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Leda

Kurt Aram: Leda - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleLeda
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid34f5aa8c
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VII.

Christo Serafinow kam Friedrich von Kaufmann schon an der Tür entgegen, schüttelte ihm kräftig beide Hände und dankte ihm mit vielen Worten, daß er sich Ledas bei dem Unfall im Iskertal so liebenswürdig angenommen hatte.

Ach so, deshalb die Einladung, dachte Friedrich Franz etwas enttäuscht. Auch Frau Serafinow sprach ihren Dank aus.

»Leda und Eveline werden gleich erscheinen«, sagte Frau Adda, als der Gast sich umsah.

Es war schon mehr ein Saal, kaum noch ein Zimmer zu nennen, in dem man sich befand. Ein wenig leer war dieser Saal. Zwar die Teppiche waren schön, und es gab ihrer viele, aber sonst befanden sich in dem Riesenraum knapp ein Dutzend Stühle und in der Mitte ein großer Tisch mit dem Samowar und vielen Tassen. An den Wänden hingen einige Landschaften von russischen Malern und eine Anzahl Familienbilder in Lebensgröße, Kreidezeichnungen nach Photographien hergestellt. Ein wenig öde und wenig wohnlich sah der Raum aus.

Leutnant von Hungen, Leutnant Peters und kurz darauf auch Leutnant Gonthard erschienen und küßten der Hausfrau die Hand. Gonthard sah recht enttäuscht drein, weil noch keine jungen Mädchen da waren.

Alle erhoben sich, sogar Frau Adda, denn die Frau eines Ministers erschien. Hoffentlich wird es bald etwas gemütlicher, dachte Friedrich Franz. Prr, ist das steif.

Einige bulgarische ältere Herren tauchten auf, die den deutschen Herren vorgestellt werden mußten; sie kannten sich noch nicht, da diese Bulgaren der Opposition angehörten.

Maria Petrow erschien, und Leutnant Gonthard strahlte. Sofort war er an ihrer Seite.

Einige österreichische Offiziere traten ein, und bald wurde es etwas lebhafter und ein wenig behaglicher.

Der türkische Gesandte küßte der Hausfrau die Hand, und ein Lächeln ging über alle Gesichter. Der behagliche Herr mit dem Bonvivantgesicht erfreute sich allgemeiner Beliebtheit.

Jetzt endlich kamen auch Leda und Eveline und unmittelbar nach ihnen Boris Makarow.

Das kommt mir fast wie verabredet vor, dachte Friedrich Franz und hielt sich möglichst im Hintergrund.

Es wurde Tee und Gebäck gereicht. Leda, Eveline und Maria halfen dabei.

Nun kamen sie alle drei auf Friedrich Franz zu und begrüßten ihn.

»Wie ist Ihnen das Wohltätigkeitsfest bekommen?« fragte Eveline.

»Wir haben Sie vergeblich im ›Bulgarie‹ erwartet«, meinte Maria.

»Warum sind Sie heute zum ersten Male bei uns?« fragte Leda.

»Entschuldigen die Damen, welche Frage soll ich zuerst beantworten?«

»Meine«, sagte Leda ruhig und sah ihm tief in die Augen.

»Also, mein gnädiges Fräulein, die Antwort auf Ihre Frage ist sehr einfach: Weil ich zu heute eingeladen worden bin.« Er wandte sich an Eveline: »Das Wohltätigkeitsfest ist mir glänzend bekommen, danke der gütigen Nachfrage, so glänzend, Maria Petrowa, daß ich keinen Appetit mehr auf das ›Bulgarie‹ hatte.«

Leda lächelte verstohlen.

Boris Makarow trat zu der Gruppe. »Darf man sich an der Unterhaltung beteiligen?«

»Warum nicht, Herr Leutnant« meinte Friedrich Franz kühl und wandte sich ganz Leda zu.

Eveline und Maria überfielen Boris mit Fragen.

