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Legenden

Stefan Zweig: Legenden - Kapitel 2
Quellenangabe
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typelegend
authorStefan Zweig
titleLegenden
publisherS. Fischer Verlag GmbH
printrun3. Auflage: 11.-15. Tausend
isbn3100970330
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Augen des ewigen Bruders

Nicht durch Vermeidung jeder Tat wird wahrhaft man vom Tun befreit,
Nie kann man frei von allem Tun auch einen Augenblick nur sein.

Bhagavad-Gita, 3. Gesang

 

Was ist denn Tat? was ist Nichttun? – Das ist's, was Weise selbst verwirrt.
Denn achten muß man auf die Tat, achten auf unerlaubtes Tun. Muß achten auf das Nichttun auch – der Tat Wesen ist abgrundtief.

Bhagavad-Gita, 4. Gesang

 

Dieses ist die Geschichte Viratas,

den sein Volk rühmte mit den vier Namen der Tugend, von dem aber nicht geschrieben ist in den Chroniken der Herrscher noch in den Büchern der Weisen und dessen Andenken die Menschen vergaßen.

In den Jahren, ehe noch der erhabene Buddha auf Erden weilte und die Erleuchtung der Erkenntnis eingoß in seine Diener, lebte im Land der Birwagher bei einem König Rajputas ein Edler, Virata, den sie den Blitz des Schwertes nannten, weil er ein Krieger war, kühn vor allen andern, und ein Jäger, dessen Pfeile nie fehlten, dessen Lanze nie sich vergeblich schwang und dessen Arm niederfiel wie ein Donner über den Schwung seines Schwertes. Seine Stirne war hell, aufrecht standen seine Augen vor der Frage der Menschen: nie ward seine Hand gekrümmt gesehen zum bösen Knollen der Faust, nie seine Stimme gehört im Schreie des Zorns. Er diente als ein Treuer dem Könige, und seine Sklaven dienten ihm in Ehrfurcht, denn keiner war als rechtlicher gekannt an den fünf Strömungen des Flusses: vor seinem Hause beugten sich die Frommen, wenn sie vorübergingen, und die Kinder lächelten in den Stern seines Auges, wo sie ihn erblickten.

Es geschah aber, daß Unheil fiel über den König, dem er diente. Seines Weibes Bruder, den er zum Verwalter gesetzt über die Hälfte seines Reiches, gelüstete es nach der Gänze, und er hatte heimlich die besten Krieger des Königs mit Geschenken verlockt, daß sie ihm dienten. Und er hatte die Priester beredet, daß sie nächstens die heiligen Reiher des Sees ihm brachten, die ein Zeichen der Herrschaft waren seit tausend und tausend Jahren in dem Geschlecht der Birwagher. Elefanten und Reiher rüstete der Feindliche im Felde, sammelte die Unzufriedenen der Berge zu einem Kriegsheer und zog drohend gegen die Stadt. Der König ließ von morgens bis abends die kupfernen Becken schlagen und aus den weißen Hörnern von Elfenbein blasen; nachts zündeten sie Feuer auf den Türmen und warfen die zerriebenen Schuppen der Fische in die Lohe, daß sie gelb aufglühten unter den Sternen als Zeichen der Not. Aber wenige nur kamen; die Kunde vom Raube der heiligen Reiher war schwer auf die Herzen der Führer gefallen und machte sie zag: der oberste der Krieger und der Hüter der Elefanten, die bewährtesten unter den Feldherren, weilten schon im Lager des Feindes, vergebens blickte der Verlassene nach Freunden (denn er war ein harter Herr gewesen, streng im Gericht und ein grausamer Eintreiber der Fron). Und er sah keinen von den bewährten unter den Hauptleuten und keinen der Anführer des Feldes vor seinem Palaste, nur ratlose Schar von Sklaven und Knechten.

In dieser seiner Not gedachte der König Viratas, der ihm Botschaft der Treue gesandt bei dem ersten Ruf der Hörner. Er ließ die Sänfte von Ebenholz rüsten und sie hintragen vor sein Haus. Virata neigte sich zur Erde nieder, da der König der Trage entstieg, aber der König umfing ihn wie ein Flehender und bat ihn, das Heer zu führen wider den Feind. Virata neigte sich und sprach: »Ich will es tun, Herr, und nicht wiederkehren in dies Haus, ehe die Flamme des Aufruhrs erstickt ist unter dem Fuß deiner Knechte.«

Und er sammelte seine Söhne, seine Sippen und Sklaven, stieß mit ihnen zu dem Haufen der Getreuen und reihte ihn zum Kriegszuge. Den ganzen Tag wanderten sie durch das Dickicht bis zum Flusse, auf dessen anderem Ufer die Feinde in unendlicher Zahl gesammelt waren, prahlend ihrer Menge und Bäume fällend für eine Brücke, daß sie des Morgens kämen und, selbst eine Flut, das Land mit Blut überschwemmten. Aber Virata kannte von der Jagd des Tigers eine Furt oberhalb der Brücke, und als das Dunkel gesunken war, führte er Mann für Mann die Getreuen durch das Wasser, und nachts fielen sie unversehens über den schlafenden Feind. Sie schwangen Pechfackeln, daß die Elefanten und Büffel scheu wurden und die Schlafenden auf ihrer Flucht zerstampften und die Lohe weiß in die Zelte sprang. Virata aber war als erster in das Zelt des Widerkönigs gestürmt, und ehe die Schlafenden aufschreckten, hatte er schon zwei mit dem Schwerte geschlagen und den dritten, als er eben auffuhr und nach dem seinen griff. Den vierten und den fünften aber schlug er Mann wider Mann im Dunkel, dem einen die Stirn, dem andern in die noch nackte Brust. Sobald sie aber lautlos lagen, Schatten zwischen Schatten, stellte er sich quer vor den Eingang des Zeltes, jedem zu wehren, der eindringen wollte, das Zeichen des Gottes, die weißen Reiher, zu retten. Doch es kamen der Feinde nicht mehr, sie jagten hin in sinnlosem Schrecken und hinter ihnen mit Jubelschreien die siegreichen Knechte. Flucht fuhr vorüber und ward ferner und ferner. Da setzte sich Virata gequerten Knies vor das Zelt beruhigt nieder, das blutige Schwert in Händen, und wartete, bis die Gefährten wiederkämen von ihrer brennenden Jagd.

Es dauerte aber nur ein geringes, da ward Gottes Tag wach hinter dem Walde, die Palmen brannten im goldenen Rot der Frühe und funkelten wie Fackeln in den Strom. Blutig brach die Sonne auf, die feurige Wunde im Osten. Da erhob sich Virata, legte das Gewand ab, trat zum Strome, die Hände über dem Haupte erhoben, und neigte sich betend vor Gottes leuchtendem Auge; dann stieg er nieder in den Strom zur heiligen Waschung, und das Blut floß ab von seinen Händen. Nun aber das Licht in weißer Welle sein Haupt anrührte, trat er zurück an das Ufer, hüllte sich in sein Gewand und ging hellen Antlitzes wieder zum Zelte, die Taten der Nacht im Morgen zu beschauen. Schreck in den Zügen starr bewahrend, aufgesperrten Auges und zerrissener Gebärde lagen die Toten: mit gespellter Stirne der Widerkönig und mit aufgestoßener Brust der Ungetreue, der vordem Heerführer gewesen im Lande der Birwagher. Virata schloß ihnen die Augen und schritt weiter, die andern zu sehen, die er im Schlafe geschlagen. Sie lagen, noch halb verhüllt von ihren Matten, zweier Antlitz ließ ihn fremd, es waren Sklaven des Verführers aus dem Südland mit wolligem Haar und von schwarzem Gesicht. Da er aber des letzten Antlitz zu sich wandte, ward es ihm dunkel vor den Blicken, denn sein älterer Bruder Belangur, der Fürst der Gebirge, war dies, den jener zur Hilfe gezogen und den er nächtens unwissend erschlagen mit eigener Hand. Zuckend beugte er sich nieder zu des Hingekrümmten Herzen. Aber es schlug nicht mehr, starr standen die offenen Augen des Erschlagenen, und ihre schwarzen Kugeln bohrten sich ihm bis ins Herz. Da ward Viratas Atem ganz klein, und wie ein Abgestorbener saß er zwischen den Toten, abgewandten Blicks, daß nicht das starre Auge jenes, den seine Mutter vor ihm geboren, ihn anklage um seiner Tat willen.

Bald doch flog Rufen her; wie die wilden Vögel jauchzten von der Verfolgung die Knechte sich heran zum Zelt, reich bebeutet und heiteren Sinns. Da sie den Widerkönig geschlagen fanden in der Mitte der Seinen und geborgen die heiligen Reiher, tanzten sie und sprangen, küßten Virata, der achtlos zwischen ihnen saß, das niederhangende Gewand und rühmten ihn mit neuem Namen als den Blitz des Schwertes. Und immer mehr kamen, sie luden die Beute auf Karren, doch so tief sanken die Räder unter der Last, daß sie mit Dornen die Büffel schlagen mußten und die Barken zu sinken drohten. Ein Bote sprang in den Fluß und eilte voraus, Kunde dem Könige zu bringen, die andern aber säumten bei der Beute und jubelten ihres Sieges. Schweigend indes und wie ein Träumender saß Virata. Nur einmal erhob er die Stimme, als sie den Toten das Gewand rauben wollten vom Leibe. Dann stand er auf, befahl, Balken zu raffen und die Leichname auf die Scheiter zu schichten, damit sie verbrannt würden und ihre Seelen rein eingingen in die Verwandlung. Die Knechte wunderten sich, daß er so tat an Verschwörern, deren Leiber zerrissen werden sollten von den Schakalen des Walds und deren Gebeine verbleichen im Grimm der Sonne; doch sie taten nach seinem Geheiß. Als die Scheiterhaufen geschichtet waren, entzündete Virata selber die Flamme und warf Wohlgeruch und Sandel in das glimmende Holz – dann wandte er sein Antlitz und stand in Schweigen, bis die Hölzer rot stürzten und in Asche die Glut zu Boden sank.

Inzwischen hatten die Sklaven die Brücken geendigt, die gestern prahlend die Knechte des Widerkönigs begonnen, voran zogen die Krieger, gekränzt mit Pisangblüten, dann folgten die Knechte und zu Pferde die Fürsten. Virata ließ sie voran, denn ihr Singen und Schreien gellte ihm in der Seele, und als er ging, war ein Abstand zwischen jenen und ihm nach seinem Willen. In der Mitte der Brücke hielt er inne und sah lange hinab in das fließende Wasser zur Rechten und zur Linken – vor ihm aber und hinter ihm hielten, daß sie den Raum wahrten, staunend die Krieger. Und sie sahen, wie er den Arm hob mit dem Schwerte, als wollte er es schwingen wider den Himmel, doch im Sinken ließ er den Griff lässig gleiten, und das Schwert sank in die Flut. Von beiden Ufern sprangen nackte Knaben ins Wasser, um es wieder emporzutauchen, vermeinend, es sei ihm versehentlich entglitten, doch Virata wies sie strenge zurück und schritt weiter, unbewegten Gesichtes und dunkelnder Stirne, zwischen den verwunderten Knechten. Kein Wort bog mehr seine Lippe, indes sie Stunde um Stunde die gelbe Straße der Heimat entgegenzogen.

