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Lehrbuch der Liebe und Ehe

Franz Blei: Lehrbuch der Liebe und Ehe - Kapitel 9
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authorFranz Blei
titleLehrbuch der Liebe und Ehe
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Letztes Kapitel

§ 1

Der bis hierher gelangte Leser wird gemerkt haben, in welchem Sinn auf dem Titel dieses Traktates gesagt ist, er sei ein Lehrbuch. In diesem, daß es in der sich verhüllenden und oft auch noch verhüllten Materie jener Affekte, welche man insgesamt die Liebe nennt, nicht zum Nachteil dieser Affekte ist, wenn sie in eine mentale Kohärenz mit den andern Äußerungen des Lebens gestellt werden oder mindestens der Versuch dazu immer wieder gemacht wird und von jedem. So verschieden sich auch ein jeder das Erlebnis der Liebe nach der Art seines geistigen Habitus integrieren wird, bleibt die Bedeutung dieses Erlebnisses, an dem immer zwei beteiligt sind, auch dann bestehen, wenn der Betroffene nachher nur dieses davon hat, daß er sagt: »Das ist alles?« Wer mit diesem Sprung sich auf die Klippe seiner Geistigkeit rettet, der hat, ganz unsentimental geboren, keinerlei Anstrengungen gemacht, jenen lyrisch-pathetischen Mythus der Liebe zu schaffen, der rechtfertigt, daß sich das Fleisch in Nehmen und Geben ohne jede Scham gebärdet oder doch ohne jene soziale Scham, welche die falsche ist. Denn die echte Scham ist eine ganz geistige Qualität und unbesiegbar.

Die Schöpfung dieses rechtfertigenden Mythus der Liebe ist immer jedes Betroffenen eigenstes Werk. Die eigene Liebesangelegenheit wird man immer so logisch finden wie idiotisch die andere, die man mit kühlem Auge ansieht. Die Menschen wissen das und vermeiden es, sich vor aller Augen zu lieben. Auch alle Institutionen, die sie sich in Staat und Gesellschaft gegeben haben, sind wenig freundlich dem menschlichen Vergnügen gegenüber, außer in dem einen Falle, wo die Gesellschaft die Liebe anerkennt und mit den heute etwas komisch gewordenen Formalien als Zeichen dieser Approbation begleitet. Welche Approbation die Liebespaare dennoch immer wieder suchen, weil sie, wie es scheint, erfreut und erschüttert sind, daß ihnen nun die ganze große Gesellschaft alles erlaubt und sie dazu anfeuert, wo sie sonst verbietet. Aber selbst hier wird für den dritten das »junge Ehepaar« immer etwas komische Vorstellungen auslösen. Und auch das Paar selber kommt sich etwas geniert und lächerlich vor, mitten auf dem ausgeräumten Platze zu stehen, den in weitem Kreise die Zuschauer umgürten. Aber es ist ehrend zugleich.

Es gibt keine menschliche Umarmung, die ohne Phantasie zustande käme, steht auf einer Seite dieses eroto-politischen Traktates. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Ehelichkeit des Paares solche Phantasie-Bestandteile enthält und daß daraus ihre Dauer als Institut kommt, trotzdem die mißglückten Ehen oder was man die unglücklichen nennt an Zahl die anderen übertreffen dürften. Unter den vielen Gründen mißglückter Ehen ist nur ein einziger in Hinsicht auf die wesentlichen Konstituentien bemerkenswert: wenn sie aus sinnlichem Appetit, aber mit schwachen Sinnen geschlossen sind. Denn schwache Sinne werden diese nötige Phantasmagorie des Geistes nicht erzeugen, ohne welche der Mythus der Liebe nicht zustande kommt. Solche Liebesleute hätten richtiger getan, ganz auf ihre Sinne zu verzichten und aus nichts als praktisch-sozialen Gründen zu heiraten. Was sie da in ihrem dunklen Schlafzimmer treiben, ist so erbärmlich, wie das Kind, das sich solchem Schoß entwindet und auch bei geraden Gliedern eine Mißgeburt ist. Pastorsfrauen, die von der Vorstellung, daß ihre Sinne brennen sollen, chokiert sind, seien erinnert, daß sie sich doch mit dem Gebären und Aufziehen ihrer Kinder eine leidenschaftliche Arbeit machen – warum nicht mit dem Erzeugen?