»Sind Sie unhöflich!« sagte Leda leise.

Friedrich Franz zuckte die Achseln.

»Ich kann den Menschen nun mal nicht leiden«, flüsterte er nach einer Weile.

»Ich kann ihn sehr gut leiden, und deshalb wäre es mir angenehm, Sie nähmen Rücksicht darauf.«

»Ich werde nicht verfehlen, mein gnädiges Fräulein.«

Einige jüngere Herren der verbündeten Gesandtschaften tauchten auf, denen sich die jungen Damen nun für einige Minuten widmen mußten. Lange blieben sie ja nie, weil sie mit Arbeit zu sehr überlastet waren, wie sie mit ernsten Mienen versicherten.

Friedrich Franz und Boris Makarow maßen sich einen Augenblick mit abwägenden Blicken, dann zeigten sie einander gleichzeitig den Rücken und wandten sich anderen Gruppen zu.

Friedrich Franz trat zu einigen Bulgaren, weil sich unter ihnen ein Mazedonier befand, den er besonders schätzte, und für den er sich sehr interessierte. Dieser Mazedonier, ein schöner Mensch, mit stets ernstem Gesicht, hatte, als er in ganz jungen Jahren zum Führer einer Bande gewählt wurde, vor ihr das Gelübde abgelegt, keine Zigarette zu rauchen, keinen Wein zu trinken, kein Weib zu berühren, bis Mazedonien befreit sei, und er hatte dieses Gelübde bis auf diesen Tag gehalten, wovon jedermann fest überzeugt war.

Die beiden traten ein wenig beiseite. Friedrich Franz nahm ihn unter den Arm und sagte: »Darf ich Ihnen nicht endlich eine Zigarette anbieten?«

»Danke, danke, Herr von Kaufmann, es ist immer noch nicht soweit.«

»Mir scheint, Sie sind zu vorsichtig.«

»Ich bin das in fünfzehn langen Jahren geworden, ich habe es werden müssen.«

Sein schönes, sehr regelmäßig geschnittenes Gesicht, das dem eines byzantinischen Heiligen glich, bekam einen herben, aszetischen Zug.

»Erst muß die allgemeine Friedenskonferenz glücklich vorbei sein«, fuhr der Mazedonier fort. »Dann vielleicht; dann hoffentlich.« Ein Funkeln huschte durch seine schwarzen Augen und ließ sie für einen Augenblick fast grün erscheinen wie die Augen eines hungrigen Raubtieres. Aber schon standen diese schwarzen Augen wieder in dem elfenbeinfarbenen schönen Gesicht ruhig und tief wie zwei Brunnen.

»Mit den Serben ist es doch wohl endgültig vorbei«, meinte Friedrich Franz.

Wieder funkelte es grün in den schwarzen Augen. »Hoffentlich, aber meine beste Hoffnung ist Kaiser Wilhelm.«

Das war für diesen Mazedonier, der dem deutschen Kaiser seinerzeit in Nisch vorgestellt worden war, ein unerschöpfliches Thema. Ein ganzes System über die Bedeutung dieses Herrschers für diese Zeit hatte er sich zurechtgemacht und hing mit einem schon mehr abgöttischen Fanatismus an ihm. Immer wieder lockte Friedrich Franz ihn zu diesem Thema, denn ihm war, als sprächen dann aus dem schönen Menschen uralte Instinkte des Orients, mit all seiner Mystik und seinem Hang zur Mythenbildung. Auch überraschte es Friedrich Franz immer wieder, wie außerordentlich gut dieser Mazedonier in der gesamten mystischen Literatur, nicht nur des Ostens, sondern auch Deutschlands zu Hause war.

Der Antichrist, das war England, und der von Gott Gesandte, diesen Antichrist zu bekämpfen und zu besiegen, das war Kaiser Wilhelm. Hundert und aber hundert Gründe wußte er dafür anzuführen.

