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Lehrbuch der Liebe und Ehe

Franz Blei: Lehrbuch der Liebe und Ehe - Kapitel 4
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authorFranz Blei
titleLehrbuch der Liebe und Ehe
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Zweites Kapitel

§ 1

Epikur meinte, wenn man mit Delikatesse von der Liebe spräche, spräche man nicht von ihr. Man soll es aber trotzdem versuchen, ohne die Wirklichkeiten zu fälschen, ohne die Tatsachen zu leugnen oder abzuschwächen und ohne aus Vorliebe für eine Utopie pedantisch zu werden. Diese Pedanterie ist wie die falsche Witzigkeit ein sicheres Zeichen jeden Mangels an Witz und Takt. Die Liebe, dieses einzige Werk der Jugend, ist ein Akt, aber einer, der den Gefühlen Platz läßt. Zwischen Mann und Frau ist gewiß keine Liebe ohne Besitz von Fleisch zu Fleisch. Aber auch keine ohne das Geschenk des Herzens an das Herz. Der Weihrauch der Lust brennt nur über einer geistigen Flamme, um Leidenschaft zu werden, – welches der tragische Name für Liebe ist. Zu lieben mag wohl eine Lust sein, aber ein Vergnügen ist es nie, – genau wie das Leben.

Damit ist annähernd das bestimmt, was man die wahre Liebe nennt oder nannte: als die Leidenschaft eines Herzens, das ganz Fleisch ist, sich zu geben und zu nehmen, als Rasen des Fleisches, ganz heimgesucht vom Herzen, um es zu nähren und gleichzeitig von ihm zu zehren. In dem Zaubergarten solcher Liebe wachsen die Giftpilze nicht, welche heißen: wie lange? oder: bist du treu? oder: wirst du mich vergessen? Hier ist so vollständiger Austausch und Besitz, daß Teilung nicht möglich ist. Hier ist so vollkommene Gegenwart, daß die Zeit still steht, Vergangenheit vergessen ist, Zukunft nicht bedacht wird.

Die heutige Zeit wird sich die Definition leichter machen. Wird sagen, die wahre Liebe sei immer die Liebe, in der man sich gerade mit ebenso lebhaften wie angenehmen Gefühlen befinde. Aber den nachlassenden solchen Gefühlen gesellt sich alsbald der zweifelnde Gedanke, ob es die wahre Liebe sei, und den entschwundenen Gefühlen der sichere Gedanke, es sei die wahre Liebe nicht gewesen, – womit man wieder so klug ist wie zuvor. Man könnte sich mit dem Satz beruhigen, die wahre Liebe sei jene, welche sich etwas später immer als die nicht wahre herausstelle. Praktisch kommt man damit durch. Hat auch der junge Mensch so etwas wie eine Vorstellung davon, wie die wahre Liebe sein müsse, er wird dank der Illusionskraft der Jugend im eintretenden Falle immer diese Vorstellung verwirklicht meinen: der Hans wird der Held ihrer Träume sein und die Grete die Heldin der seinen, die nun Wirklichkeit geworden.

Die Jugend ist ein entzückender, aber vergänglicher Zustand. So auch das Werk der Jugend, die Liebe. Schiller läßt eine Frau sagen: »Liebe, die mich verurteilt, schön zu sein, das ist nicht Liebe, ist gemeine Lust, die mich vertiert.« Dem jungen Manne ist nun jede Frau schön, die er liebt, nicht aber liebt er sie, weil sie schön ist. Solche Goldmacherkunst aber trifft nur die Jugend. Eine Frau klagte einmal: »Warum ist der Mann doch nur in seiner Jugend der Liebe fähig, wo er doch in allem andern so langweilig und ungeschickt und dumm ist? Und warum wird der Mann erst nett, wenn er älter, aber zur Liebe nicht mehr recht geeignet ist?« Die Antwort darauf ist: weil nur in der Jugend Phantasie stark genug ist, um Glaube zu werden. Glaube bis zur Dummheit, die den Jüngling sagen läßt: »die Frauen«, wie er sagt: »die Pferde«. Die ältere Klugheit ist skeptisch und weiß, es gibt diese Frau und jene Frau und eine dritte, die nur so aussieht als wäre sie eine.

Als Sokrates dem jungen Phaidros auseinandersetzt, wie überlegen und höherstehend die vernünftige und kluge Liebe über die leidenschaftliche und dämonische sei, da fühlt er die Mißbilligung der ihn umgebenden und inspirierenden Geister, erinnert sich des Loses des Stesichoros, der geblendet wurde, weil er schlecht von Helena gesprochen, und ruft aus: »Nein, man kann menschliche Klugheit nicht mit göttlicher Eingebung vergleichen, noch kluge Liebe, die auf der Erde wandelt, mit der stürmischen, leidenschaftlichen, wilden Liebe, die Flügel hat und den Raum!«

Die Liebe als ein von der Klugheit reguliertes Vergnügen ist eine Praxis des skeptischen Alters, aber sie ist nicht die wahre Liebe. Oder sie könnte es nur dann als deren Widerschein sein, wenn der Ältere das Bewußtsein davon sich bewahrt hat, daß hinter dem Vergnügen der Schmerz steht, hinter dem zärtlichen nackten Gotte die tragische verhüllte Gestalt. Von solcher Bewußtheit wird die Liebe des älteren Mannes zur geliebten Frau eine etwas melancholische Freundschaft bekommen, die ihre Kühle an den Sinnen leicht erwärmt.

Die Liebe im Leben, das sind die drei Trüffelscheibchen beim Rebhuhn. Aber die meisten Menschen essen Suppenfleisch und dazu gibt's keine Trüffel. Wer sein Leben nur und nichts als dem Vergnügen der Liebe weiht, der ist bald am Ende des Vergnügens, denn nichts erschöpft sich leichter. Es ist der von Weib zu Weib Gehetzte, den die Teufel der Verzweiflung nicht erst am Schlusse, sondern vom Anbeginn seiner Karriere ab holen. Er liebt keine Frau, sondern sein Vergnügen an den Frauen. Er hat im Weiblichen ein sentimentales Gegenstück in jenen Frauen, welche ihr Leben lang von der großen Liebe träumen, die ihnen zuteil werden müsse, und die nur dafür leben. Solche Frauen glauben, das Leben sei die Liebe mit ein bißchen Stumpfsinn drum herum, während es sehr viel Stumpfsinn und Arbeit ist, mit einem ganz kleinen bißchen Liebe in der Mitte. Die für die große Liebe lebenden Frauen leben weder für sie, noch für die kleine, – ihre falsche sentimentale Einstellung bringt sie um alles Leben.

 

§ 2

Weniger von heftig und plötzlich anfallenden Sinnen gedrängt und daher viel unbegabter für die Phantasie als der Mann, besitzt die Frau nur in geringem Umfange die Fähigkeit, sich aus dem Manne »etwas zu machen«. Sie bekommt in der Möglichkeit das Kind, in dem sich ihre Liebeswahl fortsetzt. Und der Staat, das graue Ungeheuer, droht ihr direkt und indirekt mit Zwang und Verfemung: er fordert Eheschließung oder gebietet über die Gesellschaft weg Ausschließung der Frau, die sich ihm nicht beugt. Denn Staat gibt es nur, solange als Frauen Ehen schließen und in Ehen Kinder gebären. Solches aber machte in der Frau den Sinn ihrer Liebe unmittelbarer, sachlicher, erdlicher als den des Mannes. Ihr Risiko ist größer. Ihre Augen sehen schärfer. Ihr Instinkt sagt ihr, daß ein Irrtum sich furchtbar rächt, nicht am Manne, aber an ihr. »Ich habe mich täuschen lassen. Mir fehlt ein Sinn. Eros liebt mich nicht«, – das wird der tragische Monolog der Frau sein, die erschüttert merkt, daß sie sich in der Wahl geirrt hat und indem sie die wahre Liebe zu losen schien nur ein Abenteuer gewonnen hat, also für das Herz eine Niete, wenn auch Lust für eine Nacht.