Die kurzen Werke des Fleisches über das Geistige zu setzen – man hält das für antikisch und damit für das rechte und schöne Leben. Natürlich hat man in keiner Antike und in keinem Heidentum je so gelebt oder solches Leben als das rechte und schöne auch nur gedacht. Das sind so Rokoko-Vorstellungen. Wie in der Revolution der Brutus für das Sinnbild republikanischer Würde stand. Es gibt keinen Liebhaber, den nach getanem fleischlichen Werke die Küsse seiner Geliebten auch nur um eine Stunde länger zurückhalten könnten als er mag. Frauen, die sich das anders einreden lassen, werden um ein hysterisches Schmachten und Augenverdrehen jene Hellsichtigkeit verlieren, die auch der Akt der Liebe bewahren muß, um effektiv zu werden. Diese trüben Spasmen der Bacchantin widersprechen der Eurhythmie eines schönen Leibes, und dem vollendeten Musikwerk des Aktes hat nicht das Geseufze und Gekratze der Instrumente zu folgen, – Noten, im Spiel vergessen und jetzt nachgeholt.

 

§ 2

Voluptas, die Wollust, das ist ein Name, eine scholastische Abstraktion. Faktisch gibt es so etwas nicht. Es gibt das Verlangen und den Zustand nach dem »gestillten« Verlangen, dazwischen ist nichts als eine sexuelle Mechanik etwas bizarrer Art, in der sich die Liebe verliert, um, wenn sie Glück hat, sich nachher im Geiste wiederzufinden. Glück haben heißt hier, in einer Frau das zentaurische Wesen gefunden haben, in dem die wahrscheinlich einem gleichen Instinkte entspringenden Verlangen und Liebe nicht divergieren. Die Sehnsucht danach läßt immer solchen Fund glauben. Daher die Ehe als die einzige anständig und schön gedachte Krönung einer Leidenschaft. Man muß, um zum Äußersten der Passion zu kommen, den Gegenstand seiner Liebe mit höchster Energie rektifizieren. Das ist nur im Zusammenleben möglich, nie in der Passade, weil sich da solcher Aufwand an Energie »nicht lohnt«, den nur die spirituelle Liebe leisten kann, nicht das sinnliche Verlangen.

Der Mann, der in den Armen der tätigen Geliebten sich erinnert, daß sie diese nun von ihm ausgelösten Gesten schon mit einem andern Mann getan hat, konstruiert sich ein Gedächtnis der Frau, das sie hier gar nicht besitzt. Nicht nur ihr Fleisch, sondern auch ihr Herz hat völlig vergessen. Es ist der Akt selber in seinem nichts als physikalischen Funktionieren, der mit dem Akt identisch ist. Aber auch wie gleichgültig! Es kommt allein darauf an, welche Einlage ihn auslöst, und die ist immer einmalig. In allen andern Situationen kann die Frau sich eines ehemaligen Geliebten erinnern, nicht in dieser. Das geht so weit, daß sie ganz ehrlich leugnet, sich je mit ihm in dieser Situation befunden zu haben, weil das Besondere, von beiden gestellte Besondere, verschwunden ist. Die Erinnerung sagt da höchstens, daß der Ehmalige das Haar so trug oder dunkle Stoffe bevorzugte oder daß er, schon ein Maximum an Nähe, einen falschen Zahn hatte.

 

§ 3

Mit zwanzig Jahren ließe der junge Mann lieber ein Bein als die Liebe oder was er in diesem Alter darunter besonders meint: die sinnliche Passion. Im Laufe seines Lebens navigiert er an den andern Pol, wo ihm die Liebe im Verhältnis zu allen andern Kenntnissen und Erkenntnissen recht klein vorkommt. Packt sie ihn da noch, so nimmt er sie hin wie Zahnschmerzen, die vorübergehen werden, und gar die Eroberung einer Frau oder das Für-sich-haben einer Frau scheint ihm die Anstrengungen nicht wert zu sein, die auf weit Wertvolleres zu richten er nun vorzieht. Er weiß, welches Nichts der Besitz einer Frau ist. Nach zwanzig Jahren Frau will er hier nichts sonst als den Frieden seines Herzens und erschrickt über nichts mehr als über eine verlangte Rolle, den wilden Liebhaber zu machen.

