.« Er machte eine Geste gegen Pomponne. »Der Herr Außenminister wird uns vorläufig allein lassen, damit wir ihn nicht mit Wiederholungen bemühen.« Und als Pomponne verschwunden war: »Ihre Pläne, soweit ich sie im Umriß kenne, sind ebenso neu wie kühn. Sie sind Protestant, mein Herr, soviel ich hörte?«

»Eure Majestät wurde richtig informiert.«

»Ich fragte nur«, lächelte Ludwig, der sich hinter seinem Arbeitstisch nunmehr auf einen Thronsessel niederließ, »weil der tiefste Sinn ihrer Pläne doch ein katholischer ist. Ein allgemein christlicher.«

»Ich empfände die Wiedervereinigung aller christlichen Bekenntnisse als das größte Glück meines Lebens«, sagte Leibniz leise.

»Dem Einzelnen steht für solche Wiedervereinigung ja nichts Hinderndes im Wege. Aber das alles nur nebenbei. Ich bitte Sie jetzt, mir die Kernpunkte Ihres Projektes vorzutragen. Kurz und scharf umrissen. Ich will den Plan aus Ihrem eigenen Munde hören.«

Leibniz hatte, wie es ihm von Pomponne vorausgesagt worden war, tatsächlich, trotz aller Majestät, jene bedrückte Scheu verloren, die er gefürchtet hatte. Und er sprach sofort ohne Hemmung in klaren, eindeutigen Sätzen und entrollte in zunehmendem Eifer seinen politischen Aspekt vor Ludwig, der ihn nicht aus dem Auge ließ und auf jeden Tonfall zu achten schien.

Plötzlich, mitten im Vortrag, winkte der König leicht mit der Hand. Leibniz erschrak. Doch sogleich beruhigte ihn ein Lächeln des Herrschers, der einwarf:

»Nur, um den Einwand nicht zu vergessen, unterbrach ich Sie. Es soll weder eine Zurückweisung noch Verneinung sein, sondern eben das, was ich schon erwähnte: ein Einwand. Da er aber die Grundlagen berührt, mache ich ihn schon jetzt. Also, hielten Sie Ihre ägyptische Unternehmung für mich noch für wünschenswert oder nützlich, wenn der Krieg gegen Holland unabänderlich beschlossen wäre? Wenn wir etwa schon Bündnisse eingegangen wären, die wir nicht mehr lösen wollen?«

Was hieß das? Leibniz stockte einen Augenblick selbst in seinen Gedanken. Eine Falle? Was für Bündnisse? Es kamen nur England oder Schweden ernstlich in Betracht. Er durfte aber um keinen Preis verraten, daß er ahnte, wen Ludwig meinte. Nein, nur zur Sache. Pure Logik. Er durfte nur aus seiner Sache selbst heraus argumentieren.

»Ich glaube«, erwiderte er nach unendlich schnellen Gedankenläufen langsam und gewichtig, »daß auch in diesem Fall die ägyptische Unternehmung von Vorteil ist. Denn wenn ich die Absichten Frankreichs verstehe, so will man Holland strafen, züchtigen, nicht aber vernichten. Denn die Vernichtung Hollands könnte Widersacher und Nebenbuhler aufrufen, die Frankreich nicht zu treffen beabsichtigt. Weil aber Holland nur gedemütigt werden soll, bleibt sein Handel auch nach einem Krieg unangetastet. Deutlich gesprochen: Holland hat Nachteile, Frankreich aber keine materiellen Vorteile. Außerdem droht der Türke weiter, ob Holland lebt oder nicht. Und endlich könnte man das Heer, das Holland niedergeworfen hat, gleich nach Ägypten senden. Mein schwacher Verstand hält also an meinem Ratschlag auch in dem Falle fest, den Eure Majestät als Einwand zu bezeichnen geruhten. Sicherlich bin ich wie jeder Erfinder in meine Gedankengänge versponnen. Aber ich bilde mir gleichwohl ein, Eure Majestät könnten Ihre Ziele nicht einfacher erreichen als auf dem von mir untertänigst vorgeschlagenen Wege.«

Ludwig hatte ruhig und ohne Änderung seiner freundlichen Miene die Erwiderung angehört. Als Leibniz schwieg, sagte er aufmunternd:

»Ich habe Sie unterbrochen. Setzen Sie Ihren Vortrag fort, mein Herr, oder noch besser, erzählen Sie mir einiges über den Stand der Wissenschaften jenseits des Rheins.«

Leibniz zuckte zusammen. Diese Frage hatte er nicht erwartet. Sie mußte aber beantwortet werden. Und zwar in einer Art, die sein Vaterland nicht bloßstellte; die aber gleichwohl wieder nicht Unwahrheit oder Übertreibung war.