Noch waren sie ferne den Jaspistoren und zackigen Türmen Birwaghas, da stieg schon eine Wolke weiß in den Himmel, und die Wolke rollte heran, Läufer und Reiter, den Staub überjagend. Und sie hielten inne, da sie den Heerzug sahen, und breiteten Teppiche auf die Straße zum Zeichen, daß der König ihnen entgegenkäme, dessen Sohle irdischen Staub nie berührt von der Stunde der Geburt bis zum Tode, da die Flamme seinen geläuterten Leib umfängt. Und schon nahte von ferne auf dem uralten Elefanten der König, umringt von seinen Knaben. Der Elefant sank, dem Stachel gehorchend, in die Knie, und der König stieg nieder auf den gebreiteten Teppich. Virata wollte sich beugen vor seinem Herrn, aber der König schritt auf ihn zu und umfing ihn mit beiden Armen, eine Ehrung an einem Geringeren, wie sie noch nicht erhört war in der Zeit oder verzeichnet in den Büchern. Virata ließ die Reiher bringen, und als sie die weißen Flügel schlugen, brach Jubel aus, daß die Rosse sich bäumten und die Führer mit dem Stachel die Elefanten zähmen mußten. Der König umarmte, da er die Zeichen des Sieges erschaute, Virata zum andernmal und winkte einem Knechte. Der brachte das Schwert des Heldenvaters der Rajputas, das seit siebenmal siebenhundert Jahren in der Schatzkammer der Könige gelegen, ein Schwert, dessen Griff weiß war von Edelsteinen und in dessen Klinge mit goldenen Zeichen geheime Worte des Sieges geschrieben standen in der Vorväter Schrift, die selbst die Weisen nicht mehr wußten und die Priester des großen Tempels. Und der König reichte Virata das Schwert der Schwerter als die Gabe seines Dankes und zum Wahrbild, daß er von nun ab der oberste seiner Krieger sei und der Heerführer seiner Völker.

Aber Virata beugte sein Antlitz zur Erde und hub es nicht auf, indem er sagte:

»Darf ich eine Gnade erbitten von dem gnädigsten und eine Bitte von dem großmütigsten der Könige?«

Der König sah nieder zu ihm und sagte:

»Sie ist gewährt, noch ehe du dein Auge aufschlägst zu mir. Und fordertest du die Hälfte meines Reiches, so ist sie dein eigen, sobald du die Lippe rührst.«

Da sprach Virata:

»So gestatte, mein König, daß dies Schwert im Schatzhause bleibe, denn ich habe ein Gelöbnis getan in meinem Herzen, kein Schwert mehr zu fassen, seit ich heute meinen Bruder erschlug, den einzigen, der mit mir aus einem Schoß wuchs und der mit mir spielte auf meiner Mutter Händen.«

Erstaunt blickte ihn der König an. Dann sprach er: »So sei ohne Schwert der oberste meiner Krieger, damit ich mein Reich sicher wisse vor jedem Feind, denn nie hat einer der Helden besser ein Heer geführt gegen die Übermacht: nimm meinen Gurt als Zeichen der Macht und dies mein Roß, daß dich alle erkennen als höchsten meiner Krieger.«

Aber Virata beugte noch einmal sein Antlitz zur Erde und erwiderte:

»Der Unsichtbare hat mir ein Zeichen gesandt, und mein Herz hat es verstanden. Ich erschlug meinen Bruder, auf daß ich nun wisse, daß jeder, der einen Menschen erschlägt, seinen Bruder tötet. Ich kann nicht Führer sein im Kriege, denn im Schwerte ist Gewalt, und Gewalt befeindet das Recht. Wer teilhat an der Sünde der Tötung, ist selbst ein Toter. Ich aber will, daß nicht Furcht ausgehe von mir, und lieber das Brot des Bettlers essen, denn unrecht tun wider dies Zeichen, das ich erkannte. Ein kurzes ist das Leben in der ewigen Verwandlung, laß mein Teil mich leben als ein Gerechter.«

Des Königs Antlitz ward dunkel eine Weile, und solche Stille des Schreckens stand um ihn, wie vordem Fülle des Lärmes gewesen, denn noch nie ward es erhört in den Zeiten der Väter und Urväter, daß ein Freier des Königs sich gewehrt und ein Fürst ein Geschenk nicht nahm von seinem Könige. Dann aber blickte der Herrscher auf zu den heiligen Reihern, den Zeichen des Sieges, die jener erbeutet, und sein Antlitz erhellte sich von neuem, da er sagte:

»Als tapfer habe ich dich von je erkannt wider meine Feinde, Virata, und als einen Gerechten vor allen Dienern meines Reiches. Muß ich dich missen im Kriege, so will ich dich nicht entbehren in meinem Dienste. Da du Schuld kennst und Schuld wägst als ein Gerechter, sollst du der oberste meiner Richter sein und Urteil sprechen auf der Treppe meines Palastes, damit die Wahrheit gewahrt sei in meinen Mauern und das Recht gehütet im Lande.«

Virata neigte sich vor dem König und faßte sein Knie zum Zeichen des Dankes. Der König hieß ihn den Elefanten besteigen zu seiner Seite, und sie zogen ein in die sechzigtürmige Stadt, deren Jubel wider sie schlug wie ein stürmendes Meer.

 

Von der Höhe der rosenfarbenen Treppe, im Schatten des Palastes sprach nun Virata im Namen des Königs Recht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Sein Wort aber war gleich einer Waage, die lange zittert, ehe sie eine Schwere mißt; klar ging sein Blick in die Seele des Schuldigen und seine Fragen drangen in die Tiefe der Verbrechen beharrlich hinab wie ein Dachs in das Dunkel der Erde. Strenge war sein Spruch, doch nie fällte er gleichen Tages das Urteil, immer legte er die kühle Spanne der Nacht zwischen Verhör und Bannung: die langen Stunden bis Sonnenaufgang hörten ihn die Seinen dann auf dem Dache des Hauses oft ruhelos schreiten, nachsinnend über Recht und Unrecht. Ehe er aber ein Urteil sprach, tauchte er die Hände und die Stirne in das Wasser, daß sein Spruch lauter sei von der Hitze der Leidenschaft. Und immer, da er ihn gesprochen, fragte er den Missetäter, ob sein Wort ihm Irrtum dünke; doch selten nur geschah es, daß einer dawider redete; stumm küßten sie die Schwelle seines Sitzes und nahmen gesenkten Hauptes die Strafe wie von Gottes Mund.

Niemals aber sprach Viratas Mund Botschaft des Todes auch über den Schuldigsten und wehrte denen, die ihn mahnten. Denn er scheute das Blut. Den runden Brunnen der Urväter Rajputas, über dessen Rand der Henker die Häupter zum Hiebe beugte und dessen Steine schwarz waren von geronnenem Blute, wusch der Regen wieder weiß in den Jahren. Und doch ward im Lande des Unheils nicht mehr. Er verschloß die Missetäter in den felsenen Kerker oder tat sie in die Berge, wo sie Steine brechen mußten für die Mauern der Gärten, und in die Reismühlen am Flusse, wo sie die Räder mit den Elefanten drehten. Aber er ehrte das Leben, und die Menschen ehrten ihn, denn nie war ein Fehl ermessen an seinem Spruche, nie Lässigkeit in seiner Frage, nie Zorn in seinem Worte. Weit vom Lande kamen die Bauern im Wagen der Büffel mit ihrem Streit, daß er ihn schlichte, die Priester horchten seiner Rede und der König seinem Rat. Sein Ruhm wuchs, wie der junge Bambus wächst, aufrecht und hell in einer Nacht, und die Menschen vergaßen seines Namens von einst, da sie ihn als Blitz des Schwertes priesen, und nannten ihn weithin im Lande Rajputas die Quelle der Gerechtigkeit.

Im sechsten Jahre nun, da Virata Recht sprach von der Stufe des Vorhofs, geschah es, daß Kläger einen Jüngling vom Stamme der Kazaren brachten, der Wilden, die über den Felsen hausen und andern Göttern dienen. Seine Füße waren wund, so viele Tagereisen hatten sie ihn hergetrieben, und vierfach umschlangen Fesseln seine mächtigen Arme, daß er niemandem Gewalt anhaben konnte, wie es sein Auge drohend verhieß, das zornig rollte unter den verfinsterten Brauen. Sie stellten ihn an die Treppe und warfen den Gebundenen gewaltsam ins Knie vor dem Richter, dann neigten sie sich selbst und hoben die Hände zum Zeichen der Klage.

Virata sah staunend auf die Fremden: »Wer seid ihr, Brüder, die ihr von ferne kommt, und wer ist dieser, den ihr in Fesseln vor mich bringt?«

Es neigte sich der Älteste unter ihnen und sprach:

»Hirten sind wir, Herr, friedlich wohnende im östlichen Lande, dieser aber ist der Böseste des bösen Stammes, ein Untier, das mehr Menschen geschlagen, als Finger sind an seiner Hand. Ein Mann unseres Dorfes hat ihm die Tochter verweigert zum Weibe, weil jene von unfrommen Sitten sind, Hundeesser und Kuhtöter, und sie einem Kaufmann des Tales zur Gattin gegeben. Da ist er in seinem Zorne als Räuber in unsere Herde gefahren, er hat den Vater geschlagen und seine drei Söhne des Nachts, und wann immer ein Mann jenes Mannes Vieh trieb an die Grenzen des Gebirges, hat er ihn getötet. Elf aus unserem Dorfe hat er so vom Leben zum Tode gebracht, bis wir uns zusammentaten und den Bösen jagten wie ein Wild und ihn herbrachten zu dem gerechtesten aller Richter, damit du das Land erlösest von dem Gewalttäter.«

Virata hob das Antlitz dem Gefesselten entgegen:

»Ist es wahr, was jene sprechen?«

»Wer bist du? Bist du der König?«

»Ich bin Virata, sein Diener und der Diener des Rechts, da ich um Sühne sorge für Schuld und das Wahre sondere vom Falschen.«

Der Gefesselte schwieg lange. Dann gab er strengen Blick:

»Wie kannst du wissen, was wahr ist und was falsch, aus der Ferne, da dein Wissen sich nur tränkt von der Rede der Menschen!«

»Gegen ihre Rede möge deine Widerrede streiten, damit ich die Wahrheit erkenne.«

Verächtlich hob der Gefesselte die Brauen:

»Ich streite nicht mit jenen. Wie kannst du wissen, was ich tat, da ich selbst nicht weiß, was meine Hände tun, wenn Zorn über mich fällt. Ich habe recht getan an jenem, der ein Weib verkaufte um Geld, recht getan an seinen Kindern und Knechten. Mögen sie klagen wider mich. Ich verachte sie und ich verachte deinen Spruch.«

