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Leda

Kurt Aram: Leda - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleLeda
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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XVIII.

Eveline packte und machte Abschiedsbesuche. Persönlich ging sie zwar nur zu ganz wenigen näheren Bekannten, aber sie schickte den Joseph durch die ganze Stadt mit hundert Visitenkarten mit ihrem p. p. c. in der linken Ecke, die er überall abgab, wo Eveline zu irgendeiner Zeit einmal gewesen war. So verlangte es die Sofioter Sitte.

Eveline war lustig und guter Dinge. Als sie im Vorfrühling hierhergereist war, eigentlich nur aus Langeweile und um der Konstantinopler Hitze zu entgehen, hatte sie wirklich nicht daran gedacht, daß sie solange hierbleiben und sozusagen als verlobt wieder nach Hause zurückkehren würde. Aber so verhielt es sich nun einmal, und sie freute sich dessen und war zufrieden damit.

Die Eltern würden sich wohl ein wenig entsetzen. Der Vater, weil er als Türke überhaupt keine Sympathie für einen Bulgaren haben konnte. Die Mutter, weil sie als Deutsche innerlich doch wohl immer noch ein wenig auf den Balkan herabsah. Aber ernsthafte Schwierigkeiten würden sie ihr kaum machen, wenn Eveline energisch auf ihrer Absicht bestand, und dazu war sie fest entschlossen.

Serafinows erzählte sie nichts. Erstens war es in Wirklichkeit ja noch nicht soweit, Boris Makarow war noch nicht in Konstantinopel gewesen, und es konnte immer noch etwas dazwischenkommen, wenn sie es auch nicht glaubte. Dann aber spielte bei Frau Addas Plänen für Ledas Zukunft vielleicht Boris doch noch eine Rolle. Es war nicht nötig, daß Eveline Frau Adda mit der Nase darauf stieß, daß diese Figur aus den Zukunftsplänen der ehrgeizigen Frau auszuscheiden habe. Seiner Zeit erfuhr sie das durch eine Verlobungsanzeige immer noch früh genug.

Nur Leda hätte sie sich gern anvertraut. Sie würde sich sicher mit ihr gefreut haben, denn sie dachte ja nur noch an Herrn von Kaufmann. Aber nach einiger Überlegung hielt es Eveline für besser, auch Leda gegenüber zu schweigen. Die Sache war erst im Werden, zwar auf dem besten Weg, aber noch nicht perfekt. Gerade wenn man zufrieden und froh ist, soll man die Vorsicht nicht außer acht lassen»

»Was soll ich nur ohne dich anfangen, Eveline?« klagte Leda, der es sehr schwer wurde, sich wieder von der Freundin zu trennen.

»Erstens bin ich ja nicht aus der Welt, Leda. Wenn du es wirklich nicht ohne mich aushältst, besuchst du mich. Das bist du mir sowieso schuldig. Und dann hast du ja Kathrins jetzt. Gib gut auf sie acht. Das wird dich von deinen eigenen Geschichten ablenken, und mir scheint, Kathrine braucht jemand, der auf sie achtet.«

»Ich habe direkt Angst um sie, Eveline. Es ist immer, als ob sie mit ihren Gedanken ganz woanders wäre.«

»Ist sie auch, mein Schatz, und der Ort, wo ihre Gedanken sind, dürfte nicht gerade der erfreulichste sein.«

»Wenn ich nur wüßte, wie man ihr helfen könnte!«

»Wie soll man das können, Leda? Bringe sie auf andere Gedanken, jammere ihr ordentlich was vor, daß sie sich mehr für dich interessiert als für sich oder so. Mach' schlechte Witze wie ich, daß sie das Lachen wieder lernt. Dann wird sie sich schließlich schon selbst helfen.«

Eveline strich der Freundin zärtlich über die schmaler gewordenen Wangen und sagte ernst: »Du könntest von Kathrine eigentlich was lernen. Hast du wirklich noch nicht daran gedacht?«

Leda blickte sie fragend an.

