Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Kurt Aram >

Leda

Kurt Aram: Leda - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleLeda
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid34f5aa8c
Schließen

Navigation:

XXI.

Sechs Tage und sechs Nächte war die Seele gewandert. Nun war sie eingegangen in das Jenseits und hatte keine Verbindung mehr mit dem Diesseits. Weder Freud noch Leid, weder Krieg noch Friede dieser Erde erfreute oder bekümmerte sie mehr. Aber auch die Menschen auf Erden, die ihr am nächsten gestanden, besaßen nun keine Verbindung mehr mit ihr bis zum Jüngsten Tag.

Die schwarzen Fahnen an Serafinows Haus in der Schipkastraße wurden wieder entfernt, der Trauerflor aus den Fenstern genommen und das schwarze Tuch vor der Haustür wieder in die Truhe gelegt.

Sechs Tage lang gegen Abend war auch Frau Adda getreulich auf den Kirchhof gegangen, hatte Kathrine berichtet, was sich zwischen Mittag und Abend in Sofia und bei der Freundschaft und Verwandtschaft zugetragen hatte, und hatte reichlich für Reis und Wein gesorgt, wie es einer guten Mutter zukommt. Nun machte der Alltag wieder ferne Rechte geltend. Peter Karakinow hatte aus Berlin geschrieben, daß er den rechten Mann gefunden zu haben glaube, zugänglicher als Herr von Kaufmann, ein guter Gesellschafter und sogar ein vortrefflicher Sänger. Dabei war er bisher Hauptmann bei einem Garderegiment, hatte sogar eine Zeitlang als vereidigter Makler an der Börse fungiert. Mehr konnte man wirklich nicht verlangen. Beträchtliches Vermögen und beträchtliche Verbindungen und Konnexionen besaß der Mann ebenfalls. Frau Adda war Feuer und Flamme für ihn, noch bevor sie ihn kennengelernt hatte. Sie beschloß, mit aller Energie darauf hinzuarbeiten, daß aus ihm und Leda ein Paar würde. Da Kathrine tot, kam ja nur noch Leda für alle großen und ehrgeizigen Zukunftspläne der Mutter in Betracht.

Immer wieder kam sie darauf bei ihrem Manne zu sprechen. Seine Natur war nicht ganz so elastisch wie die ihre, das Ende seiner Ältesten war ihm sehr nahegegangen. Aber er ließ seine Frau reden und planen, soviel sie nur wollte. Ihre Natur war nun einmal so. Leda sollte jedenfalls weder gezwungen noch überredet werden zu einer Verbindung, die ihr widerstrebte. Das hatte er sich am Grabe seiner Ältesten gelobt, das hatte er ihr fest versprochen. Ein wachsames Auge würde er über Frau Addas Plänen halten, abwarten, zusehn, aber rücksichtslos eingreifen, sowie er merkte, daß Leda eine Gefahr drohte. Mochte sie dies vielseitige Mannsbild, das Sänger, Offizier und Börsianer in einer Person war, gut; mochte sie den Mann aber nicht, sollte es auch seiner Frau nicht gelingen, die Tochter zu überreden.

Sechs Tage und sechs Nächte war die Seele gewandert. Nun war sie eingegangen in das Jenseits und hatte keine Verbindung mehr mit dem Diesseits. Jetzt endlich kam Leda wieder zu sich selbst, die die ganzen Tage nur der Schwester gelobt hatte.

Über Nacht war scharfer Frost gekommen, der erste der sieben Sofioter Winter. Ein Glück, daß Kathrins jenseits der Brücke war.

Da es am Abend vorher noch stark genebelt hatte, war Glatteis eingetreten, so daß Häuser und Straßen wie kandiert waren. Ohne russische Gummischuhe konnte man sich überhaupt nicht trauen, das Haus zu verlassen.

