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Lebenssucher

Lily Braun: Lebenssucher - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLily Braun
titleLebenssucher
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.-G.
seriesLily Braun - Gesammelte Werke
volumeVierter Band
printrun1.-20. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectid35ed0622
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Siebentes Kapitel.

Von Konrads Pilgerfahrt und den Wundern der heiligen Fiorenza.

Ein feuchter, kühler Vorfrühlingstag. Auf der Chaussee von Hochseß nach Ebermannstadt – der nächsten Eisenbahnstation – die über das kahle Hochplateau hinüberführte, standen kleine, schmutzige Wasserlachen; langsam fielen schwere Tropfen von den spärlichen blätterlosen Bäumen am Wege; in ihren Wipfeln saßen die Krähen und kreischten. Der Wind pfiff und fauchte hier oben ungefesselt über den steinigen, dürren Boden, den nur eine dürre Grasnarbe überzog. Das klägliche Blöken der Schafe, die die Öde ein wenig belebten, klang dazwischen.

Aus den Dörfern liefen die Leute zusammen; sie standen und warteten, die Frauen in Tücher gehüllt, blaß, die Augen blau umrändert, die Männer in dicken Jacken, in deren Taschen sie die roten Fäuste vergruben.

Märzkälte ist unbarmherziger als Dezemberfrost; sie ist ein aszetischer Mönch, dessen Zerstörungswut keine Schönheit widersteht; unter ihrer Berührung wird alles häßlich.

Von fern her bimmelte ein Glöckchen, ein zweites, ein drittes antwortete. Es klang nicht, wie sonst Glocken klingen: jubelnd, tröstend, feierlich; es klang wie gleichgültiges Geschwätz.

»Sie kommen! Sie kommen!« rief ein pockennarbiger Bub und sprang vom Apfelbaum im Wirtsgarten, auf dem er gesessen hatte. Der Straßenschmutz spritzte hoch auf um ihn. Und die Neugierde erhellte die mißmutigen Gesichter. Neugierde – sonst nichts. Die Gräfin Savelli in dem Sarge dort, der sich in riesiger Silhouette vom Grau der geraden Chaussee und des bleiernen Himmels näher und näher kommend abhob, war ja nur eine Fremde gewesen!

»Vor rund zwanzig Jahren kam sie her, ich weiß es wie heute,« sagte ein alter Mann, sich umständlich in sein großes, rotes Sacktuch schnäuzend, »schön war sie und stolz wie eine Königin, schöner als die Frau Baronin, die schon damals kein Pfund Fleisch mehr auf dem Körper hatte.«

»Grad' hier an derselben Telegraphenstange stand ich,« fiel die dicke Wirtin ein, »als der Herr Baron sie vom Bahnhof holte. Mit vier Füchsen, rot wie sein Bart, fuhr er und knallte mit der Peitsche, daß mir vor Schreck der Korb aus den Händen fiel, und alle Äpfel ihm unter die Räder rollten.«

»Er hat sie dir wohl mit süßer Münze bezahlt – was?!« johlte ein junger Bursche, das eitel und vielsagend lächelnde Weib in die wulstig hängenden Wangen kneifend.

Das Lachen der Umstehenden verstummte jäh. Schwer schwankte der Leichenwagen, von sechs schwarz gedeckten Pferden gezogen, vorüber. Von Kränzen war er umhängt; die armen Blumen darin, die, wenn sie noch dem Erdreich verbunden sind, den Regen freudig aufblühend als sehnsüchtig erwartete Nahrung empfanden, aber unter seiner Berührung zum zweiten Male sterben, sobald sie gebrochen wurden, hingen welkend die Köpfchen. Ein zweiter Wagen folgte. Sonst nichts. Irgendwo bimmelte ein Glöckchen, – blechern und gefühllos.

»Ist auch der Mühe wert gewesen,« brummte eins der Weiber; die anderen nickten, zogen die Tücher fröstelnd enger um die Schultern und trotteten davon. Nur ein paar Kinder steckten noch eifrig tuschelnd die Köpfe zusammen.

»Habt ihr's gesehen,« sagte der Große mit den Pockennarben grinsend, »der Satan selbst fuhr hinterdrein in der Kutsche!« Die Kleinen sahen ängstlich hinab, wo die schwarzen Wagen Schritt vor Schritt sich weiter bewegten.

»Grasaff', dummer!« sagte ein Mädchen, »der alte Giovanni war's mit dem jungen gnädigen Herrn.«

»Ist's etwa nicht der Gottseibeiuns, der grausliche Welsche?« meinte eine andere und riß die Augen weit auf, wie märchentrunken. »Von wo käm's denn sonsten, das schrecklich viele Geld auf Hochseß? Die Grete, die Magd vom Schloß, hat dem Vater erzählt, in Tonnen hätt's der Alte aus dem Keller hinaufgetragen, als die Frau Gräfin gestorben ist, und die Baronessen seien kalkweiß geworden vor Schrecken.«

»Der Kaufpreis ist's für Herrn Konrads Seele –« lachte dröhnend der Pockennarbige, – er war ein Aufgeklärter und glaubte schon längst nichts mehr. Die Kinder stoben auseinander.

Ein Mädchen mit flachsblondem Kraushaar und Augen, blaßblau wie das Stückchen Himmel, das eben mit zögerndem Lächeln zwischen den sich ballenden Wolken hervorsah, blieb allein zurück. Sie war eine Katholische und ein lediges Kind obendrein, und die anderen Dorfbuben und -mädchen, die Standesunterschiede strenger aufrecht erhalten als Schloßherren und Damen, stießen sie stets beiseite. Mit zuckenden Lippen blickte sie noch einmal den Wagen nach, die fern, wie schwarze Punkte, im Nebel schwankten. »Wie der Erzengel Michael schaut er aus,« flüsterte sie und preßte die verfrorenen Finger aufeinander, »Heilige Mutter Gottes, rette seine arme Seele.«

* * *

Durch die Nacht ratterte der Zug. An schlafenden Dörfern, die in den Armen ihrer Felder und Wiesen friedlich ruhten, an Städten mit zahllosen, immer noch wachenden, weiß, rot und gelb glänzenden Fensteraugen sauste er vorbei. Mit triumphierendem Fauchen – denn er, das häßliche Ungeheuer, hat sie alle bezwungen: die starren Felsen, die schimmernden Gletscher, die träumenden Täler, die drohenden Schlünde – kroch er durch die Berge, schwang er sich Über die vom schmelzenden Alpenschnee gelb schäumenden Wasser. Seine Räder aber sangen, als ob die gräßlich gigantische Schlange eine Seele habe.

»Wir tragen die Toten zu Grabe – zu Grabe,« klang es Stunden um Stunden unablässig in Konrads Ohren.

Ob das Pärchen nebenan, das sein junges Liebesglück unter Italiens Himmel führte, dasselbe hörte, oder ob sein kosendes Gezwitscher die Trauerhymne übertönte, die der Gräfin Savelli kalten Körper in die Heimat geleitete?

Konrad lag lang ausgestreckt auf dem schmalen Bett des Schlafwagens, das Fenster weit offen. In schwarzen Schatten, schmalen, gestreckten, und wuchtigen, breiten, flog die Landschaft draußen an seinen müden Augen vorüber; nur der Himmel stand still, und die Sterne sahen in ruhigem Ernst auf das hastende Leben tief unten.

Langsam stieg der Zug zur Höhe des Passes empor; die Maschinen stöhnten, die Räder vergaßen ihr Lied; vor Anstrengung heulten sie.

Konrad richtete sich auf; ein Frostschauer ließ ihn zusammenfahren; er sah hinaus. Um dunkle Berggipfel, die sich immer dichter und drohender zusammenschoben, strichen Wolken wie tanzende Gigantengespenster.

»Das steigt und steigt, in der Hoffnung, droben der Sonne näher zu sein,« dachte er, »und ist die Höhe erreicht, so hat sie nichts als Eis und Einsamkeit.«

Der Zug hielt. Er mußte Atem schöpfen. Dichte Schneeflocken umtanzten ihn. Wer von den Reisenden sie gesehen haben mochte, sank sicherlich rasch in die Kissen zurück, sich nur noch fester in die Decken wickelnd. Konrad allein stieg aus. Wie wundervoll still es war! So weich und sanft, so lind und liebevoll sank der Schnee, als breitete über ihr schlummerndes Kind die Hand einer Mutter die Daunendecke aus. Ein wildes Schluchzen, jäh und ursprünglich, daß der Wille, es niederzuzwingen, zu spät kam, drang aus Konrads Kehle. Eine Mutter! Er hatte niemand, – niemand mehr! –

Er sah sie in Gedanken vor sich, die mit ihm fuhren: Die jungen, verliebten Hochzeiter, das alte Ehepaar mit dem zufriedenen Lächeln derer, die einen sorgenlosen Lebensabend erreichten, die beiden im Überschwang des Daseinsgefühls strahlenden Freunde – sie waren alle zu zweien, Freude und Sehnsucht glänzte auf allen Gesichtern; Ströme von Lebensfülle schien dies ferne Land an sich zu ziehen, das einmal im Leben gesehen zu haben, jedes Deutschen Sehnsucht war. Nur er war allein, nur ihm schlug das Herz in der Brust wie eine aufgezogene Maschine, nur er geleitete eine Tote.

Eine Hand berührte seinen Arm; Giovannis faltiges Antlitz tauchte neben ihm auf.

»Rasch, Herr Baron, wir fahren weiter! – Und jetzt – jetzt geht es hinab!« Ein gurgelnder Ton, wie von erstickten Tränen, klang in der alten Stimme. Konrad sah ihn an, ehe er in den Wagen sprang; das Leuchten heller Verklärung lag über dem gelben Gesicht und gab den Augen den Glanz der Jugend wieder. »Unten blühen die Mandelbäume!«

Seltsam, wie jetzt das Lied der Räder anders tönte. »Unten blühen – die Mandelbäume!« wiederholten sie. Und es war wie ein Tanz in die Täler hinab.

Konrad schlief ein; rosenrote Blüten sah er vom Himmel gaukeln, sie mischten sich leise unter die Winterflocken, sie wurden dichter, immer dichter, sie verdrängten den Schnee, sie hüllten die ganze Erde in ein Festkleid von Seide.

Und weiter und weiter ging die rasende Fahrt. Schon wurden die Linien der Berge starrer, feierlicher, wie von eines klassischen Künstlers Hand gezogen; die romantische Zerklüftung wich und mit ihr die Lieblichkeit der Dörfer im Tal. Es waren nicht die roten Giebeldächer mehr, die zwischen Obstbäumen und Fliederbüschen behaglich hervorlugen; grau, wie gewachsene Felsen, drängten sich die Häuser eng zusammen, jeder Ort eine Burg. Breiter wurde das Tal. In schweren, gelben Fluten rauschte die Etsch bergab. Die Berge, die finster drohenden, treuen Wächter am Zaubergarten Europens traten zurück. Der blaue Himmel umschlang zärtlich die grüne Ebene. Wie sie sich dehnte und reckte, wie sie siegreich die letzten Hügel zur Seite drängte – ein einziges hoffnungsstarkes Sehnen! Soweit das Auge reichte: saftige Wiesen, von niedrigen Weiden und Maulbeerbäumen gleichmäßig durchzogen, die Ranken sprossenden Weins in anmutigem Schwung miteinander verknüpften; dazwischen kleine Gärtchen um kleine Häuser voll blauleuchtender Schwertlilien und Alleen königlich stolzer Pappeln.

Konrad riß Fenster und Türe auf. Fuhr er wirklich mit einer Toten?!

»Ich werde dich nach Hause führen,« hatte sie wieder und wieder gesagt, laut und angstvoll, leise und hoffnungsfroh, während das Fieber ihre Sinne verwirrte und ihr Körper, leidenschaftlich an das Leben sich klammernd, mit dem letzten Überwinder rang. Sie hatte gelacht, triumphierend, wie eine siegende Amazone gelacht haben mochte, als sie ihn in die Flucht geschlagen zu haben glaubte, und die Krankheit wich. Doch heimtückisch war er durch Hintertüren wieder eingeschlichen, hatte sich einen eisigen, sturmdurchtobten Winter und einen grauen, nassen Frühling zu Helfern geholt, und die stolze Frau, da er sie in offener Schlacht nicht hatte treffen können, wie ein Meuchelmörder rücklings überwältigt.

»Ich werde dich – nach Hause führen,« waren ihre letzten Worte gewesen. Und führte sie ihn nicht heute? War sie nicht neben ihm und in ihm? Oder war es nur das mütterliche Blut, das in ihm aufrauschte und in seinen Ohren brauste und sang? Ihm war, als spränge plötzlich ein Eisenband über seiner Brust, das er, von Geburt an daran gewöhnt, niemals gespürt hatte.

»Verona –« der Zug hielt: ein kleiner, öder Bahnhof, die Stadt sehr fern, in blendendes Licht getaucht, hinter ihr ein gestreckter Hügel, und aufsteigend an ihm in geraden schwarzen Strichen zwei Reihen dunkler Zypressen. Führten sie vielleicht zu Julias sagenumwobenem Sarkophage? Oder liegt sie tief und heimlich im Arm des Todes wie einst an der Brust des Geliebten?

Wie hatte doch einmal jener berühmte Berliner Kritiker doziert, als sie nach einer Vorstellung von Shakespeares Liebesdrama im Kaffeehaus saßen und Konrad seinem Ärger über den Darsteller Romeos, der die klingenden Verse des Dichters heruntergeschwatzt hatte, als gelte es, in einem parfümierten Salon von Berlins geistreiche Konversation zu machen, Ausdruck gab.

»Mit solch einer Gestalt kann ein moderner Mensch überhaupt nichts mehr anfangen. Mutet uns nicht die ganze Geschichte an, als ob man Erwachsenen ein Weihnachtsmärchen vorspielen wollte? Die Zeit dürfte nicht mehr fern sein, wo ein moderner Mensch für die Sentimentalitäten der Liebe nur noch ein Lächeln übrig hat, wo man sich des sogenannten Bedürfnisses nach ihr entledigt wie anderer animalischer Funktionen, und mit ruhiger Bewußtheit Kinder zeugt auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen und Prognosen.«

Niemand widersprach ihm damals; wenn er sich zu so einer langen Rede herbeiließ, galt, was er sagte, wie ein Orakelspruch. Dunkle Schamröte stieg Konrad in Erinnerung daran in die Stirne, – denn auch er hatte geschwiegen!

Wie weit lag sie hinter ihm, die entgötterte Welt!

Die Sonne stand jetzt im Zenit. In breiten silbernen Wassern spiegelte sie ihr glühendes Angesicht. Es war, als verlange sie sehnsüchtig danach, in der geheimnisvoll stillen Tiefe zu versinken. Schwere, dunkle Mauermassen stiegen aus ihnen empor. Mit vergitterten Fenstern – geschlossenen Pforten. Graue Paläste; die Steine wie von harten Fäusten grimmig aufeinandergefügt: Mantua.

