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Lehrbuch der Liebe und Ehe

Franz Blei: Lehrbuch der Liebe und Ehe - Kapitel 3
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authorFranz Blei
titleLehrbuch der Liebe und Ehe
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Erstes Kapitel

§ 1

Eltern und Erzieher sprechen von der sexuellen Not als einem charakteristischen Novum dieser Zeit, das früheren Zeiten fremd gewesen wäre. Etwa jenen vor dreißig Jahren, als es unter den bürgerlichen jungen Mädchen weder Freigelassene noch Emanzipierte, sondern streng bewachte und sich selbst bewachende Jungfrauen gab, unter denen hie und da einmal eine zu einer Halb-Jungfrau entartete. Diese jungen Mädchen von damals waren vom jungen Mann von damals so gut wie unverführbar. Das Risiko war zu groß. Das Abtreiben unerwünschter Folgen war nicht in Mode, und die Verführung führte zu einer erzwungenen Heirat. Die Jungfräulichkeit der Braut war eine höchst wichtige Voraussetzung für die Eheschließung. Als ich Student in Zürich war, verführte ein reichsdeutscher Student eine junge Schweizerin. Das Mädchen wurde schwanger und dessen Verwandte stellten an den Verführer die Forderung, den Schaden durch Heirat gutzumachen. Der deutsche Student aber schlug die Hacken aneinander und erklärte, er heirate kein Mädchen, das sich vor der Ehe einem Manne hingegeben hat. Von dieser Anschauung brachten ihn auch nicht die vielen Ohrfeigen ab, die er bekam.

Außer den Eltern waren für eines jeden jungen bürgerlichen Mädchens Unschuld Schutzwachen aufgestellt: die Prostituierten. Sie hüteten die Reinheit der häuslichen Herde ihrer Gasse. In ihren Armen, nicht wie heute in denen seiner Klassengenossin, stillte der Sohn bürgerlicher Eltern seinen ersten Durst. Man konnte mit weit mehr Recht und Sinn von der sexuellen Not jener Jugend von damals sprechen. Denn das heutige junge bürgerliche Mädchen der großen Städte ist freigelassen, und keine Zeit sah es willfähriger. Nie boten sich dem Manne mehr Mädchen an als heute, und hat der Mann heute nur einiges Geld, kann er da haben was er will. Die in ihrer sozialen Position bedrängte Prostituierte wird immer seltener. Man mußte ihr alle Straßen freigeben und sie von der Kontrolle befreien, denn sie zahlt Steuern und hat, wirtschaftlich von dem riesigen Angebot der Nicht-Prostituierten bedroht, ein Recht auf behördliche Hilfe. Die heutige Prostituierte ist längst nicht mehr »das Weib des armen Mannes«, sondern die willige Bereitschaft für Perversionen einer Klientel, die anders als bei der Prostituierten nicht zu ihrer Erfüllung kommen. Kein junger Mann von heute hat es nötig, die Umarmung einer Prostituierten zu suchen. »Wir würden verhungern,« sagte ein Mädchen der Straße zu einem jungen Mann, »wenn wir auf euch angewiesen wären«. Die dafür sorgen, daß diese Mädchen nicht verhungern, sind ältere Familienväter, die in ihren ehelichen Betten das nicht finden, was sie bei der Prostituierten für Geld haben können und heimlich suchen gehen.

Die sexuelle Not der heutigen Jugend ist die sexuelle Not der heutigen Eltern, die in Erinnerung an ihre eigene Jugend vor dieser Jugend ihrer Kinder fassungslos stehen und mit der Tatsache nicht zurechtkommen, daß ihre siebzehnjährige Ilse in dem achtzehnjährigen Fritz einen Freund und Bettgenossen hat. In dieser Not fragen sie nach rechts und hören da: Zucht, Strenge, Prügel, Beten, langer Rock, langes Haar in Zöpfen. Fragen sie nach links, und hören da: ausleben lassen, fördert die Gesundheit, Sport, Fortschritt, Folgen beseitigen, Schutzmittel gegen Konzeption. Ohne rechtes Vertrauen zur Predigt von rechts und zur Predigt von links sind diese heutigen Eltern, denn sie können was immer sie raten oder befehlen sollen nicht aus der Sicherheit ihrer eigenen Ehe stützen, denn diese Ehe ist zumeist ohne jede beispielsetzende Kraft dafür, wie recht zu leben sei. Oder gar wie das Glück zu erreichen sei. Denn in begreiflicher Täuschung operieren sie immer mit diesem leeren Begriff der glücklichen Ehe, ohne sagen zu können, was das ist. Höchstens, was das nicht ist. Und empfinden sich als Beispiel einer nicht glücklichen Ehe. Gab es je eine Frau, die im Alter nicht erklärt hätte, die Wahl ihrer Jugend sei ein Irrtum gewesen? Je einen Mann, der im Alter nicht sagen könnte, es hätte statt dieser Frau ihm ebenso gut ein anderer Ziegelstein auf den Kopf fallen können?

 

§ 2

Die Mutter von 1928, die nächstens fünfzig wird, trägt sich wie ihre achtzehnjährige Tochter, aber in müden sterilen Gedanken über die vermeinten Freiheiten dieser Tochter und an den engen Pferch des eigenen Lebens damals, als die Verwandten ihre Mitgift und sein Einkommen zusammenrechneten und übereinkamen, es ergäbe eine glückliche Ehe. Und der Einwand, der schüchterne, daß sie den Mann eigentlich nicht liebe, damit widerlegt wurde, daß man ihr sagte, die Liebe würde sich schon in der Ehe einstellen. Es gab eine kleine Lust, die sich immer mehr minderte, und Kinder. Oder Untreuen des Gatten, über die sie verzweifelte, wie es sich gehörte. Oder kleine eigene Untreuen, die auch nicht das Glück brachten, das man sich davon versprach oder versprochen bekam. Es war nicht viel anders als mit dem Gatten. Vielleicht schlimmer. Wie auch immer: angesichts ihrer Achtzehnjährigen, die ihr Leben vor sich hat, werden die Gedanken der Fünfzigjährigen, die es hinter sich hat, bitter, und so werden es ihre Worte, die sie zur Tochter spricht. Sie, die Mutter, meint, es liege zwischen ihr und der Tochter wirklich jene Welt, von der die Achtzehnjährige im Kampf um ihre vermeinten Freiheiten behauptet, daß sie läge. Es liegt aber nichts sonst dazwischen, als daß die eine alt geworden ist und ihr schwaches Denken um den Punkt kreist, der wie ein Fragezeichen geformt ist: Hat es sich gelohnt? War es das Richtige? Nun kann sie keine Liebe mehr fühlen und keine mehr wecken. Die sozialen Ambitionen und Zwecke, die sie in der Ehe ihrer Liebe beigemischt hat, sind alle so gut es eben ging erfüllt oder als nicht mehr erfüllbar erkannt. Sie ist einsam und friert. Sie sträubt sich, die zerfallende Fruchthaut zu sein, die ihren Sommer und Herbst gehabt hat. Längst ist der Gatte neben ihr erkaltet. Er ist noch da, weil er keinen sichtbaren Grund hat, eine Gemeinschaft aufzugeben, die er gewohnt ist. Sie ist nicht ein bißchen mehr jung, um noch etwas wünschen zu können, wozu Jugend gehört. Und ist doch noch nicht alt genug, um leichten Herzens zu verzichten. Ohne Zukunft, die sich ihr in den ihr fremd werdenden Kindern entzieht, wühlt sie die Erinnerungen auf, und es sind lauter kurze abgerissene Fädchen, ein verwirrter Knäuel. Versucht sie mit ihrem Manne darüber zu sprechen, so macht der über so vom gewohnten Reden Abweichendes erstaunte Augen und versteht nicht. Oder er lacht. Oder er wird ärgerlich. Ganz grob kann er sie auch eine dumme Gans nennen. Was sie sich denn eigentlich erwartet habe? Mit welchem Titel? Mit welchem Recht darauf? Und was fehlt ihr denn? Es fehlen ihr nicht das Haus, nicht das Geld, nicht das Auto, nicht die Kinder. Es fehlt ihr nichts als der Sinn ihres so Gelebten, und es quält sie, die Alternde angesichts der Jugend, die nicht zu beantwortende Frage, ob es für sie nicht ein anderes, schöneres Leben hätte geben können, so wie es, so meint sie, die heutige Jugend lebe.

Und der Vater dieser Kinder von heute, der Mann an die Sechzig, der Gatte dieser erschöpften bitteren Frau? Durch die immer rostiger werdende Maschine seines Leibes läuft das Arbeitspensum des Tages. Die Frau an seiner Seite ist ihm in diesen dreißig Jahren einer Ehe fremder geworden als sie es am Hochzeitstag war. Eine alte Frau wie irgendeine. Seltsam, daß man sie umarmt und drei Kinder mit ihr hat, gerade mit ihr. Es hätte auch jede andere sein können. Wie alle Männer hat er ein äußerst kurzes Gedächtnis für die gewährten Freuden einer Nacht: sechs Stunden später hat er sie vergessen. Er bestreitet aus diesen Dingen nicht das geringste in seinem Leben. Seine Geschäfte, sein Kredit, sein geistiges Tun sind ihm bedeutend wichtiger. Aber er mußte ein Leben lang dieser Frau immer das Gegenteil versichern mit Worten, die er als lügenhaft empfand. Die Frau brauchte das, verlangte es, und er gab nach, sagte diese Worte. Denn Frieden und Ruhe hingen davon ab. Er lebte zur Frau hin in einem Pathos der Worte, dem keinerlei Gefühl solch gesprochenen Wortes entsprach, ja dem jedes wirklich Gefühlte widersprach. Er mußte mit den Worten Dingen eine Bedeutung und Wichtigkeit geben, die sie faktisch für ihn gar nicht besaßen. Er erinnert sich, daß er mit nicht geringerem Vergnügen auch bei anderen Frauen als dieser im Bette lag, der er immer wieder zu versichern hatte, – Gott was nur alles! Jetzt ist er so alt, daß diese Last von ihm genommen. Aber er hat sie so lang getragen, daß er krumm und stumpf darüber geworden ist. Die Kinder? Er läßt sie tun, was sie wollen. Seine Erfahrungen lassen ihn zu keinerlei Pädagogik kommen. Er mißtraut seinen Urteilen, indem er sie für Vorurteile hält. Weniger als seine Frau geartet und geneigt, das, was sich vollzieht, mit Gefühlen zu begreifen und zu versteifen, hat er im Alter einen Sinn für die Komik des sexuellen Pathos bekommen. Und so schlägt er nicht wie die Mutter über die Artung und das Treiben der Kinder die Hände über den Kopf, sondern ist eher geneigt, dazu zu lächeln.

 

§ 3

Welchen Sinn erfüllte denn die Ehe? Welchen Sinn kann sie heute noch erfüllen?

