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Rudolf Georg Binding: Legenden - Kapitel 2
Quellenangabe
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typelegend
authorRudolf Binding
booktitleNovellen und Legenden
titleLegenden
publisherRütten & Loening Verlag
seriesRudolf G. Binding ? Gesammeltes Werk
year1927
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090624
projectid01da74a2
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Sankt Georgs Stellvertreter

Legende

Es begab sich eines schönen Tages daß der heilige Georg, welcher seit Jahrhunderten die Reiterei der himmlischen Heerscharen befehligte, bei Gott dem Herrn um Urlaub einkam. Dessen hatte sich der Herrgott freilich nicht versehen; denn wenn er es auch gewohnt war, daß sich einige Heilige minorum gentium, die sich nicht gerade in verantwortungsreichen Stellungen befanden, in ihrem Dienst solche Freiheiten erlaubten, denen er großmütig nachsah, so war doch von dem heiligen Georg während der ganzen langen Jahre, die er ihm in Treuen diente, niemals ein Urlaubsgesuch eingegangen. Er ließ ihn also zu sich rufen und beschied ihn, daß das doch ganz gegen die himmlische Ordnung sei, wenn er, der sich noch niemals seinen ritterlichen Heiligendiensten entzogen hätte, damit jetzt auch beginnen wollte wie andere, welche die Sache nicht so genau nähmen. Sankt Georg, welcher als Heiliger der Ritter und als Ritter unter den Heiligen das Haupt hoch und frei trug, so wie ihn Donatello in seinem Standbild an Or San Michele in Florenz dargestellt hat, sah seinem Gott ins Angesicht und da er einen festen Stand bei ihm hatte, so war er auch um eine freimütige Antwort nicht verlegen, wie er es seiner Ritterwürde schuldig zu sein glaubte. Er sagte also zu Gott dem Herrn, er möge bedenken daß seine Gerechtigkeit mit diesem Bescheid den er ihm gegeben zu dem nämlichen Ziele gelangt wäre wie die Vernunft der Obersten auf Erden, welche da ihre pflichteifrigsten Offiziere, wenn sie wirklich einmal um Urlaub einkämen, teils verwundert, teils entrüstet mit der Begründung abwiesen: »Ja, wie kommen Sie nur dazu? Das fehlte ja gerade noch!« während sie anderen luftigeren Kameraden jede Dienstumgehung dieser Art als selbstverständlich nachließen. Zudem, so fuhr der heilige Georg fort, sei von einer leichtfertigen Beurlaubung seinerseits gar keine Rede; vielmehr betrachte er eine längere Abwesenheit von seinen Truppen, und zwar mindestens auf ein Jahr, für ganz unerläßlich, da er fühle daß er seinen heiligen Aufgaben als Befehlshaber der Himmelsreiterei nicht mehr so voll gerecht werden könne; nicht als ob seine Kräfte nachließen, sondern es sei eine ganz bekannte Tatsache der Erfahrung, daß zu langes ununterbrochenes Befehlen an höchster Stelle nicht gut tue, die Leistungsfähigkeit der Befehligten wie des Befehlshabers darunter leide und eine unüberwindliche Stumpfheit auf beiden Seiten Platz greife, von welcher, wie Gott der Herr wohl wisse, nur er selbst als Herrscher des Himmels und der Erden frei sei. Er gedenke aus diesem Grunde sich in längerem Betrachten gänzlich anderer Verhältnisse im Kriegsdienst, der auf Erden ihm unbekannte Fortschritte gemacht haben müsse, neue belebende Gesichtspunkte zu erwerben, wie sie ihm für seine Stellung notwendig erschienen.

Der Allmächtige konnte sich ebensowenig der Richtigkeit der letzten Bemerkungen wie der Einsicht entziehen daß sein erster ablehnender Bescheid, wie Sankt Georg herausgefühlt hatte, nicht der himmlischen Gerechtigkeit entspräche welche er übte. Er bedachte sich also. Mochte er auf der einen Seite seinem vornehmsten Heiligen gegen unanfechtbare Gründe nicht entgegentreten, so schien es ihm auf der anderen Seite ganz gegen alle Ordnung daß die himmlische Reiterei solange ohne einen Führer sich selbst überlassen sein solle. Aber zur Übernahme der himmlischen Stellung des heiligen Georg war kein anderer Heiliger tauglich; das ergab sich ohne weitere Erwägung. Indem er ihm das vorstellte, gedachte ihn Gott von seinem Vorhaben abzubringen. Aber Sankt Georg blieb bei seinem Gesuch; so wie sie jetzt sei, habe die himmlische Reiterei überhaupt keinen Zweck mehr, führte er aus, also müsse er auf neue Erfahrungen für sie ausziehen und wenn sie nicht für die Zeit seines Urlaubs ohne Befehlshaber belassen werden könne, was er übrigens einsehe, so solle man sie für diese Zeit abrüsten; vielleicht brauche man sie dann überhaupt nicht mehr zusammentreten zu lassen, wenn man den allgemeinen Abrüstungsbestrebungen, die auf Erden sich nur mühsam Boden verschafften, mit gutem Beispiel vorausgehen wolle. Aber davon wollte Gott, solange die Macht der Finsternis bestehe, nichts wissen. Wenn also, wie Georg zugäbe, seine Reiter nicht ein volles Jahr lang führerlos bleiben könnten, so sei der Herr zur Bewilligung seines Urlaubs nur dann in der Lage, wenn er ihm für die Zeit desselben einen geeigneten Stellvertreter bringe, dessen Bestätigung er sich vorbehalte.

»Damit Ihr aber erkennet,« fuhr Gott fort, »daß ich der Genehmigung Eures Wunsches, dessen Berechtigung ich anerkenne, geneigt bin, will ich selbst, sofern Ihr nur die geeignete Persönlichkeit ausfindig gemacht oder in Vorschlag gebracht habt, Euch beistehen sie zu gewinnen.«

»Und wie, mein Herr und Gott,« fragte der heilige Georg, welcher sich mit seiner Nachfolgerschaft oder seiner Vertretung noch nie in Gedanken befaßt hatte, »müßte der beschaffen sein welcher an meiner Statt dir dienen dürfte?«

»Das ist bald gesagt,« erwiderte der Herr; »ein Ritter müßte er sein wie Ihr, ohne Tadel und Furcht, und nicht als armer Sünder dürfte er in den Himmel eingegangen sein. – Aber er wird nicht so bald gefunden werden.« Und mit diesen Worten entließ er ihn.

Daran mußte sich der heilige Georg als an einem weisen, gerechten und gütigen Bescheid genügen lassen, und wenn er auch noch nicht wußte, wo er den Stellvertreter den Gott verlangte hernehmen sollte, so verzagte er doch insoweit keinen Augenblick, eingedenk dessen daß er ihm seinen Beistand versprochen hatte, die geeignete Persönlichkeit zu gewinnen.

 

Also hielt er Umschau nach seinesgleichen; zuerst unter den Heiligen, auf die er seine Hoffnung wohl setzen durfte, denn keiner von ihnen war als Sünder in den Himmel eingelassen worden. Aber so viele ihrer waren – und Sankt Georg sah bei dieser Gelegenheit einige die er noch nie gesehen zu haben glaubte –, so war doch kein einziger Ritter unter ihnen. Da waren weiter die Erzengel, die wohl mit den Waffen umzugehen wußten; aber weder Gott noch er selbst hatte sie jemals als wirkliche Ritter gelten lassen, obgleich er mit ihnen wegen ihres ritterlichen Wesens auf gutem Fuße stand. Die anderen Engel kamen insoweit noch weniger in Frage und die übrigen Himmelsbewohner waren allesamt arme Sünder. Als er diese Erfahrung gemacht hatte, beschied sich der heilige Georg daß er vielleicht noch manchen Tag an seinem Platz würde ausharren müssen ehe er seinen Urlaub antreten könnte. Denn es war wenig Aussicht vorhanden daß durch die Himmelstür etwas anderes eingehen würde als arme Sünder und ab und zu ein neuer Heiliger, der aber dann sicher kein Ritter war. Nichtsdestoweniger begab er sich in den nächsten Tagen, so oft es seine Dienstobliegenheiten erlaubten, nach dem Himmelstor in der unbestimmten Hoffnung, daß er seinen Stellvertreter durch dasselbe eingehen sehn würde.

Aber nichts dergleichen. Einen armen Sünder nach dem andern lieferte der Tod an der Pforte ab und der heilige Petrus, welcher es wissen mußte, sagte seinem Mitheiligen auf die Beschreibung von der Persönlichkeit die er suchte, so etwas gäbe es heutzutage nicht mehr. Aber das wollte der heilige Georg nicht glauben daß auf Erden alle Ritter ohne Furcht und Tadel ausgestorben seien und es von diesen keiner zuwege bringen sollte, ohne zum Sünder geworden zu sein von der Erde zu scheiden. »Mag schon solche Ritter geben die keine Sünder sind,« sagte der heilige Petrus; »aber wenn sie es nicht zu ihren Lebzeiten waren, so machen sie die Pfaffen noch in ihrem letzten Stündlein dazu, indem sie's ihnen so lange einreden und ihnen so lange zusetzen sich als arme Sünder zu bekennen, bis sie sich in ihrer Todesangst dazu verstehen; und dann kommen sie eben an das Himmelstor, demütig gesenkten Hauptes, wie die andern und gehen als arme Sünder bei mir ein. Siehst du einen,« fuhr der heilige Peter fort, indem er die endlose Straße hinab wies, die zur Erde führte, und auf der in Abständen viele, viele Pilger zum Himmel heranzogen, »siehst du einen der erhobenen Hauptes daherkäme? Auf den könntest du deine Hoffnung setzen.« Aber Sankt Georg sah hinab und erblickte keinen.

 

Da verließ der heilige Georg nachdenklich den himmlischen Schließer und am nächsten Tage kam er nicht, nach den Einlaß begehrenden Seelen zu sehen. Aber an dem darauf folgenden Tage erschien er wieder bei dem heiligen Petrus am Himmelstor und seine Züge trugen etwas Erwartungsvolles. Nicht lange, und der Tod kam mit einem elenden Schneiderlein, das sich gar erbärmlich anstellte und mit dem nicht viel Umstände gemacht wurden. Als der Tod darauf wieder seinen schwarzen Klepper, der von dem vielen Hinauf und Hinunter schon ganz abgetrieben war, bestiegen hatte, um von neuem seinem Geschäft auf Erden nachzugehen, trat der heilige Georg heran und stellte ihn. »Bruder Tod,« rief er, denn alle Ritter nennen den Tod ihren Bruder, »auf ein Wort!« Der Tod brauchte seinen müden Gaul nicht zum Stillstehen zu zügeln und wandte sich schweigend im Sattel um, die knochige Hand auf die knochige Kruppe gestützt. »Bruder Tod! Du weißt daß du bei uns Rittern in anderer Achtung stehst als bei denen die dich fürchten. Und während alle Welt dir ausweicht, erlauben wir dir, an unserer Seite zu reiten unser ganzes Leben lang und murren nicht über dich wenn du uns aus der Welt führst. Einmal könntest du mir, dem Heiligen der Ritter, um deswillen einen Gefallen erweisen.«

»Und der wäre?« fragte der Tod.