Verse Virgils – längst vergessene Verse – zogen im gleichmäßigen Takt des Hexameters durch Konrads Erinnern. Unter dem hellen Licht, das draußen von Himmel und Erde strahlte, sanken die Lider ihm tiefer über die Augen.

Er sah Isabella d'Este, die göttliche. Ob sie hinter den verschwiegenen Mauern dort, in einer heimlichen, heißen Stunde nicht doch dem Allbesieger Cesare zu eigen geworden war? Gehörten sie nicht zusammen, dieses Weib und dieser Mann? Wog eine Stunde überströmender Lust, die ihnen gemeinsam gehörte, nicht die kärglichen Freuden eines ganzen Lebens auf? Durch die geschlossenen Lider meinte er an ihren weißen Händen die grünen Smaragde wie Schlangenaugen leuchten zu sehen.

Feucht und heiß strich die Luft der Muränen um seine Stirne. Tief in ihrem Moorgrund stand die Totenurne Livias, der großen Hetäre: unter den Küssen ihres Geliebten war sie gestorben, in ihr Todesröcheln hatten sich die Seufzer beseligter Liebe gemischt.

Konrad hörte das Rattern der Räder nicht mehr. Schwer lag die Hitze auf seinen Gliedern und lullte ihn ein. Auch seine Träume waren schwer, – er hörte die Tote mit harten Knöcheln an den Sargdeckel stoßen. In einen Schrein aus Glas bei offenen Fenstern hätte man sie betten sollen, denn ihre Augen, ihre großen Augen suchten sehnsüchtig das Licht.

Und dann saßen sie plötzlich neben ihm – alle drei: Else, hauchdünn und zerbrechlich, den ganzen Arm voll weißer Puppen mit goldenen Krönchen im Flachshaar, – Renetta, im Ballkleid, die weiße Seidentaille voll schmutziger Fingerspuren; Leonie, als wäre sie eben aus dem Bade gestiegen, das Wasser hing noch in silbernen Perlen an ihrem schwarzen Trikot. Was wollten die?! Er war ja fort – weit fort – mit einer Toten –.

Ein tiefer Seufzer der Befreiung hob seine Brust. Er erwachte. »Bologna!« klang es kreischend von draußen an sein Ohr, und hin und her eilende Schritte und Gelächter und Geschrei! Er sah auf: wie fröhlich bewegt hier die Menge war! Auf einem deutschen Bahnhof setzte jeder eine geschäftsmäßig-trübselige Miene auf.

»Chianti, Herr Baron!« In der einen Hand das volle Glas, in der anderen die strohumsponnene Flasche, stand Giovanni vor ihm. Seine Augen blickten verklärt, seine zusammengeschrumpfte Gestalt schien sich mit jeder Station mehr gereckt zu haben. Jedem Vorüberhastenden warf er ein paar Worte zu und lächelte entzückt, wenn er als Antwort immer wieder die gleichen Laute der eigenen geliebten Sprache vernahm.

In langen Zügen trank Konrad den roten Wein. Hatte er nicht einmal jedwedem Alkohol abschwören wollen – aus sozialen Gründen, des guten Beispiels wegen? Wie unlebendig, wie nicht zu ihm gehörig, erschien das alles, – Staub, der, alle bunten Erdenfarben verhüllend, auf Blättern und Blüten lag, und den der hervorbrechende Sturzbach des Lebens hinwegspülte. Er hob das Glas. Die Menschen auf dem Bahnhof lachten ihm zu. »Eviva Bologna la grassa!« rief ein alter Packträger lustig.

Bologna? Hatten sie nicht hier König Enzio, den jungen, bis an sein Ende, fast drei Jahrzehnte lang, gefangen gehalten? Ein prunkender Palast, dessen hohe Säle von seinen Liedern widerhallten, war sein Kerker gewesen, die rosigen Arme, die blauschwarzen Haare Lucia Viadagolas seine Ketten! Und hatte nicht hier Novella d'Andrea die Rechte gelehrt, deren Schüler in Liebeswahnsinn rasten, wenn sie nur einmal den Schleier von den brennenden Augen hob?

Konrad strich sich über die Stirne: er geleitete eine Tote, und Bilder heißen Lebens verfolgten ihn. Die Luft schien erfüllt von jenem Frühlingszauber, dem sich alles Lebende unterwirft, jeder Strahl der Sonne ein Pfeil des allbeherrschenden Gottes.

Giovanni stand auf dem Gang vor dem Coupé seines Herrn. Er riß unermüdlich die Fenster hinauf und herab, je nachdem der Zug im Dunkel der Tunnel verschwand oder wieder emportauchte. Von einer einzigen Farbe goldigen Grüns überzogen, leuchteten die Berge; sie waren vor kurzem kahl gewesen wie Greisenhäupter, jetzt sproßten sie von jungen Eichen, stolz der gesicherten, mit festen Wurzeln in ihrem üppigen Schoße ruhenden Zukunft. Aufblitzend wie Traumbilder zwischen den Tunneln öffneten sich tiefe Täler, schwangen sich in kühnem Bogen hohe Viadukte über brausenden Bergbächen. Weiße Häuser, graue Wehrgänge um alte Schlösser, eng wie Lämmer einer Herde zusammengeschmiegte Hütten tauchten minutenlang auf und verschwanden wieder.

Giovanni kannte jeden Weg, jeden Ort; er erzählte und merkte kaum, wie die Menge der Zuhörer um ihn her wuchs.

Dort hatte die blasse Lina, des Lehrers Tochter, ihm selber den Wein geschenkt für sein Spiel mit den Glaskugeln; dort hatte die stolze Marquesa ihm einen Sack voller Silberstücke zugeworfen, als er den schwindelnden Weg um die alte Schloßmauer in langen Sätzen zurückgelegt hatte; dort, dicht unter dem Holunderstrauch gab ihm die braune Loretta den ersten Kuß für den kecken Tanz durch die Messer. O, er war ein schmucker, schlanker Bursche gewesen! Es gab eine Zeit, da schlief er keine Nacht in dem gelben Wagen, da betteten ihn zärtliche Hände auf weiches Moos, unter Rosenhecken und Glyzinenlauben, auf buntgewürfeltes Bettuch und auf spitzenübersäte Daunenkissen –.

Hier verstummte er jäh – in Träume versunken. Plötzlich belebten sich seine Züge wieder; sein Auge, unruhig flackernd, haftete an einem seinen weißen Punkt. Er unklammerte Konrads Arm mit den harten Knochenfingern.

»Dort –« kam es aus seiner Kehle, »dort stürzte ich zum erstenmal! – Der Gendarm, der Schurke, hatte mein Weib um die Hüften gefaßt!« Und dicht an Konrads Ohr: »Mein linker Arm zerbrach – mit der rechten Hand sprang ich ihm an die Kehle, daß das Blut ihm aus Mund und Nase troff und die Augen ihm aus den Höhlen traten –.«

Der nächste Tunnel verdunkelte wieder das ferne Bild; scheu und erschreckt waren die Passagiere wieder zu ihren Sitzen zurückgegangen. Konrad streichelte des Alten eingesunkene Wange. »Wann war das, Giovanni?« frug er leise.

»Wann? Wann?! –« Er richtete sich straff auf, ein irres Lächeln um die schmalen blutleeren Lippen. »Vor hundert Jahren vielleicht! Sie haben mich ja zu schwerem Kerker verurteilt. Sitzen wir nicht beide drinnen – du und ich?!«

Lange blieb es stumm zwischen ihnen. Der Alte schien zu schlummern. Plötzlich fuhr er empor, – der Zug hatte sich wieder tief in die Berge gebohrt.

»Bambino mio,« rief er, »nun werden wir sie wiedersehen – sie!« Und er riß im ersten Strahl neuen Lichts das Fenster hinunter.

»Santa Fiorenze!« schrie er auf und sank in die Knie.

Hoch oben hielt der Zug; er schien zu zögern, als habe auch er ein sehendes Auge, ein pochendes Herz, denn unten im Tal, vom nahenden Abend in feine violette Schleier gehüllt, lag sie, die Unsterbliche, die ewig Sieghafte. Die Hügel wölbten sich, den Linien ihres Körpers folgend, weich um sie; ein Band von Gold umschmeichelte sie der Fluß, und, anbetende Ritter, knieten die Berge vor ihrer lächelnden Schöne.

Kein Wort mehr fiel zwischen den beiden Reisenden. Sie waren nicht Herr und nicht Diener. Nur zwei betende Pilger an der Schwelle des Heiligtums.

* * *

Wenn Konrad in späteren Jahren an seine Ankunft und die ersten Stunden seines Aufenthalts in Florenz zurückdachte, so war ihm, als erinnere er sich nur einzelner Bilder eines Traums, deren Zusammenhänge seinem Gedächtnis vollkommen entschwunden waren: er sah, wie die schwarzvermummten Gestalten der Brüder von der Misericordia – deren Köpfe unter spitzen Kapuzen, deren Gesichter unter seidenen Masken verschwanden – den schweren geschnitzten Sarg davontrugen; er fühlte, wie er mit geschlossenen Augen in der Ecke des Wagens saß, so überwältigt von der Empfindung, in Florenz, der Stadt seiner Ahnen, seiner Kindheitsträume, seiner tiefen, ihrer selbst fast unbewußten Sehnsucht zu sein, daß er außerstande war, in diesem Augenblick ihr lebendiges Bild in sich aufzunehmen. Und dann war ihm gewesen, als schliefe er, ein kleiner Knabe noch, im Arm der Mutter und hörte ihre Stimme, die längst verklungene, leise, leise singen:

Fata la nanna chè possa dormire!
Il letto gli sia fatto di viole
Ce lenzuola di quel panno fine
A la coltrice di penne di pavone.

Bis ihn eine Empfindung, halb Wonne, halb Entsetzen, emporgerissen hatte, denn greifbar deutlich klang es ihm jetzt ins Ohr:

Fata la nanna chè possa dormire! –

In einer schmalen Straße fuhren sie; düstere Paläste faßten sie zu beiden Seiten ein; geschlossene Fenster starrten wie tote Augen. Und plötzlich stand hinter einer sehr hohen Mauer, drohend wie die Lanze eines Riesen, eine einsame Zypresse vor dem dämmernden Abendhimmel. Die Mauer aber wuchs, der Garten dahinter sandte nur wenige blütenlose Zweige über ihre schwarze Wand in die gähnende Tiefe der Straße.

Und dann, wo sie am engsten war, hatte der Wagen mit einem harten Ruck stille gestanden: Zu mächtigem Bauwerk schichteten sich gewaltige, rauh behauene Steine, ein düsterer Torweg öffnete sich dazwischen wie ein Höllenrachen, und ganz oben über dem finsteren Kondottieri-Antlitz des Hauses ragte das schwarze Dach wie ein Eisenhelm.

Über einen Hof war er gekommen mit gedrungenen Säulen unter gewölbtem Kreuzgang und finsteren Schatten, die wie Klageweiber in den Winkeln hockten; – durch Flure – hoch wie Kamine – in ein Zimmer, das vier Lampen nicht zu erhellen vermochten.

»Das Zimmer der Gräfin Lavinia Savelli –,« hatte irgendeiner gesagt. Seiner Mutter Zimmer! Weiße und rote Fliesen deckten den Boden, schwarz zogen sich an der Decke die Balken hin, unter dem gewaltigen Kamin kauerten Karyatiden. Er kannte alles – er mußte es schon einmal gesehen haben! Auch den Blick aus den Fenstern mit der verwitterten Sandsteinfigur – ein Erzengel oder ein Kriegsgott? – auf der Mauer drüben, die aus der Tiefe der Straße stieg, dem verwilderten Garten, den Dächern ferner Häuser dahinter und dem Hügel, dessen Umriß im dunklen Blau des Himmels verschwamm, kannte er.

Aber wo waren nur die Gobelins an den Wänden mit Andromedas Geschichte, die sich durch der Mutter Mädchenträume gezogen hatte, mit dem rotblonden Befreier Perseus, der seines Vaters Züge trug? –

Er hörte noch den Widerhall der Schritte in vielen matterleuchteten leeren Räumen, durch die man ihn geführt hatte, und sah den Saal mit dem verschlissenen roten Damast an den Wänden, den Öldruckbildern über seinen Löchern und den dünnbeinigen Goldstühlchen vor den Kaminen, die das Spielzeug mit höhnisch aufgerissenen Mäulern zu verschlingen drohten. –

* * *

In Marmorsäulen spiegelte sich das rote Licht von hundert gelben Kerzen, durch Weihrauchnebel blinkte in der Nische des hohen Chors das aus Tausenden bunter Steine zusammengesetzte Bild des Gottessohnes; wie lauter Regenbogen leuchtete durch Fenster aus orientalischem Alabaster die Morgensonne auf den dunklen Sarg, um den in weißen Gewändern viele kniende Nonnen beteten. Sie hatten Psalmen gesungen mit hellen Knabenstimmen wie Hymnen Apolls. Und die Priester hatten gesprochen wie Seher in fremden Zungen, deren Tonfall nur, – ein Rauschen und Raunen aus der Tiefe – ins Ohr drang. Und in das dunkle Gewölbe der Krypta war der Sarg verschwunden zwischen den zierlichen Säulen, die einst der Demeter Tempeldach getragen hatten. In stillem Gebet waren sie alle in die Knie gesunken – alle, die der Gräfin Savelli das letzte Ehrengeleit gegeben hatten: Männer mit Gesichtern wie aus altem Elfenbein geschnitzt, Frauen, deren matte Haut die Sonne Italiens durchglutete. Über Jahrzehnte des Fernseins und des Vergessens spannten sich zwischen ihnen und der Toten die uralt heiligen Bande des Bluts.

Und als der Enkel, der große, blonde, der ihre Augen hatte, allein, versteint, die Stufen zum Schiff der Kirche, aus deren geschlossenen Pforten die Nacht noch nicht gewichen war, wieder aufwärts stieg, folgten sie dem Voranschreitenden, eine Geleitschaft in das Leben.

San Miniato al Montes Bronzetüren – aus dem Heiligtum Jupiters an das sonnengeweihte Heiligtum Christi versetzt – sprangen auf.

Und von da an wachte Konrad Hochseß.

Als wolle sie triumphierend von allem Lebendigen wieder Besitz ergreifen, strömte die Sonne in die Finsternis, und, gebadet in ihrem Licht, lachte die selige Stadt zu denen empor, die ihrem Schoße die Tochter zurückgegeben hatten.

Konrad stand wie betäubt, bis eine Stimme in den Lauten der eigenen Sprache – aber mit dem weichen Akzent des Italienischen – zu ihm sagte:

»Ihr Mutterland!«

Norina Camaldoli war es, die mit ihm redete.

