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Leib Weihnachtskuchen und sein Kind

Karl Emil Franzos: Leib Weihnachtskuchen und sein Kind - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLeib Weihnachtskuchen und sein Kind
authorKarl Emil Franzos
firstpub1896
year1984
publisherGreifenverlag
addressRudolstadt
titleLeib Weihnachtskuchen und sein Kind
pages3-224
created20060113
modified20151203
sendergerd.bouillon
secondcorrectorHerbert Niephaus
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I

Wer im Waggon von Lemberg nach Czernowitz dahinfährt, mag leicht versucht sein, Ostgalizien für menschenärmer zu halten, als es ist. Meilenweit öde Heide oder dürftiger Ackerboden, einige Hütten in der Ferne, aber selten ein großes Dorf. Anderwärts kann der Reisende oft aus der Lage der Hütten, der Form der Gärten erkennen, wie gewalttätig die Bahnlinie hindurchgeführt worden. Hier ist dies wohl nur an einer Stelle so: wo das Dampfroß von Halicz weg, dem uralten Flecken, der dem Land den Namen gegeben hat, weiter gegen Südost eilt und die Gemarkung des Dorfes Winkowce berührt. Da sieht man zur Rechten einen stattlichen Bauernhof, schief zur Bahn gestellt, zur Linken den großen Obstgarten. Hier hat der eiserne Strang ein blühendes Anwesen entzweigeschnitten.

Der Besitzer jenes Hofs war ein ruthenischer Bauer und hieß Janko Wygoda. Das ist eigentlich ein komischer Name: »Hans Bequemlichkeit«, aber er wird keinem Landeskind so erscheinen, schon weil er überaus häufig ist. Wer das Geschick dieser armen Menschen erwägt, könnte glauben, daß dies eine Art Notbehelf ist, damit man unter ihnen doch wenigstens etwas finde, was an Wohlleben erinnert. Aber Wygoda heißt auch ein die Straße kürzender Feldweg, dessen Benutzung den Nachbarn gestattet wird; der Name haftete am Grundstück und ging, als Kaiser Josef die Familiennamen einführte, auf den Besitzer über. Freilich heißen heute, bei dem ungemeinen Niedergang dieses Bauernstandes, schon viele Hunderte so, die keinem Menschen mehr etwas zu gestatten oder zu verbieten haben.

Unser Janko Wygoda hatte es besser; er saß auf dem Erbe seiner Vorfahren, aber hart genug war es ihm geworden. Vielleicht rettete ihn nur seine Häßlichkeit vor dem Verderben. Vater und Mutter waren die lustigsten, leichtsinnigsten, durstigsten Menschen in der Gemeinde und von jenem Schlag, den man so oft in diesem reinblütigsten Slawenstamm findet, dem nur einige Tropfen Mongolenblut eingemischt sind: groß, stark, fettleibig, mit blondem Kraushaar und wasserblauen Augen. Und diesem Paar legte das Schicksal einen kleinen schwarzen Mongolen in die Wiege. Die Nachbarn lächelten, selbst der Pope unterdrückte bei der Taufe den Witz nicht, den Wurm gehörig unter Wasser zu setzen: »Das Teufelchen kann's brauchen!« Die Mutter weinte, der Vater tröstete: »Vielleicht holt der Teufel den Wechselbalg wieder ab, und Gott schenkt uns ein christlich Kind!« Beide Wünsche erfüllten sich nicht; Janko blieb der Einzige und gedieh zu einem kräftigen, sehnigen, freilich hageren und kleingewachsenen Knaben, dem im gelblich blassen, von straffem, schwarzem Haar umstarrten Antlitz die schief geschlitzten, scheu blickenden Augen standen. Wohl das Häßlichste an diesem Antlitz war der Ausdruck dumpfen, traurigen Trotzes; selbst die Hohnreden der Nachbarn, die Schimpfworte der Mutter, die Fußtritte des Vaters hatten den Janko nicht heiterer gemacht.