 

§ 4

Weil sich zuweilen Fetische von ihrem Träger ablösen und so isoliert verehrt werden, verbindet man den Fetischismus immer mit der Vorstellung einer Erkrankung und mit mehr oder weniger komischen, weil unverständlich gewordenen Objekten, wie Schuhen, abgeschnittnem Haar und derlei. Aber jedem sexuellen Akt ist irgendein Fetisch unterlegt, nicht nur die aphrodisisch wirkenden Bildvorstellungen, sondern auch reine Ideen, wie das Sakrileg, der Haß, die Rache, der Betrug, der Abschied. Alle Ideen sind erotisierbar. Sogar die Zahl, wie bei jenen Primitiven, die sich an der Anzahl hintereinander geleisteter Umarmungen berauschen.

 

§ 5

Aus der Leichtigkeit oder Leichtfertigkeit, mit der heute junge Mädchen und Männer von den geschlechtlichen Dingen sprechen nicht nur, sondern sie auch tun, haben alle jene, welche die vermeintlich traditionelle äußere Form für das Wesen erklären, geschlossen, daß die Angelegenheiten der Liebe zur Bagatelle werden. Nun könnte von solcher temporärer Bagatellisierung die Sozietät sicher nur gewinnen, wie von der beschränkten Kinderzahl. Aber es dürfte, ganz konform der verminderten erotischen Oberfläche, wie sie sich in der Mode äußert, von diesem Komplex Liebe nur die Überlastung genommen sein, diese zentrale Wichtigkeit, die er vor zwei Jahrzehnten noch besaß. Nun ist das lastende Gewicht von diesen Dingen genommen und sie flattern im Winde. Etwas trägt er für immer fort, anderes sinkt, weil schwerer, wieder zu Boden, wenn auch nicht mehr ganz dort, wo es zuvor lag. Es löst der Anblick viel heiteren Übermut aus. Wie in der Johannesnacht springt man durch das sonst gefürchtete Feuer. Der Komplex zerfällt in seine Elemente, und nicht alles, was ihn bis nun konstituierte, wird mehr als ein Element gebilligt. Es ist ein Prozeß der Dissoziation eines Begriffes. Es gibt welche, die wie immer bei solchen Prozessen rasch davon profitieren wollen. Das hat nichts zu bedeuten. Es wäre auch anders vom Teufel geholt worden. Der Prozeß der Dissoziierung ist auch einer der Säuberung. Die Liebe, – sie ist schon nicht das Mädchen aus der Fremde, das nie mehr in diesem Erdental gesehen ward. Elle reviendra.

 

§ 6

Jünglinge und Mädchen erleben ihn, diesen vom Flügel Gottes überschatteten höchsten Augenblick ihres Lebens, in dem sie, ganz außer sich, die Weihe empfangen. Zu Männern geworden stampfen sie ohne Spur dieser Weihe meist ein Leben ab, von dem sie nicht wissen, ob sie es leben oder ob es sie lebt. Doch nicht so die Frauen. Nur selten ist es, daß sie von dieser höchsten Stunde der Einweihung nicht das Mal trügen, sichtbar oft die einen, verborgen die andern, vergessen und verludert einige, ganz männliche Verstumpfung geworden nur wenige. Bewahrte nicht der eine Teil der Menschheit dieses göttliche Kußmal, diese Männerwelt männlicher Dummheit wäre noch unendlich viel dümmer und grauenvoller als sie es ist.