* * *

Graf Savelli, der Neffe der Begrabenen, der nach dem Tode ihres ohne männliche Nachkommen verstorbenen Gemahls den alten Palazzo in der Via del Bardi übernommen hatte, und mit seinen Kindern, dem Grafen Carlo – Leutnant im Regiment Torino – und seiner verwitweten Tochter, der Marchesa Norina Camaldoli bewohnte, stellte den deutschen Vetter den Verwandten vor. Seinem Vater waren sie, soweit sie ihn persönlich gekannt hatten, nicht freundlich gewesen. Er war ein Fremder, ein Protestant. Mehr noch, als daß Lavinia die Seine geworden war, hatte es sie gewurmt, daß ihm der Reichtum der Gräfin Savelli, den diese ihrem Gatten als Contessa Buondelmonte mit in die Ehe gebracht hatte, zufiel. Aber Konrad war ein anderer, Konrad war ihres Bluts, und seine schlanke Schönheit, seine tief gebräunte Haut, seine dunklen Augen zeugten davon, und erinnerten in nichts an den deutschen, bauernhaft derben Ritter, als der ihnen sein Vater erschienen war.

Die Buondelmonti waren besonders zahlreich erschienen. Viel Blondheit war unter ihnen, viele, ein wenig wässerige blaue Augen. Der jetzige Senior der Familie hatte eine Amerikanerin geheiratet, die ihre Verwandten um sich hatte, ein zierliches Mädchen unter ihnen, das Konrad mit kühlen, sehr neugierigen Augen fast zudringlich musterte, während Carlo Savelli sich lebhaft bemühte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Als Konrad allen die Hand geschüttelt, mit allen ein paar Worte gewechselt hatte – »wahrhaftig, Sie beschämen uns durch Ihr vollendetes Italienisch; wir lernen leider nur wenig fremde Sprachen,« – sagte ihm dabei jemand, und er hatte lächelnd erwidert: »Sie vergessen, daß es meine Muttersprache ist,« – führte ihm Norina Camaldoli einen kleinen alten Mann in schäbigem Rock und altmodischem Zylinder zu, den die anderen ängstlich zu meiden schienen.

»Der Marquis Ritorni hat Ihre Mutter gekannt,« sagte Norina.

»Ich habe sie sehr geliebt,« flüsterte er mit zitternder Stimme, Konrad eine welke Hand reichend, »Sie haben ihre Augen.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, trippelte er eilig, fast ängstlich davon.

Auf der Heimfahrt sagte der alte Graf vorwurfsvoll zu seiner Tochter: »Wie konntest du Ritornis Taktlosigkeit, unter uns überhaupt zu erscheinen, auch noch unterstützen?«

»Ist's eine Schande, daß er arm ist?« entgegnete sie, nicht ohne Schärfe.

»Aber –« fiel der Bruder ein.

»Ich weiß,« unterbrach sie ihn, »was du sagen willst: er wurde es durch eigene Schuld, hat sein eigenes Vermögen und das anderer verspielt und vertrunken. Ist er, der die Folgen seiner eigenen Taten zu tragen hat, nicht bemitleidenswerter als einer, der sich als unschuldiges Opfer gebärden kann?«

»Ich werde ihn besuchen,« sagte Konrad rasch, Norinas blasse, schmale Wangen überzogen sich mit einem feinen Rot.

»Das wird kaum angehen,« meinte der alte Graf. »Ich will nicht davon sprechen, ob er Ihnen noch einen Stuhl würde anbieten können, – seit Jahren versucht er vergebens, seinen Palazzo zu verkaufen; man wird heute nur durch alte Villen reich, um so mehr, als sie natürlich alle Mediceervillen sind! – aber seine Häuslichkeit ist doch – nun, sagen wir milde: etwas merkwürdig.«

»Ich glaube, man spricht in Deutschland offen von diesen Dingen, Papa,« sagte Norina lebhaft, sich dann an Konrad wendend. »Ritorni lebt mit der Frau, die, als er jung war, seinen Ruin herbeiführen half. Er ist ihr und sie ihm treu geblieben.«

Der Wagen hielt. Im Aussteigen sagte Konrad zu Norina: »Ihre Mitteilung hat meinen Vorsatz nur bestärkt.« Sie stand jetzt neben ihm, so groß wie er; sie konnte ihm, ohne den Blick zu heben, gerade in die Augen sehen, und tat es mit einer offenen Wärme, die sich sonst so tief hinter dem Ausdruck hochmütig abweisender Kälte verbarg, daß ihr Vorhandensein bezweifelt werden konnte.

Sie gingen über den Hof, der selbst unter dem blauen Mittagshimmel dämmerig war. Konrad fuhr streichelnd über die kühle, glatte Fläche einer der Säulen. »Wie schön sie ist!«

»Nicht wahr!« lächelte Norina, »und mit mütterlicher Kraft und Güte trägt sie, was ihr auferlegt wurde.«

Sie ging weiter die Steintreppe mit den niedrigen, breiten Stufen hinauf. Hut und Mantel hatte sie abgenommen; das Licht spielte in blauen Reflexen auf ihrem schwarzen Haar, das, schlicht gescheitelt, das schmale Oval ihres Gesichts umgab, und sich hinten über dem sehr weißen, vielleicht ein wenig allzu langen Hals in einen schweren Knoten schlang. Das lange, schwarze Kleid hatte sie etwas gehoben; mit hoher Biegung des Spanns traten die schlanken Füße darunter hervor. Ihr im Steigen geneigter Oberkörper gab eine so weiche Linie, wie sie nur dann möglich ist, wenn er nie eines künstlichen Halts bedurfte. Konrad sah das alles nicht. Sein Auge hing mit einem erkennenden Staunen an ihrem Antlitz: der ungewöhnlich hohen Stirn, den fein gezogenen Augenbrauen, der kleinen Nase, die vielleicht etwas zu breit, dem vollen Munde, der vielleicht etwas zu groß war. Das kannte er doch alles! Das hatte er gesehen! Und mehr als das: erlebt, empfunden! Er verfiel wieder in den dumpfen Traum des ersten Tages.

Da hörte er einen Schrei – und gleich danach einen zweiten: Giovanni, der eben zur Türe am Ende der Treppe herausgetreten war, lag zu Füßen Norinas, den Saum ihres Kleides an die Lippen pressend.

»Monna Lavinia!« rief er, »Monna Lavinia,« einmal und noch einmal; die ganze Skala menschlicher Empfindung lag in seinem Schrei: Entsetzen und Glückseligkeit, Hingebung und Leidenschaft.

Norina hatte im ersten Schreck beide Hände an das Herz gepreßt.

»Mein alter Diener,« rief er ihr zu, – er entsann sich dunkel, gestern, am Abend der Ankunft, jenem seltsam verworrenen, unwirklichen Abend, von ihm erzählt zu haben, – »Ihr wißt!«

Und sie beugte sich barmherzig über den Knienden und sagte: »Steht auf, Giovanni! Ich bin's, Norina Camaldoli – die Nichte Eurer toten Herrin.«

Er erhob sich mühsam, dicke Tränen rollten durch die Furchen seiner Wangen. »So gütig war auch Monna Lavinia zu mir armen, alten Narren,« murmelte er, der schönen Frau nachstarrend, wie sie, ihm noch einmal freundlich zunickend, hinter der Türe verschwand.

Gebeugter als sonst, mit ganz vergrämten Zügen, erschien er am Abend bei seinem Herrn. Stumm und seufzend schlich er zwischen den Koffern und dem Schrank – einem nußbaumartig polierten Möbel mit Muschelaufsatz, das verloren an einer Wand des riesigen Raumes stand – hin und her, um Konrads Abendkleidung zurecht zu legen.

»Fehlt dir etwas?« frug ihn dieser. Er schüttelte den Kopf. Erst nach einer Weile, während er den Ärmel Konrads gedankenverloren stets an derselben Stelle bürstete, fand er die Sprache wieder.

»Die Pferde vor dem Wagen, der uns holte,« begann er stockend, »gehören dem – Droschkenkutscher nebenan. Und der Portier mit dem weißen Bart hat – im Souterrain des Palazzos seine – Schusterwerkstatt!«

Konrad legte dem Alten die Hand auf die Schulter: »Wir werden davon – nichts bemerken, Giovanni!« sagte er eindringlich. Der sah auf, seine kleinen Äuglein sprühten förmlich. »In Goldbrokat sollte Monna Lavinia gehen und unter einem Thronhimmel aus blauer Seide sitzen!« rief er pathetisch.

Auf der Suche nach dem roten Salon, den Carlo Savelli die »Hall« zu nennen pflegte, verirrte sich Konrad in den vielen Gängen und Zimmern zwischen auf und nieder führenden Treppchen und Stufen.

Als vor Jahrzehnten die Uferstraßen am Arno geschaffen wurden, büßte der Palast, um an seiner Rückseite der Via Torrigiani Platz zu machen, einen guten Teil seines Umfangs ein, und es entstanden seltsame Winkel und Kammern in seinem Innern. An einer davon, deren Türe offen stand, kam Konrad vorbei. Sie war dreieckig, zwei ihrer Wände waren mit farbenleuchtenden Fresken bemalt, von deren Gestalten man freilich nur die untere Hälfte sah, denn eine neue Decke war quer durch den Raum hindurchgeführt, so daß den Menschen Köpfe und Oberkörper, den Pferden die Hälse, den Bäumen die Kronen fehlten. Durch den üppigen Leib eines liegenden Weibes war ein Fenster gebrochen, in den Brüsten nackter Nymphen staken eiserne Riegel mit alten Kleidungsstücken daran; auf schmaler Feldbettstelle aber lag der alte Graf Savelli und schlief. Ein dickes, altes Weib goß frisches Wasser in den kleinen Blechnapf auf dem Waschständer.

Konrad eilte vorüber. Im Salon, den er endlich erreichte, erwarteten ihn die Geschwister. Sie schienen eine Auseinandersetzung gehabt zu haben, denn Norina war still und blaß; Carlo dagegen sehr rot und von forcierter Lustigkeit.

»Übrigens traf ich Vanrosendahls beim Tee,« sagte er; »sie baten darum, ob du und Papa sie morgen nachmittag empfangen wollt, was ich natürlich ohne weiteres zusagte.«

»Natürlich!« wiederholte Norina hochmütig. »Wie alles für uns natürlich sein muß, was diese hergelaufene Gesellschaft wünscht! Vanrosendahl! Wie das klingt! Der Vater, den sie dunkel halten, hieß sicher Rosenthal und stammt aus Galizien.«

Konrad suchte einzulenken, denn er sah, daß der kleine, lebhafte Graf sich nur mühsam beherrschte.

»Nach dem Wenigen, was ich durch die Großmutter weiß,« sagte er, »hat Florenz den Engländern und Amerikanern einiges zu verdanken –«

»Eine Gräfin Savelli«, entgegnete sie rasch, »sollte das behauptet haben?! Ich glaube, Sie wollen nur meinen Bruder schützen! Oder halten Sie es für dankenswert, daß jedes Stubenmädchen ein paar Brocken englisch lernt, daß jede Osteria sich in einen Tearoom zu verwandeln droht, daß ein Künstler von der Würde und Tiefe wie Fra Angelico in der ganzen Welt mit der fürchterlichen Bezeichnung ›süß‹ abgestempelt wird, weil er auch ein paar goldhaarige Engelsköpfchen malte, daß Botticellis tragische Madonnen mit dem sentimental-verlogenen Ausdruck der Schönen eines Burne-Jones auf Broschen und Gürtelschnallen prangen, daß die Stätten, wo ein Palla Strozzi, ein Magnifico, ein Boccaccio lebten – um aus der Masse nur diese wenigen herauszuheben – Italien von ihnen gestohlen wurden! –«

»Aber Norina,« fuhr der Bruder auf. Ihre Brust hob und senkte sich in stürmischen Atemzügen, und sie fuhr fort, im Saale, den ihre Stimme ganz erfüllte, hin und her gehend:

»Meinst du, es heißt weniger stehlen, wenn man einem Lande seine Heiligtümer mit Goldstücken abschachert? Und die ehrwürdigen Denkmale unserer heroischen Vergangenheit – die nicht die der Mediceer, sondern die der Ritter vor ihnen gewesen ist –, die Ruinen auf den Felsen und Bergen, die Zyklopen errichteten, aus dem Instinkt von Schönheit und Größe heraus, bauen sie mit Hilfe ihrer gelehrten Architekten – armseliger Grundrißschnüffler – zu leeren Theaterdekorationen wieder auf, sie mit alten Geräten füllend, denen sie bis in die Häuser der Bauern nachgehen, und die für sie nichts sind als Schaustücke ihrer Eitelkeit, für jene aber heilige Erinnerungen an die Väter.«

Konrad lauschte entzückt dem Pathos ihrer Rede, konnte sich aber der kritischen Einwendungen nicht erwehren. »Sie vergessen, Frau Marchesa,« sagte er, »daß Italien sich die Heiligtümer entreißen ließ!«

»O, ich weiß, ich weiß,« rief sie, vor ihm stehen bleibend. »Wir waren wie die Kinder, die sich reich, sich glücklich fühlen und nicht wissen warum! Wenn jene erwachsenen Fremden wirklich das Große und Schöne, das wir besaßen, erkannten – in Ehrfurcht erkannten, nicht in Habsucht! –, weshalb kamen sie nicht, wie viele Deutsche es taten, und wurden die Erzieher dieser Kinder?«

Wieder stand sie vor ihm mit dem wundervoll belebten Antlitz, aus dem die ganze Heftigkeit der Antwort heischenden Frage sprach.

»Vielleicht ist die Ursache ihrer Weltmacht, ihrer brutalen Vergewaltigung anderer Völker«, antwortete er nachdenklich, »gerade in dem zu suchen, was ich mit Ihnen auf das Tiefste verabscheue: dem Mangel an Ehrfurcht.«

Besuche kamen, das Gespräch unterbrechend. Auch der alte Graf erschien wieder. Der rote Salon füllte sich bis in all seine Winkel. Die lebhafteste Unterhaltung kam rasch in Gang. Konrad, der nur zerstreut zuhörte und sich nur aus Höflichkeit daran beteiligte, zog unwillkürlich Vergleiche mit den Hochsesser Nachbarschaftsvisiten. Hier wie dort dieselbe Klatschsucht, dieselbe Oberflächlichkeit; nur daß man daheim die Blößen der Bildung als Mangel empfand und zu verbergen suchte, während man sie hier mit naiver Selbstverständlichkeit zur Schau trug, ja sich beinahe ihrer freute.

»Gott, wir haben es doch nicht nötig, das zu wissen, wir wohnen ja in Florenz!« sagte eine braunäugige, graziöse Schöne, als er nach dem Erbauer eines Palastes frug, der ihm auf der Fahrt aufgefallen war.

