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Leda

Kurt Aram: Leda - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleLeda
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid34f5aa8c
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VI.

Friedrich Franz von Kaufmann warf mißmutig den umfangreichen Band »Elf Jahre Balkan, Erinnerungen eines preußischen Offiziers aus den Jahren 1876 bis 1887« beiseite.

»In Südwest war derlei unbedingt weniger kompliziert«, seufzte er. Er hatte Leda Serafinow seit dem Abend im Theater nicht wiedergesehen. Er hatte zwar einige Tees aufgesucht, wo er vermuten konnte, Leda zu treffen, er war auch zu wiederholten Malen an ihrem Hause vorbeigegangen in der Erwartung, er könne ihr vielleicht zufällig begegnen, oder sie würde auf die Straße kommen und irgendeine Besorgung machen, um ihn zu treffen; aber Leda hatte sich nicht blicken lassen.

Es waren seit dem Wohltätigkeitsfest zwar erst acht Tage vergangen, aber Sofia war doch nicht Berlin, wo man wochenlang herumlaufen konnte, ohne dem zu begegnen, den man suchte. Auf der Nachmittagspromenade durch die Zar-Befreier-Straße zum Borisgarten traf man doch jeden Bekannten jeden Tag. Das war sozusagen gar nicht zu vermeiden, denn dies war der einzige Spaziergang, den man jeden Tag ohne Rücksicht auf die Witterung unternehmen konnte, und was sollte man in den Nachmittagsstunden hier anders tun als spazierengehen?

Er wußte nicht recht, wie er sich seit jenem Abend Leda gegenüber verhalten sollte, und spottete nicht wenig über sich selbst. Er, der Afrikaner, konnte sich doch nicht benehmen wie ein Kleinbürger, der da meint, er müsse einem Mädel gleich einen Antrag machen, weil er es einmal geküßt hat.

Aber etwas in ihm schien es fast zu wünschen, daß er sich so benähme. Dagegen wehrte sich aber der Afrikaner in ihm sehr energisch und bis jetzt erfolgreich.

Dumm war es auch, daß es sich gerade um ein Mädchen aus einer mazedonischen Familie handelte. Daraus konnten ihm, wenn man es erfuhr, noch mancherlei Schlingen gelegt werden, und deren gab es ohnehin schon genug.

Er wußte ferner, daß Ledas Vater wieder zu Hause war, und dieser Umstand stimmte ihn nicht behaglicher. Er kannte dem Mann persönlich zwar kaum, aber er wußte, welch' bedeutende Rolle er neben Peter Karakinow unter den Mazedoniern spielte, und daß er ihn schon deshalb näher kennenlernen würde, ja näher kennenlernen mußte. Herrn von Henningens vertrauliche Mitteilungen ließen darüber keine Zweifel.

Diese Mazedonier sind höllisch kitzlig im Ehrenpunkt, und im Orient ist in Liebesdingen überhaupt nicht zu spaßen, viel weniger als in Europa; und das besonders Mißliche ist, daß man auf dem Balkan nie ohne weiteres und im vornehinein weiß, ist er in diesem Punkt mehr europäisch oder mehr orientalisch.

Je mehr er darüber nachdachte, um so ärgerlicher wurde er über sich selbst. Er schalt sich einen dummen Jungen, der sich wie ein Sekundaner benommen hat.

Wenn das Mädchen nur nicht so schön wäre ... Sonst wurde man doch hierzulande nicht allzusehr verwöhnt in diesem Punkt, wenigstens nach seinem Geschmack nicht. Die hiesigen jungen Mädchen waren zwar zum Teil recht hübsch, aber klein und zierlich, fast eine Ponyrasse, er aber war bei Pferden wie Menschen mehr für die großen und hochbeinigen Geschöpfe. Deshalb hatte ihm Leda inmitten der zierlichen Altbulgarinnen wohl auch so verblüfft. Und dann Mazedonierin, das heißt Rassenmischung, dabei die Mutter Ukrainerin, wie Frau Karakinow ihm erzählt hatte. Der Frauenschönheit scheint Rassenmischung sehr zuträglich zu sein.

Er griff nach seiner bulgarischen Grammatik.