Eveline umarmte die Freundin und flüsterte ihr zu: »Es rächt sich bitter, wenn man einmal etwas als sein Glück erkannt hat und nicht zugreift und bei der Stange bleibt. Du solltest ernstlich darüber nachdenken, Schatz, recht bald, recht gründlich, damit die Reue nicht kommt, wenn es zu spät ist.«

Leda entwand sich ihr. »Lassen wir das!«

»Ganz wie du wünschst, ich kann dich nicht zwingen.«

Am Abend fuhr Evelines Zug. Am Vormittag schlenderte sie zum letztenmal durch die Zar-Befreier-Straße. Sie traf Boris, der hier auf sie wartete.

»Also, wir sagen uns hier unter aller Augen adieu, und Sie machen nicht so ein unglückliches Gesicht, Gospodin, daß jedermann es Ihnen auf eine Meile ansehen kann, wie sehr Sie mich vermissen.«

»Muß denn das sein, muß ich denn der einzige sein, der nicht auf die Bahn kommen darf?«

»Es muß sein, und Sie dürfen es als einen Vorzug ansehn, wenn Sie der einzige sind, dem ich verbiete, auf die Bahn zu kommen. Merken Sie wohl auf, ich verbiete es!«

»Wenn ich Ihrem Verbot nun trotze!«

»Dann können Sie zwar immer noch sooft nach Konstantinopel reisen, als es Ihnen Spaß macht, Gospodin, aber mich oder meine Eltern treffen Sie dort nicht. Wir werden nicht für Sie zu sprechen sein. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort!«

»Sie tyrannisieren mich maßlos.«

»Nehmen Sie doch Vernunft an, Gospodin. Sie sind mir für die Öffentlichkeit ein wenig zu temperamentvoll und unbeherrscht. Wenn Sie an die Bahn kämen, würden Sie die Augen rollen und sich so aufführen, daß die ganze Stadt über uns lacht oder, was noch unerfreulicher wäre, uns ins Gerede bringt.«

Boris Makarow stöhnte. Sie sind mir zu vernünftig, viel zu vernünftig.«

»Freuen Sie sich dessen lieber, Gospodin ... Also leben Sie wohl, lassen Sie es sich recht gut zehn, und wenn Sie nichts Besseres vorhaben ...«

»Sie spotten schon wieder über mich.«

»Nein, wirklich nicht, Boris.«

»Wann darf ich kommen, Eveline?«

»Schon in acht Tagen, Boris, wenn Sie dann noch Lust haben.«

Boris seufzte tief und schwer.

»Jetzt machen Sie sich und mir was vor, Boris. Die acht Tage werden vergehen, wie so viele andere schon vergangen sind, also nehmen Sie es nicht so tragisch, das lohnt sich wirklich nicht. Leben Sie wohl, Boris, und ich sage: Auf Wiedersehn!«

»Muß ich Sie denn jetzt schon verlassen?«

»Auch das müssen Sie, denn ich habe mit Herrn von Kaufmann noch ein Hühnchen zu rupfen. Sehen Sie, er zieht schon von weitem den Hut und ist noch ganz harmlos, der Ärmste. Auf Wiedersehn, Boris!«

»Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn in acht Tagen!« Er stürzte fort.

Friedrich Franz eilte näher. Sie reichte ihm die Hand.

»Ist es wirklich wahr, gnädiges Fräulein, Sie reisen ab, Sie wollen uns verlassen?«

»Es ist wirklich wahr, Herr Baron.«

»Das tut mir aufrichtig leid. Sie gestatten doch, daß ich an die Bahn komme?«

»Ich gestatte, Herr Baron.«

»Sie sind so kurz angebunden, gnädiges Fräulein?«

»Und Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Herr von Kaufmann, wie mir scheint.«

Friedrich Franz tat, als besänne er sich nicht.