Aber tüchtiger und arbeitsamer. Er hielt sich an die Knechte, weil ihn diese nicht schlugen, arbeitete rastlos auf den entlegensten Äckern, wohin der Vater nie kam. Allmählich freilich konnte er sogar den Garten am Hause betreten, ohne dem Alten zu begegnen; der hatte zuviel Geschäfte außerhalb. Des Vormittags mußte er zu einem der drei Wucherer gehen, in deren Hände er geraten war, dem Gutsherrn von Winkowce, Wladislaus von Paterski, dem armenischen Pächter der Haliczer Herrschaft, Stefan Kastanasiewicz, und dem Juden Moses Erdkugel in Halicz. Die drei Männer übten ihre Wohltaten zu demselben Zinsfuß, fünfzig, hundert und, wenn es sein konnte, zweihundert Prozent; aber nur der würdige Erdkugel war bereits wegen Wuchers bestraft. Und mit Recht, denn er hatte sein Geschäft offen betrieben und jene Rücksicht vergessen, die man befreundeten Beamten schuldet. Der Pole und der Armenier übten diese Rücksichten, und darum waren sie Ehrenmänner; auch Hritzko Wygoda ging lieber zu ihnen und zum Juden nur, wenn es sein mußte. Das war seine Arbeit am Vormittag; des Nachmittags betrank er sich in der Schenke, des Abends mußte ihn Janko mit Hilfe eines Knechts heimschleppen.

Das waren die einzigen Begegnungen zwischen Vater und Sohn, und sie liefen friedlich ab, weil der Alte besinnungslos war. Als Gast betrat Janko niemals die Schenke und war achtzehnjährig geworden, ehe der erste Tropfen Schnaps seine Lippen netzte. Auch das war gegen seinen Willen geschehen; er brach an einem glühheißen Tage vor allzu großer Anstrengung auf dem Felde zusammen; die Knechte wollten den Ohnmächtigen durch den Trunk wieder ermuntern; mehr als der brennende Geschmack brachte ihn der Abscheu vor dem wohlbekannten scharfen Duft wieder zum Bewußtsein.

Sooft er auch sein Schicksal verfluchte, für eines war er ihm dankbar: daß ihn die Eltern nie zur Schenke mitgenommen, weil sie sich seiner Häßlichkeit geschämt. Das war gut; er konnte die Wirtschaft aufrecht halten. Freilich war alles nutzlos, solange sie lebten; die Mutter ließ das Hauswesen verfallen, der Vater verkaufte die Frucht auf dem Halm und schaffte selbst das nötigste Gerät nicht an; aber sie mußten ja bei solcher Lebensführung ein frühes Ende nehmen. Er hatte sie als Kind gehaßt, solange er sie gefürchtet; als Jüngling ging er mit stumpfem Gleichmut neben ihnen her; er wünschte ihren baldigen Tod nicht, aber das mußte ja kommen, wie auf den Herbst der Winter folgt.

Und dann war er der Herr und alles gut. Daß in Wahrheit alles verloren war, daß eigentlich kein Halm mehr dem Vater gehörte, sondern jenen drei Wohltätern, wußten mehrere im Dorfe, er nicht, den es zunächst betraf. Der Vater war den Wucherern Geld schuldig, das mußte dann eben zurückgezahlt werden; Schlimmeres ahnte er nicht. Wer auch hätte es ihm sagen sollen? Er sprach mit keinem mehr als das Notwendigste, hatte keinen Freund. Die Leute verhöhnten den Wechselbalg und Duckmäuser, einige mochten das arme traurige Arbeitstier vielleicht bemitleiden, gingen ihm aber doch gern aus dem Wege. Ebenso seine Knechte; er war ja als Herr gerecht, mutete keinem so viel zu wie sich selbst, aber sie atmeten doch auf, wenn er ihnen den Rücken kehrte. Ihm jedoch waren eigentlich alle Leute im Dorfe gleichgültig, bis auf einen, den er grimmig haßte, den Pächter der Schenke, Leib Weihnachtskuchen.