Dieser Boris Makarow schien ein ernst zu nehmender Nebenbuhler zu sein. Jetzt aber Schluß! rief er sich zu und vertiefte sich in die Grammatik.

Bequemer wäre es gewesen, er hätte sich einen bulgarischen Lehrer genommen, aber das verbot ihm die Vorsicht. Er wollte nicht, daß man erfuhr, daß er ernsthaft bulgarisch trieb. Er wollte, daß man bei der Annahme blieb, er verstände nichts von der Sprache. Das war ein großer Vorteil für ihn.

Er verstand schon eine Menge und hoffte, wenn er so weiter lernte, schon in wenigen Wochen den meisten Gesprächen folgen zu können, zumal er sich viel in kleinen Kaffeehäusern und auf den Märkten umhertrieb, um von den Unterhaltungen der Einheimischen zu profitieren.

Erst kürzlich beim Poker hatten ihm die doch immerhin noch recht dürftigen Kenntnisse der bulgarischen Sprache zu einer recht netten Erkenntnis verholfen. Er gewann. Da flüsterte einer der bulgarischen Mitspieler einem andern Bulgaren ärgerlich zu: »Nimm doch nicht mir das Geld ab, nimm doch dem Fremden, diesem Deutschen, das Geld ab!«

Lächelnd vertiefte sich Friedrich Franz wieder in die Grammatik.

Aber es dauerte nicht lange damit, denn es wurde geklopft.

»Wles!« brüllte er.

Und richtig, der Pikkolo fiel fast ins Zimmer.

Das machte Friedrich Franz immer wieder von neuem Spaß.

Er überreichte einen Brief. Der Brief enthielt eine Einladungskarte in deutscher Sprache von Herrn und Frau Christo Serafinow zum Tee.

» Dobré« brüllte Friedrich Franz, daß der Pikkolo fluchtartig das Zimmer verließ.

Da haben wir die Bescherung, dachte Friedrich Franz. Das kann gut werden. Unter Bulgaren war es im allgemeinen nicht Sitte, schriftliche Einladungen ergehen zu lassen, wenn es sich nicht um besondere Feierlichkeiten handelte. Jeder bessere Bulgare hatte seinen bestimmten Nachmittag, an dem er in seiner Familie empfing. Jedermann war willkommen, ohne daß besonders dazu aufgefordert wurde.

Vielleicht haben die Serafinows etwas von deutschen Sitten angenommen, tröstete sich Friedrich Franz. Zu Anfang der Bundesbrüderschaft soll es ja ein rechtes Durcheinander gegeben haben, weil die deutschen Offiziere unaufgefordert keine Besuche machten, außer bei Vorgesetzten, während die Bulgaren vergeblich auf die Besucher warteten, bis dies Mißverständnis endlich aufgeklärt war. Vielleicht nahm Serafinow an, er wisse da noch nicht Bescheid?

Friedrich Franz drehte die Einladung nachdenklich in der Hand und schrieb dann eine Zusage.

Nur nicht ängstlich, dachte er und beugte sich wieder über die Grammatik. Aber schon wieder wurde er gestört und an das Telephon gerufen.

Er wohnte zwar in dem ersten Hotel Bulgariens, aber Zimmertelephon gab es hier noch nicht, nur eine Telephonzelle neben der Portierloge, damit dieser nur ja jedes Gespräch kontrollieren konnte.

»Hier Kaufmann ... Ja? ... Guten Morgen, Herr Graf ... Wie? ... Gewiß ... In einer halben Stunde? ... Jawohl, ganz recht, in einer halben Stunde ... Auf Wiedersehen also ...«

Er kehrte kopfschüttelnd auf sein Zimmer zurück und griff nach seinem Hut. Es kam selten vor, daß ein Herr von der Gesandtschaft ihn zu sprechen wünschte. Im allgemeinen ignorierte man sich mit Absicht. Es war nicht nötig, daß ein Dritter annahm, man kenne sich genauer. Man kannte sich ja auch in Wahrheit so gut wie gar nicht. Friedrich Franz vermied jedes Zusammentreffen mit offiziellen Stellen, und diese hinwiederum waren froh, wenn sie sich nicht um durchaus unoffizielle Persönlichkeiten zu kümmern brauchten.