»Sie haben sich neulich in der Schipkastraße nicht gerade als Kavalier benommen mir gegenüber. Erinnern Sie sich wirklich nicht?«

»Mein Gott, gnädiges Fräulein.«

»Also schön, lassen wir das. Es geht mich ja auch nichts mehr an, ich stehe sozusagen mit einem Fuß schon wieder in Konstantinopel.

»Das kommt so plötzlich, so überraschend.«

Warte, dachte Eveline, jetzt kommt die Rache, die ich dir geschworen habe.

»Sie haben zwar kein Vertrauen zu mir, Herr Baron, aber ich habe Vertrauen zu Ihnen, und deshalb sollen Sie als erster ein Geheimnis erfahren, das noch niemand weiß, und das Sie freundlichst noch vierzehn Tage für sich behalten werden.«

»Ich stehe ganz zur Verfügung.«

»Ich habe mich nämlich verlobt, Herr Baron.«

Er war sehr überrascht.

»Sie fragen gar nicht, mit wem?«

»Ich bin wirklich sehr überrascht, verzeihen Sie, jedenfalls meine besten Glückwünsche Ihnen und Ihrem Auserwählten. Ich habe wohl nicht den Vorzug, ihn zu kennen?«

»Sie haben den Vorzug, Herr Baron.«

»Wirklich?«

»Ich habe mich mit Boris Makarow verlobt.«

Friedrich Franz war blaß geworden.

Das sitzt, dachte Eveline befriedigt.

»Sie haben sich mit Boris Makarow verlobt?«

»Sie können den Satz sooft wiederholen wie Sie wollen. Es wird sich nichts mehr an ihm ändern lassen. Wenigstens glaube ich das, wenn wir vorläufig auch nur ganz heimlich verlobt sind.«

Friedrich Franz nahm sich zusammen. »Ich wünsche Ihnen und Ihrem Verlobten von Herzen alles Schöne und Gute.«

»Ich danke Ihnen sehr dafür, Herr von Kaufmann. Also auf Wiedersehn heute abend an der Bahn, Herr von Kaufmann. Mein Verlobter wird nicht da sein, und vergessen Sie nicht, daß mein Geheimnis noch niemand weiß, und daß Sie mir Stillschweigen versprochen haben.«

Sie verabschiedeten sich. Eveline, die sich wieder der Schipkastraße zuwandte, dachte, ich gäbe wirklich etwas dafür, wenn ich genau wüßte, was er jetzt denkt. Das hat ihn doch einigermaßen verblüfft. Ob er wohl immer noch annahm, daß sich Leda doch eines schönen Tages mit Boris trösten würde?

Friedrich Franz war blaß geworden vor Erregung über diese Neuigkeit, die er nicht erwartet hatte. Er hatte seit einiger Zeit nur deshalb wieder alle Tees besucht, um Leda und Boris Makarow zu beobachten. Er war immer noch eifersüchtig auf ihn gewesen, trotzdem ihn Leda ja gar nichts mehr anging. Und nun hatte sich der Leutnant mit Eveline verlobt. Es kam ihm fast unbegreiflich vor. Wenn man sozusagen die Wahl hat zwischen Leda und Eveline, wie konnte man da nur zweifelhaft sein. Gewiß, Eveline war in ihrer Art schon, sehr amüsant, er gönnte ihr alles Gute ... Aber neben Leda? ...

Ob Leda wohl Bescheid wußte? Offenbar nicht, denn Eveline hatte ihm ja eben erst versichert, daß es noch ein Geheimnis sei, von dem niemand etwas wisse. Warum hatte sie es da gerade ihm verraten? Dahinter steckte eine Absicht, aber welche? ... Wie Leda es aufnehmen würde, wenn sie es erführe? Ob sie sehr unglücklich sein würde? ... Das arme Ding, nun verlor sie mit einmal die beste Freundin und einen alten Verehrer. Was blieb ihr da noch?