Wieder ein seltsamer Name, und auch er ist nicht vereinzelt. Gleich anderen, ähnlichen Namen unter den Juden des Landes erklärt er sich daraus, daß die Beamten, die sie ihnen aufnötigten, witzige Herren waren. Aber dem Großvater des Leib tat der Name schwerlich wehe, und auch er selbst hatte größere Sorgen. Ein kleines, armseliges, verknittertes Stückchen Menschheit, das immer mit einer scheuen, demütig fragenden Miene umherschlich, als wollte es die Leute anflehen: Nicht wahr, du hast doch nichts dagegen, daß Leib Weihnachtskuchen lebt?! Kein Schenkwirt in Podolien nimmt es seinen Gästen übel, wenn sie ihn »jüdisches Hundsblut« nennen und an den Wangenlöckchen zerren; Leib ließ sich, wenn's sein mußte, noch ganz anderes gefallen. Aber dazu kam es selten; im Gegenteil, er wurde von seinen Gästen besser behandelt als die meisten andern Wirte. Erstlich hatten sie Mitleid mit dem kränklichen Männchen; ferner war zum Neid kein Grund; er war so arm wie kein Knecht in Winkowce und hungerte mit Weib und Kind öfter, als er satt wurde. Denn wohl ging die Pacht auf seinen Namen, aber Herr Paterski, dem die Schenke gehörte, hatte »aus Barmherzigkeit« auf die Kaution verzichtet, Moses Erdkugel die Vorräte angeschafft, und nun hielten ihn die beiden für immer in den Krallen. Endlich aber war der Mensch so dumm; wäre er kein Jude gewesen, sie hätten ihn für ehrlich gehalten; er wässerte den Schnaps nicht, gebrauchte keine doppelte Kreide, munterte niemand zum Trinken auf, und wenn ihn jemand um Vermittlung eines Darlehens bei seinen eigenen Wohltätern ersuchte, mahnte er – bei Hritzko war's freilich vergeblich gewesen – gar davon ab. Nein, dem Leib taten sie nichts.

Nur Janko haßte ihn glühend, weil sich ihm in dem kleinen Menschen die beiden Verderber seiner Eltern verkörperten, der Schnaps und der Wucher. Leib wußte dies, und wenn der Jüngling des Abends die Schenkstube betrat, den Trunkenen zu holen, schlich er nach scheuem Gruß in die Ecke und wich ihm auf der Straße weit aus. Einmal aber war kein Platz dazu, und das sollte ihm schlecht bekommen.

Auf jener Wygoda war's, von welcher der Name der Familie rührte, und an einem kalten, nebligen Novembertag. Zähneklappernd eilte der Kleine in seinem dünnen, geflickten Kaftan den schmalen Steg dahin, der über einen künstlich erhöhten Damm führte; rechts und links waren sumpfige Wiesen, die nur im Hochsommer zur Weide dienten, nun aber unter Wasser standen, über das der erste Frost eine dünne Eisdecke gelegt. Da tauchten aus dem Nebel die Umrisse eines Menschen, der ihm entgegenkam; er erkannte seinen Todfeind und blieb zitternd stehen. »Aus dem Weg!« rief der Janko, »für Juden ist die Wygoda nicht geöffnet!« – und er hob die Faust. Leib wollte dem Hieb ausweichen, strauchelte dabei und kollerte den Abhang hinab, die Eisdecke brach unter ihm. »Hilfe!« schrie er in Todesangst auf. Aber Janko ging weiter, einem Hund hätte er herausgeholfen, dem Leib nicht. »Hilfe!« klang es noch einmal, schon schwächer; der Bursche hielt an, sein Herz begann zu pochen, dann setzte er seinen Weg fort. Ertrinken wird er nicht, dachte er, dazu ist das Wasser zu seicht! Und wenn auch – hab ich ihn hineingeworfen?! Aber das Herz schlug ihm nun so arg an die Rippen, daß er doch nach einer Weile anhalten mußte.

Er blickte zurück, die Dämmerung war eingebrochen, die Nebel wogten dichter, weit und breit war kein Laut als das leise Krachen des Eises im Sumpfland. Da kam's wieder – ein Röcheln nur und wie aus weiter Ferne, aber er hörte es doch deutlich: »Hilfe!«, und er eilte zurück. Aber als er jener Stelle nahe kam, vernahm er den Klang anderer Stimmen: zwei Männer des Dorfes, sie brachten den Leib auf den Armen dahergeschleppt. »Ist er tot?« fragte Janko. »Wahrscheinlich!« erwiderte der eine, und der andere fügte mitleidig bei: »Wer mag nur das arme, kleine Hundsblut hinuntergestoßen haben? Er hat doch keinem was getan!«

Leib war nicht tot, aber lange Wochen lag er in hitzigem Fieber, zwischen Leben und Sterben. Aus seinen Delirien erfuhr man, wie sich der Unfall gefügt. Die Eltern, ja alle Leute im Dorf überhäuften Janko mit Vorwürfen, das ließ ihn kalt. »Hab ich ihn hineingeworfen?« erwiderte er anfangs und dann nicht einmal dies.