»Kannst du mir nicht einen Ritter ohne Furcht und Tadel aus dem Leben zur himmlischen Herrlichkeit einführen, der hier als Ritter und nicht als armer Sünder passieren könnte? – Es soll nichts Unrechtes dabei sein und Gott weiß auch davon.«

»Brauchst nicht davon zu sprechen daß bei einem Ansinnen von dir gestellt nichts Unrecht's ist«, erwiderte der Tod. »Aber es gibt nicht viele solcher wie du brauchst. Und wenn es einen gibt, müßte ich ihn unversehens holen, von wegen – –; doch das tue ich nicht gern. Einem Ritter ohne Furcht und Tadel kündige ich mich vorher an; die haben keine Furcht vor mir, also brauche ich sie ihnen auch nicht zu ersparen wenn ich's anderen armen Schluckern oft in Gnaden antue.«

»Ritterlich fürwahr,« sagte der heilige Georg, »wie es dem Bruder der Ritter ziemt. Sollte mir auch nicht gefallen, wenn du einen Ritter um meinetwillen unversehens holtest. So kündige dich einem an, den du für unanfechtbar hältst; und wenn er es ist, wird er auch über die Frist die du ihm zubilligst hinwegkommen ohne daß sie ihn zum Sünder machen.«

»Vielleicht! – Mag sein, wenn ich sie kurz bemesse,« meinte der Tod, ohne zu zeigen ob er Vertrauen dazu hätte, »aber es kann schief ausgehen. – Doch laßt sehen, wer es sein könnte!« Da sank der Tod auf seiner Mähre ganz in sich zusammen in Sinnen; und die beiden Heiligen, Georg und Peter, standen schweigend bei ihm unter dem geöffneten Himmelstor eine ganze Weile während welcher die Englein die den Dienst zu versehen hatten auf dem einen schwingenden Torflügel im Halbkreis hin und her zu fahren sich belustigten. Endlich begann jener, sich ein wenig aufrichtend, langsam wieder:

»Da wäre einer – – der Rittmeister –; nun, der Name tut ja wohl im Himmel nichts zur Sache; obwohl es ein guter bürgerlicher Name ist den er trägt,« bekräftigte er, da er die etwas ungläubigen Gesichter der beiden Heiligen sah, »stammt aus Bremen, wohnt aber jetzt in seinem Haus, der Sonnenweide, wie er es nennt, auf den westlichen Höhen am Rhein, wo er nach Frankreich hinübersehen kann; damit er dem Frohsinn und dem Wein näher sei, wie er sagt. Das ist ein Ritter nach deiner Art, heiliger Georg, vom Scheitel bis zur Sohle. – Wie oft hat er mir ins Angesicht geschaut; aber er hat's mit Lachen getan und es ist kein Falsch an ihm. Zwar wettert er ein ordentliches Grobzeug vom Maul und fluchen mag er bei allen Teufeln daß es seine Art hat, besonders des Abends, wenn er etwas unter seinem Bett zu suchen scheint was er nicht finden kann. Gegen die Weiber freilich ist er zu allen Zeiten von feinen Worten und übrigens immer von ritterlichen Manieren wo sie am Platz sind. Von Gebet und Kirchgang hält er wohl nicht viel, obwohl ich ihn einmal selbst in einer Kirche gesehen habe, in deren Kühle ich trat, um mich vor der Sonnenglut zu retten die mir auf die Knochen brannte; nur: ein Priesterrock war nicht drinnen. – Und beten habe ich ihn auch einmal hören, da ich neben ihm stand als er beinahe von den Hottentotten totgeschlagen worden wäre die ihn und seine paar Reiter umzingelt hatten. Aber es war ein seltsames Gebet das er sprach; denn er sagte, während er die Übermacht ins Auge faßte die auf ihn von neuem einzudringen sich anschickte, mit der gesenkten Klinge in der Faust die Worte: ›Herr Gott, wenn es einen gibt, in deine Hände befehle ich meine Seele, wenn ich eine habe.‹ Zu mehr hat er sich wohl nicht Zeit gelassen. – Aber durchgehauen hat er sich. – Glaube nicht daß ihn jemand je klein kriegen würde oder daß er seinen Nacken beugen würde, es sei denn er stände vor Gottes Thron und sähe ihn von Angesicht zu Angesicht. – – Wäre wohl dein Mann, Georg – doch ohne ausdrücklich Geheiß von unserm Herrgott werde ich ihn nicht abrufen; denn seine Stunde ist noch nicht da.«

»Soll auch nicht geschehen, Bruder«, versetzte Sankt Georg, während der Tod seine Rosinante, die mit zurückgelegten Ohren auf drei Beinen eingeschlafen war, unsanft in die Rippen stieß als ob er ärgerlich über die verschwatzte Zeit sei, sie allmählich in einen müden Trab versetzte daß die Eisen klappten, und mit wehendem Mantel davon ritt.

Am Abend jenes Tages schlug der heilige Georg seinem Herrn den Rittmeister vom Rhein als seinen Stellvertreter vor, indem er ihm alles getreulich berichtete was der Tod über ihn erzählt hatte. Und er verschwieg ihm auch nicht, daß der Rittmeister gar vielem mit des Teufels Namen Nachdruck verschaffe, worauf Gott erwiderte daß er das lieber sähe als wenn die Menschen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit seinen eigenen Namen im Munde führten. Als sein Reiterführer ihm aber die Geschichte von dem sonderbaren Gebet erzählte, da sagte der Herr, daß er wohl davon wisse und daß er es einem gerade denkenden Ritter nicht verübeln könne, wenn er, mißtrauisch durch allen Firlefanz den man der Menschheit heutzutage vormache, nun auch die einfachsten Dinge nicht blindlings mehr glauben wolle sondern sich hinter einem Wenn verschanze. Den Rittmeister kenne er als einen ganzen Mann und er sei ihm an Stelle des heiligen Georg für die Dauer seines Urlaubs wohl recht.

Also erhielt am folgenden Tage der Tod durch den heiligen Petrus den göttlichen Befehl, den Rittmeister aus seinem irdischen Leben abzuberufen.

 

Als der Tod diese Weisung am Himmelstor erhalten hatte, ritt er langsam abwärts, Schritt für Schritt, in Gedanken versunken; und wenn die alte Stute am Rande der Straße stehen blieb und einige staubige Halme abrupfte, so störte er sie nicht darin, so daß es schon eine Weile dauerte bis er die Erde wieder unter sich dröhnen hörte wie ein gewaltiges Grab. Er zog auch nicht geraden Weges zum Rhein sondern machte allerhand Umwege und hatte in den Städten und Dörfern bald hier bald da etwas zu bestellen, sich bei diesem oder jenem für spätere Zeit ankündigend wo er sich sonst nicht mit Umständlichkeiten plagte. Und es schien ihm nicht recht wohl in seinem alten Mantel zu sein, da er manchmal unwillig die Schultern hin und her zog wie einer dem es in seinem Rock zu warm wird.

So war die Sonne schon herunter als er von Osten her an den Rhein kam und auf den Höhen des jenseitigen Ufers das Haus des Rittmeisters vor sich sah, das er an dem Lichterglanz der von ihm ausging und an den mancherlei Lampions erkannte, die in den Gängen und Lauben des Gartens in gedämpfter Helligkeit bis an das Ufer des Stroms herunter erglänzten und im Abendwind leise hin und wieder schaukelten. Denn der Rittmeister hatte Gäste zu Abend und das festlich erleuchtete Haus und der lichterschaukelnde Garten waren ein bekannter Anblick in der Gegend ringsum. Der Tod polterte mit seinem Pferde in die Fähre, welche ihn an das andere Ufer und zu dem kleinen Städtchen bringen sollte das etwas weiter stromab hart am Ufer in dichte Gassen zusammengedrängt lag und sich nur mit wenigen Häusern bis zur halben Höhe herauf am Hügelhange festzuklammern wußte. Als er nun an der Fährkette schweigend über den schweigenden Strom trieb, bedachte er sich daß es nicht ritterlich von ihm gehandelt sein würde, wenn er einem Ritter und dessen Freunden ein frohes Abendmahl verdürbe, indem er ihm in seiner wahren Gestalt ins Haus fiele. Die Gäste, so meinte er, brauchten wenigstens nichts von ihm zu spüren wenn er dem Rittmeister ankündigte daß er ihn am andern Morgen in der Frühe abholen werde; denn diese Frist wollte er ihm noch gönnen. Er zog daher drüben seinen Gaul in eine Herberge, während er selbst die Gestalt und Tracht des Büttels annahm, den der Rittmeister noch aus seiner Fähnrichszeit kannte, um so bei seinem Erscheinen vor ihm nicht alles Gewichtes bar zu sein. So angetan, ging er ziehenden Schrittes den Berg hinan und wußte nicht ob ihm das Steigen an sich schwerer geworden war oder ob's ihm nur heute so schwer ankäme, weil er einen Ritter in sein Verderben hineingelobt hatte.