Friedrich Franz eilte auf sein Zimmer, denn ihm war zumute, als müsse da ein Brief oder ein Telegramm aus Berlin liegen, das ihm Nachricht über seine Versetzung gäbe. Aber es fand sich weder ein Brief noch ein Telegramm. Berlin war bis jetzt stumm geblieben.

Friedrich Franz mußte sich am Bettpfosten festhalten, denn es ging wieder ein leichtes Ziehen durch den Boden. Schon war es wieder vorüber. Man gewöhnt sich mit der Zeit an alles, sogar an Erdbeben.

Wenigstens hat Leda jetzt ihre Schwester bei sich, fiel ihm ein, und das beruhigte ihn ein wenig» Auch ein Opfer der Politik. Eine rocht abscheuliche Geschichte, die man ihm darüber erzählt hatte. Man sprach ja jetzt wieder allgemein davon, da die Schwester in Sofia war.

Friedrich Franz von Kaufmann fand sich frühzeitig auf dem Bahnhof ein. Er wollte Leda wiedersehen, die sicherlich an der Bahn war; und wenn möglich, wollte er auch ihre Schwester kennenlernen, die er noch nirgends getroffen hatte.

Alles, was sich irgend zur Gesellschaft rechnete außer den offiziellen Persönlichkeiten, hatte sich eingestellt. Wer nichts zu tun hatte, ging ja überhaupt regelmäßig zum Balkanzug. Es war doch eine Abwechslung. Die Leute von Konstantinopel brachten den neuesten türkischen Klatsch, die Leute aus Berlin, Wien und Budapest die letzten Neuigkeiten vom Westen. Es gab da immer etwas zu hören, zu beklatschen, zu bekritteln. Es war wirklich amüsant und ein guter Zeitvertreib, dem man sich viermal in der Woche hingeben konnte.

Aber diesmal waren doch ungewöhnlich viel Sofioter an der Bahn, Damm wie Herren, denn Eveline erfreute sich großer Beliebtheit.

Sie hielt förmlich Hof. Sogar der türkische Gesandte hatte sich eingefunden. Eveline befand sich in rosigster Laune. Sie lachte und scherzte, und ihr Mund stand nicht einen Augenblick still.

Selbstverständlich war auch die ganze Familie Serafinow anwesend, sogar Katharina, die etwas scheu und verwirrt hinter ihrer Mutter stand, als suche sie da Schutz vor den vielen Menschen. Leda stand ebenfalls in nächster Nähe der Schwester und ließ sie nicht aus den Augen.

Blaß und angegriffen sieht sie aus, dachte Friedrich Franz besorgt. Sie hatten sich zwar längst bemerkt, aber noch nicht begrüßt.

Friedrich Franz sah heimlich noch der Uhr. Es war noch viel Zeit, bis der Zug abging, noch mehr als eine halbe Stunde.

Da erschien auch Leutnant Gonthard mit der Petrowa, atemlos, einen Riesenstrauß für Eveline in der Rechten. Es war ein Kunststück, in Sofia Blumen zu bekommen» Leutnant Gonthard war nicht wenig stolz darauf, daß es ihm gelungen war.

Friedrich Franz nahm den Oberleutnant von Hungen unter dem Arm und promenierte mit ihm auf und ab, etwas abseits von dem Menschenschwarm um Eveline. Er hatte ja noch viel Zeit, sie zu begrüßen. Wenn Leda nur nicht so blaß und angegriffen ausgesehen hätte.

»Wirklich schade, daß die witzige Türkin abreist«, meinte der Oberleutnant bedauernd. »Allzuviel Abwechslung und Anregung gibt's hier wirklich nicht.«

»Deshalb ist es auch verhältnismäßig leicht, hier Interesse, ja Aufsehen zu erregen.«

»Na hören Sie, was Alltägliches ist die kleine Türkin nicht.«

»Gewiß nicht, aber so etwas Ungewöhnliches, wie es im Augenblick den Anschein hat, doch wohl auch nicht«

»Die verschüchterte Schwarze mit den flackernden Augen, das ist wohl die berühmte Schwester?« fragte der Oberleutnant.