Es ist nicht sagbar, wann und wie in den jugendlichen Menschen dieses Licht kommt, diese Ausgießung heiligen Geistes, diese Lösung der dumpfen Zunge, dieser ungeheure Akt sich vollzieht des hellseherischen Wissens um sich selbst; der geniale Zustand wird bei wenigen, aber bei den Frauen schönste Natur, Sieg in der Niederlage, Triumph im Verzicht, Recht im Unrecht, Aufschwung bei aller irdischen Schwere. Aber versuchte man dieses die Frau zu ihrer Natur erweckende Wort in menschliches Wort zu übersetzen, versuchte man, was plötzliche Hellsichtigkeit ist, in die Weisheit einer Lehre zu verwandeln, um sagen zu können, was es ist, so spräche der Genius der Erleuchtung etwa das Folgende:

Kinder und Narren sprechen die Wahrheit: Mädchen, nun bist du ein Kind nicht mehr und Narr wirst du nicht werden wollen. Also sprich nicht die Wahrheit. Aber zum guten Lügen gehört viel Verstand. Darum hör mich an. Die Wahrheit sagen, das bedeutet nicht, daß man nicht lügen solle, sondern zu wissen, wann man zu lügen hat und wann nicht. Es handelt sich um die Minima, wie du siehst. Und de minimis non curat veritas. Richtig lügen kann bloß ein tiefer, guter, vertrauensvoller Mensch. Wer das nicht ist, gegen den werden sich seine eigenen Lügen wenden und ihn belügen. Dieses gilt auch in der Umkehrung: wer nicht ein guter, tiefer, ehrlicher Lügner ist, der ist kein vertrauenswürdiger Mensch. Einer, der sich in der Klemme nicht an zwei, drei Sachen erinnern kann, die nie passiert sind, der ist ein ebenso schlechter Mensch wie jener, der nicht zu vergessen vermag. Wer nicht versteht, ein Auge zuzudrücken, der kann auch nicht sehen. Man sieht nicht mit aufgerissenen Augen. Wer nicht lügen kann, dem fehlt jeder Sinn für die Wahrhaftigkeit und der kann auch nicht die Wahrheit sprechen. Du darfst das Lügen nicht mit dem bloßen ungenauen Reden verwechseln, das weder Wahrheit noch Lüge und durchaus hassenswert ist wie alles Unentschiedene und Unbestimmte. Wer dir etwas ungenau sagt, was dir genau zu wissen nötig, der lügt dich nicht an, sondern betrügt dich, weil er dich für den Dümmeren hält. Wer dich aber anlügt, der hat Respekt vor dir, denn er anerkennt deine Überlegenheit, gegen die er mit der Lüge aufzukommen sucht.

Lächle nicht über diese Lehre. Die Natur hat uns wie S. Butler festgestellt hat recht lange hinsichtlich der wahren Gestalt der Erde angelogen. Und sie war sehr geschäftig in ihrem Eigensinn, auf ihrer Lüge zu bestehen, daß nicht die Erde sich um die Sonne, sondern diese sich um die Erde drehe. Die Natur brauchte Jahrtausende, um sich uns verdächtig zu machen, so geschickt und plausibel ist ihr Lügen. Es gibt da Orchideen, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, so zu tun, als ob sie Fliegen wären, nur um von den wirklichen Fliegen unbelästigt sich ihres Honigproduktes zu erfreuen. Solches aber sagte die belauschte, im Welken sterbende Orchidee zu ihrer Nachkommenschaft, die sie in ihrer Fruchtkapsel ahnt: »Kinder, ich muß euch nun bald verlassen und von hinnen gehen. Denket an die Fliege, meine Lieben, und macht euch so schrecklich aussehend wie nur möglich. Das haltet fest mit eurem ganzen Herzen auf dem Lebenswege, es ist das einzig Nötige, anders seid ihr verloren!«

Die Frage ist immer nur: wie, wie viel, wann, wo, zu wem und unter welchen Umständen wir zu lügen haben und zu lügen das einzig Richtige und Wahre ist. Du siehst, es gehört schon sehr viel Verstand dazu, dies alles ins Kalkül zu ziehen, wozu dann noch die Phantasie kommt, die auch keine quantité negligeable sein darf, wenn das Lügen seinen sittlichen Charakter behalten soll. Ja, den sittlichen Charakter! Denn was das angeblich Unsittliche des Lügens betrifft, so merke dieses: nicht die Tatsache, daß ein Mensch die Macht hat, mich zu belügen, erschüttert mein Vertrauen zu ihm, sondern mein Vertrauen in seine Fähigkeit zu lügen, das ist es, was erschüttert werden kann – wenn er mir zum Beispiel über dieselbe Sache beim zweiten Male nicht dieselbe, sondern eine andere Lüge sagt: nur dieses macht mich unsicher, da es ein schlechtes Gedächtnis des Lügens beweist, was unverzeihlich ist, oder daß er soviel lügt, daß er sich nicht mehr auskennt, was seine Dummheit beweist. Also nicht, daß ich belogen werde, erregt meinen sittlichen Unwillen, sondern die Ungeschicklichkeit, Dummheit und mangelnde Ernsthaftigkeit des Lügens sind es, die als den sittlichen Ernst des Lügens verkennend zu verwerfen sind.