Droben im Hause saß man beim Wein. Die Speisen waren abgetragen, aber die Gesellschaft blieb seßhaft vor den gefüllten Gläsern, deren jedem eine leichte lebendige Säule luftiger Perlen entstieg als ob ein unerschöpfliches Leben darin sein Spiel triebe. Es waren nicht mehr als sechs, drei Männer und drei Frauen, welche da in dem Räume versammelt waren, der nur zur Hälfte in das Haus eingebaut war, zur andern Hälfte aber in seiner ganzen Längsseite in einen terrassenartigen Vorbau auslief, um dessen Brüstung und hölzerne Eckpfeiler der wilde Wein dem leichten Gebälk zustrebte das diesen Teil deckte und mit dem Laub vereint dem zaghaften Licht der Sterne den Eintritt nicht ganz verwehrte. Beide Hälften verband der getäfelte Fußboden ohne Grenze zu einer wohltuenden Einheit, die das Heimisch-trauliche eines Gemachs mit der Freiheit einer das Land beherrschenden Terrasse in glücklichster Weise verschmolz. Denn die sechs, welche da oben an dem mehr in den Innenraum gerückten Tisch saßen – vier mit dem Rücken gegen die Wand, in deren Mitte die Tür zu einer inneren Halle führte, und zwei an den beiden schmalen Enden – überblickten von ihren Sitzen über die unteren Terrassen des Gartens hinweg weithin das Tal und den Strom: nicht nur zu den gegenüberliegenden Höhen sondern stromaufwärts, da der Rhein dort eine scharfe Biegung ins Land hinein macht, eine lange Strecke, die in leicht geschwungenem Laufe vor ihnen zurückwich, bis sie, in unbestimmter Ferne durch die rechts und links schroffer herantretenden Berge des Ufers allmählich eingeengt, endlich dem Auge durch einen sich vorschiebenden Bergriegel Halt gebot. Dort hinauf lagen an den Ufern Städtchen an Städtchen, an die wald- und weinbebauten Hänge angelehnt Siedelung über Siedelung zerstreut, und auf den vorspringenden Punkten, mit den Felsen scheinbar verwachsen, die alten Schlösser und Burgen des Rheintales. Der Geist des geschäftigen, tätigen Lebens, der von den Niederlassungen der Menschen heraufstieg, mischte sich mit dem der Vergangenheit und Sage, der von den Ruinen herüber wehte, zu jenem mächtigen Strom, welcher in den Herzen derer die ihn in sich hineinfluten lassen, immer die nämliche Empfindung auslöst, die in einer sich selbst überlassenen, gedankenlosen Stille hervortritt, dem innern Jubel über die Schönheit des Landes den Ausbruch wehrend.

In dieser Stimmung, dem Anblick des in der Dämmerung allmählich versinkenden Tales hingegeben, hatten auch diesmal wieder, wie schon so oft, die sechs auf der Sonnenweide das abendliche Mahl in einer Art von stiller Feierlichkeit verzehrt. Wenig Worte waren dabei gewechselt und Tischreden gab es ein für allemal nicht in ihrem Kreis. Denn man hatte sich gewöhnt, den schweren duftenden Rheinweinen die Ehre anzutun, sie nicht auf Kommando zu Trinksprüchen gläserweise hinabzuspülen nach Sitte zechender Junker sondern sie nach ihrem Werte zu behandeln und ihnen, jeder nach seinem Geschmack, mehr zuzusprechen als seinem Nachbarn. Jetzt aber, da das Dunkel den Genossen das Bild der Landschaft entzog, der ernste Rheinwein dem lustigeren Champagner Platz gegeben hatte, zog sich die Feierlichkeit etwas vor der Ungebundenheit zurück und lustige Gespräche mit allgemeinem Gelächter wie heimliches Geflüster und ab und zu ein Erröten sprangen zwischen den drei Männern und den drei jungen Frauen hinüber und herüber wie Kobolde und Elfen im Wechseltanz.

 

Ursprünglich – vor Jahren – hatte der Kreis nur aus den drei Männern bestanden, die sich bescheidentlich und doch nicht ohne Selbstbewußtsein in ihrem Verhältnis zueinander »die drei Lichter« nannten. Sich selbst nämlich gemeinsam oder einzeln etwas zu verspotten, war einer der Lieblingsfreundesdienste die sie sich gegenseitig erwiesen. Jeder war in seiner Art ein Prachtkerl und wenn sie auch die Gelehrsamkeit nicht mit Löffeln gefressen hatten, so hatten sie doch alle den Mund wie das Herz auf dem rechten Fleck und waren sich ihres Wertes andern gegenüber, trotz der schon erwähnten Bescheidenheit, wohl bewußt. Nur sich selbst beleuchteten sie in lustiger Weise bei jeder Gelegenheit von innen und außen. Und diese Gelegenheiten bestanden fast ausschließlich in gastlichen Zusammenkünften auf der Sonnenweide, die dazu vom Schicksal in ihr Dasein mit der äußersten Absichtlichkeit hineingebaut schien.

Das vornehmste der drei Lichter und von den beiden andern als dasjenige angesehen welches den meisten Glanz ausströmte war der Rittmeister. Der saß nun schon einige Jahre nachdem er den Abschied aus dem Heere genommen hatte, da der Dienst ihm nach seinem afrikanischen Kriegsleben unerträglich zu sein schien, auf der ihm etwa zur nämlichen Zeit durch Erbschaft zugefallenen Sonnenweide und gedachte den Menschen zu zeigen daß dem schönen Leben auch ohne das Zwingende des Berufs noch genug abzugewinnen sei. Und dazu hatte er alles Zeug; denn die Vorstellung daß irgend etwas schöner sein könne als das Leben wie er es sich gestaltete, in völliger Freiheit aber doch nie in Untätigkeit, als welche er auch das Soldatenspielen in Friedenszeiten, wie er es nannte, halb und halb ansah und aus diesem Grunde verdammte, hätte ihm niemand beibringen können.

Obwohl schon über die Vierzig, schien für ihn das Alter nicht zu Ende zu gehen wo er dem gleichgültigen Begebnis den Wert eines herrlichen Erlebnisses abzuringen wußte, für das er dann gern irgend etwas aufs Spiel zu setzen geneigt war. So konnte er einem Sack mit ein paar jungen Katzen, die ein Winzer zum Ersaufen vom Steg in den Rhein warf, in vollem Anzug nachspringen, um sie mit Gefahr seines Lebens wieder herauszuholen, und in der Gegend erzählte man sich daß er in ähnlicher Weise von einem Dampfschiff aus einen roten Sonnenschirm gerettet habe den der Wind einer Dame vom Deck in den Strom entführt hatte wo er in hilflosem Geschaukel dahintrieb. Daß er bei einem Kriege nicht dahinten bleiben würde, war für ihn selbstverständlich, und man wußte daß er die Neuerungen, die seine von ihm heißgeliebte Waffe erfuhr, aufmerksam verfolgte. Sie war auch der einzige Gegenstand welchem er einen gewissen eigentümlichen Forschungseifer entgegenbrachte, der sich mit gleichem Durst auch auf die Reiterei des Auslandes und vergangener Zeiten erstreckte. Und so hatte er die Wände seines Zimmers durch eine von ihm stetig höher geführte Mauer von allen nur irgend erreichbaren Büchern und Werken über Reiterei und Reiten allmählich verdickt, die er alle gewissenhaft durchlas. Aber einschließen ließ er sich freilich nicht von diesen büchernen Wällen sondern hielt die Tür ins Freie hübsch offen; denn das Wandern und Jagen machte ihm Freude und das Reiten war für ihn eine Notwendigkeit; daß der Spruch lautete: navigare necesse, vivere non necesse est, betrachtete er als eine ganz unverständliche Zurücksetzung des Reiters gegenüber dem Seefahrer. Für ihn stand das equitare vor dem vivere und er behauptete, schon aus dem Prägen jenes Spruches könne man ersehen daß die Römer nichts von Reiterei verstanden hätten.

Der Rittmeister war reich und die Sonnenweide ohne Herrin. Aber wenn ihn von seinen Bekannten einer darauf anredete, warum er diesem vermeintlichen Mangel seines Daseins nicht abhelfe, pflegte er zu sagen daß er es nicht übers Herz bringen könne, eine hübsche junge Frau an seine Bettstelle anzubinden, und eine alte häßliche zu nehmen, könne niemand von ihm verlangen. Das sagte er so, daß die Frager nie wußten ob er in Ernst oder Spaß gesprochen und sich, in ihrer Menschenfreundlichkeit gekränkt, zurückzogen. Aber keine von den lustigen Frauen am Rhein die ihm nachsahen, wenn er auf seinem langschrittigen feinhälsigen Engländer in jener Unauffälligkeit dahinritt die den Reiter von demjenigen unterscheidet der sich zu Pferde durchs Land tragen läßt, hat je mehr als ein lachendes Gesicht, einen kecken Zuruf oder ein neckendes Geplauder von ihm einstecken können. Denn das Geplänkel in der Liebe war nicht seine Art und eine ernsthafte Attacke, bei welcher er nach Ritterart sein Bestes einsetzen könnte, schienen ihm diese nicht wert.

Das zweite Licht, das sogenannte lange Licht, war des Rittmeisters um einige Jahre jüngerer Kamerad in seinem Kriegs- und Lagerleben gewesen, ein baumlanger stiller Hüne, der eine Kugel in der Lunge sitzen hatte, die ihn zwar nicht störte aber seinen Abschied vom Dienst notwendig machte. Der war seinem Rittmeister, für den er durchs Feuer ging, an den Rhein gefolgt und studierte jetzt weniger aus Neigung als um irgend etwas zu tun mit dem Eifer des an Pflichten gewöhnten Mannes an der nahen Hochschule die Landwirtschaft, ließ es sich aber nie nehmen, zu den Zusammenkünften der Lichter herüberzukommen. Er war eine etwas scheue, schwer zugängliche Natur und es hatte Jahre gedauert, bis ihn der Rittmeister sozusagen entdeckt hatte. Aber nun hielt er um so treuer zu dem Jüngeren. Diesem war seines Rittmeisters Auffassung vom Dasein geradezu eine Erquickung; denn sie war von der seinigen, die er übrigens nie zum besten gab sondern wie etwas dessen er sich schämte für sich behielt, so verschieden wie nur möglich. Er konnte es sich gar nicht erklären daß der Rittmeister immer etwas zu erzählen, immer etwas erlebt hatte, immer gespannt war wie das und jenes ausgehen würde, und er bewunderte das nicht nur an ihm sondern suchte ihm die Kunst des Lebens nach Strich und Regel abzulernen und war über nichts mehr erstaunt als über die sich immer wiederholende Entdeckung daß er darin gar keine Fortschritte mache. Das Ereignis seines Lebens waren eben die Kriegsjahre gewesen und das Heute war für ihn nicht mehr als ein ungestaltbares Hinlechzen nach irgendeinem unbestimmten großen neuen Erlebnis, das morgen kommen sollte und nie kommen wollte. Daß man mit diesem Heute schon etwas Besonderes anfangen könne und nicht auf das Erlebnis des Morgen zu warten brauche, begriff er nicht. Da er somit seiner Meinung nach mit Ausnahme jener Kriegsjahre mit dem Rittmeister nicht viel erlebt hatte und erlebte, so trug er oft nicht viel zur Unterhaltung des Kreises bei; indes war er wohl belesen und über die meisten Dinge die man aus Büchern schöpfen kann besser unterrichtet als die andern beiden Lichter. Was ihn aber dem Rittmeister besonders wert machte, war sein ritterlicher Sinn, den jeder bei dem Umgang mit ihm jederzeit herausfühlen mußte selbst wenn er sich scheinbar nicht äußerte.