Wenn der Legationsrat ihn um eine Unterredung bat, mußte irgend etwas vorgefallen sein.

Er verließ das Hotel und schlenderte dem Borisgarten zu. –

Ein wunderschöner sonniger Vormittag, die Luft zart und fein wie Silber. Die Witoscha strahlte in einem milden Samtblau. Zwischen ihren zwei höchsten Gipfeln funkelte ein Schneefeld zum Greifen nah.

Wären die Bulgaren ein so kunstinteressiertes Volk wie die Japaner, so müßte die Witoscha bei ihnen eine ähnliche Rolle spielen wie der Fujiyama bei den Japanern, dachte Friedrich Franz.

Der Borisgarten, in dem schon alles blühte, die einzig gärtnerisch gepflegte Anlage der Hauptstadt, ein Verdienst des Zaren, nahm ihn auf.

Eilig durchschritt er die Anlagen und ging bergauf zwischen verkrüppelten Bäumen, deren grüne Triebe zum großen Teil schon wieder von Ziegen und Kühen abgefressen waren. Von irgendwelchen »Anlagen« war schon hier nicht mehr die Rede.

Krähen krächzten, Häher kreischten, Singvögel gab es nicht.

Er hatte die Anhöhe erreicht und sah sich prüfend um. Der bulgarische Wachtposten lehnte an seiner Strohhütte, ließ sich von der Sonne bescheinen und duselte vor sich hin.

Friedrich Franz schritt auf eine schmale Schneise zu, die in einen wenig gepflegten Kieferwald führte.

Nach wenigen Minuten stieß er auf den Grafen.

Donnerwetter, er ist schon da, dachte Friedrich Franz, was mag es da gegeben haben?

Der Legationsrat, ein übermenschlich langer, hagerer Herr, zog den Hut und grüßte sehr förmlich.

Friedrich Franz von Kaufmann tat desgleichen.

»Ein wahres Glück, daß ich schon angezogen war,« sagte der Legationsrat, »sonst hätte ich Sie zwei Stunden später bitten müssen, und das wäre denn doch wohl bei diesem unmöglichen Klima zu strapaziös gewesen. Warm heute.«

Friedrich Franz dachte: Also zwei Stunden braucht er zum Anziehen, und er legt offenbar Wert darauf, mir das mitzuteilen. Ob er glaubt, daß mir das imponiert? Er muß doch wohl.

Der Legationsrat fächelte sich mit seinem Taschentuch Kühlung zu, wies mit dem Taschentuch weit in die Runde und sagte: »Ich kann Sie leider nicht einladen, irgendwo hier mit mir Platz zu nehmen, zum Sitzen ist hier nischt, wie Sie sehen, einfach schauderhaft. Also peripatetikern wir, nicht wahr, wenn es Ihnen recht ist?«

Friedrich Franz nickte, die beiden setzten sich langsam in Bewegung.

»Zunächst möchte ich bemerken, daß ich nicht in irgendeinem Auftrage komme, sondern völlig aus eigener Initiative mich entschlossen habe, Sie zu bitten.«

Also hat der Gesandte selbst das veranlaßt, dachte Friedrich Franz.

»Sie verstehen mich recht, Herr von Kaufmann.«

»Selbstverständlich, Herr Graf.«

»Dann brauche ich wohl auch nicht besonders zu betonen, daß die Sache ganz unter uns bleiben muß?«

Friedrich Franz nickte.

»Also hören Sie, mein lieber Herr von Kaufmann, die Sache ist nämlich die, hm, na ja, also.« Er machte eine Pause und fächelte sich Kühlung zu.

»Gestern nachmittag wurde der Gesandte zum Zaren befohlen, und im Verlaufe des Gesprächs fiel von seiten des Zaren eine Äußerung, um deretwillen der Gesandte wahrscheinlich befohlen worden war. Sie verstehen, Herr von Kaufmann?«

»Bis jetzt vollkommen, Herr Graf.«

»Der Zar meinte nämlich, so ganz en passant, verstehen Sie, das ist nämlich so die Art des hohen Herrn, ganz en passant meinte er also, in der Dobrudschafrage werde der Ministerpräsident, wie er ihn kenne, bis zum äußersten gehn, der Zar selbst denke am Ende nicht ganz so radikal, aber der Vierbund bestehe ja nun mal auf diesem Ministerpräsidenten ...«

Der Graf blieb stehen: »Was sagen Sie dazu?«

Friedrich Franz schwieg.