Die Niete für das Herz besteht allerdings nicht in der Erkenntnis, daß der gestern geliebte Mann nicht ein Fabrikant, sondern ein Schwindler ist, nicht darin, daß er keine Absicht zu heiraten hat, und nicht darin, daß man erfährt, er habe eine Frau oder sei wegen Totschlages drei Jahre eingesperrt gewesen. Denn das alles hat mit der Liebe nichts zu tun. Die Niete für das Herz ist: ich liebe ihn nicht. Das scheint wenig und ist doch für die Frau alles. Denn nicht besteht das Glück der Liebe darin, geliebt zu werden, sondern zu lieben. Ob man geliebt wird, das bleibt, und bewiesen es tausend Proben, immer im Zweifel. Unzweifelhaft völlig ist, daß man liebt. Denn liebend ist das Leben bis zu einem höchsten Gipfel gesteigert. Solche Steigerung des Lebens von dem Manne, dem man sich gab, erwartet und nicht erhalten haben: das ist die Niete des Herzens.

Aber wer nicht zu schwimmen versteht, der bleibt besser in der Badewanne. Das Meer ist Schmeichelei und Zärtlichkeit nur für den, der mit ihm spielt. Das Leben ist dem gnädig, der es zu entzücken versteht. Das sogenannte Glück will gelernt sein wie Koloratursingen. Die Anstrengung ist das geringste dabei, mehr die Intelligenz, noch mehr der Wille. Der Geschmack am Leben leitet dabei, das wie ein Strom durch uns zieht. Es gibt ein Glück in den kleinen Dingen, wer es fühlt, der wird auch das Glück in den großen Dingen erfahren. Welche Schönheit versteht Ihr Blick dem zu geben, das Ihre Augen ansehen? Haben Sie manchmal solchen Hunger, daß Sie trockenes Brot essen? Lieben Sie die frische Kälte einer Quelle im Gebirge? Gilt Ihnen der Duft einer vergessenen Rose gleich viel wie die Süßigkeit neuer Lippen? Welche Frau das Glück dieser kleinen Dinge kennt, die wird das Glück der wahren Liebe erleben.

Dieses Glück der Liebe ist aber kein behagliches Eiapopeia wärmlichen Wohlbehagens. Denn die Liebe ist die tragischste Geste, weil sie die blindeste ist. Und die unerschöpfliche Quelle der Leidenschaften und Tränen, von denen unser Leben verschönt wird. Darum meinen auch nur fade Schwärmerinnen, die Liebe sei das Leben oder der Sinn des Lebens sei, für die Liebe zu leben. Die Liebe ist nur ein Akt des Lebens unter vielen, wenn auch der intensivste. Der Liebende ist es, der diesen Akt ausführt; der Geliebte ist passiv. Der Geliebte kann ja nur das geben, was der Liebende ihm nehmen will.

Aber diese Zeit steht in einer großen Krise erotischer Hysterie. Herr wie Knecht sind besessen von dem, was man Wirtschaft nennt; Besitz ist wahrhaft Besessenheit geworden. Und sie hat ihr Gegenstück in der Besessenheit von einer physiologischen Funktion, nicht höher zu werten als alle anderen Funktionen unseres animalischen Lebens. Aber diese Funktion oder das Interesse dafür ist die einzige Tätigkeit der faulen und zu gut genährten oder der degenierten Menschen geworden, – eine physiologische Frenesie ohne Schluß, ohne Ziel, ohne Resultat. Bei einigen angestrengter Wille, dieser Frenesie so was wie Schönheit zu geben, wenigstens dies. Bei Gelehrten nie erhörter Einbezug menschlichen Funktionierens in das Erotische, ein Inbeziehungsetzen nie so bedachter Organe zur Liebe, die unter Beteiligung der sie Praktizierenden morgen nichts weiter mehr sein wird als ein klinischer Fall. Verzweifelt suchen einzelne und Gruppen dem Moloch der Wirtschaftlichkeit sich zu entziehen, träumend von Robinsons Eiland. Voll Ekel erziehen sich Sauberkeit liebende Menschen zur Askese und begnügen sich damit, die Liebe im Traum, in der Idee zu belassen. Sie warten, bis alle besudelten Betten dieser Zeit frisches Linnen bekommen, das jene nicht entbehren, die sich schmutzigen Leibes in diese verlotterten Lager legen. Schon beginnt das weibhaft begabte Mädchen die Ehe, diesen Dienst am Staate, zu weigern. Bald wird sie, der nächste Schritt, die Liebe weigern, aus Liebe zur Liebe. Bis dahin hätte die weibhaft begabte Frau die schöne, weil schwere Aufgabe, den Mann zu zivilisieren. Sie hat ja schon in alle männliche Berufe und Tätigkeiten Horchposten geschickt, zu diesem Dienst geeignete Frauen, welche die Dummheit der Männer auszukundschaften haben, was oft nicht anders geht als dadurch, daß sie so dumm werden wie die Männer, was zum Beispiel bei jenen Frauen der Fall ist, welche in Parlamenten sitzen. Die Männer haben sich ja lange aus schlechtem Gewissen dagegen gewehrt, bis sie die außerordentliche Dummheit ihres Krieges zur Kapitulation zwang. Über den Umweg ihrer den Berufen geopferten Geschlechtsgenossinnen kommt den Mädchen das Wissen von der männlichen Dummheit, und sie beginnen zu begreifen, daß diese Dummheit der Männer zu groß ist als daß sie wahrhaft lieben könnten. Daß sie alles in allem nur Weiber haben können, dumme Gattinnen oder kluge Hübschlerinnen, meist aber nicht »oder«, sondern »und«.

Man liebt nicht, wie man will, sondern wie man ist. So ist der Mann, so liebt er. So wird er sein, so wird er lieben. Wie wird er sein? So, wie ihn die ihre Liebe weigernde Frau erzieht. Es wird ein paradoxer Moment kommen, wo das Mädchen sagen wird: »Mein Geliebter versteht es wundervoll, mich nicht zu küssen.« Küßt er heute, ist es zumeist nur Geste eines ordinären Besitzwahnes, – erstaunlich, daß die geküßte Stelle nicht dampft wie mit einem Zeichen gebrannt. Aber nicht wie recht und gut vom Herrn gezeichnet, sondern vom letzten als Herrn verkleideten Knecht. Ehemals war es der Mann, der aus seiner Sehnsucht den Typus der Frau zu schaffen verstand, welcher der Welt fehlte. Diese schöpferische Kraft des Mannes ist heute erschlafft. Vielleicht traut sich das weibhafte Mädchen diese Kraft zu: den Starken gelingt es, ihre schönsten Träume wirklich zu machen. Letztes Gebilde des schöpferischen Mannes war eine solche Schwächlichkeit aus schlechten Nerven und Toiletten: »die Dame«. Welche ihrerseits ripostierte, indem sie erfand, was man in ihren Kreisen den »Gent« nennt, ein hybrides Wesen, nicht Mann, nicht Knabe, eher schon Cut und Bügelfalte. Die erotische Funktion der beiden heißt Schimmy.

 

§ 3

Da es der Dame immerhin gelang, den Gent zu erschaffen, warum sollte dem weibhaft genialen Mädchen nicht die Erschaffung des Mannes gelingen? Aber sie müßte zuvor erkennen, daß die vom Manne über sie verfaßten Akten, Staatsakten fürwahr, nicht derart sind, daß sie sich nach ihnen richte. Sie müßte anfangen, das Weibchen um ihrer selbst willen zu machen und nicht um des Mannes willen. Dabei wird ihr niemand helfen, auch der liebe Gott nicht, der Eva im Moment ihrer »Sünde« vergessen hat und aufgegeben, denn in diesem Moment hat sie den Adam mit einem kleinen Teil ihres Wesens besiegt und sich mit dem größeren Teil ihres Wesens unterworfen. Sie verführte nur mit dem Fruchtfleisch. Ihre Sünde war ihre Abdankung.

