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Lehrbuch der Liebe und Ehe

Franz Blei: Lehrbuch der Liebe und Ehe - Kapitel 2
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typeessay
authorFranz Blei
titleLehrbuch der Liebe und Ehe
publisherAvalun-Verlag
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Vorwort

In einem verbreiteten Buche über das Leben des sexuellen Mittelstandes und dessen heutige Leiden verschenkt der ärztliche Verfasser die Erfahrungen einer wie er sagt fast fünfzigjährigen Praxis so gut wie für nichts. Er weiß und lehrt, wie annehmlich es sei und das von ihm in Betracht gezogene Liebesleben fördernd, wenn sich die daran Beteiligten des öfteren an den sekretierenden Körperteilen etwas waschen. Oder er setzt auseinander, wie es für das Glück und vor allem auch für die Dauer einer Ehe von großer Wichtigkeit sei, die Positionen der Kopulation zu variieren, und er gibt da gleich ausführlich ein Dutzend verschiedener Positiones amoris an, alle wie er sagt höchst geeignet, das Vergnügen nicht reizlos werden zu lassen, – nicht immer ganz einfache Stellungen, aber alle doch mit einigem Fleiß und gutem Willen zu erlernen. Sagt also nach dem Abendbrot der vollbärtige Gatte zu seiner Frau Gemahlin: »Heute, Luise, wollmermal an Stellung fünf rangehn«, –

Und voll Eifer studiert die gerne willige Gattin
Was ihr der schlicht behaarte Finger zu lesen gebietet,
wie man im idyllischen Versmaß es nur sagen kann.

Nun, für solche in diesem Punkte Unglückliche und Verzweifelte ist das hier vorgelegte Buch nicht geschrieben. Es enthält weder Einschärfungen was das Waschen betrifft, noch Anweisungen über die mannigfachen Exekutionen des Beischlafes. Der Verfasser verläßt sich hier auf die gute Kinderstube seiner Leser und Leserinnen und auf ihr Ahnen, daß dem immanenten tragischen Geist der Liebe mit so komischen Einfällen der funktionellen Praxis nicht beizukommen ist. Der praktische Arzt schreibt für die Millionen, die nichts als funktionieren, aber nicht lieben. Und die ihren Untergang und ihre blöde Qual eben daraus haben, daß sie nichts als funktionierend sündigen: der Mann damit, daß er ohne Liebe eine Frau beschläft, die Frau damit, daß sie es ohne Liebe geschehen läßt, gleichgültig, ob sich das in einer Ehe vollzieht oder in dem, was man ein Verhältnis nennt, der Stunde oder einer längeren Dauer. Beziehungen, die sich nur so von Schoß zu Schoß herstellen, muß wohl das Waschen gelehrt werden. Und in der gelernten Variante ihres sogenannten Vergnügens erleben diese Paare nur rascher noch als sonst den Ekel und Widerwillen voreinander. Denn in den Sekreten und Eingeweiden können sie nie finden, was sie da suchen: Liebe. Denn diese ist nur aus dem eigenen Gefühle zu erschaffen. Sie finden höchstens Lust, die sich mindert, woran alle Variationen des körperlichen Mittels nichts ändern. Nicht an einer mangelhaft ausgebildeten Physik der geschlechtlichen Funktionen gehen diese ehelichen und anderen Paarungen zugrunde, nicht unter dem Mangel der Delikatesse und des Taktes in der Kopulation leiden sie und wäre ihnen durch Weckung solcher Delikatesse zu helfen und durch akrobatische Ausbildung, sondern sie leiden, weil sie etwas tun und tun lassen, das ohne die Adelung durch das Gefühl der Liebe nichts als gemein ist. Kein menschlicher Liebesakt kommt ohne die Phantasie zustande, und wo die Liebe dieser Phantasie nicht Bahn und Richtung weist, führt sie in die Irre des Irrsinns und der Verzweiflung. Die zunehmende Häßlichkeit der Menschen, äußere wie innere, hat darin ihren Grund, daß die Menschen sich ohne die Adelung ihres Triebes durch die Liebe paaren und ohne Liebe empfangene Kinder gebären, diese oft so unerwünschten weil nicht ausgespülten Effekte des sich Vergessens im gleichgültigen Zufall eines Schoßes oder einer Umarmung.