»Der Gesandte erfaßte die Lage natürlich sofort und erklärte Seiner Majestät, er glaube versichern zu können, daß die verbündeten Regierungen in diesem Punkt nicht mehr ganz derselben Ansicht seien wie bisher, wenigstens nicht unter allen Umständen, verstehen Sie, mein lieber Herr von Kaufmann?«

»Vollkommen, Herr Graf.«

»Seine Majestät schienen von dieser Erklärung des Gesandten angenehm berührt zu sein ...«

Friedrich Franz unterbrach: »Verzeihung, darf ich wissen, woraus Sie das folgern, Herr Graf?«

»Der Gesandte sagte es mir«, erwiderte der Legationsrat, leicht pikiert. »Der Zar wünscht eine Veränderung, wie aus seiner Bemerkung ganz en passant für uns deutlich hervorgeht. Bisher konnten wir das nicht wünschen, schon mit Rücksicht auf die Entente nicht, die von einer Veränderung an dieser Stelle Schlüsse gezogen hätte oder wenigstens Schlüsse ziehen könnte, die gewiß irrig wären, aber, hm, na ja, principiis obsta, nicht wahr? In letzter Zeit haben es aber einige Umstände immerhin möglich erscheinen lassen ...«

»Rußland«, warf Friedrich Franz ein.

»Vielleicht auch das,« erwiderte der Legationsrat sichtlich unangenehm berührt, »kurz und gut, die Umstände haben sich ein wenig geändert, wie ich eben schon mir zu bemerken erlaubte, es wäre also nicht ausgeschlossen, daß in irgendwie absehbarer Zeit am Ende doch mit einem Wechsel an der betreffenden Stelle zu rechnen wäre ... Doch dies dürfte Sie am Ende gar nicht so sehr interessieren, mein lieber Herr von Kaufmann, ich hielt es nur für zweckmäßig, Ihnen ganz vertraulich diese Mitteilung zu machen, damit Sie das, was ich Ihnen sagen möchte, besser verstehn.«

Der Legationsrat stockte wieder für eine Weile. Dann fuhr er fort: »Hm, na ja, Sie unterhalten ja, wenn ich nicht ganz irrig informiert bin, ein wenig Fühlung mit diesen, hm, na ja, mit den mazedonischen Kreisen?«

Friedrich Franz nickte zustimmend.

»Sehen Sie, hm, na ja, das fiel mir gestern nacht im Bett ein, ganz plötzlich, wie das zuweilen so geht, deshalb bin ich heute so früh aufgestanden und habe mir erlaubt, an Sie zu telephonieren. Später wäre es beim besten Willen nicht mehr gegangen, denn um eins bin ich zum Frühstück beim holländischen Gesandten und muß vorher doch noch ein wenig Toilette machen.«

»Womit kann ich also dienen, Herr Graf?«

»Hm, na ja, vielleicht wäre es Ihnen möglich, gelegentlich natürlich, das muß selbstverständlich ganz Ihrem Ermessen überlassen bleiben, ganz gelegentlich, es hat nicht die geringste Eile, diesen Kreisen eine Andeutung zu machen über das, was ich Ihnen mitteilte. Die Form, in die Sie diese Andeutung kleiden wollen, bleibt natürlich Ihnen überlassen, doch müßte ich Wert darauf legen, daß diese Kreise nicht den Eindruck gewönnen, als stehe Ihre Andeutung irgendwie mit uns, mit der Gesandtschaft, im Zusammenhang.«

Friedrich Franz unterbrach: »Ich glaube, Sie in dieser Beziehung völlig beruhigen zu können, Herr Graf. Über den Vorgang, den Sie mir eben erzählten, werden diese Kreise inzwischen schon von anderer Seite informiert worden sein oder spätestens heute noch informiert werden.«