»Sie sind gewiß wieder bei Kaiser Wilhelm«, sagte Peter Karakinow und trat zu den beiden.

»Warst du heute schon beim Alten?« fragte er den Mazedonier flüsternd.

»Ich komme eben von ihm«, lautete die Entgegnung.

»Entschuldigen Sie uns für einen Augenblick, nur für einen Augenblick«, sagte Peter Karakinow und zog den Mazedonier fort.

So ganz trauen sie mir immer noch nicht, dachte Friedrich Franz. Jemand berührte leise seine Hand.

Leda stand neben ihm, sah ihn aber nicht an, sondern blickte mit lachenden Augen in den Salon und nickte und winkte einigen Herren zu, während sie leise vor sich hin sagte: »Ich fahre morgen nachmittag um fünf Uhr zum vierten Kilometer, wollen Sie mich begleiten?«

»In einem Auto?«

»Nein, in unserem Wagen.«

»Allein?«

»Mit Ihnen, wenn Sie wollen.«

»Gern.«

»Also um fünf Uhr finde ich Sie bei der Brücke am Borispark. Ich grüße Sie, und Sie fragen, ob Sie mich begleiten dürfen. Einverstanden?«

»Ich werde zur Stelle sein, mein gnädiges Fräulein.«

Die jüngeren Herren der verbündeten Gesandtschaften verabschiedeten sich von der Dame des Hauses. Länger konnten sie sich zu ihrem größten Bedauern den dringenden Arbeiten ihrer Bureaus nicht mehr entziehen.

»Schlafen werden sie gehen, was glauben Sie?« meinte Eveline zu Friedrich Franz.

Er lächelte. »Sie urteilen ziemlich scharf und wenig respektvoll.«

»Ich mag dies Getue nicht. Sie brauchen ja nicht gerade zu sagen, daß sie sich hier fürchterlich langweilen und deshalb gehen, aber sie könnten doch endlich mal eine andere Ausrede finden. Immer wieder dieselbe Unwahrscheinlichkeit, das ist eigentlich kränkend und beleidigend für uns. Für wie dumm halten uns diese Halbgötter eigentlich?«

»Donnerwetter, gnädiges Fräulein, Sie sind aber scharf!«

»Ich ärgere mich, daß wir sie trotzdem immer noch so wichtig nehmen und glauben, unser Tee sei degradiert, wenn sie nicht für fünf Minuten dabei sind. Man kann es ihnen deshalb nicht mal verübeln, daß sie sich selbst so wichtig nehmen. Wir sind mit daran schuld.«

Er wollte etwas erwidern, aber sie blitzte ihn an und sagte: »Sie sind ja auch so ein halber Diplomat!«

Friedrich Franz lachte herzlich. »Das hat mir wirklich noch kein Mensch gesagt. Daß Sie aber der erste sind, der das findet und sagt, das schmerzt mich wirklich. Da stehe ich ja nicht gerade hoch in Ihrer Achtung.«

Der türkische Gesandte machte bei den beiden halt.

»Wir schelten gerade auf die Diplomaten, Exzellenz«, sagte Eveline.

»Oh, da tue ich gern mit, ein sehr harmloses Spiel, das jetzt in der ganzen Welt am liebsten und eifrigsten gespielt wird, noch lieber und ausgiebiger als Bridge oder Tennis. Bei welcher Runde halten die Herrschaften gerade?«

»Wir sprachen vom jüngeren Nachwuchs, Exzellenz.«

»Auch ein beliebtes Thema, aber doch nicht das wahre, mein gnädiges Fräulein.«

»Ich finde,« meinte Eveline ruhig, »nach allem, was in diesen Jahren geschehen ist, könnten diese jungen Herrschaften wenigstens etwas bescheidener auftreten.«