Es wäre falsch und sinnlos, jener absoluten ganz anarchischen Liebe das Wort zu reden, hinter welcher nichts als der Tod steht, den wir oft jene jungen Paare freiwillig sich geben sehen, weil sie »sich nicht heiraten können«. Oder weil »die Eltern dagegen« sind. Die Liebe gibt sich, um sozial möglich zu sein und sich nicht in der ihr eigentümlichen Anarchie zum Tode zu bringen, das Amalgam mit allerlei verankernden Strebungen, Gedanken, Interessen, Gefühlen. Die Liebe begibt sich, um sich zu erhalten, ihrer prädominanten exklusiven Stellung. Auch die Ehe oder jede andere Form des dauernden Zusammenseins hat hier ihren Ursprung, indem das Zusammensein das Wilde, Eigengesetzliche der Liebe lähmt, ihm den scharfen Stachel nimmt, denn man will ja leben und nicht in der Leidenschaft verbrennen. So muß also das Nest gebaut werden. So muß im Vertraulichen und Gewöhnlichen des Alltags die Liebe auf die Probe gestellt werden, die sich nicht in den Flitterwochen nach der ersten Nacht beweist, sondern in den Jahren nach dem ersten Ehejahr. Diese Regulierung des verheerenden Feuers und dessen Leitung, daß sie das Ganze einer Gemeinsamkeit durchwärme und nicht nur das nächtliche Lager erhitze: das ist die zivilisierte Form, welche die zerstörerische Leidenschaft der Liebe annehmen muß, um als Liebe bestehen zu bleiben.

Nichts ist leichter als dem sinnlichen Appetit nachzugeben: nur ein bißchen Angst ist zu überwinden; nur ein bißchen Scheu ist zu verdrängen. Das alles schafft der Körper selber zusamt der Illusion, daß es sich dabei um Liebe handle – um nach der umnachtenden Ohnmacht den aus ihr Erwachten auf die harten Klippen seines Fragens zu werfen: ist das die Liebe?

Sie ist eine Begabung wie eine andere. Und hat ihre Nachahmer und Dilettierer wie jede andere. Die Unzähligen zählen hier nicht, die sich der Liebe für fähig halten aus keinem andern Grunde, als daß sie imstande sind, zu beschlafen und sich beschlafen zu lassen. Wär es bloß das, dann hinderte uns nichts, auch von der Liebe der Schweine, der Hunde und der Schweinehunde zu reden, was nur denen einfällt, welche das Um und Auf, Wunsch und Ziel, Anfang und Ende dieser menschlichen Beziehung als die tierische Beziehung sehen, die in der Kopulation besteht. Das aber ist zu wenig und ist auch zu viel. Zu wenig, weil es diesem Vorgang nichts als das Triebhafte gibt und ihm das mystische Siegel nimmt, das er für den Menschen bedeutet. Zuviel, weil es diesem Akt mehr zu tragen aufbürdet, als er tragen kann und aus ihm ableitet, was aus ihm gar nicht ableitbar ist. Erst die Widerstände gegen den nichts als anreizenden Eros machen aus ihm den aufbauenden Eros. Was nur und gleich dem Triebe nachgibt, funktioniert wohl, aber lebt nicht in jenem Sinn, den wir Menschen dem Leben geben. Es ist aber nicht jede Menschenseele unsterblich. Nur die lebendige ist es. Nicht die im Triebleben erstorbene.

Ich habe darauf verzichtet, die Mannigfaltigkeit der Phänomene, die der Titel umschreibt, in den starren Rahmen eines Systems zu pressen. Auch die Vorliebe für einen bestimmten Gedanken in einem Theorem sich ausleben zu lassen, liegt mir fern. Ich will den Leser, den geneigten, nicht überreden. Nur zu seinen eigenen Gedanken über diese Gegenstände veranlassen. Ihn also nachdenklich machen. Auch dort, wo es anders aussieht und Urteile gefällt werden, wird der Leser deren Einschränkung auch ohne besondern Hinweis zwischen den Zeilen bemerken. Er wird auch den Ton nicht mißverstehen, in dem zuweilen Musik gemacht wird. Der Ernst eines Gegenstandes wird nicht immer nur dadurch bewiesen, daß ich mit größerem Ernst von ihm spreche und mit einer angemaßten Würdigkeit den Leser übertölpele. Ich spreche au pair zu ihm, nicht von einem Katheder oder Podium zu ihm hinunter. Ich habe nichts zu lehren, wovon ich nicht wüßte, daß ein Leser mehr und Besseres davon verstünde. Dieses Lehrbuch soll eine Konversation sein, und es sieht nur materiell so aus, als ob ich allein spräche und unwidersprochen. Man wird merken, daß ich mir selber widerspreche, nicht mit Absicht, aber aus Höflichkeit, die es aus sich nicht verträgt, in Dingen »recht zu haben«, wo es ein solches Rechthaben gar nicht geben kann. Es stehen ja nicht so einfache Gegenstände zur Entscheidung oder überhaupt zur Entscheidung wie ein Würfel oder eine Kugel, deren unterschiedliche Merkmale so deutlich sind für jedermann, daß da kein Streit von Meinungen aufkommen kann.

All das heißt aber nicht, daß ich hier den Zufall und die Willkür walten lasse. Der Kreis des zu Betrachtenden ist so weit gezogen, daß er alles Auffallende enthält, und die Ordnung ist so getroffen, daß vom Zentrum aus gegen die Peripherie hin die verkleinernde Perspektive deutlich wird. So war wenigstens die Absicht. Ob sie immer erreicht ist, hat der Leser zu entscheiden, der vom Leben verwundete Leser, der weiß, daß ein Buch keine Kur ist dafür. Und der weiß, daß wir alle an dieser Wunde sterben müssen.

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