Was, frage ich dich, was ist denn die Wahrheit? Pilatus tat ganz recht, als er dies nur rhetorisch fragte und keinerlei Antwort erwartete. Denn außerhalb des Sprechers und des Gesprochenen ist nichts derlei wie Wahrheit. Vorausgesetzt, daß er nicht sich selber belügt und daß er gütig ist, könnte ein solcher Mensch sein Leben lang nichts als immer nur lügen und er wird doch zu den Menschen ebensowenig falsch sein wie die Sonne bei Nacht scheint, denn seine Lügen werden zu Wahrheiten werden, sowie sie in die Seele des Hörers eingehen. Und ebenso ist Wahrheit nicht in dem Menschen und würde, wäre sie in ihm, schon in seinem Munde zur Unwahrheit, die sich selber betrügt und ohne die Güte ist. Warum dieses aber so ist, das ist uns verborgen und wir wissen es nicht.

Wir können die Wahrheit weder definieren, noch im Zweifel darüber sein, was wir unter ihr meinen. Wir haben die Wahrheit, wenn wir nicht an sie denken. Sie verträgt die Vivisektion durch unser Denken nicht und entschlüpft dem Versuch, sowie wir ihn anstellen wollen, entschlüpft aus höflicher Rücksicht auf den Versucher, damit sich dieser nicht schäme, indem er in einen unlösbaren sittlichen Konflikt käme. Der Verfolg der Wahrheit ist schimärisch, denn wir können nicht aussprechen, was sie ist. Was wir allein verfolgen können und für den Verfolg der Wahrheit halten, ist ein höchst geeignetes Arrangement unserer Ideen. Dieses Arrangement war gut und richtig, das sich um die Lüge der sich bewegenden Sonne gruppierte. Das andere Arrangement, das sich um die sich drehende Erde gruppiert, ist ebenso gut und richtig. Ein Mensch, der nur die absolute Wahrheit sucht, der ist Quelle alles Irrtums und aller Schlechtigkeit. Da gibt es Leute, welche auf den schließlichen Endsieg der absoluten Wahrheit so sicher bauen, daß sie es für ganz unnötig halten, irgend etwas zur Ermutigung oder Verteidigung einer relativen Wahrheit zu tun. Andere wieder gibt es, die lieben die absolute Wahrheit so sehr, daß sie sie um keinen Preis an die Luft der wirklichen Welt lassen, aus Angst, sie könnte sich da einen Schnupfen holen.

Im glücklichsten Falle deckt sich Wahrheit mit der Güte. Wo dies aber nicht der Fall ist, muß die Güte über die Wahrheit Herr werden. Im Evangelium steht nichts als dieser tragische Konflikt.

Es war nicht wahr, daß bis zu Kopernikus die Sonne sich um die Erde drehe, aber es war bis zu Kopernikus ganz richtig, das als wahr anzunehmen und nachher nicht mehr. Wir hatten gewisse Ideen, die nur gut, tröstlich und mit andern Ideen verträglich waren, wenn wir die Sonne als Zentrum unseres Systems annahmen. Das möglichst brauchbare Arrangement unserer Gedanken über irgendeinen Gegenstand: diese Konvenienz ist als unser Wissen von der Wahrheit wichtig, so unwichtig es auch sein mag. Nicht aber ist zu wissen wichtig, was die Wahrheit sei.