Um Norinas Lippen zuckte jener hochmütige Spott, der sie sichtlich außerhalb der Intimität der andern stehen ließ. Konrad aber sagte, mehr zu ihr als zu jener gewandt: »Sie haben so unrecht nicht. Wer die Kultur einer großen Vergangenheit in sich aufnahm, hat sicherlich mehr getan, als wer nur die Namen ihrer Träger behielt.«

Norina lachte mit unbeherrschtem Hohn. »Sie sind allzu liebenswürdig oder – allzu gut erzogen, Baron« sagte sie, »kulturelle Traditionen sind noch keine Kultur; sie befähigen nur dazu, Kultur in sich aufzunehmen.«

Früchte und Wein, Eis und Kuchen wurden gereicht. Der alte Giovanni, der um den Dienst wie um eine große Gunst gebeten hatte, trug mit einer gewissen Feierlichkeit die silbernen Tablette mit dem Wappen der Savelli.

Es bildeten sich immer kleinere Gruppen. Man flüsterte und kokettierte. Die sprechenden Augen, die nicht imstande zu sein schienen, etwas anderes auszudrücken als alle Grade der Leidenschaft, vom ersten Entflammtsein bis zum letzten Verzichten, erhoben das Liebesspiel aus dem kühlen Bereich bloßen Flirts, und die Grazie, die es umgab, gab ihm seltene Schönheit.

Nur Norina blieb abseits von allem. »Wie kommt es, daß Sie so anders sind?« frug Konrad mit einem bewundernden Blick auf ihre königliche Erscheinung, den sie ruhig annahm, weil er von jeder Schmeichelei fernblieb.

»Meine Mutter starb früh,« sagte sie einfach, »ich hatte eine deutsche Erzieherin, die vieles, das in uns allen verborgen liegt, aufschloß, wohl auch die tiefere Empfänglichkeit für den Schmerz.«

»Vergiß nicht,« fiel der Bruder lachend ein, der mit hellem Ohr zugehört hatte – er schien überhaupt den deutschen Vetter und seine Schwester aufmerksam im Auge zu behalten –, »Vittorio Tenda, den Jugendfreund, der ein Raffael werden wollte und jetzt vielleicht in Chicago Wände streicht!«

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu.

Als die Gäste gegangen waren, bat Konrad, ihn am nächsten Tag entschuldigen zu wollen. »Ich muß anfangen, mir mein Mutterland zu erobern,« erklärte er mit einem warmen Blick auf Norina.

»Meine Tochter wird Ihnen eine glänzende Führerin sein,« meinte der alte Graf freundlich.

»Ich bedaure,« sagte sie in einem so schroffen Ton, daß Konrad die Absicht, ihn verletzen zu wollen, herauszuhören meinte und erstaunt in ihrem Gesicht nach der Ursache zu forschen suchte. Aber sie hielt den Kopf hartnäckig gesenkt.

Sein Stolz empörte sich. »Auch ich ziehe es vor, eine solch intime Bekanntschaft ohne Zeugen zu machen,« kam es sehr kühl von seinen Lippen.

Graf Carlo begleitete ihn bis zu seinem Zimmer. Erst als sie miteinander vor der Türe standen, sagte er mit einer Verlegenheit, die seinen leeren Zügen einen fast kindlichen Ausdruck verlieh: »Würden Sie mir den Gefallen tun, nachmittags, wenn die Vanrosendahls kommen, hier zu sein? Sie sehen, meine Schwester ist unzugänglich, wenn sie nicht will. Und Miß Maud ist so sehr gebildet. Sie könnten mir beistehen, nicht wahr?«

Konrad drückte ihm die Hand: »Aber mit Vergnügen, lieber Vetter.«

Norina stand noch lange mit fest aufeinandergepreßten Lippen an ihrem Fenster; sie lehnte die Stirne an die kühlen Scheiben und schaute mit starren Augen hinüber auf den schwarzen Fluß mit der blinkenden Lichterreihe, die sich in ihm spiegelte.

Daß Giovanni vorbeischlich, merkte sie nicht. Leise und eintönig vor sich hinmurmelnd, schlug er dreimal das Kreuz über ihrer Türe. Dann kauerte er sich nieder und küßte inbrünstig ihre Schwelle, wie der fromme Beter die Reliquie des Heiligen.


Wenn die Sonne sich aus dem Morgenbade des Adriatischen Meers erhoben hat, dann steigt sie, ein jugendfrischer Wanderer, über die kahlen Bergkuppen der Apenninen und läßt ihre breiten Strahlen, selig ob des lustigen Spiels, um die hohen, ernsten Tannenwipfel des Prato magno tanzen und zaubert mit ihrem Licht seine grauen Buchenstämme zu schimmernden Marmorsäulen. Dann aber sieht sie erstaunt ihr Götterantlitz aus der Tiefe des Tals sich entgegenlächeln, und nicht müde, die eigene Schönheit stets aufs neue zu bewundern, folgt sie von oben freudig den hundert und aberhundert Krümmungen und Windungen des smaragdgrünen Wasserspiegels, den ihr der Arno, die holde Freundin grüßend, entgegenhält.

Und plötzlich treffen neugierige, nach neuen Spielen suchende Strahlen eine gewaltige Kuppel; unter ihr rauscht es von Orgelklang. Hier gibt's keinen neckischen Tanz wie um zitternde Zweige – ehrfürchtig streichen die Abgesandten der Sonne an ihr entlang und hüllen den marmorweißen Leib von Santa Maria del Fiore in ein Gewand gesponnenen Goldes.

Doch von drüben lockt der Glockenturm mit seinen vielen steingehauenen Menschenbildern die fröhlichen Strahlen, und der andere hoch über dem Wehrgang mit seinem roten, rostigen Kupferhelm. Es ist, als ob die Sonne jauchzte über jeden neuen Fund, und weiter und weiter suchend vordringt.

Die Sonne ist gut. Sie küßt nicht nur Berggipfel, Baumwipfel und Kirchentürme, die sich ihr stolz und fordernd und sehnsüchtig entgegenheben, sie streichelt auch mitleidig die ihrer ragenden Häupter durch Feuer und Feindesgeschosse beraubten Trutztürme der Paläste, ja sie wirbt schmeichelnd um die sich grimmig von ihr abwendenden schwarzbraunen Dächer der Häuser und wirft Bündel um Bündel flüssigen Silbers auf die breiten Steinfliesen der Plätze, auf das graue Pflaster der Gassen.

Sie liebt diese Stadt mit der fordernden Liebe der Geliebten, mit der hingebungsvollen Treue der Mutter.

Und die Stadt weiht sich ihr zum Altar, von dem statt des Geruchs brennender Opfertiere die berauschenden Düfte blühender Rosen gen Himmel steigen.

Konrad hatte im ersten Dämmer des Morgens von San Miniato aus, wo er sich dem Traume hingab, daß die hier Schlummernde erwacht sei und neben ihm stünde, das Kommen der Sonne erwartet. Nun stieg er die breite Treppe zwischen hohen Zypressen und blühenden Lilien hinab und ging ziellos durch die erwachende Stadt, bei jedem Schritt mehr überwältigt von der vergangenheitgesättigten Gegenwart.

Es waren ja nicht nur berühmte Namen, wie sie das Reisehandbuch dem bildungssüchtigen Europäer vermittelt, die vor ihm auftauchten, es war nicht nur eine Epoche der Weltgeschichte, deren überquellender Reichtum an Form und Gestalt ihm vor Augen trat, – es war die Lebendigkeit fortwirkender Kultur, deren er sich immer deutlicher bewußt wurde.

Gab es überhaupt Tote in Florenz?!

Der Atem dieser Stadt ist der Atem unsterblichen, ewig wirkenden Geistes. Was wäre unsere ganze Kultur ohne sie?

Häuser und Straßen und Plätze vergegenwärtigten ihm immer lebendiger ihre großen Söhne. Es hätte ihn nicht überrascht, dem leidverwüsteten Antlitz Michelangelos, dem ganz zu Geist gewordenen Leonardos plötzlich gegenüberzustehen; dem scharfen Profile Dantes, dem Spöttergesicht Boccaccios, dem lockenumwallten Haupte Picos, der in ihrer Häßlichkeit prachtvoll schönen Erscheinung des Magnifico zu begegnen. Der Kunst, der Wissenschaft, dem Staat hatten sie ihr Leben geweiht; aber war es nicht doch die Einheitlichkeit einer umfassenden Idee gewesen, die ihren Werken Gestalt und Dauer verlieh, wuchsen sie nicht aus einem gemeinsamen Boden zu einem Himmel empor?

Er war noch in Grübelei über die Antwort auf diese Frage versunken, als er sich einem freien Platze näherte. Das Denkmal Dantes, das ihm entgegensah – mit all jener frostigen Theatralik, die ein Kennzeichen der modernen italienischen Plastik ist – hätte ihn fast scheu zurückgetrieben, wenn eine altertümliche Kirche dahinter ihn nicht wieder gefesselt hätte.

»Santa Croce,« sagte ihm jemand auf seine Frage. Er trat ein. Und unwillkürlich legten sich seine Hände ineinander. Ganz still und menschenleer war es. Achteckige Pfeiler, in ihrer Gestalt so kraftvoll ernst, als wüßten sie um ihre Bestimmung, tragen den Dachstuhl, der die schlichte Schönheit seines Gebälks unverhüllt zeigen darf; durch die hohen, bunten Glasfenster des Chors strömt gedämpftes Licht und umgibt das kühle Grau des Steins, das Braun der Balken mit milder Wärme, während es zugleich aus den tiefen Kapellen ein leises Leben lockt. Die Gestalten an ihren Wänden erwachen. Aber sie sehen nicht hinab zu den Menschen, als bedürften sie ihrer. Denn sie sind weitab von der Welt.

Da thront in einfacher Majestät der Sultan, das Antlitz voll ernster Trauer seinen weißgewandeten Priestern zugekehrt, die nicht wagen wollen, was der Mann in der schlichten Kutte des Franziskanermönchs tut, ohne die Pathetik des Heldentums: durch die Flamme zu schreiten. Und dort weinen die Brüder am Totenbette ihres Heiligen – in Leid und Liebe, aber ohne die Geste der Verzweiflung; denn ihnen ist offenbar, was die Ungläubigen erst von der großen Lehrmeisterin, der Zeit, lernen werden: daß der heilige Franziskus lebt, ob er gleich gestorben ist.

Auf der anderen Seite erwartet des Täufers Mutter, still ergeben in ihr gottgewolltes Frauenlos, gestreckt auf weißen Linnen ruhend, die Geburt Johannis, und Frauen, den Körper in faltige Gewänder keusch verhüllt, tragen das schicksalgezeichnete Kindlein dem priesterlichen Segen zu. Am Pfeiler aber steht Ludwig, der heilige König, mit frommem, in sich gekehrtem Blick über die Last der Aufgabe sinnend, die ihm Gott der Herr mit der Krone auf das Haupt gedrückt hat.

Das ist weder entfesselte Leidenschaft, noch künstliche Bändigung.

Das ist nur die große Ruhe des Frommseins.

Konrad wandte sich wieder dem Ausgang zu. Und nun erst sah er die Denkmäler und Grabstätten an den Wänden der Seitenschiffe: Michelangelo und Macchiavelli, Marsupino, Aretino und Dante, – ein Dach überschattet sie, deren Denken und Tun so weit auseinanderging, eine Mauer umspannt sie, die selbst Welten umfaßten:

Frommsein.

War das die innere Einheit, aus die ihrer aller Stärke wuchs? Nicht Hingabe an eine Idee, sondern Unterwerfung unter einen Glauben, den christlichen?

»Nein!« sagte Konrad laut, als ob er vor ihnen allen sein Ketzertum bekennen müsse.

Zu den Höhen der alten Etruskerstadt Faesulae zog es ihn hinauf, als ob er da oben das Licht suchen müsse. Verschlungene Wege ging er: zwischen Mauern, durch graue Olivenhaine, an geheimnisvoll lockenden, grün übersponnenen Toren vorüber, während da und dort der Blick sich öffnete, ein Bauernhaus mit gewölbter Loggia, eine Villa mit eckigem Turm erschien.

Wie schmiegten sich daheim Dörfer und Gehöfte demütig zu Füßen der Hügel, der Felsen, der Bäume, noch überdies unter spitzgiebelige Dächer versteckt, – hier stand das Haus des Ärmsten aus starken Mauern von gewachsenem Stein stolz auf der Höhe, ein Herr, ein Herrscher.

Widersprach nicht die Lehre dieses Wegs unter freiem Himmel der Lehre aus der dämmernden Halle von Santa Croce – vom heiligen Kreuz?

Den steilsten Weg aufwärts, wo zuletzt zwischen den dunklen Stämmen einer Allee von Zypressen das weite Tal lächelnd hindurch schaut, erreichte Konrad die Höhe von Fiesole, und sah die Stadt wieder vor sich, für die jeder Hügel ringsum, als Ausblick zu ihr geschaffen schien. Sie schwamm in einem Meere blendenden Lichts.

Die Sonne umschlang sie ganz und versteckte ihre heiße Umarmung unter Silberschleiern.


Es war spät am Nachmittag, als Konrad die enge Via Calzaioli durchschreitend heimwärts ging. Da tönte ihm aus der Nebenstraße von der Piazza Vittorio Emanuele aus Lärm und Geschrei entgegen. »A basso il tedeschi!« gröhlte eine sich überschlagende Knabenstimme, von Jubel umtost. Überrascht trat er näher. »Studenten,« sagte auf seinen fragenden Blick einer der Umstehenden, den die improvisierte Straßenversammlung belustigte wie irgendein anderer Spektakel. Auf einer kleinen Holztribüne tobte ein sehr blasses tiefbrünettes Kerlchen mit lebhaften Gebärden seine stürmische Leidenschaft aus. Er sprach pathetisch von den »geknechteten Brüdern« im Alpenland; von den »unerlösten Kindern der heiligen Mutter Italien, – Trient und Triest.« Konrad lachte unwillkürlich hell auf: so wenig wußten diese Studenten von der historischen Vergangenheit! Böse Blicke trafen ihn; ein feindseliges Gemurmel entstand; ein leerer Raum bildete sich um ihn her. Betroffen von dem Unerwarteten, verletzt durch ein Geschehen, das das Große, das er eben innerlich erlebte, zu verwischen drohte, wandte er sich langsam zum Gehen.

Als Konrad sich dem Palazzo Savelli wieder näherte, hielt ein Auto vor der Türe. So waren die amerikanischen Gäste, die ganz Italien darin »abmachten«, schon da.

Ungerufen erschien Giovanni, sobald er in sein Zimmer trat. »Die Frau Marchesa hat heute geweint,« sagte er in vorwurfsvollem Ton.

»Bin ich daran schuld?« frug Konrad, sich zu einem gleichgültigen Lächeln zwingend, während er fühlte, wie nahe Norinas Leid ihm ging.