»Ich glaube wohl«, antwortete Friedrich Franz.

»Sie sieht aus, als könne sie jeden Augenblick explodieren«, meinte der Oberleutnant. »Etwas reichlich unnormal.«

Länger will ich ihn doch nicht zappeln lassen, dachte Eveline und rief: »Herr von Kaufmann, Herr von Kaufmann.«

Friedrich Franz ließ Hungens Arm sofort los und eilte zu Eveline. Man schüttelte sich die Hände, und er wurde Katharina vorgestellt. Er trat zu den Schwestern. Wie ähnlich und doch wieder wie verschieden, dachte er. Er empfand ein starkes Mitleid mit Katharina, die sehr erregt und nervös zu sein schien.

»Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen«, sagte Katharina, und ihre flackernden Augen gingen unruhig von seinem Gesicht zu dem ihrer Schwester.

Ledas blasse Wangen röteten sich leicht unter diesen Blicken, die sie befangen machten und ein wenig ängstigten. Man wußte ja wirklich nicht mehr, wieweit Katharina sich noch in der Gewalt hatte. Die vielen Menschen schienen sie ganz krank zu machen.

»Gnädige Frau sind erst seit kurzer Zeit wieder in Sofia?«

»Ich glaube, ich werde auch nicht lange bleiben. Ich werde bald wieder nach Plovdiw zurück müssen.«

»Das wäre sicherlich sehr traurig für Ihre Schwester, gnädige Frau, Ihre beste Freundin geht fort, wenn Sie da auch schon wieder fort wollen.«

»Einige Tage bleibe ich sicher noch, vielleicht auch noch länger«, erwiderte Katharina hastig, und wieder gingen ihre flackernden Augen unruhig vom Gesicht ihrer Schwester zu seinem Gesicht.

Das kompromittiert mich ja direkt in seinen Augen, dachte Leda gequält. Wie soll er denn Katharinas Benehmen verstehen?

Sie wandte sich ein wenig beiseite und flüsterte leise, so daß nur er es hören konnte: »Meine Schwester ist krank und übernervös. Sie dürfen Sie nicht für ihre krankhafte Art verantwortlich machen.«

Friedrich Franz nickte leise und sah unter sich, damit die Schwester nichts merke. Ganz warm wurde ihm vor Freude, daß Leda wieder einmal ein leises Wort, nur für ihn bestimmt, gesprochen hatte.

»Was gibt es Neues in Berlin, Herr von Kaufmann?« fragte Frau Adda und nötigte ihn so, sich mit ihr zu unterhalten.

»Ich weiß wirklich nichts, gnädige Frau, ich bin seit langem ohne direkte Nachricht aus Berlin.«

»Man munkelt so allerlei über Waffenstillstandsverhandlungen.«

»Davon habe ich auch verschiedentlich reden hören,« erwiderte Friedrich Franz, »aber vielleicht ist da immer noch der Wunsch der Vater des Gedankens.«

»Ich glaube daran.«

»Natürlich, denn du willst ja nach Kiew«, warf Christo Serafinow lächelnd ein.

»Das dürfte aber doch noch nicht so bald zu machen sein.«

»Da kennen Sie meine Frau schlecht, Herr von Kaufmann«, lachte Christo. »Sie lauert nur auf die erste Gelegenheit.«

Friedrich Franz fühlte, wie Leda ihn immer wieder ansah, aber er schlug seine Augen nicht auf. Er hatte Angst, sie würden etwas verraten, was er sie um keinen Preis verraten lassen wollte. Die Bahnhofsglocke läutete nach russischer Gewohnheit zum erstenmal. Man hatte immer noch 10 Minuten Zeit.

Jetzt kam auch das Ehepaar Karakinow und drückte Eveline die Hand. Wie ein Bienenschwarm um ihre Königin drängten sich die Menschen um Eveline.

