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Egmont Colerus: Leibniz - Kapitel 11
Quellenangabe
typebiography
authorEgmont Colerus
titleLeibniz
publisherPaul Zsolnay Verlag
addressHamburg
printrun39.-43. Tausend
year1950
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid895c7d1c
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Zehntes Kapitel

Briefe

Ais am Nachmittag des nächsten Tages der Kahn in Mainz anlegte, eilte Leibniz so schnell seiner Wohnung zu, daß ihm die zwei Schiffer, die sein Gepäck trugen, kaum folgen konnten.

Das Haus des Hofgerichtsassessors Doktor Hermann Andreas Lasser lag nicht weit von der Landungsstelle und war eines jener kleinen Häuser am Rheinufer, deren flußwärts gekehrte Mauer schräg abfiel, um einem Hochwasser, förmlich als Pfeiler, trotzen zu können. Es hatte aus ebenderselben Vorsicht auch keine Fenster im Erdgeschoß gegen den Strom zu. Dafür aber war das Tor besonders mächtig und mit Eisen beschlagen.

Im Flur wurde Leibniz von den beiden Söhnchen des Assessors jubelnd begrüßt, die sich an ihn hingen und allzugern erfahren hätten, ob ihr lieber Hausgenosse ihnen von seiner langen Reise auch etwas Schönes mitgebracht habe.

Leibniz liebte diese Kinder, denen er trotz all seiner Arbeit seit Jahren täglich mindestens eine Stunde gewidmet hatte, und die oft auf dem Estrich seines Zimmerchens tollten, während er in tiefste Probleme sich versenkt hatte. Diese Begleitmusik werdenden Lebens hatte ihn nie gestört, sondern gestärkt und erfrischt.

So tätschelte er auch jetzt zärtlich die roten Backen der Kinder und beantwortete trotz seiner Ungeduld ausführlich ihre unermüdlichen Fragen. Erst als von oben die Stimme der Mutter ertönte, nahm er Anlaß, die Schiffsknechte auszuzahlen und in das obere Stockwerk hinaufzueilen.

Inzwischen war auch der Assessor, ein graubärtiger Mann, über den Lärm der Kinder scheltend, herausgekommen und stieß auf der Treppe beinahe mit Leibniz zusammen.

»Höchste Zeit, daß Sie eintreffen, Herr Rat!« murrte er, noch ärgerlich über die Knaben. »Seit zwei Tagen erscheint mindestens dreimal täglich ein Diener des Ministers Boineburg und sucht Sie.«

»Ich bin ohnedies vor dem angekündigten Zeitpunkt eingetroffen«, erwiderte Leibniz.

»Ändert nichts daran, daß alles im Argen liegt. Allein komme ich mit der Arbeit nicht gehörig weiter, da Sie Ihre Methoden stets als Geheimnis hüten.«

»Erlauben Sie mir nur, auf mein Zimmer zu gehen, Herr Assessor. In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen. Oder in einer Stunde.«

»Oder überhaupt nicht, Herr Rat. Ich kenne das.« Und Lasser drehte sich beleidigt um und verschwand.

Auch Leibniz kannte diese fast tägliche Auseinandersetzung. Gewiß, Lasser war ein begabter Jurist und gewissenhafter Mitarbeiter an der großen Aufgabe, die ihnen beiden von Boineburg übertragen worden war. Sollte doch nicht weniger geschaffen werden als eine Verbesserung des römischen Rechtes zum Gebrauch des ganzen Reiches. Eine Art allgemeines Gesetzbuch für den täglichen Gebrauch. Und Leibniz hatte in einer kühnen Konzeption diese Aufgabe mit der Kunst der Kombinatorik verbunden und wollte gleichsam ein Zauberbuch schaffen, das es jedem Richter ermöglichte, mit wenigen Blicken alle Rechtsregeln zu finden, die zur Entscheidung des Falles notwendig waren. Lasser wieder, dem die Systematik des Rechts höher stand als der praktische Gebrauch, übte passiven Widerstand und behauptete täglich, er begreife die Methode nicht, nach der Leibniz den Stoff anordnen wollte, obwohl er sie natürlich genau begriff und im Wesen ebenso billigte wie bewunderte. Allerdings hatte Lasser in einem Punkte recht. Leibniz, der von allerlei Arbeiten hin und her gerissen wurde, drückte sich gerne von der Ausführung und schob die manuelle Arbeit dem Nurjuristen zu, während er selbst sich die großen Linien vorbehielt. Und dies war hauptsächlich der Grund der an sich harmlosen Debatten. Denn Leibniz lebte mit der Familie Lasser ansonst einträchtig wie ein leiblicher Verwandter und bewohnte ein kleines Zimmer in dessen Hause.

In diesem Zimmer nun fand er, noch immer von den neugierigen Knaben geleitet, drei Briefe. Der erste stammte von seiner Schwester, der zweite von Spinoza, der dritte vom schwedischen Gesandten Habbeus von Lichtenstern, der im Vorjahr aus Mainz in die Heimat zurückberufen worden war.