Die Straßen warm menschenleer. Wer nicht unbedingt mußte, riskierte seine gesunden Knochen nicht. Wer es aber nicht vermeiden konnte, das Haus zu verlassen, der verfluchte die Modernisierung der Stadt, namentlich das moderne Pflaster, auf dem man wohl Schlittschuh laufen, aber nicht gehen konnte, und suchte sich einen Weg durch die alten, schmutzigen, sonst so verachteten Gassen und Gäßchen, die die moderne Kultur noch nicht berührt hatte. An ihrem gefrorenen Schmutz fand der gleitende Fuß wenigstens immer wieder einen Halt.

Auch Leda suchte sich solche Gassen und Gäßchen, um nach dem »Hotel Bulgarie« zu gelangen. Es hatte doch sein Gutes, daß in Sofia Altes und Neues noch so dicht beieinanderlag und so hübsch durcheinanderging.

Sie übergab dem Portier ihre Visitenkarte für Friedrich Franz und begab sich in das Empfangszimmer. Es war kalt und ungeheizt, so daß sie ihren Pelz anbehielt. Es fröstelte sie bei dem Gedanken, daß hier in demselben Raum Kathrins gesessen und sich um sie gegrämt hatte.

Friedrich Franz erschien.

»Wo hat sie gesessen?« fragte Leda hastig.

Friedrich Franz verstand sofort, was sie meinte.

»Dort in dem Stuhl am Fenster.«

Heute war das Fenster vereist, so daß man nicht auf die Straße sehen konnte. Leda setzte sich an einen anderen kleinen Tisch, und zwar so, daß sie jenen Stuhl, auf dem Kathrine gesessen, im Auge behielt.

Friedrich Franz nahm neben ihr Platz und griff nach ihrer behandschuhten Rechten, die er zwischen seine Hände nahm. Durch das Leder hindurch fühlte er, daß ihre Hand eiskalt war.

»Wie ist das alles nur gekommen?« fragte Leda nach einer Weile leise und scheu.

»Was soll uns das jetzt noch«, meinte er und rieb ihre Rechte.

»Wissen Sie noch, wie ich Sie damals im Borispark fragte, ob Sie in einer besonderen Mission in Sofia seien?«

»Und ob ich mich erinnere. Ich fragte, warum Sie das auf einmal interessiert, und Sie verweigerten mir die Antwort.«

»Ich fragte dann, ob Sie Politiker seien? Und Sie antworteten: ›Natürlich! Was denn sonst? Weshalb wäre ich sonst wohl hier?‹ Erinnern Sie sich noch?«

Er nickte.

»Und dann war es aus. Sie waren böse, und ich war böse.«

»Wie konnten Sie mir auch eine solche Falle stellen, Leda?«

»Eine Falle? Ich verstehe nicht«

Er strich ihr beruhigend über die Hand. »Aus sich selbst heraus haben Sie das doch sicher nicht gefragt, Sie persönlich konnte das doch schwerlich interessieren. Also mußte Sie irgend jemand zu der Frage angestiftet haben.«

Leda sah ihn fassungslos an. »Ich verstehe kein Wort.«

»Irgend jemand hat Sie dazu überredet, mich politisch auszuhorchen, deshalb war ich so böse und beleidigt.«

»Gar niemand hat mich überredet! Wie können Sie mir nur so etwas zutrauen, ich bin doch kein kleines Kind, das sich als Werkzeug für andere ausnutzen läßt. Ganz aus mit selbst heraus habe ich gefragt.«

»Aber warum, Leda? Was konnte Sie persönlich das interessieren?«

Eine jähe Röte stieg in ihr Gesicht. »Verstehen Sie das denn wirklich nicht?«

»Ich verstehe das wirklich nicht. Ich habe mit immer wieder den Kopf darüber zerbrochen, weshalb Sie das fragen konnten, ich fand nur die eine Erklärung, ohne sie verstehe ich es überhaupt nicht«

Sie entzog ihm hastig ihre Hand. »Mein Gott, ich wollte doch nur wissen, ob Sie mir nur als Politiker den Hof machten, weil Ihre Mission das sozusagen Ihnen nahelegte, oder ob ...« Sie brach ab.