Der dritte der Männer war des Rittmeisters Vetter, welcher zu gleicher Zeit als diesem die Sonnenweide zufiel das große Nachbargut stromaufwärts mit ausgedehnten Weinbergen geerbt hatte, das ihm der Vater in musterhafter Ordnung hinterließ und er in eben solchem Zustand weiter führte. Er war ein echter lustiger rheinischer Junker, kannte jeden Sang und jeden Klang, jede Sage und jedes Geschichtchen aus der Gegend ringsum und war als trunkesfreudiger und trunkesverständiger Mann ein äußerst wichtiges und unentbehrliches Glied der freundschaftlichen Dreieinigkeit.

Es blieb aber dabei, daß die drei Lichter ihren Schein ausschließlich auf der Sonnenweide zusammentaten und sich dort nicht nur die Abende sondern auch ab und zu die Nacht erleuchteten, da ihnen des Vetters Haus wegen seiner noch dort mit ihm lebenden Mutter, die einen leichten Schlaf hatte, dazu nicht brauchbar schien und die Studentenbude des langen Lichts insoweit nicht in Frage kam. Zudem: wer von den andern hätte diese Zusammenkünfte so froh und festlich ausschmücken können wie der Rittmeister und wo im Umkreis gab es einen Blick ins Land wie auf der Sonnenweide?

Als sie sich aber nun im Laufe der ziehenden Sommer ungezählte Male zusammengefunden, sich so recht eigentlich durchleuchtet und am wechselseitigen Aufflackern und Reflektieren wie an einem lustigen Schattenspiel gründlich gütlich getan hatten, kam es den drei Lichtern vor, als ob der Glanz den sie ausstrahlten nachließe wie der Schein einer Lampe an die man sich zu lange gewöhnt hat. Um diesem Nachlassen ihrer Leuchtkraft abzuhelfen, schlug eines Abends der Rittmeister vor daß es jedem erlaubt sein solle, zu den Sonnenwendfesten eine Freundin mitzubringen, welche er wolle, um so einen Gegenstand zu haben den man gewissermaßen heller und glühender anstrahlen könne als sie es untereinander vermöchten. Dieser Vorschlag wirkte wie ein schöner Blitzstrahl den man quer über das Firmament mit bewundernden Augen verfolgt, und wurde, schon weil er vom Rittmeister ausging, als besonders glänzend bejubelt, obgleich das lange Licht und der Vetter in dem Augenblick gar keine Ahnung hatten, woher sie eine Freundin finden sollten die den fast geheiligten Ton ihres Kreises nicht stören würde.

Der Rittmeister freilich wußte das; denn am nächsten Versammlungsabend führte er die schöne Lux als seine Freundin in den Kreis der Lichter ein, die als solche natürlich ohne weiteres bei dem Junker eine wohlgefällige Aufnahme fand und vollends von dem langen Licht geradezu als ein Wunder angestrahlt wurde. Dieser war ohne Freundin erschienen und erklärte etwas verlegen, er habe keine. Dagegen hatte der Junker, zur Probe, wie er sich vornahm, seine Cousine mitgebracht, welche seine Mutter seit einigen Jahren ins Haus genommen hatte und die er längst geheiratet hätte, wenn nicht die alleinseligmachende Kirche die sie darum befragten ihnen die Ehe als Verwandten aus irgendeiner Veranlassung versagt und aus diesem Grunde nicht seine Mutter gegen ihre Ehe überhaupt in Harnisch geraten wäre, aus dem sie nicht wieder herauszulocken war. So wollten sie warten und später versuchen, auch ohne den Priester glücklich zu werden, was sie sich nun einmal vorgenommen hatten.

Die braune Lux war die unnahbarste Schönheit der kleinen Stadt und bewohnte etwa auf halber Höhe und halbem Wege zwischen der Sonnenweide und dem engwinkligen Gassengewirr ein schmuckes Haus hart an der Straße. Sie war die Tochter des verstorbenen Bürgermeisters und einer schönen Flamländerin, die in Frankreich eine zweite Ehe eingegangen war, während die Lux, erwachsen genug um ihren Willen zu haben, weder ihres Vaters Haus noch die Stadt verlassen wollte wo er begraben lag. Sie war groß, geschmeidig und von königlichem Wuchse, großzügig auch in den Linien des Gesichts, wie man es oft bei Menschen flämischer Abstammung findet, aber edel und regelmäßig und von einer kernigen gebräunten Gesundheit; eine Vereinigung von Eigenschaften die ihr erlaubte, ohne Auffälligkeit starke, satte Farben und schwere ungewöhnliche Stoffe, große Hüte mit wallenden Federn und zierliche mit Email betupfte goldene Schmetterlinge von französischer Arbeit als Ohrringe zu tragen, welche mit zurückgelegten Flügeln an ihren schimmernden Ohren wippten wie an zwei Rosenknospen. Ihre braunen Augen hatten eine stille, vorsichtige Aufmerksamkeit, immer auf das Nächstliegende was gerade vorging; und eine zum Herzen dringende Frische und Fröhlichkeit blitzte aus ihnen heraus, wenn sie lachte und ihre etwas zu kleinen Zähne zeigte. Der Rittmeister umwarb sie mit aller Artigkeit und mit einer ihm selbst fremden Beharrlichkeit; aber obwohl sie ihn oft mit ihren aufmerksamen Augen offensichtlich betrachtete und ihm wohl auch überlegen zulachte wenn er vorüberritt, so gönnte sie ihm doch nie ein Wort und erwiderte nicht einmal seinen Gruß. Und so wäre die Belagerung wohl nie zum Ende gekommen, wenn er sich nicht in besonderer Weise selbst die Brücke geschlagen hätte. Denn eines Tages sah er im Vorbeireiten einen Grafen, der auf seinen Namen gestützt das edle Geschäft des persönlichen Heiratsvermittlers spielte und den er gerade aus seinem eigenen Hause hinausgeworfen hatte, mit dem Rücken gegen das geöffnete Fenster im Empfangszimmer des Fräuleins gelehnt das sich im Erdgeschoß befand, lebhaft in den Raum hineingestikulieren. Er ahnte was vorging, drängte sein Pferd an die Mauer und ergriff wortlos das schmächtige Gräflein vom Sattel aus beim Kragen, hob es, wie der Riese den Gulliver im Märchen, aus dem Fenster heraus und setzte es in den Staub der Straße, worauf er ohne umzublicken seines Weges ritt. Das schien der Schönen denn doch andre Art als die der Männer welche sie bisher beobachtet, und sein Betragen hatte für sie etwas so zwingendes daß sie es ihm durch einen Besuch dankte. Und so lernte sie ihn lieben in seiner lebensfreudigen Ritterlichkeit; ihn, der sie liebte vom ersten Blick in welchem er das Edelmütige ihres Wesens herausgefühlt hatte, das sie zueinander treiben mußte wie eine höhere Macht. Die Leute redeten über ihre Freundschaft; sie ließen sie reden. Was hatten die Leute mit ihrer Liebe zu schaffen, die edel war weil zwei edle Herzen sie empfanden.

Die erste Tat der schönen Lux bei den Freunden von der Sonnenweide war, daß sie das dreiseitige Gleichgewicht wieder herstellte, welches der Hüne dadurch störte daß er ohne eine weibliche Zutat nunmehr offenbar an Gewicht verloren und sozusagen in der Luft schwebte. Sie sagte nämlich mit einem ihrer aufmerksamen, beinahe musternden Blicke, sie werde ihm ihre Nichte Leonore mitbringen, die just die rechte Partnerin für ihn abgeben werde. Das lange Licht lachte und war es zufrieden; und die schöne Lux erschien das nächste Mal mit einem blutjungen Wesen von Edelfräulein, das bei ihr eigentlich nur zu Besuch war aber diesen bald in einen dauernden Aufenthalt zu verwandeln wußte. Nicht gar so oft kamen sie zusammen, so war der Hüne bis über seine abstehenden Ohren in sie verliebt, was die natürlichste Sache von der Welt war. Und das war die sechste im Kreise derer auf der Sonnenweide, zu denen der Tod an jenem Abend emporstieg.

 

Gerade sagte der Rittmeister hinter einer roten Rose, die er von der Tafel aufnahm wo sie mit andern in einem losen Kranz gelegen hatte, zu dem an seiner linken Seite sitzenden Edelfräulein etwas was sie in ein lachendes Erröten, den sich vorbeugenden Hünen am Ende des Tisches aber in ein errötendes Lachen ausbrechen ließ; welche Doppelwirkung die schöne Lux veranlaßte ihm mit dem Finger zu drohen, während der Junker und seine Freundin am andern Ende in die Fröhlichkeit einstimmten die wie ein Funke an der Zündschnur zu ihnen lief. »Lüchslein,« sagte der Rittmeister, welcher sie wegen ihres schmeidigen Wesens und ihrer flinken Augen oft so nannte, »Lüchslein, wenn du drohst, ertränk' ich mich.« Und um die Drohung wahr zu machen, tat er einen schreckhaft langen Zug. Er hatte noch nicht abgesetzt, als der aufwartende Bursch' ihm zuflüsterte, der Büttel ließe ihn herausbitten, er habe ihm etwas zu bestellen. »Kreuz –, der Büttel?« rief der Rittmeister laut, indem er das Glas auf den Tisch stieß. »Ja, was will denn der Büttel von mir? Außer zwei Maulwürfen hab' ich in der letzten Zeit niemanden umgebracht, stehlen ist keine Kunst die ich erlernt hab', und Brot und Wein sind bezahlt. – Wird ein feiner Spaß draus werden,« lachte er aufspringend, »paßt auf, ich riech' ihn schon.« Und hinaus war er daß der Stuhl gegen die Wand flog.

Draußen aber stand der Tod, den er trotz seiner Verkleidung sofort erkannte; und ein kalter Hauch traf ihn. »Herr,« sagte der Tod, »ich muß euch dieses Leben von heut' auf morgen kündigen. Wenn die Sonne in euer Schlafgemach scheint, haltet euch bereit.«

Der Rittmeister zuckte mit keiner Wimper und die Worte klangen ihm nicht anders als wenn sein Oberst ihm Befehl sandte: »Wenn die Sonne aufgeht, haltet euch bereit zu reiten.« Der Tod aber verschwand im zunehmenden Dunkel wie ein Bote dessen Fortgang man, in Gedanken mit der überbrachten Botschaft beschäftigt, nicht beachtet.