»Ja,« entgegnete Giovanni mit einem fast feindseligen Blick auf ihn. »Der Herr Graf tobte, weil die Frau Marchesa den Herrn Baron ›abgewiesen‹ hat.« Und nun fiel es wie ein Schleier über des Alten Züge, während er kopfschüttelnd vor sich hinmurmelte: »Was konnte mein Bambino von Monna Lavinia haben wollen?!«

Konrad stieg das Blut siedend heiß ins Gesicht: war das der Grund ihrer schroffen Abwehr gestern abend, daß man sie zwingen wollte – entgegenkommend zu sein?! Zu Giovanni sagte er erregt: »Du hast gehorcht, – ich verbiete es dir!«

Der Alte zuckte zusammen. Dann schob er mit der Linken den Ärmel von seinem rechten fleischlosen Arm weit zurück: viele breite Narben zogen sich über die braune Haut. »Aus diesen Wunden blutete ich für Monna Lavinia,« flüsterte er, »und Blut – Blut bindet ewig!«

»Monna Lavinia starb, Giovanni,« suchte Konrad den Verwirrten mit liebevoller Stimme aus dem Traum zu erwecken. Der aber warf kopfschüttelnd einen verständnislosen Blick auf ihn.

»Bambino mio,« sagte er dann, die Hände flehend zu ihm erhoben, »hilf du, daß sie nicht mehr weint! Ich – ich habe –« und er zog mit verlegenem Lächeln ein abgegriffenes Büchlein aus der Tasche, das er zärtlich streichelte – »für mein Begräbnis, mit vielen Priestern, und Chorknaben und Gesang, allerlei zusammengespart in den langen Jahren – Ihr seid auf Hochseß immer sehr gut, sehr gnädig gewesen zu dem alten Giovanni! – Die Frau Marchesa –« gequält von der eigenen Verwirrung sah er auf – »ist zu stolz – sie nähme es nicht von mir! Nur daß sie dem Schurken, dem Battisto die – die goldene Schlange mit den roten Augen wieder fortnimmt!« Der Alte schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte.

»Das Armband?! Was ist's damit?!« forschte Konrad.

»Er zeigt's in der Osteria drüben – der Hund – er prahlt damit –«

Entsetzt umklammerte Konrad des Alten Arm. »Sprich weiter – sprich!« rief er, während ein gräßlicher Verdacht ihn zittern machte. Die kleinen Augen des Alten leuchteten triumphierend auf. »Mit dieser Faust hab' ich ihm das Maul gestopft,« sagte er, und fügte, den gebrechlichen Körper aufrichtend und das Gesicht in wildem Haß verzogen, fast kreischend hinzu: »Kalt gemacht hätt' ich ihn, wenn er noch ein einziges Wort gesagt hätte.«

Konrad verstummte. Er wollte nichts mehr hören – nichts. Mit seinen eigenen Augen mußte er sich überzeugen.

Als er dem roten Saale näher kam, tönte ihm das laute Geschwätz der Amerikaner schon entgegen. Miß Maud hob die goldene Lorgnette an ihre hellen blauen Augen, als er eintrat. Er verbeugte sich steif. Norina saß sehr gerade auf einem der kleinen dünnbeinigen Stühlchen, die so gar nicht für ihre stolze Größe paßten. Man fühlte förmlich die Distanz, die sie zwischen sich und ihren Gästen aufrecht erhielt. Die kleine Amerikanerin streckte ihm die Hand entgegen und begann mit ihrer hellen modulationslosen Stimme erregt auf ihn einzureden. Sie wollte wissen, ob er auch im Bargello die »entzückenden« Putten Donatellos gesehen habe und im Palazzo Pitti das furchtbar interessante Bildnis Luigi Cornaros; dann frug sie ihn unvermittelt, ob es wahr wäre, daß er eine wirkliche alte deutsche Ritterburg besäße, und riß die runden Augen vor Entzücken über seine bejahende Antwort noch weiter auf.

Konrad bemerkte, wie Carlo Savelli unruhig wurde. Ach so, – er hatte völlig vergessen, daß er dem Vetter seine Hilfe versprochen hatte!

»Kann man Ihre Burg besichtigen?« forschte Miß Maud, rot vor Eifer.

»Sie ist für Fremde nicht zugänglich,« antwortete er schroff, sich im stillen über den Grad der Unhöflichkeit wundernd, den er sich abgenötigt hatte. Carlos dankbarer Blick traf ihn zugleich mit einem Aufleuchten aus Norinas dunklen Augen. Er zwang sich dazu, es nicht zu bemerken.

Die Amerikaner rüsteten zum Aufbruch.

»Sie haben mir versprochen, Graf Savelli, uns Ihren Palazzo zu zeigen,« erklärte Miß Maud.

»Es ist wenig an ihm zu sehen,« sagte Norina, sich erhebend.

»Und wohl auch schon zu dunkel,« fügte Konrad rasch hinzu, der ihre Empfindung verstand.

»Oh, ich habe gute Augen,« meinte die Amerikanerin, »und –« dabei traf ein langer koketter Blick den jungen Grafen, dem die Freude darüber das Antlitz dunkler färbte – »ich liebe es so sehr, mit meiner Phantasie so wundervolle Räume einzurichten.«

Schon öffnete Carlo Savelli die Türe.

»Du gestattest wohl, daß ich euch hier zurückerwarte,« sagte Norina kalt und, zu Konrad gewendet, mit sprechender Bitte in den Augen: »Sie wissen ja auch Bescheid –«

In diesem Augenblick erschien Battisto. Sein Mund war geschwollen. Er räumte Teller und Gläser fort. Norina würdigte ihn keines Blicks. Eine Empfindung tiefster Beschämung ergriff Konrad. Wie hatte er sie auch nur mit einem leisen Gedanken verdächtigen können! –

Die Amerikanerin war wie ein Wirbelwind. Sie öffnete eigenmächtig alle Türen. Wohltätiges Dämmerlicht verhüllte, was des Verhüllens wert war, und ließ die Räume selbst nur noch gewaltiger erscheinen, so daß Miß Maud ihr zwitscherndes »Wundervoll!« nicht oft genug wiederholen konnte. Mrs. Vanrosendahl äußerte sich kaum; nur einmal sagte sie zu Konrad: »Mit einigen tausend Dollars ließe sich hier eine fürstliche Umgebung schaffen.«

Ihre Tochter durchstöberte indessen alle Winkel. Ehe Graf Savelli hindernd dazwischenspringen konnte, hatte sie eine weitere Tür aufgerissen. Helles Licht strömte in den Flur.

»Meiner Schwester Zimmer,« sagte der Graf in sichtlicher Verlegenheit.

Konrad hätte sich am liebsten rücksichtslos den Eingang wehrend in den Rahmen der Tür gestellt. Aber schon tönte ihm Miß Mauds »Ah« und »Oh« entgegen. Er war genötigt, so sehr er sich davor scheute, sich umzusehen.

Es war kein Zimmer. Es war ein Atelier. Kopien alter Meister hingen an den hellen Wänden, stets dasselbe Motiv in seinen hundert Variationen – die Madonna mit dem Kinde – wiederholend, Skizzen italienischer Landschaften, mit einem Mut zur Farbe gemalt, wie er Frauen sonst zu fehlen pflegt, lagen auf schweren, alten Renaissancetischen, oder lehnten in den verblichenen Seidenbezügen hoher, in ihrem Holz vom Alter schwarz gewordener Stühle. Was aber dem Raum seinen eigentlichen Charakter verlieh, ihn wie einen Märchengarten erscheinen ließ, den zu betreten nur Berufenen erlaubt sein dürfte, – Konrad empfand sein Hiersein wie eine Entweihung, und das der Amerikaner fast wie ein Sakrileg – das war die Fülle der Blumen: Aus hohen Vasen und breiten Tontöpfen wuchsen sie empor, von Konsolen und Regalen rankten sie sich hinunter, mit ihren Düften und ihren Farben die ganze Luft erfüllend.

Selbst das schwatzhafte Mädchen fand minutenlang keine Worte, bis sie dicht ans Fenster vor die Staffelei trat, die eben erst verlassen zu sein schien.

»Sieh nur, Mutter, sieh,« schrie sie auf, »das ist ja fast derselbe Stoff, den wir heute morgen im Palazzo Strozzi gekauft haben!«

Konrad sah, wie Savelli erblaßte und die Zähne in die Unterlippe grub. Er trat näher: wie Mondlicht schimmernde Seide war über die Leisten gespannt, und Blumen voll farbenglühenden Lebens hatte der Pinsel eines großen Künstlers darauf geworfen. Konrad erschrak, war aber rasch wieder Herr seiner selbst.

Er lächelte die beiden Damen an und sagte: »So wissen Sie noch nicht, daß die Florentiner Modedamen, soweit sie nur den Pinsel führen können, es als eine Eitelkeitspflicht betrachten, sich die Stoffe ihrer Soireetoiletten selbst zu malen? Man versteckt dabei sorgfältig das gewählte Muster vor den Augen der Freundinnen, um vor jeder Kopie sicher zu sein.«

»Oh, ich verstehe, ich verstehe!« rief Miß Maud, in die Hände klatschend, »das muß ich auch lernen – gleich! –, Graf Savelli, Sie werden mir die Adresse eines Lehrers verschaffen – heute noch!«

Mit einem erlösten Aufatmen versprach er es.

»Aber Sie müssen eine Bedingung stellen, lieber Vetter,« wandte sich Konrad scheinbar scherzend an ihn, »daß die Damen von ihrem heimlichen Einbruch in das Atelier der Frau Marchesa nichts verraten. Sie würde sicher untröstlich sein.«

Miß Mauds Gesicht überzog ein tiefes Rot, und mit dem Ausdruck eines gescholtenen Kindes, das in seiner Natürlichkeit viele seiner Taktlosigkeiten vergessen ließ, schnitt sie des Grafen Antwort ab, indem sie hastig hervorsprudelte: »Ich wollte Sie gerade um dasselbe bitten. Es ist meine Schuld, durchaus meine Schuld, wenn wir hier eindrangen. Die Frau Marchesa würde mich, erführe sie es, noch weniger leiden können, und das wäre mir sehr, sehr unangenehm.«

Konrad empfand, wie ein Gefühl von Freude sein Herz erwärmte: so hatte er Norina doch ein wenig schützen können!

Am nächsten Tage kaufte er, was an gemalter Seide noch zu haben war – er erkannte auf den ersten Blick Norinas Kunst – und betrachtete dabei mit einer Empfindung, die zwischen Trauer und Staunen hin und her schwankte, die wundervollen Säle des Palazzo Strozzi: Ein Schloß für ein Geschlecht geborener Herrscher, die den Raum verschwenden durften wie die Wälder der Apenninen, deren Stämme einst in diesen Kaminen glühten, um ihre Füße zu wärmen. Und jetzt?! Angefüllt mit kostbarem Hausrat der Väter, aus allen Adelspalästen Italiens zusammengetragen und für fremde Emporkömmlinge zum Kauf gestellt!

»Mögen sie es eintauschen für blanke Münzen,« dachte er, von einem vorübergehenden Gefühl müder Ergebung in das Unvermeidliche beherrscht, »mögen sie! Niemals werden sie besitzen, was sich nur besitzen läßt, wenn es mit der Erinnerung der Generationen verwuchs.«

Kurze Zeit später sah er die goldene Schlange mit den roten Augen wieder am Arme Norinas.

Er hatte tagelang vermieden, sie allein zu sehen; zuweilen, wenn er früh fortging und abends wiederkam, sah er sie überhaupt nicht. Auch sie ging ihm sichtlich aus dem Wege; und immer wieder, vor allem dann wenn der alte Graf besonders freundlich war, hatte sie Momente einer fast abstoßenden Kälte. In ihm aber wuchs ein Gefühl, wie er es in seiner Zwiespältigkeit selbst nicht verstand: sie erschien ihm fremd und fern – ganz fern, und doch so vertraut, als wäre ihre stolze Seele ein Gefäß von Kristall; und ihr zu dienen hatte er das Bedürfnis, so wie der Ritter in Kampf und Turnier die Farben seiner Dame trägt, die jeder unedle Gedanke, jede feige Tat beschmutzen, als wären sie seine Ehre; dabei wurde sein Wunsch immer stärker, so daß er die Gewalt imperatorischen Willens annahm, ihr ein Beschützer zu sein, eine Mauer um sie zu bauen, wie der Rosenzüchter um seinen Garten, und allem zu wehren, das ihr Schaden zu tun vermöchte. Sie identifizierte sich ihm täglich mehr mit der Stadt, um die er auf allen seinen Wegen warb; nicht, um sie in ihrer Körperlichkeit zu besitzen – welch wahnwitzig törichter Gedanke! –, sondern um sie in sich aufzunehmen, eins zu werden mit ihrem Geiste, – einem Geiste, der ihm mehr und mehr der des Lebens zu sein schien, das er auch in den Zeiten tiefster Verirrung nie aufgehört hatte zu suchen.

Eines Abends – sie waren seit langem zum erstenmal allein miteinander, Norinas Vater, allmählich zu den alten Gewohnheiten zurückkehrend, die er des Gastes wegen geglaubt hatte, aufgeben zu müssen, war in seinem Klub, Carlo begleitete die Amerikaner auf einer Autofahrt – begann er, von seiner »Eroberung von Florenz«, wie er es lächelnd bezeichnete, zu erzählen. Sie hörte aufmerksam zu, in den schön gebauten, schlanken Händen, die ihr Wesen konzentriert zum Ausdruck brachten, – seinen Stolz und seine Vornehmheit, seine Zartheit und seine Kraft –, eine jener kunstvoll feinen Spitzenarbeiten, die heute fast nur noch aus den schwindsüchtigen Fingern unglücklicher Heimarbeiterinnen hervorgehen.

»Wie schön es ist,« dachte er, sich mit dem Gefühl einer Stille, die Körper und Seele umgab, in den Stuhl zurücklehnend, »vor einer Frau zu sitzen, die zuhört, während ihre weißen Hände sich rhythmisch bewegen.«

Als er vom Suchen des Lebens ein flüchtiges Wort fallen ließ, sank ihr die Arbeit in den Schoß, und sie sah nachdenklich auf.

»Wenn ich glauben werde, daß ich zu leben gelernt habe, werde ich zu sterben gelernt haben, erklärte Leonardo einmal,« sagte sie langsam. »In diesem Suchen besteht wohl das Leben, und nur wer nicht sucht, lebt nicht.«

Dann zog sie wieder die dünne Nadel durch die Fäden und schwieg. Auch er verstummte. »Neben Norina zu verstummen, ist ein Genuß,« ging es ihm durch den Sinn; »Schweigen wirkt nicht wie lähmender Druck, sondern wie inneres, weit intimeres Weiterreden.«

»Waren Sie schon in der Mediceerkapelle?« frug sie.

Peinlich berührt sah er auf; das klang ja doch wie – Konversation.