Er starrte sie fassungslos an. »Hören Sie, das ist ja! ...«

»Und weil Sie sagten: ›Was denn sonst, weshalb wäre ich denn sonst wohl hier?‹ ... Da wurde ich böse, dazu war ich mir zu gut.«

»Herrgott!« Er raufte sich die Haare. »Was ist denn aus mir hier geworden. Diese verfluchte Politik, dieses ewige Mißtrauen, meine Unsicherheit, dies Immer-auf-der-Hutsein-müssen.«

Nun nahm sie seine Hand und streichelte sie.

»Also nichts weiter als ein Mißverständnis, eine Albernheit, und deshalb alle die Qual und Unruhe, alle die Enttäuschung, all der Kummer!«

Er war außer sich.

Nun wurde Leda ganz ruhig. Seine Worte verrieten ihr ja alles, sagten genug.

»Jetzt wollen wir nicht mehr davon reden.« Sie seufzte erleichtert auf. »Gut, daß es vorbei ist.«

»Und wenn ich denke, ohne deine Schwester liefen wir immer noch aneinander vorbei, hätten wir uns wohl nie ausgesprochen.«

Leda sah scheu nach dem Stuhl, auf dem Kathrine damals gesessen.

»Wir wollen nicht mehr davon sprechen, das ist vorbei. Wir wollen von anderem sprechen.«

»Was nun?« sagte er etwas verwirrt. Sie lächelte.

»Deshalb bin ich ja zu dir gekommen.«

Wieder fuhr er sich wild durch die Haare. »Ich Esel, ich habe mich ja versetzen lassen, ich muß ja zum 1. Januar fort von hier, ich muß nach Konstantinopel.«

Er sprang auf und lief erregt durch das Zimmer.

»Wie soll ich das nun wieder rückgängig machen? Nein, das kann ich nicht, das darf ich nicht, ich mache mich ja lächerlich!«

»Das sollst du auch gar nicht.«

»Aber ich werde mich doch jetzt nicht schon wieder von! dir trennen! Es sind ja kaum noch drei Wochen, bis ich fort muß.«

»Ich denke auch, wir wollen uns nicht trennen.«

Jedenfalls rede ich heute noch mit deinen Eltern.«

»Ich denke, das wirst du nicht tun.«

Sie erzählte ihm, daß ihre Mutter schon wieder neue Pläne mit ihr vorhabe. Frau Adda hatte Onkel Peters Brief ihrer Tochter nur bruchstückweise vorgelesen. Das hatte Leda stutzig gemacht. Sie hatte sich den Brief verschafft, und nun wußte sie Bescheid und war nicht einen Augenblick zweifelhaft über die Absichten ihrer Mutter.

»Das ist abscheulich!« entfuhr es Friedrich Franz.

»Für uns hier nicht so sehr, wie du denkst. Wir leben ja auf dem Balkan und nicht in Europa, du darfst das nicht immer wieder vergessen.«

»Und dein Vater?«

»Der steht zu mir. Aber ich möchte ihm, wenn es irgend geht, überflüssige Konflikte und Aufregungen sparen.«

»Wie soll man das unter solchen Umständen?«

Sie lächelte. »Komm, setze dich wieder zu mir und sei nicht so aufgeregt. Wir werden schon einen Ausweg finden. Erzähle mir zuerst, was du in Konstantinopel vorhast.«

Er setzte sich und berichtete ihr darüber.

»Du wirst also vermutlich einige Wochen in Konstantinopel bleiben?«

»Das weiß ich nicht, Leda, das kann ich nicht im voraus wissen, es ist möglich, es ist aber auch nicht möglich.«

»Jedenfalls bist du nicht heute in Konstantinopel und morgen schon wieder unterwegs woanders hin.«

»Auch das weiß man nicht, Leda.«

»Aber man kann vielleicht etwas dazu tun, daß du nicht sofort wieder fort mußt.«

»Warum meinst du das?«

»Ich fahre mit dir. Ich besuche Eveline. Den Eltern wird das in diesem Augenblick nur recht sein. Ich werde sogar fertigbringen können, daß Papa dich bittet, mich mitzunehmen und auf mich zu achten.«

Friedrich Franz wußte immer noch nicht recht, wohinaus sie wollte.