Wie ein Sturm fuhr Zorn durch die andern, da sie hörten, daß der Verstockte den gerechten Richter schmähte, und der Knecht des Gerichtes hob den dornigen Stock schon zum Schlage. Aber Virata winkte ihren Zorn nieder und wiederholte noch einmal Frage um Frage. Immer wenn ihm Antwort ward von den Klägern, fragte er von neuem den Gefesselten. Doch der preßte die Zähne in ein böses Lachen zusammen und sprach nur noch einmal:

»Wie willst du die Wahrheit wissen aus den Worten der andern?«

Die Sonne stand steil über ihren Häuptern im Mittag, da Viratas Fragen zu Ende war. Und er erhob sich und wollte, wie es sein Brauch war, heimgehen und den Spruch erst künden am nächsten Tage. Aber die Kläger hoben die Hände. »Herr«, sagten sie, »sieben Tage sind wir gewandert vor dein Antlitz, und sieben Tage heimwärts will unsere Reise. Wir können nicht warten bis morgen, denn das Vieh verdurstet ohne Tränke und der Acker will unseren Pflug. Herr, wir flehen, sprich deinen Spruch!«

Da setzte sich Virata wieder nieder auf die Stufe und sann. Sein Antlitz war gespannt wie das eines, der schwere Last trägt auf seinem Haupte, denn nie war es ihm geschehen, Urteil wider einen zu sprechen, der nicht Gnade erbat und sich wehrte im Wort. Lange sann er, und die Schatten wuchsen auf mit den Stunden. Dann trat er zum Brunnen, wusch Antlitz und Hände in der Kühle des Wassers, damit sein Wort frei sei von der Hitze der Leidenschaft, und sagte: »Möge mein Spruch gerecht sein, den ich spreche. Todschuld hat dieser auf sich geladen, elf Lebendige gejagt aus ihrem warmen Leib in die Welt der Verwandlung. Ein Jahr reift das Leben des Menschen verschlossen im Schoße der Mutter, so sei dieser für jeden, den er getötet, verschlossen ein Jahr im Dunkel der Erde. Und weil er Blut gestoßen elfmal aus der Menschen Leib, sei er elfmal des Jahres gegeißelt, bis das Blut aus ihm springe, damit er zahle mit der Zahl seiner Opfer. Seines Lebens aber sei er nicht gestraft, denn von den Göttern ist das Leben, und nicht darf der Mensch an Göttliches rühren. Möge der Spruch gerecht sein, den ich sprach keinem zu Willen als der großen Vergeltung.« Und wiederum setzte sich Virata auf die Stufe, die Kläger küßten die Treppe zum Zeichen der Ehrfurcht. Der Gefesselte aber starrte finster in des Richters Blick, der ihm fragend entgegenkam. Da sagte Virata:

»Ich habe dich gerufen, daß du mich zur Milde mahnest und mir helfest wider deine Kläger, doch deine Lippen blieben verschlossen. Ist ein Irrtum in meinem Spruch, so klage vor dem Ewigen mich nicht an, sondern dein Schweigen. Ich wollte dir milde sein.«

Der Gefesselte fuhr auf: »Ich will deine Milde nicht. Was ist deine Milde, die du gibst, gegen das Leben, das du mir nimmst in einem Atemzuge?«

»Ich nehme dir dein Leben nicht.«

»Du nimmst mir mein Leben und nimmst es grausamer, als es die Häuptlinge unseres Stammes tun, den sie den wilden nennen. Warum tötest du mich nicht? Ich habe getötet, Mann gegen Mann, du aber läßt mich einscharren wie ein Aas im Dunkel der Erde, daß ich faule an den Jahren, weil dein Herz feig ist vor dem Blute und dein Eingeweide ohne Kraft. Willkür ist dein Gesetz und Marter dein Spruch. Töte mich, denn ich habe getötet.«

»Ich habe deine Strafe gerecht gemessen ...«.

»Gerecht gemessen? Wo aber ist dein Maß, du Richter, nach dem du missest? Wer hat dich gegeißelt, daß du die Geißel kennst, wie zählst du die Jahre spielerisch an den Fingern, als ob sie ein gleiches wären, wie Stunden im Licht und die verschütteten im Dunkel der Erde? Hast du im Kerker gesessen, daß du weißt, wie viele Frühlinge du nimmst von meinen Tagen? Ein Unwissender bist du und kein Gerechter, denn nur wer ihn fühlt, weiß um den Schlag, nicht wer ihn führt; nur wer gelitten hat, darf Leid messen. Schuldige vermißt sich dein Hochmut zu strafen, und bist selbst der Schuldigste aller, denn ich habe im Zorn Leben genommen, im Zwange meiner Leidenschaft, du aber tust kalten Blutes mein Leben von mir und mißt mir ein Maß, das deine Hand nicht gewogen und dessen Wucht sie nie geprüft. Steh weg von der Stufe der Gerechtigkeit, du Richter, daß du nicht herabgleitest! Weh dem, der mißt mit dem Maße der Willkür, weh dem Unwissenden, der meint, er wisse um das Recht. Steh weg von der Stufe, unwissender Richter, und richte nicht lebendige Menschen mit dem Tode deines Wortes!«

Bleich fuhr dem Schreienden Haß vom Munde, und wieder fielen die andern zornig über ihn. Aber Virata wehrte ihnen nochmals, wandte sein Haupt vorbei von dem Wilden und sagte leise: »Ich kann den Spruch nicht zerbrechen, der auf dieser Schwelle getan wird! Möge er ein gerechter gewesen sein.«

Dann ging Virata, indes sie jenen faßten, der sich wehrte in seinen Fesseln. Aber noch einmal hielt der Richter inne und wandte sich zurück: da standen starr und böse ihm des Hingeschleppten Augen entgegen. Und mit einem Schauer fuhr es Virata ins Herz, wie ähnlich sie seines toten Bruders Augen waren in jener Stunde, da er damals von seiner eigenen Hand erschlagen lag im Zelte des Widerkönigs ...

An jenem Abend sprach Virata kein Wort mehr zu Menschen. Des Fremden Blick stak in seiner Seele wie ein brennender Pfeil. Und die Seinen hörten ihn die ganze Nacht, Stunde um Stunde, schlaflos auf dem Dache seines Hauses schreiten, bis der Morgen rot zwischen den Palmen aufbrach.

 

In dem heiligen Teiche des Tempels nahm Virata das Bad der Frühe und betete gen Osten, dann trat er wieder in sein Haus, wählte das gelbe Gewand des Festes, grüßte ernst die Seinen, die staunend und doch ohne Frage sein feierlich Tun betrachteten, und ging allein zu dem Palaste des Königs, der ihm offenstand zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. Virata neigte sich vor dem Könige und berührte den Saum seines Kleides zum Zeichen der Bitte.

Der König sah hell zu ihm nieder und sagte: »Dein Wunsch hat mein Kleid berührt. Er ist erfüllt, ehe du ihm Worte gibst, Virata.«

»Du hast mich zum obersten deiner Richter gesetzt. Sieben Jahre richte ich in deinem Namen und weiß nicht, ob ich recht gerichtet habe. Gönne mir einen Mond lang Stille, damit ich einen Weg zur Wahrheit gehe, und gönne mir, daß ich den Weg verschweige vor dir und allen andern. Ich will eine Tat tun ohne Unrecht und leben ohne Schuld.«

Der König staunte:

»Arm wird mein Reich sein an Gerechtigkeit von diesem Monde zum andern. Doch ich frage dich nicht nach deinem Wege. Möge er dich zur Wahrheit führen.«

Virata küßte die Schwelle zum Zeichen des Dankes, neigte nochmals das Haupt und ging.

Aus der Helle trat er in sein Haus, rief Weib und Kinder zusammen: »Einen runden Mond lang werdet ihr mich nicht schauen. Nehmt Abschied von mir und fraget nicht.«

Scheu blickte die Frau, fromm blickten die Söhne. Zu jedem beugte er sich und küßte ihn zwischen die Augen. »Nun geht in eure Räume, schließt euch ein, daß keiner mir nachsehe in meinen Rücken, wohin ich gehe, wenn ich aus der Türe trete. Und fraget nicht nach mir, ehe der Mond sich erneut.«

Und sie wandten sich, jeder in Schweigen.

Virata tat ab das festliche Kleid und tat ein dunkles an, betete vor den Bildnissen des tausendgestaltigen Gottes, ritzte in Palmblätter viele Schrift, die er rollte zu einem Brief. Mit dem Dunkel machte er sich dann auf aus seinem schweigenden Hause und ging zum Felsen vor der Stadt, wo die Erzgruben der Tiefe waren und die Gefängnisse. Er schlug an des Pförtners Tür, bis von der Matte der Schlafende aufstand und rief, wer ihn fordere: »Virata bin ich, der oberste der Richter. Ich bin gekommen, nach jenem zu sehen, den sie gestern brachten.«

»In der Tiefe ist er verschlossen, Herr, im untersten Raume der Dunkelheit. Soll ich dich führen, Herr?«

»Ich kenne den Raum. Gib mir den Schlüssel und lege dich zur Ruhe. Morgens wirst du den Schlüssel finden vor deiner Tür. Und schweige zu jedem, daß du mich heute gesehen.«

Der Pförtner neigte sich, brachte den Schlüssel und eine Leuchte. Virata winkte ihm, stumm trat der Dienende zurück und warf sich auf die Matte. Er aber tat das kupferne Tor auf, das die Höhlung des Felsens verschloß, und stieg nieder in die Tiefe des Kerkers.

Vor hundert Jahren schon hatten die Könige Rajputas in diese Felsen ihre Gefangenen zu verschließen begonnen, und jeder der Verschlossenen höhlte Tag für Tag tiefer den Berg hinab und schuf neue Gelasse in dem kalten Gestein für neue Knechte des Kerkers nach ihm.

Einen Blick noch warf Virata, ehe er nun die Türe zutat, nach dem aufgetanen Viereck des Himmels mit den weißen, springenden Sternen, dann schloß er die Pforte, und Dunkel schwoll ihm feucht entgegen, über das unsicher der Schein seiner Leuchte sprang wie ein suchendes Tier. Noch hörte er das weiche Rauschen des Windes in den Bäumen und die gellen Schreie der Affen: in der ersten Tiefe war aber dies nur mehr ein leises Brausen von weit, in der zweiten Tiefe stand schon Stille wie unter dem Spiegel des Meeres, reglos und kalt. Von Steinen wehte nur Feuchte und nicht mehr Duft irdischer Erde, und je tiefer er stieg, desto härter hallte sein Schritt in dem Starren der Stille.

Im fünften Gelaß, tiefer unter der Erde, als die höchsten Palmen aufgreifen zum Himmel, war des Gefangenen Zelle. Virata trat ein und hob die Leuchte wider den dunklen Klumpen, der kaum sich regte, bis Licht über ihn strich. Eine Kette klirrte.