Schon wollte der Rittmeister zu der Gesellschaft zurückkehren, die er lachend verlassen hatte, als er sich bedachte;, denn er bemerkte daß er ernst geworden war und einige Augenblicke brauche, um seine Nachdenklichkeit zu verwischen. So ging er ruhigen Schrittes über sandbestreutes Pflaster nach seinem kleinen Stall und trat in die offene Tür. Dort lehnte sein Pferdejunge, ein blöder, verwachsener armer Teufel, den niemand in der Nachbarschaft mochte und den er gutherzig angenommen hatte. Da übertrug er nun das bißchen Liebe und Zärtlichkeit das er bei den unduldsamen Menschen nicht losgeworden war auf die geduldigen Tiere und sie dankten es ihm und gediehen unter seiner Obhut. Jetzt hoben sie beide mit leisem, vertrautem Gewieher die Hälse, als sie den Schritt des Herrn erkannten. Der Junge hatte auf ihn gewartet und fragte, wie er es alle Abend tat, ob er die Pferde für den Ritt in der Frühe bereit machen solle. Und als ob es wirklich einen Ritt gälte, antwortete der Rittmeister: »Den Engländer magst du immerhin fertig machen; den Hottentotten kannst du in die Schwemme reiten; das Fräulein wird nicht reiten morgen früh.« Der Hottentotte war der alte Rappe der ihn im afrikanischen Kriege getragen und den er aus Dankbarkeit für seine Dienste mit in die Heimat gebracht hatte; nun diente er der schönen Lux als gefügiges Reitpferd.

Als er wieder auf die Terrasse trat zu den Freunden, spielte ein Lächeln um seinen Mund wie einem der etwas Schönes erlebt hat. Aber die Männer wie die Frauen mochten doch merken, daß das mit dem Büttel nicht in einen feinen Spaß ausgegangen war wie er angekündigt hatte.

»Wenn es sich um Geld handelt,« sagte der Vetter, »mein Beutel steht dir natürlich offen.« – »Meiner natürlich auch«, sagte bescheiden und treuherzig das lange Licht, welches ganz vergessen hatte daß es selbst kaum genug hatte um sich notdürftig in Brand zu halten.

»Oder müssen wir dich wirklich aus dem Gefängnis auslösen?« meinte die schöne Lux halb im Scherz. »Will er dich denn gleich mitnehmen? Da geben wir dir allesamt das Geleite!«

»Das ist nicht mit Geld abzumachen,« erwiderte der Rittmeister lächelnd und schaute in sein Glas, »und ihr könnt mich auch nicht dahin geleiten wohin er mich bringen wird. Denn der Büttel – denn der Büttel – der Büttel war der Tod!«

Sie schwiegen alle beklommen und die Frauen rückten ein wenig zu den beiden andern Freunden, während die Lux ihre ruhige Hand auf die seine legte. Aber keiner hatte eine Erwiderung und so fuhr der Rittmeister nach einer Weile fort:

»Warum es euch verschweigen die ihr ein Recht auf das habt was mich angeht; denn so haben wir es untereinander gehalten. – Ich habe des Todes kalten Hauch auf mir gespürt und es ist der letzte Abend den ich unter euch sein werde. Aber ich will ein schlechter Kerl sein, wollte ich traurig sein solange ich mit euch zusammen bin. Das soll des Todes schönster Streich werden daß er mich in eurer Mitte findet; in eurer schönen Mitte –.« »Das Leben!« schloß er dann plötzlich mit einem sieghaften Aufschrei und erhob sein Glas. Und die Freunde verstanden ihn und erhoben mit ihm ihre Gläser und leerten sie ein Lächeln im Herzen, obwohl es Tränen waren was in ihren Augen glänzte. Und dann kamen sie überein, die letzte Nacht die dem Rittmeister gegönnt war nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen und ihm, der ihnen so viele Feste gegeben, seine letzten Stunden zu einem Fest zu gestalten wie er es liebte und ihn nicht zu verlassen. Der Tod werde wohl ritterlich genug sein, sagte der Rittmeister galant zu den Frauen, ihn, da er sich so ritterlich angesagt, auch auf gute Manier abzuberufen; es werde keine Szene geben die unliebsam sein könnte. Und so sprach er weiter über den Tod, als ob er morgen einen guten alten Kameraden wieder treffen würde den er in Ehren empfangen müsse und der ihm Ehre erweisen werde.

Aber so sehr sich die andern mühten, ihre Absicht in die Tat umzusetzen, es glückte ihnen nicht auf die erhabene Höhe zu gelangen welche der Rittmeister wie etwas Selbstverständliches dem kommenden Ereignis gegenüber gewonnen hatte. Bald hier bald da versank einer oder der andere aus der Runde in Schweigen und Sinnen, was sich wie ein vergiftendes Gähnen den übrigen mitteilte, und selbst als der Rittmeister das Lüchslein bat, die Laute herbeizuholen und durch eines jener kleinen französischen Marschliedchen deren Rhythmus schon allein wie ein belebendes Zaubermittel das Blut wirbeln macht, in den Freunden vertraute Stimmungen zu erneuen, wie sie es sonst so gut verstand, war nichts damit geholfen. Denn noch während die Finger gehorsam die lustigen, herausfordernden Akkorde griffen, beugte sich ihr schönes Haupt über die Laute und Tränen stürzten unaufhaltsam in rollenden Perlen herab.

Mehr und mehr kam es mit lastender Deutlichkeit ihnen zum Bewußtsein, wie er es war von dem ihr Zusammenhalt abgehangen hatte, und wie sie nach seinem Fortgang auseinanderfallen müßten gleich jenen kunstvollen Schlössern deren Glieder in unlösbarer Verschränkung zusammenschließen solange das eine, wichtigste an seinem Platze ist, die sich aber nie wieder vereinigen lassen wenn dies eine Glied entfernt wird. Der Rittmeister sprang auf. Begütigend schlug er vor, sie wollten einen Gang durch den Garten nach dem Fluß hinunter machen, und schritt mit der schönen Lux voraus, während der Hüne mit seiner Partnerin folgte. Das Besitztum war durch die Straße von dem kleinen Landungssteg der Fähre getrennt. Als sie durch das Pförtchen hinaus traten, fiel es dem Rittmeister ein, – als ob er den andern damit helfen könne, indem er von neuem bewies daß ihn selbst der nahende Tod nicht anfechte, – die Kraftprobe zu machen, wie er es nannte. Wie oft hatte er diese Kunst geübt; und wenn er an den hellen Sommerabenden aus dem Garten auf den Fährsteg trat, dann war drüben auf dem steinigen Ufer schon eine Anzahl armer barfüßiger Buben versammelt, lauernd wie die Möwen. Denn sie wußten was kam, und keines von den glänzenden Talerstücken die der Rittmeister mit einem ungewöhnlichen Maß von Kraft und Wucht über den Rhein warf, sich an dem Handgemenge ergötzend das sich entspann sobald das Geldstück klingend auf die Steine sprang, ist je verloren worden. Das Lüchslein hätte ihn anfänglich von dieser Übung abhalten wollen, die ungerecht sei gegen die Kranken und Verkrüppelten, welche sich nicht am Strand herumbalgen könnten. Aber seit sie wußte daß er für die im geheimen mehr tat als ihnen ein paar armselige Taler zuzuwerfen, freute sie sich mit an den pfeifenden Münzen, an dem Getümmel drüben und an der Kraft mit der sie geschleudert wurden, wie er sich dieser Kraft zu freuen schien.

Es war dunkel und kein Mensch da drüben; aber wenn sie ihn heute nicht auf den Steinen auffingen, so würden sie ihn morgen finden; und was lag daran, wenn sie ihn nicht fanden, seinen letzten Taler: er brauchte die Kraftprobe.

Er holte aus, gewaltig, halb zur Erde zusammengeduckt, und surrend schwirrte die silberne Scheibe in die Nacht. Die vier standen und lauschten auf den Aufschlag; sie lauschten viel zu lang. Aber weder das Klingen auf den Steinen dort drüben noch das schlüpfende Geräusch des Einschlags in das Wasser und das Zurückfallen der emporgeschleuderten Wassersäule ließ sich vernehmen. Es war ihnen als ob eine unsichtbare Hand die Münze im Dunkel aufgefangen hätte.

 

Als die vier wieder zur Terrasse emporgestiegen waren, fanden sie den Junker und seine Cousine zum Aufbruch gerüstet. Sie sagten zu dem Rittmeister, er wisse daß sie keine Fahnenflüchtigen seien; aber es sei etwas über sie gekommen, stärker als sie, das wollten sie ihm zu sehen ersparen. Da blickte ihn auch Leonore mit feuchten Augen bittend an und der Hüne hatte sich abgewandt und schien unbeweglich ins Dunkel hinaus zu starren. Er verstand sie alle und sie schieden mit einem stummen Händedruck zweimal die Reihe herum.

So blieb er mit dem Lüchslein allein.

Die schaukelnden Laternen im Garten waren alle erloschen, als sie sich in einer der kleinen Lauben im Dunkel niedersetzten. Er legte seinen Arm um sie und lange saßen sie schweigend, nicht anders als wie sie so oft in glücklichen Stunden am nämlichen Orte gesessen, mit den Augen den geliebten Strom suchend, der jetzt, da der Schatten der Höhen ihn deckte, wie ein dunkler grauer Flor in der Tiefe des Tales ausgebreitet war. Und dann, regellos, losgelöst von zeitlicher Ordnung, wie es ihm einfiel, zog bald dieses, bald jenes Bild aus ihrem gemeinsamen Erleben in seiner Erinnerung herauf; und »weißt du noch?« fragte er bei jedem der vielen Begebnisse die er in so schmucklosen, einfältigen Worten erzählte und doch so warm, so unmittelbar als wenn er sie gestern erlebt hätte. Ach! sie wußte es wohl. – Als ob zwei Stämme, miteinander aus einer Wurzel empor zur Sonne ragend, in einer Krone ihre Häupter vereinigend, nicht von jedem Sonnenstrahl wüßten der sie gemeinsam traf, nicht von jedem Hauch sich rauschend erzählten der sie gemeinsam bewegte. »Wie schön war das«, sagte der Rittmeister dann immer einfach wenn sie leise bejahte. »Wie schön war das!« – Aber es war nie ein Laut der Wehmut oder der Schatten einer Klage in seinen Worten daß er alles das jetzt lassen solle für immer. Nur das Schöne war in seinem Gedächtnis zurückgeblieben und er freute sich der Erinnerung daran wie eines neuen Wunders des Lebens, welches ihm in einer besonders glücklichen Stunde wie durch eine Gnade noch einmal das in einer seltsamen verklärten Frische zu genießen erlaubte was längst dahin war.