Denn man kann sie nicht wissen, sondern nur glauben. Nur wer an diesem Leben fanatisch uninteressiert ist und um nichts sonst sich kümmert als um sein ewiges Leben, nur der wird wie der orientalische Kirchenvater Gregorius sagen: »Wenn die Wahrheit ein scandalum verursacht, so ist es besser, dies zu gestatten, als nicht die Wahrheit zu sagen.« Und dazu mußt du wissen, daß scandalum die Bedeutung von Schande, Ruin, Katastrophe hatte, nicht bloß Ärgernis. Nun aber beachte dieses wohl: daß nie der Wissende, sondern allein der Gläubige der unbedingten Wahrheit das Wort reden kann, da der Gläubige immer alles mit Gott konfrontiert, vor dem die Lüge nicht bestehen kann. Die Wahrheit hat also nur einen religiösen Charakter, wenn sie absolut sein will. Anders als religiös kann sie im absoluten Sinne nicht sein. Die rationale Wahrheit ist relativ oder überhaupt nicht, und in dieser Relativität ist das sittliche Phänomen der Lüge eingeschlossen. Du ziehst auf plattestem Papier mit dem Lineal eine gerade Linie. Durch das Mikroskop angesehen wird diese Gerade voll Höcker und Ecken sein. Dies soll dich nicht bekümmern. Nur sollst du aus dem Aberglauben, diese Linie sei gerade, keine wichtigen Folgerungen ziehen. Nimm irgendeine Wahrheit und treibe sie zum Äußersten: du wirst eine Unwahrheit daraus machen. Das kann einer Lüge nicht passieren, denn so mächtig sie ist, so hat sie, ist sie nur eine richtige Lüge, kleine Sprenkelungen von Wahrheit. Eine richtige Lüge: du kannst nicht sorgfältig genug sein, wenn du lügst, denn du bist nie ganz sicher, ob du nicht die Wahrheit sagst. Wenn du die absolute Wahrheit glaubst, also den religiösen Fanatismus deines Heiles besitzest, so darfst du nicht weiter in der Weit leben, denn du wirst der Lockung nicht widerstehen können, in jede weltliche Wahrheit ein bißchen von deiner absoluten Wahrheit zu geben: mit solcher aber zerstörst du die Welt, denn die absolute Wahrheit zerfrißt wie eine Säure alles von dieser Welt. Christus hat dies erkannt und erlitten.

Geh aus dieser Welt, wenn du an eine andere Welt glaubst. Anders wirst du ein Ärgernis geben und diese Welt an dir zum Mörder werden lassen. Denn sie will sein und nicht werden, sagt der vortreffliche Butler.

Die Worte sind schwerfällig, welche das niederzüngelnde Licht übersetzen. Denn der Genius deines weihevollen Augenblicks ist nichts als Licht, ist nichts als Licht.

Nun es soweit ist, daß ich den Leser aus der Haft dieser Worte entlasse, nun ich ihm zum Abschied die Hand geben muß, deren leiser Druck nicht nur Adieu sagt, sondern ihm auch in der Verlegenheit helfend die Richtung zur Tür andeutet: nun zögere ich eine Pause lang in der Frage an mich selber und den Antworten darauf. Denn ich möchte nicht, daß der Gast nun von mir ginge und die Meinung mittrüge, es sei ihm, dem Zufälligen, von mir her ein Reden geworden zufällig im Anlasse und unbekümmert um ihn, den Hörer, oder doch nicht mehr bekümmert, als ihn mit Worten über eine einmal geschenkte Stunde zu täuschen, ihm gefällig zu sein mit einer Anekdote, ihn nachdenklich zu machen mit einem Gedanken und ihn mit einer Erinnerung zu entlassen, die blaß wird um die nächste Ecke, verschwunden ist am andern Morgen. Nicht dieses beschäftigt jetzt den Schriftsteller, ob es ihm gelungen ist, was er sagen wollte im rechten Ton und Fall gesagt, genau und sparsam die Worte gesetzt zu haben, denn das sind nur Handwerksfragen, nun beim letzten Punkte so oder so für ihn erledigt und nicht mehr änderbar. Es ist dies andre, das rätselvoll peinigend vor ihm sich aufstellt: daß er eindringt in Zeit und Leben eines andern, den er zum Schweigen und Horchen zwingt, weil er das Wort erhebt, das doch wie ein Stein verwundend auf den Sprecher zurückfallen muß, wenn der Hörer es nicht aufnimmt. Wenn er es vergißt. Wenn es den Inhalt seiner Seele nicht ändert, und sei es auch nur um ein Geringstes, kaum Meßbares – wenn der Hörer mit einem Worte nicht der Nächste ist.