Der Legationsrat machte ein verdutztes Gesicht. »Was berechtigt Sie Ihrer Meinung nach zu dieser Annahme, Herr von Kaufmann? Das wäre mir wirklich interessant zu hören.«

»Meine bisherigen Erfahrungen in diesen Kreisen, Herr Graf.«

Der Legationsrat beruhigte sich sofort und meinte höflich, wenn auch ein wenig herablassend: »Dann dürften Sie sich in diesem besonderen Falle doch wohl einem kleinen Irrtum hingeben, mein lieber Herr von Kaufmann. Verstehen Sie mich recht, ich betone nochmals ausdrücklich, daß von dieser ganz vertraulichen Angelegenheit bis jetzt niemand weiß als der Zar, der Gesandte, Sie und meine Wenigkeit, und daß niemand anders davon erfahren wird.«

Friedrich Franz entgegnete ruhig: »Nun, der Zar könnte dem Ministerpräsidenten immerhin eine Andeutung oder sogar eine direkte Mitteilung machen über einen solchen Gesinnungswechsel bei den verbündeten Regierungen.«

»Das ist ausgeschlossen, gänzlich ausgeschlossen, glauben Sie mir, mein lieber Herr von Kaufmann.«

»Um so besser, mein lieber Herr Graf.«

Der Legationsrat stutzte für einen Augenblick. Aber schnell faßte er sich wieder und sagte: »Ich empfehle sogar, Sie warten noch eine geraume Zeit, bis Sie Ihren mazedonischen Kreisen eine Andeutung machen, schon damit Seine Majestät nicht auf den Gedanken kommt, von unserer Seite läge eine Indiskretion vor. Das muß unter allen Umständen vermieden werden.«

»Selbstverständlich, Herr Graf.«

»Wenn Sie dann aber so in acht, vierzehn Tagen – vielleicht gebe ich Ihnen vorher noch einen Wink – eine Andeutung machen, dann fühlen Sie den Leuten mal ein bißchen auf den Zahn, wie sie sich zu so einem Wechsel voraussichtlich stellen würden, und dann wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir davon Mitteilung machen wollten, denn es kann uns nicht gleichgültig sein, wie sich grade diese Kreise dazu stellen.«

»Ich werde nicht verfehlen, Herr Graf.«

Die beiden drehten sich um und schritten wieder dem Borispark zu. Als sie den bulgarischen Wachtposten erreicht hatten, der immer noch vor sich hinduselte, meinte der Legationsrat: »Ich denke, es ist wohl besser, unsere Wege trennen sich hier. Nochmals meinen besten Dank, Herr von Kaufmann.«

Man trennte sich. Der Legationsrat bog nach rechts ab, Friedrich Franz wählte denselben Weg, den er gekommen war.

Er schüttelte nachdenklich den Kopf. Augenscheinlich ist dem Legationsrat selbst ein bißchen unbehaglich bei dem Bescheid, den der Gesandte dem Zaren gegeben hat, und dem Gesandten selbst geht es hinterher vielleicht nicht anders ... Man sollte hierzulande auf eine Frage eigentlich nie sofort eine Antwort geben, sondern immer nur ein paar liebenswürdige Phrasen machen und eine Antwort erst geben, wenn man die Angelegenheit dreimal beschlafen hat. Wir sind immer noch viel zu geradeaus, scheint mir ... Wenn der Legationsrat mich einweiht, ausgerechnet mich, so hat der Gesandte das gewünscht, und wenn der Gesandte das gewünscht hat, so möchte er offenbar eine Rechtfertigung seines Handelns durch die Aufnahme finden, die die Affäre bei den Mazedoniern erfährt, eine Rechtfertigung vor sich selbst, vielleicht auch dem Amt gegenüber. Sonst sind diese Herren doch so ungeheuer vorsichtig und zurückhaltend, teils weil sie das für besonders diplomatisch halten, teils weil sie in der Tat nicht wissen, wohinaus die Zentrale eigentlich will, und sie unter gar keinen Umständen für irgend etwas eine persönliche Verantwortung übernehmen wollen. Aber wenn ein Fürst etwas fragt, dann vergessen sie, wie es scheint, die ganze Diplomatie.