Sie stand auf. Sie hatte sich tapfer gegen die Weichheit gestemmt die sie übermannen wollte und sie an seiner Seite glücklich niedergekämpft: dies war zu viel. Zu viel von einer unergründbaren Schönheit, die eine unbekannte Gottheit in die Seele des Menschen gelegt und die sie auf die Kniee zu zwingen schien; zu viel von einer erschütternden Macht, welche ihr Herz erzittern ließ zum Zerspringen. Sie trat hinaus vor die Laube unter den freien Sternenhimmel und breitete ihre Arme weit aus; zurückgeworfenen Hauptes, mit geschlossenen Augen und halbgeöffnetem Mund stand sie so eine Weile, ohne zu atmen. Da fühlte sie seine Nähe und ihre Arme schlossen sich um seinen Hals. Er aber umfing sie, weitausgreifend, als wolle er die ganze Welt an seine Brust reißen, und faltete die Hände hinter ihrem Rücken und preßte sie an sich mit einer Kraft und einer Feierlichkeit und einer Inbrunst so ganz frei von Zärtlichkeit daß sie es fühlen mußte, wie er in ihr mehr umarmte, unendlich viel mehr als das Weib das er geliebt. »Dir danke ich alles«, sagte er.

Da war sie so stolz und so reich, so beschämt und so klein, so voller Freude und voller Trauer, daß ihr Herz es nicht mehr trug. Ein heißer Strom drang von seinem Grunde herauf, der nicht mehr zu hemmen war. Mit einer beinahe abwehrenden Heftigkeit klagte sie: »Laß' mich weinen! – Weinen – weinen in meiner Kammer eingeschlossen, wo mich niemand sieht in meinem Glück und meinem Schmerz.«

Da wußte der Rittmeister daß er allein den Tod erwarten müsse. Mit behutsamen Händen führte er sie die Stufen hinan über die Terrasse und durch die Halle. Sie ließ Hut und Mantel wo sie waren. Als sie über den Hof gingen und eine Kette im Stall rasselte, sagte der Rittmeister: »Den Engländer ließe ich am liebsten laufen, damit ich nicht weiß wer ihn nach mir reitet. Den Hottentotten und den blöden Burschen wirst du wohl behalten; sie sind beide treu.« Sie nickte.

Am Tor des Besitztums, das er nicht mehr verlassen zu wollen schien, schieden sie. »Leb' wohl, mein tapfrer Freund«, sagte sie, zog ihre Hand aus der seinen und lief mehr als sie ging den Berg hinab ins Dunkel.

 

Unterdessen brachte der Hüne Leonore die Straße hinunter nach Hause, als diese am Gartentor des Pfarrers einen Augenblick stehen blieb und ihn fragte, ob er nicht meine, hineinzugehen und den Seelsorger nach der Sonnenweide hinauf zu bitten. Da fuhr aber der treue Kamerad los als ob er seinen Rittmeister gegen die schlimmste Verleumdung verteidigen müsse, und bewies dem edeln Fräulein mit einer an ihm ganz ungewohnten Beredsamkeit, daß das der niederträchtigste Verrat sein würde den die Hölle ersinnen könne, so daß sie betroffen stillschwieg und ihren Weg mit ihm fortsetzte.

Aber die Worte des Fräuleins, wenn auch nur halblaut gesprochen, waren gehört worden; denn in der Laube des Pfarrgartens nahe der Straße saßen noch spät der Pfarrer und sein hoher Besuch, der Bischof, im Dunkel bei einem Glas Wein, dem sie nicht zu selten erlaubten, den schlimmen Gang der Welt, über den sie im eifrigen Gespräch waren, durch eine ihren Worten entgegenlaufende Bewegung in ihrer Kehle zu unterbrechen. Als sie aber das Fräulein davon reden hörten daß der Rittmeister auf der Sonnenweide den kommenden Tag nicht erleben werde, stellten sie ihr Gespräch und das Trinken zugleich ein. Nach einer Weile fragte der Bischof bedachtsam, ob es der Pfarrer nicht für angezeigt halte, nach diesem armen sterbenden Schäflein zu schauen ehe es für immer in der Finsternis verloren gehe. Der Pfarrer verstand und machte sich auf den Weg, nicht ohne den Mesner zu wecken, der dem Fürsten der Kirche für die Dauer seiner Abwesenheit aufwarten solle falls ihm, wie er erwartete, der Sinn nach einem andern Schlücklein stände. Oben ging er ungehindert in das Haus, da der Rittmeister dem nahenden Tod die Tür nicht hatte verschließen wollen, und fand ihn halb angekleidet auf dem Bettrand sitzend, wo er bei Lampenschein einige Lieder aus dem Gaudeamus las, die er als Wegzehrung mit auf die Reise nehmen wollte. Als er den Pfarrer eintreten sah, wunderte er sich, wem er wohl diesen Besuch zu verdanken habe. Der aber schob gleich den Bischof vor, welcher ihm, da man vernommen daß der Tod sich bei ihm angekündigt, den Befehl erteilt habe, ihn der Erquickung durch die Sterbesakramente teilhaftig werden zu lassen. Der Rittmeister erwiderte darauf, da er wohl wußte daß seine Hochwürden ein humorvoller Mann war, er fühle sich soeben durch das Lied vom Rodensteiner derart erquickt daß er keine Lust verspüre, diese Labung gegen eine andere einzutauschen deren Wirkung auf ihn zum mindesten zweifelhaft sei. Der Pfarrer aber verstand im Angesicht des Todes keinen Spaß, warf sich in die Brust und begann ihm als einem gotteslästerlichen Sünder donnernd ins Gewissen zu reden, als ob er die Posaunen des Jüngsten Gerichts hätte verkörpern sollen. Aber der Rittmeister war um Hilfe gegen die schmetternde Redekunst des hochwürdigen Herrn nicht verlegen und trat nur seinem Hund, der neben dem Bette lag und sich sozusagen dazu anbot, so bestimmt und nachdrücklich auf den Schwanz daß dem Pfarrer selbst die Posaunen Jerichos als Rückhalt nichts genützt hätten; worauf der Rittmeister den klemmenden Fuß entfernte und gutgelaunt bat, ihn doch eingedenk der mancherlei Rehkeulen und Hasen, die er ihm als friedliebender Nachbar zugesandt, nach eigner Fasson selig werden zu lassen. Weniger diesen Worten als der zwingenden Maßregel gegenüber die er gegen sich angewandt sah, fühlte sich der Pfarrer wehrlos und verließ das Feld.

Der Bischof aber, dem er die Abneigung des sterbenden Lämmleins vor der geistigen Stärkung berichtete, war mit diesem Rückzug wenig zufrieden. Für ihn konnte zum mindesten der Grund den der Pfarrer dafür angab nicht verfangen; denn ihm hatte der Rittmeister nie eine Rehkeule und nie einen Hasen gesandt. Er beschloß also, um dem untergebenen Priester mit gutem Beispiel vorauszugehen, selbst einen Gang nach der Sonnenweide zu tun und die dem Bösen heimfallende Seele in den Schoß der Kirche zurückzuretten. Prüfend hob er die neue Flasche die der Pfarrer bei seiner Rückkehr vor ihm fand gegen das Windlicht empor und hielt es nach dieser Untersuchung für angebracht, den Mesner zunächst vorauszuschicken, um bei dem Sterbenden seinen hohen Besuch anzukündigen.

Der Mesner, welchen die Natur mit jenem Verhältnis von platter Engbrüstigkeit und Rückgratskrümmung ausgestattet hatte durch welches sie die Demut und Ergebenheit auszudrücken sich vorgenommen zu haben scheint, fühlte sich in dem erhabenen Gedanken, einen mächtigen Fürsten bei einem armen Sünder anmelden zu dürfen, förmlich emporgetragen zu der Tür des Rittmeisters und nicht lange, so steckte er seine gelbe Nase behutsam aus seinen hochgezogenen Schultern herein, die einen stillen Vorwurf gegen die Schöpfung zu bedeuten schienen daß er sie nicht völlig über den Kopf heraufziehen könne wie eine Schildkröte ihr Haus. Aber wie er so mit an den Leib gepreßten hageren Armen und übereinandergelegten Händen dastand, als ob die natürliche Länge menschlicher Glieder eine Schande sei, und seine Botschaft hersagte, nicht ohne seine eigene Wichtigkeit als Träger derselben durchscheinen zu lassen, überlief es den Rittmeister wie vor einem Ungeziefer; und während er nach einem Paar neuer Zügel griff, die der Sattler gebracht, klang sein »hinaus!« so überzeugend, daß der Mesner, weiteres nicht abwartend, sich unversehens wieder vor der Tür fand. Den Rücken noch etwas mehr gekrümmt als gewöhnlich schlich er die Straße zum Pfarrhaus hinab und das stolze Gefühl eines Märtyrers für die gute Sache schwellte sein nach hinten verlagertes vertrocknetes Herz, nur durch eine Art von Bedauern beeinträchtigt, daß er den Geißelhieben eines wahrhaftigen, leiblichen Martyriums so nahe gewesen und ihrer von der Vorsehung doch nicht gewürdigt worden war.