Ich bedaure es, den Bekümmerten nicht mit einer Stunde Lesens zerstreuen, den Sorgenvollen nicht ein bißchen unterhalten, den Schlaflosen nicht vergessen machen zu können, daß der Schlaf ihn flieht. Ich besitze dieses gute Talent nicht, das alle alte Dichtung auszeichnete, ihr Würde, Wert und Sinn gab.

Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob ich, besäße ich es, dieses Talent mit gutem Gewissen brauchte, denn hat der Schriftsteller, der sich besinnt als ein verantwortungsvoller Staatsmann, der er ist, nicht längst die Lüge seiner heiteren Erfindung entlarvt als einen frommen Betrug, der nicht mehr gelten darf, nicht mehr gelten kann, weil er den zuhörenden Gast zu einer Grimasse zwingt, die ihn in die Seele schneidet? Gewiß, es ist allerlei Geschäftigkeit noch immer am Werke, betäubend zu unterhalten, wenn auch nur mit dem Maskenkram längst demodierter Kostüme. Es gibt Allerärmste, die nicht ärmer werden können; es gibt Verstorbene, die es nicht wissen. Man beschenkt sie mit Fiktionen des Reichtums und des Lebens, als ob sie jenen fassen, dieses leben könnten.

Ich nannte meinen Leser meinen Nächsten, und denke an ihn als den Nächsten, den man lieben müsse. Und das heißt ihn glücklich machen. Und dieses ist die peinigende Frage des Schriftstellers an sich selber, ob er mit seinem Buche den Nächsten glücklich gemacht hat ohne losen Betrug, ohne die vor das ernste Gesicht gebundene fröhliche Maske, ohne den Zwang auf den Nächsten geübt, daß das Leben zwar traurig, aber die Kunst, es heiter zu machen, da sei. Dies ist die Angst des Schriftstellers, daß der Nächste dem Buche enteile ohne Glück, mit nichts als dem faden Nachgeschmack einer im Ästhetischen verbrachten Stunde Pflicht, mit eigentlich Unwahrem aus anderer als seiner Welt oder der billigen Freude an einer vorgetäuschten Welt. Anders noch als an das Schöne möchte der besonnene Schriftsteller den Nächsten seinem Buche verhaften, anders noch als mit dem hingezauberten Scheine möchte er ihn glücklich machen, um selber glücklich zu sein. Denn dies bedeutet doch glücklich sein: bedeutungsvoll für das Leben eines andern Menschen sein – nichts sonst als das. Es gibt soviele Rezepte für Glücksformeln. Die heftigste Reklame für die ihre machen Gelehrte, für die ihre Politiker, für die ihre, die dann bloß ein Gott ist, Priester. Der gute König Tobol ließ einmal in seinem Reiche abstimmen, was das Glück sei. Und die empörten Sozialisten seines Reiches arrangierten einen Aufzug der Verhungertsten und Zerlumptesten des Reiches vor dem Palaste Tobols. Tafeln trugen sie, darauf stand: Was ist das Glück? Wir haben Hunger. Was ist das Glück? Wir frieren. Was ist das Glück? Wir haben Furcht. Alle konnte er glücklich machen, nur jene nicht, die Furcht hatten. Und das war sein Vorteil. Denn dank der Furcht regierte der König Tobol.

Man darf die Lassofrage nach dem Glück nicht weiter werfen als um den Hals des Nächsten. Anders fällt sie ins Leere, wird wie alle philosophisch erweiterten und vergrößerten Fragezeichen durchaus nicht, wie die Philosophen behaupten, Antwort bekommen auf ein simplex ignotum, sondern es wird daraus nur ein complex ignotius. Es ist da weit besser, ganz einfach an den lieben Gott zu glauben, als, philosophisch, einen schlafenden Hund nicht schlafen zu lassen.

Nun wird sich gleich hinter dir, Leser, die Tür schließen. Ich wollte, daß ich mich nicht getäuscht hätte und daß du mein Nächster warst. Lebe wohl.

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