Was empfindet heute das junge Mädchen? Was sagt es sich mit seiner innern Stimme? Vielleicht dieses: mißtraue dem Mann, der im Chore der Weiber redet, denn er verleumdet dich. Verlang und nimm, aber laß dich nicht mehr verteidigen, denn du glaubst nicht mehr an diese Geste. Begnüge dich nicht mehr mit deiner Schönheit des Leibes allein. Angst vor dem Alter hat nur die Frau, der das Alter keine Schönheit zu geben vermag. Verlang alles von dir und deiner Umgebung, denn die auf viel verzichten kann, wird gar nichts bekommen. Mach dich nicht nützlich, sonst bist du verloren. Willst du hoch gewertet sein, so gib das Überflüssige, gib das Wesentliche. Etwas, das zu geben du dich genierst, wird mit Grauen empfangen wie ein mageres Almosen. Tu' mehr als du kannst, denn nur dieses Mehr zeichnet dich aus. Nur der lebhafte, der kühne, der gegen jede Menge stehende Mann ist es wert, daß du dir ihn dressierst. Der Mann ist Männchen nur zeitweilig. Bist du aber immer nur Weibchen, so wirst du in den männlichen Pausen Grimassen schneiden oder ein anderes Männchen suchen, das gerade nicht seine männliche Pause hat. Mach den Mann nicht nach. Gib ihm nie den Glauben, daß du »sein« bist, sondern nimm ihm diesen Wahn. Immer aufs neue laß dich von ihm gewinnen. Nimm lieber nichts von ihm als erschöpfte Reste. Laß dir nicht von ihm »eine Stunde« widmen. Auch wenn du die letzten Gnaden der Scham verwirtschaftet hast, laß dich nicht fallen, gib dich nie für entwertet. Liebe ohne Liebe soll dich so erniedrigt nicht damit trösten, daß sie dir Lektionen im Vergnügen der Sinne gibt. Mißtraue durchaus dem Manne, der in deiner Gegenwart sagt, er müsse die Zeitung lesen. Oder dem, der heute nicht mehr weiß, was du gestern für ein Kleid angehabt hast. Oder der sich ärgert, wenn man dir in einer Gesellschaft nicht den Hof gemacht hat, denn sein Ärger drückt aus, daß er sich in seinem guten Geschmack des Eigentümers gekränkt fühlt. Forciere den Mann nicht zu einer verliebten Haltung, denn sie langweilt ihn. Geh auf den Fußspitzen. Erlaube dir keine dieser kleinen Feigheiten, welche du deine Pflichten nennst. Jeder Tag der Liebe hat so zu sein wie der erste Tag. Gib für das Ende keine Erklärungen, denn sie erniedrigen dich. Das Ende kündet sich damit an, daß du heute an das Gestern denkst oder an die Zukunft. »Betrügt« dich der Mann, lach ihm ins Gesicht und bring deine Nebenbuhlerin nicht um. Vor allem nicht mit übler Nachrede. Man betrügt nur die Frau, die man langweilt, – bedaure ihn.

Ich habe diese Ratschläge, die sich das heutige Mädchen gibt, leuchtenden Augen abgelesen, beschwingtem Schritt, schöngeschlossenen Lippen, um die nicht der leiseste Schatten jenes feinen Rahmens lag, der Resignation heißt. Ich muß zugeben, es war eine sehr seltene Lektüre. Und ich habe vielleicht auch mehr gelesen als darin stand.

 

§ 4

Was in den Anschauungen der Frau einen Mann zum vollkommenen Geliebten macht, das wechselt mit den Zeiten, deren Sitten, Bräuchen und Idealen. Aus der Ewigkeit ist der Begriff nicht zu bestimmen. Umstände bedingen ihn und darum ist sein Charakter variabel wie diese, sowohl in seiner Wirkung wie in seinen Mitteln. In Zeiten wie den heutigen, wo sich die sogenannte mondäne Frau der Großstadt wissentlich und unwissentlich nach dem Typus der internationalen Kurtisane modelliert, in der Mode nicht nur sondern auch in ihren Anschauungen und Erwartungen, wird auch der Mann sich entsprechend modellieren. Die Frivolität ist als der erotische Charakter einer bestimmten Welt dieser Zeit anzusprechen, in welcher die Liebe als fixer Punkt oder als Achse der Beziehungen verdrängt wurde von dem Gelde, in dessen Dienst weit mehr Energien und Phantasie tätig sind als in der Liebe.

Was heute den Mann als Liebhaber bestimmt, sind wesentlich zwei Umstände: die Sehnsucht der Frau, daß Einer da sei, der in ihre Ehe die überhaupt oder schon fehlende erotische Spannung hineinbringt. Der zweite Umstand ist die Artung des betreffenden Gatten, von welcher die besondere Nüance der betreffenden Spannung abhängt. Der Liebhaber besetzt das Feld im Brettspiel der Liebe, das der Gatte leer läßt und das die Gattin nicht leer lassen will oder das zu besetzen der Liebhaber bequem findet. Doch es gibt auch den heute nicht seltenen Fall, daß die Frau ihren Liebhaber mit ihrem Gatten »betrügt«. Aber es bleibt auch in diesem Falle ein Liebhaber. Den Gott erfreut die ungerade Zahl, sagt Virgil.

Für den heutigen Liebhaber ergibt sich daraus als ihn bestimmend a) daß er die jungen Mädchen nichts angeht, b) daß er nicht mit dem Geliebten identisch ist, und c) daß er nicht unter dreißig alt ist, seine größte Begehrtheit gegen vierzig besitzt und sie unter guten Umständen auch noch mit fünfzig besitzen kann. In diesem letzten Fall allerdings mit dem tragischen Einschlag der Prima Ballerina, die ihre Kunst erst dann völlig beherrscht, wenn sie sich niemandem sonst mehr zeigen kann als ihren entzückten Enkelkindern.

Mit dem Don Juan ist er nicht zu verwechseln. Der Liebhaber wird immer verführerisch wirken, aber nicht eigentlich verführen. Der Don Juan ist zudem ein höchst unvollkommener Liebhaber, denn es zeichnen ihn ja besonders die schlechten Nachhers aus: er verläßt sofort die eben genossene Elvira und überläßt sie den tränenvollen Arien ihres bettelnden Schmerzes. Aber gerade die Kunst des Nachher macht den Liebhaber zum vollkommenen Liebhaber. Der Geliebte ist eine mehr oder minder romantische Angelegenheit des jungen Mädchens und wird, vorausgesetzt er besitzt sie, nichts als seine schöne Natur walten lassen, mit einem Aus- und Abgang, um den er sich nicht kümmert, ganz Egoist, der er ist und in diesem Jünglingsalter zu sein hat. Die schöne Narrheit der Jugend ist deren einzige legitime Weisheit. »Weißt du,« frägt der Weise, »weshalb die Liebenden in der Umarmung die Augen schließen? Du weißt es nicht? Wie ich dich beneide!« Nur wer in der Jugend so unwissend liebte, hat Aussichten, später ein vollkommener Geliebter zu werden. Denn seine Vollkommenheit braucht eine Lernzeit.

Der Jüngling improvisiert seine Liebe. Der vollkommene Liebhaber spielt seine Liebe bewußt, aber doch immer so, daß seine Konzerte den Eindruck machen, sie seien improvisiert, aber auch wieder nicht zu sehr diesen Eindruck, sonst könnte die Zuhörerin glauben, er versuche, jugendliche Gefühle zu haben, wodurch er ihr immer komisch erschiene: die Zuhörerin ist ja kein junges Mädchen. Ein Page mit sechsunddreißig Jahren ist, um es höflich zu sagen, ein Trottel. Zudem will eine Frau von dreißig gar keinen Pagen, sondern einen Kenner. Erst die Frau nach fünfzig wird, da sie sich wieder der Kindheit nähert und den Erfahrenen zu scheuen hat, den Jüngling vorziehen.

Der Kenner: das bedeutet nicht den Routinier. Routine ist in allen Dingen des Lebens ein Unwert, ist tote Mechanik. Wer alles auch schon im Schlafe trifft, den läßt man schlafen. Der Routinier ist einer, der mit seinen Mitteln und seiner Übung überraschen will, aber selbst nicht mehr von ihnen überrascht wird, weshalb ihm auch das Überraschen nicht gelingt. Er kann höchstens verblüffen, und das erkältet. Und jeder Liebeskommerz, auch der von geringster Dauer und schwächster Intensität, verlangt und braucht Wärme.