Es waren vielleicht die schwersten Augenblicke im Leben Leibnizens, die jetzt folgten. Er suchte in allen Winkeln seines Geistes, um vor Ludwig ein Gemälde des Wissens zu entwerfen, das vor der Welt bestehen konnte. Und er sprach von Scholastikern, Theologen, Juristen, Astronomen, Mathematikern und Ärzten, sprach über tiefe und entlegene Gebiete, die er unwillkürlich, überall wo es Not tat, mit eigenen Erkenntnissen schmückte und verbrämte. Bis Ludwig plötzlich, scheinbar ohne jedes Motiv, wohlwollend sagte:

»Es wird mich freuen, mein Herr, wenn der weitere Aufenthalt in Frankreich Ihnen Anregung und Belehrung schenken sollte. Bestellen Sie an Baron von Boineburg meinen königlichen Gruß. Sie dürfen hinzufügen, daß ich von Ihnen, seinem Abgesandten, nicht enttäuscht war.«

Ludwig nickte leicht mit dem Kopf. Leibniz, durch diesen Schluß verwirrt, stammelte einige zeremonielle Dankesworte und entfernte sich rascher als er wollte mit den vorgeschriebenen Verbeugungen. –

Kurz nachdem Leibniz von den Garden und Lakaien erfahren hatte, daß ihn ein Hofwagen allein nach Paris zurückbringen würde, berief König Ludwig den Finanzminister Colbert und den Außenminister Pomponne zu sich.

Ludwig beschied die beiden, Platz zu nehmen. Dann sagte er lächelnd:

»Ich hätte nicht gedacht, daß es notwendig werden würde, wegen eines deutschen Jünglings eine Art von Kronrat abzuhalten. Aber es ist notwendig. Denn dieser Jüngling ist für mich ein Symbol der unausrottbaren Kräfte, die jenseits des Rheins schlummern und die über kurz oder lang wieder erwachen können und erwachen werden. Sie beide sind ja vom ägyptischen Plan des Herrn Leibniz unterrichtet. Ich würde jetzt, nachdem ich den Autor kennengelernt habe, gerne Ihre endgültige Ansicht hören. Minister Colbert, bitte, beginnen Sie!«

Colbert zog ein Lorgnon aus der Tasche und entnahm seiner Mappe einige Blätter. Dann erwiderte er:

»Vom Standpunkt des Handels und der Finanzen müßte man eigentlich für den Plan Stellung nehmen. Der Verfasser hat mich durch seine zwingenden Gründe fast in jedem Punkt überzeugt. Nur ist es unter den wirklichen Bedingungen – ich meine unsre Beziehungen zur Türkei – schwer, solche Dinge ernsthaft zu erwägen. Es ist aber Sache des Außenministers, hier sein Votum abzugeben. Auf jeden Fall halte ich diesen Herrn Leibniz für einen Geist von ungewöhnlicher Schärfe und Selbständigkeit.«

»Es freut mich, Minister Colbert, daß sich unsere Meinungen in diesem Punkt decken«, sagte der König. »Ich habe dem jungen Mann mehr als eine Falle gestellt. Und ich muß betonen, es war geradezu bewunderungswürdig, mit welcher Geistesgegenwart er jedesmal sofort auf die unerwarteten Einwürfe antwortete. Es hat mich besonders verblüfft, als er, etwa auf meine Andeutung von unserem Bündnis mit England, sogleich seine Pläne mit dieser ihm völlig neuen Tatsache in Übereinstimmung brachte. Sie haben vollständig recht, Minister Colbert. An die Ausführung des ägyptischen Planes ist nicht zu denken. Weder heute, noch später. Es fragt sich jetzt nur, was wir mit Leibniz selbst beginnen sollen. Können wir ihn in Paris lassen, sollen wir uns seiner in irgendeiner Form bemächtigen oder schieben wir ihn so schnell als möglich an die Grenze. Was ist Ihr Rat, Marquis Pomponne?«