»Wiederholt,« entgegnete er, »aber auch dort fühle ich nur Rätsel. Tag und Nacht, Abend und Morgen, welch triviale Bezeichnungen für Sphinxe.«

»Also auch Sie empfinden sie als solche?« meinte sie erfreut und fügte ein wenig zögernd, mit einem leise aufsteigenden Rot in den Wangen hinzu: »Sie lehren vieles vom Leben, wie ja auch die Sphinx der griechischen Sage das Rätsel des Lebens lösen wollte. Ich möchte, falls es Ihnen recht ist, einmal mit Ihnen hingehen.«

Mit einer Freude, die zu zeigen er sich nicht scheute, nahm er ihren Vorschlag an, und freier, rückhaltloser, als wäre eine Schranke gefallen zwischen ihnen, sprach er sich aus über alles, was er gesehen und empfunden hatte. Ihre Augen begannen zu leuchten, die Arbeit lag vergessen auf dem kleinen Tisch.

»Sie sind ja einer, der erlebt, was er sieht!« sagte sie freudig überrascht.

Dann erzählte er, langsam und mit umwölktem Blick, von der Studentenversammlung und dem Haß, der ihm allzu fühlbar aus ihr entgegengeschlagen war. Sie runzelte die Stirn: »Österreich ist unbeliebt,« meinte sie; »wir haben zu sehr, besonders hier in Toskana, unter seiner Herrschaft gelitten. Traditionelle Antipathien sind nicht leicht auszurotten.«

»Italien ist Österreichs Bundesgenosse wie der unsere,« warf er ernsthaft ein; »ich verstehe nicht, wie Staat und Stadt solche Aufreizungen zur Treulosigkeit, die im Grunde schon Treubruch sind, dulden können.«

Norina lächelte ihn an, halb nachsichtig, halb belustigt: »Wie deutsch Sie sind! Muß man jugendliche Überschwenglichkeiten so tragisch nehmen?! Unsere Regierenden wissen, daß man unserem Volk wie den Kindern billiges Spielzeug lassen muß, damit sie nicht, um sich die Zeit zu vertreiben, als Unreife nach ernsteren Dingen greifen. Freilich«, fügte sie nachdenklicher werdend hinzu, »gibt es Leute, die meinen, daß auch dies Spiel den Kindern schon bezahlt wird. Doch ich glaub' es nicht, will es nicht glauben!«

Schon vom nächsten Morgen an gingen sie miteinander aus. Norina war die Führende. »Ich will Ihnen zeigen, was mir das Liebste und Tiefste ist,« hatte sie gesagt, ehe sie das Haus verließen. Giovannis altes Gesicht preßte sich an die Scheiben des Küchenfensters, als sie die Steintreppe in den Hof hinunter gingen. Sie bemerkten ihn nicht.

Norina führte durch die Museen nicht wie eine Lehrende, die etwa Epochen historisch zusammenfaßt, auch nicht wie ein Kunstliebhaber, der in jedem Saal seine Lieblinge vorweist. Sie zeigte vereint, was sich ihr innerlich durch Fühlen und Erleben verknüpfte. Daher kam es, daß sie häufig, nur um eines einzigen Bildes willen, von einem Museum zum anderen gingen.

»Man hat meine Art einmal als ›echt weiblich‹ bezeichnet,« sagte sie lächelnd, »und eine Freundin von mir meinte, ich müsse mich dadurch beleidigt fühlen. Als ob es nicht gerade das Schönste wäre, zu sein, was man ist. Das Elend so vieler Frauen besteht doch gerade darin, daß sie es nicht sein dürfen.«

Sie standen im Botticellisaal der Uffizien.

»Kein Künstler hat Seligkeit und Tragik des Weibes so tief empfunden, wie er,« meinte sie. »Schauen Sie diese Madonnen; es sind nicht die frommen Mägde nordischer Künstler – denken Sie nur an den Van der Goes drüben! – es sind nicht die Himmelsköniginnen der Alten; es sind Mütter, die das ganze Mutterschicksal ahnungsvoll vorempfinden – das gräßliche Schicksal, das ihr Fleisch und Blut erbarmungslos von ihnen reißt. Und nun sehen Sie in das Antlitz dieser den Fluten eben entsteigenden Göttin der Liebe und der Schönheit: Sie weiß, mit dem Augenblick, da ihr Fuß die Erde betritt, wird sie Weib – wird sie Madonna. Und Schwerter werden durch ihre Seele gehen!«

Sie schwieg und senkte die Lider tief über die Augen.

Bald darauf zeigte sie ihm in der Akademie Giottos thronende Mutter Gottes: »Das ist eine Königin, aber nicht die der Christen, denn Giotto ist, obwohl er einer der Frömmsten und Gläubigsten war, der Antike weit näher als der Kirche. Diese dort ist nicht Christi Mutter, die erst der Sohn krönt, sie ist Demeter, die mütterliche Erde selbst, in sich ruhend, durch sich vollendet. Sie müßte nicht ein Kind, sie müßte viele auf ihrem breiten Schoße halten.«

Und mit verklärten Zügen sah sie dann zu Botticellis Primavera auf, als ob sein Frühling in ihr widerstrahle.

»Das ist aber das Höchste,« sagte sie leise, »und nur wenigen spreche ich davon. Andere Künstler sehen in keuschen Mädchen die Verkörperung des Lenzes. Hier streut die Frühlingsgöttin ihre Blumen auf, den Weg der gesegneten Frau, die Grazien tanzen vor der werdenden Mutter, und der kleine Liebesgott, dessen Pfeil sie so tief getroffen, flattert verheißungsvoll vor ihr her.«

»Wer sagte Ihnen das?« frug Konrad betroffen, dem sich das rätselvolle Bild, dessen Gestalten ihm so zusammenhanglos erschienen waren, plötzlich in seiner Herrlichkeit offenbarte.

»Mein Herz,« antwortete sie einfach.

Alles Empfinden schien bei dieser kinderlosen Frau ihrer Mütterlichkeit zu entspringen.

Sie sprachen auf dem Heimwege von vielem anderen. Aber bei ihr schienen sich Gedanken innerlich immer weiter aneinander zu knüpfen, denn plötzlich sagte sie – einen Satz mitten durchbrechend: »Glauben Sie, bitte, nicht, daß ich so töricht wäre, anzunehmen, ein Künstler, wie Botticelli zum Beispiel, hätte in seine Werke hineingelegt, was ich herauslese. Nein: nur, weil er so reich ist wie die Natur, so unbewußt schaffend wie sie, gibt er wie diese, was wir brauchen.«

Zwischen Konrad und Norina entstand eine seelische Intimität, die allmählich zu einer gegenseitigen Einfühlung führte, deren Äußerungen ihnen selbst fast unheimlich erschienen: Der eine setzte unwillkürlich den unausgesprochenen Gedanken des andern fort oder gab einer Empfindung deutlichen Ausdruck, die sich dem anderen noch nicht in Worte hatte fassen können.

Aus den Vormittagen, die sie zuerst miteinander zubrachten, wurden lange Tage. Sie bemerkten nicht mehr, was sie im Anfang noch verletzen, ja gegenseitig erkälten konnte, daß der alte Graf sie mit einer gewissen Absichtlichkeit allein ließ, daß die Dienstboten ihnen mit vielsagendem Lächeln nachsahen, und daß Giovannis Geist sich mehr und mehr zu verwirren schien.

»Lavinia Norina,« murmelte er oft verstört vor sich hin, »Lavinia ist doch Bambinos Mutter?!« Keinen Abend ließ er vorübergehen, ohne die Schwelle der Marchesa zu küssen.

Sie empfing Konrad schon längst in ihrem Atelier, statt im roten Saal. Ihre Seele erschloß sich ihm; aber je tiefer der Einblick war, den sie ihm gewährte, desto unergründlicher erschien sie ihm, und desto sehnsüchtiger verlangte ihn danach, sich ganz in sie zu versenken.

Einmal fand er sie in düsterem Schweigen versunken am Fenster stehen, kaum den umflorten Blick nach ihm wendend, als er eintrat. Schon wollte er die Türe wieder hinter sich zuziehen, als sie ihn anrief.

»Bleiben Sie,« sagte sie, und in ihrer Stimme lag eine weiche Bitte, »bleiben Sie und helfen Sie mir, Gespenster zu bannen.«

»Leiden Sie auch unter Gespenstern?« frug er.

»Gespenstern der Vergangenheit – ja! Wer litte nicht unter ihnen?!« entgegnete sie. »Dort drüben –« und sie wies zum jenseitigen Ufer des Arno, »sprang einer ins Wasser um meinetwillen.« Dann schwieg sie, die dunklen Augen starr ins Weite gerichtet und ließ es geschehen, daß Konrad ihre schlaff herabhängende Rechte leise zwischen seine Hände nahm. »Vittorio Tendo«, fuhr sie schließlich fort, als spräche sie ins Leere, »war mein Spielkamerad und ich sein erstes Modell, dessen Kopf er überall hinzeichnete – auf die Fliesen im Hof, auf die Mauer der Straße, auf jeden Fetzen Papier. Er war es aber auch, der mich die Schönheit meiner Vaterstadt sehen lehrte, der mir zeigte, mit Stift und Farbe wiederzugeben, was ich sah.« Ihre Stimme wurde leise, die Lider senkten sich über die Pupillen, als schaue sie nun ganz in sich hinein. »Er liebte mich. Und ich – ließ es mir gefallen. Ich spielte. Nicht mit ihm, aber mit meinem eigenen Gefühl. Denn mich erfüllte zu jener Zeit verzehrende Sehnsucht, unnennbar, ohne Gegenstand, ohne Ziel. Als Vittorios Leidenschaft ihn zu stürmischen Bekenntnissen hinriß, empfand ich sie wohlig wie einen Mantel von rotem Samt auf meinem Körper. Doch als er dann meiner begehrte, warf ich dem Handwerkerssohn meine ganze Entrüstung ins Gesicht. Er sprang in den Arno.« Sie seufzte tief auf, ein müdes Lächeln umspielte flüchtig ihre Lippen. »Carlo würde nun spottend erzählen, daß dieser ›Selbstmordversuch‹ am hellen Tage an der Uffiziengalerie vor sich ging, und einer der kleinen Dampfer gerade unten an der Treppe hielt, als das Wasser über seinem Kopfe zusammenschlug. Die Rettung war nicht schwer; vielleicht selbstverständlich. Trotzdem: ich war aufs tiefste erschüttert. Viel mehr über das grausame wilde Tier, das ich plötzlich in mir entdeckt hatte, als über Vittorios Tat. Ich haßte ihn – haßte ihn leidenschaftlich, denn er hatte mich lächerlich gemacht, und wünschte doch nichts mehr, als ihm dienen zu können wie eine Magd, um seiner großen Liebe willen. Ein gut Teil meines kleinen mütterlichen Erbteils gab ich hin, um ihm die Reise ins Ausland zu ermöglichen – nicht aus Großmut, nicht weil ich ihn als Künstler fördern wollte, wie man rührend von mir erzählte, sondern weil ich seine Gegenwart nicht ertrug.«

Sie strich sich mit beiden Händen die vollen Scheitel aus der Stirn und sah Konrad mit einem Blick, der zugleich flehte und forschte, ins Gesicht: »Verstehen Sie das?«

»Wir haben Untiefen in uns,« antwortete er langsam, »die unser lebendiges Selbst zu verschlingen drohen, wenn –«

»Wenn?!« wiederholte sie; ihre Augen saugten sich förmlich fest an ihm.

»Wenn –,« fuhr er fort, »wir nicht den großen Lebensinhalt finden, der alle Untiefen ausfüllt.«

»Oder die große Sehnsucht,« unterbrach sie ihn lebhaft, »die uns auf weiten Flügeln über sie hinwegträgt.«

Von da an erlaubte sie, was sie ihm bisher verwehrt hatte, daß Konrad ihr Zimmer täglich mit frischen Blumen füllte. »In unsrer materialistischen Zeit,« erklärte sie ihr Verhalten, »mißt man den Wert einer Gabe an ihrem Preis. Ich habe das nie verstanden. Ich würde kostbare Edelsteine von einem Fremden eher annehmen als Blumen.«

Jetzt begannen die Rosen zu blühen. Ganze Stämmchen, übersät mit roten und gelben Knospen, blühten um ihren Stuhl, nickten ihr zu Häupten über dem Diwan. Die Madonnen mit ihren lieblichen Knaben wurden zu lauter Madonnen im Rosenhag.

»Wie das Mutterproblem Sie beschäftigt,« sagte er, als er an einem regnerischen Nachmittag bei ihr saß und ein Skizzenbuch durchblätterte, das das Bild der Mutter aus allen Klassen des Volks stets variierte. Lange und forschend lag ihr jetzt ganz umschattetes Auge auf ihm.

»Auch ich bin einmal Mutter gewesen,« kam es dann wie ein zitternder Hauch von ihren erblaßten Lippen.

»O!« rief er betroffen, ihre Hand zwischen die seinen pressend; »ich wußte nicht! Verzeihen Sie, daß ich so Wehes berührte.«

Mit einem matten Lächeln erwiderte sie seinen Blick.

»Ich habe nichts zu verzeihen,« sagte sie, »ich habe Ihre Bemerkung fast provoziert. Und es ist gut, wenn ich einmal auch davon rede.« Sie senkte den Kopf tief auf die Brust – »in meinem Leibe starb mein Kind!«

Ohne noch ein Wort miteinander zu wechseln, erwarteten sie zusammen das letzte Dämmern des Abends.

Dann stand er auf.

»Norina!« sagte er ganz leise. Es war ihr, als lege eine zarte Hand einen sehr weichen Verband auf eine offene Wunde.

* * *

In den nächsten Tagen schien sie krampfhaft jede Anknüpfung an ihr Geständnis unmöglich machen zu wollen. Mit fieberhaftem Eifer betrieb sie ihre Wanderungen und vermied es dabei, irgend etwas zu berühren, das eine Erinnerung daran hervorrufen könnte. Erst als ihr deutlich wurde, daß er sie dann unterstützte, kehrte ihre schöne Ruhe voll zurück. »Heute«, rief sie ihm entgegen, als er an einem klaren Maimorgen ins Zimmer trat, »heute wollen wir nach San Lorenzo.«

Ein kaltes, blasses Licht herrschte in der Mediceerkapelle, als sie eintraten. Unwillkürlich überkam sie beide, die wohltuende Wärme hinter sich ließen, gleichzeitig ein Kälteschauer.

»Alle Höhen sind eisig,« meinte er. Die Erinnerung an die Totenfahrt über die Berge packte ihn wieder.

»Darum verstehen wir sie so schwer, die wir alle in der Tiefe wohnen,« ergänzte sie. Sie traten vor Lorenzos Grabmal.

»Hier, sagten Sie einmal, seien die Rätsel des Lebens verborgen?« frug er.