Der Kenner ist nie ein Routinier, wohl aber ein Könner. Und dieser Umstand schränkt die Erlernbarkeit der Kunst des Liebhabers sehr ein. Denn er muß halten können was er spricht und verspricht. Er muß die Wechsel einlösen können, die er, und nicht auf zu lange Sicht, ausstellt. Er muß, um im geläufigsten Jargon dieser Zeit zu reden, solvent, er muß »gut« sein. Anders kassieren ihn bald berechtigte Zweifel an seiner Solidität, seiner Zahlungsfähigkeit. Das erscheint selbstverständlich, ist aber doch zu sagen, denn der Liebhaber erliegt als Kenner oft der Gefahr, zu schön zu sprechen, schöner als der Könner Wort halten kann. Das führt zu Peinlichkeiten. Der Liebhaber vermeidet das Überziehen seines Guthabens am besten dadurch, daß er seinen leidenschaftlichen Worten einen etwas ironischen, etwas skeptischen Unterton nicht fehlen läßt, als Sicherheitsventil gewissermaßen gegen zu viel Dampf. Dieses Ventil muß sehr diskret kaschiert sein. Er darf es sich nicht sichtbar an der Nase montieren gewissermaßen, wo es dann ununterbrochene Warnungssignale ausstößt. Denn es könnte die Frau ihm sagen: »Mein Lieber, Sie pfeifen fortwährend, aber Sie fahren gar nicht!« Die Ironie darf nie die geliebte oder zu liebende Frau betreffen und treffen, sondern nur so überhaupt die Liebe.

 

§ 5

Der Liebhaber muß ein Zuviel dieses ironischen Tones, das erkältend wirken könnte, damit zu kompensieren suchen, daß er Frivoles mit einer gewissen schönen und naiven Inbrunst sagt. Die ins Ordinäre und gemein Alltägliche gesunkene Frivolität ist mit sauberen Händen aus dem Schmutz zu heben, wenn man sich nur mit einem bißchen Philosophie gantiert. Und man kann sie dann zeigen neu wie am ersten Tag, im weißen Blütenschnee ihrer eben vollzogenen Schöpfung, springend und hüpfend wie eben geborne Böcklein und Faune. Das muß ein guter Liebhaber können.

Denn worauf kommt es an? Es kommt darauf an, in das allzugleichmäßig ablaufende, etwas zu stark so oder so entspannte und darum gelangweilte Leben einer Frau, die weiß, was das Frausein ist, überraschende Ungleichmäßigkeiten und eine Spannung zu bringen, ohne – und dies ist wesentlich – die Frau von dem Leben, das sie führt, völlig ins Romantische oder Tragische einer großen Leidenschaft zu drängen und die Spannung bis zum Reißen der Saiten zu bringen. Es genügt zu ihrem Glücke, wenn der von dem Gotte gewünschte Dritte so tut als ob, – dies ist vom Liebhaber zu treffen. Diese Frau wünscht ja nicht, daß der wirkliche oder vorgebliche Elan eines Liebhabers sie von ihrer Schaukel schleudere, sondern daß der geübte, sensible Arm des Liebhabers sie ein bißchen höher hinauf ins Blaue oder Grüne schaukele als es der Gatte tut, wenn er es überhaupt tut. Meist schaukelt der ja nicht mehr oder nur so im Schlafe.

Als die Frau noch junges Mädchen war, da mochte – wir wollen sie gegen heutige Wahrscheinlichkeit so annehmen – hinter der Liebe, die ernst war wie das Leben, der Tod stehen. Daraus, aus dieser Liebe, ist dann in der Ehe die Liebe aus Pflicht geworden, etwas Langweilendes, das parodiert, was einst war. Die Intimität, diese Megäre, bringt die beste Liebe um. Der Gatte müßte etwas können, woran ihn gerade sein Gattentum hindert, auch wenn er es vermöchte, nämlich die Liebe auflösen in das Spielen der Liebe, womit man die Frivolität umschreiben könnte. Das kann er aber nicht, ohne seine soziale und staatliche Funktion aufzuheben, als welche eben ist, Gatte zu sein. Vater von Kindern, Erwerber, Verdiener, Wähler und Gewählter, seriöse Person oder wie sonst diese Koseworte der staatlich konzessionierten Liebe in der Ehe heißen.

 

§ 6

Solches aber, die Liebe, die erst Leidenschaft war, dann Pflicht wurde, aufzulösen in das Spielen der Liebe, ist die Funktion und das Talent des Liebhabers, sein Seinsgrund. Das, was zuerst Rasen der Leidenschaft, dann Seufzen unter der Pflicht, schließlich Langweile wird, als ein Spielen neu zu machen, ist des Liebhabers Aufgabe. Er wird wie ein neugieriges Kind, aber auch, man verstehe recht, wie ein kundiger Wüstling sein, nicht das oder das, sondern das und das. Es muß seine Torheit im Schatten seiner Weisheit stehen, im zarten Schatten einer zerbrechlichen Weisheit.

Unter der Leidenschaft der Liebe leben, das ist wie unter einem Fallbeil stehen, – niemand hält das aus in zivilisierten Zeiten. Jedenfalls nicht als einen dauernden Zustand. Nur die Jugend hat das kurze Gesicht und genügend Blindheit in den Augen, um das Fallbeil nicht zu sehen. Später aber –, wen in den Vierzigern solche Liebe trifft, der nimmt gleich besser Zyankali. Aber doch träumt man davon, daß sie einen träfe. Und der wache Traum bildet sich von dieser großen Liebe ein kleines Simulakrum, ein reizvolles Trugbild, dessen kunstreicher Priester der gute Liebhaber ist. Aber man darf es nicht machen wie Herr M. Der hielt sich für nichts sonst bereit als für die große Liebe, von Jugend an, und versagte sich jede andere. Es endete damit, daß, als er fünfunddreißig war, jede Liebe vor ihm davon lief, die große wie die kleine. Herr M. hat sein Widerpart in jenen Mädchen, die eigensinnig erklären, sich nur in der Ehe einem Manne hinzugeben: diese Mädchen heiraten nie.

Die Geliebte des Liebhabers weiß nun, daß man nicht, wie sie ehemals glaubte und glauben machen wollte, mit dem liebt, was man schamhaft ausweichend oder ahnungslos umschreibend Herz nennt. Sie weiß, daß dieses Herz der Herold der Sinne – in jedem Sinne Sinne – ist. Nicht nur der Sinnlichkeit im Allergröbsten. Der Liebhaber wird dieser Frau den Esprit und die Courage zu solchem Wissen geben, die Tiefe und die Oberfläche, die Grazie und die Laune, die Lustigkeit und die Melancholie, die Freiheit und die Unberechenbarkeit. Er wird dieser Frau »das Herz« ganz leicht machen: das ist seine schönste und sittlichste Aufgabe.

 

§ 7

Das junge Mädchen, darum so reizvoll, weil ihre Sinnlichkeit noch nicht lokalisiert, weil sie ganz und überall von ihr durchdrungen ist, – das junge Mädchen, auf »Herz« erzogen, wird dieses Herz schwer wollen, wie der Liebende, der ja nicht glücklich ist, wenn er nicht unglücklich liebt. Darum gibt es ja auch für das junge Mädchen, das Mädchenkind, den Liebhaber nicht, der ja immer das ist, was das junge Mädchen nicht ist und nicht sein darf, nämlich ein Gnostiker, ein Wissender der Liebe. Das junge Mädchen will die Liebe kennen lernen und glaubt sie zu kennen, wenn sie einen Geliebten hat. Aber die Frau, die einen Liebhaber wünscht, hat bereits das fatale Wissen, indem sie das Herz, ihren Anfang als Mädchen, gegen die Sinne wechselte.

Der Liebhaber muß den Takt besitzen, der Frau diese über Nacht gekommene Einsicht, diese Umschaltung von Herz in Sinne zu erleichtern, indem er so tut, als merke er diesen Wechsel nicht. Er wird sich hüten, der Frau »das Herz«, die »tieferen Gefühle« abzusprechen. Er wird immer diese unschuldige elfenbeinerne Agraffe am Busen belassen und nur ein ganz kleines bißchen darüber lächeln und im rechten Augenblick. Lächelt er gar nicht darüber, könnte ihn die Frau in den Verdacht einer falschen Sentimentalität bekommen. Lächelt er zu viel oder zu deutlich, so drängt er damit die Situation und den Zustand ins Nichts-als-Gemeine.