Der älteste Hordenführer erkannte im Kampf und auf der Jagd die Söhne reiner, nämlich seiner Abstammung an ihrer frohen Tapferkeit und ihrem lebhaften Mut, wie die Bastarde, die Söhne zweifelhafter Herkunft am Fehlen dieser vornehmsten Tugenden. Das gute Blut in allen Nachkommen rein zu erhalten und zu vererben bestimmte die Wahl, die der Mann unter den Frauen traf. Auf Verunreinigung des Blutes durch Ehebruch stand das Köpfen. Des Mannes gelegentliche Lust an der Sklavin berührte die Ehe nicht, denn die Kinder der Sklavin waren zufällige Bastarde und schlecht. Persönliche Tapferkeit und Schönheit des Leibes stehen heute in geringerem Ansehen als Schlauheit und alle Arten zerebraler Gewandtheit – der Sport ist für staunende Zuschauer – also Bastardeigenschaften. Ob diesen modernen Tugenden die Ehe nachgegeben hat oder ob umgekehrt der beklagte Verfall der Ehe diese Bastardvorzüge gezeitigt hat, mag man nach Neigung entscheiden. Jedenfalls verlangte das Talent, auf der Börse reich zu werden, keine reine Ahnenreihe des mit diesem Talent Begabten. Die Rangunterschiede der älteren Zeit sind heute nur Geldunterschiede; in sogenannten fortschrittlichen Ländern wie den United States sind sogar schon die Bildungsunterschiede nur mehr solche des Geldes; in Europa soll es noch nicht soweit sein. Jedenfalls ist heute die Heirat vor allem ein Handel. Daß die Ware nicht immer, wie in der Türkei, beim Käufer bleibt, durch den Ehebruch zeitweilig in andre Hände kommt, durch die Ehescheidung den Besitzer wechselt, diese Tatsachen wurden so häufig, daß man dagegen moralisch schon ganz unempfindlich geworden ist – Kinder lachen darüber im Theater. Der Gatte weiß zumeist, daß er mit der Ehe den Ehebruch, nicht nur den seinen natürlich, eingeht; er vermeidet solang als möglich seine eigene Lächerlichkeit, indem er über Menelaus lacht. Kann er das nicht mehr gut, d.h. gibt es einen öffentlichen Skandal, so schießt er zuweilen und scheidet er sich. Das ist alles. Daß die monogame Ehe, wenn auch mit einigen Formalitäten, geschieden werden kann, hebt sie in der Idee, die ihr zugrunde liegt, völlig auf. Es fehlt nur noch eins, sie auch praktisch aus der Welt zu bringen: die Abschaffung der Mitgift. Bleiben müßten dann Paare, aus dem Adelsgefühl des Blutes einander treu, aus Verpflichtung gegen die Rasse abschweifende Instinkte bändigend, daß der Mann sagen kann: ich betrüge eine Frau nicht, die meinen Namen trägt, und die Frau: ich will von keinem andern Mann als von diesem Kinder gebären. Die Logik führt, wie man sieht, zur Utopie.

Die schamlose Geldheirat begann unter Louis XIV., der den Provinzadel ruinierte, indem er ihn an den Hof zog. Fumer ses terres nannten es die Barone, die reich heiraten mußten, um bei Hofe leben zu können. Hundert Jahre später konstatierte der ältere Mirabeau die Verheerungen. Und wieder hundert Jahre nachher ist die Geldheirat eine Selbstverständlichkeit, die keinen Zynismus mehr wie zur Entschuldigung aufwendet. Das Gesetz gab nach, indem es die Ehe als Kaufvertrag, den Ehebruch als ein Eigentumsdelikt, die Ehescheidung als eine Geschäftsauflösung behandelt und die Rechte der Kinder in Hinsicht auf ihr Geldvermögen wahrt. Die Komödie geht so: der betrogene Gatte, über den alles lacht. Die betrügende Gattin, aller Sympathien sicher. Der Freund, irgendeiner, der mit nichts weiter als mit einem Absteigequartier bezahltes Vergnügen – die Frau, die Zigarren des Gatten, dessen Jagd, dessen Komik – unverantwortlich genießt: er erfreut wie alle Schlauen. Dieser betrogene Gatte ist der Bankier seiner Frau, die ihre Liebe einem andern gratis gibt. In Frankreich hat man ein Gesetz angenommen, das der Frau verbietet, sich nach der Scheidung mit ihrem Geliebten zu verheiraten. Gott sei dank, sagten die Geliebten und zahlten erleichtert weiter die sechzehn Franken Strafe für das flagrant délit. Man denke ein Gesetz: der Ehebrecher muß die Geschiedene heiraten, d.h. er muß Bankier seiner Frau werden und Betrogener früher oder später. Entflieh mit mir und sei mein Weib ist eine Romansentimentalität. Von hundert betrügenden Frauen wird eine bereit sein, ihren bequemen Bankier aufzugeben, um ein neues Geschäftsverhältnis mit dem begreiflich mißtrauischen Freunde einzugehen. Es ist kein Unterschied dann zu bemerken zwischen der berufsmäßigen Kurtisane und der Frau, die ihren Gatten betrügt und nicht verläßt, weil der ihr alle Bequemlichkeiten des Lebens verschafft, kein Unterschied als dieser, daß die betrügende Frau lügt, die andre aber tapfer und ehrlich ist. Doch – alles dies sind Bêtisen der sozialen Kritik. Am Ehrbegriff einer ritterlichen Zeit diese heutige Zeit zu messen und zu verurteilen ist ebenso müßige Pedanterie, wie es Ohnmacht bedeutet, sich in die Bequemlichkeiten einer konstruierten künftigen Humanität zu begeben und von da aus bitter das Haus zu schmähen, in dem man wirklich lebt. Einen Zustand erkennen und mißbilligen bedeutet noch nicht ihn aufheben, bedeutet meist nicht einmal, sich im eigenen Leben danach richten. Die Menschen dieser Zeit verlangen Respekt nur vor ihrer Maske, denn sie sind unvornehmen Blutes zumeist und häßlichen Gesichtes, was sie alle wissen, denn sie sagen innerlich alle du zueinander wie zu den Hunden. Nehmen wir es hin mit Höflichkeit, die jenen langen Stäben gleicht, mit denen Herolde das Volk von der Majestät zurückhielten. Die Höflichkeit schafft die weiteste Distanz und ist das einzige Mittel, in aller Art Demokratie ungeärgert für sich zu leben. Daß wir Moral sagen und vom Ethos schweigen, daß wir Manieren verlangen und nicht Pflichten höchster Ordnung, daß wir m. a. W. Hofman sind und nicht Pascal, das ist der Demokratie aller Art Macht auch über uns Solitäre, und ist unsre Ideologie, daß wir noch immer eine Gesellschaft denken, wo es doch nichts als bloß sehr viele Leute gibt. Sagen wir es also nicht katonisch, daß die Ehe des Geldheiratens mit oder ohne Ehebruch – das Laster ist so dumm wie die Tugend – keine Ehe mehr ist. Sagen wir, sie ist ein Rethorikerthema, und lassen wir jedem das Recht auf seine Dummheit.

 

§ 4

Ein Konzilium staatlicher, kirchlicher, medizinischer und belletristischer Personen berät über den Patienten, dem es überall weh tut: die Ehe. Die aber ist nicht kränker, als sie es sonst schon immer war. Der eigentliche Patient ist das Kind.

Das Institut der Ehe auf die Natur des Menschen zu gründen, ist je weder dem Staat noch der Kirche eingefallen. Zur Befriedigung der Natur gibt es andre und näher liegende Mittel. Erst eine irrtümliche Staatstheorie, die als Basis jeder sozialen Entwicklung die Beziehungen der Geschlechter annahm, versuchte das. was weder theoretisch noch empirisch zu halten ist. Nichts als den bloßen Geschlechtsakt haben die Ehe und die ephemere Vereinigung miteinander gemein. Auf das Ephemere läßt sich keine »soziologische« Theorie gründen, denn es hat keine sozialen Effekte. Solche hat nur die mono- oder polygame Dauer-Ehe, als ein bestimmtes, rechtlichen Regeln unterworfenes Institut. Die Ehe ist nicht »natürliche« Keimzelle der Staatsbildung, sondern umgekehrt: die ehelichen Vorschriften sind eine verpflichtende Ordnung, die zum Ziele hat, das geschlechtliche Leben und die Kinder einer bestimmten Reglementierung zu unterwerfen innerhalb einer schon vorher existenten sozialen Gruppierung. Diese Reglementierung entspringt nicht einem Instinkt, der ja nur zum Geschlechtsakt führt, sondern einem zum Brauche gewordenen staatlichen Zwang. Die staatliche und nach ihr auch die kirchliche Autorität hat ihr Hauptinteresse an den Kindern.

Die Kirche konnte es nicht machen wie Ugolino, der seine eignen Kinder aufaß, um ihnen einen Vater zu erhalten. Sie nahm also das staatliche Institut der Dauerehe hin und fügte nichts weiter hinzu als die Weihe eines Sakramentes, das besagt, daß Ehen im Himmel geschlossen werden, also untrennbar sind durch den Menschen. Nicht weniger logisch als der Staat sah sie in der Ehe nichts dem Menschen »Natürliches«, sondern ein Institut, in dem sich die Interessen des Einzelnen dem erkannten weitern Interesse seiner Gruppe unterwerfen. Bis auf heute kümmert es weder Kirche noch Staat, ob sich die Eheschließenden im individuellen Sinn dieses Wortes lieben, weshalb die Kirche auch in der Nicht-Liebe keinen Grund einer Trennung der Ehe sieht. Sie erkennt nur einen einzigen Grund an: die Nichtvollziehung der Ehe. Eine Ehe, die keine Anstalten trifft, Kinder zu zeugen, erscheint der kirchlichen Logik als keine Ehe. Sie weiß, daß zu diesem Geschäfte das, was man Liebe nennt, nicht nötig ist. Sie dachte und denkt nicht daran, aus der Ehe so etwas wie eine Reglementierung der individuellen Geschlechtsbeziehungen zu machen. Sie überläßt das nichts als Individuelle ganz dem Individuum. Sie kennt das Anarchische der individuellen Liebesgefühle und tut alles, sie in dem Institut der Ehe nicht gelten zu lassen. Mit der Staatskirche kam ein Zwiespalt in das spirituelle Programm der Kirche, den zu lösen sich Jahrhunderte Moraltheologie vergeblich bemühten. Staatlich geworden erleidet die Kirche eben alle Wandlungen und Schicksale des Staates. Halb von theologischen Vorstellungen durchdrungen, wie in seiner Gesetzgebung, appelliert der Staat immer wieder in den Nöten an seine adoptierte Zwillingsschwester, die Kirche. Mit sinkendem Erfolg.