Da machte sich in Würde und Eifer der Bischof selbst auf den Weg und der Priester folgte ihm in Gehorsam und Hilfsbereitschaft. Als sie bei dem Rittmeister eintraten, hatte er sich, da ihm nichts mehr zu bestellen schien, niedergelegt. Eine ihm unbekannte Schwäche breitete sich durch seine Glieder und mit einer Anstrengung nur zog er seinen alten Kriegsgefährten, den krummen langen Reitersäbel der am Bettpfosten aufgehängt war, aus der Scheide und zu sich aufs Lager. Denn er dachte nicht anders als der Tod habe sich verfrüht, und mit einer Kraft die er für seine letzte hielt, umklammerte er den Griff der Waffe als ob er die Menschen zwingen wollte, sie ihm mit ins Grab zu geben, wie man den Rittern ihr Schwert ließ. Aber er hatte sich getäuscht. Nicht der Tod trat durch die sich öffnende Tür sondern der Bischof und hinter ihm leisen Schrittes der Pfarrer. Er wies sie nicht fort; seine Augen waren geschlossen und seine Gedanken nicht bei dem was um ihn vorging, sondern sie flogen in einem glücklichen Fluge einer alles vereinenden Erinnerung zu den alten Kameraden seines Regiments, zu den Schlachtfeldern Afrikas, zu der schönen Lux, zu dem Bauernhof, wo er als kleiner Knabe das erste Mal auf dem riesigen Braunen vor dem Heuwagen gesessen hatte, zu seiner Mutter, wie sie ihm die erste Armbrust schenkte in einem mattblauen Kleide und eine Korallenkette am Hals, und zu gleicher Zeit fast zu ihrem Grab, das er ihr auf dem Hügel in der kleinen nordischen Stadt pflegte von wo man das Meer sieht; dann hörte er feierliche Worte von einer Stimme die betete; Frauen zogen an ihm vorüber; und dann war er wieder bei der schönen Lux und im Kreis der Freunde auf der Terrasse seines Hauses; und wieder hörte er gütige Worte, die ihm so sanft und feierlich zuredeten, er möge die Hände zum Gebet falten und die Formel der Beichte nachsprechen, auf daß ihm seine Sünden vergeben würden und er rein vor seinen Herrn im Himmel treten könne. Er besann sich; wem gehörte diese Stimme die er nie zuvor gehört hatte? »Laßt uns die Hände falten und also beten.«

Da öffnete er die Augen und sah den Bischof an seinem Bette sitzen und ihm zusprechen; und die Wirklichkeit erwachte um ihn zu neuem Leben. »Wollt ihr mich nicht in Frieden sterben lassen?« fragte er bittend. Und der Bischof antwortete: »Das ist es was wir wollen, und damit ihr in Frieden sterben könnt, so wollet eure arme sündhafte Seele erleichtern in den Worten der Beichte.« Als der Rittmeister sah daß sie nicht von ihm lassen würden, sagte er bestimmt: »Herr, solange ich ein Mann bin, habe ich keine Sünde begangen vor meinem Gewissen und wenn ich eine begangen habe, soll Gott sie mir vergeben. Was ich aber als Kind gefehlt, wird er gnädig ansehen, wenn er ein Vater ist.« Da bekreuzte sich der Bischof, aber er ließ nicht ab und verdoppelte seinen Zuspruch, und wenn ihm die Worte ausgingen, trat der Pfarrer an seine Stelle, und so wechselten sie einträchtig ab in ihrer Sorge um das Seelenheil des Ermattenden. Und die Stunden zerrannen, und die Stille der Nacht lastete in dem Raum, in welchem die unablässigen leisen Worte der Geistlichen wie ein feiner kaum hörbarer Regen auf das Gemüt des Rittmeisters herabrieselten. Er aber schwieg beharrlich und warf sich nur manchmal von einer Seite auf die andere. Nur einmal, da sie ihm die Hand von dem Säbelgriff lösen wollten, damit er sie im Gebet mit der Linken vereinigen solle, sagte er finster und als ob er eines Gelübdes gedächte: »Ich schwöre euch bei dieser Klinge, daß meine Hände sich nicht in Inbrunst falten werden; es sei denn um meiner Freundin Leib.« Da bekreuzten sich die beiden; aber sie ließen nicht ab und setzten ihm zu mit milden Worten und mit strengen Worten, und mit Verheißungen und Drohungen, und mit Bitten und Befehlen. Und noch einmal fuhr der Rittmeister empor im Zorn, setzte sich aufrecht in seiner Lagerstatt und rief: »Von Glück könnt ihr sagen, wahrlich von Glück, daß diese Klinge in meiner Hand mir heilig ist.«

Da fuhren sie zurück.

Aber bald kamen sie wieder und saßen wieder auf dem Rand seines Bettes und redeten auf ihn ein, bis er ihnen den Rücken kehrte. Doch es half ihm nichts. Es war wie wenn ein glühender Wetteifer, gerade diese verstockte Seele vom Verderben zu erlösen, in den Herzen der beiden Genossen im heiligen Stand erwacht wäre, bei jedem zu neuer Flamme angefacht durch jede neue Bemühung des andern.

Am Ende wurde er sie müde. Er sehnte sich, noch einmal zurückzutauchen in den glücklichen kristallklaren Traum der Erinnerung, der ihn umfangen gehalten ehe sie ihn daraus geweckt hatten. Eines aber wollte er vor allem: nicht vor ihren Augen sterben. Und schon fühlte er, wie sich etwas über seine Kniee legte wie eine bleierne Decke. Also fragte er, beinahe überhört von den Priestern, ob sie ihn in Frieden und allein lassen wollten, wenn er mit ihnen beten würde nach ihrem Willen. Der Bischof, der gerade die Wache bei ihm hielt, blickte den Pfarrer an: »Lasset uns zuvor beichten: Ich armer sündhafter Mensch –.« Aber der Rittmeister blieb stumm; und sie sprachen weiter auf ihn ein mit milden Worten und mit strengen Worten, mit Verheißungen und Drohungen, mit Bitten und Befehlen. Einmal würden sie siegen: das hatten sie beide gefühlt.

 

Als in der Frühe des folgenden Tages der heilige Petrus das goldene Tor des Himmels aufschloß, bemerkte er mit einem leisen Schrecken, der den Schlüssel klirren machte, daß der Tod mit dem Rittmeister nicht davor stand, wie er erwartet hatte; und da er die lange Straße zur Erde hinabblickte, sah er dort wohl eine Anzahl solcher die sich nach einem langen Leben von selbst auf den Weg gemacht hatten, aber keinen der aufrechten Hauptes daherkam und den der Tod in der Fülle seiner Kraft einholte. Da wurde er besorgt um die Stellvertretung des heiligen Georg und sandte einen der kleinen Engel, welche immer am himmlischen Tore herumstanden um die eingelassenen Seelen vor Gottes Thron zu führen, mit der Botschaft zu ihm, das Paar sei noch nicht in Sicht. Der Heilige sprang mit beiden Beinen zugleich aus den Federn als er das vernahm, raffte von seinem Rüstzeug zusammen was er gerade greifen konnte und lief spornstreichs zu Gott dem Herrn, welcher seinen vornehmsten Diener nicht abwies. Da erinnerte Georg den Herrn daran, daß er ihm seinen Beistand dazu versprochen hätte, einen Ritter zu gewinnen der an seine Stelle treten könne; und diesen Beistand rufe er jetzt an. Gott aber erwiderte ihm daß, wenn es sich um eine menschliche Anfechtung handle, er nichts tun könne; denn solche hätte er keinem seiner Heiligen und Märtyrer erspart und so müsse sie der Rittmeister ohne seinen Beistand durchkämpfen. »Doch wir werden sehen,« fügte er hinzu und ließ sich auf dem himmlischen Throne nieder, von dem aus alles zu sehen ist was auf Erden vorgeht. Und dem heiligen Georg erlaubte er, auf die unterste Thronstufe zu treten, und wies mit seiner göttlichen Hand durch einen goldenen Rahmen von Wolken den die Morgensonne emporhielt. Durch den blickte der Heilige an Gottes Seite herab, ein wenig in Erwartung zitternd, und da konnte er auf die erwachende Welt tief dort drunten und gerade in das Sterbezimmer des Rittmeisters hineinschauen, als ob die Decke des Gemachs weggenommen sei.

Da erkannte er denn den Rittmeister im Kampfe zwischen zwei Feuern, die ihm unablässig zusetzten, und er erschauderte. Denn er sah wohl, daß der Mann dort unten in zunehmender Erschöpfung seinen Angreifern nicht mehr lange standhalten sondern sich ihnen übergeben würde, waffenlos, willenlos, nur um in Frieden sterben zu können. Der Schatten des Todes war über ihm und seine Rechte löste sich vom Griff des Säbels, den sie wie eine letzte Hoffnung noch immer umklammert hielt. Und wieder neigte der Bischof sein Ohr zu dem Mund des Sterbenden, um einen Hauch des Bekennens, ein Wort der Beichte von den sich öffnenden Lippen zu erhaschen. Da bedeckte der heilige Georg sein Gesicht mit den Händen und trat von der Stufe des Thrones Gottes herab; denn er, der den Drachen getötet und allen Schrecknissen der Hölle ins Auge geblickt hätte, konnte es nicht über sich gewinnen, zuzusehn, wie ein Ritter zum Sünder gemacht werde von dem es offenbar geworden daß er vor Gottes Angesicht kein Sünder war, da ihn sonst der Herr nicht als seinen Stellvertreter angenommen hätte. Und da beugte der heilige Georg vor Gott sein ritterliches Knie und bat ihn, wenn er nicht durch ein Wunder an dem Rittmeister diesen aus dem Kampfe als Sieger hervorgehen lassen könne, doch dem Tod Einhalt zu gebieten, damit der Sterbende wieder zu Kräften komme. Denn dann, so vertraue er, werde er seiner Angreifer wohl von selbst sich bald genug entledigen. Er gelobe es dem Herrn bei seiner ritterlichen Ehre, daß er nie wieder auch nur für einen Augenblick dem Gedanken Raum geben werde, von seinem Platze zu weichen an den ihn Gottes Wille berufen habe, und gebe hiermit in seine Hände die Bewilligung seines Urlaubs zurück, die so Fürchterliches im Gefolge haben solle, daß ein Ritter ohne Furcht und Tadel durch ihn in Tod und Verderben gerate. Gott aber sprach: »Ich werde dem Tod, welcher mein Bote ist, nicht Halt gebieten noch seine Ankündigung, welche die Sterblichen nimmer trügt, Lügen strafen. Und es ist nicht die Zeit für Wunder auf Erden.« – Nach einer kleinen Weile aber, da Sankt Georg noch immer wartend vor ihm stand, fügte der Herr hinzu: »Doch er dauert mich.« – Dann zog er die Wolke der Unerforschlichkeit um seine Gestalt. Bei diesen letzten Worten ging es dem heiligen Georg wie in einem Dämmern auf, daß Gott, dem Allmächtigen, wohl noch ein anderes Mittel zur Errettung des Ritters aus seiner Anfechtung zu Gebote stehen könne als ein Wunder; irgendein Kunstgriff, von dem die Menschen auf Erden nichts gewahrten und dessen Geheimnis er selbst den Himmlischen nicht preisgab. Und etwas wie eine neue Hoffnung die ihm Ruhe gab überkam ihn, da er von Gottes Thron hinwegtrat und in Ernst und Sinnen dem Himmelstor zuschritt.