Der Geliebte liebt das junge Mädchen, der Liebhaber würde es verderben. Denn zuerst und zunächst will jeder junge Mensch, Jüngling oder Mädchen die Liebe, nicht das Spielen der Liebe, will Himmel oder Abgrund, aber nicht die irdische Mitte. Diese frühere Wahrheit hat heute etwas ihre Evidenz verloren.

Der Mann schämt sich, zu lieben, sagt Anaxagoras. Die Frau hinwieder schämt sich, nicht geliebt zu werden, fährt der Weise fort. Der Mann ist der Begehrende vorher. Nachher muß die Frau erobern, was nicht leicht ist, denn der Mann hat die Neigung zur Flucht zu sich selber zurück, wo er nicht mehr bloß ist, was er eben war, nur Mann und nichts als das, sondern auch Mensch. Bei der Frau sind Menschsein und Frausein nicht so disparate Bezirke, teils aus Natur, teils aus Geschichte. Der gute Liebhaber wird diese dem Manne natürliche Neigung, nach vollbrachter Tat davonzulaufen, tapfer bekämpfen, verbergen und bleiben. Er wird dem Eroberungskampfe der Frau im Nachher und ihrem Wertigkeitsgefühl, das sie in diesem Nachher genießt, so sehr entgegenkommen, daß die Frau glaubt, was sie glauben möchte, daß sie nämlich nicht nur unentbehrlich für den Mann geworden sei, sondern immer wieder begehrt und erkämpft werden muß, wofür sie ja Reserven hat. Es ist nicht zu entscheiden, ob die Frau wirklich so reich ist oder sich so reich glaubt oder glauben muß, um – im natürlich-ursprünglichen Verlauf der Dinge, der seine psychische Parallele hat – den Mann mindestens so lange festzuhalten, bis das Kind da ist.

 

§ 8

Ich glaube, es war Spinoza, der festgestellt hat, daß die Unterhaltung der allerwenigsten Frauen nachher imstande ist, den Mann zu fesseln. Welche Bundesgenossen hat die Frau in diesem Kampfe um das Dableiben des Mannes? Nur einen einzigen: ihre Schönheit und deren unerschöpfliche Ressourcen, wenn die Frau diese kennenzulernen sich bemüht hat. Nur diese Schönheit unterwirft und demütigt den Mann. Will man dem guten Liebhaber ein echtes Gefühl lassen unter all den seltsamen Heucheleien seines Wesens, so dieses: daß er Demut vor der Schönheit der Frau empfindet, stärker als sonst ein Mann. Denn der gute Liebhaber macht sich wenig aus der Liebe, aber viel aus den Frauen. Beim Geliebten ist es umgekehrt.

Worte werden dort, wo die Begriffe schwanken aus ihrer Natur, leicht überdeutlich. Besonders in allen Angelegenheiten der Liebe trifft das zu. Der Liebhaber ist nicht, wie die Worte solches vorstellen wollen, ein sehr bewußter Regisseur, Kenner und Künstler. Worte haben immer eine zu scharfe Kontur, besonders im Vokabularium der Liebe, – man muß, hört oder braucht oder liest man sie, ihre Kontur irisieren lassen, um ihren schwankenden Charakter nicht zu verlieren. Das etwas Undeutliche ist hier richtiger als das Überdeutliche. Es gibt, wie alle wissen, in den Liebessachen keine genaue Grenze zwischen echt und falsch, bewußt und naiv. Man ist nie ganz echt, nie ganz falsch. Die Worte der Liebe und in der Liebe haben einen vielfachen ungenauen und oft widerspruchsvollen Sinn, und der seltsame Genius dieses Widerspruchsvollen ist im seltenen vollkommenen Liebhaber verkörpert. Immanuel Kant hat gesagt, daß zu lieben der größte Beweis von Mut ist, den die Frau geben kann. Wer diesen Mut provoziert und damit belohnt, daß ihn zu haben weder das Leben noch den Kopf kostet, der ist der rechte Liebhaber.

Die Demokratien dieser Zeit lassen wohl dem Tüchtigsten freie Bahn, sein Ererbtes oder Erschwindeltes höchst zu verzinsen, nicht aber dem einzelnen sich einem Tag- und Nachtwerke zu überlassen, das die Liebe ausfüllt. Liebe als Berufung, das gab es im achtzehnten Jahrhundert noch bei Männern, heute gibt es das wohl nur mehr als Beruf bei Frauen. Ein Mann, der heute und mit den heutigen Frauen für die Liebe und nichts sonst leben wollte, würde sehr bald in ein widerliches Scheusal verkommen und einen Grad der Nichtigkeit erreichen, der ihn aus der Reihe der Männer striche. Der Liebhaber wird aber immer ein Mann sein und was Männliches treiben müssen. Er kann was immer sein unter der einen Voraussetzung, daß er in dem, was er treibt, nicht wird, was man Betrieb nennt. Es gibt eine hohe männliche Geistigkeit, welche kraft der Stärke ihrer Fiktion die Vollkommenheit in der Liebe ausschließt. Es gibt aber auch eine männliche Materialität, welche den, der von ihr beherrscht ist, unfähig macht, ein Liebhaber zu sein. Raffende Hände kann der Liebhaber nie haben, sondern nur schenkende. Besitzgier macht Mann wie Frau ungeschlechtlich.

Was auch immer den Liebhaber in seinem Leben beschäftigt als Beruf, als Liebhaberei, als Tätigkeit, als schöne Nützlichkeit oder harte Notwendigkeit, – er wird dies als Liebhaber der Frau nicht beiseite stellen oder ausschalten, sondern er wird es in die Form einer Zivilisation bringen, darin latent sein lassen, ja spezifische Farben daraus entlehnen. Anders würde er ein abstrakter Mann werden, was die Frau nicht verträgt. Anders würde er eine falsche Unbeteiligtheit am Leben markieren und so gefälscht wirken wie ein Mensch, der ohne leiseste dialektische Färbung, sei es auch nur in der Kehle oder Nase, sogenanntes reines Hochdeutsch spricht. Wer von seinen Wirklichkeiten absieht, hat immer trübe Gründe und verdient alles Mißtrauen. Und das weiß der rechte Liebhaber, der ja alles weiß. Er weiß auch, daß unter allen Frauenberufen der der anständigen Frau der schwierigste ist. Er wird nichts tun, ihr diesen Beruf noch schwieriger zu machen, denn seine Aufgabe ist es gerade, ihn ihr zu erleichtern, nur das natürlich, nicht ihn ihr ganz abzunehmen. Denn dann hörte ja die Frau auf, eine anständige Frau zu sein, und eine nicht anständige Frau braucht keinen Liebhaber. Die braucht Männer, irgendwelche, sei es aus seriös geschäftlichen Gründen, sei es aus unappetitlichen Appetiten.

Der Geliebte ist grausam. Naht er der Frau zum ersten Male, so sagt sein Blick: wie bist du schön! Aber darauf, wenn sein Verlangen sich verzehrt hat: wie warst du schön! Der gute Liebhaber dieser Zeit wird immer den Takt besitzen, das zweite zu unterdrücken. Er wird so gütig sein, wie ein Virtuose der Lüge zu lügen. Und den Abschied wird er nicht geben, sondern wird ihn sich geben lassen. Ohne Szene, ohne Träne, ohne allerletzte Male. Er wird sich verlieren, und da er nicht lastete keine schmerzende Druckstelle hinterlassen. Zehn Meter vom Mann entfernt präpariert die Frau ihr Lächeln, der gute Liebhaber wird ihm ein gütiger Spiegel sein. Er und die Geliebte haben niemals gesagt »unsere Liebe«, denn das ist ein ethisches Duett von Schumann bei Sonnenuntergang gesungen. Trennen sie sich, der Liebhaber und die Frau, dann kann jeder von ihnen beiden seine einzelne Stimme weitersingen.