Die Kirche leidet an der Fassung ihres Begriffes der Sünde und erleidet ihn. Die Haltung der Kirche gegenüber der Ehefrau ist nur wenig verschieden von jener der Antike. Durchaus gegen ihren Willen ließ sich die Kirche im 5. Jahrhundert eine weibliche Gottheit in der Madonna abringen, gab hier einem Laienempfinden nach. Aber nur dem Mütterlichen gab sie in dieser Gestalt Raum, – alle »sündige Liebe« wurde durch die Unbeflecktheit der Empfängnis eliminiert. Die Frau hat Kinder zu gebären, nichts weiter. Weil die Welt sich weiter zeugen muß. Ganz nah an die Erbsünde, an den Fluch, der aus dem Paradies treibt, ist diese physiologische Tatsache gerückt. Die Ehe genügt, das Geschlecht bis zu dem Tage zu erhalten, welcher als der jüngste einmal anbrechen wird. Nur um die Kinder handelt es sich der Kirche. In schwierigen Geburtsfällen ist auf das Kind Rücksicht zu nehmen, nicht auf die Mutter. Wo nur die Lust die Geschlechter zueinander führt, ist diese Lust Sünde. Die Liebe zu Gott muß so stark sein, daß Eheleute die lustvollen Gefühle der Liebe, falls sie vorkommen, nur grade dulden, aber weder aufsuchen noch gar Freude daran empfinden. Der fromme eheliche Mensch wird das notwendig Natürliche in deutlicher Spaltung seiner Person in einen tierischen und göttlichen Leib mit geschlossenen Augen tun. Er wird es erleiden. Nicht erfreuden. Oder solches bereuen, wenn es doch eintritt. Es erwies sich, daß der Mensch einer solchen Spaltung seiner integralen Person fähig war, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, unter einer Voraussetzung: daß er im Sanatorium der Kirche blieb, welches unausgesetzt sowohl an der Krankheit wie an deren Heilmitteln arbeitete. Es erwies sich, daß der Mensch fähig war, sowohl Zuschauer wie Akteur in dem göttlich-dämonischen Theater zu sein, das sich in seinem Innern spielte. Er lernte die Mechanik von Auftritt und Abgang, er bekam Tiefen und Höhen, Vordergründe und Hintergründe. Folgte er dem kirchlichen Regisseur, konnte nichts passieren. Entzog er sich ihm, so entfesselte er den Gott oder den Teufel, und das Gleichgewicht war zerstört, der Mensch kein Mensch mehr, sondern der von Gott oder dem Teufel Besessene, Heiliger oder dessen Gegenpol, Einzelner, Losgelöster, Irregulärer auf eigne Gefahr. Übrigens konnte auch die Kirche nur die kleinen Sünder fangen. Gegen die großen als neue instituierende Kräfte war sie ohne Macht: sie fand sich mit ihnen ab.

Die Kirche hat den Begriff der fleischlichen Sünde den Menschen nicht gegen ihre Natur aufgezwängt. Unter verschiedenen Namen haben die Alten die sinnliche Leidenschaft als eine schwere Krankheit erkannt und beschrieben, als eine Art Behexung. Die Kirche hat diese Behexung mit dem Namen Sünde moralisch getauft und den Begriff vertieft. Daß die Sünde weiter als Krankheit angesehen wurde, zeigt die Ausarbeitung der kirchlichen Heilmittel, der Art wie der Zahl nach. Die Wollust der Kreaturen ist gemengt mit Bitterkeit, das hätte auch ein von der sinnlichen Leidenschaft gepeinigter Grieche sagen können. Es ist nichts spezifisch Christliches in dem Satz, den die Kirche in ihrer Frühzeit nur für großes Orchester gesetzt hat, wofür die Antike mit ihrem sehr schwach entwickelten Dualismus der Welt keinen Anlaß hatte. Die Erdsüchtigkeit der Antike war weit stärker als ihre Jenseitssüchtigkeit, ihre Todesfurcht größer als ihre Sterbenssehnsucht.

Nicht der Trieb, sondern dessen Effekt, das Kind, ist der Kirche einziges Interesse. Und des Staates. Außereheliche Kinder, die »Kinder der Sünde«, läßt sowohl Staat wie Kirche die Sünde der Eltern büßen. Denn was in der Ehe als ein notwendiges Übel grade nur geduldet wurde, das war außerhalb der Ehe vom Bösen. Notdürftig in der Ehe mit Weihwasser besprengt, mußten die Eheleute, wollten sie ihr Seelenheil nicht verlieren, immer auf der Hut sein vor der Lust. Das war der seltsame Umweg, auf dem die außerhalb der Ehe als Sünde verfolgte Liebe zu gewissen Zeiten als Constituens der Ehe auftrat, immer etwas fremdartig wie der Brauch zeigt, daß man mit einigem Erstaunen von einer »Liebesehe« spricht als einem Ungewöhnlichen. Denn die Liebe gehört als ein Affekt nicht in eine dauernde Institution. Sie tritt da, vom Dritten kommend, nur störend und zerstörend auf. Oder enthüllt bald in ihrer kurzen Dauer das Problematische ihres Daseins in der Ehe. Aber da sich das Dasein der Liebe nicht leugnen ließ, kam es in den periodischen Schwächen der Kirche zu diesen Sentimentalismen, welche der Ehe auch die Liebe als Mitgift vindizierten, wenn nicht gleich bei der ehelichen Wahl, so als ein sicheres Produkt des Paktes, als ein zu erwartender Effekt des ehelichen Zusammenlebens. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß oft so was wie Liebe in der Ehe wurde, eine leidenschaftslose Liebe, die dem meist leidenschaftslosen Temperamente der meisten Menschen durchaus entspricht. Die Kirche konstituiert sich ja in ihren Anschauungen nicht aus den Extremen, sondern gut demokratisch aus der großen Masse der Mitte. Sie wird diese Ehen mit einer nicht besonders affektiv qualifizierten Liebe immer als die rechten und gemäßen ansehen, aus ihnen Bestätigung ihrer Anschauung und Haltung holen und mit ihrer Hilfe die Klippen ihres dogmatischen Nomos umschiffen. Diese Klippen wurden in ihrer Gefährlichkeit erst im 19. Jahrhundert sichtbar, zu dessen Beginn es aufkam, daß die Liebe zu ihrem Ziele die dauernde Vereinigung in einer Ehe habe. Die frühern für eine Eheschließung maßgebenden Motive sozialer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur wurden zwar in der Regel nicht ausgeschaltet, aber sie kamen in der Anschauung, oft auch in der Praxis, an die zweite Stelle –, die erste nahm die gefühlsmäßige Beziehung der Eheschließenden ein, das, was sie die Liebe nannten. Damit aber trat die Ehe in ihre Krise: sie bekam die sie heute auszeichnende Labilität. Denn jenes Gefühlsmäßige stellte sich, was dessen Dauer betrifft, als eine Täuschung heraus. Die erst vorhanden geglaubte oder wirklich vorhandene Liebe verschwand, und die Eheleute finden in ihrer aus Gefühlen geschlossenen Ehe den Sinn nicht mehr: sie trennen sich, um diesen Sinn in einer neuen Ehe zu suchen. Oder sie suchen die Liebe außerhalb ihrer Ehe, wenn sie aus innern oder äußern Gründen zu einer Trennung sich nicht entschließen können. Oder sie verzichten auf die Liebe und lassen andre Momente des ehelichen Beisammenseins als wichtiger sich an deren Stelle setzen: Kinderaufzucht, Freundschaft, Hausführung, helfendes Beisammensein, was eine gelegentliche immer matter werdende sexuelle Annäherung nicht ausschließt, besonders, wenn eine freudige oder traurige Spannung in ihrem Ablauf auch die erotischen Komplexe virulent macht.

Um das Lager der ehelichen Liebe stehen Engel und Teufel. Sich über das gelinde Feuer der ehelichen Liebe lustig zu machen, um zum Preise der leidenschaftlichen Liebe Kantaten zu singen, ist ein beliebtes Thema lyrischer Jugendlichkeit, die weder die Flamme noch das Feuerchen kennt. Diese eheliche Liebe wird unterwertet aus Überwertung des erotisch Passionellen, das, je seltener es wird, um so mehr Panegyriker findet, die gar nicht merken, daß sie der erotischen Leidenschaft schon längst grobe Surrogate gewöhnlicher Ausschweifung gegeben haben, wie sie eine Zeit liefert, die für jede sexuelle Nachfrage das entsprechende Angebot bereit hat. Die Beziehungen der heutigen Menschen werden immer flüchtiger, augenblickshafter, was sich auch im Erotischen bemerkbar macht, insofern jede erotische Spannung zwischen den Individuen schwindet, da jede momentane sexuelle Erregung um ein geringes sachlich zu stillen ist. Die erotische Spannung ist aber nur in der relativen Dauer einer sinnlich-geistigen Beziehung möglich, und die Verbundenheit in einer Ehe begründet die sexuelle Entspannung zum Vorteile der in ihr engagierten Individuen. Die eheliche Verbundenheit krümmt den allzu scharfen Stachel der sinnlichen Leidenschaft und rettet das Individuum, dem in der Leidenschaft der Verlust droht für die höhern Werte der Sozietät. Aber in der sexuellen Entspannung liegen diese Möglichkeiten einer erotischen Spannung nur dann, wenn nicht wie heut meistens Eigenliebe zu einer Ehe geführt hat, die in ihr nichts als das Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen und Erfüllung von Zwecken sieht, die außerhalb jeder Liebe, also auch der Ehe liegen. Die moderne Ehe zeigt kaum je irgendwelche sexuelle Pigmentierung, von ihrem erotischen Charakter ist daher gar nicht zu reden. Sie ist ein Zweckverband, der eine Form entlehnt und sich bemüht, diese Form nach außen zu wahren. Es hat sich daraus sehr viel Heuchelei entwickelt als eine der bedeutendsten sittlichen Leistungen des 19. Jahrhunderts. Balzac und Stendhal haben sie in Meisterwerken beschrieben.

Alle Umstände heutigen Lebens wirken daraufhin, daß sich die Ehe von der staatlichen und kirchlichen Kontrolle emanzipiert und als ein nichts als privater Status etabliert. Erst das Kind wird Staat und Kirche auf den Plan rufen: die Eltern müssen Garanten seiner Aufzucht und Erhaltung sein, beide nach ihren Mitteln, ob noch vereinigt oder schon wieder geschieden. Man sagt, die Geburten gehen zurück. Das wäre Grund genug, daß sich die Ehe gegen ihre kirchliche und staatliche Einschnürung wehrt, wie eben auch irgendein Liebespaar nicht die Polizei um Erlaubnis für ihre Liebe fragt. Eine vernünftige Gesetzgebung wird einmal nichts mehr über die Ehe bestimmen. Sondern nur über die Kinder.