Friedrich Franz hielt plötzlich an und dachte: Am Ende war das Ganze überhaupt nur ein Wink mit dem Zaunpfahl, die Mazedonier im Sinne der Gesandtschaft zu bearbeiten, um sich so für alle Fälle zu rechtfertigen? Aller Wahrscheinlichkeit nach verhielt es sich so, denn sonst würde man sich kaum herbeigelassen haben, ihn zu informieren.

Er sollte womöglich die Kastanien aus dem Feuer holen, nachdem sich die Gesandtschaft ein wenig die Finger verbrannt hatte. O ja, dazu war man gut genug, dazu war man gegebenenfalls sogar willkommen. Friedrich Franz setzte sich wieder in Bewegung.

Leda und Eveline kamen ihm entgegen, Boris Makarow ihnen zur Seite.

Ob sie ihn schon bemerkt hatten? Wie fidel sie waren! Eigentlich mußte er sie begrüßen und mit ihnen plaudern.

Er gab sich einen Ruck, grüßte tief und ging vorbei.

Flog ihm aus Ledas Augen nicht ein besonderer Gruß zu, innig und lockend? Als hätten sie ein Geheimnis miteinander?

Er wandte sich um.

Auch Boris Makarow hatte sich umgewandt.

Das verdarb Friedrich Franz wieder ein wenig die Laune, so daß er seine Schritte beschleunigte.

Mir scheint, sie hat reinen Mund gehalten, dachte er. Aber das befriedigte ihn nicht völlig. Das ließ sich ja fast an wie ein Pennälerverhältnis. Küsse im Dunkeln, heimliche Händedrücke, von denen niemand nichts weiß ... Nein, das wäre erst recht nicht das richtige. Er sah nach der Uhr. Er war ebenfalls zum holländischen Gesandten geladen. Aber er hatte noch reichlich Zeit.

Am Hoteleingang stieß er auf Peter Karakinow, dessen Gesicht grün-gelb war vor Erregung.

»Wollen Sie mit auf mein Zimmer kommen?«

Peter Karakinow nickte.

Kaum waren sie eingetreten, flüsterte der Mazedonier: »Ich komme eben vom Alten, der Alte ist wütend, so wütend habe ich ihn seit langem nicht gesehen.«

Da haben wir die Bescherung, dachte Friedrich Franz und sagte: »Was ist denn passiert?«

»Der Zar hat ihn vor einer Stunde rufen lassen und ihm eröffnet, daß die verbündeten Regierungen auf sein Verbleiben im Amt nicht mehr entscheidenden Wert legen.«

»Woher weiß das der Zar?«

»Er sagt, die Gesandten hätten es ihm erst gestern offiziell erklärt. Halten Sie das für möglich?«

»Möglich ist alles, unmöglich ist nichts.«

»Aber wie kann man denn nur in so eine Falle gehn!« rief der Mazedonier und rang verzweifelt die Hände.

»Warum halten Sie das für eine Falle?«

»Mein Gott, das ist doch ganz klar! Wäre es keine Falle gewesen, hätte der Zar den Alten doch nicht sofort ins Vertrauen gezogen.«

Friedrich Franz stutzte. Das erschien auch ihm einleuchtend.

»Der Alte hat geschworen, sich zu rächen, und solche Schwüre hält er.«

»Aber wie?«

»Er wird eine Dobrudschabewegung in Szene setzen, daß den verbündeten Regierungen Hören und Sehen vergehen dürfte. Das versteht er, darauf können Sie sich verlassen.«

»Und was wird er dadurch erreichen?«

»Er wird erreichen, daß die Deutschen mißtrauisch gegen ihn werden ...«

»Damit gräbt er doch nur sich selbst das Grab« warf Friedrich Franz ein.