Virata beugte sich über ihn: »Erkennst du mich?«

»Ich erkenne dich. Du bist der, den sie zum Herrn setzten über mein Schicksal und der es zertreten unter seinem Fuß.«

»Ich bin keines Herr. Ein Diener bin ich des Königs und der Gerechtigkeit. Ich bin gekommen, ihr zu dienen.«

Finster sah der Gefangene auf und starrte in des Richters Gesicht: »Was willst du von mir?«

Virata schwieg lange, dann sagte er:

»Ich habe dir wehe getan mit meinem Wort, aber auch du hast mir ein Weh getan mit deinen Worten. Ich weiß nicht, ob mein Spruch gerecht gewesen, aber eine Wahrheit war in deinem Wort: es darf keiner messen mit einem Maße, das er nicht kennt. Ein Unwissender war ich und will wissend werden. Hunderte habe ich gesandt in diese Nacht, vielen habe ich vieles getan und weiß nicht um meine Tat. Nun will ich es erfahren, will lernen, um gerecht zu sein und ohne Schuld einzugehen in die Verwandlung.«

Der Gefangene starrte noch immer. Leise klirrte die Kette.

»Ich will wissen, was ich dir zusprach, den Biß der Geißel will ich kennen am eigenen Leib und die gefesselte Zeit in meiner Seele. Für einen Mond will ich an deine Stelle treten, damit ich wisse, wieviel ich dir zugezählt an Sühne. Dann erneuere ich den Spruch von der Schwelle, wissend um seine Wucht und Schwere. Du gehe inzwischen frei. Ich will dir den Schlüssel geben, der dich ins Licht führt, und dir einen Mond lang dein Leben frei lassen, so du mir Wiederkehr gelobst – dann wird von dem Dunkel dieser Tiefe Licht sein in meinem Wissen.«

Wie Stein stand der Gefangene. Die Kette klirrte nicht mehr.

»Schwöre mir bei der unbarmherzigen Göttin der Rache, die jeden erreicht, daß du schweigst wider alle diesen Mond lang, und ich will dir den Schlüssel geben und mein eigenes Kleid. Den Schlüssel legst du vor des Pförtners Gelaß und gehst frei. Doch mit deinem Eide bleibst du gebunden vor dem tausendförmigen Gotte, daß du nach des Mondes Umkreis dieses Schreiben hinbringst dem Könige, damit ich gelöst werde und nochmals richte nach Gerechtigkeit. Schwörst du, dies zu tun, beim tausendförmigen Gotte?«

»Ich schwöre« – wie aus der Tiefe der Erde brach es dem Bebenden von der Lippe.

Virata löste die Kette und streifte sein eigen Kleid von der Schulter.

»Hier, nimm dies Kleid, gib mir das deine und verdecke dein Antlitz, daß kein Wächter dich erkenne. Und nun fasse dies Schermesser und schere mir Haar und Bart, daß auch ich jenen nicht kenntlich sei.«

Der Gefangene nahm das Schermesser, doch bebend sank ihm die Hand. Gebietend aber drang des andern Blick in ihn ein, und er tat, wie ihm geheißen. Lange schwieg er. Dann warf er sich hin, und schreiend sprang ihm das Wort aus dem Munde:

»Herr, ich dulde nicht, daß du leidest um meinetwillen. Ich habe getötet, habe Blut vergossen mit heißer Hand. Gerecht war dein Spruch.«

»Nicht du kannst es wägen und nicht ich, doch bald werde ich erleuchtet sein. Geh nun hin, wie du geschworen, und tritt am Tage des gerundeten Monds vor den König, daß er mich löse: dann werde ich wissend sein um die Taten, die ich tue, und mein Wort für immer ohne Unrecht. Geh!«

Der Gefangene beugte sich und küßte die Erde ...

Schwer fiel die Türe in das Dunkel, noch einmal sprang Licht von der Leuchte gegen die Wände, dann stürzte die Nacht über die Stunden.

Am nächsten Morgen wurde Virata, den niemand erkannte, auf das Feld vor die Stadt geführt und dort gegeißelt. Als ihm der zuckende Hieb zum erstenmal auf den nackten Rücken sprang, schrie Virata auf. Dann preßte er die Zähne zusammen. Bei dem siebzigsten Streich aber ward es dunkel vor seinen Sinnen, und sie trugen ihn fort wie ein totes Tier.

In der Zelle hingestreckt erwachte er wieder, und ihm war, als läge er mit dem Rücken über brennendem Feuer. Um seine Stirn aber war Kühle, Duft von wilden Kräutern sog er ein mit dem Atem: er fühlte, daß eine Hand war über seinem Haar und daß Lindes von ihr niederträufelte. Leise öffnete er den Spalt der Lider und sah: die Frau des Pförtners stand neben ihm und wusch ihm sorgend die Stirne. Und als er jetzt das Auge voll aufschlug zu ihr, strahlte der Stern des Mitleids ihm aus ihrem Blick entgegen. Und durch den Brand seines Leibes erkannte er den Sinn alles Leidens in der Gnade der Güte. Leise lächelte er auf zu ihr und spürte nicht mehr seine Qual.

Am zweiten Tage konnte er sich schon erheben und sein kaltes Geviert abtasten mit den Händen. Er fühlte, wie eine Welt neu wuchs mit jedem Schritt, den er tat, und am dritten Tage narbten die Wunden. Sinn und Kraft kehrten zurück. Nun saß er still und spürte die Stunden an den Tropfen nur, die niederfielen von der Wand und das große Schweigen teilten in viele kleine Zeiten, die still wuchsen zu Tag und Nacht, wie ein Leben aus Tausenden von Tagen selbst wieder wächst zu Mannheit und Alter. Niemand sprach auf ihn ein, Dunkel stand starr in seinem Blut, aber von innen stieg nun bunt Erinnerung in leisem Quell, floß mählich zusammen in einen ruhenden Teich der Schau, darin sein ganzes Leben gespiegelt war. Was er verteilt erlebt, rann nun in eines, und kühle Klarheit ohne Wellenschlag hielt das gereinigte Bild in der Schwebe des Herzens. Nie war sein Sinn so rein gewesen wie in diesem Gefühl reglosen Schauens in gespiegelte Welt.

Mit jedem Tage nun ward Viratas Auge heller, aus dem Dunkel hoben sich die Dinge ihm entgegen und vertrauten seinem Spüren die Formen. Und auch innen ward alles heller in gelassener Schau: die lindere Lust der Betrachtung, wunschlos hinschwellend über den Schein eines Scheines, die Erinnerung, spielte mit den Formen der Verwandlung wie die Hände des Gefesselten mit den zerstreuten Kieseln der Tiefe. Selbst sich entschwunden, reglos gebannt, unkund der Formen eigenen Wesens im Dunkel, spürte er stärker des tausendförmigen Gottes Gewalt und sich selbst hinwandern durch die Gestalten, keiner anhängend, klar gelöst von der Knechtschaft des Willens, tot im Lebendigen und lebendig im Tode ... Alle Angst der Vergängnis ging hin in sanfte Lust der Erlösung vom Leibe. Ihm war, als sänke er mit jeder Stunde tiefer ins Dunkel hinab, zu Stein und schwarzer Wurzel der Erde, und doch trächtig neuen Keims, Wurm vielleicht, dumpf wühlend in der Scholle oder Pflanze, aufstrebend mit stoßendem Schaft, oder Fels nur, kühl ruhend in seliger Unbewußtheit des Seins.

Achtzehn Nächte genoß Virata das göttliche Geheimnis hingegebenen Schauens, losgelöst von eigenem Willen und ledig des Stachels zum Leben. Seligkeit schien ihm, was er als Sühne getan, und schon fühlte er in sich Schuld und Verhängnis nur wie Traumbilder über dem ewigen Wachen des Wissens. In der neunzehnten Nacht aber fuhr er auf aus dem Schlaf: ein irdischer Gedanke hatte ihn angerührt. Wie glühende Nadel bohrte er sich ein in sein Hirn. Schreck schüttelte ihm graß seinen Leib, und die Finger zitterten an seiner Hand wie Blätter am Holze. Dies aber war der Gedanke des Schreckens: der Gefangene könnte untreu werden an seinem Schwur und ihn vergessen, und er müsse hier liegenbleiben tausend und tausend und tausend Tage, bis das Fleisch ihm von den Knochen fiele und die Zunge erstarrte im Schweigen. Noch einmal sprang der Wille zum Leben wie ein Panther auf in seinem Leibe und zerriß die Hülle: Zeit strömte ein in seine Seele und Angst und Hoffen, die Wirrnis des Menschen. Er konnte nicht mehr denken an den tausendförmigen Gott des ewigen Lebens, sondern nur an sich, seine Augen hungerten nach Licht, seine Beine, die sich scheuerten am harten Stein, wollten Weite, wollten Sprung und Lauf. An Weib und Söhne, an Haus und Habe, an die heiße Versuchung der Welt mußte er denken, die mit Sinnen getrunken wird und gefühlt mit der wachen Wärme des Blutes.

Von diesem Tage des Erinnerns schwoll die Zeit, die bisher zu seinen Füßen stumm gelegen wie ein schwarzer, spiegelnder Teich, empor in sein Denken; wie ein Strom schoß sie her, aber immer wieder wider ihn. Er wollte, daß sie ihn mitreiße und hinschwemme wie einen springenden Balken zu der erstarrten Stunde der Befreiung. Aber gegen ihn strömte sie: mit ringendem Atem quälte er, ein verzweifelter Schwimmer, ihr Stunde um Stunde ab. Und ihm war, als zögerten mit einemmal die Tropfen des Wassers an der Wand im Falle, so weit schwoll die Spanne der Zeit zwischen ihnen. Er konnte nicht mehr länger verweilen auf seinem Lager. Der Gedanke, jener würde seiner vergessen und er müsse hier faulen im Keller des Schweigens, trieb ihn wie einen Kreisel zwischen den Wänden. Die Stille würgte ihn: er schrie die Steine an mit Worten des Schimpfens und der Klage, er fluchte sich und den Göttern und dem Könige. Mit blutenden Nägeln krallte er am spottenden Felsen und rannte mit dem Schädel gegen die Türe, bis er sinnlos zu Boden fiel, um wachend wieder aufzuspringen und, eine rasende Ratte, auf und ab durch das Viereck zu rennen.

In diesen Tagen, vom achtzehnten der Abgeschiedenheit bis zum neuen Monde, durchlebte Virata Welten des Entsetzens. Ihn widerte Speise und Trank, denn Angst füllte seinen Leib. Keinen Gedanken mehr konnte er halten, nur seine Lippen zählten die Tropfen, die niederfielen, um die Zeit, die unendliche, zu zerteilen von einem Tage zum andern. Und ohne daß er es wußte, war das Haupt grau geworden über seinen hämmernden Schläfen.