»Ganz richtig, was ein Häkchen werden will, soll sich beizeiten krümmen.«

»Ich glaube, Sie verspotten mich ein bißchen, Exzellenz?«

»Nicht im geringsten, ich versichere Sie, ich bin durchaus Ihrer Ansicht. Nur stecken Sie noch ein wenig, wie mir scheinen will, in den Anfängen des beliebten Spiels. Interessant und spannend wird das Spiel erst, wenn man sich die Diplomaten vom Legationsrat aufwärts kauft, namentlich Gesandte und erst recht Botschafter. Und das hübscheste ist, daß wir dies amüsante Spiel sogar mit der Entente gemeinsam spielen können. Sie jammert, ihre Diplomaten taugen nichts, wir jammern, die unsern taugen nichts. Sie behauptet, die Vierbunddiplomaten seien viel besser als ihre eigenen, und wir behaupten, die Ententediplomaten seien besser als die unsern.«

»Da könnten wir ja mal tauschen, Exzellenz.«

Der fröhliche Herr rieb sich die Hände. »Ganz prächtig, das habe ich in diesem Stadium des Spiels auch schon häufiger vorgeschlagen. Aber das drollige ist, daß dann keiner recht heran will. Es zeigt sich, daß man viel behauptet, was man im Ernst gar nicht glaubt, daß man wie beim Poker einander nur bluffen will.«

Friedrich Franz warf ein: »Auf unserer Seite glaube ich an dies Bluffen nicht recht.«

»Hoffentlich irren Sie sich, denn sonst blieben wir um mindestens einen Robber hinter den andern zurück.«

»Was schlagen Sie also vor, Exzellenz?« fragte Eveline neugierig.

Er nahm ihre Hand, küßte sie und sagte wie ein älterer, freundlicher Onkel: »Ich schlage vor, wir spielen dieses Spiel ruhig weiter, solange es irgend jemandem Spaß macht, aber wir vergessen dabei nicht, daß es ja nur ein Spiel ist, und daß die Weltgeschichte trotzdem ihren eigenen Weg weitergeht, auf dem der Streit um die Diplomaten nur eine recht untergeordnete Rolle spielt. Die Tüchtigkeit der Völker ist für diesen Weg das einzig Ausschlaggebende, sie entscheidet, daran kann auch der beste Diplomat nichts ändern, und auch der schlechteste Diplomat kann das tüchtige Volk auf diesem Weg nicht ernsthaft hindern.«

»Ja, warum nehmen sich die Herren denn dann so wichtig!« rief Eveline.

»Weil ihre Völker sie viel zu ernst nehmen, mein gnädiges Fräulein.«

»Sie sind also für Abschaffen?« lachte Eveline.

»Warum denn gleich so radikal? Gönnen Sie uns doch das bißchen gute Essen und Trinken, einen anständigen Schneider und die Pflege guter Manieren. Außerdem haben wir doch wirklich nicht viel Angenehmes vom Leben, wir ...« Er lachte vergnügt in sich hinein, »wir Staatsbriefträger, die wir die Post zwischen zwei Souveränen austragen oder die Post zwischen zwei Ämtern. Viel mehr tun wir doch im Grunde wirklich nicht. Oder glauben Sie immer noch, die Souveräne oder die Ämter hören auf unseren Rat? Sie verstehen doch alles viel besser als wir.«

Er brach ab. »Verzeihung, gnädiges Fräulein, jetzt hätte ich das Spiel fast selbst zu ernst genommen, aber meine Entschuldigung ist, daß eine schöne junge Dame so ernste Augen zu dem Spiel macht.«

Eveline sprach mit dem Gesandten plötzlich türkisch, und Friedrich Franz verstand nur noch ein Wort: Kismet.

Dann entschuldigten sich beide bei Friedrich Franz und begannen eine leichtere Unterhaltung auf französisch.