 

§ 9

In den Zeiten der königlichen Könige hatte der König eine Frau und eine andere, die man, um sie zu ehren, oder weil sie es wirklich war, die Herrin, die Mätresse nannte. Als die Könige etwas schwächlicher wurden, hatten sie eine Frau und Mätressen. Als sie unter dem strengen Blick des bürgerlich-protestantischen Zeitalters ganz erschrocken brav wurden, hatten sie meist nur eine Frau, und die Mätressen hatten, wie alles andere, die Bürger. In der ersten Zeit redete man nicht von der Nebenfrau des Herrn. In der zweiten Zeit schrieb man gegen sie und ihn Pamphlete. In der bürgerlichen Zeit, als jeder Pariser mit Einkommen sich zu einer Mätresse verpflichtet glaubte, bemühten sich die Schöngeister, dieser Erscheinung gerecht zu werden in Stücken, Romanen, Artikeln, Psychologien. Diese Schöngeister sind insgesamt Spießbürger mit einer Tolle im Haar gewesen; ihr Witz besteht im Augenzwinkern, Teufelskerle vor Schlüssellöchern, Noceure an den drei Festtagen des Jahres. Vom Hingucken hinreichend instand gesetzt, ihrer Gattin die zwei Kinder zu zeugen. Im bürgerlichen Zeitalter ist also die ehemals königliche Mätresse zusamt ihren Historikern sehr heruntergekommen.

Agnes Sorel, Diane de Poitiers, Gabriele d'Estrées, Madame de Montespan, – ohne diese Damen wären die Könige, ihre Freunde, nur Könige gewesen. Vielleicht konnten sie, human wie sie waren, ihre Absolutheit nur dadurch ertragen, daß sie sie unter das Szepter einer Frau stellten, unter deren Korrektur, unter deren Güte, Liebe, Schönheit, Hochherzigkeit, Geistesgröße. Was alles die aus irgendwelchen Konvenienzen oder Politiken geheiratete Frau nur selten besaß.

Lalage X., welche die Mätresse des Bankdirektors Y. ist, mag sich in schwachen Stunden für eine Diane de Poitiers halten, vielleicht sich auch in Anlehnung an die Portierloge ihrer Herkunft das Pseudonym Poitiers geben, sicher aber hält sich der Bankdirektor Y. nicht für Franz I., auch wenn er sich Möbel aus dessen Zeit kauft. Sein Ehrgeiz zielt höher und heißt Pierpont Morgan.

Albertus Magnus zählt in einem Kapitel seiner Naturgeschichte die Wesen auf, welche sich hassen; er hat zwei vergessen: die verheiratete Frau und die Mätresse. Das ist wie eine biblische Schöpfungsgeschichte ohne Adam und Eva. Und wäre sie schön, wie Ninon, die Gattin fände sie häßlich, reizlos, schamlos. Wäre sie geistvoll wie Madame de Sevigné, in der Meinung der Gattin hat sie nicht den geringsten Verstand, ist dumm, langweilig. Und trüge sie sich mit dem Anstand einer Königin, die Gattin würde sagen, sie habe etwas Ordinäres, Kokottenhaftes.

Wird die heutige Frau bürgerlichen Charakters von ihrem Gatten betrogen, so stellt sie einen Vergleich an, in welchen Stücken sie denn eigentlich ihrer Nebenbuhlerin nachstehe. Und die Rekruten haben bei ihrer Aushebung eine weit strengere Untersuchung zu bestehen. Es ist sehr selten, daß eine Frau nicht den physischen oder moralischen Grund ihres Vernachlässigtwerdens findet, aber noch weit seltener ist es, daß sie dies dem Manne nicht zu bitterm Vorwurf macht. Schließlich sagt sie sich: »ehemals hat er sich doch daraus nichts gemacht und jetzt auf einmal findet er meine Beine zu dick und meinen Hals zu dünn«. Als sich einst eine Frau davon überzeugt hatte, daß sie wenigstens in etwas, ohne eitel zu sein, ihrer Nebenbuhlerin gegenüber von der Natur bevorzugt war, sagte sie zu dieser ihrer ehemaligen Freundin: »Meine Liebe, wenn ich hätte voraussehen können, daß mein Mann in die schlechtesten Zähne verliebt ist ...«

Man hat manche Systeme versucht, in die große Mannigfaltigkeit der Geliebten Ordnung zu bringen. Man hat unterschieden: Geliebte, welche dein Geld ebenso lieben wie dich. Solche, die dein Geld mehr lieben als dich. Solche, die dich nur deines Geldes wegen lieben. Solche, die dich deinetwegen mehr lieben, als deines Geldes wegen, dieses aber sehr stark berücksichtigen. Man erkennt aus dem zentralen Begriff, um den sich die mehr mindere Liebe der Geliebten bewegt, das Zeitalter, das diese Ordnung aufgestellt hat. Man kann nicht sagen, diese Einteilung ginge besonders in die Tiefe. Aber wohl dies, daß sie genau so tief geht, als es die Tiefe dieser Gesellschaft erlaubt.

Die Tauglichkeit einer guten Geliebten besteht in der Erfahrung, daß der Mann oft der Liebe müde ist, während die Frau höchstens des Liebhabers müde ist. Die Gattinnen erwerben diese Erfahrung erst in der Ehe und besitzen sie dann, wenn sie ihnen nichts mehr nützt. Gattinnen sind oft der Meinung, daß sie ihren Mann zu jeder Stunde mit der Liebe beschäftigen müssen und wenn das auch nur darin besteht, daß sie »Süßes Männe« sagen, wie in Sachsen. Gerade vor dieser Plage flüchtet der Mann oft in die diskretere Haltung der Geliebten, die den seltenen Glockenschlag der Liebe genau kennt und die Pausen nicht mit Faxen ausfüllt, welche Liebe beweisen sollen.

 

§ 10

Die verliebte Frau ist eine Sklavin, welche sich die Ketten von ihrem Geliebten tragen läßt; aber er muß ihr wirkliches Gewicht spüren als Gewicht, nicht als Belästigung. Einem Athleten wird es den Angstschweiß auf die Stirn treiben, gibt man ihm ein winziges Mokkatäßchen zu tragen. Aber die mehreren Frauen glauben, siebzehn kleine schlechtverschnürte Paketchen, die sie ihrem Galan zu tragen geben, seien Liebesketten.

Die meisten Frauen glauben sich für das Glück ihres Mannes notwendig – das ist aber der sicherste Weg, den Gatten unglücklich zu machen und ihn an die Geliebte zu verlieren, die weiß, daß der Mann sie zu seinem Glück gar nicht braucht, sondern sich das in seltenen Stunden nur angenehm einbildet.

Was die Gattin selten, die gute Geliebte aber immer weiß, ist, daß Herz und Träumerei die Liebe verderben, nicht die Sinne. Die Sinne folgen den Gesetzen des Lebens und sind immer natürlich. Aber die Laune, das Herz, das sogenannte Gefühl mit seinen Illusionen und Übertreibungen bringt Grausamkeit mit sich, Ausschweifung, Zersetzung, ja, es pervertiert sogar die Sinne selber. Alle Perversion kommt aus sentimentalischen Träumen oder aus grausamen Gedanken. Gefühl und Herz, die einen Mann zur Treue zu einer Frau verpflichten, werden im Laufe der Zeit notwendig aus der einen sinnlich gegebenen Frau mehrere zu machen suchen. Die eine Frau wird von der Phantasie des treuen Mannes in einen Harem verwandelt, was ohne sinnliche Gewalttätigkeit nicht abgeht, und zur raschen Erschöpfung des Reizes dieser Frau führt. Der polygam gerichtete und gegen seinen Trieb einer Frau treue Mann wird ein höchst ausschweifendes Schlafzimmer besitzen.