Peter Karakinow trat zu Friedrich Franz und erklärte ihm, er fahre mit dem nächsten Balkanzug nach Berlin, ob er irgend etwas dort für ihn tun oder ausrichten könne.

»Ich danke Ihnen bestens, Gospodin Karakinow, aber es wird nicht nötig sein, daß Sie sich meinetwegen bemühen.« Er hob die Stimme, weil er wollte, daß Leda ihn höre: »Ich habe mich wieder zur Front gemeldet.«

Leda hatte es gehört, denn er fühlte, wie sie ihn erschrocken ansah.

Frau Adda fragte erstaunt und verwundert: »Sie wollen wirklich fort von hier?«

»Es wird sich wohl nicht anders machen lassen.«

»Wollen Sie denn die Politik aufgeben?« fragte Peter Karakinow.

»Jawohl, das will ich, und zwar ganz und gar. Ich habe mir nie sonderlich viel daraus gemacht, es ist nicht mein Metier.«

Wieder hatte er recht laut gesprochen. Wieder hatte ihm Leda einen fragenden Blick zugeworfen.

»Das bedauern wir sehr, Herr von Kaufmann«, sagte Frau Adda.

»Uns kommt das auch nicht gerade gelegen«, meinte Christo Serafinow. »Wenn das wirklich Ihr Ernst ist.«

»Es ist mein Ernst. Ich habe ein Haar in der Sache gefunden. Ich eigne mich nicht zu dem Metier.«

Warum sagte Leda nichts, sie wußte doch den wahren Grund, weshalb er fortging. Aber Leda schwieg beharrlich. Friedrich Franz trat weiter fort von ihr. Er hatte ihr jetzt nichts mehr zu sagen.

Die Bahnhofsglocke läutete zum zweitenmal. Die Damen küßten Eveline und umarmten sie. Nun wurde es Zeit zum Einsteigen. Leutnant Gonthard sprang in den Wagen, legte die Blumen zurecht, brachte die Handtaschen unter und öffnete einen Plaid, für den Fall, daß es Eveline zu kühl würde.

Er half ihr beim Einsteigen.

»Vielen Dank, Sie sind wirklich ein vollkommener Kavalier. Auf Wiedersehn!«

Eveline trat an das Fenster, schüttelte Hände, die sich ihr entgegenstreckten, lachte und scherzte bis zu dem Augenblick, wo die Bahnhofsglocke zum drittenmal läutete und sich der Zug langsam in Bewegung setzte. Taschentücher wehten, Hände winkten. Nun konnte man Eveline schon nicht mehr erkennen»

»Wo ist Herr von Kaufmann?« flüsterte Katharina ihrer Schwester zu.

Leda sah sich um. »Er scheint fortgegangen zu sein,«

»Wie schade«, flüsterte Katharina.

»Wie gut, daß du schon morgen nach Berlin fährst, Peter«, sagte Frau Adda. »Herr von Kaufmann geht also wirklich fort, an die Front ... Merkwürdiger Mensch!«

»Was sagst du dazu, Leda?« flüsterte Katharina.

»Gar nichts, Kathrine.«

Man verabschiedete sich und fuhr nach Hause.

»Ein wahres Glück, daß du dich nie für Herrn von Kaufmann interessiert hast, Leda«, meinte Frau Adda befriedigt, als sie im Auto saßen. »Wie kann man eine so vielversprechende Position aufgeben und wieder einfacher Leutnant werden? Der Mann hat keinen Ehrgeiz, kein Streben, das gefällt mir gar nicht an ihm.«

Katharina streichelte beruhigend Ledas Hände, die leise zuckten. Ich werde mit ihm sprechen, morgen schon, wenn es irgend geht, dachte Katharina. Ich muß mich beeilen, ich bin krank, wer weiß, wie lange ich es noch kann. Immer sah sie die Stelle im Borispark vor sich, wo sie Dobri Petkow geküßt hatte, wo Dobri Petkow sich erschossen hatte. Es zog sie mit magischer Gewalt dorthin, so sehr sie sich dagegen sträubte. Sie fühlte deutlich, der Augenblick würde kommen, und er war nicht mehr fern, wo sie in den Borispark gehen mußte, ob sie wollte oder nicht, und dann war es zu spät, um mit Herrn von Kaufmann zu sprechen. Das wußte sie auch.