 

§ 5

Aus den leidenschaftlichen Anstrengungen, welche die Frauen vor dem Kriege um die Gewährung des Wahlrechtes in die Parlamente machten, glaubten manche, daß dort, wo die Frauen nach dem Kriege in die Parlamente einzogen, das Wesen dieser Vertretungen sich radikal ändern würde. Man glaubte, daß die außerordentliche Niederlage, die das männliche Politisieren im Kriege und nachher erlitten hatte, den guten Verstand der Frauen mobilisieren würde und daß sie als die Partei der Frauen, nichts als der Frauen, gegen die abgenutzten politischen Ideologien der Männer stehen würden. Das stellte sich alsbald als ein irriger Glaube heraus. Die in den Zeiten von den Männern und für eine wesentlich männliche Welt geschaffenen Rahmen und Inhalte des Politischen erwiesen sich als weit stärker als der Verstand der Frauen, die mit dem Stimmzettel ihre Stimme verloren zu haben scheinen. Als ob es das Selbstverständlichste wäre, ordneten sie sich in die vorhandenen Männerparteien ein, als deren Komparsen durchaus und ohne irgendeinen Versuch, diesen Parteiinhalten etwas von ihrem Weiblichen hinzuzufügen. Als einzigen Effekt ihrer Anwesenheit in den Parlamenten konnte man höchstens dieses bemerken, daß die männlichen Abgeordneten etwas hypokriter wurden, zum Beispiel in Angelegenheiten des Alkoholverbotes in manchen Ländern oder in gewissen Fragen der öffentlichen Moral, Erziehung und Kunst. Da gaben die Männer, den Vorwurf Schweinehunde zu sein fürchtend, nach.

Man kann Meinungen darüber haben, ob dieses völlige Verschwinden der parlamentarischen Röcke hinter den parlamentarischen Hosen am System liegt, aber daß es an den Vertreterinnen liege, kann man nicht behaupten, denn es sind ja die Frauen als Wählerinnen, die ihre Delegaten dahin geschickt und ihnen die Marschroute gegeben haben. Es ist nirgendwo eine bekannt geworden, die erklärte, daß die Frau als Frau ins Parlament gewählt würde. Sondern immer nur als das zufällig weibliche Mitglied einer Männerpartei. Sie bringt Wünsche ihrer Geschlechtsgenossinnen vor, aber immer nur innerhalb des politischen Männerprogramms ihrer Partei, von dessen Wichtigkeit und Richtigkeit sie durchaus überzeugt ist. Gehört sie zur konservativen Gruppe, wird sie etwa die Erleichterung in Sachen Ehescheidung bekämpfen wie die Männer dieser Gruppe. Im andern Lager wird sie für Erleichterungen sein wie die Männer ihrer Gruppe. Als ob es nichts gäbe, das die Frauen alle auf der einen Seite gegen die Männer auf der andern Seite versammelte. Das ist seltsam. Denn es gibt eine Menge Dinge des öffentlichen, privaten und staatlichen Lebens, die zuungunsten der Frau gesetzlich oder konventionell festgelegt sind, und man sollte meinen, daß solche Ungerechtigkeit von allen diesen parlamentarischen Frauen empfunden und erkannt und sie also einigen würde, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen. Gewiß, es wird die Ehebrecherin nicht mehr lebendig begraben. Man hat subtilere Tötungsarten gefunden, entsprechend unseren schwächern Nerven. Auch die Kindsmörderin aus Angst vor der Schande wird nicht mehr geköpft. Aber der ihr vom Gesetz vorgeschriebenen Gebärung eines Kindes durch Abtreibung sich zu entziehen, bleibt mit schweren Strafen verboten auch dann, wenn dieses Kind Frucht aus einer Notzucht oder einem Inzest ist. Der Staat schiebt hier den Arzt beiseite, um den Priester entscheiden zu lassen, dem das Kind mehr gilt als die Mutter. Es ist unverständlich, daß diese parlamentarischen Frauen ganz darauf verzichten, die elementaren Begriffe des Lebens von den über sie gelegten politischen Schichten zu befreien, ja diese Schichten für die Elemente nehmen.

Nur die Frau hat alle Beweise für ihre Aussage: dieses ist mein Kind. Nicht der Vater. Der kann, daß dieses Kind das von ihm gezeugte Kind sei, höchstens glauben. Aber um es beweisen zu können, müßte er Anstalten getroffen haben wie ein vorsichtiger und genauer Experimentator in einem Laboratorium: er müßte die als Jungfrau erkannte Mutter so lange einsperren, bis die von ihm und vor Zeugen vollzogene Schwängerung festgestellt ist. Praktisch wird der Vater ja mit seiner behaupteten Vaterschaft fast immer recht haben. Theoretisch bleibt es aber eine Behauptung, eine Annahme, ein guter Glauben. Vorsichtig ausgedrückt kann er nur aussagen: wahrscheinlich bin ich der Vater dieses Kindes. Nicht so die Mutter. Ihre Anwesenheit bei der Geburt ist ihr Wissen: dieses Kind habe ich geboren, es ist mein Kind. Das Kind kann nur eine Mutter haben, aber theoretisch viele Väter. Diese sinnfällige Tatsache ignoriert eine Gesetzgebung, die im Falle einer Ehescheidung das vorhandene Kind zum Streitobjekt macht, es beim sogenannten Verschulden der Frau der Mutter wegnimmt und dem Vater gibt, auch dann, wenn er nachweislich praktisch gar nicht der Vater ist. Mit diesem Gesetz im Rücken wird das Kind in einer innerlich gelösten Ehe ein Erpressungsmittel des Mannes nur zu oft, indem er die Frau vor der Scheidung zurückhält und zum Verbleiben in der Ehe zwingt mit der Drohung, daß er der Mutter das Kind nehme. Leicht ist ja eine Schuld konstruiert, die das Gesetz auf die Seite des Mannes bringt.

Vom Verbot der Ehe zwischen Blutsverwandten abgesehen, sind alle Ehegesetze Gesetze um das Kind und wesentlich vermögensrechtlicher Natur. Das Gesetz nimmt die Ehe als das Institut an, in dem legal erbende Kinder erzeugt werden. Für das Gesetz ist die Ehe nichts als ein Verband zu diesem Zwecke. Was es sonst noch dazu behauptet, ist Dekorationsstück aus der Sakristei und praktisch ohne Wert, weil ohne Anerkennung. Über die Heiligkeit der Ehe ist noch in keinem Gerichtssaal anläßlich einer Scheidung ernsthaft von den Beteiligten disputiert worden. Sondern nur über die Erhaltungspflichten des Mannes gegenüber der Frau, die er möglichst zu drücken sucht oder aus Schuld der Frau ganz abstreitet. Oder über die Zusprechung des Kindes und wer die Kosten seiner Erhaltung zu tragen hat.

Hat ein Amt zur Kenntnis genommen und festgestellt, daß die zwei Leute, die heiraten wollen, nicht blutsverwandt sind, könnte diese Ehe für den Staat ohne jedes Interesse und eine nichts als private Angelegenheit zweier Menschen bleiben, die mit getrenntem Geldvermögen miteinander leben, solange es ihnen gefällt und ohne Geldverpflichtung auseinandergehen, wenn es ihnen nicht mehr gefällt. Die Möglichkeit eines Kindes wirft aber ihren Schatten voraus und macht die Eheschließung gesetzlich interessant. Wem gehört das Kind im Falle einer Trennung der Ehe? Immer und unter allen Umständen der Mutter. Wer hat für das Kind bis zu dessen Mündigkeit zu sorgen? Immer der Mann, der sich als der Vater des Kindes bekannt hat, dann, wenn die Mutter vermögenslos ist. Eine Frau kann zwölf Kindern das Leben geben. Das ist eine aufziehbare und übersehbar kleine Schar und jedem von den Zwölfen kann die zärtliche Liebe der Mutter zuteil werden. Ein Mann kann zwischen zwanzig und fünfzig dreißig Jahre hindurch jedes Jahr etwa hundert Kinder zeugen, also im Ganzen die unübersehbare Schar von dreitausend Kindern. Dieser Umstand macht was man die Vaterliebe nennt etwas problematisch. Jedenfalls ist sie nur ein sehr schwächliches Pendant zur nicht zu bestreitenden Liebe der Gebärerin zu ihren Kindern. Diese Zahlen sollten den Streit um das Kind zu einer historischen Angelegenheit machen.

 

§ 6

Die kinderlose Frau erfüllt kein Mysterium. Ihre Zwecke sind menschliche Begreifbarkeiten, in sich erklärt und mit sich hinfällig. Nur die gesegnete Ehe ist ein Sakrament, das heißt: ein allem Begreifen Unzugängliches, mit unsichtbaren Fäden an das Ewige gebunden. Die Mutter verwahrt das große Erbe: sie gibt dem Kinde das Lächeln und die Sprache weiter. Sie erschafft das Kind, sie gebiert es nicht nur.

Das Mitleid, das wir Männer immer mit der Frau haben – die Frau nie mit dem Manne – das ist, weil es dauernd in uns liegt: meine Mutter hat ihr Leben für mich gegeben in Schmerzen und durchwachten Nächten. Daß wir die Frauen lieben, das haben wir von der Mutter. Ich sage: lieben; denn dieser Begriff schließt die böse Lust ein, da er der weitere ist Und der geliebten Frau die Würde gibt, die wir an unserer Mutter kennen. Ohne diese Würde stürzt alles in der Frau durcheinander, Sinne und Seele sind ein Unverbundenes, böse Lust und Verzweiflung lösen sich immer ab in der Herrschaft über die arme Kreatur, die mit dem Geliebten nicht die Würde der Liebe bekam ... Weiß man es nicht, daß die großen Wollüstigen Angst vor der Wollust haben? Denn sie hat für sie immer ein schlimmes Ende. Den Saccus der Sterblichkeit nannte sie der heilige Bernhard. Deshalb ist dieser Kampf des Mannes mit dem wilden Tiere der Frau, die nur Wollust ist, deren Mähne sie hüllt von oben bis unten. Nicht um dem Tiere diesen rauchenden Atem, an dem es sich selber verbrennt, zu nehmen, nicht um ihm die Krallen, mit denen es sich selber verwundet, abzureißen, geht der Mann in den Käfig, in dem es schlürft und schwankt, berauscht am eigenen Schlürfen und Schwanken. Der Mann bändigt das Tier, oder es zerreißt ihn. Feurigen Atem, Krallen, Rausch des Schwankens nimmt er ihm nie! Er bändigt das Tier, denn er ist seiner Mutter Sohn. Er bändigt es, indem er es liebt. Denn die Liebe umschließt die Lust. Liebt er es nicht, so zerreißt es ihn. Deshalb haben die großen Wollüstigen Angst vor der Wollust.