»In Konstantinopel lassen wir uns trauen, kriegstrauen. Ich telegraphiere Papa. Er wird sicher einverstanden sein. Auch Mama wird sich einverstanden erklären, wenn sie vor der vollendeten Tatsache steht.«

»Mein Gott, Leda, das wäre ja sehr schön, aber es geht doch wohl nicht, was würden deine Eltern von mir denken?«

»Sie würden denken, daß du es klug angefangen hast, weiter nichts.«

»Verzeih, da hinein kann ich mich noch nicht finden.«

Leda sah ihn zornig an.

»Nur nicht böse werden, nur nicht neue Missverständnisse.«

»Das meine ich auch. Sei nicht so schwerfällig.«

»Ich muß mir das wirklich erst genau überlegen. Was werden die Leute dazu sagen?«

Leda erwiderte ruhig: »Das will ich dir ganz genau sagen, denn das weiß ich besser als du, sie werden sagen, das haben die beiden gut gemacht, und einige werden sich sogar darüber freuen, weil sie glauben, daß Mama sich darüber ärgern wird. Glaube mir, ich kenne die Leute hier.«

Sie schlang die Arme um ihn und küßte ihn leidenschaftlich auf den Mund.

»Sei nicht so dumm, so ängstlich, so konventionell, du Afrikaner.«

»Es ist ja nur um deinetwillen, Leda. Ich möchte nie und nimmer, daß man dich auch nur einen Augenblick schief ansähe.«

»Aber das tut hier ja kein Mensch! Oder hast du Angst vor den Deutschen?«

Friedrich Franz lachte. »Das gewiß nicht.«

»Es ist doch Krieg, und da geht es nun einmal nicht immer auf dem gewöhnlichen Weg.«

»Advokat hättest du werden sollen, Leda.«

Sie richtete sich auf, und sie sah wieder ganz aus wie damals im Iskertal, schön und furchtlos wie eine Königin. »Ich gehe nicht wieder von dir, und wenn du mich nicht als deine Frau mitnehmen willst, dann gehe ich als deine Geliebte mit, mir ist es gleich. Nur bei dir will ich bleiben.«

Er schloß sie in seine Anne. Ihn erschütterten diese Worte.

»Aber ich bleibe auch nicht allein in Konstantinopel zurück, ob als deine Frau oder als deine Geliebte, ich gehe mit dir, wohin du gehst. Ich trenne mich nicht mehr von dir.«

Sie sagte das ruhig, fest und fast ein wenig feierlich.

»Alles andere ist mir Nebensache, das magst du einrichten, wie du willst, und wie es dir gut scheint.«

Sie ist wirklich großartig, dachte er, ganz großartig.

»Gut, wir reisen zusammen nach Konstantinopel.«

Sie atmete auf. »Alles Weitere findet sich.«

Er meinte: »Bei uns sagt man: Wo ein Wille, ist auch ein Weg.«

Sie nickte sehr ernsthaft. »Das Wort gefällt mir, daran halten wir uns.« Sie stand auf.

»Heute nachmittag besuchst du mich. Ich werde allein zu Hause sein. Ich richte das schon so ein. Ich will keinen Tag mehr ohne dich sein, hörst du!«

Sie umarmte ihn und verließ das Empfangszimmer.

Ein wenig verblüfft und verwirrt blieb er zurück. Sie ist entschieden die echte Tochter ihrer Mutter, dachte er. Großartig ist sie, ganz großartig. Er reckte sich. »Donnerwetter nochmal!«

Er begann zu pfeifen. Ein Bedenken nach dem andern fiel von ihm ab. Sie hatte ja so recht. Wer weiß, wo und wie bald auch ihn eine Kugel traf, eine Granate zerriß. Genieße die Stunde, solange sie noch dir gehört, wer weiß, ob du die nächste oder übernächste noch genießen kannst.

Pfeifend verließ er das Empfangszimmer und drückte dem verblüfften Hotelportier einen Hundertlewaschein in die Hand.