»Was ist, Kathrine? Du zitterst ja am ganzen Körper«, fragte Leda besorgt.

»Das geht vorüber«, bemerkte die Mutter. »Du siehst, Kathrine, wie nötig es ist, daß du wieder unter Menschen gehst, noch ein bis zweimal, und du hast dich wieder daran gewöhnt. Ich freue mich aufrichtig, daß du dich heute überwunden hast, es ist doch wirklich nicht so schlimm. Nicht wahr?«

Katharina antwortete nicht, aber Leda bemerkte mit Sorge, wie sie immer heftiger zitterte.

»Das Schlimmste hat Kathrine glücklich hinter sich, die erste Überwindung ist die schwerste«, begann Frau Adda wieder in sehr zufriedenem Ton.

»Morgen nehmen wir dich mit zu Petrows, es ist nur ein ganz kleiner Tee mit nur wenigen Menschen, die du alle kennst.«

Katharina preßte die Zähne aufeinander, daß es knirschte. Wenn die Mama doch nur schweigen wollte, das war ja nicht zum Aushalten.

»Zu unserem nächsten Jour bist du schon wieder ganz mobil, Kathrine. Du sollst sehen, verlaß dich auf mich.«

Nein, sie konnte die Sippen nicht länger geschlossen halten, trotz aller Kraftanstrengung nicht Etwas in ihr war stärker und riß die Lippen auseinander. Sie kicherte leise vor sich hin, sie kicherte lauter, sie lachte laut, immer lauter, ein Lachkrampf schüttelte sie.

Leda preßte die Schwester an sich. Frau Adda hielt ihr ein Taschentuch vor den Mund. Ein Glück, daß das Auto einen solchen Lärm machte.

Als man nach Hause kam, war Katharina schon wieder ruhig. Aber sie war todmüde und wurde von Leda sofort zu Bett gebracht, wo sie schon nach wenigen Augenblicken in einen tiefen Schlaf verfiel.

Unbeweglich saß Leda am Bett der schlafenden Schwester und lauschte ihrem Atem, der jetzt ganz ruhig und gleichmäßig ging.

Das ruhige Atmen beruhigte auch Leda allmählich, so daß ihre Gedanken wieder klarer wurden.

Eveline abgereist, Katharina krank, wohl schwerkrank, und Friedrich Franz von Kaufmann ging zurück an die Front.

Sie strich sich wie zur Beruhigung einige Male leise über die Stirn, die brannte, in der es stach, wie mit ganz seinen langen Nadeln.

Ob die Mutter jetzt nicht endlich zur Besinnung kommen würde?

Friedrich Franz würde ja wohl nach dem Westen gehen wie die meisten deutschen Offiziere.

Morgen würde sie mit der Mutter ein ernstes Wort reden. So ging das nicht weiter mit Kathrine. Matt sollte sie wenigstens in Ruhe lassen und nicht weiter mit Menschen quälen, die sie doch nur aufregten und kränker machten.

Eveline war wirklich zu beneiden, um ihre heitere Art, die sie sicherlich in keiner Lebenslage ganz im Stich ließ.

Wenn nun Friedrich Franz im Westen fiel?

Katharina stieß im Schlaf ängstliche Laute aus und hob die Hände wie eine Ertrinkende. Leda streckte ihren Arm aus. Die Hände umklammerten den Arm fester, immer fester. Nun schien sich Katharina wieder sicherer zu fühlen, als ob sie einer großen Gefahr entronnen wäre. Aber die Hände ließen Ledas Arm nicht los. Sie zogen ihn auf die Bettdecke und hielten ihn weiter fest umklammert, als gäbe es sonst keinen Halt, keine Rettung mehr.

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