Am dreißigsten Tag aber erhob sich ein Lärmen vor der Türe und fiel zurück in eine Stille. Dann hallten Schritte, auf sprang die Tür, Licht brach ein, und vor dem Begrabenen des Dunkels stand der König. Und er umfaßte ihn liebend, da er sprach: »Ich habe von deiner Tat vernommen, die größer ist als eine, die je vernommen ward in den Schriften der Väter. Wie ein Stern wird sie hoch glänzen über dem Niedern unseres Lebens. Tritt heraus, daß das Feuer Gottes dich beglänze und das Volk seligen Auges einen Gerechten schaue.«

Virata hob die Hand vor das Auge, denn das Licht stach dem Entwöhnten zu grell den Blick, und innen wogte purpurn das Blut. Wie ein Trunkener stieg er auf, und die Knechte mußten ihn stützen. Ehe er aber vor das Tor trat, sprach er:

»Du hast mich, König, einen Gerechten genannt, ich aber weiß nun, daß jeder, der Recht spricht, unrecht tut und sich anfüllt mit Schuld. Noch sind Menschen in dieser Tiefe, die leiden durch mein Wort, und nun erst weiß ich um ihr Leiden und weiß: nichts darf mit nichts vergolten werden. Laß, König, jene frei und scheuche das Volk vor meinem Schritt, denn ich schäme mich seines Rühmens.«

Der König tat einen Wink, und die Knechte scheuchten das Volk. Es war wieder Stille um sie. Dann sagte der König:

»Auf der obersten Stufe des Palastes saßest du, um Recht zu sprechen. Nun aber, da du weiser warst, als je ein Richter gewesen, durch wissendes Leiden, sollst du neben mir sitzen, daß ich deinem Worte lausche und selber wissend werde an deiner Gerechtigkeit.«

Virata aber faßte sein Knie zum Zeichen der Bitte: »Laß mich ledig sein meines Amtes! Ich kann nicht mehr wahrsprechen, seit ich weiß: keiner kann keines Richter sein. Es ist Gottes, zu strafen, und nicht der Menschen, denn wer an Schicksal rührt, fällt in Schuld. Und ich will mein Leben leben ohne Schuld.«

»So sei«, antwortete der König, »nicht Richter im Reiche, sondern Ratgeber meines Tuns, daß du mir weisest Krieg und Frieden, Steuer und Zins in Gerechtigkeit und ich nicht irre im Entschluß.«

Nochmals umfaßte Virata des Königs Knie:

»Nicht Macht gib mir, König, denn Macht reizt zur Tat, und welche Tat, mein König, ist gerecht und nicht wider ein Schicksal? Rate ich Krieg, so säe ich Tod, und was ich rede, wächst zu Taten, und jede Tat zeugt einen Sinn, den ich nicht weiß. Gerecht kann nur sein, der nicht teilhat an keines Geschick und Werk, der einsam lebt: nie war ich näher der Erkenntnis, als da ich einsam war, ohne der Menschen Wort, und nie freier von Schuld. Laß mich friedsam leben in meinem Hause, ohne andern Dienst als den des Opfers vor den Göttern, daß ich rein bleibe aller Schuld.«

»Ungern lasse ich dich«, sagte der König, »aber wer darf einem Weisen widerreden und eines Gerechten Willen verderben? Lebe nach deinem Willen, es ist Ehre meines Reiches, daß einer in seinen Grenzen lebt und wirkt ohne Schuld.«

Sie traten vor das Tor, dann ließ ihn der König. Allein ging Virata und sog die süße Luft der Sonne, leicht war ihm die Seele wie nie, da er heimging, ein Freier alles Dienstes, in sein Haus. Hinter ihm klang leise ein fliehender Tritt nackten Fußes, und als er sich wandte, war es der Verurteilte, dessen Qual er genommen. Er küßte den Staub seiner Spur, beugte sich scheu und entschwand. Da lächelte Virata seit jener Stunde, da er seines Bruders starres Auge gesehen, wieder zum erstenmal und ging froh in sein Haus.

In seinem Hause lebte Virata Tage des Lichts. Sein Erwachen war dankbares Gebet, daß er die Helle des Himmels sehen durfte statt der Finsternis, daß er Farbe und Duft der heiligen Erde spürte und die klare Musik, die im Morgen wirkt. Täglich nahm er wie ein großes Geschenk das Wunder des Atems und den Zauber der freien Glieder, fromm fühlte er den eigenen Leib, den weichen seines Weibes, den starken seiner Söhne, allüberall der Gegenwart des tausendförmigen Gottes beseligt gewahr, beflügelt die Seele von lindem Stolz, daß er nirgends über sein Leben hinaus an fremdes Schicksal griff und niemals feindlich rührte an eine der tausend Formen des unsichtbaren Gottes. Von morgens bis abends las er in den Büchern der Weisheit und übte sich in den Arten der Andacht, die da sind: das Schweigen der Versenkung, die liebende Vertiefung im Geiste, das Wohltun an den Armen und das opfernde Gebet. Sein Sinn aber war heiter geworden, milde seine Rede auch zum geringsten seiner Knechte, und die Seinen liebten ihn mehr, als sie ihn jemals geliebt. Den Armen war er ein Helfer und den Unglücklichen ein Tröster. Vieler Menschen Gebet schwebte um seinen Schlaf, und sie nannten ihn nicht mehr wie einst den »Blitz des Schwertes« und »die Quelle der Gerechtigkeit«, sondern »den Acker des Rats«. Denn nicht nur die Nachbarn kamen von der Straße, sondern von ferne auch zogen die Fremden vor ihn, daß er ihren Streit schlichte, obwohl er nicht mehr Richter im Lande war, und fügten sich ohne Zögern seinem Wort. Virata war des glücklich, denn er fühlte, daß Raten besser sei als Befehlen, und Schlichten besser als Richten: ohne Schuld empfand er sein Leben, seit er kein Schicksal mehr zwang und doch an vieler Menschen Schicksal schaltend rührte. Und er liebte den Mittag seines Lebens mit aufgeheiterten Sinnen.

So gingen drei Jahre und noch drei dahin wie ein heller Tag. Immer linder ward Viratas Gemüt: wenn ein Streit vor ihn kam, verstand er kaum mehr in seiner Seele, daß so viel Unruhe war auf Erden und die Menschen sich drängten mit der kleinen Eifersucht des Eigenen, da sie doch das weite Leben hatten und den süßen Duft des Seins. Er beneidete keinen, und keiner beneidete ihn. Wie eine Insel des Friedens stand sein Haus im geebneten Leben, unberührt von den Sturzbächen der Leidenschaft und dem Strom der Begier.

Eines Abends, im sechsten Jahre seiner Stille, war Virata schon zur Ruhe gegangen, als er plötzlich gelles Schreien hörte und das nasse Geräusch von Schlägen. Er sprang auf von seinem Lager und sah, daß seine Söhne einen Sklaven in die Knie geworfen hatten und mit der Nilpferdpeitsche über den Rücken schlugen, daß Blut aufsprang. Und die Augen des Sklaven, in gepreßter Qual aufgerissen, starrten ihn an: wieder sah er des gemordeten Bruders Blick von einst in seiner Seele. Virata eilte zu, hielt ihren Arm an und fragte, was hier geschehen.

Es ergab sich aus der Rede und Widerrede, daß jener Sklave, dessen Dienst es war, das Wasser aus dem Felsenbrunnen zu schöpfen und in hölzernen Kufen zum Hause zu bringen, mehrmals schon in der Hitze des Mittags, Erschöpfung vorgebend, zu spät mit seiner Last angelangt und wiederholt gezüchtigt ward, bis er gestern, nach einer sonderlich harten Bestrafung, entlaufen war. Die Söhne Viratas hatten ihm zu Pferde nachgesetzt und ihn schon jenseits des Flusses in einem Dorf erreicht, mit einem Seil an den Sattel des Rosses gebunden, so daß er, halb gezerrt, halb laufend, mit zerrissenen Füßen wieder heim mußte, wo ihm eben noch unerbittlichere Züchtigung zur eigenen Warnung und jener der andern Sklaven (die schauernd, mit zitternden Knien den Hingestreckten betrachteten) verabreicht wurde, bis Virata durch sein Kommen die gewalttätige Peinigung unterbrach.

Virata blickte hinab auf den Sklaven. Der Sand unter seinen Sohlen war gefeuchtet von Blut. Die Augen des Verschreckten standen offen wie die eines Tieres, das geschlachtet werden sollte, und Virata sah hinter ihrer schwarzen Starre das Grauen, das einst in seiner eigenen Nacht gewesen. »Laßt ihn los«, sagte er zu den Söhnen, »sein Vergehen ist gesühnt.«

Der Sklave küßte den Staub vor seinen Schuhen. Zum erstenmal traten die Söhne verdrossen von des Vaters Seite. Virata kehrte in seinen Raum zurück. Unbewußt, was er tat, wusch er sich Stirn und Hände, um bei der Berührung plötzlich erschreckt zu erkennen, was sein wacher Sinn vergessen: daß er zum erstenmal wieder Richter gewesen und Spruch gesprochen in ein Schicksal. Und zum erstenmal seit sechs Jahren floh ihn wieder der Schlaf.

Da er aber schlaflos im Dunkel lag, kamen die Augen, die erschreckten, des Sklaven auf ihn zu (oder waren es jene des gemordeten Bruders?) und die zornigen seiner Söhne, und er fragte und fragte sich, ob nicht ein Unrecht geschehen sei von seinen Kindern an diesem Knecht. Blut hatte um geringer Lässigkeit willen den Sand seines Hauses genetzt, Geißel war in lebendigen Leib gefahren für kleinliche Versäumnis, und diese Schuld brannte ihn mehr als die Geißelschläge, die er selbst dereinst aufspringen gefühlt wie heiße Nattern über seinen Rücken. Keinem Freien freilich war diese Züchtigung geschehen, sondern einem Sklaven, dessen Leib sein eigen war vom Mutterschoße an nach dem Gesetze des Königs. War aber dies Gesetz des Königs auch ein Recht vor dem tausendförmigen Gotte, daß eines Menschen Leib ganz in fremdem Willen floß, frei jeder Willkür, und jeder schuldlos sei wider ihn, ob er ihm auch dies Leben zerriß oder verstörte?

Virata stand auf von seinem Lager und entzündete ein Licht, um in den Büchern der Unterweisung ein Zeichen zu finden. Nirgends traf sein Blick Unterscheidung zwischen Mensch und Menschen als in der Ordnung der Kasten und Stände, nirgends aber war im tausendförmigen Sein Unterschied und Abstand in der Forderung der Liebe. Immer durstiger trank er Wissen in sich ein, denn nie war seine Seele aufgespannter gewesen in der Frage; da warf sich die Flamme am Span des Lichts noch einmal hoch und erlosch.