Eine Frau könnte sagen: »Ganz gewiß ist der Ehebruch unsittlich. Aber aus anderen Gründen als religiösen. Da die Ehe keine Angelegenheit der Religion ist, diese vielmehr nur so gut es ging mit der Ehe sich abfand, so ist auch der Ehebruch nicht unsittlich im religiösen Sinne. Er ist es aber, weil – doch zuvor: woran liegt es, daß für uns Frauen der Gatte so leicht der lächerliche Mann, ja, der einzige Mann ist, der für uns überhaupt lächerlich werden kann? Aber, liebe Geliebte, gibt es denn einen Geliebten, an den nicht auch die Reihe kommt, Gatte zu sein, lächerlich zu werden? Und darin liegt das Unsittliche: daß wir den Mann degradieren, um uns eine Entschuldigung dafür zu geben, daß wir ihn betrügen. Wir müßten anfangen, uns auf andere Gründe des Ehebruchs zu besinnen, wenn die Ehe schon einmal gebrochen werden soll. Es müßten Gründe sein, die den Gatten nicht ändern.« So könnte eine Frau sprechen: um es ganz zu verstehen, muß man es auch mit den Augen hören.

Eine Frau könnte auch das sagen: »Brächte man alles in eine Ordnung, was die Männer – besonders (oder nur?) in den Büchern – gegen uns sagten und sagen, es käme heraus, daß wir gerade in dem, was sie gegen uns haben, für sie als höchst positiv existieren; ich meine so: nähmen wir es uns zu Herzen und würden anders, gewöhnten wir uns ab, was man an uns tadelt und von uns leidet, so würde dem Manne seine Welt mehr als völlig entweiht nur sein – er würde den Stachel des Lebens verloren haben. Die am meisten respektierten Frauen sind den Männern die langweiligsten. Wir alle hören: die Frauen sind Kinder. Das ließe man uns ja noch. Nun halten aber unsere Kinderhände Bogen, Köcher, Gift und Pfeil. Für ein einziges Ziel notabene! Und schon steht das griesgrämig anklägerisch in den Männersätzen gegen uns. Legten wir aber, was wir halten, aus den Händen, mein Gott! der Unglücklichste darüber wäre der Mann. Wir haben kein Vergnügen an dem, was man uns läßt, aber leiden sehr an dem, was man uns verweigert. Wie die Kinder. In der Distanz von uns, in der männlichen Einsamkeit, bekommen wir das vorgeworfen, aber wer weiß nicht, wie in der Nähe das ganz anders wird! Das Manuale unserer Schlechtigkeiten, vom Manne geschrieben, ist das Manuale unserer Tugenden für den Mann (zum Mann). Alles gegen die Liebe hat nur die Liebe gesagt: der Haß ist blind.«

Man soll das nicht vergessen: die Frauen haben die größte Mühe mit dem Leben, und allein die Liebe entlohnt sie dafür. Deshalb mögen sie es vom Manne, daß er sie liebe. Sie ist ihr Lohn für Dienst und ist ihr Sonntagsausgang der Magd. Haben sie die Liebe nicht, so fehlt ihnen alles. Dann dienen sie ohne Lohn wie ein Sklave, hassen den Herrn und befreien sich, nicht um frei zu sein, sondern um sich zu rächen.

 

§ 7

Die monogame Ehe unserer Zivilisation ist weder eine religiöse, noch eine staatliche Institution gegen Wunsch und Willen des Menschen. Nur daß sie bis ans Ende des Lebens dauere, verlangt gegen den Menschen die Kirche. Nur daß sie bis an die weitgesteckte Grenze des überhaupt Erträglichen dauere, verlangt der Staat gegen den Menschen. Beide Institute, Kirche und Staat, geben so dem ganz privaten Entschluß zweier Menschen, in ehelicher Vereinigung zu leben, etwas Zwanghaftes und legen den beiden ein Joch des Erleidens auf, an dem sie sich wund scheuern und gegen das sie sich in zunehmendem Maße wehren, indem sie Erleichterung der Ehescheidung durch eine entsprechende Änderung der Gesetzgebung fordern oder aus einer Kirche austreten, die in ihrem Rigorismus nicht nachgibt. Der Verbalismus, mit dem Staat und Kirche die Ehe als ein heiliges Institut umgab, hat auf diese Menschen von heute keinerlei Wirkung mehr. Die Metaphysik der Mutterschaft, die man ehemals lehrte, ist als eine etwas verlogene Sentimentalisierung erkannt. Daß die Frau, die Kinder haben will, solche nur in einer Ehe gebären und aufziehen könne, das glaubt heute niemand mehr, außer dort, wo man das kurze Weiberhaar für eine Sünde und den Zopf für das Symbol der Keuschheit hält. Aber wir können von Sitten, Bräuchen und Anschauungen dieser Zeit sprechend und als charakteristisch für diese Zeit uns nur an das halten, was die große Stadt auf ihrem Asphalt hervorbringt, nicht das Dorf auf seinem Weideplatz. Dorthin wird heute gerade das Vorgestrige gedrungen sein, das Abgelegte, das Abgestorbene. Wie man aus den lächerlichen Filmstücken wahrnehmen kann, die für die Anschauungen dieser Gegenden hergestellt werden. Dort mag »das Kind der Sünde« noch etwas bedeuten, sonst nirgendswo. Und selbst dort wird sich heute ein Zuschauer sagen, daß die Sünde eigentlich ganz lustig war.

Das Problematische jeder Ehe, bei deren Zustandekommen wenn auch noch so mäßige Liebesgefühle eine Rolle gespielt haben, liegt darin, daß in dieser Ehe das, was man die geistige Liebe nennt, die Kameradschaftlichkeit, die Freundschaft wohl wachsen kann, aber das, was man die physische Liebe nennt, sich mindert und das sexuelle Interesse, das man für einander hatte, abnimmt bis zum Erlöschen. Für diese Minderung und dieses Erlöschen gibt es Auswege außerhalb der Ehe, und ein Zeitalter wie das unsere, das dem Sexuellen nicht mehr wie die Generation vor dreißig Jahren diese tragische Maske gibt und dem das Genitale nicht schlechthin schon das Passionelle ist, wird, kommt es aus Not zu diesen Auswegen außerhalb der Ehe, diese Ehe noch nicht für erschüttert oder gar für verloren halten. Wohl aber, wenn sich herausstellt, daß aus dieser ehelichen Gemeinschaft nicht die erhoffte spirituelle Liebe sich bildete und wuchs, die an tausend Zeichen erkennbar ist und sich in tausend Zeichen merkbar macht. Gegen dieses Fehlende werden alle Versuche nichts nützen, die das Paar in der Variation des sexuellen Vergnügens anstellt, denn solches ist mit jeder Frau und nicht nur mit dieser, mit jedem Manne und nicht nur mit diesem erreichbar. Ja es werden solche Versuche im Sexuellen den letzten Keim einer erwarteten und für das eheliche Zusammensein notwendigen spirituellen Liebe zerstören. Die Gleichgültigkeit des Mannes gegenüber dem bestimmten Anlaß seines sexuellen Funktionierens ist weit größer als die respektiven Gattinnen meist annehmen. Er hat wenig Neigung, dem Falle eine besondere Auszeichnung zu geben. Wenn ihm die Frau zu nichts sonst gut ist als dazu, wird sie vergeblich eine wichtige Rolle in seinem Leben zu spielen versuchen. Sie wird immer nur eine unter vielen und allen Frauen sein. Und es wird der Augenblick kommen, wo ihm das höchst bewußt wird, und dies wird der kritische Augenblick sein, wo er an die Scheidung denkt. Er sieht den Aufwand einer Ehe nicht ein, aus der er nicht mehr hat als das sexuelle Vergnügen, auch ohne Ehe jederzeit und leicht zu finden.

 

§ 8

Vor etwa dreißig Jahren kam eine Formel auf: Des Weibes Inhalt ist der Mann. Kleine Sinne, die sich langweilten, ließen sich verlocken. Alles was sonst Inhalt war – nicht viel – wurde entfernt und der leere Raum für den Mann geschaffen, daß er ihn ausfülle. Aber er dachte gar nicht daran, und jene Frauen kamen in eine kritische Situation, in der sie sich mit der kritischen Bemerkung zu behaupten suchten: »Es gibt keine Männer mehr.« Und da alle menschlichen Werte nicht von jenen sozial bestimmt werden, die sie naiv besitzen, sondern von den anderen und mehreren, die sie sentimentalisch beanspruchen, bekam das Wort, daß es keine Männer mehr gibt, denselben öffentlichen Kurs wie das andere von des Weibes Inhalt. Da war eine alte Dame, die das Lob der früheren Männer sang und auf die Frage, ob die Männer damals andere Nasen hatten, antwortete: »Nein, aber man trug sie anders.« Das war eine alte Dame, hatte keinen Titel mehr in dieser Angelegenheit, die für sie eben nicht anders zu erledigen war. Aber die jungen Frauen von heute sollen sich nicht täuschen. Einmal nicht darüber, daß das Verlangen nach dem Mannesinhalt nicht nur kein Beweis, sondern meistens das Gegenteil dessen ist, was man das Talent zum Manne nennt. Die es haben, leben ohne Wunsch und Formel ein Leben, das sie anders kaum denken können. Es gibt sehr wenig solche Frauen: sie finden ohne zu suchen die wenigen Männer, die auf der Höhe ihrer eigenen Art stehen, und machen kein weiteres Wesen daraus. Wer tapfer ist, der beschäftigt sich nicht damit, eine Definition der Tapferkeit zu suchen. Und weiter: schlecht geweckte und gereizte Sinne sind noch keine starken Sinne deshalb, weil ihre Präsenz sich abhebt. Und schließlich: des Lebens Inhalt ist keineswegs die Liebe. Sie mag es für wenige Menschen sein, für die Mehrzahl ist es Arbeit und Dummheit und irgendwo darein versteckt etwas, das man, um sich ein Sonntagsvergnügen zu machen, Liebe nennt, die aber eine Ausnahmeerscheinung ist wie die Kunst und ein Überfluß wie sie. Die Menschen nennen ihre mehr oder weniger geglückten Begattungsversuche Liebe und sich selber Liebende. Der Seiltänzer nennt, was er treibt, eine Kunst und sich einen Künstler. Begreifliche Sublimierungen. Man zwinge, was sich ein Liebespaar nennt, sechsunddreißig Stunden ununterbrochen in einem Bett zu verbringen: es gibt keine härtere Strafe für jene, die sagen, die Liebe sei der Sinn der Welt. Denn sie ist nur eine der Arten – die schmerzlichste –, in denen sich das Leben verbraucht; aber sie rechtfertigt sich als Sinn des Lebens nur dann, wenn sie dieses Leben ganz und gar verbraucht: ein sehr seltenes Schauspiel, daß ein Teil stärker ist als das Ganze. Denn das Ganze, das ist das Leben, und das hat keinen anderen Sinn als sich selber: leben um zu leben.