Pomponne wiegte einen Augenblick den Kopf hin und her. Dann erwiderte er leise:

»Es ist die traditionelle Politik Frankreichs, Majestät, in Europa freie Hand zu behalten. Ich spreche jetzt noch zur Frage des ägyptischen Planes. Gewiß, der Plan des jungen Deutschen ist sehr eigenartig, sehr verlockend, vielleicht zu verlockend. Deshalb ist er auch durchsichtig. Leibniz ist, soweit ich aus seinen Reden heraushörte, ein glühender Patriot. Ich fragte mich sogleich, wie ein Mann solcher Gesinnung dazu käme, Frankreichs Interessen mit der ganzen Kraft seines Geistes zu stärken. Dazu noch als Freund und Beauftragter Boineburgs, der trotz seiner gegenwärtigen loyalen Haltung alles eher denn ein Anhänger unsres Landes ist. Was also kann der ganze ägyptische Plan andres bedeuten als den verzweifelten Versuch eines Patrioten, uns von unsren eigentlichen Absichten abzulenken und in Abenteuer zu verwickeln? Von diesem Gesichtswinkel aus könnte man, wenn man wollte, die diplomatische Aktion Leibnizens als eine Art von Betrug ansehen. Zumindestens als eine sehr arge Unfreundlichkeit gegen Eure Majestät.«

Wieder lächelte Ludwig.

»Nicht so scharf, Marquis«, sagte er beschwichtigend. »Wir wollen Leibniz nicht geradezu der Feindschaft gegen uns bezichtigen. Selbst wenn er unsre eigentlichen Ziele in Europa kennt. Denn von seinem Standpunkt hat er nicht versucht, uns Nachteiliges zu raten. Er wollte nur, und das bewundere ich, unsren und den Vorteil seines Vaterlandes in einem Punkt vereinigen. Sie haben mir aber meine Frage noch nicht beantwortet, Marquis, was wir jetzt mit diesem höchst gefährlichen Jüngling beginnen sollen?«

»Das ist, denke ich, Majestät, nicht mehr so schwer zu entscheiden, da ja Eure Majestät gleichsam schon die Entscheidung getroffen haben. Es ist nämlich auch traditionelle Politik Frankreichs, bedeutende Menschen in allen Ländern zu wahren Freunden zu gewinnen und sie vom hohen Stande unsres Wissens und unsrer Künste zu überzeugen. Deshalb gestatte ich mir, untertänigst vorzuschlagen, Herrn Leibniz, wenn er will, den Aufenthalt in Paris zu gestatten und ihm so weit als möglich Einblick in unser Leben und unsre Leistungen zu bieten. Er wird dann nicht nur für die ganze Zeit seiner späteren Wirksamkeit mit den Worten Frankreich und Paris eine angenehme Erinnerung verbinden, sondern uns vielleicht sogar einmal ernstlich nützen. Denn daß Leibniz in irgendeiner Form in der Zukunft eine Rolle spielen wird, halte ich für so gut wie sicher. Ich habe dieser Meinung nichts mehr hinzuzufügen, Majestät.«

Ludwig sann einige Augenblicke nach. Dann sagte er abschließend:

»Sie haben meine Absichten voll erraten, Marquis von Pomponne. Wir werden aber Herrn Leibniz nicht etwa von der Annahme oder Ablehnung seines Planes in Kenntnis setzen, sondern ihn darüber für ewige Zeit im unklaren lassen. Ein Leibniz ist imstande, aus einigen noch so verschleierten Ablehnungsworten unsre verstecktesten Absichten herauszulesen. Es ist auch vielleicht besser, wenn er durch unsre Unentschiedenheit, wie er unsre Haltung dann auffassen dürfte, auf falsche Bahnen abgelenkt wird. Außerdem bleibt er dadurch ohne weiteres Zutun von unsrer Seite, was wieder auffallen könnte, längere Zeit in Paris. So daß wir durch bloßes Schweigen alle Vorteile auf einmal haben.«

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.