Wie aber jetzt Dunkel von den Wänden stürzte, überkam es Virata geheimnisvoll: nicht sein Raum sei dies mehr, den er blinden Blickes umtaste, sondern der Kerker von einst, in dem er damals schreckfühlend erkannt, daß Freiheit das tiefste Anrecht des Menschen sei und keiner keinen verschließen dürfe, nicht auf ein Leben und nicht auf ein Jahr. Diesen Sklaven aber, so erkannte er, hatte er eingeschlossen in den unsichtbaren Kreis seines Willens und gekettet an den Zufall seiner Entschließung, daß kein eigener Schritt seines Lebens ihm mehr frei war. Klarheit kam in ihn, indes er still saß und fühlte, wie die Gedanken seine Brust so aufweiteten, bis von unsichtbarer Höhe Licht in ihn eindrang. Nun ward ihm bewußt, daß auch hier noch Schuld in ihm gewesen, solange er Menschen in seinen Willen tat und Sklaven nannte nach einem Gesetz, das nur jenes brüchige der Menschen war und nicht jenes ewige des tausendförmigen Gottes. Und er neigte sich im Gebet: »Dank dir, Tausendförmiger, der du mir Boten sendest aus allen deinen Formen, daß sie mich aufjagen aus meiner Schuld, immer näher dir entgegen auf dem unsichtbaren Wege deines Willens! Gib, daß ich sie erkenne in den ewig anklagenden Augen des ewigen Bruders, der allorts mir begegnet, der aus meinen Blicken sieht und dessen Leiden ich leide, damit ich mein Leben rein wandle und atme ohne Schuld.«

Viratas Antlitz war wieder heiter geworden, hellen Auges trat er in die Nacht, trank den weißen Gruß der Sterne, das schwellende Sausen des Frühwinds tiefatmend in sich und ging durch die Gärten zum Flusse. Als die Sonne sich von Osten erhob, tauchte er nieder in die heilige Flut und kehrte heim zu den Seinen, die versammelt waren zum Gebet des Morgens.

Er trat in ihren Kreis, grüßte mit gutem Lächeln, winkte die Frauen in ihre Gemächer zurück, dann sprach er zu seinen Söhnen:

»Ihr wißt, daß seit Jahren nur eine Sorge meine Seele bewegt: ein Gerechter zu sein und ohne Schuld zu leben auf Erden; nun ist es gestern geschehen, daß Blut floß in die Scholle meines Hauses, Blut eines lebendigen Menschen, und ich will frei sein dieses Blutes und Sühne tun für das Vergehen im Schatten meines Daches. Der Sklave, der um ein Geringes zu hart gebüßt ward, soll Freiheit haben von dieser Stunde und gehen, wohin es ihn gelüstet, damit er nicht vor dem letzten Richter einst klage wider euch und mich.«

Schweigend standen die Söhne, und Virata fühlte ein Feindliches in diesem Verstummen.

»Ich spüre ein Schweigen wider mein Wort. Auch wider euch will ich nichts tun, ohne euch zu hören.«

»Einem Schuldigen, der sich verging, willst du Freiheit schenken, Belohnung statt Bestrafung«, begann der älteste Sohn. »Viele Diener haben wir im Haus, und es zählte nicht dieser eine. Aber jede Tat wirkt über sich hinaus und ist verknüpft mit der Kette. Lässest du diesen ledig, wie darfst du die andern, die dein eigen sind, dann halten, wenn sie fortbegehren?«

»Wenn sie fortbegehren aus meinem Leben, so muß ich sie lassen. Keines Lebendigen Schicksal will ich halten, denn wer Schicksale formt, fällt in Schuld.«

»Aber du lösest das Zeichen des Rechts«, hub der zweite Sohn an, »diese Sklaven sind unser eigen wie die Erde und der Baum dieser Erde und die Frucht dieses Baumes. So sie dir dienen, sind sie gebunden an dich und du gebunden an sie. An eine Reihe rührst du, die seit Jahrtausenden wächst durch die Zeiten: der Sklave ist nicht Herr seines Lebens, sondern Diener seines Herrn.«

»Es gibt nur ein Recht vom Gotte, und dies Recht ist das Leben, das jedem eingetan ward mit dem Atem seines Mundes. Zum Guten mahnst du mich, der ich verblendet war und frei zu sein meinte von Schuld: fremdes Leben habe ich genommen seit Jahren. Nun aber sehe ich klar und weiß: ein Gerechter darf nicht Menschen zum Tiere machen. Ich will allen die Freiheit geben, damit ich ohne Schuld sei wider sie auf Erden.«

Trotz stand auf den Stirnen der Söhne. Und hart antwortete der Älteste:

»Wer wird die Felder tränken mit Wasser, daß der Reis nicht verschmachte, wer die Büffel führen im Felde? Sollen wir Knechte werden um deines Wahns willen? Du selbst hast die Hände nicht gemüht mit Arbeit ein Leben lang und nie dich bekümmert, daß dein Leben wuchs auf fremdem Dienst. Und ist doch auch fremder Schweiß in der geflochtenen Matte, darauf du lagst, und über deinem Schlaf wachte der Wedel der Diener. Und mit einmal willst du sie von dir jagen, daß niemand sich mühe als wir, dein eigenes Blut? Sollen wir vielleicht noch die Büffel lösen vom Pfluge und die Stränge ziehen an ihrer Statt, damit sie die Geißel nicht treffe? Denn auch ihnen fließt des Tausendförmigen Atem vom Munde. Nicht rühre, Vater, an das Bestehende, denn auch dies ist von dem Gotte. Nicht willig tut die Erde sich auf, Gewalt muß ihr getan werden, damit Frucht ihr entquelle, Gewalt ist Gesetz unter den Sternen, nicht können wir ihrer entbehren.«

»Ich aber will ihrer entbehren, denn Macht ist selten im Recht, und ich will ohne Unrecht leben auf Erden.«

»Macht ist in allem Haben, sei es Mensch oder Tier oder die geduldige Erde. Wo du Herr bist, mußt du auch Herrscher sein: wer besitzt, ist gebunden an das Schicksal der Menschen.«

»Ich aber will mich lösen von allem, was mich in Schuld bringt. So befehle ich euch, die Knechte freizugeben im Hause und selbst zu schaffen für unsere Notdurft.«

Zorn schwoll in den Blicken der Söhne, kaum konnten sie ihr Murren verhalten. Dann sagte der Älteste: »Du hast gesagt, keines Menschen Willen wollest du beugen. Nicht befehlen magst du deinen Sklaven, damit du nicht fallest in Schuld; uns aber befiehlst du und stößt in unser Leben. Wo ist, ich frage dich, hier Recht vor Gott und den Menschen?«

Virata schwieg lange. Als er den Blick hob, sah er die Flamme der Habgier in ihren Blicken, und Grauen kam über seine Seele. Dann sagte er leise:

»Ihr habt mich recht belehrt. Ich will nicht Gewalt tun wider euch. Nehmt das Haus und teilt es nach eurem Willen, ich habe nicht teil mehr an der Habe und nicht an der Schuld. Wohl hast du gesprochen: wer herrscht, macht unfrei die andern, doch seine Seele vor allem. Wer leben will ohne Schuld, darf nicht teilhaben an Haus und fremdem Geschick, darf sich nicht nähren von fremder Mühe, nicht trinken von anderer Schweiß, darf nicht hängen an der Wollust des Weibes und der Trägheit des Sattseins: nur wer allein lebt, lebt seinem Gotte, nur der Tätige fühlt ihn, nur die Armut hat ihn ganz. Ich aber will dem Unsichtbaren näher sein als der eigenen Erde, ich will leben ohne Schuld. Nehmt das Haus und teilt es in Frieden.«

Virata wandte sich und ging. Seine Söhne standen erstaunt; die gesättigte Habsucht brannte ihnen süß im Leibe, und doch waren sie beschämt in ihrer Seele.

 

Virata aber schloß sich ein in seine Kammer, hörte auf Ruf nicht und Mahnung. Erst als die Schatten in die Nacht fielen, rüstete er sich zum Wege, nahm einen Stab, die Almosenschale, ein Beil zum Werk, eine Handvoll Früchte zur Zehrung und die Palmblätter mit den Schriften der Weisheit zur Andacht, schürzte sein Gewand über die Knie hoch und ließ schweigend sein Haus, ohne sich noch einmal umzuwenden nach Weib, Kindern und aller Gemeinschaft seiner Habe. Die ganze Nacht wanderte er bis zu dem Flusse, in den er einst in bitterer Stunde des Erwachens sein Schwert gesenkt, überquerte die Furt und zog dann stromaufwärts am andern Ufer, wo nirgends Bebautes war und die Erde den Pflug noch nicht kannte.

Um die Morgenröte kam er an eine Stelle, wo der Blitz in einen uralten Mangobaum gefahren und eine Lichtung in das Dickicht gebrannt. Der Fluß strich lind im Bogen vorbei, und ein Schwarm von Vögeln umschwärmte das niedere Wasser, um furchtlos zu trinken. Helle war hier vom offenen Strom und Schatten im Rücken von den Bäumen. Zersplittert vom Schlage lag noch Holz umher und geknicktes Gesträuch. Virata besah das einsam lichte Geviert inmitten des Waldes. Und er beschloß, hier eine Hütte zu bauen und sein Leben ganz der Betrachtung zu leben, abseits von den Menschen und ohne Schuld.

Fünf Tage zimmerte er an der Hütte, denn seine Hände waren der Arbeit entwöhnt. Und auch dann noch war sein Tagewerk voll Mühe, denn er mußte sich Früchte suchen für seine Nahrung, das Dickicht von seiner Hütte wehren, das gewaltsam wieder heranwuchs, und einen Raum roden im Kreise mit spitzen Pflöcken, damit die Tiger, die hungrig im Dunkel brüllten, nicht herankämen des Nachts. Kein Laut von Menschen aber drang in sein Leben und verstörte ihm die Seele, still strömten die Tage vorbei wie das Wasser im Strome, sanft erneuert von unendlicher Quelle.

Nur die Vögel kamen noch immer, der ruhende Mann ängstigte sie nicht, und bald nisteten sie an seiner Hütte. Er streute ihnen Samen der großen Blumen und harte Früchte hin. Willig sprangen sie zu und scheuten nicht mehr seine Hände, sie flogen von den Palmen nieder, wenn er sie lockte, er spielte mit ihnen, und sie ließen sich vertraut von ihm berühren. Einmal fand er in dem Walde einen jungen Affen, der, ein Bein gebrochen und kindisch schreiend, auf dem Boden lag. Er nahm ihn zu sich und zog ihn auf, bis er gelehrig wurde und ihm in spielhafter Weise nachahmerisch diente wie ein Knecht. So war er sanft umgeben von Lebendigem, aber er wußte immer, daß auch in den Tieren die Gewalt schlummerte und das Böse wie im Menschen. Er sah, wie die Alligatoren einander bissen und jagten im Zorne, wie Vögel Fische mit spitzem Schnabel aus der Flut rissen und wiederum wie Schlangen die Vögel plötzlich ringelnd umpreßten: die ungeheure Kette der Vernichtung, die jene feindliche Göttin um die Welt geschlungen, ward ihm offenbar als Gesetz, dagegen das Wissen sich nicht weigern konnte. Doch dies tat wohl, nur als Schauender über diesen Kämpfen zu sein, unteilhaft jeder Schuld am wachsenden Kreise der Vernichtung und Befreiung.

