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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 14
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Dreizehntes Kapitel

Diplomatische Schachzüge

Da sich die Ernennung des Marquis von Pomponne zum französischen Außenminister in den nächsten Wochen tatsächlich vollzog, sein Dienstantritt jedoch erst mit Anfang Jänner erfolgte, fand es Boineburg für richtig am 20. Jänner 1672 seine Aktion für das »Consilium Aegyptiacum« einzuleiten. An diesem Tage ging ein geheimer Kurier aus Mainz an den französischen Hof mit dem Auftrage ab, folgendes Schreiben Boineburgs Ludwig dem Vierzehnten persönlich zu überreichen:

»Eure königliche Majestät! Wenn sich ein Eurer Majestät nicht ganz Unbekannter herausnimmt, sich ohne Vermittlung der berufenen Instanzen an Eurer Majestät Wohlmeinung direkt zu wenden, ist es klar, daß solch ein Beginnen nur durch große Wichtigkeit der Sache entschuldigt werden kann. Diese Wichtigkeit ist nun im vorliegenden Fall, soweit die bescheidene Sachkenntnis des Absenders reicht, gegeben. Aber noch aus einem anderen Grund muß der untertänigst Gefertigte um Vergebung bitten. Er darf nämlich vorläufig den Namen des Mannes nicht nennen, dessen Pläne er kennt, billigt und hiemit befürwortet. Dieser Autor erwähnter Pläne ist ein Mann großer Fähigkeit. Beim ersten Ansehen allerdings erscheinen die Projekte, die er hegt, etwas extravagant, sie verdienen aber gleichwohl wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes Beachtung. Eure Majestät werden also geruhen, wie ich vorauszusetzen mich erkühne, das Augenmerk auf die Wirkungen und Früchte dieser vorteilhaften Unternehmung zu richten, und mir vielleicht befehlen, daß man Eurer Majestät oder höchstihrem Abgesandten die wahrhafte Realität der Angelegenheit selbst und die geeigneten Mittel, sie auszuführen, im einzelnen mitteile. Indessen hält sich der Autor zu einer persönlichen Zusammenkunft bereit, mit welcher Eure Majestät gewiß zufrieden sein würden. Darüber erwartet der Unterzeichnete in Geduld und tiefstem Respekt weitere Befehle. Er gestattet sich schließlich, ein kurzes Vorwort des Autors beizulegen, aus dem zwar noch nicht die Sache, für einen durchdringenden Verstand jedoch die Gesinnung des Mannes hervorgeht. Eben dieser durchdringende Verstand wird schließlich Eure Majestät davon abhalten, dem Unterzeichneten ob seiner nur scheinbaren Geheimtuerei zu zürnen, die gerne unterblieben wäre, wenn es die Umstände erlaubten. Indem ich also dieses Anliegen noch einmal der Gnade Eurer königlichen Majestät empfehle, bitte ich um weitere huldvolle Gewogenheit.«

Diesem Begleitbrief lag, wie schon erwähnt, ein Vorwort des »Consilium« bei, das Leibniz selbst verfaßt hatte, und das ausführte, der große König könne »aus einer gewissen Unternehmung« weit mehr Vorteil ziehen als aus dem Krieg gegen Holland. Ja, er würde durch diese Unternehmung die Holländer viel sicherer zugrunde richten, als durch einen direkten Krieg. Denn die Holländer würden dadurch die besten Teile ihres Handels verlieren, der mit einem Schlag auf Frankreich übergehen würde. Außerdem würde das Prestige Frankreichs mächtig gehoben werden. Denn diese »gewisse Unternehmung« würde nur die ehrenvollen Urteile all jener bekräftigen, die den Krieg gegen Holland noch nicht für beschlossen hielten, sondern glaubten, das Gerücht von diesem Kriege werde nur aus weit feiner gesponnenen Rücksichten verbreitet. Und die deshalb mit Recht die Ratschlüsse der Majestät schon jetzt als Wunder an Geheimhaltung, als »miracle du secret« bezeichneten. Und eben die »gewisse Unternehmung« werde Seiner Majestät und ihren Nachkommen den Weg zu den höchsten und heroischesten Hoffnungen eröffnen, würdig, mit Grund von dem größten Monarchen des Jahrhunderts gewünscht zu werden. Und die Ausführung des Planes werde im beständigen Interesse des menschlichen Geschlechts gelegen sein und so die Quelle eines unsterblichen Ruhmes für die Zukunft bilden. Weil aber das Geheimnis die Seele eines solchen Projekts sei, müsse die Ausführung wie ein Blitz erfolgen. Deshalb aber, und nur deshalb, behalte sich der Autor vor, den besten Teil und das Wesentliche seiner Pläne in Person zu sagen. Denn wenn die Holländer und ihre Parteinehmer auch noch so wenig davon unterrichtet werden würden, so würde leicht alle Hoffnung des Gelingens für immer entschwinden: was ihnen aber nicht zugute käme nach Beginn der Ausführung und sobald man einmal Hand ans Werk gelegt habe. Zuletzt bemerke der Autor, daß schon dieses Jahr für die Unternehmung das beste sei und daß man alle Gründe der Welt habe, zu fürchten, durch einen Aufschub die schönste Gelegenheit zu verlieren; ohne etwas andres zu behalten als eine bedauernde Erinnerung dessen, was man hätte tun können.