Aber etwas anderes traf ihn: wenn er des Abends in die Schenke trat und die Frau des Juden ihn anblickte; das bleiche, verhärmte, früh gewelkte Weib sprach kein Wort, aber dieser drohende, verzweiflungsvolle Blick ließ ihn erbleichen. Seine schlimmsten Augenblicke jedoch hatte er, wenn er des Tags das einzige Kind des Schenkwirts, die kleine, blondlockige Miriam, vor dem Hause sah – sie war sonst so lustig gewesen und saß nun still da und ließ das Köpfchen hängen . . .

Vor allem dieser Anblick war's, der den Janko zu einem für ihn schweren Entschluß brachte.

Nächst dem Juden war ihm der Pope der verhaßteste Mann im Dorfe, schon jenes Taufwitzes wegen, aber auch weil der hochwürdige Vater Jephrem täglich von Mittag ab betrunken war. Nun ging er zu ihm hin und bestellte um zwei Zwanziger eine Messe »für das Leben eines Kranken«.

»Schön!« sagte Jephrem. »Er wird gesund!«

»Auch wenn es ein Jude wäre?« fragte Janko.

»Nein!« rief der Hochwürdige, besann sich aber sofort. »Auch dann, nur dauert's dann länger! verstehst du? natürlich! Auch kostet es dann drei Zwanziger!«

Es kam so, wie der Hochwürdige versprochen. Leib Weihnachtskuchen wurde gesund, nur dauerte es etwas lange.

Als Janko hörte, daß der Kleine wieder in der Schenkstube sitze, ließ er den Vater durch die Knechte heimschleppen, er vermied die Begegnung. Wozu? dachte er. Am Ende gibt's Streit! Und wie wird er mich nun ohnehin bei allen anschwärzen!

Aber damit kam's anders, so ganz anders, daß es der Jüngling zunächst gar nicht fassen konnte. Da trat bald der eine, bald der andere auf ihn zu: »Du, ich habe dir Unrecht getan, der Leibko sagt ja, daß du dran unschuldig warst.« Selbst Hritzko bestätigte es in seiner Art: »Du gehst ewig herum, als hättest du Würmer gefressen, du Wechselbalg, gönnst deinem alten Vater kein Schlückchen, aber ein Mörder wenigstens bist du nicht!« . . .

Wie ist das möglich, dachte Janko, der Jude lügt ja zu meinen Gunsten. Dahinter steckt was! Und als er eines Morgens an der Schenke vorbeiging, trat er ein, von einer seltsamen Empfindung getrieben, von Trotz, Reue und Dankbarkeit zugleich.

Er war etwas bleich, als er eintrat, aber noch bleicher wurde der Jude bei seinem Anblick. Dann fragte er zitternd, ob der Pan Janko vielleicht ein Gläschen befehle.

»Dein Gift brauch ich nicht!« stieß dieser hervor. »Aber wissen will ich, warum du so lügst?! Du bist ja meinem Hieb ausgewichen, ich bin an deinem Unglück schuldig!«

»Warum – –?!« fragte der Jude erschreckt. »Verzeiht, Pani Janko, es war ja gut gemeint!«

»Eben darum! Das verdien ich nicht!«

Nun verstand ihn erst der andere. »Laßt das meine Sorge sein«, sagte er mit seinem traurigen, demütigen Lächeln. Und erst, als Janko in ihn drang, meinte er: »Das ist nicht so leicht gesagt. Erstens, was nützt es mir, wenn ich mich an Euch räche? Sind dadurch die sechs Wochen Krankheit ausgelöscht, und kann ich dadurch plötzlich gesunder sein, als ich leider jetzt bin? Und dann, wer bin ich? Ein armer, schwacher Jud! Und Ihr seid ein starker Christ! Ihr hasset mich ohnehin, soll ich Euch reizen, daß Ihr mich am Ende totschlagt? Dann kämet Ihr ins Kriminal, Pani Janko, aber davon könnten mein Weib und Kind nicht satt werden. Aber auch die Furcht allein war's nicht, sondern daneben . . .« Er stockte. »Aber Ihr werdet böse werden, wenn ich das sage!«

»Nein, sprecht nur!« Unwillkürlich hatte der Jüngling die Form seiner Anrede geändert.