Sie nickte nur, die Augen groß auf den ruhenden Giganten geheftet, der mit dem weiten Blick in die Ewigkeit selbst zu schauen scheint, während der Mund wie in einer Maske verschlossen liegt.

»Und Sie – ahnen die Lösung?«

Sie schüttelte heftig den Kopf und schaute zu der Gefährtin des Giganten auf der anderen Seite des Sarkophags empor, die mit tief gesenktem Haupt, so daß das Antlitz ganz im Schatten liegt, vom Schlummer umfangen ist.

»Ich sehe nur, daß jene dort,« sagte sie leise, »die sie die Nacht nennen, die vollen Brüste der Säugenden hat, und daß ihr wunderbarer Körper die Zeichen vieler Mutterwehen trägt; und ihr tiefer, tiefer Schlaf voll der unergründlichen Geheimnisse der Fruchtbarkeit ist. Alles, alles Leben, glaub' ich, kommt aus der Tiefe des Schlafs, des Nichtwissens. ›Pero non mi destar, deh! parla basso‹, würde sie sagen, wie ihr Meister, wenn einer sie wecken könnte. Und ich sehe, daß jener dort, ihr zur Seite, unter dessen Simsonfäusten dieses Heiligtum einstürzen müßte, erhöbe er sich, von aller Erkenntnis gesättigt ist und nicht sagen kann, was er sieht.«

Schwatzende Menschen kamen, darunter ein Bebrillter, der zu dozieren begann. Norinas Finger, die fieberhaft glühten, umfaßten Konrads Hand und zogen ihn hinaus.

»So bliebe alles Letzte, alles, wonach unsere heißeste Sehnsucht strebt, Geheimnis?« sagte er, als sie draußen im engen Gange standen. Sie sah ihn an und erstaunte, wie bei der Frage seine Züge erschlafften.

Und sie entgegnete langsam:

»Ich weiß nichts von philosophischen Systemen, ich kenne keine andere Religion als die meine, mein Denken ist nur ein Fühlen, und so fühle ich auch nur, daß die Tiefe des Geheimnisses gerade seine Schönheit ist. Nur in Bildern und Symbolen nähern wir uns ihm. Das ›Warum‹ war für Michelangelo eine dürre, durch dichte Finsternis tastende Gestalt, mit vielen Schlüsseln am Gürtel, von denen keiner in das Schloß paßt.«

Sie gingen die breite Treppe hinab in die Krypta von San Lorenzo.

Eine ungeheure, gedrungene Säule erhebt sich in ihrer Mitte, atlashaft.

»Cosimo der Alte liegt hier begraben,« erklärte Norina, »der Vater des Vaterlandes.«

»Der Vater des Vaterlandes –,« wiederholte Konrad gedankenvoll.

»Er wollte kein anderes Grabmal,« sagte sie.

»Aus ihm wuchs der florentinische Staat empor, er trug ihn, Schöpfer und Diener zugleich,« sprach Konrad wie zu sich selber redend weiter; »er ist nur noch Asche in seiner Gruft, aber die Säule steht. Der Staat zerstäubte, aber sein Geist erfüllt eine Welt.«

Als sie an diesem Tage nach Hause kamen, lag ein so heller Glanz auf ihren Gesichtern, daß die Dienstboten im Souterrain kichernd die Köpfe zusammensteckten und der alte Graf sich befriedigt die Hände rieb.

Giovanni aber schlich Norina nach und pochte an ihrem Zimmer. Da stand er lange vor ihr, verlegen stotternd, mit einem flehenden Blick, den er auf ihre Züge heftete. Es bedurfte eines langen freundlichen Zuredens, ehe er ein paar zusammenhanglose Worte über die Lippen brachte.

»Schon einmal blutete Giovanni für Monna Lavinia,« sagte er und verstummte minutenlang wieder.

Plötzlich warf er sich, ihre Knie leidenschaftlich umklammernd, ihr zu Füßen und schrie: »Die Wolken streichen kalt um den Turm von Hochseß, und graue Fledermäuse flattern statt der Vögel, – die Fräuleins aber haben den bösen Blick –-«

Es durchlief sie ein Zittern. »Sie können bei uns bleiben, Giovanni,« sagte sie, sich sanft aus seiner Umklammerung lösend.

»Sie – ›Sie‹ sagt Monna Lavinia zu dem Seiltänzer – ›Sie‹?!« Er erhob sich, sah Norina groß an, machte eine linkische Verbeugung und bat mit ganz veränderter ruhiger Stimme: »Verzeihung, Frau Marchesa!« Dann ging er.

Am Nachmittag kehrte Carlo Savelli zurück, schon von weitem durch seinen lachenden Mund verkündend, daß er seinem Ziele nahe sei.

»Maud und ich sind einig,« erzählte er glückstrahlend, »in den nächsten Tagen wird Mister Vanrosendahl erwartet, und dann –«

»Wirst du am Ziel deiner Wünsche sein,« unterbrach ihn Norina schroff, »und einen Schwiegervater haben, der deine Schulden bezahlt.«

Carlos Augen blitzten. »Und unser Geschlecht vor dem Untergange retten,« entgegnete er, »das solltest du, die Stolze, nicht vergessen.«

»Lieber untergehen, als sich mit solchem Blute mischen,« rief sie heftig.

»Aber Frau Marchesa,« mischte sich Konrad begütigend ein, doch sie ließ ihn nicht weitersprechen.

»Haben Sie vielleicht schon gesehen, was aus solchen Ehen entsteht?« brauste sie auf. »Das Bauern- und Proletarier- und Protzenblut triumphiert über das unsere! Die Kinder sind keine Italiener mehr, sondern Amerikaner. Und wenn sie es vielleicht im Aussehen nicht sind, so in den Lebensgewohnheiten, in der Gesinnung –«

Sie ließ sich nicht beruhigen, am wenigsten dadurch, daß Konrad von der welthistorischen Notwendigkeit allmählicher Volkserneuerungen sprach.

»Sehen Sie sich um bei uns,« sagte sie. »Wert hat allmählich nur noch, was sich kaufen läßt. Das erzieht unser ritterliches Volk zu Betrügern. Der Bauer lernte schon, sein armseliges Haus als einstige Mediceervilla anzupreisen, weil es dann teurer bezahlt wird, und jeder kleine Graf stammt mindestens von den Gonzagas ab, – das bringt ihm eine um ein paar Millionen schwerere Miß ein.«

»Sie sind sehr hart,« meinte Konrad, er stimmte ihr innerlich zu, glaubte aber die Erregte beruhigen zu müssen.

»So hart, wie nur die tiefste Liebe machen kann,« entgegnete sie leise, um dann in steigender Leidenschaft fortzufahren: »Das sind noch verhältnismäßig kleine Fehler. Aber die Korruption des Amerikanismus – ich habe keine andere Bezeichnung für den Geist, der umgeht – greift um sich verderblicher als der schwarze Tod. Nicht nur die Campagna versumpft, zu einem Ödland wird der ganze Süden, denn der Edelmann jagt in der Stadt nach der guten Partie, und hat er sie erobert, so verlangt die fremde Frau, für die dieses Land nichts ist als ein Tummelplatz ihrer Vergnügungssucht, nur nach weiteren Amüsements; und den Bauer zieht's in die Fabrik, wo er mehr verdient und die Kneipe näher hat, als auf der harten, schwarzen Scholle. So tauscht man gegen die ekelhafte, durch Millionen schmutziger Hände gegangene Münze die Liebe zum Vaterlande ein und schließlich auch – die Gesinnung.«

Sie verstummte. »Und die Rettung?« frug Konrad.

»Vielleicht ein großes Unglück – etwas, das sich zwischen uns und der Fremde aufrichten müßte wie eine unübersteigliche Mauer, damit wir einmal ganz auf uns selber angewiesen sind,« sagte sie. Beide schwiegen gesenkten Hauptes. Dann sah sie auf mit einem weichen Lächeln. »Ich bin kein Politiker, kein Nationalökonom,« sagte sie mit einem bittenden Tonfall, als müsse sie sich entschuldigen, »nur eine Frau!« »Nur eine Frau!« wiederholte Konrad und zog ihre Hand ehrerbietig an die Lippen.

Die Verlobung fand statt; mit lautem Spektakel, – »wie das Narrenvorspiel zu einer Tragödie,« flüsterte Norina Konrad zu.

Des alten Vanrosendahls wuchtige Schritte klangen das erstemal auf den Steinstufen des Palazzos. Er kam nicht mit der verlegenen Scheu des Nichtdazugehörigen, noch mit der Ehrerbietung des Emporkömmlings gegenüber dem alten Adel, sondern mit der Selbstverständlichkeit des Eroberers. Die kurze Gestalt, der Stiernacken, die niedrige Stirn, die breiten Hände mit den abgehackten Fingerkuppen, – alles deutete auf den Mann der harten Arbeit. Jede Sentimentalität lag ihm fern und ebenso seiner Tochter. Kein Tag verging ohne lärmende Feste im Hotel, im Palazzo, bei den künftigen Verwandten; in der Zwischenzeit bestimmten Vater und Tochter kühl und geschäftsmäßig über die Räume des alten Hauses, ihren Umbau, ihre Einrichtung, als wären sie kraft des Geldes, das sie hineinsteckten, auch seine rechtmäßigen Besitzer. Es gehörte für Norina alle Verstellung und Selbstüberwindung dazu, um die Situation ertragen zu können. Immer häufiger und länger zog sie sich in ihre Räume zurück.

Konrad fand sie einmal gegen ihre sonstige Gewohnheit untätig im Sessel zurückgelehnt mit rot umränderten Augen.

»Sie haben geweint, Norina,« sagte er erschüttert.

Müde neigte sie den Kopf.

»Ich gebe mein Leben darum, Ihnen helfen zu können –«, seine Stimme bebte in unterdrückter Leidenschaft.

Sie schien ihn zu überhören, denn sie sprang auf, ging zum Fenster und umfaßte mit einem langen Blick das Bild, das sich ihr bot: unter ihr der grüne Fluß, der in feierlicher Ruhe vom Ponte alle Grazie hinüberströmte zum Ponte Vecchio mit seinen phantastischen Häuschen, aus denen bis in die tiefe Nacht die vielen über fleißigen Goldarbeiterhänden glühenden Lämpchen leuchteten, und drüben die im Sommersonnenglanz flimmernde Silhouette der Stadt, mit dem schlanken Glockenturm von Santa Croce, dem zinnengekrönten des Palazzo Vecchio, den offenen Arkaden der Uffizien. Darüber die Wölbung des Himmels, tiefblau und doch durchscheinend, als müsse sich der ganze Weltenraum mit dem Auge durchdringen lassen.

Es war wie ein Abschied.

Aufschluchzend sank sie in den Stuhl zurück.

»Ich ertrag es nicht, ertrag es nicht,« flüsterte sie zwischen den Zähnen, während ihre Hände krampfhaft an dem weißen Tüchlein zerrten, das naß von ihren Tränen war. »Sie treiben mich heraus! Wo bleibt mir noch eine Heimat?!«

Konrads Herz klopfte zum Zerspringen, er beugte sich über sie, denn er hätte laut nicht zu sprechen vermocht:

»Ich – ich wüßte eine Heimat für Sie, Norina!«

Ihre Tränen versiegten im Augenblick; sie richtete das bis in die Lippen erblaßte Antlitz zu ihm auf, ein: »O, nicht doch – nicht doch!« mühsam hervorstoßend. Ihre Augen waren ganz erfüllt von Angst.

Da zog er die Türe leise hinter sich zu und ging in sein Zimmer. Sein Zimmer?! dachte er bitter. Schon hatte Miß Maud die Möbel dafür gewählt. Ihr Schlafzimmer sollte es werden. Das neue Geschlecht der Savellis, blauäugig, mit derben Knochen, würde darin das Licht florentinischen Himmels erblicken.

Die ganze öde Kahlheit des Raumes legte sich ihm erkältend aufs Herz. Dort stand sein Koffer – ob es nicht das beste wäre, gleich zu gehen?

Hochseß erwartete die leitende Hand des Herrn.

Ihm grauste, wenn er an das Schloß seiner Väter dachte, wo niemand ihn empfangen würde als die grauen Fräuleins.

Und er konnte nicht fort – konnte nicht! Zu tief hatten Herz und Geist hier Wurzel geschlagen.

Er mußte sie mit sich nehmen können, – auf diesen beiden starken Armen! Sie unlöslich mit sich verbinden: Fiorenza – Norina! Sie zur Mutter seiner Kinder machen: eines neuen Geschlechts der Hochseß, durchglüht von dem ewigen Lichte dieser Stadt.

Ihre Abwehr war keine Ablehnung, nur Überraschung gewesen! Ihre Angst nur ein Erschrecken! Vielleicht auch ein Erschrecken darüber, daß die neue Heimat, die er ihr bot, mit einer Trennung von der alten gleichbedeutend war.

Er lag die ganze Nacht wach, grübelnd, rechnend, bis er gegen Morgen mit einem Lächeln auf den Lippen einschlief.

Sein Entschluß war gefaßt: Sie sollte die Heimat nicht verlieren.

Er ging früh aus, ohne zu sagen, wohin, und erzählte bei Tisch, als wäre es die gleichgültigste Sache der Welt, daß er soeben den Palazzo Ritorni gekauft habe. Erstaunt ließ der alte Graf Messer und Gabel sinken, groß und dunkel ruhten Norinas Augen auf ihm, die kleine Maud dagegen, die eine Trennung von ihrem Carlo immer weniger aushielt und regelmäßig zum ›Lunch‹ aus dem Hotel herübergelaufen kam, hörte nicht auf, zu lachen und zu kichern.

»Ich bin nun doch einmal zur Hälfte Florentiner,« sagte Konrad ruhig, »und brauche darum eigenen Boden unter den Füßen.«

Man besprach die Angelegenheit mit größtem Eifer. Nur Norina beteiligte sich nicht an der Unterhaltung.

»Wir wollten morgen nach Montebuoni, Frau Marchesa,« redete Konrad sie an, als sie sich nach Tisch in der dunkelsten Ecke des roten Saales niedergelassen hatte.

Sie überhörte seine Bemerkung. »Wie wird der alte Ritorni dieses letzte Opfer ertragen?« frug sie, ganz in der Haltung einer Dame, einem völlig Fremden gegenüber.

»Jedenfalls besser, als wenn er seinen Palazzo morgen den Gläubigern hätte überlassen müssen,« entgegnete Konrad verletzt und wandte sich ab.

Sie sprachen an diesem Tage nicht mehr miteinander. Erst am Abend – Konrad wollte sich mit einer gemessenen Verbeugung eben verabschieden – streckte sie ihm die Hand entgegen und sagte mit offenem Blick: »Nicht wahr, wir gehen morgen nach Montebuoni?«

Statt aller Antwort drückte er einen langen Kuß auf ihre schmale Rechte und fühlte dabei, wie ihre Pulse klopften.