Ein Jahr und manche Monde hatte er keinen Menschen gesehn. Einmal aber geschah es, daß ein Jäger eines Elefanten Spur folgte zur Tränke und vom jenseitigen Ufer seltsames Bild erschaute. Da saß, umleuchtet vom gelben Schimmer des Abends, vor schmaler Hütte ein Weißbart, Vögel nisteten friedlich in seinem Haar, ein Affe schlug mit hellen Schlägen ihm Nüsse vor den Füßen entzwei. Er aber sah auf zu den Wipfeln, wo blau und bunt die Papageien schaukelten, und als er mit einmal die Hand erhob, rauschten sie, eine goldene Wolke, herab und flogen in seine Hände. Dem Jäger aber dünkte, er hätte den Heiligen gesehen, von dem verheißen war, »die Tiere werden zu ihm sprechen mit der Stimme von Menschen, und die Blumen wachsen unter seinen Schritten. Er kann die Sterne pflücken mit den Lippen und weghauchen den Mond mit einem Atem seines Mundes.« Und der Jäger ließ seine Jagd und eilte heimwärts, das Erschaute zu berichten.

Am nächsten Tage schon drängten Neugierige her, das Wunder vom andern Ufer zu erspähen, immer mehr wurden der Erstaunten, bis einer unter ihnen Virata erkannte, den Verschollenen seiner Heimat, der Haus und Erbe gelassen um der großen Gerechtigkeit willen. Weiter flog die Kunde, und sie erreichte den König, der schmerzlich den Getreuen vermißte, und er ließ eine Barke rüsten mit viermal sieben Ruderknechten. Und sie schlugen die Ruder, bis das Boot stromaufwärts kam an die Stelle von Viratas Hütte, dann warfen sie Teppiche vor des Königs Fuß, der dem Weisen entgegenschritt. Es waren aber ein Jahr und sechs Monde, daß Virata die Stimme von Menschen nicht mehr gehört; scheu stand er und zögernd vor seinen Gästen, vergaß die Beugung des Dieners vor dem Gebieter und sagte nur: »Gesegnet sei dein Kommen, mein König.«

Der König umfing ihn:

»Seit Jahren sehe ich deinen Weg entgegengehen der Vollendung, und ich bin gekommen, das Seltene zu schauen, wie ein Gerechter lebt, auf daß ich von ihm lerne.«

Virata neigte sich:

»Mein Wissen ist einzig dies, daß ich verlernte, mit Menschen zu sein, um ledig zu bleiben aller Schuld. Nur sich selbst kann der Einsame belehren. Nicht weiß ich, ob es Weisheit ist, was ich tue, nicht weiß ich, ob es Glück ist, was ich fühle – nichts weiß ich zu raten und nichts zu lehren. Die Weisheit des Einsamen ist eine andere denn die der Welt, das Gesetz der Betrachtung ein anderes denn das der Tat.«

»Aber schon Schauen, wie ein Gerechter lebt, ist Lernen«, antwortete der König. »Seit ich dein Auge gesehn, fühle ich schuldlose Freude. Mehr begehre ich nicht.«

Virata neigte sich abermals. Und abermals umfaßte ihn der König:

»Kann ich dir einen Wunsch erfüllen in meinem Reiche oder ein Wort bringen an die Deinen?«

»Nichts ist mein mehr, mein König, oder alles auf dieser Erde. Ich habe vergessen, daß mir einst ein Haus war unter andern Häusern und Kinder unter andern Kindern. Der Heimatlose hat die Welt, der Abgelöste die Gänze des Lebens, der Schuldlose den Frieden. Ich habe keinen Wunsch, denn schuldlos zu bleiben auf Erden.«

»So lebe wohl und gedenke mein in dieser Andacht.«

»Ich gedenke des Gottes, und so gedenke ich auch dein und aller auf dieser Erde, die sein Teil sind und sein Atem.«

Virata beugte sich. Das Boot des Königs glitt wieder abwärts den Strom, und viele Monde hörte der Einsame keines Menschen Stimme mehr.

Noch einmal hob der Ruhm Viratas die Flügel auf und flog wie ein weißer Falke über das Land. Bis in die fernsten Dörfer und an die Hütten des Meeres ging die Kunde von jenem, der Haus und Erbe gelassen, um das wahre Leben der Andacht zu leben, und die Menschen nannten den Gottfürchtigen mit dem vierten Namen der Tugend, den »Stern der Einsamkeit«. Die Priester rühmten seine Entsagung in den Tempeln und der König vor seinen Dienern; sprach aber ein Richter im Lande einen Spruch, so fügte er bei: »Möge mein Wort gerecht sein, wie jenes Viratas gewesen, der nun dem Gotte lebt und um alle Weisheit weiß.«

Es geschah nun manchmal und immer öfter mit den Jahren, daß ein Mann, wenn er das Unrecht seines Tuns und den dumpfen Sinn seines Lebens erkannte, Haus und Heimat ließ, sein Eigen verschenkte und in den Wald wanderte, sich wie jener eine Hütte zu zimmern und dem Gotte zu leben. Denn das Beispiel ist das stärkste Band auf Erden, das die Menschen bindet; jede Tat weckt in andern den Willen zum Rechten, daß er aufspringt vom Schlummer seines Träumens und tätig die Stunden erfüllt. Und diese Erwachten wurden inne ihres leeren Lebens, sie sahen das Blut an ihren Händen und die Schuld in ihren Seelen; so huben sie sich auf und gingen ins Abseits, sich eine Hütte zu zimmern wie jener, nur noch der nackten Notdurft des Körpers zu leben und der unendlichen Andacht. Wenn sie einander begegneten beim Früchtesuchen am Wege, sprachen sie kein Wort, um nicht neue Gemeinschaft zu schließen, aber ihre Augen lächelten einander freudig zu und ihre Seelen boten sich Frieden. Das Volk aber nannte jenen Wald die Siedlung der Frommen. Und kein Jäger streifte durch seine Wildnis, um die Heiligkeit nicht durch Mord zu verstören.

Einmal nun, als Virata morgens im Walde schritt, sah er einen der Einsiedler reglos auf die Erde hingestreckt, und als er sich über ihn beugte, um den Gesunkenen aufzurichten, merkte er, daß kein Leben mehr in seinem Leibe war. Virata schloß dem Toten die Augen, sprach ein Gebet und suchte die entseelte Hülle aus dem Dickicht zu tragen, damit er einen Scheiterhaufen rüste und der Leib dieses Bruders rein eingehen könne in die Verwandlung. Aber die Last ward seinen Armen zu schwer, die sich entkräftet hatten in der kärglichen Nahrung der Früchte. So ging er, um Hilfe zu erbitten, über die Furt des Stromes zum nächsten Dorf.

Als die Bewohner des Dorfes den Erhabenen ihre Straße wandeln sahen, kamen sie, ehrfürchtig seinen Willen zu hören, und gingen sogleich, Bäume zu fällen und den Toten zu bestatten. Wo aber Virata ging, beugten sich die Frauen, die Kinder blieben stehen und sahen ihm staunend nach, der schweigend schritt, und mancher Mann trat aus seinem Hause, des erhabenen Gastes Kleid zu küssen und den Segen des Heiligen zu empfangen. Virata aber ging lächelnd durch diese blinde Welle und fühlte, wie sehr und wie rein er die Menschen wieder zu lieben vermochte, seit er ihnen nicht mehr verbunden war.

Als er aber an dem letzten niedern Hause des Dorfes vorbeischritt, überall heiter den guten Gruß der Nahenden erwidernd, sah er dort die zwei Augen eines Weibes voll Haß auf sich gerichtet – er schrak zurück, denn ihm war, als hätte er wieder die starren, seit Jahren vergessenen Augen seines gemordeten Bruders gesehen. Jach fuhr er zurück, so entwöhnt war seine Seele aller Feindlichkeit in der Zeit der Abkehr geworden. Und er beredete sich, es möge ein Irrtum gewesen sein seiner Augen. Aber die Blicke standen noch immer schwarz und starr gegen ihn. Und als er, wieder Herr seiner Ruhe, den Schritt löste, um auf das Haus zuzutreten, fuhr die Frau feindselig in den Gang zurück, aus dessen dunkler Tiefe er aber das Glimmern jenes Blickes noch auf sich brennen fühlte wie das Auge eines Tigers im reglosen Dickicht.

Virata ermannte sich. »Wie kann ich in Schuld sein wider jene, die ich niemals gesehen, daß ihr Haß gegen mich springt«, sagte er sich. »Es muß ein Irrtum sein, ich will ihn klären.« Ruhig trat er hin an das Haus und klopfte mit dem Knöchel an die Tür. Nur der nackte Schall schlug zurück, und doch fühlte er die haßerfüllte Nähe des fremden Weibes. Geduldig pochte er weiter, wartete und pochte wie ein Bettler. Endlich trat die Zögernde vor, finster und feindlich den Blick gegen ihn gewandt.

»Was willst du noch von mir?« fuhr sie ihn fauchend an. Und er sah, sie mußte sich an den Pfosten halten, so schüttelte sie der Zorn.

Virata aber sah nur in ihr Antlitz, und sein Herz ward leicht, da er gewiß ward, daß er sie niemals zuvor gesehen. Denn sie war jung und er war seit Jahren aus dem Wege der Menschen; nie konnte er ihren Pfad gekreuzt haben und etwas wider ihr Leben getan.

»Ich wollte dir den Gruß des Friedens geben, fremde Frau«, antwortete Virata, »und dich fragen, weshalb du im Zorne auf mich blickst. War ich dir etwa feind, habe ich etwas wider dich getan?«

»Was du mir getan hast« – ein böses Lachen ging ihr um den Mund – »was du mir getan hast? Ein Geringes nur, ein ganz Geringes: mein Haus hast du von Fülle zu Leere getan, mir Liebstes geraubt und mein Leben zum Tode geworfen. Geh, daß ich dein Antlitz nicht mehr sehe, sonst verschließt sich nicht länger mehr mein Zorn.«

Virata sah sie an. So irr war ihr Auge, daß er meinte, Wahnwitz hätte die Fremde erfaßt. Schon wandte er sich, weiterzugehen, und sagte: »Ich bin nicht der, den du meinst. Ich lebe abseits von den Menschen und trage keines Schicksals Schuld. Dein Auge verkennt mich.«

Aber ihr Haß fuhr hinter ihm her:

»Wohl erkenne ich dich, den alle kennen! Virata bist du, den sie den Stern der Einsamkeit nennen, den sie rühmen mit den vier Namen der Tugend. Aber ich werde dich nicht rühmen, mein Mund wird schreien wider dich, bis er den letzten Richter der Lebendigen erreicht. So komm, da du fragst, und sieh, was du an mir getan.«

Und sie faßte den Erstaunten und riß ihn in das Haus, stieß eine Türe auf zu jenem Raum, der nieder und dunkel war. Und sie zog ihn zur Ecke, wo auf dem Boden etwas auf einer Matte reglos lag. Virata beugte sich nieder, und schauernd fuhr er zurück: ein Knabe lag dort tot, und seine Augen starrten zu ihm auf wie einst die Augen des Bruders in der ewigen Klage. Neben ihm aber schrie, geschüttelt von Schmerz, das Weib: »Der dritte, der letzte war es meines Schoßes, und auch ihn hast du gemordet, du, den sie den Heiligen nennen und den Diener der Götter.«