»Es war . . . Also . . . Ich bin ein unglücklicher Mensch, Pani Janko, ewig die Not, und jeder tritt auf mir herum, aber ich hab doch mein Weib und meine Miriam . . . Ich kenn einen im Dorf, der . . .«

»Da irrt Ihr Euch!« rief der Jüngling heftig. Und trotz seines Versprechens fuhr er zornig fort: »Ich brauch Euer Mitleid nicht . . . Ich werde noch einmal die Wirtschaft aufrichten!«

Der Jude schüttelte den Kopf. »Das werdet Ihr nicht, Pani Janko!«

»Warum nicht?!« rief dieser. »Weil du dem Vater zuviel Gläschen einschenkst und zuviel Wechsellohn zwischen hier und Halicz hin- und herträgst?!«

Der kleine Mann wich zurück, sein blasses Antlitz rötete sich. »Bei Gott dem Gerechten!« rief er, »da tut Ihr mir Unrecht! Ich hab nie ermuntert, immer abgehalten. Freilich, ich schenke Schnaps, vermittle Geschäfte! Aber wenn nicht ich, da tut's ein anderer! Und ferner: Geld – Schnaps – beides Gift, sagt Ihr, es richtet die Leute zugrunde. Aber dann ist das Messer in Eurem Gürtel da auch Gift, denn man kann sich damit den Hals abschneiden. Ihr gebraucht es fürs Brot, wohl Euch – aber das Messer wäre auch an Eurem Tod nicht schuldig! Freilich, gefährlich sind alle drei, Geld, Schnaps und Messer. Aber was red ich da – Ihr versteht mich doch nicht!«

Nein, Janko verstand ihn nicht, wenigstens nicht ganz. Aber soviel begriff er doch: er hatte diesem Menschen Unrecht getan. »Hm . . . das mit dem Messer . . .«, murmelte er verlegen und fragte dann: »Warum glaubt Ihr, daß ich die Wirtschaft nicht wieder in Ordnung bringe?«

Der Jude zuckte die Achseln. »Was weiß ich?« murmelte er. »Ist es meine Wirtschaft? Vielleicht irre ich mich!« Und mehr war auch nicht aus ihm herauszubringen.

Diesmal nicht, wohl aber im Lauf der Zeit. Denn Janko kam wieder, immer häufiger, bis er endlich im nächsten Winter fast täglich in der Schenke saß. Die Leute staunten darüber, denn er trank auch nun keinen Tropfen. Noch weniger freilich begriffen sie es, warum Leib mit diesem Gast, der ihm nichts zu verdienen gab, die Zeit vertrödelte.

In der Tat begriff das der Jude manchmal selber nicht. Janko kam zu ihm, weil er allmählich das Gleichnis vom Messer verstanden, den Haß, der ihn wie eine fixe Idee von Kindesbeinen beherrscht, abgetan hatte, weil er hier erfuhr, wie es um ihn stehe, und beraten konnte, wie das Verhängnis noch abzuwenden sei. Aber Leib?! »Vielleicht mach ich noch einmal Geschäfte mit ihm!« suchte er sich und sein Weib zu beschwichtigen, denn er wußte ja: nach des Vaters Tod war dieser Mensch ein Bettler; seit ihm das Weib gestorben war, trieb es der Hritzko womöglich noch wüster. Und die Wahrheit, daß es aus Mitleid geschah, wagte sich der Jude kaum einzugestehen; durfte er, der arme Mann, soviel Zeit verschwenden?! Da ersann er sich lieber gleich noch einen Grund, der zum mindesten wahr war: »Und er ist so freundlich zu dem Kind!« In der Tat war die kleine, damals zehnjährige Miriam das einzige Wesen, das den düsteren Menschen zum Lächeln bringen konnte, und wochenlang konnte er sich mühen, bis er ihr mit ungeübter Hand ein neues Spielzeug angefertigt hatte. Denn etwas zu kaufen, fehlte ihm das Geld. »Bis ich's habe!« sagte er, und Leib lächelte gutmütig und dachte: Auf Erden nicht, vielleicht im bessern Leben!