Es war die zweite Nacht, in der Konrad nicht schlief. Er meinte sogar, noch nie so wach gewesen zu sein, denn Tageshelle lag auf dem Wege vor ihm.

Immer wieder sah er nach den Sternen, ob auch keine Wolke sie verdeckte, und als der Morgen zu grauen begann, fürchtete er stets aufs neue, an der Bläue des Himmels zweifeln zu müssen. Und dann, als der erste Sonnenstrahl bis hinab in die dunkle Tiefe der Straße sprang, konnte er das Wunder kaum fassen. Über Nacht, so schien es ihm, hatte sich auch der Garten drüben verwandelt; das Weiß runder Schneeballen wetteiferte mit dem fließenden Gelb des Goldregens, und üppig blühende Zweige dunkelroter Rosen fielen furchtlos über die schwarze Mauer.

Er rief Giovanni. »Wenn wir fort sind, – die Frau Marchesa und ich,« sagte er, »so besorge so viel an Rosen, als du bekommen kannst, mein guter Alter. Ihr Zimmer soll eine Laube sein, wenn sie heimkehrt.«

»So viel der alte Giovanni bekommen kann?« wiederholte der, als hätte er nicht recht verstanden. »Sieben Rosen fand ich, nur sieben Rosen, – schneeweiße. Die legt' ich Monna Lavinia in die gefalteten Hände. Jetzt gibt es keine mehr.«

Mitleidig streichelte ihm Konrad den armen Kopf. »Er hat heute seinen wirren Tag,« dachte er und ging selbst noch rasch zum Blumenhändler.

Am frühen Nachmittag – die Luft bebte von der Glut, die sie erfüllte – fuhren sie fort. Sie kamen an der Certosa vorüber, wo die weißen Mönche in ihren Zellen wohnen, aus Erkerfenstern die strahlende Ferne betrachten und zwischen Mauern ihr eigenes kleines Gärtchen bestellen oder unter schattenden Kreuzgängen hin und wieder wandernd, schweigsam meditieren.

»Warum es für die Mönchszeiten des Lebens, die jeder hat oder haben sollte, nicht überall solche Zufluchtsstätten gibt?« sagte Konrad.

Norina lächelte ihn an: »Nicht wahr?! Wie oft schon dachte ich's! Für schwangere Frauen baut man schon stille Heime, wo sie ihr größtes Erlebnis in Ruhe erwarten können; warum baut man keine für Männer, deren Geist großer Gedanken und Werke schwanger ist?«

»Wir –,« er stockte, dunkel errötend und verbesserte sich rasch: »Ich könnte in Hochseß einen kleinen Versuch der Art machen.«

»Und«, fuhr sie fort, freudestrahlend, »im Palazzo Ritorni, wenn Sie fern sind!«

»Wir haben so oft Gedanken, die einander ergänzen,« meinte er, seine Hand ganz leise auf die ihre legend, die sie ihm nicht entzog.

»Als wären wir eines Geistes,« sagte sie träumerisch.

In Tavernuzzo, da, wo zwei Wege sich teilen – die breite, alte Römerstraße, die um den Monte del Diavola rechts herumführt, und der steile Steig, der geradeaus den Berg emporklimmt – verließen sie den Wagen.

»Dort müssen wir hinauf,« sagte sie. »Wie gern und wie gut die Vorfahren steigen konnten!«

»Ohne das langsame bequeme Zickzack – immer gerade drauf los!« antwortete er fröhlich, ihr den Arm reichend.

»Eine deutsche Frau würde wohl Ihre Hilfe nicht annehmen?« frug sie, den Schritt in rhythmischer Bewegung dem seinen anpassend. »Ich sah einmal eine Deutsche, die mit der stolzen Bemerkung ›selbst ist das Weib‹ ihren Mantel einen solchen Berg in die Höhe schleppte. Der Italiener neben ihr schämte sich.«

Dann schwiegen sie. Denn heiß stand die Sonne über ihnen. An den Mauern zu beiden Seiten des Weges liefen, glänzend wie Smaragden, grüne Eidechsen; die Blätter der Olivenbäume dahinter waren fast weiß im Licht und standen ganz still in der Luft, als ob ihre Glut sie trüge.

»Montebuoni,« sagte Norina, Atem schöpfend, als sie droben zwischen den eng aneinander gerückten Häusern standen. Sie bogen rechts ein paar Schritte höher, zur Kirche. »Hier«, fuhr sie fort, »soll die Burg gestanden haben.«

Sie setzten sich auf die niedrige Estrade; aus dem Tale empor leuchtete Florenz.

»Dort unten liegt sie wieder, die schöne Frau, und badet sich in der Sonne; – die Zauberin, die meine rauhen Vorfahren glaubten erobern zu können, und die sie schließlich zu sich hinabzog,« sagte Konrad.

»Sie kennen die Geschichte?« frug Norina.

»So recht nicht,« meinte er. Und sie begann im Ton der alten Chronik:

»Im Jahre des Herrn 1135 stand hier die starke Feste von Montabuoni, den Cattani von Buondelmonti zugehörig, seit Urzeiten Herren des Landes, da die Burg unüberwindlich war und die große Straße der Römer an ihr vorüberführte. Die Florentiner aber, die unten am Flusse wohnten, wollten nicht länger die kriegerischen Nachbarn auf dem Berge dulden. Also sammelten sie viel wildes Kriegsvolk, stürmten die Festung, zerstörten ihre Mauern bis auf den Grund und zwangen die Ritter Cattani von Buondelmonti, zwischen den Bürgern zu wohnen. Sie taten desgleichen mit den anderen Bergfesten ringsumher, und die Gemeine von Florenz wuchs durch Gewalt. Aber der Tag war nicht ferne, wo sie für ihre Tat blutig zahlen mußte. Im Jahre des Herrn 1215 ritt Messer Buondelmonti, ein Nachkomme jenes Besiegten, auf weißem Zelter, angetan in silbergestickte Seide, aus seinem Palazzo, um eine Edle aus dem Hause Donati zu freien. Am Ponte Vecchio aber, da, wo die Statue des Kriegsgottes stand, die ein Heiligtum der heidnischen Florentiner gewesen war, überfielen ihn die Uberti, die Amedei und Gangalandi, denn er hatte eine ihres Geschlechts verführt. Sie rissen ihn vom Roß, daß sein Festgewand voll des Kotes wurde, und erstachen den Wehrlosen mit vielen Dolchen. Die Edlen und die Bürger aber, die den Buondelmonti verwandt, befreundet und untertan waren, rächten mit neuen Mordtaten seinen Tod. Also entstand um eines Weibes willen, wie weiland der Trojanische Krieg, der Kampf der Guelfen und Ghibellinen, und ein Meer von Blut überschwemmte die gute Stadt von Florenz.«

Konrad hatte die Augen geschlossen, während Norina erzählte. »Ich wußte das alles,« flüsterte er, als sie schwieg; »es lebte in mir wie mein Blut – oder ich hörte es, als meine Seele noch schlief. Alles um ein Weib!«

Er sah Norina an, wie sie dasaß, den großen, dunklen Blick suchend in die Ferne gerichtet, die vollen Lippen zusammengepreßt, die hohe Stirne ganz glatt und glänzend in der Sonne – so nah und so fern, so begehrt und so gefürchtet.

»Alles um das Weib,« wiederholte er noch einmal.

Sie gingen durch das Dorf in den jenseitigen schmalen Taleinschnitt hinab, durch den fröhlich plätschernd, wie ein schwatzendes Kind, die Greve fließt. Ein schwerer Duft von Akazien schlug ihnen entgegen.

Über die Steinbrücke, die zu wuchtig für das Flüßchen schien, führte der Weg. Eine einsame Mühle, in der das Rad stille stand, lag am anderen Ufer. Auf der kleinen Wiese davor tummelten sich Kinder zwischen rosigen Schweinchen, und drüben, wo der Fußpfad zwischen Akazien und schwarzen Piniendächern weiterführte, kletterte eine Herde blökender Schafe den Berg hinauf. Es war, als gäbe es keine Stadt weit und breit, sondern nur friedliche Wildnis.

Blumen in allen Farben blühten auf dem Rasenhang, um sie tanzten und buhlten hunderte bunter Schmetterlinge, ihre geflügelten Ebenbilder. Konrad griff nach einer großen weißen Calla, die wie erstaunt aus dem saftigen Gräsergrün in das Gewirr der Zweige emporsah.

»Lassen Sie,« wehrte Norina, »mir ist, als wären sie alle beseelt.«

Als sie die Höhe erreichten, zeigte sich plötzlich ihnen zur Seite ein Berghang, übersät von blühenden Ginsterbüschen. Die Sonne stand darauf und wandelte alles in funkelndes Gold, während der Himmel dahinter sich veilchenblau wölbte.

In stummem Staunen standen die beiden Wandernden. Dann sanken sie wortlos in das weiche Gras. Sie waren wie verzaubert. Bis drüben der Glanz erlosch.

Dann erwachten sie. Und kletterten, die Straße suchend – denn das Sinken der Sonne erinnerte an den Heimweg – gerade hinauf, wobei Konrad jeden Stein dankbar grüßte, weil er ihm den Vorwand bot, Norinas Hand zu umfassen.

»Wir sollten uns stärken vor dem Heimweg,« meinte er, sobald sie die Straße erreicht hatten.

»Stärken? Wo?« lachte sie. »Glauben Sie, hier gäbe es alle hundert Schritte ein Wirtshaus?! Da müssen wir schon bis nach Tavernuzze zurück!«

Er sah sich um. Jenseits, auf der höchsten Höhe, entdeckte er Mauerwerk zwischen Weinspalieren. Und die Kinder, die unten am Wasser mit den rosigen Schweinchen gespielt hatten, kamen die Straße herauf und bogen um die Mauer in der Richtung auf jenes versteckte Haus.

»Habt ihr da droben zu trinken?« sprach Konrad die kleinen Burschen an. Sie lachten lustig aus braunen Schelmenaugen. »Wir haben Wein, sehr guten Wein,« meinte der älteste stolz und winkte dazu mit den schmutzigen Händchen.

Konrad und Norina folgten ihm. Sie kamen an ein Haus mit gewölbter, auf mächtigen Pfeilern ruhender Loggia. In schweren, dichten Trauben umspannten üppige Girlanden blauer Glyzinen ihre Bogen; auf der einen Seite füllte sie hochgetürmt duftendes Heu, um das ein ganzes Hühnervolk gackerte, auf der anderen saß auf geflochtenem Strohstuhl eine sehr alte, weißhaarige Frau mit einem kleinen, nackten Kinde auf dem Schoße. Als unsere Wandernden, von den Knaben angekündigt, sich näherten, traten aus der Türe im Hintergrund ein paar hochgewachsene Weiber, aus dem Garten liefen noch andere Kinder herzu, und langsam, mit arbeitsmüdem Schritt, kamen die Männer aus dem Stall und von der Wiese. Einer, der letzte, ein dunkel gebräunter Geselle, trug über den breiten Schultern schwere Kupferkessel. Er hob sich im Schreiten in großer Silhouette vom Abendhimmel ab, der jetzt einem stillen, grünen Meere glich. Sie scharten sich, wie um ihres Lebens Mittelpunkt, um die Alte, die, während die anderen alle die Fremden grüßten, mit einer fast abweisenden Würde ihnen entgegensah.

Norina aber neigte sich vor ihr.

»Es soll Frauen geben,« sagte sie dann zu Konrad, »die höhnend davon reden, daß man sie zu einer ›Gebärmaschine‹ erniedrigen wolle. Was kann ein Weib mehr erhöhen, als am Ende ihres Lebens ihres ganzen Geschlechtes Mutter zu sein?!«

Sie streichelte den Kindern die braunen und schwarzen Köpfchen und sprach lächelnd mit den Frauen, während Konrad vom Bauer erfuhr, daß Wein und Öl, sieben Eier und ein Laib alten Brotes alles sei, was er im Hause habe. »Gern«, so sagte er freundlich, »steht es den Gästen zur Verfügung.«

Im Kamin loderte alsbald, von Holzblöcken genährt, ein mächtiges Feuer auf, am Kesselhaken darüber hing die Eisenpfanne, in der in brodelndem Öl Mehl und Eier zu köstlichen Kuchen brieten. Die roten und blauen Flammen erleuchteten den dunklen Raum, tauchten die vielen Gesichter, die sich um die am Tische sitzenden Fremden reihten, in ihre Glut. Schon lag ein reines Tuch über der geschwärzten Platte, als von draußen einer der Knaben hereinlief und einen Strauß duftender Rosen in ihre Mitte stellte. Dann trug der Bauer die große, strohumflochtene Flasche herzu, die Mädchen brachten Teller und ungefüge eiserne Gabeln und Messer, und schließlich setzte die Bäuerin stolz den dampfenden Kuchen vor ihre Gäste.

Die Flammen im Kamin sanken zusammen. In tiefem Violett, das nur die Sterne durchbrachen, sah der Himmel durch das einzige kleine Fenster.

Norina und Konrad hoben die Gläser, um ihren Gastgebern zuzutrinken.

Sie dankten freudig.

Dann aber füllte der Bauer noch einmal die Becher:

»Madonna segne den Schoß der Frau!« sagte er feierlich.

Und Konrad zog, als könnte es nicht anders sein, Norinas Kopf an seine Schulter und küßte sie auf die Stirn.

Als sie in die Loggia hinaustraten, saß die Greisin noch immer auf ihrem Sessel. Das Kind auf ihrem Schoße schlief.

Norina neigte sich abermals tief vor ihr. »Deinen Segen, Mutter,« bat sie.

Und die alte Frau hob ihre zitternde, von eines langen Lebens Arbeit rauh gewordene Rechte und legte sie auf den Scheitel der jungen.

Noch einen Blick auf das alte Haus, und sie gingen dem Tale zu. Die Nacht lag dunkel darin. Aber Miriaden Leuchtkäfer wetteiferten mit den funkelnden Sternen, um sie hell zu machen.

»Wein Weib!« flüsterte Konrad, ihre Lippen suchend. Nur ganz leise gaben sie den Druck der seinen zurück.

Als sie wieder durch die schmale Gasse von Montebuoni kamen und den Aufgang zur Kirche erreicht hatten, öffnete sich in dem Hause vor ihnen eine Tür. Chorknaben erschienen, vermummte Gestalten dann mit brennenden Kerzen in den Händen, – ein Zug, der kein Ende nahm; und schließlich: ein schwarzer Sarg. –

Norina erbebte. Konrad aber hatte den Arm fest um sie geschlungen.

»Mein Weib!« flüsterte er noch einmal. Da schmiegte sie sich an ihn, Schutz suchend.

Der Zug verschwand durch die Kirchenpforte. Ihr Weg war wieder frei.

Aber noch lange tönten die Totenlitaneien ihnen nach.

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