Und als Virata fragend das Wort aufheben wollte zur Abwehr, riß sie ihn weiter: »Hier, sieh den Webstuhl, den leeren! Hier stand Paratika, mein Mann, des Tages und webte weißes Linnen, kein besserer Weber war im Lande. Von ferne kamen sie und brachten ihm Arbeit, und die Arbeit brachte uns Leben. Hell waren unsere Tage, denn ein Gütiger war Paratika und sein Fleiß ohne Abbruch. Er mied die Verworfenen und mied die Gasse, drei Kinder weckte er meinem Schoß, und wir zogen sie auf, daß sie Männer würden nach seinem Ebenbilde, gütig und gerecht. Da vernahm er – wollte Gott, nie wäre der Fremde gekommen – von einem Jäger, daß einer wäre im Lande, der hätte Haus und Habe gelassen, um einzugehen als Irdischer in den Gott, und hätte ein Haus gebaut mit den Händen. Da wurde der Sinn Paratikas dunkler und dunkler, er sann viel des Abends, und selten sprach er ein Wort. Und eines Nachts, da ich erwachte, war er von meiner Seite gegangen in den Wald, den sie den Wald der Frommen nennen und wo du weiltest, um Gottes gedenk zu sein. Aber da er sein gedachte, vergaß er unser und vergaß, daß wir lebten von seiner Kraft. Armut kam in das Haus, es fehlte den Kindern an Brot, eines starb hin nach dem andern, und heute ist dies, das letzte, gestorben um deinetwillen. Denn du hast ihn verführt. Darum, daß du näher seist dem wahren Wesen des Gottes, sind drei Kinder meines Leibes in die harte Erde gefahren. Wie willst du dies sühnen, Hochmütiger, wenn ich dich anrufe vor dem Richter der Toten und Lebendigen, daß ihr kleiner Leib sich krümmte in tausend Qualen, ehe er verging, indes du Krumen den Vögeln hinwarfst und fern warst von allem Leid? Wie willst du dies sühnen, daß du einen Gerechten verlockt, die Arbeit zu lassen, die ihn nährte und die unschuldigen Knaben, mit dem törichten Wahne, er sei im Abseits näher dem Gott als im lebendigen Leben?«

Virata stand blaß mit bebender Lippe:

»Ich habe dies nicht gewußt, daß ich andern ein Anstoß war. Allein meinte ich zu tun.«

»Wo ist dann deine Weisheit, du Weiser, wenn du dies nicht weißt, was Knaben schon wissen, daß alles Tun von Gott getan ist, daß keiner sich mit Willen ihm entwindet und dem Gesetz der Schuld. Nichts denn ein Hochmütiger bist du gewesen, der du meintest, Herr zu sein deines Tuns und andere zu belehren: was dir Süße war, ist nun meine Bitternis, und dein Leben ist dieses Kindes Tod.«

Virata sann eine Weile. Dann neigte er sich:

»Du sprichst wahr, und ich sehe: immer ist in einem Schmerz mehr Wissen um Wahrheit als in aller Weisen Gelassenheit. Was ich weiß, habe ich gelernt von den Unglücklichen, und was ich schaute, das sah ich durch den Blick der Gequälten, den Blick des ewigen Bruders. Nicht ein Demütiger des Gottes, wie ich meinte, ein Hochmütiger bin ich gewesen: dies weiß ich durch dein Leid, das ich nun leide. Verzeihe mir darum, daß ich es bekenne: ich trage an dir Schuld, und an vielem anderen Schicksal wohl auch, das ich nicht ahne. Denn auch der Untätige tut eine Tat, die ihn schuldig macht auf Erden, auch der Einsame lebt in allen seinen Brüdern. Verzeih mir, Frau. Ich will wiederkehren aus dem Walde, auf daß auch Paratika wiederkehre und neues Leben dir wecke im Schoß für das vergangene.«

Er beugte sich nochmals und rührte den Saum ihres Kleides mit der Lippe. Da fiel aller Zorn von ihr ab, staunend sah sie dem Schreitenden nach.

 

Eine Nacht noch verbrachte Virata in seiner Hütte, sah den Sternen zu, wie sie weiß aus der Tiefe des Himmels brachen und wieder erloschen im Morgen, noch einmal rief er die Vögel zum Futter und liebkoste sie. Dann nahm er Stab und Schale, wie er gekommen war vor Jahr und Jahr, und ging zurück in die Stadt.

Kaum verbreitete sich die Kunde, daß der Heilige seine Einsamkeit verlassen habe und wieder in den Mauern weile, so strömte das Volk aus den Gassen, selig, den selten Erschauten zu sehen, manche aber auch in geheimer Angst, sein Nahen aus dem Gotte möge Verkündigung eines Unheils bedeuten. Wie durch einen winkenden Wall voll Ehrfurcht schritt Virata dahin und versuchte, mit dem heitern Lächeln, das sonst lind auf seinen Lippen saß, die Menschen zu grüßen, aber zum erstenmal vermochte er es nicht mehr, sein Auge blieb ernst und sein Mund verschlossen.

So gelangte er in den Hof des Palastes. Es war die Stunde des Rates vorüber und der König allein. Virata ging auf ihn zu, der aufstand, ihn in seine Arme zu schließen. Aber Virata beugte sich zu Boden und faßte den Saum von des Königs Kleide im Zeichen der Bitte.

»Sie ist erfüllt, deine Bitte«, sagte der König, »ehe sie noch Wort war auf deiner Lippe. Ehre über mich, daß mir Macht gegeben ist, einem Frommen zu dienen und eine Hilfe zu sein für den Weisen.«

»Nicht nenne mich einen Weisen«, antwortete Virata, »denn mein Weg war nicht der rechte. Ich bin im Kreise gegangen und stehe, ein Bittender, vor deiner Schwelle, wo ich einstens stand, daß du mich meines Dienstes entbändest. Ich wollte frei sein von Schuld und mied alles Tun, aber auch ich ward verstrickt in das Netz, das den Irdischen gespannt ist von den Göttern.«

»Fern sei mir, dies von dir zu glauben«, antwortete der König. »Wie konntest du unrecht tun an den Menschen, der du sie miedest, wie in Schuld fallen, da du im Gotte lebtest?«

»Nicht mit Wissen habe ich unrecht getan, ich habe die Schuld geflohen, doch unser Fuß ist an die Erde gefesselt und unser Tun an der Ewigen Gesetze. Auch die Tatenlosigkeit ist eine Tat, nicht konnte ich den Augen des ewigen Bruders entrinnen, an dem wir ewig tun Gutes und Böses, wider unseren Willen. Doch siebenfach bin ich schuldig, denn ich floh vor dem Gotte und wehrte dem Leben den Dienst, ein Nutzloser war ich, denn ich nährte nur mein Leben und diente keinem andern. Nun will ich wieder dienen.«

»Fremd ist mir deine Rede, Virata, ich verstehe dich nicht. Sag mir deinen Wunsch, daß ich ihn erfülle.«

»Ich will nicht mehr frei sein meines Willens. Denn der Freie ist nicht frei und der Untätige nicht ohne Schuld. Nur wer dient, ist frei, wer seinen Willen gibt an einen andern, seine Kraft an ein Werk und tut, ohne zu fragen. Nur die Mitte der Tat ist unser Werk – ihr Anfang und Ende, ihre Ursache und ihr Wirken steht bei den Göttern. Mache mich frei von meinem Willen – denn alles Wollen ist Wirrnis, alles Dienen ist Weisheit –, daß ich dir danke, mein König.«

»Ich verstehe dich nicht. Ich soll dich frei machen, forderst du, und bittest in einem um Dienst. So ist nur frei, wer eines andern Dienst übernimmt, und jener nicht, der ihm den Dienst befiehlt? Ich verstehe das nicht.«

»Es ist gut, mein König, daß du dieses nicht verstehst in deinem Herzen. Denn wie könntest du noch König sein und gebieten, wenn du es verstündest?«

Des Königs Antlitz wurde dunkel im Zorne:

»So meinest du, daß der Gebieter geringer sei vor dem Gotte als der Knecht?«

»Es ist keiner geringer und keiner größer vor dem Gotte. Wer nur dient und seinen Willen hingibt, ohne zu fragen, der hat die Schuld von sich getan und rückgegeben an den Gott. Wer aber will und meint, er könne mit Weisheit das Feindliche meiden, der fällt in Versuchung und fällt in Schuld.«

Das Antlitz des Königs blieb dunkel:

»So ist auch ein Dienst gleich dem andern, und keiner größer und keiner geringer vor dem Gotte und vor den Menschen?«

»Es mag sein, daß manches größer scheine vor den Menschen, mein König, doch eins ist alles Dienen vor dem Gotte.«

Der König sah lange und finster Virata an. Böse krümmte sich der Stolz in seiner Seele. Als er aber sein verschüttetes Antlitz gewahrte und das weiße Haar über der faltigen Stirne, meinte er, der Alte sei kindisch geworden vor der Zeit, und sagte spottend, um ihn zu versuchen:

»Würdest du Aufseher der Hunde sein wollen in meinem Palast?«

Virata neigte sich und küßte die Stufe zum Zeichen des Dankes.

Von jenem Tage an war der Greis, den das Land einst gepriesen mit den vier Namen der Tugend, Hüter der Hunde in der Scheune vor dem Palast und wohnte mit den Knechten im untern Gelasse. Seine Söhne schämten sich seiner, in feigem Kreise umgingen sie das Haus, damit sie seiner nicht gewahr würden und sich nicht müßten seines Blutes bekennen vor den andern, die Priester kehrten sich von dem Unwürdigen ab. Nur das Volk stand und staunte noch einige Tage, wenn der greise Mann, der einst der Erste des Reiches gewesen, als Diener mit der Koppel der Hunde kam. Aber er achtete ihrer nicht, und so verliefen sie sich bald und dachten seiner nicht mehr.

Virata tat getreulich seinen Dienst von der Röte des Morgens bis zur Röte des Abends. Er wusch den Tieren die Lefzen und kratzte die Räude von ihrem Fell, er trug ihnen Speise und bettete ihr Lager und kehrte ihren Unrat. Bald liebten die Hunde ihn mehr denn irgendeinen des Palastes, und er war dessen froh; sein alter zerfalteter Mund, der selten zu Menschen sprach, lächelte immer bei ihrer Freude, und er liebte seine Jahre, die lange waren und ohne großes Geschehen. Der König ging vor ihm in den Tod, ein neuer kam, der seiner nicht achtete und ihn einmal mit dem Stocke schlug, weil ein Hund knurrte, da er vorüberging. Und auch die andern Menschen vergaßen allmählich seines Lebens.

Als aber auch seine Jahre erfüllt waren und Virata starb und eingescharrt ward in der Kehrichtgrube der Knechte, besann sich keiner im Volke mehr dessen, den das Land einst gerühmt mit den vier Namen der Tugend. Seine Söhne verbargen sich, und kein Priester sang den Sang des Todes an seinem abgelebten Leibe. Nur die Hunde heulten zwei Tage und zwei Nächte lang, dann vergaßen auch sie Viratas, dessen Namen nicht eingeschrieben ist in die Chroniken der Herrscher und nicht verzeichnet in den Büchern der Weisen.

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