Friedrich Franz beteiligte sich nur wenig an der Unterhaltung, denn er beobachtete, wie Boris Makarow sich mit Leda ein wenig abseits von den andern sehr eindringlich unterhielt. Er sprach sehr leidenschaftlich auf sie ein, und sie schien ebenso leidenschaftlich zu erwidern.

Gott sei Dank, da kam der harmlose, ewig verliebte Gonthard dazwischen und störte sie.

Friedrich Franz verabschiedete sich und trat auf die Straße. Es war schon dunkel draußen. Nebel stiegen auf und tauchten alles wie in wässerige Milch. Die Menschen schlenderten vom Borispark in die Stadt zurück. Wie graue Schatten glitten sie, die meisten fast lautlos auf ihren Gummischuhen, aneinander vorbei. Vom Artilleriearsenal her heulte eine Sirene wohl eine Minute lang. Es war also sieben Uhr.

Aus dem Nebel hörte man zuweilen Hufeklappern und das Rattern von Rädern. Immer dichter wurde der Nebel. Jetzt tauchten matte, weiße Punkte in dem Nebel auf. Die Straßenbeleuchtung trat in Funktion, ohne aber viel zu helfen. Jeder glitt in dem milchigen Brei weiter, so gut es gehen wollte, vorsichtig vorwärts tastend. Man befand sich zwar auf der wohlgepflegten Hauptstraße, aber ab und zu hatte sich doch ein Stein gelockert, so daß man sich, war man nicht sehr vorsichtig, leicht den Fuß verstauchen konnte.

Ein Auto schrie grell durch den Nebel und sauste vorüber, schrie und schrie, ohne sich sonst um den Nebel zu kümmern.

Die Steine waren naß und glitschig.

Plötzlich hörte man einen Schuß, einen kurzen Aufschrei, dann wieder Stille. Schwere Stiefel rannten klappernd vorbei, Flüche wurden laut, ein Pferd galoppierte durch den Nebel. Ein Hund heulte, weil ihm jemand auf die Pfote getreten hatte, eine Katze schrie irgendwo wie ein kleines Kind, das gequält wird. Einen Augenblick hielt Friedrich Franz an. Er mußte sich nun in der Nähe des Schlosses befinden und wollte quer über die Straße.

Wenn nur nicht gerade ein Auto um die Ecke sauste!

Er zögerte wieder, denn er hörte das Klingeln der Straßenbahn. Knirschend ratterte sie vorbei.

Jetzt wagte er es und schlurfte vorsichtig über die Straße. Das war ja noch einmal gut gegangen.

Er prallte auf einen Bauch. Er stand still, der andere auch. Er wollte nach rechts ausweichen, der andere auch. Er ging nach links, der andere ebenfalls. Nun standen sie wieder beide still. Ich werde stehenbleiben, bis der andere vorüber ist, dachte Friedrich Franz. Aber dasselbe schien auch der andere zu denken und rührte sich nicht. Da griff Friedrich Franz in den Nebel, erwischte eine Hand, die auch gerade nach ihm tastete, und so führten sie sich umeinander herum und verschwanden dann wieder im Nebel.

Ein wenig ging es jetzt bergab. Gleich mußte er den Hoteleingang erreicht haben.

Prachtvolles Wetter für einen Raub, ein Attentat, einen Fluchtversuch, dachte Friedrich Franz, das kann mit dem Londoner Nebel konkurrieren.

Im Eingang des Hotels stauten sich die Menschen, die sich vor dem üblen Wetter hierher geflüchtet hatten.

»Hast du den Schuß gehört?« flüsterte ein Bulgare einem andern zu.

Dieser seufzte: »Wenn es doch endlich Frieden gäbe!«

Friedrich Franz setzte sich auf eine Bank, auf der noch ein Platz frei war. So eine gute Gelegenheit, Menschen zu beobachten und zu belauschen, wollte er sich nicht entgehen lassen.

»Wenn die Deutschen nicht wären, hätten wir längst Frieden«, knurrte einer.