Der Mann hat einen sichern Beweis der Liebe in der Hingabe der Frau. Aber welchen Beweis hat die Frau von der Liebe des Mannes? Wo ist der Prüfstein der ihr geschworenen Liebe? Sie hat da nur sehr unsichere und flüchtige moralische Beweise. Daher zögert sie. Die Geliebte, die Mätresse nimmt als sicheren Beweis das Opfer des Geldes – hat sie unrecht in einer Zeit, wo das Geld der Wertmesser aller Dinge ist? Daß der Mann als Liebhaber einer hübschen Frau seinen Mann stellt, das ist noch gar kein Beweis seiner Liebe zu dieser Frau, sondern dafür, daß sein sinnliches Vermögen richtig funktioniert. Es muß also zu einem Mehr als dieser selbstverständlichen Leistung kommen, zu der von hundert Männern neunundneunzig bereit und sechzig fähig sind. Dieses heutige Mehr ist das Bankkonto, wenn man bedenkt, wie groß bis zum Verbrechen die Anstrengungen der Männer sind, es bis zu einem Bankkonto zu bringen.

 

§ 11

Nur die Mätresse wählt den Mann aus rationalen Gesichtspunkten. Die anderen Frauen sind für ihre Wahl nicht verantwortlich, und der Gewählte hat keinen Grund, sich der Wahl zu rühmen: er war bloß gerade da in einem kritischen Moment. Denn in der Frau bilden die dunklen Instinkte ein Liebesbedürfnis aus, das in einem gegebenen Augenblick auf den fällt, der da ist. Alles sinnliche Gefühl wird in einem gewissen Moment der Reife aus sich selber das, was man, um ihm einen hübschen verdeckenden Namen zu geben, Liebe nennt, und davon kann sowohl ein Idiot als ein Genie profitieren. Nicht so bei der Mätresse. Sie ist niemals die Düpierte ihrer Sinne, wenn auch manchmal das Opfer ihres kalkulierenden Verstandes.

Eine Frau, welche nur ihren Mann kennt, glaubt, die Liebe zu kennen, aber sie kennt nicht einmal ihren Mann. Und verliert ihn meist an eine Geliebte, weil sie mehr Kenntnisse von ihm verlangt, als er geben kann. Fühlt die Frau die Lust in sich wach werden, so wird sie zärtlicher, der Mann grausamer, das heißt, es bildet sich jedes nach seiner spezifischen Anlage: der Mann ist egoistisch und eifersüchtig auf das Glück das er spendet. Die Frau ist passiver und zufrieden mit dem Glück, das sie fühlt. Sie ist dankbar nach dem Genuß, der Mann ist feindlich. Wie soll alles das die Frau aus einem einzigen Manne erfahren? Sie weiß ja nie, was bloß ihrem bestimmten Manne eigentümlich ist und was dem Manne überhaupt eigentümlich. Die Geliebte weiß es. Man kann mit Schelling sagen, die verheiratete Frau feiert bei ihrem ersten Liebhaber ihr Debüt in der Liebe.

Nach sechs Wochen fiebrigen Wartens und leidenschaftlichen Begehrens ist Herr Menalk endlich glücklich: Frau Lu hat sich ihm hingegeben. »Werden wir uns morgen wiedersehen?« fragt er beim Abschied ganz Angst vor einem Nein. Frau Lu sagt, sie sei erst in der nächsten Woche wieder frei. »Oh!« macht Menalk schmerzlich, um ein erleichterndes Gottseidank dahinter zu verbergen. Die gute Geliebte läßt es zu der hingerissenen Frage gar nicht kommen, denn sie weiß, was sie weiß. Die noch ganz in der sentimentalen Lüge befangene Frau Lu hat allen Grund, das ehrliche, saubere und korrekte Liebesleben der Geliebten ihres Gatten zu bewundern.

Die Frau, welche Gattin ist, muß an einem Manne lernen – oder soll es wenigstens nach der guten Sitte – was die andere Frau, welche Geliebte ist, an einem nach dem andern lernt und beim dritten beherrscht (denn die Männer sind in der Liebe sehr einfach). Und die Gattin lernt es unter den erschwerenden Umständen ständigen Zusammenseins mit dem einen geliebten oder doch wenigstens angetrauten Manne. Vieles aber verträgt die Liebe, nur ihre Domestizierung verträgt sie nicht. Die Worte der Liebe sind wild, bös, grausam, zärtlich, ungeheuerlich, aber die meisten Frauen legen sie sich für den Hausgebrauch zurecht, fangen jeden Satz zu ihrem Manne an mit »Liebster« oder »Schatz« oder »Schnucki« – und so was verträgt die stärkste Liebe nicht. Die meisten Frauen vergessen, daß es nur in seltenen Fällen dem Manne Vergnügen macht, sich im Nachher mit der Frau zu unterhalten, sagt Windelband. Aber wenn sie dann gar mit »mein Süßer« anfängt, läuft der Mann von einiger Scham tausend Meilen weg von der Frau, auch wenn er scheinbar bei ihr sitzen bleibt.

»Mein Mann ist mir wie ein Fremder«, sagt etwa die Frau zu ihrem Liebhaber, der glaubt, über den Mann lächeln zu müssen, wozu er aber nicht immer guten Grund hat. Denn es gibt Frauen, die es sehr gut verstehen, ihren Liebhaber mit ihrem Manne zu betrügen – solche Ehen sind oft die glücklichsten. Mit der Eifersucht treiben die Lustspielverfasser einen mehr von der Tradition gegebenen als von der Wirklichkeit gerechtfertigten Aufwand.

Eine Frau kommt, verlangt ihre Natur dies, zu wissen, indem sie die Geliebte eines andern Mannes wird – das bedeutet gewiß nicht dasselbe wie die Mätresse eines anderen Mannes, denn man muß dieser ihre Eigentümlichkeit lassen, als welche das Geld und also eine höchst subtile Komplikation ist und keineswegs diese undifferenzierte Plumpheit, als welche sie die entrüstete hochanständige Frau meint, wenn sie voll Verachtung »für Geld« sagt. Den meisten Brautpaaren werden ja heute diese sehr ausgerechneten beiderseitigen Geldaffären von den elterlich Beteiligten diskret abgenommen, damit auf die »Liebesheirat« kein Schatten fällt, aber da sind sie doch auch, schließlich. Da also da wie dort der Zeit entsprechend das Geld von gleicher Wichtigkeit ist, kann man von ihm als einem gemeinsamen Nenner absehen. Es entscheidet nur mehr in Nebensächlichkeiten.

In Zeiten der Gelddemokratie verläuft das Leben der Mätresse oder vielgeliebten Frau unter wenig aufregenden Formen, und dies mindert die Notwendigkeit ihrer besonderen Leistung, ihres Talentes und damit gewissermaßen den ganzen Stand. Dazu kommt die Verallgemeinerung des Typus, indem die mondäne Frau, vielleicht einem unbewußten Drängen des ehelich ermüdeten Mannes nachgebend, heute gern die Allüre der Kurtisane annimmt, nur die Allüre, nicht die Lasten und Schwierigkeiten des Berufes natürlich. Die Mode ist hier ein mächtig fördernder Faktor. Was die anständige Frau durch diese Allüre gewonnen hat, das hat die Kurtisane verloren, und zwar durch den Mann. Heute ist es so, daß es den Ehrgeiz des reichen Mannes weckt, einem andern reichen Manne dessen Geliebte wegzunehmen, indem er mehr Geld bietet. Das Hergeben von Geld ist für einen gewissen Typus heutigen Mannes einzige Form seiner Liebesbeziehung geworden. Er will diese Frau haben, von der man weiß, daß Herr X. sie sich soviel hat kosten lassen. Er will über diesen X. triumphieren. Vielleicht will er auf dem Umwege der höher bezahlten Mätresse seinen Kredit steigern. Er will »zeigen«. Er sagt in der Theaterloge zu seiner Mätresse: »Ich bitte dich, tu als ob du mich liebtest. Zu Hause kannst du machen was du willst.« Die Frau ist Mittel: das hat den Frauen, die von der Liebe leben, indem sie für deren Scheinbild leben, heute ihren Beruf außerordentlich leicht gemacht. Man trifft auch immer seltener in den Kreisen dieser Frauen solche von persönlicher Bedeutung. Die Kunst einen heutigen von Geschäften müden Mann zu unterhalten – die Hauptleistung der Mätresse – ist bei den geringen gestellten Ansprüchen so heruntergekommen, daß ihr das nächstbeste muntere Mädel genügt. Die Frau spart mit äußerster Vorsicht zwei Jahrzehnte lang ein Vermögen und gibt es dann an einem Tage aus bis auf den letzten Heller. Dann weiß sie nichts weiter zu tun, als sich immer wieder anzubieten und zu verschwenden, was schon längst verschwendet ist. Die Geliebte aber weiß, daß sie in ihrer Hingabe durchaus nicht den größten Schatz der Erde hingibt, – welchen wunderbaren Glauben die andere Frau hat und der sie so schön macht, wie jene bald häßlich, der er fehlt.