Was sie ist, nein, das kann man nicht sagen; aber was die Liebe nicht ist, das kann man sagen: sie ist weder dieses – nicht etwas komische? – Bedürfnis nach der Kopulation, und nicht dieser üble Selbstmordversuch, wie man die gewöhnliche Wollust – den Anfall – nennen kann; und ganz bestimmt ist sie nicht dieses große, schlecht verschnürte Paket Sentimentalitäten, das einem die Frauen oft als ihre »Liebe« in die Arme legen und das man mit Grimassen der Verzweiflung nur so lange trägt als es die Höflichkeit verlangt. Wenn Frauen schon keine lebhaften Sinne haben und keinen Leichtsinn des Geistes, der die Sinne in den Frauen ins Gleichgewicht bringt, so sollen sie um Gottes willen nicht die »Gefühle« diesen Mangel ersetzen lassen. Denn nichts ist so stumpf und leer und tot in der Liebe wie »das Herz«. Man muß es bis zum Zerbrechen verschweigen können. Aber von der mehreren Liebe hat Herr de la Rochefoucauld recht, der sagt: Die Liebe ist das einzige Mittel, die Frauen zu bekommen, welche für Geld nicht zu haben sind.

Aus im einzelnen nicht feststellbaren Ursachen hat sich in dieser Attitüde der Frau dem Manne gegenüber ein radikaler Wandel vollzogen. Gewiß: es denkt heute das Mädchen im Beruf, daß es ihr Damenideal nur erreichen kann durch die Mittel, die ein Mann ihr dafür zur Verfügung stellt. Die sogenannte Emanzipation, welche Scharen von Frauen in den selbständigen Erwerb losließ, hat auch das Damenideal verbreitet, aber ohne die hinreichenden Mittel dafür, es zu erreichen, außer mit Hilfe des reichen Freundes. So ist der Mann Inhalt all dieser freigelassenen Mädchen, welche die Fahnen der Befreiung schwenkten, geblieben. Nur die Schwierigkeiten, ihn, diesen Freund, wirklich zu machen, sind außerordentlich gewachsen. Was man ein Verhältnis nennt, ist für den Mann ein Minotaurus, der die sieben Tage der Woche verschlingt. Und seine Zeit ist so kostbar wie sein Geld geworden. Und der Erwerb dieses Geldes weit aufregender als die Eroberung einer Frau. So zieht er dem Verhältnis, das Zeit kostet, die eheliche Frau vor, die Zeit spart.

 

§ 9

Nicht die sittliche Substanz, aber ihre Wertgebungen ändern sich in den Zeiten, ohne daß wir imstande wären, die Ursachen dafür genau anzugeben. Denn diese sich ändernden Wertgebungen verfolgen keine erkennbare Linie, die auf ein erkanntes Ziel gerichtet ist, sondern laufen eher an einer Spirale. Was gestern oben, ist heute unten, was heute unten, kann morgen wieder oben sein. Man kann hier mit einigem Anstand nur beschreiben, was ist, nicht aus irgendwelchen Anschauungen fordern, was sein sollte und das, was ist, verwerfen. Wer das tut, übertreibt eine zufällige Anschauung zum Gesetz, macht aus einem Vorurteil ein Urteil, ohne für das Gesetz und das Urteil mehr einsetzen zu können als die Lebhaftigkeit seines Vortrages.

Daß die sexuelle Moral heute weit nachgiebiger und nachsichtiger geworden ist, als sie es vor dreißig, ja noch vor zwanzig Jahren war, werden da und dort darüber trauernde oder geärgerte Pastoren, Pfarrer und Staatsanwälte eben durch ihre Klage bestätigen. Aber auch dieses, daß die sittlichen Standardwerte, die sie aufstellen, mumienhaft und verstaubt, wenn auch gut gemeint sind – die Fakten dieses heutigen Lebens wissen mit ihnen nichts anzufangen und kommen mit ihnen nicht mehr zurecht. Was diese Pädagogen den Heutigen für den Kampf des Lebens in die Hand geben, sind, wie einer sagte, Gewehre, die sich nach rückwärts gegen den Träger entladen.

Gegen diese Lockerung der sexuellen Moral spricht nicht, daß sie am häufigsten von Leuten ausgeht oder praktiziert wird, die es sich, weil sie Geld und Zeit haben, leisten können. Man weiß, daß die andern, die nicht das Geld und die überflüssige Zeit dafür haben, immer diese Aufstellungen der reichen Kaste zu den ihren zu machen versuchen, soweit das möglich ist. Einmal war der Seidenstrumpf ein Privilegium, heute trägt ihn als ihr selbstverständlich zukommend jedes Ladenmädel. Selbst in Sowjetrußland ist der Versuch mit dem staatlich geförderten Proletkult mißlungen. Der Mensch schaut in seinen Aspirationen hinauf, nicht hinunter. Der radikalste Proletarier will die Dreizimmerwohnung des Kleinbürgers, dieser die Villa des Bürgers, dieser das Schloß des Adels, dieser die Krone, und die Krone bringt Gott nah.

Das Beispiel des Seidenstrumpfes möge nicht überdehnt und angenommen werden, es handele sich bei dem so radikalen Wandel in der sexuellen Moral um eine snobische Mode reicher Leute der Großstadt: wir merken diesen nur bei ihnen rascher und deutlicher als im bürgerlichen Mittelstand. Es ist dieser Wandel der sexuellen Moral ja nur eine Teilerscheinung eines viel weiter fassenden Vorganges, der kurz so beschrieben werden kann: Die ideologischen Vorstellungen der Zeit von vor dreißig Jahren liegen im Sterben und machen die letzten Versuche, durchaus geänderte Lebensverhältnisse der heutigen Menschen mit ihren Wortgebilden zu decken. Ihres alten Sinnes sind diese Wortschalen entleert und einen neuen Sinn aufzufangen und zu halten sind sie ungeeignet. Vergeblich mühen sich ihre Priester und Lobpreiser eine alte Mythologie in Glanz zu setzen und ihre Formen zu empfehlen. Die Schatten größerer Zeiten werden beschworen, damit sich diese Zeit an ihnen aufrichte, aber es bleiben Schatten und es ist die tragikomische Widerlegung solchen Versuches, daß Kinoschauspieler ihnen »Leben« geben. Nur die sogenannten nationalen Kreise, die sich weniger durch ihr politisches Programm als durch das schlechte Deutsch vorstellen, das sie reden und schreiben, nur diese wissen nicht, daß es gewitzte Judenjungen aus Budapest und Czernowitz sind, die ihnen das Nationale in so Liedern vom rheinischen Mädchen und ebensolchen Filmstücken liefern, womit sich, nur um viele Etagen tiefer, wiederholt, was Heine tat oder im Politischen der Professor Stahl, der Programmatiker des deutschen Konservativismus.

Vergeblich mahnen bischöfliche Hirtenbriefe und pastorale Rundschreiben, zu den alten Idealen der sexuellen Moral zurückzukehren. Vergeblich, denn eine Zeit, die vier Jahre lang Männermillionen aufeinander mordend losgelassen, kann es nicht mehr wichtig nehmen, daß irgendwo auf dem Lande ein Mädchen den Umstand seiner Jungfräulichkeit mit einem Pathos umgibt, als ob es sich hier um einen höchst bedeutenden sittlichen Wert für die Menschheit handele. Dieses Pathos ist ins Lächerliche gesunken, denn der heutige Mann sieht in solcher sexuellen Romantik keinerlei Garantie für eine glückliche Ehe. Es ist ja diese für den erwarteten Ehegatten aufbewahrte Jungfräulichkeit nie ein sittlicher Wert gewesen, sondern bei dem Mädchen ein höchst unzulänglicher, weil nichts als anatomischer Beweis ihrer Reinheit und beim Manne Wunsch des Schüchternen und Unfähigen, der allen Grund hatte, einen Vergleich mit andern Männern zu scheuen. Der heutige Mann verlangt, insofern er nicht ein geistig recht inferiores Wesen ist, von der Frau andere Qualitäten als diese Unberührtheit, die ihm bei einer Vierundzwanzigjährigen nur sagt, daß diese Person eine höchst geringe Erfahrung des Lebens besitzen müsse, da sie alle ihre Energien auf nichts sonst gewandt hatte als darauf, ihre Intaktheit zu bewahren. Er wird geneigt sein, solche Übertriebenheit komisch zu finden, und wird ihr ein Mädchen vorziehen, das diese Intaktheit nicht mehr besitzt, weil er sich mit diesem Mädchen rascher verständigt und besser in diese kameradschaftliche Beziehung kommt, auf die er für die Ehe einen weit größeren Wert legt als auf den sexuellen Sentimentalismus eines Geschöpfes, das aus diesem fiktiven Kapitel ihrer Jungfernschaft eine hundertprozentige Verzinsung schlagen will.

Unsere bisherige Zivilisation hatte als eines ihrer Fundamente die Virginität der Braut. Man legte Wert darauf, eine Vestalin zu heiraten, wenigstens dem anatomischen Befund nach. Diese Zivilisation ist im Abbruch. Ein Zeichen dafür ist, daß sich der Mann nichts mehr aus der Vestalin macht. Das ruft die Verteidiger der alten Zivilisation auf die Zinnen. Aber die Mauern schwanken.

 

§ 10

Was die Tugendhaftigkeit der Frau betrifft, so war sie bei dem flüchtigen Interesse, das der Mann am Sexuellen nur nimmt, nie ein wichtiges Stück seines sittlich-sentimentalen Repertoires. Wenn er auch aus Nachgiebigkeit so getan hat, als ob sie ihm so wichtig wäre wie die häuslich brauchbaren Eigenschaften seiner Frau. Mindestens in seinem schlechten Gewissen wußte er ja, daß er der Untugend einer Frau mehr Vergnügen verdankt als ihrer Tugendhaftigkeit, und nur von seiner Ehegattin mit Steinen versorgt warf er sie auf die Frau mit Seitensprüngen. Denn die Achterklärung der Untugendhaften ging primär nicht vom Manne, sondern von der Gattin aus, die in jener andern, die auch meist hübscher war und sein mußte, um eben in Untugend zu fallen, die Rivalin fürchtete und keine Mühe scheute, sie sozial zugrunde zu richten. Diese Angst vor der Rivalin, die den Gatten verführen könnte, brachte, wie man weiß, selbst eine nichts als hübsche, aber tugendhafte Frau in die Gefahr, als eine Untugendhafte verschrien zu werden: bloß weil sie hübsch war und sich entsprechend kleidete, traute man es ihr zu, von ihrer Hübschheit einen Gebrauch zu machen, der den Ehegatten in Gefahr brachte. Es war vor dreißig Jahren weit schwieriger, als hübsche Frau für eine anständige Frau zu gelten als es zu sein. Auch hier hat sich die Zeit geändert.