Pfeifend trat er auf die Straße, denn in seinen vier Wänden hielt er es jetzt nicht aus. Sie waren ihm zu eng.

Glatt war es auf der Straße, verdammt glatt. Ein tapferes Mädel, daß sie trotzdem zu ihm gekommen war.

Hoppla! An Glatteis aller Art mußte er sich jetzt gewöhnen. Aber er war ja jung und elastisch. Es würde schon nicht gleich die Knochen kosten. Nur nicht allzu vorsichtig sein. Je vorsichtiger man sich auf Glatteis bewegte, desto schneller lag man auf der Nase. Und wenn man ins Gleiten gerät, sich nur nicht dagegen sträuben und zur Wehr setzen, sondern ruhig weitergleiten, mit Absicht gleiten, dann behält man am leichtesten die Balance und findet das Gleichgewicht bald wieder. Wenn man nur jung und elastisch und nicht ängstlich ist.

So glitt er pfeifend und lachend über die Straßen ins Freie, wo ein leichteres Fortkommen war.

Wie verzuckert standen die Bäume und Sträucher, die Gräser auf der Erde. Herrlich war es. Er begann zu fingen, niemand störte ihn.

Ein prachtvolles Mädel, ging es ihm wieder durch den Kopf.

»Haben Sie das große Los gewonnen, Herr von Kaufmann?«

Friedrich Franz fuhr herum. Am Eingang zu der Kavalleriekaserne stand Boris Makarow, der ihn wohl schon eine Weile beobachtet hatte.

»Habe ich auch, Gospodin°«

Friedrich Franz trat zum Kasernentor. Sogar Boris Makarow mochte er plötzlich ganz gut leiden.

»Sind Sie so froh, von hier fortzukommen? fragte Boris.

»Also, das wissen Sie auch schon?«

»Was weiß man hier nicht?«

»Erlauben Sie, alles weiß man doch wohl sogar hier nicht.« Friedrich Franz lächelte geheimnisvoll.

»In der Tat, es gibt wirklich noch Dinge, die nicht jedermann hier weiß.« Boris Makarow lächelte geheimnisvoll.

»Sie schauen auch recht vergnügt drein, Gospodin.«

»Warum sollte ich auch nicht. Vierzehn Tage Urlaub nach Konstantinopel. Am Sonntag geht es los.«

Infolge des Unglücks mit Katharina Serafinow hatte sich seine Reise verschoben, um so mehr brannte er jetzt darauf.

»Am Ende treffen wir uns dort noch«, meinte Friedrich Franz. »Am 1. Januar muß ich auch dort sein.«

»Dann werden Sie sicher nicht versäumen, Eveline Ali Bey aufzusuchen?« fragte Boris Makarow.

Friedrich Franz sah ihn verwundert an. Daran hatte er allerdings noch nicht gedacht.

»Soll ich Sie bei ihr schon anmelden?« fragte der Leutnant und dachte, würde er Augen machen, wenn er wüßte.

»Sehr freundlich von Ihnen. Wir werden sie jedenfalls aufsuchen«, erwiderte Friedrich Franz und erschrak darüber, daß er wir gesagt und sich fast verschnappt hatte. Würde Boris Makarow Augen machen, wenn er wüßte ...

Sie gingen miteinander der Stadt zu. Nun keiner dem anderen mehr ins Gehege kam, waren sich die beiden eigentlich ganz sympathisch.

Inzwischen war die Sonne Herr der Wolken geworden Sie gaben den ungleichen Kampf auf und zerstreuten sich. Der Reif, der wie Watte an den Asten saß, verflüchtigte sich und rann an den Asten über den Stamm der Erde zu. Nun wurde auch das moderne Pflaster in der Stadt wieder gangbar.

Dr. Schiwatschew schloß sich den beiden an. Er war sehr erregt, er mußte jemanden haben, um sich auszusprechen. Aus den Waffenstillstandsverhandlungen in Brest-Litowsk schienen Friedensverhandlungen werden zu wollen. Nur hatte sich der Vierbund darauf eingelassen, daß die Russen mit zehntägiger Frist die Entente zu einem allgemeinen Frieden aufforderten. Das erregte Dr. Schiwatschew sehr. Er witterte eine russische Falle dahinter.