 

§ 12

Die Mätresse hat es leicht, denn sie ist immer in der Liebe, weil sie von ihr lebt. Die Gattin hat es schwerer, die Liebe in der Liebe zu belassen – vorausgesetzt, die war je vorhanden – und so degeneriert sie in Zuneigung, Freundschaft, Affigkeit und kümmerliche Parodie einer Leidenschaft. Worin die Gattin noch dadurch unterstützt wird, daß sie immer den Blick in die Zukunft hat, während die Geliebte ganz Gegenwart sein muß, um sich zu behaupten. Die anständige Frau wird im äußersten Moment ihres Fehltrittes dem Liebhaber mit bebendem Munde sagen: »Ich bin eine anständige Frau, vergiß das nie ...« Und eine Weile darauf, daß sie ein ungeheures Opfer gebracht hat. Es kommt ihr um so größer vor, je weniger Vorstellung sie mit diesem Worte verbindet.

Man muß die Kurtisanen zu den Artisten zählen, deren Beruf ein sehr geregeltes Leben von ihnen verlangt. Die Ausschweifungen, mit denen das Liebesleben der nicht anständigen Frauen ausgefüllt sei, sind nur eine irrige Meinung der anderen Frauen, soweit sie unwissend oder noch nicht lange genug, sagen wir zwei Jahre, verheiratet sind. Also anständig. Bleiben sie es und dauert die Ehe ins achte, zehnte Jahr, dann haben sie meist alle Illusionen verloren und werden deshalb was man ausschweifend nennt. Die unanständigen Frauen wissen, daß es das, was man Debauche nennt, nur in den Ehen gewissen Alters gibt, von wo sie zuweilen ein Ehemann in das solide hygienische Leben der Hübschlerin hineinzutragen sucht. Keine Illusion mehr haben, aber immer den gleichen Mann oder dieselbe Frau, das führt, da kein geschlechtlicher Akt ohne die Hilfe der Phantasie zustande kommt, dazu, die eine Frau, den einen Mann ins Vielfache zu variieren. Die Treue ist aller Laster Anfang, könnte man in der frivolen Zeit sagen.

Man hört oft Frauen, welche lieber im Wechsel Geliebte sind als in der Dauer Gattin, schamlose Personen nennen. Das dürfte aber die unpassendste Bezeichnung sein. Da das sexuelle Schamgefühl der Frau – nicht des Mädchens – nach Planck nur eine Frage der Beleuchtung ist, so hat jene Geliebte eben das Licht nicht zu scheuen, weil sie hübsch ist. Und jene sich entrüstenden Frauen haben schon so stark bekleidet wie sie sind keine rechte Freude daran, daß Licht auf sie fällt, – wie erst ist die Scham groß bei dem Gedanken, es würden, während sie sich im paradiesischen Zustand befinden, die Lichter angedreht! Jener Ärger, der sich in dem Schimpfwort Luft macht, kommt aus einer zwar unwillkürlichen, aber ganz unpassenden Vergleichung zweier weiblicher Körper bei starker Beleuchtung. Diesen absurden Vergleich macht nur die häßliche Frau, und weil er so sehr zu ihren Ungunsten ausfällt, entrüstet sie sich über die schöne Frau. Sie sucht die Schönheit sittlich zu entwerten, um von der eigenen Häßlichkeit ablenkend auf die eigene sittliche Reinheit aufmerksam zu machen: »Jene ist nicht schön, denn sie ist schamlos, ich bin nicht häßlich, denn ich bin schamhaft«, sagt sie unter dem Beifall einer Majorität der Häßlichen und mit der Zustimmung einer Kirche, der ein körperlich Bresthafter wie Paulus die Façon gegeben hat.

Die Geliebte weiß: je weniger man in der Liebe spricht, um so besser versteht man sich. Je schwieriger man sie macht, um so schwerer zu tragen wird sie. Frauen, welche zu lange Geschichten machen, bevor sie sich in die Arme eines Mannes begeben, sind Frauen, die ebenso lange Geschichten machen, sich wieder aus den Armen dieses Mannes herauszubegeben, wie Ludwig Uhland sagte. Man soll den immer vorhandenen Konflikt zwischen Herz und Sinnen, Rausch und Vernunft nicht durch Überflüssiges vermehren, denn es droht das, was von Liebe da ist, in Fadheiten und langweiligen Lügen zu ersticken.

Angenommen, eine Frau sei wirklich die Tugendhaftigkeit selber – die Tugend ist meist nur ein Zufall des Temperamentes, sagt Schiller –, so wird sie klug das nicht jedermann merken lassen oder gar betonen. Der Gedanke liegt sonst zu nahe, daß es eben noch zu keiner Gefahr kam, welche diese Tugend versuchte und von da zu dem Urteil, daß wohl nie Gefahr bestehen werde, ist ein kleiner Schritt, der nicht gemacht wird, um die Verbeugung eines Komplimentes einzuleiten. Die Treue zum ersten Mann ist oft nur die Besitzträgheit der Frau, ist Schwächlichkeit ihres Empfindens, das sich Ewigkeit gibt in der vermeintlichen Liebe zu diesem Mann. Es ist oft große Kraft der Liebe, welche eine Frau aus einer Liebe in eine andere wirft.

Menelaos konnte Helena nicht vergessen, so eindringlich ihn auch Odysseus auf die alte Penelope aufmerksam machte, die ihm Tag und Nacht nicht Ruhe ließ mit Eifersucht auf die zehn Jahre, die er zu seiner Heimreise gebraucht habe, wo die Hinfahrt der ganzen griechischen Armee nach Troja nur sechs Monate beansprucht hätte. Was für göttliche Hindernisse, was für Liebesgeschichten mußte er der alten Dame erzählen, um die sieben Jahre zu füllen, die er bei der Kalypso verbracht hatte! »Alles was ich ihr erzähle«, sagte er, »stickt sie in eine Tapete, – als was für ein Aufschneider werde ich späteren Geschlechtern erscheinen, mein lieber Menelaos, und deine Helena wird auch nicht jünger geworden sein.« Was letzteres aber der Atride mit Helenas göttlicher Abstammung ablehnte und außerdem sei er eben, wie er weinerlich sagte, eine erotische Natur. Also machten sie sich auf den Weg, Helena, die längst nicht mehr mit ihrem Paris und dessen Nachfolgern war, zu suchen und fanden sie in Memphis als Oberpriesterin des Anubis oder eines noch größeren Gottes, umgeben von höchsten Ehren, strahlend in Schönheit, und Menelaos vergoß Tränen, als er sie bat, mit ihm heimzukehren nach Sparta und den Thron der Väter wieder einzunehmen. Helena aber sagte: »Zu deiner Ehre und zu meiner bleibe ich hier, Meni. Die Frauen in Sparta sind sehr tugendhaft und werden bei meinem Anblick ihr Gesicht verhüllen und die Mütter werden mich ihren Kindern zeigen als eine Buhldirne. Ich habe nicht wie Schwester Klytämnestra das Prestige eines grandiosen Verbrechens, um meinen Ruhm zu erhöhen. Hier in diesem Lande, dessen Götter blöken, heulen, miaulen, bin ich das Licht und das Leben und die Schönheit, und alles liegt vor mir im Staube und der hundertjährige Oberpriester, der mich zu lieben glaubt – werde nicht eifersüchtig, Meni – würde auf mein Geheiß sämtliche Götter- und Königsmumien in den Nil schmeißen. Durch ihn herrsche ich über Memphis und Ägypten. Und nach dem Taygetos käme ich nur, um von den lakedämonischen Gassenkindern mit Steinen beworfen zu werden. Was weinst du denn? Gott, so viel Tränen um das Lächeln einer Frau!«

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