»Das ist in diesem Falle ein Irrtum. Verstehen Sie mich doch recht. Wenn er die ganze Dobrudscha mit nach Hause bringt, kann er pfeifen auf die Deutschen, dann bedeutet die Opposition kaum noch eine Gefahr für ihn.«

»Und der Zar?«

»Er ist doch Zar. Je mehr Bulgaren er unter sein Zepter bringt, um so angenehmer für ihn. Ihm kann das doch nur recht sein.«

»Wenn die Geschichte mit der Dobrudscha aber nicht gelingt, was dann?«

»Dann hat er die Deutschen ordentlich geärgert, sich gerächt und den glänzendsten Abgang, den er sich nur wünschen kann, und kommt als Märtyrer in die bulgarische Geschichte.«

»Und der Zar?«

»Der Zar ist dann wieder einzig und allein das Zünglein an der Wage.«

»Das kann richtig sein, aber auch nicht«, meinte Friedrich Franz nachdenklich.

»Das Spiel ist uns aus den Händen genommen und ruht wieder ausschließlich in den Händen des Zaren.« Peter Karakinow ließ sich nicht beruhigen.

»Da ist es in den besten Händen«, sagte Friedrich Franz ruhig.

»Ich will das sogar zugeben, aber niemand gibt doch seine Chancen freiwillig aus der Hand, denn mit einer Ausrede wäre gerade so gut gedient gewesen wie mit einer Antwort ... Haben denn die Herren gar keine bulgarischen Vertrauensleute!« Peter Karakinow rang wieder verzweifelt die Hände.

»Das schon, das haben sie natürlich. Es fragt sich nur, ob sie ihnen völlig vertrauen können oder nicht, und das ist doch immerhin so eine Sache.«

»Warum fragt man uns nicht? Man muß doch seit langem wissen, daß unsere Interessen identisch sind. Man braucht deshalb gar kein überflüssiges Vertrauen zu uns haben, das beanspruchen wir gar nicht, wir legen darauf nicht einmal den entscheidenden Wert. Aber man muß doch wissen, daß wir dieselben Interessen haben, und daß wir deshalb aus eigenem Interesse gut raten werden.«

Friedrich Franz lächelte dünn. »Nun beruhigen Sie sich mal zunächst ein wenig, Gospodin Karakinow. Nichts bringt Sie gleich so aus dem Häuschen wie irgendein politischer Stunk ... Nichts wird so heiß gegessen, Sie wissen schon, und die Welt wird deshalb auch noch nicht untergehen. Außerdem, es ist nun mal geschehen und nichts mehr an dieser Tatsache zu ändern. Ich frage mich daher lieber: Wenn die Folgerungen, die Sie aus dem Ereignis ziehen, richtig sind, was kann man tun, sie zu verhindern, vorausgesetzt, daß sie uns unter allen Umständen schädlich sind?«

»Schreiben Sie sofort nach Berlin, berichten Sie den ganzen Vorgang ausführlich, wie wir Mazedonier ihn sehen, welche Folgerungen wir daraus ziehen, und raten Sie dringend zu irgendeinem Entschluß, der die Karten wieder etwas gleichmäßiger verteilt.«

»Das will ich gern tun, Gospodin, heute noch.«

»Wollen Sie für diesen Brief nicht doch lieber den bulgarischen Kurier benutzen?«

Friedrich Franz lachte herzlich. »Lieber doch nicht, so freundlich Ihr Angebot auch gemeint ist. Bei dem deutschen Kurier bin ich sicher, daß mein Brief von niemand gelesen wird außer von dem Adressaten, bei dem bulgarischen Kurier wäre ich dessen, verzeihen Sie, nicht so unbedingt sicher.«

Nun lächelte auch Peter Karakinow. »Sie haben sich wirklich schnell in unsere Verhältnisse eingelebt, Herr Baron.«

»Danke, es geht, so einigermaßen. Übrigens ist es wirklich nicht gar soviel anders wie anderswo ... Nur die Sprache, die werde ich wohl nie lernen, da kann meine Zunge nicht mit, beim besten Willen nicht, das habe ich endgültig aufgegeben.«

»Aber wir müssen doch auch die deutsche Sprache lernen.«

»Das ist ganz etwas anderes. Ihr Orientalen seid alle miteinander wahre Sprachgenies, das sind wir nicht, ich schon gar nicht.«

Die beiden schüttelten sich sehr herzlich die Hände. Peter Karakinow verabschiedete sich, und Friedrich Franz machte noch ein wenig Toilette für das Frühstück beim holländischen Gesandten.

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