In den Theaterstücken ist nicht mehr die alte Jungfer komische Figur, sondern die junge Jungfer, und nicht nur für die Männer im Parkett, sondern auch für die Frauen. Und nicht nur für die Frauen, sondern für sich selber. Ehmals war sie stolz darauf, tugendhaft zu sein. Heute geniert sie sich dessen. Schon als Backfisch. Dieser Glaubenssatz der alten Mythologie unserer Zivilisation ist in der neuen sich bildenden als ein Aberglaube entlarvt worden. Eine unendliche Zahl vor dreißig Jahren ernstgemeinter und ernstgenommener Stücke um die tugendhafte Heldin ist ins Belachte gesunken, und nur der Respekt vor einem Namen hindert es noch, daß man es bei einigen Stücken von Ibsen nicht tut oder noch nicht. Das »darüber kommt kein Mann hinweg« des Hebbelschen Tischler Anton ist heute völlig unverständlich, nachdem bereits die Frauen darüber weggekommen sind und die untugendhaft sich vergessende Tischlertochter nicht mehr verunglimpfen. Die Männer in ihrer leichtfertigeren Art sexuellen Dingen gegenüber wären ja immer darüber weggekommen, wenn sich die Frauen, die Untugend zu fürchten Grund hatten, nicht dazwischen gestellt und den Mann eingeschüchtert hätten. Diese Frauen wußten, daß die Untugendhafte mit den Männern leicht fertig würde. Aber nicht mit ihnen. Frauen haben immer nur Frauen gefürchtet und tun es auch heute noch, nie Männer.

Die vier Jahre Krieg haben den Prozeß der Umbildung unserer sexual-moralischen Anschauungen nicht verursacht, aber beschleunigt. Die Verteidiger der alten Mythologie der Worte ohne Inhalt versuchen vergeblich, diese Änderung als nichts denn eine Nachkriegserscheinung der Verwilderung zu erklären, die vorübergehen werde, wenn man nur recht auf sie höre und tue was sie sagen. Die Hilflosigkeit dieser Prediger offenbart sich in den von ihnen empfohlenen Heilmitteln, nicht nur in denen des langen Rockes, der so ungemein Sexuelles wie die weiblichen Unterschenkel verberge, oder des langen Haares, wobei sie ganz vergessen, daß eben dieses lange Haar einen vielbesungenen erotischen Reiz besaß, den der pathologische Zopfabschneider zu würdigen wußte. Sondern auch in solchen Mitteln wie Trennung der Schulkinder nach Geschlecht und Religion, Verbot des gemeinsamen Badens, des Tanzens, des einfachsten Unterrichtes über die sexuellen Dinge. Das alles zeigt in seiner Kümmerlichkeit das Vergebliche solcher Bemühungen, eine sexuelle Moral von Gestern zu retten gegen die eine andere Moral von Heute bedingenden Fakten des Lebens, die es nicht mehr dulden, daß Angelegenheiten des Geschlechtlichen mit einem überbetonenden Pathos traktiert und mit einem romantischen Sentimentalismus garniert werden, der weit eher einem phallischen Kult entspricht als eine natürliche Dezenz diesen Dingen gegenüber ausdrückt.

Wenn das Predigen einer Moral irgendeine ändernde Wirkung auf die Menschen ausübte, dann müßte solches der seit neunzehn Jahrhunderten mit höchster Autorität predigenden Kirche gelungen sein. Niemand wird aber behaupten wollen oder gar beweisen können, daß der Mensch des Jahres 1928 auch nur um einen Haarstrich sittlicher sei oder lebe als der Mensch des Jahres 1. Es bedeutet keinen sittlichen Fortschritt, daß er heute nicht mehr wie ehemals Kriegsgefangene umbringt oder verstümmelt, sondern nach einem Übereinkommen austauscht, weil er an künftige Kriege denkt, für die man wieder Menschen braucht, oder bloß weil er heute etwas weichlicher geworden ist als man es um das Jahr 700 in Byzanz war, oder weil er praktischer geworden ist, ökonomischer. Sicher nicht sittlicher.

Beschleunigt hat der Krieg diesen Prozeß, aber nicht verursacht. Er hat längst vorbereitete innere Vorgänge nach außen entbunden. Er hat das Nichtige dieser Tragödien des »Fehltrittes« enthüllt. Wenn Väter und Söhne zu zehntausenden in Blut und Dreck verreckten, konnte sich vor solchem tragischen Pathos des Geschehens nicht mehr das tragisch genommene Pathos einer Tochter behaupten, die ihre Jungfernschaft verloren hatte und nicht an einen Gatten. Was sollte da ein Fluch auf Stelzen? Was das Hinausstoßen in Nacht und Wind mitsamt dem Kind der Sünde? Was die alte Behauptung, daß dieser Fehltritt ins Verderben führe? Es war ja nicht wahr. Er machte meist eine solche Jungfernmutter nur verständiger und gütiger, menschlicher und schöner. Und nur dort wird aus dem Unfall ein im Wasser endendes Trauerspiel, wo man ein solches Mädchen vor die Götterbilder der alten Mythologie schleppt und davor zerbricht. Aber diese immer seltener werdenden Trauerspiele agieren sich vor einer ihrem Verständnis immer mehr entwachsenden Welt, ebenso wie jene andern, wo eine Gattin »aus Eifersucht« ihren Mann erschießt und sich damit für eine Heldin der Liebe hält, wo sie im günstigsten Fall nur deren Närrin ist.

 

§ 11

Man spricht heute von einer sexuellen Not unserer Jugend. Aber man drückt sich mit dieser Bezeichnung falsch und mißverständlich aus. Eine sexuelle Not erlitt die Jugend derer, die heute fünfzig sind und für ihre sexuellen Beschwerden damals, als sie achtzehn waren, nirgend anderswo Erleichterung finden konnten als bei den Prostituierten. Aber in einem litt diese Jugend von damals nicht Not: in der stürmischen Romantik ihres Liebesgefühles zu einem meist aus der Ferne verehrten weiblichen Wesen, das meist um einige Jahre älter es sich zuweilen gefallen ließ, so angeschwärmt zu werden, zuweilen dem jugendlichen Schwärmer das Herz verwundete, indem sie ihn auslachte. Not litt diese Jugend von damals, daß sie solche Hochgefühle im Busen hegend sich für ihres Leibes Qualen einer Prostituierten überlassen mußte. Man empfand das als äußerst erniedrigend und übertäubte seinen Schmerz mit zynischen Redensarten und bezahlte seine körperliche Lust mit der Angst vor Erkrankung.

Man kann nicht von einer sexuellen Not der heutigen Jugend reden, denn die Gelegenheit, diese Not zu brechen, bietet sich ohne Schwierigkeiten jeder und jedem jungen Menschen in Fülle. Aber es ist diese leichte Bereitschaft vielleicht die Ursache einer Not, nur nicht der sexuellen. Es ist eine Not des Gefühles, das in dem so ungemein erleichterten sexuellen Zusammenfinden keine Zeit hat, sich zu bilden, weder vorher im Werben, noch nachher im Dienen. Der Sexualvorgang hat sein Pathos verloren, aber nicht seine Wichtigkeit als ein gesuchtes Vergnügen der Sinne. Die leichte und vielgeübte Möglichkeit des Partner-Wechsels hat den sexuellen Akt nicht geradezu bagatellisiert, aber auf nichts als seine funktionelle Bedeutung heruntergebracht. Und spricht man darüber, so geschieht es nicht ohne ein bißchen reaktive Komik gegen den früheren falschen Todernst, mit dem man diese Sache traktierte. Diese heutige Jugend sucht und mit geringer Begabung dafür, denn sie ist unromantisch, die Liebe und findet allzu rasch das nichts als Sexuelle. Dem sie, da sie eben jung und wenig differenziert ist, auch rasch erliegt als einem nichts als Generellen und gar nicht Individuellen. Sie erlebt nur die physikalischen, aber nicht die spirituellen Erschütterungen, aus der Leichtigkeit, sich die ersteren zu verschaffen und aus einer geringen spirituellen Veranlagung, wie sie ein Zeitalter auszeichnet, das im Chauffeur, im Boxer, im Rennfahrer einen Helden verehrt und den Menschen nur als Anhängsel einer Fortbewegungsmaschine bewundert. Diese Jugend liest weit weniger Gedichte als Sportzeitungen. Sie agiert sexuell ohne seelischen Gewinn. Sie agiert sexuell mit seelischem Verlust. Das ist ihre Not. Sie hat, und ganz richtig so, diesen stupiden grimmigen Ernst, der früher das Sexuelle als eine tragische und gar nicht ein bißchen humoristisch tingierte Sache behandelte, abgelegt, denn er entsprach in keiner Weise mehr dem, was sich nun ohne Schwierigkeiten und Geheimtuerei vollzieht. Was man heute einsetzt, ein junges Mädchen zum Vergnügen bereit zu finden, ist zu geringfügig, als daß man darüber auch nur ein bißchen ernst zu sein brauchte. Es bedarf keinerlei großer Veranstaltungen und Vorbereitungen, die einem den simplen Vorgang so wichtig und bedeutend erscheinen lassen, daß man dafür große pathetische Vokabeln aufwendet, rollende Augen, entlastende Seufzer. Die Sache ist weder mit Schrecken noch mit Grauen verbunden. Man betritt sie nicht mit angstvoll geschlossenen Augen und bebendem Herzen und mit der Vorstellung, daß sich nun ein überaus Bedeutendes vollziehe, das dem Leben seinen großen Stempel aufdrücke und über Glück und Unglück entscheide. Diese Erkenntnis, daß das sexuelle Vergnügen nicht mehr bedeute als andere Vergnügen auch, ging von den Männern aus und kam von ihnen auch auf die Frauen. Man neigt dazu, heute dieses Vergnügen als das zu finden, was es ist: ein bißchen trivial. Man behält die Augen offen, verliert nicht den Verstand darüber und läßt es nicht über seine natürlichen Grenzen treten. Dies ist die Haltung der Dreißigjährigen und ihrer Frauen oder Freundinnen.