Unterdessen waren sie im Sterbegemach des Rittmeisters eifrig am Werk. Der Bischof saß am Lager des Erschöpften, der mit geschlossenen Augen in die Kissen zurückgesunken war die ihm die Priester untergeschoben hatten und die ihn nur noch halb aufrecht zu stützen vermochten. Von neuem – zum wievielten Male – sprach er dem Rittmeister leise nicht ohne Liebe und in einer Hingebung an sein Amt zu, die am Ende ihre überzeugende Kraft auf jedes Menschen Seele äußern mußte, sich ihm zu eröffnen und die Worte der Beichte nachzusprechen, auf welche er ihm die Vergebung seiner Sünden verkünden und er rein vor Gottes Angesicht treten dürfe. Auch der Mesner hatte sich, als die Kräfte des Sterbenden nachzulassen begannen, wieder in das Gemach geschlichen und machte in seinem Innern und vor Gott eine gute Tat daraus, daß er der Schläge nicht mehr gedachte mit denen er noch vor wenigen Stunden von dem Rittmeister bedroht worden war. Er brachte ein armsäliges leichtes eisernes Kruzifix, zwei lange Kerzen und die eingeschlossene Hostie herbei, welche Dinge er auf einer hohen ehrwürdigen hölzernen Truhe, die an der Wand stand, zu einem einfachen Altar aufrichtete. Er zündete die Lichter an und verfehlte nicht durch unermüdliches Schwenken des Räucherfasses dem Bösen die Lust am ferneren Aufenthalt in dem Zimmer zu vertreiben. Bald füllte der süße betäubende Geruch des Weihrauchs den Raum; weißliche Wolken wallten empor bis zur Decke, rollten an ihr hin und krochen an der Wand, an der das Kopfende des Bettes stand, wieder hernieder, langsam, näher und näher, dichter und dichter um das Haupt des Ermatteten, um welches sie hängen zu bleiben schienen wie lastende Regenwolken an einem Berghaupt; und die gelben Flammen der Kerzen behaupteten sich im Dunkel in der Tiefe des Gemachs gegen den ersten kraftlosen Dämmer des Morgens, der durch die herzförmigen Ausschnitte im Oberteil der Läden hineindrang. Vor dem Notaltar stand der Priester, der seinen Vorgesetzten nicht einen Augenblick allein lassen zu dürfen glaubte, und weihte die Hostie in leise murmelndem Gebet. Dumpf und schwer wurde es in dem kleinen Gemach zum Ersticken. Wie der betäubende Geruch, der unabwendbar auf ihn eindrang, schienen auch die Worte des Bischofs dem Rittmeister, der nach Atem rang, unabwehrbar zu werden und weiter gegen sie anzukämpfen schien ihm ebenso vergeblich wie wenn er sich dem Dunkel widersetzt hätte das die Nacht über die Erde verbreitet. Wie willenlos öffneten sich seine Lippen; mit gesteigerter Eindringlichkeit und Erwartung flüsterte der Bischof zu ihm: »Sprecht mir nach: Ich armer sündhafter Mensch bekenne – Ich armer sündhafter Mensch bekenne – sprecht es mir nach, mir, dem Stellvertreter eures Gottes! sprecht es mir nach: Ich armer sündhafter –.« Und leise kam es von den Lippen des Ritters: »Ich armer –«

Aber in diesem Augenblicke geschah es, daß Gott der Allmächtige die angelehnten Läden des Gemachs mit einem leisen Windhauch berührte, so wie er ihn vor der aufgehenden Sonne herzusenden pflegt; da schlugen sie langsam und geräuschlos nach der Wand des Hauses herum und durch das geöffnete Fenster drang der unermeßliche Atem der Erde, frisch und stark wie sie selbst die eben dem Jungbronnen der Nacht entstieg.

Da fühlte der Rittmeister, wie ihn eine Welle einer wohlbekannten und doch so geheimnisvollen Macht traf, und hielt inne in seinen Worten. Und wie seine Brust davon in einem ersten langen zitternden Zuge trank, fuhr er empor und setzte sich kerzengerade aufrecht in seinem Bette und blickte hinaus. Da schossen die ersten Strahlen der Sonne über die Kämme der Höhen am jenseitigen Ufer und wie ein siegreicher goldener Lanzenhagel in das Gemach, vor welchem die priesterlichen Würden mitsamt dem Mesner geblendet standen und die Wolken geweihten Rauches die Flucht ergriffen wo sie konnten. Aber drüben auf halber Höhe sah man auf schwarzem hagerem Rosse einen Mönch in gestrecktem Trabe talab reiten dessen braune Kutte in der Morgensonne aufleuchtete wie Blut. Als den der Rittmeister gewahrte, schrie er mit dem Aufgebot aller Kraft, als wolle er seine Schwadron hinter sich zum Angriffsammeln: »Hierher, Bruder, zu deinem Rittmeister! – Marsch-Marsch! –« und dann sank er ein wenig zurück.

Die beiden Priester standen bei diesen Geschehnissen bestürzt und ratlos mit dem Rücken gegen die Truhe die ihnen als Altar gedient hatte und von der die brennenden Kerzen keinen Glanz mehr aussandten. Dann aber ließen sie mit einem stummen Blick des Einverständnisses den sie untereinander tauschten von dem Rittmeister ab; denn sie glaubten nicht anders als daß der nahende Mönch sein Beichtiger sei, nach welchem er insgeheim geschickt habe, und bildeten sich wohl ein, seine arme Seele müsse eine besonders schwere Untat zu tragen haben, daß er sie ihnen vorenthalten und nur seinem alten Beichtvater, der ihn kannte, zu bekennen wage.

Es währte nicht lange, so hörte man auf der Straße den eilenden Hufschlag eines Pferdes und kurz darauf das schurrende Geräusch auf den Steinen dicht vor des Rittmeisters Fenster wie wenn ein Reiter sein Tier aus raschem Lauf plötzlich anhält. Und herein trat der Mönch, in unheimlicher hagerer Größe und, ohne einen Gruß für die Würdenträger seines Standes zu haben, mit festem Schritt an das Bett des Sterbenden. Da merkten jene wohl, daß es ein Gewaltiger sein müsse der da eintrat, wenn er auch nur ein Mönch war, und ließen ihn gewähren. Der Mönch aber nahm die Hand des Rittmeisters, durch die ein freudiges Zittern lief als sich seinem Munde die Worte entrangen: »Bruder, bist du endlich da?« Der Mönch antwortete ihm auf diesen Gruß mit einer starken Stimme: »Hätte dir gern noch ein paar Stunden gegönnt; aber als ich drüben meines Weges zog, hörte ich, wie ein Weinbauer zum andern sagte mit dem er zur Arbeit ging: ›Der Rittmeister von der Sonnenweid' liegt im Todeskampf.‹ – Da wußte ich – und habe mich gesputet. – Komm!« –

Darauf neigte er sich über den Mann in dessen Züge der Friede einzukehren schien wie nach einer gewonnenen Schlacht, und die beiden Priester samt dem Mesner, die vermeinten der Mönch verschritte nun dazu, ihm die Beichte abzunehmen, wandten sich nach dem Kreuze um und verharrten auf die Truhe gebeugt im Gebet für seine Seele.

 

Als sie sich nach einer Weile nicht ohne Zagen umdrehten, war der Mönch verschwunden und auf dem Bette lag das was von dem Rittmeister sterblich war. Die Kissen, die sie ihm stützend untergelegt hatten, waren herausgeschleudert, und so fanden sie ihn mit steifem Nacken gerade ausgestreckt wie eine Stahlstange, und das einzige was krumm an ihm war, war sein Reitersäbel und die Finger der Rechten die ihn wieder ergriffen hatten, so fest als ob sie um den Griff geschmiedet seien. Der Mesner lief neugierig auf den Hof und um das Haus, um nach dem Mönch Ausschau zu halten; aber weder von ihm noch von seinem Pferde war eine Spur zu entdecken. Und die Antwort welche ihm darüber der blöde Bursche aus dem Stall im Vorbeigehen gab, daß nämlich der Mönch mit seinem Herrn, dem Rittmeister, auf und davon geritten sei, sah er, mißtrauisch wie er war, für ein albernes Geschwätz oder einen Schabernack an, obwohl ihn ein Blick davon überzeugt haben würde daß mit dem Mönch auch der Engländer von seiner Kette verschwunden war. Es hat aber späterhin in der Gegend Leute gegeben welche die Auskunft des blöden Stalljungen gar nicht als dummes Zeug abwiesen. Zu denen gehörten zwei Soldaten die den Rittmeister in Begleitung eines Mönchs stromaufwärts auf einer Höhe gesehen haben wollten von der man, da die Bergstraße der Krümmung des Stroms landeinwärts ungefähr folgt, nach seinem Hause und der kleinen Stadt hinüberschauen konnte. Dort hätten die beiden zu Pferde gehalten nicht lange nach der Zeit die man als seine Todesstunde angab und nach einem feierlichen Zuge hingeschaut welcher sich aus dem Hause nach dem Kirchlein zu bewegte. Als den der Rittmeister erblickt habe, sei er in ein kurzes sieghaftes Lachen ausgebrochen und dann, sein Pferd wendend, zur rechten Seite des Mönches davongeritten. Aber diese Stimmen vermochten nie rechtes Gewicht zu erhalten, zumal da die Geistlichen, die wohlwollende Männer waren, es dem Rufe des Rittmeisters nicht antaten, über seine Hartnäckigkeit und seinen erst in der höchsten Not erschienenen mönchischen Beichtiger unnötige Erzählungen in Umlauf zu setzen; und auch unter sich haben sie von dem hoffärtigen Mönch nicht gern gesprochen. Das Lüchslein aber und die Freunde des Verstorbenen hielten eingedenk des Wunsches den er wegen des Engländers geäußert hatte keinerlei Nachforschungen.

Als der Mesner nun nach seiner vergeblichen Umschau nach dem Mönch in das Sterbezimmer zurückkehrte, beeilten sich die beiden Priester ihm aufzutragen, schleunigst alles für die Überführung der Leiche des Rittmeisters nach der Sterbekapelle des städtischen Kirchleins vorzubereiten, und der Mesner glaubte selber daß die irdischen Überreste nicht schnell genug aus diesem Hause des Teufels entfernt werden könnten, damit die himmlische Seele nicht Schaden leide. Also setzte sich schon nach wenigen Stunden ein kleiner feierlicher Zug von der Sonnenweide nach der Kapelle in Bewegung, dem die Anwesenheit des Bischofs eine besondere, von der Bevölkerung gern gesehene Weihe verlieh. Und der fromme, tätige Mann ließ es sich nicht nehmen, selbst eine Messe zum Heile der so schwer errungenen Seele zu lesen.

Zu der Zeit aber war der Rittmeister längst aufrechten Hauptes durch das Himmelstor eingegangen und der heilige Georg hatte ihm die Hand gereicht, eine Ehre von der die ältesten Heiligen sich nicht entsinnen konnten daß er sie einem Neuankömmling erwiesen; und dann hatte ihn der heilige Georg, indem er ihn zu seiner Rechten schreiten ließ, vor Gottes Thron geleitet und nichts drang zu ihm herauf von alle dem was sie seinem Leichnam auf Erden noch antaten.

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