»Aber das Morawagebiet hätten wir dann auch nicht, Mazedonien nicht und die Dobrudscha erst recht nicht«, antwortete ein anderer.

»Es ist höchste Zeit, daß wir endlich ans Ruder kommen!« meinte einer. »Mit dem Comité de prévoyance, das ist nicht mehr zum Aushalten, und die Ausländer verteuern die Preise, daß für uns gar nichts mehr übrigbleibt.«

Der Nebel macht die Leute besonders schlechter Laune, dachte Friedrich Franz. Ein höherer Beamter der bulgarischen Geheimpolizei trat in den Eingang, erkannte Friedrich Franz und schritt auf ihn zu.

»Kommen Sie auch von draußen?«

»In diesem Augenblick.«

»Scheußliches Wetter.«

Friedrich Franz nickte.

»Ist Ihnen auf dem Weg hierher etwas aufgefallen?« fragte der Beamte leiser.

»Nicht viel, einen Schuß habe ich gehört, nichts weiter.«

»Sie also auch?«

»Befürchten Sie etwas?« fragte Friedrich Franz.

Der Beamte zuckte die Achseln. »Das tut unsereiner immer.«

Friedrich Franz lächelte. »Ein angenehmes Metier.«

»Minister wäre ich auch lieber«, spottete der Beamte.

Ein ungarischer Offiziersbursche kam durch den Eingang, drängte sich mit verlegenem Gesicht durch die Menge und rieb sich das Gesäß. Er trat unter ein elektrisches Licht und besah sich von oben bis unten. Er verrenkte sich fast den Hals, um auch seine Rückseite betrachten zu können. Dann zog er aus der Gesäßtasche einen Revolver und betrachtete ihn verlegen. Schon stand der bulgarische Beamte bei ihm. Die Hose des Soldaten war auf der Rückseite versengt, teilweise verbrannt.

Der Beamte sprach ungarisch mit dem Soldaten. Nach einer Weile lächelten die beiden, und der Soldat machte, daß er weiter kam, sich immer wieder das Gesäß reibend.

»Der Esel hat mit einem Revolver gespielt. Dabei ist er losgegangen. Das war der Schuß, den wir vorhin beide hörten.«

»Dann haben wir diesmal offenbar alle beide einem Bulgaren Unrecht getan«, lachte Friedrich Franz.

»Was dachten Sie denn?« fragte der Beamte.

»Ich dachte an ein Attentat.«

»Ich auch«, erwiderte der Beamte lachend.

Die beiden trennten sich, und Friedrich Franz begab sich auf sein Zimmer. Die Nachbartür stand weit offen. Der österreichische Major, der hier wohnte, stürzte aus dem Zimmer auf einen Unteroffizier los, der stramm stand, schüttelte ihn am Rock. »So eine ölende Viecherei, so eine miserablige. Werd's denn niemals eine Vernunft annehmen? Gebt's denn eh keine Ruh, bis ihr derwischt und derschossen seid? So eine Mistviecherei, so eine ölende!«

Der Unteroffizier rührte sich nicht und ließ den Major sich austoben. Der Major stürzte auf Friedrich Franz zu und schüttete ihm sein Herz aus. Man hatte ihm seinen besten Feldwebel erstochen, der einer bulgarischen Frau nachstellte, gerade als er aus ihrem Haus kam. Dabei war ihr Mann gar nicht hier, sondern im Feld. Ein guter Freund des Mannes oder ein Verwandter mußte die Tat vollbracht haben. Der Major meinte, das seien doch keine Menschen, das seien wilde Tiere, und die Schererei, die das jetzt wieder gäbe, und die Schreiberei.

Mit geballten Fäusten lief er auf dem Gang hin und her.

Friedrich Franz begab sich in sein Zimmer und dachte: Ganz recht hat der Bulgare, diese Leute können ja überhaupt keine Schürze in Ruhe lassen.

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