Im nächsten Frühling – der Jüngling war damals einundzwanzig Jahre alt – starb Hritzko, wo er gelebt: in der Schenke. Die drei Wucherer klagten die Wechsel ein, der Termin der Feilbietung wurde angesetzt, ungewiß war nur, welcher von ihnen den Hof erstehen werde. Vergeblich lief Leib in Jankos Auftrag vom Edelmann zum Armenier, vom Armenier zum Juden, Schonung zu erflehen.

Da begab sich ein Wunder; gerade der Schlimmste von ihnen, Herr von Paterski, warf eines Tages den Juden nicht, wie gewöhnlich, gleich hinaus, sondern hörte ihn an und sagte dann: »Wenn der Janko wirklich ein so fleißiger Mensch ist, so könnt's ich ja mit ihm versuchen. Schick ihn mir!« Nie hat ein Mensch in Winkowce den Weg vom Gutshof ins Dorf so rasch zurückgelegt als damals Leib mit seinen kurzen, krummen Beinen.

Auch Janko war betäubt von dem unerwarteten Glück und fühlte sich wohl zum ersten Mal im Leben selig, als ihm der Edelmann sagte: »Wohl, ich will das Gut für dich zu halten suchen.« Aber das Wunder klärte sich sehr natürlich auf, als er seine Bedingungen kundgab; er wollte offenbar nur die Kosten des Kaufvertrags sparen, das Gut ohne Aufwand in bessern Stand bringen lassen, denn die großen Zinsen und Amortisationen, die er vorschrieb, ließen sich nach menschlicher Voraussicht nicht aus dem verwahrlosten Anwesen herausschlagen, und hielt Janko eine einzige Rate nicht ein, so war alles verloren.

Der junge Bauer verstand das nicht, um so klarer der kleine Jude. Verstört schlich er umher und flehte dann den Jüngling an, nicht zu unterschreiben.

»Ich bin ja ein Narr, daß ich abrate!« jammerte er. »Drei Gulden verspricht mir Paterski für das Geschäft, zwei Gulden wenigstens wirst du mir geben – fünf Gulden sind ja ein Vermögen! Und unterschreibst du nicht, so will er mich aus der Schenke jagen. Aber grad das hat mir die Augen geöffnet! Geh lieber als Knecht in die Fremde, du bist tüchtig, bekommst guten Lohn, heiratest vielleicht eine Erbtochter – und wenn auch das nicht, weil du leider gar so häßlich bist – alles besser als dieser Vertrag. Mit mir mag geschehen, was Gott will – hat er mich einen solchen Narren werden lassen, so muß er mich auch versorgen!«

Aber Janko blieb dabei, es werde schon glücken, unter Fremde wolle er nicht.

»Weil sie dich hier so gern haben!« rief der Jude. »Wen hast du hier?«

»Mein Erbe! Und dich! Und dann – siehst du! ich habe mich so daran gewöhnt –, mir fehlt etwas, wenn ich dein liebes Kind nicht lachen höre!«

»O du Narr!« rief Leib. Aus der Ecke aber kam die kleine Miriam hervorgestürzt, das sonst so fröhliche Gesichtchen von Tränen überströmt, und rief schluchzend: »Bleib, Janko, ich hab dich so lieb! Und sonst spielt niemand mit mir!«

Und so wurde der Vertrag unterschrieben.