Es ist möglich, daß die heutige Jugend, welche diese Haltung zum Sexuellen einzunehmen sucht, nicht völlig darin ihr Genügen findet, denn sie verlangt einige Verständigkeit, welche eben diese Jugend nicht besitzt, einmal aus Jugend und dann aus heutiger Jugend. Die Distanzierung des Sexuellen durch das Komische, welche die Dreißigjährigen üben, wird von der zwanzigjährigen Jugend versucht als eine zynische Distanzierung sich nur äußern können, und diese Jugend wird darunter als einer ihr unnatürlichen Affektation leiden. Sie wird ein Gefühl erwarten und suchen und ein Vakuum finden. Aber vielleicht ist es die Not dieser heutigen Jugend, daß die Älteren dieses Wort für sie erfunden haben, und die ganz Alten, weil sie mit dieser Jugend nicht zurechtkommen. Vielleicht wäre es besser, sich weit weniger um sie zu kümmern, als man es tut. Der Zwanzigjährige wird ein Wähler und beginnt mit sechzehn Jahren die Beute der Partei-Einpeitscher zu werden. Die Alten, die mit ihrer Welt oder besser gesagt mit den Mythen nicht mehr zurecht kommen, die sie ihr immer noch applizieren, erwarten von der Jugend das, was sie die Rettung nennen. Eine ganz konfuse Meinung von der Bedeutung der Generationen erwartet von der »jungen Generation« das Wunder eines Genies in den Künsten und verkündet es auch alle Augenblicke als eingetroffen, wenigstens in den Reklamenotizen des Verlegers, der so eine Äußerung der heutigen Jugend in Druck gegeben hat. Man hat scheint es vergessen, daß alle diese alten Schöpse und Nullen, die wir kennen, einmal zwanzig Jahre alt waren und schon damals nichts versäumten, sich als rechte Schöpse und Nullen auszubilden. Nie hatte eine Jugend wie diese, die zur Zeit des Versailler Friedens zehn Jahre alt war, weniger zu sagen, denn nie hatte eine weniger individuell erlebt. Das Bewußtsein höchster Verantwortung läßt die Vierzigjährigen verstummen oder nur sehr zögernd sich äußern, aber von den Zwanzigjährigen erwarten die absoluten Kapitulanten des Lebens die Lösung in außerordentlichen Werken. Wie eine ihr zukommende Sportsleistung. Aber das sagt nichts über die Jugend, sondern nur, daß die Alten verzichtet haben.

 

§ 12

Die sexuelle Not ist, daß keine mehr da ist. Und daß die Stelle, die bis vorgestern Sentiments und Romantizismen des Sexuellen einnahmen, leer wurde. Und daß man, ein bißchen immer noch in der alten Gewöhnung, sich anstrengt, aus dem Sexuellen so etwas wie Gefühle abzuleiten und daß diese sich nicht einstellen wollen. Das sexuelle Faktum ist auffallend isoliert und enthüllt seine Unergiebigkeit, was das geistige und seelische, das gemeinschaftliche und kameradliche Leben anbetrifft. Was man früher vom Sexuellen abgeleitet hat, das gibt es in seiner reduzierten Position nicht mehr her. Die Versuche, es ihm wieder zuzuführen, versagen. Denn noch leben ja die sublimierten Formen des Sexuellen im Liebesspiel weiter. Noch gibt es den Flirt und die Koketterie, noch die Eitelkeit und noch die Eifersucht, noch das nichts als Frivole und die Leidenschaft, die Lust des Treffens und das Leid des Scheidens und alle diese vielen Derivate des Sexuellen und seines Kultes, der in Wahrheit ein phallozentrischer war, aber immer deutlicher an die Peripherie des Daseins rückend seine schwelende Mystik verliert und in der größeren Helle neue Ausdrucksformen sucht. Selbst die ernstesten Sexualredner, die Homosexuellen, die uns früher mit dem Pathos ihrer Andersheit so langweilten, bestreiten das wenige, was ihnen an phallischem Pathos noch geblieben ist, aus dem Umstand, daß sich eine heutige Gesetzgebung noch immer an das »Mehret euch« eines kleinen jüdischen Volksstammes in Palästina hält und als Sodomiten altbiblischen Stiles jene bestraft, die anders ejakulieren als in den empfangenden Schoß eines Weibes. Aber schon löst sich auch in diesen Kreisen alles in ein Spiel mit zum Scherz vertauschten Kleidern auf, keucht nicht mehr vor dem Gartengott, sondern dreht ihm eine Nase.

Mit dem sexuellen Pathos geht es zu Ende. Etwas übertrieben vielleicht setzt sich die sexuelle Komik dagegen als die letzte Plänklerschar der Zerstörung. Bald werden es auch die späten Ehepaare, die bei dem holländischen Arzt nachgelernt haben, merken, daß da vielleicht Vergnügen, aber nicht das Glück der Ehe zu holen ist.

Und wie oft ist es schon ein Vergnügen?

 

§ 13

Alle die zwischen den Paaren schleichenden Worte seien zu einem Berge gehäuft – wir wollen sie verbrennen!

Wir wollen nichts als gut bewegte Tierheit zueinander sein in dieser Sache, ich Mann und du Weib, und wir wollen im Augenblick die Ewigkeit innehaben und ahnden, die Gottes ist, nicht aber bedenken das Morgen und Übermorgen und nicht drei Jahre oder fünf oder alle bis zum Hinsinken im Sterben.

Ich weiß deinen Namen nicht, du nicht den meinen; aber ein Blick ließ uns wissen, daß ich dich lüste und daß du mich lüstest, und so und darin soll es sich vollenden.

Und darnach soll Flucht voreinander sein. Ja, in einem Blicke schuf es sich, und im Ersterben dieses Blickes soll es sterben: dieses ist die paarende Liebe und ihr Gebot. Alles andere aber ist armseligen Lebens zweckhaftes Bedenken und dumme Lüge, ist sozial.

Wir treffen einander im Begehren; wir scheiden voneinander, wenn das Begehren erfüllt ist –: so nur fühlen wir die Unsterblichkeit und Sicherheit des Tieres und wissen im leichten Schauder die Sterblichkeit und Unsicherheit des Menschenleibes.

Wir wollen uns alle Wiederkehr schenken, Frau; denn in der Zeit vom ersten Sehen zum Wiedersehen, in dieser Pause unserer Tierheit, haben wir alles zwischen uns schon sozial verlogen und verdorben und sind die gleichen nicht mehr beim anderen Male, sondern Schauspieler des ersten Males. Einmal: das ist die Ewigkeit – ein anderes Mal aus Wort verpflichtet, versprochen, verschleppt: das zerstört die Ewigkeit in Tage und meßbare Zeiten.

Sieh, die Gottnähe dieses einen Augenblickes, der uns Ewigkeit ist, verträgt nicht, daß ihm die endliche Zeit unserer Lebensjahre aufgebürdet wird – so kann die schwere Faust des Ringers ein kleines Zerbrechliches nicht halten und tragen – dieses Augenblickes Ewigkeit ist nicht aufzuteilen in Kalenderzeiten, in Schwangerschaftsmonate und Ehelichkeiten. Dieses Augenblickes stumme Zwiesprach hat keine Worte für ein Nachher, wie sie keine für das Vorher hatte. Die Blitzflamme lohe auf, versinke: so nur! Kein Herdfeuer, ich bitte dich!

Ich Mann will mit dir Frau keine andere Liebesgemeinschaft haben als diese des Augenblicks, und ich fliehe zurück in meine gern einsame Höhle zu meiner herrlichen herrischen Alleinheit, und dahin will ich, wenn es viel ist, ein Erinnern, ein kleines Lächeln des Erinnerns gerade noch mitnehmen.

Aber nicht deinen Namen, nicht deine Zukunft, nicht dein Woher und Wohin, nicht die Geschichten aus deiner Kinderzeit, nicht die Geschichten mit deinen früheren Liebhabern. Denn ich will nichts aus deinem Munde wissen, was nicht Seufzer oder Stöhnen ist oder Schrei.

Stumm die Wahl, stumm die Trennung. Unser Aneinanderprall hatte nicht menschliche Worte, hatte göttlichen Wahnes Stammeln und Laute vom Tier.

Versprich mir nichts, denn ich verspreche dir nichts im Tausche. Wir haben keine Zeit gemeinsam vor uns, worin Versprochenes gehalten werden soll, keine Zeit, die wir nicht mit sinnlosen Gesten und tauben Worten erschlagen müßten. Wie die Lust erlosch, um ewig zu leben, steh' ich zum Aufbruch gerüstet, wende den Kopf nur einmal noch, nur um zu sehen, daß ich weggehe von dir.

Ich kam, ich gehe. Kam einmal, gehe für immer. Die Welt ist voller Frauen, und du sagst, du bist die einzige? Die Welt ist voller Männer, und du sagst, ich sei der einzige? Sieh doch, wie wir bei solchem Gespräch Tee trinken! Sieh doch, wie wir die Augen verdrehen, nachmachen, was uns vorhin agonisch die Augen schließen und öffnen ließ! Nein, du, wir wollen kein Nest bauen, das einer Umarmung Tage und Nächte überdauert. Wir wollen aus unserer einmaligen Sache keine Notdurft armseligen Lebens machen. Wir wollen kein Verhältnis anfangen, kein solches und kein anderes, und wollen dem Staate keinen ehelichen Gefallen erweisen, indem wir die Liebe in der Lüge zur Fäule bringen. Wir blanke Tiere wollen keine Zucht- und keine Haustiere werden. Und wollen aus unserer blanken schönen Tierheit auch nichts heraustifteln, weder Tiefsinn noch Leichtsinn, weder das Brave noch das Frivole. Wir wollen die Sache des Liebens ganz bei sich selber lassen und sie nicht, o Ekel, durch unseren Geist ziehen und den verunreinen und wollen darauf nicht unser Werk stellen.

Dieser Griff um deine feste Hüfte – alle Gottheit in meiner Hand! Aber Unzucht macht aus dem Griffe jedes Wort, das wir reden, wenn es die Hand nicht mehr reißt, sich um deine Brust zu legen, geformt unter dem Becher des Königs von Thule.

Wir wollen, mein Gott, nicht mit der Achtmonatlichen eingehängt und würdig spazieren und mit dem dummen Stolze zeigen, daß wir dies und das miteinander gemacht haben in eines Augenblicks magischer Herrlichkeit!

Allein sein! Ihr Frauenvolk müßt das Alleinseinmüssen und Alleinseinkönnen von uns Männern lernen. Wir haben nicht die geringste Anlage dazu, euer Leben mit allerlei Gefühlen und Bräuchen auszufüllen und »euer Mann« zu sein. Wir sind uns des Lächerlichen, das wir bekommen, bewußt, wenn ihr in uns verliebt seid – so sehr sind wir alleinsüchtig!

Glaubt es mir, wir betrügen euch furchtbar in all den Zeiten der Pause, wo ihr die zerzausten Federn richtet für den nächsten Sprung des Hahnes. Ihr solltet die Grimassen sehen, die wir über eure Schulter weg schneiden, wenn ihr diesen Kuß der Versicherung wollt, daß wir euch noch immer und trotzdem und ewig lieben werden – wir denken gar nicht daran!

Lernt die Reinheit von uns, ohne die wir nicht leben können. Lernt die Wehr, damit ihr zur Schlacht kommt. Lernt die Zucht, damit ihr zur Not kommt. Habt starke Sinne, damit sich das Faulfleisch der Worte nicht bilde. Ihr könnt euer Versagen in dem einen Augenblicke weder mit Herz noch mit Gemüt ersetzen, nicht mit Geist und nicht mit Kochen, nicht mit Kameradschaft und nicht mit Kinderbesorgen.

Macht aus dem Lieben nicht eine schleichende Krankheit oder Vokabel und lächerlicher Beziehung in Verhältnissen, Ehen und derlei.

Denn wir, du und ich, wir wollen liebend in der Sicherheit des Tieres diese Ewigkeit des Augenblickes haben, damit wir die Zeit ertragen in der Unsicherheit des Menschen.

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