»Ich begreife den Alten nicht, er kennt doch die Russen. Von Deutschland will ich gar nicht reden. Aber daß der Alte sich darauf eingelassen hat, das verstehe ich nicht ...«

Er setzte den beiden umständlich auseinander, warum seiner Meinung nach die Russen so konsequent eine Verschleppungspolitik betrieben, und daß die Bolschewiki offenbar hofften, den Vierbund derweil doch noch zu revolutionieren und so Rußlands Niederlage zu einem Siege umzugestalten.

Friedrich Franz und Boris Makarow taten, als ob sie aufmerksam zuhörten, und ließen auch ab und zu ein zustimmendes Wort fallen, aber beider Gedanken waren doch ganz woanders.

Wie kann man sich dafür noch so leidenschaftlich interessieren? dachte Friedrich Franz, damit ändert man doch nichts. Was besserte es die politische Lage, ob ich mich darüber ereifere oder nicht? Wie kann sich ein Mann wie dieser kleine Jurist und kleine Dichter einbilden, er könne dem Schicksal, das sich in Brest vollzieht, in die Arme fallen? Es vollzieht sich ja doch so, wie es muß, und nicht um ein Atom anders, als es muß. Was geht uns kleine Leute das an?

Wir wollen heiraten und Kinder in die Welt fegen, möglichst viel Kinder.

»Die Entente denkt natürlich gar nicht daran, jetzt schon Frieden zu machen«, begann Dr. Schiwatschew von neuem. »Wir aber tun so, als ob wir einen allgemeinen Frieden schon für möglich hielten. Was sollen die Feinde von uns denken? Auslachen werden sie uns um deswillen und denken, wir müßten den Frieden blutnötig haben, weil wir soviel davon reden.«

»Sagen Sie, Herr Doktor,« unterbrach ihn Friedrich Franz, »warum regen Sie sich eigentlich so furchtbar auf? Sind Sie Minister, der was ändern kann?«

»Aber ich bin Mitglied einer Partei, die ins Gewicht fällt, die ihr Wort mitzureden hat, die man beachten muß!«

»Ich an Ihrer Stelle würde mich lieber in ein hübsches Mädel verlieben, heiraten und Kinder in die Welt setzen. Damit würden Sie sich viel politischen Ärger sparen, der doch zu nichts nützt.«

Dr. Schiwatschew war sprachlos.

Boris Makarow lachte beifällig. »Ich stimme Herrn von Kaufmann vollkommen zu, er hat ganz recht.«

Dr. Schiwatschew verabschiedete sich eilig. Er war sichtlich gekränkt.

»Ich kann mir nicht helfen, diese ewige Politisiererei, es ist wie eine Krankheit. Das Beste in uns stirbt daran.«

Boris Makarow drückte dem andern die Hand. »Sie haben mir vollkommen aus der Seele gesprochen, Sie können gar nicht wissen, wie sehr. Auf Wiedersehn. Vielleicht treffe ich Sie doch noch in Konstantinopel.«

»Gratuliere, Herr von Kaufmann, gratuliere.«

»Guten Tag, Herr Oberstleutnant. Sehr verbunden, aber wozu gratulieren Sie mir, wenn ich fragen darf?«

»Wer so strahlt wie Sie in diesem Augenblick, dem kann man immer Glück wünschen«, meinte der alte Herr. »Diesmal sehen Sie anders drein als damals im Stadtgarten, als ich Sie recht kleinlaut auf der Bank traf; erinnern Sie sich noch?«

»Gott sei Dank, heute ist mir auch ganz anders zumute, Herr Oberstleutnant.« Friedrich Franz schüttelte sich leicht in Erinnerung an damals.

»Wissen Sie was, kommen Sie mit, trinken wir 'ne Flasche Rotspon zusammen wie damals.«

»Durchaus einverstanden, Herr Oberstleutnant.«

Die beiden wandten sich dem Unionklub zu, der ganz in der Nähe lag.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.