Aber er wurde auch eingehalten. Monat für Monat konnte Leib dem Herrn die fällige Rate überbringen. »Mir scheint«, sagte Herr von Paterski argwöhnisch, »du holst es beim Armenier oder gar beim Erdkugel; diese elenden Menschen arbeiten ja jetzt, mir zum Trotz, zu neunzig Prozent!« Er irrte; Janko brachte das Geld selbst auf, durch gute Ernten begünstigt, aber doch unter unsäglichen Mühen. Kein Knecht hätte sich so nähren, so kleiden mögen; selbst die Hütte war an den Hilfsprediger vermietet, den Vater Jephrem bezahlen mußte, weil er selbst jetzt nur noch in aller Frühe nüchtern war; Janko schlief sommers und winters im Stall. Und so gearbeitet hatte noch niemand in Winkowce; morgens war er mit den Hühnern auf und sank erst spätabends auf das armselige Lager. »Unsere Hunde haben's besser«, sagten die Nachbarn verächtlich, denn sein Tun erschien ihnen nicht bloß eines Hofbesitzers unwürdig, sondern auch töricht: wie konnte ein Mensch seinem Schicksal entgehen wollen?! Nur die Mitleidigsten fragten zuweilen auch: »Wie kann man ein solches Leben ertragen?«

Hörte Janko davon, so lächelte er nur: er hatte sich in diese Anstrengung und Entbehrung hineingewöhnt wie andere ins Prassen, und dann fehlte es ihm ja auch an Freuden nicht. Er hatte täglich eine gute Stunde, von elf bis zwölf, die Mittagsstunde in Ostgalizien, wo alle Arbeit ruht; da saß er in der Schenke, aß sein Brot, trank Wasser dazu und unterhielt sich mit dem Leib und der Miriam. Spielsachen brachte er ihr nicht mehr; er hatte nun keine Zeit zum Anfertigen, sie zum Spielen; die Zwölfjährige mußte der Mutter in der Wirtschaft beistehen. Aber sie lachte noch wie früher, und ihm leuchtete das düstere Antlitz, sooft er dies Lachen hörte; um das Kind zu erheitern, fiel sogar ihm zuweilen ein Scherz ein; es kam ihm selbst hinterdrein sonderbar vor, aber es war so. Die Miriam konnte ihn zu allem bringen, sogar sich zuweilen Fleisch oder einen neuen Kittel zu gönnen, aber sie tat's nur, wenn sie wußte, daß das Geld für den nächsten Ersten beisammen war.

Vielleicht dankte er dieser einen Tagesstunde die Kraft, daß daran nie ein Heller fehlte, bis ein volles Sechstel abgezahlt war. Nun begann auch der kleine Leib zu hoffen. Sein Weib wurde immer kränklicher und siechte endlich sichtlich an der Auszehrung dahin, Not und Sorgen drohten ihm über den Kopf zu wachsen, aber er hatte noch immer Zeit, sich um den Janko zu kümmern.

»Ich bin ein Verbrecher gewesen«, sagte er ihm, »weil ich dir vor fünf Jahren nicht noch mehr abgeredet habe, aber nun will ich mir das Gewissen erleichtern. Denn du bist dem Paterski jetzt doch schon etwas weniger schuldig, als dein Hof wert ist; nun findet sich wohl ein braver Mann, der dich aus seinen Klauen erlöst und dir geringere Zinsen abnimmt.«

Ein solcher Mann fand sich wirklich, der Pope von Solince, der Vater jenes Hilfspriesters, der bei Janko wohnte; er tat's, weil das Geschäft sicher schien und der Sohn seinen Hausherrn pries, schon zu zwanzig Prozent; für Galizien ist das kein Wucherzins.

Freilich wußte Paterski, wer ihm das schöne Geschäft verdorben hatte. »Warte nur, Weihnachtskuchen«, herrschte er den Kleinen bei der nächsten Begegnung an, »ich backe dir zu Neujahr eine Pastete, an der du ersticken sollst!«

Leib kam sehr bestürzt heim, aber bald faßte er Mut und konnte sogar zu seinem Weibe ein Witzchen darüber machen, freilich war's dünn und schüchtern wie er selber: »Aus einem anderen lassen sich nicht so viel Rosinen herauspressen; er kündigt mir nicht – und bis zu Neujahr sind's vier Monate!«

Die Frau jammerte: »Du opferst dich für diesen Janko! An mich und das Kind denkst du nicht!« Er schwieg eine Weile und ließ das Wetter austoben, sagte dann aber schüchtern: »Vielleicht – vielleicht mach ich mit dem Bauern noch einmal ein gutes Geschäft.«

»Aber wie denn?« rief sie.

Und darauf verstummte er wieder, denn das Wie war auch ihm nicht klar.

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