Als man diese schicksalschweren Andeutungen abgesandt hatte, bemächtigte sich trotz allem guten Glauben sowohl Boineburgs als Leibnizens eine fieberhafte Unruhe und die Angst, daß überhaupt keine Antwort erfolgen würde. Boineburg versuchte zwar wiederholt, Leibniz zu beschwichtigen. Er habe Grund, meinte er, anzunehmen, daß die gewiegten Diplomaten Ludwigs selbst geringeren Spuren nachforschen würden als solch einer Ankündigung des Ministers von Kur-Mainz, von dem ja Ludwig stets wünschte, er möge seine Gesinnungen für Frankreich »befestigen«. Vielleicht lege man den Schritt sogar als eine versteckte Antwort auf die Aufforderung des Geschäftsträgers von Trier aus, er, Boineburg solle an den Hof nach Paris kommen. Ja, es könne sich sogar ereignen, daß Ludwig eine offene Bitte an den Kurfürsten richtete, den Minister Boineburg zu Verhandlungen nach Paris zu senden.

Diese letzte Möglichkeit hatte Boineburg tatsächlich im Auge. Denn es wäre die einzige Art gewesen, in der er, ohne das Mißtrauen des Kurfürsten zu erregen, hätte nach Paris reisen können.

Doch verwarf er wieder nach einigem Nachdenken solche Hoffnungen und Wünsche. Nein, Ludwig der Vierzehnte würde ihn nicht berufen. Er durfte ihn nicht berufen, da er sich dadurch in die Rolle eines Werbenden begeben würde. Und selbst wenn er ihn beriefe, würde der Verdacht des Kurfürsten erst recht erweckt werden. Es hieß also für Boineburg den Zeitpunkt abwarten, da ihn der Kurfürst selbst zu Ludwig sandte. Würde diese Gelegenheit je kommen?

Leibniz aber hatte sich in wenigen Tagen in eine Besessenheit hineingeredet. Je längere Zeit verstrich, desto sicherer wurde er, daß die Politik des Weltteils seinem Konzept folgen würde. Und er war deshalb nicht einmal so verblüfft wie Boineburg, als zu einem unwahrscheinlich frühen Termin, am 12. Februar 1672, die Antwort aus Paris, gefertigt von Arnaud de Pomponne, eintraf. Der Außenminister teilte mit, Seine Majestät habe ihm den Brief Boineburgs übergeben, er habe ihn studiert und der Majestät vorgetragen und seine Ansicht dazu geäußert. Die Schriftstücke kündigten im allgemeinen etwas sehr Großes zum Ruhme Seiner Majestät und zu höchstderen Vorteile an, zeigten jedoch nicht die Mittel, durch welche dies ausgeführt werden sollte. Da nun der Autor sich vorbehalte, selbst seine Erklärungen abzugeben, so werde Seine Majestät gerne die Eröffnungen anhören, die er zu machen habe: sei es, daß der Autor selbst an den Hof komme, um sich zu verständigen, oder daß er es auf irgendeinem anderen Wege, der dem Baron Boineburg der beste scheine, tun möge. Bei einem Vorschlag von so großer Ausdehnung, der zudem so große Dinge verspreche, ziehe Seine Majestät vorzüglich die Meinung in Betracht, die Boineburg darüber hege. Dies wegen des scharfen Urteiles und der Einsicht Boineburgs, Eigenschaften, die dem Könige bei dem Minister von Kur-Mainz hinlänglich bekannt seien.

Es wurde zwar gesagt, daß Leibniz weniger überrascht war, als man es hätte annehmen müssen. Diese Feststellung galt jedoch nur für den ersten Augenblick. Nach kurzer Zeit, als er die Tragweite der bevorstehenden Ereignisse begriff, als er sich klar machte, daß er, der noch nicht Sechsundzwanzigjährige, in kurzem schon vor den mächtigsten Monarchen der Gegenwart, glänzend eingeführt und voll gewertet, werde hintreten dürfen, um das Wohl des Vaterlandes, vielleicht die Rettung Deutschlands verfechten zu können, da begann ihm wieder sein Leben als mystischer Traum zu erscheinen. Warum diese schnurgerade Führung, die ihn von der zerschossenen Windmühle über die Bibliothek des Vaters, über Jena, Nürnberg, Frankfurt und Mainz nunmehr nach Paris, in das Innerste des »Miracle du secret« lenkte? Warum das alles? War er wirklich berufen und auserwählt? Sollte er Bahnbrecher und Erlöser seines Volkes werden? Oder würden seine Pläne wieder nur ins Leere stoßen wie die Denkschrift über die Sicherheit Deutschlands und seine Stellungnahme zur polnischen Königswahl? Oder gab es einen Rhythmus von Erfolg und Mißerfolg wie bei seinen Bemühungen um das Doktorat der Rechte? Jedenfalls, das erkannte er damals, war es vielleicht nicht notwendig, zu leben. Wenn man aber lebte, dann war es notwendig zu arbeiten, nichts als zu arbeiten und seine Pflicht zu tun.

 

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