Jetzt erst fühlte Leibniz die Ermüdung. Er setzte sich schnell in den Lehnstuhl am Fenster, öffnete zuerst den Brief der Schwester und überflog ihn, während die Kinder flüsternd in seinen Sachen kramten. Dann las er ihn genauer, da es kein gewöhnlicher Brief war:

»Herzliebster Bruder!« stand da. »Laß es Dich nicht wundern, was ich dir sage. Aber ich hoffe nicht, daß Du würdest calvinisch werden und zugleich damit Vaterland und Glauben verraten. Die Leute reden hier so übel von dir, wiewohl ich Dich allezeit defendieret habe. Aber es sind etwann vor Jahren Leipziger dort in Mainz gewesen, die haben derlei Gerüchte erzählt. Und dann, herzlieber Bruder, lege ich Dir an die Seele, daß Du Dich in acht nimmst. Es war neulich in Zeitungen von Frankfurt geschrieben, daß von Mainz die Evangelischen und auch die Juden weg sollten. Und darum auch nimm Dich in acht, weil man sich ärgert, daß Du bei dem Kurfürsten wohl gehört wirst. Und da sagt man, daß Dir einige Leute, so Dir diese Gunst nicht gönnen, gern etwas Unwiderrufliches (will es nicht aufschreiben, das Wort!) in die Speise täten und Dir etwas beibrächten, das Dich am nächsten Morgen des Erwachens überhöbe. Lieber Bruder, ich meine es herzlich gut mit Dir und wollte nicht gerne, daß Du zu Schaden kämest, zumal weil wir ja nur mehr zwei Geschwister sind von der Familie. Deshalb auch sähen wir in Leipzig es gern, wenn Du zu uns zurück kämest. Es sind ja auch hier fürstliche Höfe, die unsres Glaubens sind, und der liebe Gott wird Dich auch in lutherischem Lande nicht lassen Hunger leiden. Du darfst diesen Brief nicht wieder für einen bloßen Brief halten, ich schreibe dies alles aus gutem Herzen zur Warnung, daß Du Dich in acht nimmst. Hiemit befehle ich Dich in Gottes Schutz. Mein Herr und die Kinder lassen Dich freundlich grüßen.

Deine liebe Schwester Anna Catharina Löffler.«

Leibniz war durch diesen Brief sonderbar berührt. Kindheit und Jugend, Elternhaus und all die vielen kleinen Gemeinsamkeiten, die ihn an die jüngere Schwester knüpften, wurden lebendig. Dazu aber auch die Enge Leipzigs, der Wust von Phantasie und Verleumdung, der dort um den rätselhaften Ausreißer, der so gar nicht den pfahlbürgerlichen Vorstellungen sich fügen wollte, gesponnen wurde. Nein, Schwester, du kannst ruhig schlafen. Ruhig die Kinder betreuen, die ich nicht mehr kannte. Wie mögen diese Neffen wohl aussehen? Etwa so ähnlich wie die unentwegten Krabbler, die das Gepäck hier im Zimmer durchstöbern? Wie wohl das Gerücht vom Religionswechsel entstanden sein mochte? Warum calvinisch? Ganz unfaßbar. Übertritt zum Katholizismus wäre am Hof eines Erzbischofs näher gelegen. Auch Boineburg war nach seinem Sturz katholisch geworden und hatte nach seiner Haftentlassung mehr als ein Jahr mit geistlichen Übungen zugebracht. Ganz unbegreiflich war aber das Gerede, man wolle ihm selbst Gift beibringen. Wie sich die Leipziger Kurmainz vorstellten! Arme Schwester. Man mußte ihr antworten und sie beruhigen. Doch jetzt zu den anderen Briefen. Was schreibt der große Spinoza?

Schon äußerlich war Leibniz enttäuscht. Es waren nur wenige Zeilen. Sehr höflich. Er, Spinoza habe mit Interesse die Beschreibung der Linse gelesen, mit der man Entfernungen zu messen imstande sei. Doch bedaure er, sich nicht äußern zu können, da die Beschreibung so undeutlich sei, daß man daraus das Wesen der Sache nicht ersehe.

Was hieß das? Wohl nichts andres, als daß Leibniz ihn nicht weiter mit Phantasmagorien belästigen solle. Denn undeutlich war die Beschreibung nicht gewesen. Gut! Erledigt. Spinoza will nichts weiter vom unbekannten Gaukler Leibniz wissen. Also zum dritten Brief: Was schreibt Habbeus von Lichtenstern?

Es waren sehr vorsichtige, verklausulierte Einleitungen. Der Schwede trat als Mittelsmann auf. Im Auftrage des Herzogs Johann Friedrich von Hannover. Soeben sei der Kartier dieses Herzogs, Herr Langerbeck, gestorben. Und der Herzog würde es mehr als gerne sehen, wenn sich Herr Doktor Leibniz, kurmainzischer Rat, um einen Dienst am Hofe von Hannover bewerben würde.

Was war das? Woher der Zusammenhang mit dem Tod des Kanzlers? Sollte er, der Fünfundzwanzigjährige, gar Kanzler in Hannover werden? Oder, wahrscheinlicher, bloß die Arbeit eines Kanzlers leisten, während irgendein hochadeliger Schranze Amt und Ehre hatte? Gottlob, daß keine anderen Briefe mehr eingetroffen waren! Qualvoll war diese Flut von Entscheidungen. Was wollte Boineburg, der ihn täglich dreimal suchte? Und Lasser wartete nebenan mit seinem Gesetzbuch des römischen Rechtes und die Kinder kramten nach Geschenken.

Leibniz lachte laut auf, als eines der Felleisen auf den Estrich polterte und die Knäblein geängstigt aus dem Zimmer liefen.

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